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Full text of "Zeitschrift für Volkskunde"

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ZEITSCHRIFT 

des 

Vereins für Volkskunde. 



^ 



Neue Folge der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprackwisse}ischa ft 
begründet von M. Lazarus und H. Steinthal. 



Im Auftrage des Vereins 

herausgeffeben 



Karl Weinliold. 



Siebenter Jalirgang. 




M' 






1897. 



Mit vier Tafeln und laehrei-en Abbilduiif'cn im Text. 



BERLIN. 
Verlag von A. As her & Co. 



/ 

Zu 



Inhalt. 
Abhandlungen. 



Seite 
Eine Gewitteranschauung Jeau Pauls mit allerbaud mythischen Analogien. Von 

Wilh. Schwai-tz 1 

Herde und Ofen in den Bauemhäusern des ethnographischen Dorfes der Milleninms- 

ausstellung in Budapest. Von J. R. Bunker IT 

Die Bauernhochzeiten in der Lünebmger Heide. Von Ed. Kück 31 

Zwieselbäume nehst verwandtem Aberglauben. Von H. F. Feilberg 42 

Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und Umgegend. Von K. E. Haase 53. 162. 287. 405 

Zur Volkskunde aus Anhalt. Von Osk. Härtung ... * 74. 147 

Der Schwank vom Esel als Büagermeister bei Th. Mnrner. Von Joh. Bolte . . . 93 

Glockeusagen und Glockeuaberglaube. Von P. Sartori 113. 270. 353 

Sagen aus dem Boldecker und Knesebecker Lande. Von R. Andre e 130 

Lieder, Neckreirae, Spiele aus der Kinderwelt Von R. Fr. Kaindl. . . 136. 296. 422 

Tod und Bestattung des armen Sperlingsweibchens. Ein Märchen. Von K. Klemm 155 

Zu dem Härchen vom Sperlingsweibchen. Von K. AVcinhold 159 

.Mein Bruder freit um mich.- Mythologischer Versuch. Von A. ^Vinter 172 

Hesenwcsen und Aberglaube in Steiermark. Von Fr. Ilwof 184. 244 

Rätsel aus Paznauu. Von Chr. Hauser 197 

Sprüche und sprichwörtliche Redensarten aus Paznaun. Von Chr. Haus er . . . . 199 

Zum altdeutschen Bauwesen. Von Osw. Zingerle von Summersberg . . 202. 254 

Der Schimmelreiter und die weisse Frau. L Von Wilh. Schwartz 225 

Wer hat die Facedeu des Piovano Arlutto kompiliert? Von G. Amalfi. . . 261. 378 

Hexengeschichten aus Bayern. Von H. Raff 292 

Alte Sitten und Bräuche im Egerland. Von AI. John 303. 392 

Heanzische Schwanke, Sagen und Märchen. Von J. R. Bunker 307. 396 

Ostpreussische Volksgebränche. Von J. v. Modem 315 

Neuere Zeugnisse von altgernianischen Sitten. Vou B. M. Meyer 341 

Der Heilige Abend in einem üorfe Paznauns. Von Chr. Hauser 348 

Über doppelte deutsche Vornamen. Von K. Klemm 370 

Kranzwerbung. Von Joh. Bolte 382 

Zwei alte Gerichtstätten. Von K. Weinhold 404 

Von Glan- und Fui-t-Orten. Von Fr. Pichler : 412 

Der ^^'ildemännlestanz. Von K. Weinhold 427 

Ostfriesich-Plattdeutsches Rammerlicd 437 

Kleine Mitteilungen. 

Schäfergruss. Von J. Bolte 97. 210 

Zur Heilkraft gewisser Familien. Von K. Maurer 100. Von K. Weinhold . . . 212 

Volkstümliche Xamengebung. Von H. Schuko witz 101 

Jägermesse. Von Fr. Ilwof 101 

Lösen des Zungenbandes 101 

Schlesische Sagen. Von L. Weinhold ■ 101. 443 

Zu Zeitschi-. VI, 360. Von K. Krüger 104 

Vereine für Volkskunde 105. 212. 329 

Die drei Alten. Von J. Bolte 205. Von H. Gaidoz 327 

Der Schneider im Himmel. Von C. Dirksen 207 

Harzer Köhlerlied. Von R. Andree 208 

Ostfriesischer Schneckenspruch. Vou C. Dirksen 209 

Liedein aus dem Wippthal 210 



JV Inhalt. 

Seite 

Patenschcine. Von H. Schukowitz 210 

Zur Namengebung. Von K. Maurer 318 

Zum Schvfank von den lispelnden Schwestern. Von J. ßolto 320 

Geschichten aus dem Marchfolde. Von H. Schukowitz 321 

Blaue Kleidung der Hexen. Von Hoffmauu-Kray er 327 

Sagen aus dem Breisgau. Von 0. Heilig 328 

Pfingst- und Johannisfeuer im Breisgau. Von 0. Heilig 328 

.T. S. Grüners Werk über das Egerländcr Volk 329 

Die verweigerte Kuiebeugung. Von J. Goldziher 441 

Fruchtbarkeit im .\lter 447 

Bücheranzeigen. 

Lidbarzki, M., Die neuaramäischen Handschriften der K. Bibliothek in Berlin . . 105 

Hauffeu, Ad., Einführung iu die deutschböhmische Volk.'skuude 107 

Köhler, C. und J. Meier, Volkslieder von der Mosel und Saar. 1 108 

Zibrt, Gen., Rychtäiske Prävo 109 

Bericht des Vereins f. tirol. vorarlb. Heimatkunde 109 

Semon, R, Im austral. Busch und an den Küsten des Korallenmeeres 110 

Wossidlo, R., Mecklenburgische Volksüberlieferungen. 1 213 

Knoop, 0. und Haas, A., Blätter für Pommersche Volkskunde 214 

Eskuche, G., Siegerländische Kinderliedchen 214 

Beauquier, Gh., Blasen popul. de Franche-Comte 215 

Arfert, P., Das Motiv von der unterschobenen Braut 215 

Schumann, H., Die Kultur Pommerns 216 

Wandbilder der Völker Österreichs 216 

Schweizer Trachten. 1. Serie 219. 2. Serie 464 

Katalog der v. Lipperheidischen Sammlung 217 

Lutsch, H., Über das Bauernhaus 218 

Kaiudl, R. Fr., Haus und Hof bei Huzulen und Rusniaken 218 

V. Hellwald, Fr., Die Erde und ihre Völker 219. 455 

Mehemed Emin, Kultur imd Humanität 330 

Bols, J., Oude vlaanische Liederen 331 

Böhme, Fr. M., Deutsches Kinderlied und Kinderspiel 332 

Reiser, K, Sagen des .\llgäus 333 

Pitre, Gius., Indovinelli del popolo Siciliano 333 

Bower, H. M., Elevation and Procession of the Ceri al Gubbio 334 

Sapper, C, Das nördliche Mittelamerika 335 

Matthews, W., Navaho legends 336 

Prato, St., Schriften 337 

Tobler, L., Kleine Schriften zur Volks- und Spraclikunde 447 

Olrik, A., Folkeminder 448 

Renk, A., Im obersten Innthal 448 

Courthion, L., l.es veillees des Mayens 449 

Sebillot, P., Petite Legende doree 450 

Märchen aus Mallorca, von Erzherzog Ludwig Salvator und von .\lcover 451 

Becker, E., Walchensee und Jachenau 454 

Nagl, J. W., Deutsche Mundarten 454 

Auszüge aus den Sitzungs-Protokollen des Vereins für Volkskunde. Von Max 

Roediger 110. 219. 337. 455 

Register 459 



Eine Gewitteranschauimg Jean Pauls mit allerhand 
mythischen Analogien. 

Von Wilhelm Schwartz. 



Zufällig fand ich kürzlich in Jean Pauls „Siebeukäs" (Jean Pauls 
Sämtliche Werke. XII. Bd., S. ;S60, Berlin 1841) eine Gewitteranschauung, 
wie sie mir ähnlich noch nicht in der Litteratur vorgekommen ist, die 
aber durch ihre Eigentümlichkeit und allerhand Anknüpfungen, welche sie 
für gewisse mythische Vorstellungen liietet. ein besonderes Interesse in 
Anspruch nimmt. 

Jean Paul sagt nämlich: „Der gewitterhafte Dam])f- und Dunstkreis 
des Abends brütete allerhand Wünsche der Wehmut an: der Himmel 
war mit unreifen, zerstückten Gewitterflocken durchzogen, und am öst- 
lichen Horizont warf schon ein brausendes Gewitter seine ent- 
zündeten Pechkränze und seine vollen Wolken auf unbekannte 
Gegenden nieder." 

Was hier für die dichterische Phantasie nur ein Bild ist, wie es der 
unmittelbare Eindruck und die Stimmung des Augenblicks hervorruft, das 
fasste in mythenschaffender Zeit gläubige Anschauung als Realität auf, 
und wenn derartiges öfter sich wiederholte und damit einen typischen 
Charakter bekam, so erfuhr es in Sage oder Gebrauch einen entsprechenden 
Niederschlag, indem es bestimmte mythische Vorstellungen erzeugte. 

Zu den in einem starken Wetterleuchten am Horizont angeblich dahin- 
fliegenden feurigen Pechkvänzen stellt sich sofort in Parallele das 
sogenannte Scheibenschlagen, bei welchem brennende Scheiben hoch 
durch die Luft geschleudert werden, ein Gebrauch, der sich den uralten 
Feuerkulten anschliesst, die noch in reicher Fülle in den Fasten-, Oster- 
uud Joliannisfeuern in Deutschland fortleben, welche man zu den er- 
wähnten Zeiten des Abends auf den Höhen als weithin leuchtende Fanale 
anzuzünden pflegt. Haben dieselben gleich einst mit den christlich an- 
klingenden Namen auch zum Teil einen entsprechenden kirchlichen 
Charakter erhalten, so reicht ihr Ursprung doch weit in die heidnische Zeit 

Zritsclir. <l. Vereins f. VolkskiiiKle. 18'JT. 1 



2 Schwartz : 

zurück, indem man in denselben das nach langer Winternaclit in den 
Lenz-Wettern wieder dort oben frisch aufleuchtende Feuer froh begrüsste 
und die dabei angeblich stattfindenden Vorgänge als heilbringend 
jubelnd nachahmte. Weist doch auf diese Beziehung noch direkt die 
Tradition hin, wenn man in Süddeutschland verschiedentlich beim Anzünden 
des „Sonnwendfeuers" vom Anbrennen des „Himmelsfouers" redet') und 
den Gebrauch zur Frühlingszeit in Tirol als „Frühlingswecken" bezeichnet^), 
welches im sogen. „Lenzwecken" am Feste Petri Stuhlfeier (den 22. Febr.) 
sein Korrelat findet, indem die Buben dann, mit grossen Schellen und 
Kuhgloken angethan, seliellend und läutend unter gewaltigem Lärmen in 
den Dörfern von Hans zu Haus laufen, was man als ein „Einläuten des 
Lenzes" fasst"). 

Spiegeln so diese Gebräuche, wenn überall am Horizont auf den lifdien 
plötzlich Feuer aufleuchten, in einer gewissen Grossartigkeit den Ge- 
witterhimmel gleichsam in seiner Totalität wieder, so schliessen sich 
verschiedentlich accidentielle KuUusformen an, in denen man einzelne 
typisch an demselben angeblich hervortretende Vorgänge, wie man sie 
zu sehen glaubte, noch besonders nacliahmte. Dahin gehört neben dem 
erwähnten Scheibenschlagen „das Hinabrollen in Brand gesetzter Räder" von 
den Höhen in die Thäler. 

Ich habe in meinem Buche „Die poetischen Naturanschauungen der 
Griechen, Römer und Deutschen in ihrer Beziehung zur Mythologie. 
Berlin 1864 und 1879" *) von dem letzteren Gebrauch des ausführlicheren 
gehandelt und durch Analogien wahrscheinlich zu mächen gesucht, dass in 
demselben eine /ui.jU7]aig eines besonderen Gewittervorgangs vorliege, indem, 
wenn man (in den bergigen Gegenden namentlich West- und Süddeutsch- 
lands) an den erwähnten Zeiten mit Stroli umwundene und mit Pech 
getränkte Räder an den brennenden Holzstössen mit Fackeln anzündet 
und die Berge hinablaufen lässt, dies sich zu der verschiedentlich hervor- 
tretenden Vorstellung stellt, dass im Gewitter in den rollenden Donnern n. a. 
Räder die Wolkenberge hinabrollen und in den Blitzesstrahlen ihre 
feurigen Furchen ziehen, ähnlich wie Vergil Aen. VHI, 392 von solchem 
Blitze sagt corusco Ignea rima micans percurrit lumine nimbos und Plinius 
bist. nat. I, 43. dementsprechend von den igneis nubinm rimis redef*). 



1) s. z. B. Panzer, „Bayerische Sagen und Gebräuche.- Mihicheii 1855, II, 240. 

2) V. Alpenburg, Sagen Tirols. 1857, S. ^51. 

3) Nach dem Bericht Zingerles in Wolfs Zeitschr. f. dtsch. Myth. II, 1855. S. 360. — 
Dass der sogen. „Funkcutag" am ersten Sonntag in den Fasten, an den sich besonders 
das „Funken-" oder „Scheibouschlagen" in Schwaben knüpft, „ein Fest zu Ehren des an- 
brechenden Frühlings" sei, indem von dieser Zeit an sich Gewitter dort zeigen, bemerkt 
schon Birlinger, „Volkstümliches aus Schwaben", Freiburg i. Br. 18G2. 11, S. fi2. 

4) Bd. I, S. 98, vgl. II, 107. 

5) Über solch eine /li/itjaig bei vielen Gebräuchen s. Schwartz, Prähist. anthroii. 
Studien, Berlin 1884, 152 u. 341, sowie die Ztschr. d. Berl. anthrop. Gesellsch. v. J. 1885. S. ftHl». 



Kine riewitteranschauung Jean Pauls mit 'allerhand mythischen Analogien. 3 

Auch das allgemein in Süddeutscliland verbreitete erwähnte Scheiben- 
werfen. bei welchem mau gleichfalls mit Stroh umwickelte und mit Pech 
bedeckte Holzscheibeu anzündet und vermittelst eines Stockes, der durch 
ein Ijoch in der Mitte derselben gesteckt wordeu, in geschicktem Schwünge 
ilurch die Luft schleudert'), hatte ich schon damals als eine ähnliche 
/«'//(/mc wie bei den Rädern bezeichnet, konnte aber hierfür noch nicht ein 
paralleles Bild beibringen. 

J. Grimm und Kuhn dachten bei den betreffenden Gebräuchen be- 
sonders in Rücksicht auf die Peuerräder mehr an die Sonne in ilirer 
Rad- oder Scheibengestalt. Durch das bei Jean Paul jetzt aucli für 
das Werfen von brennenden Pechkränzen, bezw. Pechscheiben, im Gewitter 
aufgefundene Bild werde ich natürlich nur in meiner Ansicht bestärkt, 
dass die Gewittersceuerie der Ausgangspunkt für diese wie für die anderen 
analogen Formen des ganzen Feuerkultus gewesen sei, ein Moment, 
welches aucli nach anderer Seite hin bedeutsam wird°). 

Denn, wenn die Ausbildung der uralten, über ganz Europa ver- 
breiteten Fcuerkulte sich so in Deutschland in charakteristischer Weise 
speziell im Anschluss an die hier besonders hervortretenden Gewitter- 
zeiteu, nämlich „au den Frühling und den Hochsommer", entwickelt hat, 
so dürfte, wenn nun daneben auch bei der Feier der Sonnenwende des 
Winters eine Art von Feuerkult hindnrchbrieht, dieser in seiner hier 
beschränkteren Form erst als eine Übertragung auf diese Zeit bei 
einer an den Sonnenlauf sich allmählich anschliessenden kalendarischen 
Entwicklung des Jahres, anzusehen sein. Eine solche Übertragung machte 
sich um so natürlicher, als von einem solaren Standpunkt aus das Fest 
der Wintersonnenwende, die sogenannten „Zwölften" (das nordgermanische 
Julfest) mit den nach stets zunehmender Dunkelheit dann wieder länger 
werdenden Tagen als eine Wendung zu einer neuen, lichteren Zeit und 
damit auch als ein Lichtfest, ja als eine Art Vorfrühlingsfest angesehen 
ward, in welchem Sinne es sich auch je mehr nach Norden desto bedeut- 
samer entfaltet und bis auf den heutigen Tag in allerhand Gebräuchen 
in der Tradition erhalten hat, zumal es durch das auf dieselbe Zeit dann 
fallende Weihnachtsfest noch einen neuen, besonderen Halt im Volke 
empfing. 

Für eine solche Übertragung spricht auch noch ein anderes Moment. 
Wenn nämlich die Gewitterwesen der Wode, die Frick, Frau Harke, Holle 
u. s. w. auch zur Zeit der Zwölften auftreten, so könnte an sich dies aller- 



1) Eiue andere Art, die Scheiben zu schleudern, beschreibt Kuhn „Herabkunft des 
Feuers" 2, S. 46. „Die Scheibe wird, aufrecht gestellt, angezündet, dann unter derselben ein 
Hebel mit einem Stütziiunkt so angebracht, dass, wenn anf das andere Endo des Hebels 
ein Schlag geführt wird, die Scheibe hoch in die Luft springt und bei der Nacht einen 
Bogen mit schönen Figuren bildet." Die Sache wird wie ein vollständiger Sjjort betrieben. 

2) Dass mit der Zeit die Sonne in das Bild liineingezogen sei, leugne ich damit nicht_ 

1* 



4 Schwartz : 

dings zur Not eine Erklärung darin finden, dass sie ttberliaupt als 
Sturmeswesen mit zu der Zeit eine besondere Rolle zu spielen schienen'). 
Wenn aber die sich dabei an sie schliessenden Sagen wieder speziell einen 
entschiedenen Hinweis „auf das Gewitter" mit dem „feurigen" Charakter 
sowie dem Accidenz eines „mephitischen Geruchs" zeigen, den sie ihnen 
eventuell beilegen, — nämlich ursprünglich „des Schwefelgeruchs", der sich 
im Volksglauben, wie ich nachgewiesen habe, verschiedentlich an den ein- 
schlagenden Blitz knüpft, — so liegt hierin doch wieder ein neues An- 
zeichen, dass alles dies erst in einer von den ursprünglichen „natürlichen" 
Verhältnissen mehr gelösten Tradition zugleich mit den betreffenden Wesen 
gleichwie der ganze Peuerkult auf die gewitterlose Wintersonnenwendzeit 
überhaupt übertragen sei''). Man wird eben auch im Heidentum schon auf 
gewisse Entwickluugsphasen geführt, denen man Rechnung tragen muss°). 



Wenn ich nach dieser Abschweifung noch einmal zu den der Gewittcr- 
scenerie entlehnten Naturbildern von rollenden, feurigen Rädern uud ent- 



1) Noch heutzutage ghiubt man für iliese Zeit an eine Wandlung des Wetters. 
„Weihnachten", heisst es, „baut entweder eine Brücke (von Eis) oder, wenn es eine solche 
findet, bricht es dieselbe." 

2) Auf den erwähnten Kontrast der Mythen vom Wode u. s. w. mit der Winterzeit 
hat schon Wuttke in seinem „Deutschen Volksaberglauben", Berlin 18G9, S. 16 hingewiesen, 
freilich ohne ihn zu lösen, iudem er einerseits meine im ..Heutigen Volksglauben und das 
alte Heidentum", Berlin 1849, gegebenen Deutungen der betreffenden Sagen auf das Ge- 
witter vollständig aceeptiert, andererseits aber, da er beim Wode nur an die Zwölften 
denkt, den Zusatz macht: ..obgleich allerdings die Zeit der Wintersonnenwende keine Ge- 
witterzeit ist." Was aber den an die Zwölften ebenso wie an die Fastnachtzeit und nach 
allem zuerst an die letztere, als an die Frühlingszeit, sich anschliessenden Aberglauben 
betrifft, so hat Wuttke sich allerdings im Prinzip auch weiter meiner Deutung an- 
geschlossen, dass auch der Gestank, den im Volksglauben z. B. der Teufel zurücklasse, 
auf den Schwefelgeruch des Blitzes gehe, und auch Mannhardt hat der Erklärung analoger 
Züge in deutscher wie griechischer Sage in seinen ,Wald- und Feldkulten", Berlin 1877, S. 95 
zugestimmt. Da aber beide dasselbe Moment nicht in dem Aberglauben wiederfinden, wenn 
der Wode, Frau Holle u. s. w, bei ihrem Umzug das Gespinnst, welches sie vorfinden, mit 
ihrem Kot (ähnlich den Harpjien) besudeln, auch überhaupt diese derbere Form, welche der 
Schwefelgeruch in der volkstümlichen Auffassung annimmt, vielen nicht zu dem idealen 
Charakter zu passen scheint, den sie überall der Mythologie vindicieren möchten, endlich 
auch Knoop bei seiner Behandlung der sogenannten Zwölftengotihoiten (in Veckenstedts Zeit- 
schrift) durch das vollständige Verkennen gerade dieses mythischeu Zuges besonders mit in 
die Irre geführt ist: so werde ich vor allem Veranlassung nehmen, „die Rolle des 
Schwefels in den verschiedenen Mythologien" bei der Wichtigkeit zumal, welche derselbe 
überhaupt in der niederen Mythologie in betreff der Auffassung der in ihr auftretenden 
Gewitterwesen bekundet, im Zusammenhang demnächst zu erörtern. Schön ist es zwar gerade 
nicht, derartiges zu behandeln, aber die Wissenschaft kann sich auch solchen Untersuchungen 
nicht entschlagen, wie ich erst kürzlich in meinem Aufsatz „l'ber die Phasen der griechischen 
Naturrcligion" in der Bastianschen Festschrift S. 93 f. betont habe. Für jetzt verweise 
ich auf „Heutigen Volksglauben u. s. w." v. ,1. 1850, S. 18, „Ursprung der Mythologie", 
S. 196 ff., „Poetische Naturanschauungen u. s w." II. 123 und auf meine Aufsätze in der 
Berliner Zeitschr. f. Anthrop. v. J. 1885, S. 537 f., sowie v. J. 1895, S. 14. 

3) Vgl. meinen .\ufsatz in der Berl. Zeitschr. f. Anthrop. v. J. 189G, S. 155 f 



Eine (iewitteranschauung Jeau Pauls mit allpihand mythischen Analogien. 5 

sprechenden fliegenden Scheiben dort oben zurückkelire, so geschieht es, 
nni gegenüber den erwähnten daran sicli schliessendon Gebräuehen auch 
noch an einer Kette von Sagen ähnlichen Ursprungs zu zeigen, dass der- 
artige mythische Bilder nicht isoliert dastehen, sondern dass, je nachdem das 
Gewitter stärker oder schwächer auftritt, je nachdem der Mensch mit 
heimlichem Grauen es empfand oder gleichgiltiger, gleichsam nur objektiv, 
dem Wechsel der Erscheinungen zusah, bald grossartige Mythen, in denen 
es sich um einen welterschütternden Kampf zu handeln schien, bald 
aber auch kleine Genrebilder, ähnlich wie die vorliegenden, in den 
einzelnen Volkskreisen in mannigfacher Weise gezeitigt wurden. Erschien 
das Gewitter im ersteren Falle z. B. als ein furchtbares Ringen der 
entfesselten Elemente, so galt es in letzterem nur als ein harmloseres 
Spiel der Himmlischen dort oben, wie auch noch heutzutage bei einem 
schweren Gewitter die Vorstellung zum Ausdruck kommt, „als drohe ein 
Weltuntergang", bei einem hnchtoreu liingegen man in ländlichen Kreisen, 
im Anschluss auch wieder an die rollenden Donner, ganz gemütlich 
die Engel oder den himmlischen Thürhüter Petrus Kegel schieben lässt. 
ja weiter dann unter Verknüpfung der feurigen Furchen, welche der Blitz 
zieht, mit den rollenden Kugeln oder im Anschluss an sogenannte Kugelblitze 
sogar von einem wunderbaren, goldenen Kegelspiel erzählt, indem bei 
mythischer Auffassung ganz gewöhnlich den feurigen Erscheinungen unter 
anderem „Gold" substituiert wird. 

Gerade in den Gegenden, wo die erwähnten Gebräuche mit den feurigen 
Rädern und Scheiben besonders zu Hause sind, finden sich nämlich in den 
Lokalsagen, wie auch noch im Märchen die mannigfachsten Anklänge und 
.\usführungen von solchen Bildern. Reflektieren dieselben gleich, wenn 
z. B. neben Petrus auch die Jungfrau Maria in dieselben hineingezogen 
wird, in solcher Form auf christliche Zeiten, ja ist das in ihnen auftretende 
Kegelspiel in seiner jetzigen Gestalt selbst erst, wie man meint, zu Karl V. 
Zeiten in Deutschland üblich geworden, so spricht sich darin nur das 
bekannte Entwicklungsprinzip der Sagen aus, dass sie mit dem Leben des 
Volkes gleichsam fortrücken und ihre Scenerie nach den neuen Verhält- 
nissen zum Teil wandeln'). Denn wie Wurfübungen mit Steinen, so war 
auch das Schlagen von scliweren Kugeln und Bällen teils durch die Luft, 
teils durch Hintreiben am Boden mit einem Ballsclieit ein stets mit Leiden- 
schaft getriebenes Wettspiel der Germanen gewesen, wie Weinhold in seinem 
„Altnordischen Leben", Berlin 1856, S. 293 ff., des ausführlicheren darlegt. 
Und wenn in den Sagen nun verschiedentlich Anklänge gerade an diese 
letzteren Formen des Spiels noch hindurclibrechen, ja mythischer Volks- 
glaube sich speziell noch an „Stein" und „Kugel" (ohne Kegel) in diesem 
Sinne auschliesst, wie wir sehen werden, so greift die ganze Sache damit 
ursprünglich nur auf alte Naturbilder der Art zurück, wie sie auch nicht 

1) 8. „Heutifjer Volksglauben u s. w." v. J. 1850, S. G. 11. Aufl. v. .1. 1860, S. 12. 



6 Schwartz: 

bloss so in den Schichten der niederen lieidnisclien Mythologie, sondern sellist 
in denen des Götterglaubens dann ihren Niederschlag gefunden haben. 

Das zunächst hierher schlagende Sagenmaterial findet sich bei Rochholz 
in seinen „Schweizersageu", Aarau 1856, sowie in Menzels „Odin" v. J. 1855 
in dem Kapitel von den goldenen Kegeln. Ich hebe aus demselben nur 
einzelne charakteristische Beispiele hervor, welche den Zusammenhang mit 
der Natur in der von mir angegebenen Weise deutlich erkennen lassen. 
In Schwaben erzählt so das Märchen nach Ernst Meier No. 6 noch direkt von 
„einer gewaltig langen, goldenen Kegelbahn", welche die drei Brüder: 
Donner, Blitz und Wetter gehabt, und bei welcher die Kugeln stets von 
selbst immer wieder zurückgekehrt wären. Denkt man bei dem ganzen 
Bilde zunächst allerdings an eine jetzige, mit Kegeln ausgestattete Bahn, 
so passt es doch auch ebenso für die Wurfbahnen beim alten Kugelspiel 
mit den bleigefüllteu Kugeln, wie es Weinhold beschreibt und es auch 
uoch im vorigen Jahrhundert in den Marscligegendeu Deutschlands au den 
Ufern der Nord- und Ostsee üblich war (J. H. Fischer, Beschreibung der 
vorzüglichsten Volksfeste u. s. w., Wien 1799). Der sich in dem Märchen 
an das Spiel reihende Zug abei', dass die Kugel von selbst immer wieder 
in die Hand des Spielenden zurückkehrt, klingt speziell altmythisch an, 
indem gleiches von dem Donnerhammer des Thor, sowie von dem Blitzpfeil 
des Apoll berichtet wird. Bei Wiedergabe des erwähnten Bildes weist 
J. W. Wolf (Beiträge zur deutschen Mythologie II, 120) noch darauf hin, 
dass in der entsprechenden Rockenfelser Sage in den bayrischen Sagen von 
Schöppner II, 107 die Kugeln „feurige" Bahnen hinter sich lassen, wie 
sie selbst „glühend" gewesen seien, ein Zug, der ähnlich auch sonst wieder- 
kehrt. Besonders charakteristisch wird aber das Moment, dass ein der- 
artiges Kegelspielen nicht bloss der Sage nach auch in Bergen vor sich 
gehe^), sondern in solchen überhaupt goldene Kegelspiele versunken und 
verzaubert erscheinen, wie es gleichfalls von allerhand mythischen Schätzen 
erzählt wird, die dann leuchtend im Gewitter am Himmel heraufrücken ^), 
ja endlich die Gewitterwesen selbst, wie Frau Holle und Frau Harke, auch 
in einem Berge gewöhnlich beschlossen erscheinen und nur gelegentlich 
sichtbar werden'), wobei der irdische Berg immer nur bei Lokalisierung 
der Sage ein Substitut „des himmlischen Wolkenberges" ist, an dem alles 
sich ursprünglich abspielte. Dem entsprechend klingt es auch in der Aus- 
führung gleichfalls altmythisch an, wenn Birlinger in einer Sage aus 
Schwaben berichtet: „Sie (d. h. die Kegel) kommen heraus und man sieht 
sie droben, wenns einen Regenbogen hat, wenn ein Gewitter am Himmel 
ist und es recht donnert." 



1) Grimm, Myth." 905. 1231. Kuhn und öchwaitz, Nordd. Sagen 1848, No. 59 Anm. 
El. Hugo Meyer, Germ. Myth. 1891 u. a. S. 243. 

2) s. Schwartz, Ursprung der Myth. Berlin 1860. S. 64 ff. 

3) Frau Holle z. B. am Hörsellierg und Meissner, Fran Harlce auf den Camenischen Bergen. 



Eine Gewitteraiischauuug: Ji-an Pauls mit allerliaml iiivtliischen Analogien. 7 

In eine Gewitternacht mit ihrem Graus führt uns aber direkt die Sage 
von dem gespensterhaften Kegelspiel im Walde bei Üzwil (Rochholz 
Xo. 113), wie auch die wilde Scenerie weniger zu einem unschuldigeren 
modernen Kegelspiel als zu einem altgermanischen Kugelspiel passt, bei 
dem nach Weinhold Streit und Totschlag nichts seltenes waren. Die Sage 
tritt bei einer Waldblösse auf einer Berghöhe auf, wo sich die Fusswege 
von fünf Ortscliaften treffen und ein langer rotbrauner Streifen sich hin- 
zieht, auf dem noch niemals Gras gewachsen ist. An dieser unheimlichen 
Stelle soll einst, sagt man, die Kegelbahn des Wirtshauses gegangen sein. 
welches vor alters auf dieser Waldblösse gestanden habe und wegen vieler 
üuthateu seiner Gäste zuletzt vom Boden verschlungen sei, gleichfalls 
ein altmythischer Zug, der an den „untergegangeneu" Nobiskrug (des Teufels 
Wirtshaus) sowie an die im Gewitter untergegangenen Burgen und 
Schlösser ebenso wie an die erwähnten unterirdischen goldenen Kegelspiele 
erinnert. Um Mitternacht — d. h. ursprünglich also in der Gewitternacht 
— spuken nun da die Schatten der falschen Spieler, man hört die Kugel 
auf der Bahn liinroUen, das Lärmen der streitenden Parteien, das Stöhnen 
der im Raufhandel zu Boden Geschlageneu. Als der Müller von Sarmen- 
storf, heisst es, einmal des Nachts des Weges kam, umgab ihn hier ein 
starkes Surren und Rauschen ; er konnte nicht mehr vorwärts noch zurück. 
Zuletzt liieb er mit dem Stocke um sich und drängte sich gewaltsam hin- 
durch, aber nicht ohne einen geschwollenen Kopf heimzubringen. Ähnliches er- 
eignete sich auch einmal zu Ravensburg, „wo unter dem Salzstadel eiu goldnes 
Kegelspiel liegen soll." „Der Nachtwächter'', sagt Birlinger 1, 24Ü, „sah mal 
ganz in der Nähe, wie ihm eine goldene Kugel vor die Füsse flog (und 
einem) goldenen Kegelspiel zueilte. Zuletzt, wie er danach schauen wollte, 
bekam er eine Ohrfeige." Der geschwollene Kopf, wie die Ohrfeige sind 
eine in den Sagen namentlicli vom wilden Jäger oft wiederkehrende Be- 
zeichnung für den Schlag, bezw. die Lähmung, welche im Gewitter den 
trifft, der ihm zu nahe k.immt'). Es hat auch hier eine ähnliche Be- 
deutung, und es stinmit dazu, wenn der, welcher dem Gewitterspiel der 
Jungfrau Maria nicht aus dem Wege geht, sogar tötlich getroffen wird. 
Gleichwie nämlich die Jungfrau Maria in der A'olkstradition als die himm- 
lische Frau y.aT E^oyJiv auftritt und so u. a. im Donner und Blitz spazieren 
fährt, wobei in den Blitzen die Pferdehufe sprühen, so wird ihr auch in 
einem Kinderliede, welches Zingerle in seinen „Sitten, Bräuchen und 
Meinungen des Tiroler Volkes", Tnusbruck 1857, S. 164 mitteilt, ein goldnes 
Kegelspiel beigelegt, welches eben dem unberufenen Zuschauer höchst ge- 
fährlich werden kann. Es heisst: 



1) s. Prähistorische Studien. Die Stelleu im Index unter Lähmung. El. Hugo Meyer, 
Germ. Myth. S. 238. 



8 Schwartz: 

Es donnert, es blitzt, Und die Engel thuii lachen. 

Im Himmel oben sitzt Die Kugeln thun fallen. 

Die Mutter des Herrn Die Mutter Gottes ihut suchen, 

Und hat goldne Kegel, Die Waben thun fluchen. 

Hat goldne Kugeln. Geh' schnell fort, 

Sie glitzen und blitzen. Sonst trifft sie dich tot. 

Dieser Vorstellung schliesst sich der Volksglaube der Böhmen an, 
wenn in demselben im Gewitter auch hier Petrus Kegel schiebt, und es 
dann weiter heisst: „wer dabei läuft, auf den fällt die Kugel." Weist dies 
auf einen mit der Tiroler Sage analogen mythischen Hintergrund hin, so 
wird hier auch noch das Bild ursprünglich ausdrücklich als ein altlieid- 
nisches dadurch gekennzeichnet, dass beim slavisch-lettischen Yolksstanim 
der Ausdruck perkuno kulka. d. h. Perknns Kugel = Donnerkugel über- 
haupt allgemein üblich ist (s. Grohniann, Aberglauben und Gebräuche aus 
Böhmen, Leipzig 1864, S. 37, vgl. S. 5. Mannhardt, Germanische Mythen, 
Berlin 1858, S. '20"2). Heisst es ferner nach Grohmann auch in Böhmen, 
der Donner sei weiter nichts als „ein feuriger Stein", so bietet uns wiederum 
auch Schwaben noch für das beim Gewitter dort oben angeblich statt- 
findende Spiel ein ähnliches, sehr primitives, altertümliches Bild, wenn es 
bei Meier „Sagen aus Schwaben", Stuttgart 1852, S. 259 heisst: „Beim 
Donner kegeln sie dort oben mit „Steinen" ') und wenn ein solcher Stein 
auf ein Loch (im Himmel) kommt, so fällt er herab und schlägt auf der 
Erde ein, weshalb man auch, wie Meier hinzusetzt, nicht sowohl den Blitz, 
als vielmehr den Streich, wie man den Donnerschlag nennt, fürchtet. 

Die vorgeführten Lokalsagen der niederen Mythologie dürften zur 
Genüge die im Hintergrund stehenden Xaturbilder mit ihren Auffassungen 
klar gelegt haben. Ich will nur zum Schluss noch darauf aufmerksam 
machen, dass auch auf diesem singulären Gebiet in der national-germanischen 
Mythologie des Nordens ähnliche Vorstellungen, natürlich in einem allge- 
mein gehobener gehaltenen Stil hindurchbrechen, die dafür Zeugnis 
ablegen, dass die zu Grunde liegenden Naturanschauuugen mehr oder 
minder gemeinsam germanisch gewesen sind, ebenso wie auch gewisse 
Analogien, die in den Göttermythen der Griechen sich bekunden, den 
Kreis noch weiter ziehen und der Sache einen zum Teil sogar indo- 
germanischen Stempel verleihen. 

Wie J. Grimm schon (Myth." XXXVI, 136. 958) Bezüge erörtert hat, 
nach welchen Wuotan als Gott und Erfinder des „Spiels", namentlich des 
„Würfels", erscheint, — was bei der Natur des Gottes ganz zu dem ent- 
wickelten Gewitterterrain mit den sich daran schliessendeu Naturbildern 
passen würde, — spielten nach der Voluspa die nordischen Götter überhaupt 



1) Mit Steinen werfen übrigens ganz allgemein die Gewitterriesen im Donner nach 
germanischer wie griechischer Sage, s. Urspr. d. Mjth., die Stellen im Index unter Dnnner- 
Poltprn und Werfen mit Steinen. 



Eine Gewitteraiischauuiiff Jpan Pauls mit allfvliaiid mytliisohen Analogien. 9 

mit goldenen ^\'ürfeln oder Scheiben dort oben auf dem Idafelde in alter 
seliger Zeit, und dass dies nicht ein momentanes Bild, sondern ein charak- 
teristischer Zug ist, erhellt daraus, dass es bei der Wiedergeburt der Welt 
nach dem grossen Götterkampf gleichfalls wiederkehrt, indem es heisst, 
auf dem Idafelde würden dann die Götter im Grase auch die alten Bälle 
(Tafeln oder Scheiben) wiederfinden, mit denen sie in der Vorzeit gespielt 
hätten. 

Dem entsprechend galt bei den Griechen Hermes — der sich ver- 
schiedentlich mit dem Wuotan im Naturelement deckt, — gleichfalls als Erfinder 
und Beschützer des Würfelspiels als des am meisten im Volksleben zur 
Geltung kommenden Spiels. Und wenn das Spielen „mit goldnen Bällen" 
und dergleichen weiter in der griechischen Sage speziell mehr als eine 
Beschäftigung der Götterkinder gefasst wird, so hat doch das gleichfalls hier- 
herschlagende „üiskosspiel" gleichsam einen ernsteren Charakter behalten, 
wie es auch, gleich dem besprochenen Spiel mit den Donnerkugeln und 
Steinen, unter Umständen in den Mythen als totbringend auftritt. 

In ersterer Hinsicht lässt Apollonius Rhodius den Eros und Ganymed 
in Kronions Garten mit goldnen Würfeln sich vergnügen, ebenso wie man 
von Würfeln, Reifen, Bällen und den goldnen Hesperidenäpfeln als Spiel- 
zeug des göttlichen Dionysos-Kindes erzählte und derartige a&vQ/xara noch 
sogar im Kult des Gottes als heilige Reminiscenzen festhielt. Noch 
charakteristischer wird aber „der kunstfertige goldne Ball des Zeus", den 
seine Amme (Adrastea) ihm einst geschenkt und mit dem er als Kind 
gespielt haben sollte, sowohl durch die Beschreibung des Apollonius Rhodius, 
als auch durch die Situation, unter welcher das Zeus-Kind geboren wird 
und heranwächst. Wenn nämlicli, um das letztere zuerst zu berühren, 
damit Kronos nichts von dem neugeborenen Gotte merke, ein betäubender 
Waffenlärm der Kureten der Sage nach alles übertönte, so steckt in 
diesem wilden orgiastischen rasselnden Waffentanz, der den Kureten gleichsam 
als himmlischen Pn'rhichisten beigelegt wird, auch eine Gewitterseenerie wie 
in der m'dgr/j]. welche die Dioskureu erfunden und zu der Athene (^'ä/jit/l) 
die Trompete angeblich geblasen haben sollte, wozu sich auch anderes 
noch, wie auf römischem Gebiet der jährliche Waft'entanz der Salier im 
Frühling, stellt. 

Was nun den Ball des Zeuskindes anbetrifft, so lässt der erwähnte 
Dichter die Aphrodite denselben dem Eros^versprechen, wenn er Medea mit 
Liebe zum Jason erfülle, und die Göttin dabei ihn mit den Worten schildere, 
dass, wenn er geworfen werde, er einen „feurigen" Schweif durch die Luft 
ziehe — darrjQ äg cpXeye&ovia di' »)cßo? oXxov 'üjotv. — was nicht bloss ein 
momentaner Vergleich ist, der, wie der Scholiast will, von einer Stern- 
schnuppe entlehnt worden, sondern an die oben geschilderten Feuerkugeln 
oder Kugelblitze der deutschen Sage anklingt, wie man ein derartiges 
Meteor auch mit Recht unter dem uoti'jo versteht, <ien Zeus als Götterkönig 



10 Rcliwartz: Eiue Gewitteranscliauung- Jeaii Pauls mit allerhand iiiythischeii Aualot,nen. 

und Schlaulitenleiiker bei Homer als ein Walirzeiclien für die Kämpfenden 
schlendert {olov uotsqu Ijy.e Kqovqv naig uyHvXo/u,i'jrtaj, i] ruvTipi regug iji 
mgartf) tvQei laibv, lap^Jigov xov dt- xi Jiollol unb omv&yQtg uvtoi, II. 4, 75 ff.); 
die Ersclieinmig ist in beiden Fällen dieselbe und wird nur nach den 
Beziehungen, die mau in ihr findet, verschieden gedeutet. 

Noch charakteristischer wird aber in griechischer Sage das Spieleu 
der Himmlischen mit dem Diskos, namentlich in dem Mythos von dem 
schonen Jüngling Hyakinthos, den Apollo mit dem Wurf eines solchen 
uuvorsätzlich getötet haben sollte. Auch Welcker (Griech. Myth. I, 474) 
erkeuut darin eiueu typischen Zug, wenn er au eiue entsprechende Wieder- 
kehr desselben beim Perseus und Akrisios, sowie beim Oibalos und seinem 
Bruder erinnert. Ich mache ausserdem noch darauf aufmerksam, dass dem 
Perseus überhaupt die Erfindung des Diskosspieles nach Pausanias H. 16. 
2 f. zugeschrieben wurde, mit dem er dann am Akrisios ohne seine Schuld 
die Prophezeiung vollzieht, welche wie ein Verhängnis über dem Geschlecht 
schwebte, aber schon hinfällig zu werden schien. 

Des Hyakinthos Tod durch einen unglücklichen Diskoswurf des Apoll 
erhält aber dadurch noch eine besondere mythische Bedeutung, dass Boreas 
oder Zephyros bei demselben eine Rolle spielt und eigentlich den Tod 
des schönen Jünglings verschuldet haben sollte, indem er beim Scheiben- 
werfen dort oben die Scheibe des Apoll aus Eifersucht verhängnisvoll 
gegen das Haupt des Hyakinthos lenkte. Erscheinen „die Stürme" so an 
dem ganzen Vorgang mit beteiligt und gewinnt die Scenerie damit den 
Charakter eines in der Natur sich abspielenden mythischen Ereignisses, 
so wird dies noch dadurch vermehrt, dass in dem an den Hyakinthos sich 
anschliessenden Kult sich au ihn die Vorstellung des Absterbeus und 
Wiederauflebens der Natur wie beim Adonis knüpft. Und wenn so im 
Hyakinthos, wie im Adouis, Balder und ähnlicheu mythischen Gestalten 
„das Auftreten und Hinsterben des Lenzes'% d. h. mythisch geredet, des 
„Lenzgottes", des „Sol novus des Jahres" verkörpert erscheint, der, wie er in 
den Frühlingswettern „siegreich" sich in vollem Glanz und in voller Schönheit 
bekundet hatte, doch, „kurzlebig", in den Herbstwettern wieder verschwindet, 
d. h. nach dieser Auffassung „sein Ende" erreicht, so haben wir anch in 
des Hyakinthos Tode eine mythische Ausführung eines ähnlichen Natur- 
bildes, wie es Lenau in seinem Gedicht „Frühliugs Tod" schildert, wenn 
er den schönen Lenz von den heisseu „Sonneupfeilen" durchbohrt werden 
und hinsterben lässt, indem es heisst: 

Der Himmel blitzt und Donuerwolken Uieh'ii, 
Die lauten Stürme durch die Haine tosen. 
Doch lächelnd stirbt der holde Leuz dahin, 
Sein Herzblut still verströmend, seine Rosen. 

Statt <ler tötenden „heisseu Sonnenpfeile" Lenaus treten nur eben, im 
Anschluss an das Gewitter, mit welchem das schöne, hehre, lichte, sommer- 



Bunker; Herde uud ( )fen in deu Bauernhäusern der Budajjester Ausstellung. H 

liclie Wesen zum letztenmale aufgetreten un<l in demselben dann geschwunden 
zu sein schien, andere gleichfalls dieser Sueuerie entlehnte Momente auf. 
welche den Tod desselben veranlasst hätten. Sie lehnen sich, wie ich in 
meiner Schrift vom „Indogermanischen Volksglauben", Berlin. 1885. luxch- 
gewieseu habe, au den Blitz in den verschiedensten Variationen au, indem 
derselbe nach dem (resamtbilde, welches im Hintergrunde stand, in der 
mannigfaltigsten Gestaltung sich zu bekunden schien. Wenn derselbe 
unter der Vorstellung einer im (iewitter auftretenden Jagd „als der blitzende 
Hauer" eines die Wolken mit einem solchen durchfurchenden Ebers gilt, 
der dem wilden Jäger wie dem Adonis schliesslich auch selbst ver- 
häugnisvoll wird, so liess die Form des Blitzes als „eiues Zweiges" oder 
„einer Eute" eine solche in der persischen Isfendiarsage wie in dem nord- 
germanischen Baidurmythos „als eiu gefährliches Geschoss" erscheinen, an 
welches sich entweder von Haus aus ein tötendes Verhängnis knüpfte oder 
welches durch eine wunderbare Verkettung der umstände eine derartige Kraft 
erhielt, so dass der in der Grossartigkeit seiner Erscheinung bis dahin als 
unverwundbar geltende himmlische Gewitterlield schliesslich doch im Wett- 
kampf oder Wettspiel der Uuwetter mit jenem gefährlichen Geschoss auch 
selber den Tod erfahren zu haben schien. Nach dem Hintergrund, der sich 
für das himmlische Diskosspiel oben ergeben hat, gehört der verhängnis- 
volle Wurf, der den Hyakiuthos getötet, auch in die Kategorie der erwähnten 
Naturbilder und legt nur ein neues Zeugnis ab von der Mannigfaltigkeit 
der Naturanschauungen, welche in den alten Mythen neben einander aus deu 
verschiedenen Volkskreisen zum Ausdruck kommen. 
Berlin im Januar 1S97. 



Herde uud Öfeu in deu Baueruli äusern des 

ethuographisclieu Dorfes der Millenuiumsausstelluug 

iu Budapest. 



Von J. R. Bunker in Ödenbury. 
(Hierzu Tafel I und IT.) 



Bevor ich an meine eigentliche Aufgabe, an die Beschreibung der 
Herde uud Öfen in den Bauernhäusern des ethnographischen Dorfes der 
Millenniumsausstellung in Budapest schreite, halte ich es für notwendig, 
einiges über den Zweck und die Zusammenstellung des ethnographischen 
Dorfes zu sagen. 



12 Bunker: 

Dil' Aufgabe des Dorfes besteht darin, sowohl den einheimischen, als 
auch den ausländischen Besuchern der Ausstellung Einblick in die Ethno- 
graphie der in Ungarn lebenden versciiiedenen Volksstännne zu bieten, 
soweit einerseits das Bauernhaus mit allem, was zu demselben gehört 
(Ställe, Scheunen, Zimmer- und Kücheneinrichtung, Haus- und Ackergeräte, 
Hofeinfriedung etc.), die Lebens- und Wohnverhältnisse, andererseits die 
Nachbildung der Bewohner durch gute Figurinen die Vorführung typischer 
Gestalten aus den einzelnen Volksstänimen und deren Tracht imstande 
sind, wesentliche Teile des Volkslebens zur Anschauung zu bringen. 

Typische Gestalten aus dem Volke derjenigen Gegenden, aus denen 
die jeweiligen Häuser stammen, sind den Häusern übrigens noch bei- 
gegeben in einzelnen Personen, den „Hütern" der Häuser, denen es obliegt, 
die Häuser zu bewachen und den Besuchern erbetene Auskünfte zu er- 
teilen. Mehrere dieser Hüter haben ihre Frauen bei sich, einer derselben 
seine ganze Familie. Da alle diese Personen in der Tracht ihres Dorfes 
-gekleidet sind, bilden sie, wie die Figurinen, treue Trachtenbilder ihrer 
Gegend. Dem Forscher sind sie überdies eine wahre Fundgrube ethno- 
graphischen Materials. Ich werde Gelegenheit haben, mich im nachfolgenden 
oft auf diese Hüter, unter denen ich manchen sehr verständigen Mann fand, 
dem ich für die von ihm erhaltenen, oft recht interessanten Aufklärungen 
zu warmem Dank vei'pflichtet bin. als auf meine Gewährsmänner zu 
berufen. 

Die Aufgabe, in den Häusern besonders dem Hausforscher treue Typen 
aus den einzelneu Gegenden Ungarns vorzuführen, wurde durch die Aus- 
stellungsdirektion in anerkeunungswerter Weise dadurch gelöst, dass sie 
tüchtige Ethnographen in die verschiedenen Teile des Landes aussandte, 
welche die nötigen Studien an Ort und Stelle vorzunehmen und von den 
typischen Häusern einer Gegend eines auszuwählen hatten, das geeignet 
war, dem im ethnographischen Dorfe der Ausstellung zu errichtenden 
Hause als Muster zu dienen. Das betreffende Haus wurde dann in der 
Regel von Organen der königl. Staatsbauämter aufgenommen imd nach 
deren Plänen ein gleiches im Territorium des ethnographischen Dorfes 
zumeist auf Kosten des Komitates, in dem das Original steht, erbaut. 

So entstanden denn im Dorfe 24 Bauernhäuser, Nachahmungen ebenso 
vieler typischer Originale aus den verschiedensten Gegenden des Landes, 
durch welche die Bauernhäuser fast aller in Ungai'n wohnenden Volksstämme 
vertreten sind. 

Um häufigen Wiederholungen, welche im nachfolgenden sonst unerläss- 
lich würden, und auch um eine Übersicht zu bieten, aus welchen Gegenden 
die einzelnen Häuser stammen, und um zugleich nachzuweisen, durch 
Angehörige welchen Stammes die einzelnen Häuser bewohnt werden, bringe 
ich hier unter den Nummern, welche die Häuser im Ausstellungsdorfe 
tragen, folgende Zusammenstellung derselben: 



Herde und Öfen in den Bauornhäusern der Hudiipestor Ausstolliinji 
a) Magyarische Häuser: 



i;^ 



1. 


Haus 


No 


• 3, 


jazygisches '] 


1 Haus 


aus Jäsz-Apätbi im K( 


omitate Jäsz-Nagykun-Szolnok, 


2. 


„ 


.., 


4, 




„ 


,, Szegvär , 


,, 


Csongrdd, 


3. 


„ 


„ 


5. 


kalotaszeger 


„ 


? 


„ 


Klausenburg, 


4. 


„ 


„ 


6, 




„ 


,, Toroczko „ 


, 


Torda-Aranyos, 


5. 


„ 


„ 


7, 




„ 


„ Csököly 


„ 


Somogy, 


G. 


. 


.- 


8^ 


Palöczen- 


„ 


„ Kis-Hartyiin „ 


, 


Neograd, 


". 


.. 


. 


9, 


göcsejer 


,„ 


„ Zcbeczke 


„ 


Zala, 


8. 


„ 


„ 


10, 




„ 


,. Büd-Szt.-MihälT 


^ 


Szabolcs, 


9. 


„ 


„ 


11, 


Matyi'i- 


„ 


„ Mezökövesd ,, 


j, 


Borsod, 


10. 


n 


„ 


12, 




„ 


„ Szentgaäl 


„ 


Vessprim, 


11. 


„ 


„ 


13, 


(.!sängij- 


, 


, Hetfalu 


.. 


Kronstadf-, 


12. 


" 


" 


2fi. 


Szekler- 


b) E 


„ Csik-Szt.-Domokos 
»eutsche Häuser: 


" 


Csik. 


13. 


Haus 


N.). 


, 14, 


sächsischcs 


Haus 


aus Schelleni>erg i. Ki 


imitati 


^ Hermannstadt, 


14. 


,. 


, 


15, 


Zipser 


„ 


,. Metzenseifen .. 


„ 


Abauj-Torna, 


15. 


„ 


,, 


16, 


schwäbisches 


,, 


„ Gross-Jecsa ,, 


„ 


Torontiil, 


IG. 


» 


r, 


17, 


Krickerhäuei 


■ „ 


, Handlova , 


, 


Neograd. 












c) Slavische Häuser: 






17. 


Haus 


No. 


20. 


serbisches 


Haus 


aus Czrepälya im Ki 


)mitate Toronfäl, 


18. 


„ 


„ 


21, 


bulgarisches 


.. 


„ Vinga ,. 


^ 


Temes, 


19. 


„ 


„ 


22, 


wendisches 


„ 


„ Perest.; 


., 


Eisenburg, 


20. 


„ 


„ 


23, 


slovakischcs 


, 


, Somos 


, 


Säros, 


21. 


,, 


„ 


24, 


ruthenischcs 


„ 


„ Vereczke 




Bereg, 


22. 


.. 


» 


25, 


sokaczisches 


„ 


„ Szantova „ 




Bncs-Bddrog. 












d) Rumänische Häuser: 






23. 


Haus Nn, 


18, 




aus Felsö-Szälli'ispalak im Kn 


mihito 


Hunyad, 


24. 


V 


r 


19, 




.. Kornyareva „ 


, 


Krassö-Szöreny. 



Diesem allgemeinen Überblick über das ganze ethnographische Dorf 
habe ich als zweiten einleitenden Teil noch eine kurze Übersicht über die 
Konstruktion der Häuser notwendigerweise anzuschliessen, da aus der 
Einfachheit der Ausgestaltung der Häuser sich auch die überall sich zeigende 
Einfachheit der Herd- und Ofenanlagen erklären lässt. Ich habe hierbei 
vor Augen nur jene Räume des Hauses, welche dem Jlenschen als 
Wohnung dienen, berücksichtige also die Wohnungen der Tiere (Ställe) 
und alles, was zum Betriebe der Viehzucht und des Ackerbaues (Sclieunen, 
Kammern etc.) gehört, nicht. 

Der Typus, welchem ohne Ausnalime alle Häuser des ethnographischen 
Dorfes folgen, ist der oberdeutsche oder, wie ihn Oberst Bancalari, der 
verdienstvolle Hausforscher, in neuerer Zeit wohl mit mehr Berechtigung 
nennt"), „mitteleuropäische Flurhallen-Typus". Dabei haben wir es fast 
bei allen Häusern des Dorfes mit einer der untersten Stufen zu thun, die 
der oberdeutsche oder mittelenropäischo Flurlinllen-Typus in seiner Ent- 



1) Kurze Erklärungen der fremden Namen gebe ich, so weit sie vom Standpunkte 
des Volksforschcrs geboten sind, weiter unten an passender Stelle. 

2) Vgl. Bancalari, „Forschungen und Studien über das Hans-, S. 93 in Bd. XXVI 
der „Mitteilungen der Anthropolog. Gesellschaft" in Wien. 



14 Itiiiiker: 

Wickelung genommen. Die Einförmigkeit im Grundrisse der vieruudzwanzig 
Häuser, die doch ans einem relativ grossen Gebiete zusammengetragen 
sind, ist geradezu staunenswert. Der Grundriss von vier Häusern zeigt 
die einfache Dreiteilung. Als Muster gebe ich unter Fig. 1, Taf. I den 
Plan des Hauses aus Toroczkö. Die Küche K hält die Mitte des Hauses; 
an sie gliedert sich rechts und links je eine Wohnstube, Zj und Z^ an. 
Diesem Plane folgen die Grundrisse der magyarischeu Häuser aus dem 
Kalotaszeg, aus Csököly und Hetfalu. Einfache Dreiteilung zeigen auch 
das rumänische Haus aus Felsö-Sznlläspatak und das ruthenisehc Haus aus 
Vorecake, die Reihenfolge der Gemächer ist jedoch eine andere. Im 
Hause aus Felsö-Szälläspatak nimmt die Küche jenen Raum ein, der im 
Grundrisse Fig. 1 mit Z^ bezeichnet ist; der Mittelraum ist „Paradezimmer" 
und der dritte Raum die Wohnstube. Im ruthenisehen Hause, das wie 
das kalotaszeger Haus ganz aus Holz gefügt ist. nimmt die Stelle des Z^ 
ein „Vorhaus" (Laube) ein; der mittlere Raum ist Wohnraum und Küche 
zugleicli; der dritte Raum ist eine Kammer, in der Lebensmittel und 
Geräte untergebracht sind. Der Raum, der jetzt als Vorhaus benutzt wird, 
war bis vor wenigen Jahren, bis dies aus sanitären Gründen polizeilich 
verboten wurde, Stall, der mit dem Wohnräume durch eine Thür in Ver- 
bindung stand. Das Vereczkeer Haus ist das primitivste der Häuser im 
ethnographischen Dorfe. 

Dieselbe Dreiteilung im Grundrisse zeigen elf weitere Häuser, doch 
weisen sie eine nicht unwesentliche Weiterentwickelung auf, die darin 
besteht, dass der Mittelrauni in zwei Räume geschieden ist, wovon der 
eine, der durch die Hausthüre zuerst betreten wird, ein schmales Vorhaus 
bildet, der andere die Küche. Als Beispiel dieser Einteilung der in Rede 
stehenden elf Häuser gebe ich unter Fig. 2 den Grundriss des magyarischen 
Hauses aus Szegvär. V ist das Vorhaus, K die dahinter liegende Küche, 
Z, das bessere Zimmer, Z, die Wohnstube und G ist ein Gang, der sich 
vor dem Hause hinzieht, in der Mitte eine Ausweitung aufweist und von 
dem vorhängenden Dache, das hölzerne Säulen tragen, beschattet wird. 
Die Strecken zwischen den Säuleu sind bis zur Höhe von 70—80 cm mit 
Brettern verschalt. Durch die Verschalung führen zwei Thürchen in den 
Hof. 

Wie die punktierte Linie im Grundriss andeutet, ist die Trennung 
zwischen Vorhaus und Küche keine vollkommene. Zumeist geschieht 
die Abtrennung des Vorhauses von der Küche durch einen gemauerten 
Bogen, der oft halbkreisförmig, oft aber auch sehr flach ist. Dieser Bogen 
ist durch eine Thür nicht zu schliessen. Er hat lediglich den Zweck, den 
Raucli in der Küche zurückzuhalten und ihn nicht in das Vorhaus und in 
die Zimmer gelangen zu lassen. Fig. 3 veranschaulicht die Art und Weise 
der Abtrennung des Vorhauses von der Küche in solchen Häusern und 
biet(!t gleichzeitig einen Einblick in die Küche des Hauses aus Büd-Szt.- 



Herili^ niul Ofen in den Raiioinliiiiisevii iler Kinliipcstor AusstiOInn;;'. ]') 

Mihäly'). Auf diese Küche komme ich später noch zu sprechen. Dem 
Plane des Hauses aus Szegyar gleichen, unwesentliche Abweichungen nicht 
in Betracht g^ezogen, die Pläne der magyarischen Häuser aus Jäsz-Apathi, 
Zebeczke, Büd-Szt. MihfiTy^, Me«ö4tü¥esd, Szt. Gaäl, der Plan des deutschen 
Hauses aus Gross-Jecsa, der des rumänischen H»»aes aus Kornyareva, der 
des serbischen Hauses aus Czrepälya, der des bulgarischen H»ases aus 
Vinga und der Plan des sokaczischen Hauses aus Szantova. 

Ganz gleich im Plane mit dem Szegvärer Hause sind ferner die 
Häuser von Kishartyäu (magy.), Perestö (wendisch) und Somos (slovakisch), 
nur ist hier die Trennung des Vorhauses von der Küche eine voll- 
kommene, da sie nicht durch einen offenen Bogen, sondern durch eine 
schliessbare Thür bewerkstelligt ist. 

Ahnlich im Plane sind alle weiteren im Ausstellungsdorfe vertretenen 
Häuser. Im Szo^kler- Hause ist Z^ in Fig. 2, im deutschen Hause aus 
Handlova Z^ in Fig. 2, im sächsischen Hause ist Z, in Fig. 1 und im 
deutschen Hause aus Metzenseifen sind beid(^ Zimmer, also Z, und Z^ 
in Fig. 1 durch eine Wand, welche parallel zur Längenachse des Hauses 
durch das Zimmer gezogen ist, in zwei Räume geteilt zu denken. Die 
weiteste Entwickeluug iui Grundrisse weist demnach das Haus aus 
Metzenseifen auf. Es fällt schon dadurch unter allen Häusern des Dorfes 
auf, dass es in der der Strasse zugekehrten Giebelmauer drei Fenster hat, 
während das Toroczköer und Csökölyer Haus nur ein, alle anderen aber 
zwei Fenster zeigen. Im ganzen noch weiter entwickelt sogar als das 
Metzenseifener Haus ist das aus Handlova. Es ist nämlich das einzige 
Haus des ethnographischen Dorfes, das aus zwei Stockwerken besteht und 
ausser Küche und Vorhaus im ganzen sieben Stnl)en, bezw. Stulten und 
„Stubenkammern" iy sich schliesst. 

Die beiden zuletzt besprochenen Häuser abgerechnet, kann also, worauf 
schon oben hingewiesen wurde, von den Typen, die im ethnograpliischen 
Dorfe vertreten sind, gesagt worden, dass sie zu den einfachsten, ursprüng- 
lichsten des oberdeutschen oder mitteleuropäischen Flurhallen - Hauses 
gehören. 

In vieler Beziehung weisen nun die Heizanlagen (Herde und Ofen), 
auf die ich jetzt zu sprechen komme, dieselbe Ursprünglichkeit auf. 

Die ]irimitivste aller Feuerstellen, die icli im ethnographisclieii Dorfe 
der Millenniunisausstellung antraf, findet sicli in einem Nebengebäude des 
Matyö-Hauses aus Mezfikövesd ''), nämlicli im Stalle. Die Wohnräume 

1) Vgl. hierzu meine Arbeil: „Typen von BaueDiliiiusern nns der Gegend von Oden- 
bnrg in Ungarn", S. 118 in Bd. XXIV der ..Mitteil. der Antlirop. Gosellscliaft in Wien". 

2) Die Matyi'i bilden mit den Palöczen einen magyarischen Stamm. Sic .sind die 
Nachkommen eines mit den Kumanen und Petschcnegcn aus Asien eingewanderten und 
diesen verwandten Stammes. Dieser Stamm, der vor den Kumanen, etwa zwischen 1104 
und 1141 angesiedelt wurde, ist heute ganz magyarisiert und bewohnt das Hcvescr und 



] 6 liiinker: 

von Häusern einzelner Gegenden Ungarns sind, wie ja aus dem Vor- 
stehenden leicht ersehen werden kann, so beschränkt, dass sich die Be- 
wohner des Hauses besonders dann, wenn sie sich zu gemeinschaftlicher 
Arbeit oder zu geselliger Unterhaltung innerhalb der Hofumfriedung 
zusammenfinden sollen, aus den eigentlichen Wohnräumen lieraus in ein 
Nebengebäude des Hauses, in eine Scheune oder wie in der von den Matyo 
bewohnten Gregend in den Stall begeben müssen, um genügend Raum zu 
haben. 

Die Familie des Hauses versammelt sich demnach mit dem Gesinde 
im Matyö-Hofe besonders zur Winterzeit allabendlich, wenn die Arbeit 
ruht, im Stalle. In einer Ecke des Stalles läuft an der einen Wand eine 
Bank entlang. Ein dreiseitiger prismatischer Holzklotz, der an dem einen 
Ende der Bank liegt, dient für einen der Bewohner des Hauses, der hier 
die Nacht zubringt, als Kopfkissen. Die Bank ist also eigentlich eine 
Schlafstelle, ein Bett. Diese Bettbank hat im rechten Winkel eine Fort- 
setzung, eine zweite Bank, die nun wirklich als Sitzbank benutzt wird. 
Hinter dieser Sitzbauk erhebt sich, an der Mauer befestigt, ein hölzernes 
Gestell, auf dem eine zweite Schlafstelle, die des Kutschers, der in nächster 
Nähe der ihm anvertrauten Pferde schläft, angebracht ist. Vor diesem 
Bank- und Bettgestell ist im Lehmboden des Stalles eiue kleine Grube 
gegraben, deren vier Seiten durch vier auf ihren schmalen Seiten stehende 
Mauerziegel bekleidet sind. Dies ist die beregte Feuerstelle. Um sie 
herum stehen eine Anzahl kleiner schemelartiger Stühlchen, auf denen die 
Hausgenossen, welche auf den Bänken nicht Platz finden, sich niederlassen, 
wenn abends ein kleines Feuer, das den Stall niclit nur erleuchten, sondern 
auch erwärmen soll, lustig lodert. Geheizt wird mit Stroh. Das Stroh, 
das als Brennmaterial dient, ist in dem Hohlräume, der sich hinter der 
Sitzbank und unter dem Bette des Kutschers befindet, untergebracht. Der 
Raum hat seinen eigenen Namen und heisst magyarisch kurz „tüzelö", 
was deutsch nur durch die Umschreibung „Raum für das Feuerungsmaterial" 
wiedergegeben werden kann. Über der Feuerstelle (tüzhely -- Feuerstelle, 
Herd) hängt horizontal ein quadratisches Geflecht aus Weidenruten, das 
aufsteigende Funken zurückschlägt. Vom Mittelpunkte dieses eigenartigen 
Feuerschirmes hängt ein hölzerner Haken und an ihm ein Spiess aus Eisen 
zum Aufstochern und Anfachen des brennenden Strohes. Auf dem Geflecht 
liegen eine Anzahl hölzerner Spiesse. Auf diese stecken die Versammelten 
kleine Speckstücke und braten sie über dem Feuer. So wird beim 

Borsoder Komitat und Teile des Neograder, Gömörer und Abauj-Toruaer Komitates in 
47 Gemeinden (Somogyi, Magyar Lexikon). Die Maty(i bewohnen die Mätra und ihre 
Umgebung. Eine Sage lUsst sie von König Mathias dem Gerechten abstammen. Die 
Pahlczen des Gömörer und des Abauj-Tornaor Komitates heissen Barkö (Pallas-Lexikon 18y0\ 
Mezökövesd liegt im Erlauer Bezirk, ist eine Grossgemeinde, besteht aus 2417 Häusern 
und zählt 12 074 magyarische Einwohner (Volkszählung vom Jahre 1891). 



Herde und Ofen in den Bauernliiiuseni der Budajiester Ausstellung. 17 

gemütlichen Plaudern, beim lustigen Sing-Sang oder beim Erzählen von 
Märchen, Geistergeschichten und Schwänken das einfache Abendmahl ein- 
genommen. Fig. 4 skizziert diese lauschige Ecke im Matyö-Stalle. Die 
vorstehenden Mitteilungen verdank(> icli dem Tliiter des Matyo-Hauses, 
Johann Lukäcs. 

Die Skizze sowohl, als auch die sie erklärende Beschreibung nötigen 
wohl unwillkürlich, an jene Zeit zu denken, in der die Vorfahren der 
lieutigen Magyaren noch in Zelten oder primitiven Hütten aus Stroh- oder 
Kohrgeflechten lebten und als wandernde Hirten, für ihre Herden gute 
Weiden suchend, im Lande umherzogen. 

Die beschriebene Feuerstelle ist, wie gesagt, die ursprünglichste, die 
ich im ethnographischen Dorfe fand. An sie erinnert noch besonders auch 
durch das Lelien, welches sich zur Winterszeit um dieselbe abspielte, die 
Feuerstelle, die ich in der der Strasse abgekehrten Wohnstube des Szekler- 
Hauses') antraf. Fig. 5 giebt ihr Bild. 

Der untere Teil dieses kaminartigen Ofen-Herdes — ich nenne diese 
Feuerstelle so, weil sie ofenähnlich ist und sowohl zum Kochen als auch 
zum Erwärmen des Raumes dient, in dem sie sich befindet — bildet ein 
aus Ziegeln gemauerter Sockel von 1,24 vi Länge, 1 m Breite und nur 
0,36 7)1 Höhe. Obwohl demnach der Sockel, auf dessen Oberfläche in der 
liinteren linken Ecke das Feuer angefacht wird, noch sehr niedrig ist, so 
liegt die Feuerstelle hier doch schon nicht mehr in einer Vertiefung des 
Fussbodens, sondern über diesem. Mauerteile und eine gedrehte Säule tragen 
einen Holzkranz. Auf diesem erhebt sich ein Aufbau von dunkelgrünen, 
gerippten, glasierten Kacheln. Im Hohlräume dieses Knchelbaues sammelt 
sich der Rauch, um von dort mittels eines hölzernen Schlotes durch die 
Stubendecke und den Dachraum ins Freie geleitet zu werden. Der Ofen- 
herd diente jedoch nicht nur zum Kochen und zum Erwärmen der Stabe, 
er wurde früher, als man noch kein Petroleum hatte, auch als Beleuchtungs- 
uiittel gebraucht, gerade so, wie die Feuerstelle im Matyö-Stalle. Oft 
sassen auf niederen Stühlen, die sonst ganz den bekannten Bauernstühlen 
gleichen, nur kurze, 29 cm hohe Beine und auch kurze Leimen haben, 
15—20 Frauen spinnend um den Ofen. Die grossen Fichtenscheite, die 
dabei knisternd brannten, spendeten besseres Licht als eine schlechte Öl- 
lampe. Auf dem Schemel, der auf der Herdoberfläche am Rande stand, 
Sassen H — 4 Kinder und wärmten sich am lodernden Feuer. So war es, 
wie mir der Hüter des Hauses, Michael Karda, der mir — nebenbei 
bemerkt — die Dimensionen des Ofenherdes als zu klein geraten bezeich- 
nete, berichtet hat, noch vor etwa 20 Jahren. Heute kocht man in Szekler- 



1) Die Szekler sind ein magyar. Stamm, der die Komitate Csik, HAroniszek, Udvarhely 
und Maros-Torda in Siebenbürgen bewohnt. Ihre Seelcnzahl beläuft sicli auf rund eine 
liiillje Million. Die Szekler befassen sich fast aucsscliliesslich mit Ackerbau und Viehzucht. 

Zeitschr. (I. Vereins f. Volk.kiinde. 18'.I7. 2 



IfS Büiikor: 

Häusern nur noch im Winter in der Stube. Bei jedem besseren Hause 
befindet sich nämlich jetzt eine sogenannte Sommerküche, ein besonderes 
Nebengebäude, das einen dem abgebildeten ähnlichen Herd, einen Back- 
ofen, einen eingemauerten Wasserkessel und einen Branntwein-Brenukessel 
in sich vereinigt. Im Wohnhause selbst hat man keine Küche. Ihre 
Stelle nimmt in der Mitte des Hauses eine Speisekammer mit einem Vor- 
hause ein. 

Eine Weiterentwickeluug des Ofenherdes im Szekler-Hause bildet der 
Herd (Ofenherd), den ich in der Küche des Csängö-Hauses aus Hetfalu') 
gesehen. Fig. ß bildet ihn ab. Die Fläche, auf welcher das Feuer brennt, 
ist hier, und das ist eine der charakteristischen Unterschiede, in denen die 
Weiterentwickelung sich zeigt, noch höher vom Fussboden entfernt als 
am Herde aus dem Szekler-Hause. Der Herd hat hier Bankliöhe. Er 
steht auf vier Beinen. Diese tragen wieder einen Holzrahmen. Von unten 
wurde an den Holzrahmen ein Bretterboden befestigt. Dieser Bretterboden 
wurde mit Ziegeln ausgelegt. Die Oberflächen der Ziegel bilden die Herd- 
sohle. Oben erblicken wir wieder einen Kachelaufbau. Er schliesst die 
Feuerstelle von drei Seiten ein. Der Aufbau ist nach oben mit zierlich 
ausgezackten Kacheln abgeschlossen. Die glasierten Kacheln zeigen gelbe 
Farbe im Grunde und darauf Blumenornamente mit vorherrschend grüner 
Farbe. Bemerkenswert ist auch der eiserne drehbare Kesselträger. Im 
Hintergrund des Herdes ist das Ofenloch, durch welches der in der vorderen 
Stube stehende Kachelofen geheizt wird, sichtbar. Der links angefügte 
kleinere Herd ist als eine Neuerung zu betrachten. Soche Herde werden 
in der Hetfaluer Gegend bereits selten. Man stellt jetzt gewöhnlich einen 
kleinen Herd an den Kachelofen im Zimmer an und kocht dort. So sagte 
mir der Hüter des Hauses. 

Nach der Beschreibung des Hüters im Toroczkoer Hause '^) zu urteilen, 
scheinen in Torocskö ganz ähnliche Herde nicht in der Küche, sondern in 
den Zimmern angebracht zu sein. Der Hüter gab vor, dass ein solcher 
Herd in einer Kiste, die er mir zeigte, verpackt sei. Der Ofen wäre zu 
spät angekommen und konnte deshalb nicht mehr aufgestellt werden. Der 
einzige Unterschied, den der Toroczköer Herd dem Hetfaluer gegenüber 
aufweise, sei der, dass er von zwei Seiten, sowie der Herd im Szekler 



1) Den Namen „Csäugö" führen die iu der Bukowina und in Rumänien angesiedelten 
nnd die im Kroustiidter Komitat (Siebenbürgen) lebenden Magyaren. Hetfalu (zu deutsch: 
Siebendorf) besteht aus sieben Dörfern und liegt ira Komitate Kronstadt. Es wird bewohnt 
von 11411 magyar. und 8 892 rumiin. Einwohnern. Die magyarischen Einwohner treiben 
Ackerbau, Fuhrwerk, Holzhandel und Gewerbe, die Rumänen dagegen vorzüglich Viehzucht 
(Pallas-Lexikon). 

2) Toroczkö ist ein Marktflecken mit 1423 magyarisehen Einwohnern und liegt im 
Toroczköer Bezirk des Komitates Torda-Aranyos, Siebenbürgen (Somogyi, Magyai' Lexikon). 
„Die Bewohner von Torocskö stammen ursprünglich aus Steiermark, sind heute aber sämtlich 
magyarisiert" (Allgem. Katalog der Millennium-Landes-Ausstellung, Heft XXI, S. 12). 



Herde und Dfen in den Bauernhäusein der Budapester Ausstelhuiis-. 19 

Hause frei sei und dass auf diesen beiden freien Seiten der Holzralimen, 
der die Ziegellage einfasst, so weit vorstehe, dass mau sich darauf im 
Winter, wie auf einer Bank, bequem ans wärmende Feuer setzen könne. 

Von ähnlicher Art wie die Herde aus Hetfaln und Toroczko scheint 
auch der im siebenbürgisch-sächsischen Hause noch vorkommende und 
mit dem Namen „Lutherofen" benannte Ofen zu sein. Im siebenbürgisch- 
sächsischen Hause des Ausstellungsdorfes sah ich keinen solchen Ofen, 
doch findet sich in einem Werkchen von Gustav Schuller, „Der sieben- 
bürgisch-sächsische Bauernhof und seine Bewohner"') S. 11 ein solcher 
Lutherofen abgebildet und S. 9 kurz beschrieben. Es ist nicht gerade 
auffallend, dass sich bei dem von Schuller abgebildeten Ofen ein kleiner 
Ofen aus Blech angebracht findet, wie beim Ofen aus Hetfalu (Fig. 6), 
denn Hetfalu liegt ja dem siebenbürgisch-sächsischen Gebiete (Kronstädter 
(legend) nahe. 

Einen Ofen, der sowohl an den Ofen aus dem C'sängö-Dorfe, als auch 
an den Lutherofen gemahnt, fand ich im ethnographischen Dorfe in einem 
weiteren Hause, dessen Original ebenfalls in Siebenbürgen steht. Es ist 
dies der Ofen aus dem Kalotaszeger^) Hause, dessen Bild Fig. 7 bringt. 
Der Ofen steht in der Küche des genannten Hauses. Die Länge des Ofens 
beträgt am untersten Teile des Sockels 1,73 ??i, die Breite 1,69 m und die 
Höhe vom Boden auf 1,91 m. Der Sockel des Ofens, dessen voi-stehende 
Teile als Bänke dienen (vgl. oben die Aussage des Hüters aus dem 
Toroczköer Hause), ist gemauert. Der Ofen selbst ist ans Kacheln aufge- 
baut. Die Kacheln dieses Ofens sind flach, zeigen eine einfarbige grüne Fläche, 
die mit einem etwas erhöhten blauen Rand eingefasst ist. An den Ofen 
angebaut sehen wir auch hier wieder einen kleinen Herd, der jedoch hier 
nicht aus Blech, sondern im unteren Teile aus Ziegeln und im oberen, 
wie der Ofen, aus Kacheln hergestellt ist. Die Feuerstelle dieses kleinen 
Herdes befindet sich in dem aus Ziegeln verfertigten unteren Teil. Der 
Rauch zieht in den grossen Ofen, der, da er in der Küche steht, wohl 
hauptsächlich als Backofen dienen mag, ab. Der obere Teil des kleinen 
Herdes ist eine Bratröhre. Sie steht ebenfalls mit dem grossen Ofen 
in Verbindung und kann natürlich nur dann benutzt werden, wenn der 



1) Das Werkchen, das bei Jos. Drotleff in Heimannätadt erschien, 41 S. umfa.sst und 
nur 25 Kr. kostet, sei allen, die sich für den siebenbürgisch-.sächsischen Bauernhof und 
seine Bewohner interessieren, bestens empfohlen. 

2) Mit „Kalotaszeg" bezeichnet man jenes Gebiet im Klausenburger Komitat, das in 
der Umgebung von Bänffy-Hunyad die Thäler der Kalota und Koros umfasst und 34 Dörfer 
einschliesst. Die Einwohnerzahl dieser 34 Orte beläuft sich auf 18 000 Seelen. Ihre Sprache 
ist die magyarische. Die Bewohner des Kalotaszeg halten sich für rein magyarischer 
Abstammung, doch weisen verschiedene charakteristische Eigenheiten des Kalotaszcgcr Volks- 
stammes auf Beeinflussung seitens anderer Volksstämme hin. In einem Hause wohnen 
häufig mehrere Familien, so dass es Häuser giebt. die oft von 20 — 30 Personen bewohnt 
werden (Pallas-Lexikon). 



20 Blinker: 

Ofen geheizt wird. Ich halte dafür, dass dieser kleine Herd, ebenso wie 
der Blechherd am Csängo-Ofen und jener am sächsischen Tjutlierofen nur 
eine Zuthat aus neuerer Zeit sein dürfte. Schon die ünvollkommeuheit 
dieses Herdes, dessen obere wesentliche Hälfte nur zeitweilig gebraucht 
werden kann, dürfte dies beweisen. Noch mehr aber beweisen dies die 
beiden anderen ganz gleich gestalteten Öfen, die ich in den beiden 
Zimmern desselbsm Hauses angetroffen habe'). Sie sind nämlich nicht 
etwa wie der StuDenofen im Csängö-Hause von aussen, von der Küche 
aus zu heizen (siehe Fig. 6 das Ofenlocli im Hintergründe des Herdes), 
sondern von der Stube aus. Jeder der beiden Stubenöfen hat nämlich 
ebenso gut ein Ofenloch, wie der in Fig. 7 abgebildete Ofen im Hinter- 
grunde rechts an der Stelle, an der der hölzerne Deckel lehnt, und diese 
Ofenlöcher münden nicht in die Küche, sondern in die Stuben. Der aus 
dem Kalotaszeger Hause abgebildete Ofen dürfte demnach als eine AVeiter- 
bildung des Herdes aus dem Csängö-Hause angesehen werden müssen. 
Die Weiterbildung aber besteht darin, dass sich die eine Seite, die wir 
am Herde des Csäugö-Hauses noch offen sehen, beim Ofen aus dem 
Kalotaszeger Hause bis auf das Ofeuloch geschlossen hat. Der so weit 
geschlossene Ofen dürfte dann, so lauge das Anbauen eines kleinen Herdes 
noch nicht Gebrauch war, zum Kochen der Speisen, also selbst als Herd 
gedient haben, dem ausserdem die Aufgabe zugefallen sein wird, im Winter 
die Stube zu erwärmen. 

Ein Ofenherd, den ich im ruthenischen Hause vorfand und der gleichsam 
als ein unkultivierter Bruder des Ofens aus dem Kalotaszeger Hause an- 
zusehen ist, bringt mich auf diese Vermutung. Diesen Ofenherd bringt 
Fig. 8 im Bilde. Er steht im einzigen Wohnraum des ruthenischen 
Hauses und dient nicht nur zur Erwärmung der Stube allein, sondern auch 
zum Kochen. Es wird hier nicht nur im Winter, sondern auch im 
Sommer gekocht. Den Rauch fängt ein über dem Heizloche hängender 
Rauchfang auf, der ihn durch eine wagerechte Röhre in das Vorhaus 
(ehemals Stall) ableitet. Die vordere Hälfte des Vorhauses hat keine 
Decke. Der Rauch steigt demnach frei in den Dachraum und entweicht, 
wo er kann, durch das Strohdach. Der Ofen ist von zwei Seiten mit 
einer Bank umgeben. 

Die Herde und Ofenherde, die ich bis jetzt beschrieben, werden sich, 
wie aus dem Gesagten hervorgeht, aus der primitivsten Form (Feuerstelle 
im Matyö-Stalle) und zwar in der Stube entwickelt haben, d. h. in jener Form 
des oberdeutschen oder mitteleuropäischen Flurhallenhauses, die nur einen 
Raum kannte, der zugleich Wohn-, Schlaf- und Kochraum war. Das Be- 

1) Ob das Vorkommen dreier gleiclier < ifen, wovon einer in der Küche, zwei iu den 
Stuben stehen, eine typische Erscheinung im Hause aus dem Kalotaszeg bildet, vergass 
ich leider zu fragen. Die vorige Anmerkung, nach welcher oft mehrere Familien ein 
Haus bewohnen, lässt dies aber vermuten. 



Horde und Ofeu in dm BaiH'ridiäuscvn der Budapeslcr Ausstellung. 21 

dürfnis, den Raucli, welcher sich ursprünglich im ganzen Ranni ausbreitete, 
auf einen kleineren Raum zu Ijeschränken, hat den Menschen dazu ver- 
anlasst, dass er die Feuerstelle so viel und so gut als möglich eindämmte 
und sich bestrebte, den Rauch aus diesem geschlossenen Raum (Feuer- 
schirm, Rauchmantel, Kamin) abzuleiten. Dies erklärt den stufenweisen 
(lang der Entwickelung, den die Herde genommen und bestätigt wohl 
auch die Annahme, dass die Entwickelung in der Stube vor sich gegangen 
sein niuss. Von den iierangezogenen Herden stehen überdies fünf noch 
lieute in Stuben und zwar der des Szekler-, des Toroczköer, des sieben- 
hürgisch-sächsischen, des Kalotaszeger und des ruthenischen Hauses. 

Die Herde, von denen ich jetzt sprechen will, sind jüngeren Ursprunges. 
Sie haben sich zu einer Zeit entwickelt, in der das Haus bereits über 
einen eigenen Herd- oder Kochi-aum, die Küche, verfügte. Hier kam es 
nun nicht mehr darauf an, sich vor dem Rauch in einer Weise schützen 
zu müssen, wie dies in der Wohnstube notwendig war, denn man war ja 
nicht mehr genötigt, in diesem Räume den grössten Teil des Tages zu 
verbringen, hier im Rauche zu arbeiten, zu essen und zu schlafen. Die 
Herdformen, die sich da herausgebildet haben, sind darum auch bis in die 
neueste Zeit herein im Bauernhause primitivere geblieben. 

Unter Fig. 3 habe ich die Küche des Hauses aus Büd-Szt. Mihäly') 
abgebildet. Rechts im Hintergrunde dieses Bildes erblickt man auf einer 
gemauerten Bank, die sich an der rechtseitigen Küchenmauer entlang zieht, 
eine Vorrichtung, die unschwer eine Feuerstelle erkennen lässt. Es be- 
findet sich dort ein eingemauerter Kessel, in dem Wasser zum Abbrühen 
der Wäsche, des Schweine- oder Rinderfutters ei'hitzt wird. Zum Kochen 
von Speisen wird dieser Kessel nicht benutzt. Etwas vor dem Kessel 
deutet ein in der Bankhöhe angebrachtes Ofenloch eine zweite Feuerstelle 
au, die sich im Stubenofen befindet. Gegenüber dieser Bank zieht sich 
an der linken Küchenmauer eine zweite gemauerte Bank hin. Auch dort 
ist ein Ofenloch, innerhalb desselben liegt im Ofen der zweiten Stube 
eine dritte Feuerstelle. Eine Feuerstelle, die nur zum Kochen der Speisen, 
also als eigentliclier Küchenherd dient, fällt dem uneingeweihten Beschauer 
des Bildes gar nicht auf, und doch sind sogar zwei Herde in der Skizze 
zu erblicken. Die beiden Herde sind die beiden gemauerten Bänke. 
Gekocht wird zumeist nur auf einer dieser Bänke. Bewohnen aber zwei 
oder mehrere Familien, was im allgemeinen in Ungarn häufig vorkommt, 
ein Haus, so stehen beide Bankherde in Verwendung. Das Feuer wird 
in der Regel vor dem Ofenloch angefacht. Die Töpfe, in denen die Speisen 
(Suppen, Siedefleisfdi, Kartoffeln etc.) gekocht werden, stellt maTi einfach 



1) Büd-Szt. Mihäly ist eine Grossgenieindc, welche 1294 Häuser und 6903 Einwohner 
magyarischer Zunge zählt. Unter den Einwohnern sind 5085 Evargclische, den Rest bilden 
Juden. Büd-Szt. Mihäly liegt zwischen Nyiregyhäza und Tisza-Lök, also im nördlichsten 
Teile der grossen ungarischen Tiefebene. 



22 BiinkiT: 

um das Feuer lieruni. Speisen, die in Reinen gebacken odei- gebraten 
■werden (Bratfleisch, Strudel etc.) werden, wenn die Reinen nicht selbst 
drei Beine haben, auf Dreifüsse gestellt. Der Rauch steigt natürlich frei 
in die Höhe, sammelt sich unter dem Tonnengewölbe, das meistens die 
Küche deckt, und entweicht durch einen im höchsten Punkte des Gewölbes 
aufgesetzten Schlot. Im Winter wird übrigens zumeist nicht auf dem 
Bankherd gekocht, sondern im Stubenofen. Die Töpfe werden mittels 
einer Gabel, der Ofengabel, welche ich fast in jedem der Häuser mit offenen 
Herden vorfand, durch das Ofenlocii in den Ofen ans Feuer gestellt'). 
Der Rauch, der sich im Ofen entwickelt, eutweicht durch das Ofenlocii 
in die Küche. Herd und Ofen sind hier auf das engste mit ein- 
ander verbunden. Es ist diese Anlage, in welcher der Stubenofen mit 
dem Herd in so enger Verbindung steht, in Häusern vom oberdeutschen 
oder mitteleuropäischen Flurhallen-Typus aus der Zeit, in der die Ab- 
trennung eines gesonderten Herdraumes vom Wohnräume bereits durcli- 
geführt war, wohl als die ursprünglichste, die älteste anzusehen. 

In dieser Annahme bin ich bestärkt worden, seit ich jenen Ofenherd 
gefunden habe, den ich aus dem ruthenischen Hause des Ausstellungsdorfes 
oben bereits beschrieben und unter Fig. 8 abgebildet habe. 

Denkt man sich nämlich bei diesem Ofen das Ofenloch an der Seite 
angebracht, die an die Wand des Vorhauses gerückt ist, so dass das Ofen- 
loch die Mauer durchbricht und in das Vorhaus mündet, so ist die Ein- 
richtung der vorbesprochenen einfachen Verbindung des Ofens mit dem 
Herde schon als die ursprünglichste erklärt: der Ofen birgt die Feuerstelle, 
an der gekocht wird. Eine Bank, wie eine solche vor dem Ofenloch des Ofens 
im ruthenischen Hause steht, wird auch vor dem Ofenloch im Vorhause auf- 
gestellt worden sein, um darauf Kochgeschirre und -Geräte abstellen oder 
-legen zu können. Das Heizen des Ofens im Sommer, wodurch die Hitze 
in der Stube geradezu unerträglich geworden sein muss, dürfte als un- 
praktisch erkannt worden sein. Das Feuer, an welches die Töpfe gestellt 
werden mussten, wurde im Sommer daher aus dem Ofen heraus auf die 
Bank gerückt. Natürlich musste sie vorher feuersicher gemacht, d. h. 
gemauert worden sein. So wird aus dem Vorhaus die Küche und aus der 
Bank der Baukherd entstanden sein, wie ich ihn aus dem Büd-Szt. Mihälyer 
Hause bekannt gemacht und ihn ausserdem noch in gleicher Gestalt im 
Matyö-Hause aus Mezökövesd gefunden habe. 

An den Bankherd erinnert übrigens auch der Herd in der Küche des 
wendischen Hauses aus Perestö"). Er nimmt nämlich wie der Baukherd 

1) Vgl. hiezu meine Arbeit „Das Bauernhaus in der Heanzerei (Westungarn)', S. 121 
bis 123 in Bd. XXV der „Mitteil, der Anthropologischen Gesellschaft in Wien". 

2) Wenden wohnen im Eisenburger Komitate südlich von der Raab, entlang der 
steirischon Grenze nach dein Ergebnis der Volkszählung v. J. 1891 über 21 000 und im 
iinschlipssendeii, südlich davon gelegenen Gebiete des Zalaev Komitats 47 000, 



Honle und f'feii in den Baiieniliäuserii der Budaposter Ausstellung. 23 

die ganze Länge jener unter den vier Wänden ein, welche die Küche von 
der Wolmstube trennt. In der Höhe der Herdoberfläclie befinden sich 
hier zwei Ofenlöcher neben einander. Das eine dient zum Heizen des 
Stubenofens, das andere zum Heizen eines Backofens, der neben dem 
Stubenofen im "Wohnzimmer steht. Der charakteristische Unterschied des 
Herdes im wendischen Haus von den Bankherden besteht darin, dass der 
Herd im Wendenhause bedeutend höher und breiter ist. Seine Oberfläche 
kommt somit der eines Tisches gleich. 

Auch der Herd im deutschen Hause aus Haudlova^) gemahnt an die 
Baukherde. Auch er nimmt in der Küche die ganze Länge jener Mauer 
ein, die Stube und Küche scheidet, und auch dieser Herd ist bedeutend 
höher als eine Bank, dafür aber nicht erheblich breiter als eine solche. 
In der Höhe der Herdoberfläche gewahren wir wieder das Ofenloch. Über 
diesem sehen wir hier ein „Zugloch", welches bezweckt, dass das Feuer 
im Ofen besser brenne. Dieser Herd ist zudem deshalb interessant, weil 
sich über ihn, wie Fig. 9 ersehen lässt, ein Feuerschirm wölbt, der die 
aufsteigenden Funken niederschlägt. Er ist hier notwendig, weil die Decke 
der Küche aus Holz gefügt und nicht gewölbt ist. 

In den Häusern aus Csököly und Kishartyän sind die Herde auch 
noch den Stubenöfen nach Art der Bankherde vorgebaut, sie sind aber 
ebenfalls höher und zudem schon verkürzt, d. h. sie nehmen nicht mehr 
die ganze Länge der Küchenwand ein, obwohl beispielsweise der Herd in 
dem Hause aus Kishartyän bei einer Höhe von 80 cm und einer Breite 
von 90 cm immerhin noch eine Länge von fast 2 m beträgt. Der Kis- 
hartyäner Herd trägt ebenso wie der Herd im Handlovaer Hause einen 
Feuerschirm. Seine Form ist jedoch, wie Fig. 10 zeigt, eine ganz andere. 
Der Abstand des Schirmes von der Herdoberfläche beträgt 80 cm, die Höhe 
des Schirmes 1,30 cm. Auch die Skizze Fig. 10 lässt in der Höhe der 
Herdoberfläche das Ofenloch sehen. 

Mit dem schmalen Bankherd mag die Frau des Hauses besonders 
dann, wenn das Haus ein grosses, stark bevölkertes ist, nicht immer gut 



1) Handluva ist ein Markttleckcn im Piivigyeer Bezirk des Komitates Neutra und wird 
(1891) von 3506 deutschen Einwohnern bewohnt. Die in und um Haudlova wohnenden 
Deutschen werden Krickerhiluer genannt. Sie sind die Überbleibsel eines vormals aus- 
gedehnten deutschen Stammes und bewohnen unter Slaven heute noch in di-ei Gruppen 
3 Marktflecken und 31 Dörfer in den Komitaten Neutra, Bars und Tnrtiez. Das Abnehmen 
der Kriekerhäuer erklärt sieh dadurch, dass sie slavisiert werden. Ihr Dialekt gleicht 
dem der Deutschen in der Zips und im nördl. Böhmen, sie stammen daher wahrscheinlich 
von dorther ab. Die Männer sind hausierende Händler, die Frauen besorgen die Bestellung 
der Felder, wobei sie selbst den Ptlug ziehen. Die Krickerhäuer sind ein sehr gesittetes, 
nücliternes, ehrliches, fleissiges und genügsames Volk. Viele unter ihnen werden alt, ohne 
je Fleisch genossen zu haben (Pallas-Lexikon). „Die deutschen Bauern der Gemeinde 
Handlova sind das interessanteste Völklein deutscher Zunge im Lande, denn sie leben 
noch in Hausgemeinschaften" (Allgem. Katalog der Millenium-Landes-Ausstellung). Die 
eingehende Erforschung dieses deutschen Volksstammes wäre nicht nur brichst wünschens- 
wert, sondern auch hoch an der Zeit. 



24 Blinker: 

ihr Auskommen finden. Es erklärt sich daher leicht, dass mau bestrebt 
war, die schmale Herdfläche wenigstens in einzelnen Teilen zu verbreitern. 
Mit der Verbreiterung ging dann wohl auch die Erhöhung der nicht gerade ' 
handsameu, nur bankhohen Feuerstelle Hand in Hand. Ein Beispiel dieser 
durch die Verhältnisse notwendig gewordeneu Weiterentwickelung des 
Bankherdes zu einer eigenen Feuerstello, zum offenen Herd, fand ich 
im serbischen Hause aus Czrepälya. 

Die Planskizze Fig. 11 veranschauliclit, wie hier Herd, Herdbank und 
Stubenofeu zu einander liegen. H ist der Herd. Er ist breiter und höher 
als die Herdbank H—B. Die Herdbank ist dem Stubenofen vorgebaut. 
Über der Herdbank öffnet sich das Ofeuloch in die Küche. Wir haben 
hier also schon einen eigenen Herd vor uns. 

Fig. 12 bietet die Planskizze des bulgarischen Hauses aus Vinga. 
Wir finden da bei H—B und E — B^ zwei Herdbänke vor, die die ganze 
Länge der beiden Küchenmauern einnehmen, an die sie augebaut sind. 
Keine der beiden Herdbänke dient hier als Feuerstelle. Zum 
Kochen sehen wir in der Küche eine eigene Peuerstelle errichtet, einen 
Herd H, der von drei Seiten frei ist und mit seiner vierten Seite au 
die Rückenwand der Küche ansteht. Der Herd hat rechteckige Basis, ist 
massiv aus Ziegeln erbaut und hoch. Vor dem Herde befindet sich eine 
gemauerte Stufe, auf welche die Bäuerin beim Kochen sich stellt. In der 
Oberfläche des Herdes ist eine quadratische Grube, die Aschengrube. 
Über sie wird das Brennmaterial gelegt. Sie dient, wie ihr Namen sagt, 
dazu, die sich bildende Asche aufzunehmen. Die Kochgeschirre werden 
um die Grube herum aufgestellt. 

Die freie Lage des Herdes erklärt sich wohl von selbst. Sie ist 
praktisch, weil die Köchin von drei Seiten an den Herd herantreten 
kann. 

Die gemauerten Bänke bilden auch hier wieder für die Stubenöfeu 
einen Vorbau, auf den die Ofenlöcher münden. 

Ganz ähnlich dieser Küche ist die Küche im Hause aus Szegvär, wie 
Fig. 13 nachweist. Der Herd H steht von drei Seiten frei. Er ist 78 cm 
hoch, 80 cm breit und 1,30 m lang. Die beiden gemauerten Bänke B und 
Bj nehmen auch hier wieder nicht mehr die ganze Länge der Küchen- 
wände ein, sondern entsprechen in ihrer Länge genau der Tiefe der 
Zimmeröfen. Ihre Höhe beträgt 55 cm. Sie sind demnach eben so hoch 
als die Bänke, welche in den Stuben die Öfen umfangen. 

Die gemauerten Bänke haben, wie mir der Hüter des Szegvärer 
Hauses sagte, den Zweck, das Feueruugsmaterial (Stroh), das zum Heizeu 
auf dem Herde und in den Öfen verwendet wird, aufzunehmen. Sie leisten, 
wie ich weiter erfragte, einen noch wichtigeren Dienst. Die Stubenöfen 
werden in einem grossen Teile der Häuser, welche im ethnographischen 
Dorfe nachgebildet sind, auch zum Backen des Brotes verwendet. Auf die 



Herde uud Öfen in den Baucrnhänseni der Budapester Ausstellung. -'5 

Bäuke werdeu nun die Brotkörbe gestellt, bevor die Laibe in den Ofen 
kommen. Die Bänke dienen der „Ofenschüssel" (Brotseliaufol), mittels 
welcher die Laibe in den Ofen befördert werden, als Unterlage, uud sie 
nehmen die heissen Brote auf, wenn sie aus dem Ofen kommen. Dies 
ist die Ursache davon, dass sich die gemauerten Bänke, die ehedem und 
teils auch heute noch, wie nachgewiesen, selbst als Feuerstellen (Bauk- 
herde) dienten, auch noch in Küchen vorfinden, die wie die beiden zuletzt 
beschriebenen bereits über eigene Herde verfügen. 

Ich fand dann weiterhin im ethnographischen Dorfe nocli Herde, die 
wieder einen weiteren Schritt der Entwickelung bedeuten. Es sind dies 
jene offenen Herde, die zugleich als Backöfen dienen. 

Fig. 14 und 15 mögen wohl die Stufen verauschaulicheu, über die der 
erwähnte Schi'itt zur Weiterbildung genommen wurde. 

Fig. 14 bildet den offenen Herd ab, den ich im Hause aus Jäsz-Apäthi 
skizzierte. Er ist nahezu würfelförmig und ist aus Ziegeln erbaut. Um 
Material zu ersparen, vielleicht, um einen gut zu verwertenden Raum in 
der Küche zu gewinnen, vielleicht auch aus beiden Gründen zugleich 
gewahren wir im Herdkörper einen ziemlich grossen Raum ausgespart'). 
Ich erfuhr, dass der Raum dazu diene, das Holz zum Heizen aufzunehmen. 
„Auch die Bruthenne", sagte mir der Hüter des Hauses (Blasius Nagy), 
„findet hier ab und zu Raum." Man mag bald darauf gekommen sein, 
dass sich dieser Raum unter dem Herde noch bei weitem besser verwerten 
lasse. 

Fig. 15 bietet das Bild eines Backofens aus dem Hetfaluer Bauernhofe. 
Der Backofen steht nicht in der Küche oder in der Stube des Wohnhauses, 
sondern ist ausser demselben, im Hofe unter einem offenen Schuppen unter- 
gebracht, der lediglich aus vier Säulen und einem darüber gelegten Stroh- 
dache besteht. Das Heizloch mündet oberhalb der Sockeloberfläche aus 
der Wölbung des Ofens. Die Nische an der Stirnseite des Sockels bietet 
den Füssen beim Einführen des Brotes Raum und vermeidet, dass der 
Kalkanstrich des Ofens durch die Fussspitzen abgestossen wird. 

Denkt man sich nun die senkrechten Mauern des Sockels empor- 
geführt bis zur Höhe des höchsten Punktes der Wölbung und den Raum 
um die Wölbung durch Mauerwerk so weit ausgefüllt, dass sich oben eine 
ebene Fläche ergiebt, so hat man jenen weiter entwickelten Herd vor sich, 
von dem ich oben sprach. 

Das Bild eines solchen Herdes bietet Fig. 17. Dieser geräumige 
Herd, der in der Küche des Hauses aus Toroczkö steht und dessen Höhe 
vom Fussboden auf (ohne die verzierende Brüstung an der Stirnseite) 1 /«, 
dessen Breite 1,94 -m und dessen Tiefe 1,91 m misst, schliesst gegenüber 

1) Der Herd, den ich in der Küche des siebenbürgisch-sächsi sehen Hauses skizziert 
habe und dessen Bild Fig. 16 giebt. mag seine eigenartige Gestalt wohl denselben Uründin 
verdanken. 



■2t\ HüiikiT: 

der zuletzt, bescliriebeneu Feuerstelle nennenswerte Vorteile, welche eben 
die Weitereutwickelung ausmachen, in sich. Der Hohlraum des Jäsz- 
Apiithier Herdes ist hier zum Backofen geworden, oder anders genommen, 
der im Freien stehende Backofen des Csängö-Hauses dient, nachdem er 
in einfacher Weise umgestaltet und in die Küche versetzt woi'den war, auch 
als Herd, da man auf seiner Oberfläche kocht, mit anderen Worten, der 
Fig. 17 abgebildete Herd aus Toroczkö schliesst einen Backofeu 
in sich. Wollten die Hetfaluer Csängo ihren Herd nach dem Muster des 
Herdes aus Toroczkö umgestalten, so wären sie nicht gezwungen, ihr Brot 
im Freien zu backen, und wollte man in den Häusern des deutscheu 
Handlova, des magyarischen Jasz-Apiithi, Szegvar, Kishartyan, ßüd-Szt. 
Mihfily, des rumänischen Szällaspatak und Koruyareya, des serbischen 
Czrepiilya, des bulgarischen Viuga, des sokaczischen Szantova und des 
ruthenischen Vereczke, woselbst überall nach den Typen des Ausstellungs- 
dorfes der Stubenofen als Backofeu dient, die Herde nach dem Toroczköer 
Modell einrichten, so wäre man nicht genötigt, die Hitze in den Zimmern 
während des Sommers, wenn in den Stubenöfeu Brot gebacken werden 
muss, durch das Heizen bis zur Unerträglichkeit zu erhöhen. Auch hierin 
liegt ein nicht zu verkennender Fortschritt in der Entwickelung, den der 
Toroczköer Herd vor den vorbeschriebenen Herden voraus hat. 

Herde nach dem Muster aus Toroczkö sah ich nur noch in den 
magyai'ischen Häusern aus Szt. Gaäl und Zebeczke. In wenigen anderen 
Häusern, die ich in der vorstehenden Zusammenstellung jener Häuser, in 
denen der Stubenofen als Backofen ilient, nicht erwähnt habe, fand ich, 
so wie im Csängö-Hause, zum Backen des Brotes eigene Öfen, Backöfen 
vor. Ausser dem schon erwähnten Backofen aus dem Csängö-Hause sah 
ich eigene Backöfen nur im deutscheu Hause aus Metzeuseifen, im magy- 
arischen Hause aus Csököly, in der Sommerküche des magyarischen Hauses 
aus Csik-Szt. Domokos und im wendischen Hause aus Perestö. 

Von diesen Backöfen halte ich zwei der eigenartigen Horstellungsweise 
wegen einer kurzen Bes])reehuug wert. Der eine der beiden ist der bereits 
in Rede gewesene Backofeu aus Hetfalu (Fig. 15). 

Der Sockel dieses Ofens ist aus Ziegeln aufgemauert. Der obere 
Teil, der eigentliche Backofen, ist aus Lehm hergestellt. Der Lehm wird 
in Wasser aufgeweicht uml tüchtig mit den Füssen geknetet. Um ihm 
grösseren Halt zu geben, wird in den Lehmbrei Weizenspreu gemengt, so 
dass er zu einem dichten zäheu Teig wird. Auf das Formen solcher Ofen 
verstehen sich nur wenige Leute, in manchen Gegenden sind es die Hafner. 
Von besonderem Interesse ist wohl die Mitteilung des Hüters im Csängö- 
Hause (Samuel Martin Bälint), dass über der obersten Ziegellage des 
Sockels eine Schicht Glassplitter eingemauert wird. Diese Glasschicht 
wird mit einer dünnen Lehnischicht. die den Brotlaiben als Unterlage dient 
und welciie so glatt als iiitjglich gerielicn wird, überzogen. „Die (jlas- 



Herde und Ofen in den Bauernhäusern der Budapestcr Ansstcllun». 27 

schiebt bewirkt, dass das Brot schön ausgebackeu wird", so sagte mir 
Bälint. 

Fig. 18 bildet den Backofen des Hauses aus Csököly ab. Va- steht in 
der Küche. Die hintere Wand des Ofens stösst an die rückwärtige 
Kücheuwand. Seine Breite (Stirnseite) beträgt 2,1 m, die Länge 2,2 7n 
und die Höhe 1,67 ?w. Der ganze Ofen wird aus Lelnn aufgeführt. Der 
Lehm wird wieder mit Weizenspreu gemengt. Die Herstellung des Ofens 
geschieht auf folgende Art. Es werden drei Bretter am Boden der Küche 
dort, wo der Ofen errichtet werden soll, so auf ihre Kanten gestellt, dass 
sie genau den Eaum einschliessen, den der Sockel des Ofens einnehmen 
soll. Dieser Raum wird mit dem zähen Lehmteig ausgestampft. Ist der 
Sockel auf diese Weise fertig gestellt, so wird auf demselben wieder ein 
Brettergefüge aufgestellt, das jenen Raum umfängt, den der Kern des 
Ofens, der mittlere Teil, ausfüllen soll. Dieser Raum wird nun auch mit 
Lehmteig ausgestampft. Auf gleiche Weise entsteht der oberste Teil des 
Ofens. Innerhalb eines Tages ist der Ofen aufgebaut, und schon am 
nächsten Tage können die Bretter entfernt werden. Man lässt den Ofen 
nun drei oder vier Tage stehen, damit der Lehm bis zu einem gewissen 
Grad austrocknet und dadurch einen erwünschten Grad von Härte erhält. 
Hierauf wird der Ofen ausgehöhlt. Es geschieht dies mittels einer krumm 
geschmiedeten Schaufel, deren Kanten scharf geschliffen werden müsseu. 
Mau beginnt natürlich mit dem Ofenloch. Dies muss so gross gemacht 
werden, dass ein Mann durch dasselbe hineinkriechen kann, imi innen die 
Aushöhlung fortsetzen zu können. Eine Tagesarbeit stellt die Höhle im 
Innern des Ofens fertig. An den Längsseiten des Ofens werden nahe der 
Vorderseite Zuglöcher durch die Ofeuwände gebohrt, die das Brennen er- 
leichtern. So lässt man den Ofen noch durch etwa eine Woche stehen, 
um ihn noch besser austrocknen zu lassen. Hierauf wird er durch fort- 
währendes Heizen, das einen ganzen Tag währt, ausgeheizt. Ist dies 
geschehen, so wird der ganze Ofen, um ihm ein schmuckes Aussehen zu 
verleihen, mit weissem Lehmbrei oder mit Kalkmilch geweisst. 

Zur vollständigen Ausstattung des Backofens gehört übrigens noch 
ein halbkreisförmiger Deckel („tevö" oder „betevö", part. präs. v. tenni, 
betenui machen, zumachen, daher: das Zumachende, der Deckel), der 
vor das halbkreisförmige Ofeuloch gestellt wird, damit die Hitze, wenn 
gebacken wird, aus dem Ofen nicht entweicht. Auch die Herstellungs- 
weise dieses Deckels ist von Interesse. Man nimmt eine Holzleiste vou 
der Länge, die der Deckel in seinem untersten Teil erhalten soll. In eine 
Seite dieser Leiste werden Löcher gebohrt und in diese Stäbe von ver- 
schiedener Länge so gesteckt, dass ihre freien Enden in der Peripherie 
eines Halbkreises liegen, der die Grösse des Deckels bestimmt. Diese 
Stäbe werden nun mit Weidenruten verflochten. Dies (lellecht bildet das 
Gerippe des Deckels (s. Fig. 19). Es wird von lieidcii Seiten ctwit tinger- 



28 Bunker: 

dick mit Tjehm belegt. Die beiden Lelimschicliten werden an ihren Aussen- 
flächen geglättet. Man liisst den auf diese Weise hergestellten Deckel gut 
trocknen und be\Yeisst ihn dann auch mit Kalkmilch'). 

Die Art und Weise der Anfertigung dieses Deckels erinnert lebhaft 
an die Herstellungsweise einer Art von Stubenöfeii — ich komme nun 
auf diese zu sprechen — die ich in mehreren Häusern des Ausstellungs- 
dorfes vorgefunden und die über einen grossen Teil Ungarns verbreitet 
zu sein scheint. Die Stubenöfen, von denen ich spreche, trugen im grossen 
und ganzen in all den Häusern, in denen ich sie fand, fast ganz gleiche 
Form, waren aus demselben Material erbaut und mit geringen Abweichungen 
in derselben Weise hergestellt. 

Ich bilde unter Fig. 20 einen der Stubenöfen des Hauses aus Jdsz- 
Apiithi ab. In diesem Hause stehen nämlich zwei solche Öfen, der eine 
im vorderen, der andere im hinteren Zimmer. Nach der Mitteilung des 
Hüters im Szegvärer Hause, Emerich Varga, der ein Hafnermeister ist und 
sich mit der Aufstellung solcher Öfen im Rahmen seines Handwerkes 
befasst, werden diese Öfen in seiner Gegend (Csongräder Komitat) „paraszt- 
kälyha" (Bauern-Öfen) genannt. Der Hüter des Jäsz-Apäthier Hauses, 
Blasius Nagy aus Jasz-Arokszälläs, hingegen sagte mir, dass in seiner 
Gegend (Komitat Jäsz - Nagykun - Szolnok) dieser Art von Öfen dreierlei 
Namen beigelegt werden; man nennt sie „kemencze" (Backofen), „bübos" 
(der Gewölbte) oder scherzweise auch „banya" (Hexe, Yettel). Der Ofen 
besteht, wie aus der Zeichnung Fig. 20 ersichtlich ist, aus drei Teilen. 
Der unterste Teil ist der Sockel, der aus Ziegeln gemauert, mit Lehm 
glatt verschmiert und mit Kalkmilch geweisst ist. Er ei-reicht die Höhe 
von 35 cm. Der vorstehende Teil des Sockels dient als Bank und heisst 
„padka" (dim. v. päd Bank). Über dem Sockel erhebt sich in Form 
eines Kegelstumpfes der zweite Teil, der eigentliche Ofen in einer Höhe 
von 1,52 m. Vom Kegelstumpf führt ein dritter Teil, die Heizrohre^ an 
die Zimmerwand. In Jasz-Apätlii nennt man die Heizröhre „nyakväl" 
(Hals), in Szegvär „torok" (Schlund). Das Ofenloch, das in die Küche 
mündet, führt den Namen „kemensze-szäj" (Ofen = Mund). 

Der Ofen wird nun liergestellt wie folgt: Auf dem Sockel wird ein 
Gestell von der Grösse und Form, die der Ofen erhalten soll, aus Latten 
aufgestellt. Die Latten sind oben und unten durch eiserne Reifen zu- 

1) Mein Gewährsmann, der Hüter des Csökölyer Hauses, PVanz Korez, dem ich die 
Beschreibung der eigenartigen Anfertigung des Backofens verdanke, sagte mir, dass auf 
dieselbe Weise, wie der beschriebene Deckel (tevö) gemacht wird, in der Gegend von 
Csökölj auch die Wände der Schweineställe hergestellt werden. Natürlich ist das Geflecht 
im Innern der Wand ein stärkeres und die Lehmschichten sind dickere, so dass der Durch- 
messer einer Wand etwa 1 (hu beträgt. „Die Wände", sagte er mu-, „halten so warm, 
dass in einem solchen Stall noch nie ein Schwein erfroren ist, der Lehm aber (natürlich 
wieder mit Spreu gemengt) wii-d so hart, dass Schweine eher eine aus Fichtenholz gefügte 
Wand durcbnagen können als die Lehmwand." 



Herde und Ofen in den Baiienihänsein der Bndapester Ausstellung. 29 

saiiimongelialteii. Es wird nun ein steifer Lelimteig, mit Spreu vemieugt, 
aussen und innen an das Latteiigestell angeworfen und mit einem Eeib- 
brett, wie es der Maurer verwendet, glatt gerieben. ]\ran beginnt mit dem 
Anwerfen unten. Hat das Gestell unten durch die Lehmschichten, die 
aussen und iunen in der Stärke eines Fingers aufgetragen werden, bereits 
genügenden Halt gewonnen, so wird der untere Reifen entfernt. Zu 
gegebener Zeit entfernt man auch den oberen Eisenreifen. Der Deckel 
des Ofens wird separat aufgesetzt. Er hat ein Geflecht zum inneren 
Gerippe. Die Sohle des Ofens bildet ebenfalls eine Lehmschicht, die mit 
dem Reibbrette festgescljlagen und glattgerieben wird. Man lässt den 
Ofen einige Tage durch die Luft trocknen, dann wird er ausgeheizt. Es 
wird anfangs nur schwach geheizt, um den Ofen allra<ählich zu erwärmen. 
Ist dies erreicht, wird starkes Feuer angefacht. Geheizt wird mit Stroh 
durch volle -24 Stunden. Beim Ausbrennen des Ofens verkohlen natürlicli 
die Holzlatten im Innern der Ofenwand und das Holzgefleciit im Deckel 
(Blasius Nagy). Der hierbei entstehende Hohlraum bildet einen Luft- 
polster, der als schlechter Wärmeleiter es bewirkt, dass der Ofen die Hitze 
lange hält. 

In Büd-Szt. Miliiily wird das Gestell, das dem Ofen als Gerippe dient, 
nicht aus Holzlatten, sondern aus den Stämmen der Sonnenblume zusammen- 
gestellt') (Gabriel Töfalusi). In Mezökövesd verwendet man zum Gestell 
wieder Holzlatten. Dieselben werden jedoch nur aussen mit Lehm be- 
worfen. Ein Luftpolster bildet sich hier im Innern des Ofens also nicht. 
Ein solcher Ofen hält 15—20 Jahre an, ebenso lange auch die Lehmschieht, 
welche die Sohle des Ofens bildet. Nach Ablauf dieser Zeit ist der Ofen 
„ausgebrannt" und muss durch einen neuen ersetzt werden (Johann Lukäes). 
In Szegvär werden die Öfen zumeist so errichtet, wie in Jäsz-Ap;ithi. 
Man mauert sie aber auch, um sie durch längere Zeit haltbar zu machen, 
mittels kleiner Stücke von Dachziegeln auf. Wird der Ofen auch zum 
Brotbaeken verwendet, was zumeist der Fall ist, so wendet man als Binde- 
mittel mit Spreu vermengten Lehm an, gebraucht man aber den Ofen zum 
Brotbacken nicht, so nimmt man Mörtel (Emerich Varga). 

Im schwäbischen Dorfe Gross-Jecsa werden die Öfen auch aus kleinen 
Ziegelstückchen künstlicli aufgebaut. Als Bindemittel dient Lehm. In 
früherer Zeit wurde diese Art von Öfen aus eigens dazu geformten Ziegeln 
aufgebaut, die man „Ofensteine" nannte. Sie sollen etwas grösser als Dach- 
ziegel gewesen sein. Aussen wurden die Ofensteine mit Lehm verschmiert, 
damit der Ofen die runde Form erhielt. Beim Bau der Öfen verwendet 
man in Gross-Jecsa kein Lattengestell der vorbeschriebenen Art, sondern 
nur ein einfaclies Stabgefüge von der in Fi"-. 21 abgebildeten Form. 



1) In Büd-Szt. Mihäly bedient man sich der .Stämme der Sonnenblume auch zum 
Errichten von Zäunen. 



;^() Bünki'r: Henlc iiiiil (ifon in Jen Bauernhäiiserii der Budapester Ausstellung. 

Dieses Gestell wird auch nicht eingemauert. Es dient nur dazu, dem 
Erbauer des Ofens an vier Seiten die schräge Richtung anzudeuten, in 
welcher der auch hier runde Ofen aufgebaut werden soll. Das zerlegbare 
Gestell wird entfernt, wenn die Höhe, die der Ofen erhalten soll, erreicht 
ist und ehe der Deckel aufgesetzt wird (Jakob Gutekinist). 

Wie schon oben angedeutet, ist die Form dieser Öfen im grossen 
und ganzen überall fast ganz dieselbe. Die Öfen unterscheiden sich im 
Äusseren nur durch die Grösse und hier und da durch spärlich angewendete 
Verzierungen. Während die ganze Höhe des Ofens im Jäsz-Apäthier 
Hause nur 1,S7 m beträgt, misst der Ofen im Hause aus Szegvär vom 
Boden Ins zum oberen Rande des Kegelstumpfes 2,39 m. Ausserdem hat 
dieser Ofen oben zum zierenden Abschluss noch einen Kegel aufgesetzt, 
auf dessen Spitze eine Kugel thront. Wie mir jedoch der Hüter des 
Hauses sagte, sei dieser Aufsatz in seiner Heimat nicht gebräuchlicli. Der 
Deckel des Ofens sei stets flach, damit man dort im Winter Speisen warm- 
steilen könne. Jakob Gutekunst sagte mir dasselbe von den Öfen seiner 
Heimat. Um dem Deckel Tragfähigkeit zu verleihen, wird im Innern des 
Deckels ein Rost, gebildet aus Eisenstäben, augebracht. Die Verzierung 
des Ofens besteht zumeist nur aus einem Gesims, das sich um den oberen 
Rand des Ofens legt (Jecsa, Büd-Szt. Mihäly, Mezökövesd, Kishartyän). 
Am Ofen des Hauses aus Büd-Szt. Mihäly ist die Oberfläche der „padka" 
(Ofenbank) mit einem braungestrichenen Brett belegt. Beim Ofen des 
Hauses in Mezökövesd befindet sich keine gemauerte padka. Der Sockel 
des Ofens verjüngt sich hier nach unten und ist mit handbreiten Brettchen 
zierlich verschalt. Um den Ofen herum zieht sich eine Bretterbank, 
welche von unten durch Träger gehalten wird. Im Palöczen-Hause aus 
Kishartyän weitet sich die padka nach einer Seite aus und schliesst an 
dieser Stelle einen kleinen Sparherd, der im Winter gebraucht wird, in sich. 

Über die Stubenöfen, die ich in anderen Häusern des ethnographischen 
Dorfes gefunden, lässt sich nichts Besonderes mitteilen. Es sind zumeist 
Kachelöfen gewöhnlicher Form. Die flache Kachel herrscht vor. Im 
Zebeczkeer Hause allein steht ein Ofen mit schüsselartigen. vertieften 
Kacheln. Der Sockel und mittlere Teil des Ofens ist prismatisch, der 
obere Teil cylindrisch. Es ist der einzige unter den Kachelöfen, der der 
Form wegen noch einiges Interesse beansprucht. Der Kachelofen des 
deutschen Hauses aus Handlova fällt durcli seine Grösse auf. In Handlova 
giebt es übrigens Kachelöfen, die, wie mir der Hüter des Hauses, Andreas 
Tonhaiser mitteilte, oft '24 Brotlaibe fassen. Dieser grosse Bedarf an Brot 
erklärt sich aus dem schon erwähnten Umstände, dass die Bewohner von 
Handlova in Hausgemeinschaften leben. 

Damit bin icli in meinen Ausführungen zum Ende gelangt. Ich 
schliesse ab, ohne aus dem, was ich festgestellt habe, bindende Schlüsse 
zu ziohi'u, l)eispiplsweise auf die Entst(dmng der abgesonderten Küche 



Kück: Die Bauernhoclizeiti-u iu iler Lüiiebiiii,'ei- Huide. •[] 

nebeu Jer Stubü aus dorn ehemaligen fiiiziucn llaunic des oberdeiitsclu-n 
oder mitteleuropäischen Flurhallen -Typus oder auf die (ioschichte der 
Entwickelung des Kachelofens, obwohl gar manche der in der vorstehenden 
Arbeit mitgeteilten Thatsachen dazu reizt, der Beantwortung dieser Fra"-en, 
die noch inmier nicht ganz geklärt sind, nahezutreten. Ich wao-e mich 
nicht daran, da mir das durch das Ausstellnngsdorf gebotene Material doch 
nicht hinreichend erscheint. Durch die Vergleichuug meiner Feststelluno'en 
mit den Ergebnissen eingehenderer Forschungen in jenen Gebieten, aus 
denen mir im ethnograpliischen Dorfe stets nur eine Type geboten war, 
und durch die Vergleichung der aufgedeckten Erfahrungen mit solchen 
aus anderen weitabliegenden Gebieten, hoffe ich, dass Klarheit in die 
beregte Sache kommen könne. Sollte es mir geglückt sein, durch meine 
Ausführungen dazu beizutragen, so fände icli darin für meine Arbeit den 
schönsten Lohn. 



Die Bauernhoclizeiten in der Lüneburger Heide. 

Von Gymnasiallehrei' Dr. |)hil. Ed. Kück (Rostock). 



Mit dem Charakter, den Sitten und Giewolinheiteu der Niederdeutsehen 
sind wir durch eine .Menge bedeutender litterarischer Erscheinungen ver- 
traut gemacht. Immermann, Fritz Reuter, Hermann Allmers, Klaus Grotli 
und Theodor Storni haben die Söhne der roten Erde, die Mecklenburger, 
die Bewohner der Wesermarschen und die Schleswig-Holsteiner mit einem 
poetischen Schimmer umwoben. Noch vor wenigen Jahren hat der Ver- 
fasser von „Rembrandt als Erzieher" mit warmer Begeisterung den trotz 
aller zersetzenden Einflüsse der Kultur in herber Sprödigkeit bis heute 
sich treu gebliebenen niederdeutsclien Stammescharakter verherrlicht und 
als Ausgangspunkt für eine Wiedergeburt des verfälschten dentsclien Wesens 
hingestellt. 

Bei dieser gesamten verherrliciicnden Thätigkeit unserer Litteratur ist 
lange Jahre ein Teil der niederdeutschen Bevölkerung zu schlecht weg- 
gekommen, jene Bauern, die als Nachkommen eines Teils der alten Sachsen 
in den ausgedehnten Heidegegendon des Regierungsbezirkes Lüneburg in 
saurer Arbeit dem Boden ihr Brot abringen. Sie, von denen' einst jener 
französische Schriftsteller mit komiscliem Missverständnis als dem peuple 
nomme Haidsnuck sprach, unterliegen trotz gelegentlicher Verlu-rrlichnngen 
— ich erinnei'e an die Dichtungen Freudenthals — noch heutt- von Seiten 
der Fremden vielfiicli ('in(>i' falschen Beurteilung. IToinricli Heine nannte 



32 Kück: 

sogar die Hauptstadt der Gegend, das alte schöne Lüneburg, die „Residenz 
der Langenweile": wie ungerecht mag er da über das umliegende platte 
Land geurteilt haben?! In Mittel- und Süddeutschland spricht man von 
der Lünebnrger Heide fast wie von einem norddeutschen Sibirien, unil 
der Reisende pflegt bei der Fahrt durch sie gelangweilt die Augen zu 
schliessen. 

Und doch — trotz des wenig fruchtbaren Bodens hat der Heide- 
bewohner dank treuer Arbeit und weiser Sparsamkeit sein bequemes Aus- 
kommen, ja legt in guten Jahren vergnügt manches Goldstück „up de hoge 
Kant" („auf die hohe Kante"), und mag auch dem flüchtigen Betrachter 
in der Eisenbahn die Natur der Gegend eintönig und öde scheinen, der 
Tourist findet in ihr — besonders in der Blütezeit der Heide — Punkte von 
hoher Schönheit und eine Fülle landschaftlicher Reize. 

Aus der oberflächlichen Kemitnisuahme von Grund und Boden schliesst 
man dann leider ebenso leichtfertig auf den Charakter seiner Bewohner 
und meint, auf ihm müsse ein Volk mit vertrocknetem Herzen in poesie- 
loser Alltäglichkeit dahinleben. Aber die Heidbauern mit ihrem verhältnis- 
mässig kleinen, aber kräftigen und gedrungenen Körper, ihren blauen Augen 
und hellblonden Haaren bewahren als echte Nachkommen die Tugenden, 
freilich auch die Fehler ihrer Altvorderen bis auf den heutigen Tag; wer 
sich mit prüfendem Blick liebevoll in ihr Denken und Fühlen, ihre Sitten 
und Gewohnheiten, ihr ganzes Thun und Treiben versenkt, der erkennt, 
dass sie trotz der immer bedrohlicher werdenden modernen Gleichmacherei 
noch mit tausend Fasern in der Vergangenheit wurzeln. 

In der Seele eines Volkes liest man vielleicht am besten, wenn man 
es bei seinen Festen aufsucht. So hat denn der Verfasser dieser Zeilen 
sich die zwar bescheidene, aber nicht undankbare Aufgabe gestellt, den 
Leser auf eine Bauernhochzeit in der Lüneburger Heide zu führen und 
ihm unter besonderer Hervorhebung der für die Erkenntnis der Volksart 
bedeutsamen Züge darzulegen, wie das sächsische Volkstum trotz aller 
Modernisierungen im Sand der Heide bis heute nicht abgestorben ist, 
sondern fröhlich fortgrünt. Selbstverständlich weisen die Hoclizeitsfeiern 
in den einzelnen Teilen der Lüneburger Heide grössere oder kleinere 
örtliche Verschiedenlieiten auf; die Schilderungen des Verfassers wollen 
auf Grund eigener Erlebnisse und Beobachtungen ein möglichst treues 
Abbild der im Nordwesten der Heide, nach dem Stadischen zu. gebräuch- 
lichen Feiern geben. 

1. Die Verlobung. 

Die Verlobung wird zweimal gefeiert. Das erste Mal im Hause des 

Bräutigams, wobei die Braut in Begleitung ihrer Eltern und Verwandten 

den ganzen Besitzstand ihres zukünftigen Gatten besichtigt. Nach einiger 

Zeit erfolgt eine gleiche Feier und BesichtiOTnff im Hause der Brauteltern. 



Die Bauernhochzeiten in der Lünebur^er Heide. 33 

Ist alles zur beiderseitigen Zufriedenheit ausgefallen, so wird die Sache 
„fast makt" („fest abgemacht"): man bestimmt den Tag der Verschreibung 
auf dem Amtsgericht und den der Hochzeit selbst. Auch heute noch ist 
der Fall, dass der Vater des Bräutigams vor der Heirat an ihn „abgiebt" 
und sich auf das Altenteil zurückzieht, wohl der vorherrschende; so besteht 
denn die Eheverschreibuug oder Ehestiftung in der Hauptsache gewöhnlicli 
darin, dass der Anerbe die Braut samt ihrer Aussteuer und Mitgift auf 
seinen Hof übernimmt und sie dieses wie seines ganzen Vermögens für 
teilhaftig erklärt; gleichzeitig erfolgen die vermögensrechtlichen Fest- 
setzungen für den Fall, dass einer der Ehegatten unerwartet früh sterben 
sollte, und zwar durchweg in Befolgung des alten, noch jetzt lebendigen 
niederdeutschen Rechtsgrundsatzes „längst Liw, längst Good" (= „längst 
Leib, längst Gut'', d. h. dem überlebenden Teil fällt das gesamte Hab 
und Gut zu). 

2. Die Einladungen und sonstigen Vorbereitungen zur Hochzeit. 
Die Einladungen zur Hochzeit erfolgen mündlich durch die Hochzeits- 
bitter, d. h. Brüder oder nähere männliche Verwandte von Braut und 
Bräutigam. Auf dem Kopf einen niedrigen Hut mit einem Kranz aus 
künstlichen grünen Blumen, über dem vorn von der Braut ein Thaler 
festgenäht ist. vor der Brust einen Strauss mit einer langen rotseidenen 
Schleife und in der Hand einen Stock, den sie von den Geladenen sich 
mit bunten „Bändelein" zieren lassen, ziehen sie die letzten Tage vor der 
Hochzeit gemeinsam von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus. Früher war 
ihre Kleidung noch phantastischer: sie trugen einen hohen schwarzen Hut 
mit vier grossen goldpapierenen Medaillons und einem grellfarbigen Blumen- 
strauss. — Leider ist die Form der Einladung von der Zeit nicht un- 
beeinflusst geblieben: sie beschränkt sich liäufig auf das Überreichen einer 
gedruckten Einladungskarte. Wie lebensvoll und poetisch dagegen die alte 
Sitte, die darin bestand, dass die Hochzeitsbitter mit lautem „Jüchen" 
(„Jauchzen") den Hof und die Stube betraten und ohne vorherigen Gruss 
auf und nieder gehend der neugierig sie umringenden Familie abwechselnd 
ein Einladungsgedicht aufsagten! Glücklicherweise wird noch an vielen 
Orten die alte Sitte, allerdings in Verquickung mit der neuen, geübt: die 
Hochzeitsbitter sagen ihr Gedicht auf und überreichen dann die Karte. 
Die folgenden nach mündlicher Überlieferung getreu wiedergegebenen 
Knittelverse'), deren köstlicher Humor und urwüchsige Lebensfreudigkeit 
den Geist alter echter Volkspoesie atmen, werden den Charakter solcher 
Einladungsgedichte einigermassen veranschaulichen : 

1) Jeder Vers enthält in der Regel vier betonte Silben, die Zahl der unbetonten 
schwankt. An einigen Stellen liegt ohne Zweifel Textverderbnis vor. Das Gedicht ist 
auch an anderen Stellen Niederdeutschlands zu Hause, aber in wesentlich veränderter 
Gestalt (vgl. z. B. No. 1 di'r im .September 1895 begründeten Nordwestdeutschen Zeitung". 

Zeitsfhr. d. Vereins f. Vulkskuiidi: l»a7. 3 



34 Kück: 

„Hier komme ich her zu Euch geschritten, 

Hält' ich ein Pferd gehabt, so war' ich geritten '). 

Von zwei Verlobten sind wir ausgesandt, 

Deren Name ist Euch gar wohl bekannt. 

(Folgt in ungebundener Eede das Einschiebsel: „Es ist der Junggosclle 

NN. und die Jungfer NN.") 
Sie bitten Euch freundlich zur Hochzeit am Freitag, 
So lang' es die Zeit erlauben mag. 
Die nicht können gehn, die müsst Ihr tragen. 
Die Ihr nicht könnt tragen, müsst Ihr setzen auf einen Wagen. 
So helfet uns denn alle verzehren, 
Was der liebe Gott uns thut bescheren 
An Speise und Trank, 
Zwei^) lustige Tage lang! — 
- Da wird zugerichtet sein an Bier und an Wein, 
Auch fünf fette Ochsen und fünf fette Schwein, 
Dreissig Paar Tauben, zwanzig Tonn Branntewein, 
Dass daran wird kein Mangel sein. 
Dann wollen wir mit Braut und Bräutigam 
Wohl über die Heid' und die Felder gehn'). 
In der Kirche die Kopulation zu hören. 
Wie sie einander sollen ehren. 
Wenn dasselbige ist geschehn. 
Wollen wir wieder ins Hochzeitshaus gehn. 
Da wollen wir uns setzen oben an den Tisch, 
Wo der Braten und der Wein am meisten ist! — 
Dann*) werden die Pfeifen und Violinen klingen 
Und Jungfern und Junggesellen lustig danach springen. 
Doch müssen die Jungfern geschmücket sein, 
Ihre Schuhe blank, ihre Schnallen fein, 
Ihre Wangen rot, voll Blumen der Hut, 
Damit es den Junggesellen gefallen thut! — 
Nun müsst Ihr Euch nicht lange bedenken 
Und den Hochzeitsbittern ein klein Trinkgeld schenken. 
Auch verehrt Ihr mir wohl ein ßändelein. 
Und verehrt Ihr mir kein Bändelein, 
So mögen in diesem Hause auch 
Wohl keine Jungfern und Junggesellen sein." 

Natürlich wird diese scherzhafte Drohung mit gutem Humor auf- 
genommen und der Aufforderung gern entsprochen. Erst jetzt begriissen 
die Hochzeitsbitter mit Händeschütteln die Familie: „Und damit sage ich 
Euch allen „guten Tag!" 

1) Anspielung auf den Gebrauch der alten Zeit, wo die Hochzeitsbitter — und der 
sie begfleitende Bräutigam — zu reiten pflegten. 

2) Seit einigen Jahrzehnten ist die Feier auf einen Tag beschränkt. 

3) Heutzutage wird, wenn Hochzeits- und PfaiTdorf verschieden sind, stets gefahren. 

4) Nämlich nach Beendigung der Mahlzeit. 



Die Bauenihochzeiteii in der I.üueluirf^'er Heide. 35 

Während ilie Hochzeitsbitter in clulci jubilo ihre Einladungen besorgen, 
wird im Bräutigamsliause emsig geschafft. Schon seit Monate]i ist das 
Vieh fett gemacht: mehrere Schweine und eine Starke, wohl gar auch eine 
Kuh, stehen bereit, ihr Leben zu lassen. Grosse Eier- und Buttervorräte 
sind aufgespart. So kommen denn, wenn nach alter Sitte die Hochzeit 
auf den Freitag, den Tag der Fru Frecke (Fria), angesetzt ist, bereits 
am Montag die Köchin und einige verwandte Frauen, um die Hochzeit zu 
„bereiten", d. h. die Vorkehrungen für die Arbeiten der beiden nächsten 
Tage zu treffen. Denn am Dienstag wird geschlachtet und Wurst gemacht, 
am Mittwoch gebacken und die Hausdiele zum Tanzsaal hergerichtet, wenn 
der Bräutigam es nicht etwa nach neuem Brauche vorzieht, die Tanzbrücke 
auf seinem Hofe aufschlagen und etwa mit dem Schützenzelte seines oder 
eines benachbarten Dorfes tiberdachen zu lassen. Auch vom Kaufmann 
trifft ein sehwerbefrachteter Wagen ein, mit Rum und Wein, Bocken und 
Brettern zu Tischen und Bänken, Schüsseln und Tellern, Kochkesseln und 
Kaffeekannen, Kuchentelleru und Puddingstüchern u. s. w. bepackt; selbst- 
verständlich fehlen auch die Messer, Gabeln und Löffel nicht, die in 
anspruchsloseren Zeiten jeder Gast sich selber mitzubringen hatte. Im 
Hofe wird eine Feuergrube ausgeworfen und darüber ein Holzgerüst 
errichtet, an dessen Querbalken vermittelst eiserner Ketten die grossen 
Kochkessel hängen. 

3. Der Kistenwagentag. 

Am Mittwoch Abend müssen die Vorbereitungen abgeschlossen sein, 
denn am Donnerstag als dem „Kistenwagentag"') beginnt bereits die 
eigentliche Hochzeitsfeier, wenn auch erst im engeren Kreise. Der eigent- 
liche Zweck des Tages ist die Überführung der Aussteuer aus dem Hause 
der Brauteltern, wo dieser Tag ebenfalls festlich begangen wird, in ihr 
neues Heim. Hierzu entsendet der Bräutigam die entsprechende Anzahl 
Wagen. Ausser den Fuhrleuten — gewöhnlich übernehmen die Nachbarn 
des Bräutigams dies Ehrenamt — sitzen auf ihnen mehrere Musikanten, 
die bei der Abfahrt und in jedem Ort ihre Weisen erschallen lassen, und 
einige Verwandte des Bräutigams, gewöhnlich ein Onkel und eine Tante. 
Die letzteren sind dafür verantwortlich, dass aucli alles aufgeladen wird, 
was heute zu einer vollständigen Aussteuer gehört, von dem Hochzeitsbett 
und den Möbeln für die moderne „gute Stube" bis zum Butterkarren, 
S]>innrad und Besen herab. Fertig genähte Leinensachen bekommt die 
Braut nur in geringer Anzahl mit, dafür aber einen ganzen Koffer voll 
gerollten Leinens; der Leinenschatz, der dem Hause der Braut und zum 



1) Die „Kistenwagen" sind die Wageu, auf denen die den grössten Teil der Aussteuer 
bergenden „Kisten" oder Laden zum Hochzeitshaus gebracht werden. 

3* 



3fi Kück : 

grossen Teil ihrer eigenen Arbeit seine Entstehung verdankt, ist noch heute 
— wie schon in altgermaniseher Zeit — ihr grösster Stolz. Ausserdem 
hat im Auftrage der Braut ihre älteste Brautjungfer jedem Mitbewohner 
ihrer neuen Heimstätte ein leinenes Hemd und den etwaigen Schwestern 
des Bräutigams ein Kleid als Angebinde zu überbringen ; auch der Bräutigam 
erhält ein Geschenk, dagegen ist die altdeutsche Sitte der Morgengabe 
(Beschenkung der Braut durch den Bräutigam oder umgekehrt des Bräuti- 
gams durch die Braut am Morgen nach der Hochzeit) in den Lüneburger 
Gegenden, wie es scheint, völlig ausgestorben. Ein eigentlicher Luxus 
tritt auch heute in der Aussteuer kaum zu Tage; höchstens wäre neuerdings 
in dieser Hinsicht der „Phaeton" (der vierrädrige „Staatswagen") und das 
silberne Pferdegeschirr zu nennen, aber nur wirklich wohlhabende Leute 
pflegen ihrer Tochter diese Dinge in die Aussteuer zu geben. Schon 
älteren Datums ist das Recht der Braut, sich die schönste Kuh im Stalle 
des Vaters auszusuchen, die dann in Blumenschmuck dem Zuge der Kisten- 
wagen nachgeführt wird. Die Mitgift besteht gewöhnlich in klingender 
Münze und Wertpapieren; der mitgefahrene männliche Verwandte über- 
bringt den betrefl'enden Beutel dem Bräutigam, und dieser schliesst ihn 
schmunzelnd in den ebenfalls mitgekommenen „Sekretär". 

Für den Litterar- und Kulturhistoriker ist im besonderen der Empfang 
der Aussteuerwagen vor dem Hause des Brautvaters von hohem Interesse. 
Der mitfahrende Verwandte des Bräutigams führt nämlich nach alter Sitte 
einen untersiegelten „Pass" mit, worin in Form eines aus Scherz und 
Ernst wunderlich gemischten Gedichtes die wichtigsten Gegenstände, die 
der Bräutigam beansprucht, aufgezählt werden. Solcher Pässe giebt es 
allerdings in jeder Gegend nur wenige; einige als besonders gut anerkannte 
werden immer aufs neue abgeschrieben und von dem jeweiligen Benutzer 
entsprechend abgeändert. Sobald die Wagen mit klingendem Spiel ange- 
kommen sind, tritt der Brautvater verwundert heraus, und zwischen ihm 
und den Angekommenen entspinnt sich ein dramatisch belebtes improvi- 
siertes Zwiegespräch — ein bei dem sonst so schwerfälligen und trockenen 
Charakter der Niederdeutschen zumal in unserer geschäftsmässigen und 
nüchternen Zeit doppelt bemerkenswerter Brauch. Zuweilen wird der 
Dialog seitens des Brautvaters auch hinter der verrammelten „grossen 
Thür" geführt. Sein Inhalt ist gewöhnlich folgender: Der Bi'autvater 
spricht in polterndem Tone seine Verwunderung über den ungewohnten 
Lärm und das ihm vorgetragene Begehren der Fremden aus, will nichts 
davon wissen, lässt sich aber schliesslich doch zu dem Geständnis bringen, 
dass er eine Tochter des und des Namens habe, die mit dem N. N. Hoch- 
zeit machen wolle; hierauf lässt er sich den Pass vorlesen, überzeugt sich 
von der „Richtigkeit der Papiere" und erklärt sich bereit, den Fremden 
sein Haus zu öffnen und die erbetenen Sachen auszuliefern. — 



Die Bauernhochzeiten in der Lüneburger Heide. 37 

Sind diese unter fröhlichem Esseu imd Trinken verladen und glücklich 
an ihren Bestimmungsort gefahren, so werden sie sofort untergebracht und 
aufgestellt. Eine Polterabendfeier in der bekannten Weise — mit Auf- 
führungen und Hersagen von Gedichten — ist nicht gebräuchlich. Ver- 
gleichen lässt sich höchstens der frühere, jetzt aber wohl ganz in Wegfall 
gekommene Brauch, dass am Abend dieses Tages die ermüdet von ihren 
Wanderungen heimkehrenden Hochzeitsbitter der Köchin ein sogenanntes 
„Küchenlied" aufzusagen pflegten. Hierauf wurden für sie zwei Lehnstühle 
mit hochaufgestapelten Kissen herbeigeschleppt, sie stiegen — oft mit Hilfe 
einer Leiter — oben hinauf und Hessen sich ila in fürstlicher Weise be- 
dienen. Ein derartiges „Küchenlied" — man könnte es passend zur 
Gattung der „Schlemmerlieder" rechnen — möge in der leider stark ver- 
stümmelten Form, in der es noch im Gedächtnis einiger alter Leute lebt, 
hier folgen: 

„Nun hab' ich meine Bitte vollbracht, 
Nach meiner Meinung recht gut gemacht. 
Ich habe gebeten Juden und Heiden, 
Türken und Christen — — — — — — — — 

In vielen Häusern hab' ich gefragt, 

Doch haben mir nicht viel zugesagt: 

Die einen waren aufs Feld hinaus. 

Der andere war auf einen Schmaus, 

Der dritte aber war garnicht zu Haus. 

Ich habe aber wohl vernommen, 

Es werden doch Leute genug kommen. 

Nun hab' ich der Frau Köchin noch etwas zu sagen 



Will sie meine Bitte gewähren, 

Geb' sie mir einen gebratenen Hasen zu verzehren 

Oder ein zugerichtetes Rebhuhn, 

Oder Berghuhn kann es auch thun. 

Und dann will ich haben eine Pfeife Tabak 

Bin Pfund Fliegenfett und ein Pfund Mückenfett, 

Damit ich die wunden Püsse einfett'. 

Dann will ich haben einen Stuhl mit zwei Lehnen 

Auch sechs Dutzend Kissen, 

Damit ich nach der langen Reise mich kann erfrischen!" — — 

Und damit sage ich Euch allen „Guten Abend!" 

Unter den mit diesen letzten Worten Angeredeten befinden sich auch 
die Gäste, gewöhnlich näher stehende Verwandte, die sich mit ihren Ge- 
schenken ^ meistens nützlichen Haushaltungsgegenständen — bereits am 
Donnerstag im Haus des Bräutigams eingestellt haben, wo jene üljersichtlich 
aufgebaut werden, um am eigentlichen Hochzeitstage weitere Bereicherung 
zu erfahren. Vorausgreifend sei hier bemerkt, dass die Hochzeitsgabe der 



38 Kück: 

meisten Gäste, zumal der dem Ehej)aar ferner steheuden, gewöhulicli in 
einem Geldgeschenk') besteht, das der Betreffende beim Abschieduehmen 
dem jungen Ehemann in die Hand driickt. 



4. Der Hochzeitstag. 
Die Feier vor der Trauung. 
Um zehn Uhr morgens kommen die ersten Gäste. Ohne sich viel 
nötigen zu lassen, setzt sich jeder an den Frühstückstisch und thut sich 
an Rinderwurst und Schweinesfllze gütlich: Brot und Butter ist reichlich 
vorhanden, mit Bier und Grog warten die Hochzeitsbitter auf. Ist ein 
Trupp gesättigt, so nimmt sofort ein anderer seine Plätze ein. denn unauf- 
hörlich füllt sich das Haus mit Gästen. Beträgt doch bei grossen Hochzeiten 
die Zahl der Geladenen — die Kinder mitgerechnet — nicht selten 800 bis 
1000 Personen! Bis ein Uhr etwa zieht sich die Frühstückstafel hin, um 
dann zum Kaffeetisch umgewandelt zu werden; seit elf Uhr ist auch der 
Tanz im Gange. Während dieser ganzen Zeit sitzt der festlich geschmückte 
Bräutigam (er trägt einen schwarzen Tuchanzug und vor der Brust eineu 
Strauss mit einer weissen Atlasschleife), ohue sich um den Empfang und 
die Bewirtung der Gäste zu kümmern, mit seinen Brautjungfern — oder 
genauer mit den Bräutigamsjungfeni — in der „guten Stube". Nur einmal 
im Laufe des Vormittags sieht man ihn Befehle erteilen: etwa zwischen 
zehn und elf Uhr schickt er zwei junge Mädchen aus seiner Verwandtschaft 
mit mehreren Musikanten auf dem bekränzten „Staatswagen" fort, um die 
Braut abzuholen und nach dem zuständigen Standesamts- und Kirchdorf 
zu fahren^). Schweigend nimmt die Braut durch einen warmen Händedruck 
Abschied von den Hausgenossen und wird von den Musikanten „an den 
Wagen geblasen"; ihr zur Seite geht der „Ullersmann" (=- „Altarsmann"), 
der nächste männliche Verwandte, der früher die Braut vor den Altar zu 
führen hatte, seit der Einführung der CUvilehe aber folgerichtig zum standes- 
amtlichen Zeugen geworden ist unter Beibehaltung des alten Namens. 
Auch die Braut an seiner Seite ist nicht mehr eine Braut der alten Zeit. 
Wie die nationale Alltags- und Sonutagstracht schon seit langem, so ist 
seit ungefähr zwanzig Jahren auch die nationale Hochzeitstracht dem 
nivellierenden Einfluss der Zeit zum Opfer gefallen: an die Stelle des 
schwarzen Tuchkleides und der weissen Schürze, des weissseidenen Hals- 
tuches und des reichen Goldschmuckes, der hohen Kronen aus Blumen und 
Flittergold mit den lang herabhängenden Bändeni ist eine einfachere 
Tracht getreten, das schwarzseidene Kleid mit Myrthenkranz und Schleier. 



1) In der für uns in Frage kommenden Gegend heute nicht unter sechs Mark. 

2) Es ist hier der Fall angenommen, dass Braut und Bräutigam nicht in dem Dorf 
wohnen, wo die standesamtliche und kirchliche Trauung erfolgt. 



Üie Bauernhochzeiten in der Lünebuiger Heide. 39 

— Uuter Musik setzt sich iler Wageu, der die Braut zum Standesbeamten 
und zur Kirche fahren soll, in Bewegung; mehrere Wagen mit Braut- 
jungfern und sonstigem Gefolge schliessen sich an. Die bändergeschmückten 
Peitschen werden tüchtig geliandhabt: je schneller es geht, desto besser. 
Unaufhörlich kreisen unter den Männern und jungen Leuten die Branntwein- 
flaschen, und jeder Entgegenkomnieude. auch der geringste Bettler, muss 
Bescheid thun. 

In derselben Weise wird der Bräutigam in das betreffende Dorf ge- 
leitet: auch er hat seine „Brautjungfern" und einen Teil der Gäste, seinen 
„Ullersmann'- und mehrere Musikanten bei sich; der Rest der Musikanten 
hat den im Bräutigamshause zurückgebliebenen Gästen weiter aufzuspielen. 
Bei der Abfahrt ist ihm von der Köchin in energischer Weise die Zeit 
der Rückkehr festgesetzt: „Datt du mi aber nich vor . . Uhr torügkummst!" 
(= dass du mir aber nicht vor . . Uhr zurückkommst). 

Standesamtliche und kirchliche Trauung. 
In einem vorher verabredeten Wirtshaus des Kirchdorfes tretfen Braut 
und Bräutigam mit ihrer Begleitung zusammen. Unter Vorantritt der 
Musik geht es zum Staudesamt und dann imter grossem Gefolge zur Kirche; 
in ihrer Nähe treten die Musikanten zur Seite und warten, um nach der 
Einsegnung das Ehepaar zum Wirtshause „zurückzublasen". — Vor der 
Einführung der Civilehe legten Braut und Bräutigam geti-ennt, jeder mit 
dem „Altarsmann", den Weg zur Kirche zurück und gingen erst auf dem 
Rückwege Arm in Arm. In richtiger Auffassung der Civilehe lassen sie 
sich heute von dem „Altarsmanu" nur zum Standesamte führen, gehen 
dagegen bereits zur kirchlichen Einsegnung als Vermählte neben einander. 
Ob sie auswärts oder in dem Kirchdorf selbst wohnen, macht hierfür 
keinen Unterschied'). — Die kirchliche Feier verläuft folgendermassen : 
Sobald die Musikanten sich abgezweigt haben, trennt sich der Hochzeits- 
zug: unter den Klängen der Orgel betritt die Braut, der sämtliche Braut- 
jungfern vorangehen, die Kirche, umschreitet mit ihnen den Altar, auf dem 
alle ein Geldstück als „Opfer" für den Pastor und den Oi-ganisten nieder- 
legen, und nimmt dann — gewöhnlich vor dem Taufbecken — am rechten 
Flügel der Brautjungfern Aufstellung. Unterdessen tritt der junge Ehemann 
mit dem übrigen Gefolge durch die andere Kirchthür ein. Nach Beendigung 
des Gesanges begeben sich die Neuvermählten unge führt vor den Altar. 

— Dem Akt der kirchlichen Einsegnung wird auch noch in unseren Tagen 
der Civilehe der weihevollste Ernst entgegengebracht, die grösste Bedeutung 
zugeschrieben: wer sie uuterliesse, würde nach der Volksanschauung frevel- 

1) Im letzteren Falle entsendet der Bräutigam zur Braut, die mit einigen Verwandten 
im Hause ihrer Eltern ihren „Ausgang" feiert, mehrere Musikanten; auf ein gegebenes 
Zeichen setzen sich beide Teile mit Musikbegleitnng in Bewegung und stossen aaf dem 
Wege zum Standesamte zusammen. 



40 Kück: 

haft die göttliche Strafe lierausforderu. Auch der Glaube, dass thräneu- 
leere Augen vor dem Altar Unglück für die junge Ehefrau bedeuten, 
spricht für das ernste und fromme Gemüt des Volkes. Das hindert aber 
die Gäste nicht, schalkhaft darauf zu achten, wer von den Vermählten bei 
dem Zusammenlegen der Hände durch den Prediger die Hand „oben 
bekommt"; er hat das Regiment in der Ehe! 

Die Heimkelir zum Hochzeitsliaus und „de groode Mahltid" 
(die grosse Mahlzeit). 

Nach der Rückkehr von der Kirche wird im Wirtshaus getrunken und 
getanzt, den Pferden wird mit Branntwein getränktes Brot gegeben, und 
früher oder später, je nach der von der Köchin festgesetzten Zeit, fahren 
sämtliche Wagen in sausendem Galopp unter den Klängen der Musik zum 
Hochzeitshause. Während Ehemann und Ehefrau zum Kirchdorf auf ver- 
schiedenen Wagen gefahren sind, auch in dem Falle, dass sie aus dem- 
selben Dorfe stammen, sitzen sie nunmehr auf dem bei der Hinfahrt von 
der Braut benutzten Wagen vertraut neben einander. — 

Ungefähr um die Zeit, wo im Gotteshaus das priesterliche Amen er- 
schallt, ruft im Hochzeitshause die Köchin den Musikanten und Tanzenden 
ein nachdrucksvolles „Upphören!" (Aufhören!) zu. Auf der Tanzdiele 
werden Tische und Bänke aufgeschlagen und die ersteren mit ganzen Rollen 
gemusterten Leinens aus dem Schatz der jungen Hausfrau gedeckt. Auf 
dem Hofe hantieren Schlachter und Bedienstete unter dem Oberbefehl der 
Köchin, die in den mächtigen Kesseln das Essen bereitet. Sind alle Vor- 
bereitungen fertig und haben die Neuvermählten ihren Einzug gehalten, 
beginnt sofort „de groode Mahltid". Oben an der mittelsten Tafel nimmt 
das junge Paar mit seinen Ullersmännern und Brautjungfern Platz; beide 
Eltern und die nahen Verwandten stehen zur Bedienung bereit und bilden 
mit den Aufpassern eine fortlaufende Reihe bis zur Küche, damit Suppen- 
und Braten-, Kartoffel- und Tunke-, Obst- und Klösseschüsseln durch 
der Hände lange Kette um die Wette zu den Schmausenden gelangen. 
Das Ehepaar sitzt in Sesseln, die gewöhnlich geschenkt sind; vor ihm 
stehen zwei Leuchter, die „Lebenslichter" genannt, weil nach dem Aber- 
glauben der, dessen Licht zuerst erlischt, zuerst sterben muss, und die 
äusserst geschickt geformte und bekränzte Brautbutter. Eingeleitet und 
beendigt wird das Essen durch ein von allen gesungenes kirchliches Lied 
und ein Gebet des Lehrers. Tischreden kennt man nicht, aber die Stimmung 
lässt trotzdem nichts zu wünschen übrig; dafür sorgen schon die dienst- 
beflissen mit Getränken aufwartenden Hochzeitsbitter. Bei aller Fröhlich- 
keit werden die Armen nicht vergessen; man sammelt Geldbeträge für sie 
— wie übrigens auch für die Köchin und ihre Untergebenen — , und die 
junge Ehefrau lässt ein Brot, in das sie einen Thaler gesteckt hat, der 
ärmsten Frau des Dorfes überbringen. 



l)ie Bauernhochzeiten in der Lüneburger Heide. 41 

Die „Ehrentänze" und der Schluss des Festes. 
Nach der Beendigung des Festessens nehmen die sogenannten „Ihren- 
däns" (Ehrentänze) ihren Anfang. Sie sind der sinnbildliche Ausdruck 
für die Aufnahme der jungen Frau in die Familie ihres Gatten und zugleich 
die Besiegelung des neuen Yerwandtschafts- und Freundschaftsverhältnisses 
zwischen den beiderseitigen Geschlechtsgenossen. Tische und Bänke werden 
fortgeräumt, die Musikanten nelimeu ihre Plätze wieder ein, alles ausser 
der „Früntschaft" (d. h. den Verwandten) zieht sich zum Zuschauen in 
angemessene Entfernung zurück. Das Ehepaar lässt sich in einer Ecke 
der Tanzdiele auf den schon erwähnten Ehrensesseln nieder, vor sie wird 
ein Tisch mit den weiter brennenden Lebenslichtern gesetzt. Hinter jeden 
Sessel stellt sich eine ältere Verwandte; sobald sich einer der Vermählten 
erhebt, hat sie den verlassenen Platz einzunehmen, denn wenn während 
der Ehrentänze ein anderer den Platz besetzt, wird das Haus bald einen 
neuen Herrn, bezw. eine neue Herrin erhalten. — Jeder „Ehrentauz" (d. h. 
Tanz mit der jungen Ehefrau) besteht aus zwei kurzen Rundtänzen, 
zwischen denen ihr jedesmaliger Tänzer den Musikanten ein grösseres 
Geldstück (gewöhnlich einen Thaler) zuwirft. Zunächst tanzt der eine 
Hochzeitsbitter, der Bi'uder der Vermählten, dann der andere mit ihr. 
Hierauf führen beide — und zwar beginnt wieder der Bruder der Ehefrau 
— der Reihe nach ihre Verwandten zum Ehrentanz heran, Brüder. Väter, 
Onkel, Vettern und Schwäger; selbst der etwa noch lebende Grossvater 
wird geholt und sträubt sich nicht lange, die alten Glieder noch einmal 
nach dem Takt der Musik zu bewegen. Ist ausnahmsweise die Reihe der 
Verwandten bald erschöpft, so wird neuenlings auch wohl dieser oder 
jener gute Bekannte der Familie (Kaufleute, Nachbarn) zu einem Tanz 
mit der jungen Frau aufgefordert, übrigens ein bedauerliches Durchbrechen 
der verwandtschaftlichen Schranken, zumal es gewöhnlich nur mit Rücksicht 
auf die Kasse der ohnehin gut bedachten Musikanten geschieht. — Wer 
mit der Neuvermählten getanzt hat, fordert bei den nächsten Tänzen der 
Reihe nach die Brautjungfern auf, so dass von Tanz zu Tanz mehr Paare 
auftreten und die Tanzenden schliesslich die beiden ganzen') Sippen dar- 
stellen. Bei den Ehrentänzen feiert auch die deutsche Trinkfestigkeit ihre 
grössten Triumphe: in jeder Pause wird von eigens dazu beauftragten 
Leuten für die Frauen leichter Wein-, für die Männer der stärkste Rum- 
gi'og herumgereicht. Unaufhörlich trinken die letzteren sich zu und giessen 
geradezu unglaubliche Mengen des dampfenden goldgelben Gebräues hin- 
unter. Durch den Tanz, die Musik, die aufregenden Getränke wird das 
stolze Gefühl der Familienzusammengehörigkeit allmählich zur höchsten 
Festesfreude gesteigert. — Den Höhepunkt und zugleich Abschlues der 

1) Nur der Ehemaim fehlt dabei, s. weiter unteu. 



42 Feilberg : 

Ehreiitäiize bildet der Tanz des Ehemaimes mit seiner jungen Frau, die 
von ihrem Bruder zu ihm geführt wird. Die Musikanten erheben sich, 
und ganz allein tanzt das Paar dahin. In der Zwischenpause legt jeder 
der Ehegatten ein (ioldstück auf den Musikantentisch, und einer der Gäste 
bringt auf das Ehepaar ein Hoch aus, dem ein Tusch und allgemeines 
Zutrinken folgt. Da die beiderseitige Verwandtschaft gewöhnlich sehr 
ausgedehnt ist, oft sogar der grösste Teil einer Ortschaft in verwandtschaft- 
lichem Verhältnis steht, so begreift man, dass die Ehrentänze in der Regel 
eine lange Zeit, nicht selten viele Stunden, beanspruchen. 

Auf die Ehrentänze folgt wieder allgemeines Tanzen. Zugleich wird 
in den Stuben für den esslustigen niederdeutschen Magen der Tisch zum 
Abendessen und später in der Nacht nochmals zum Kaffeetrinken gedeckt. 
Flott klingen die Weisen der „runden" und „bunten" (= Contre-) Tänze 
über die Tenne, und unter fröhlichem Schmausen und Trinken wird bis 
zum frühen Morgen gefeiert — meist in ungetrübter Festesfreude, denn — 
für die Verfeinerung des Gefühls bezeichnend genug — man hat sich mehr 
und mehr gewöhnt, in einer Hochzeitsschlägerei eine Beleidiguug der Fest- 
geber zu sehen, und jeder ist gern bereit, einen etwaigen Störenfried an 
die Luft zu befördern. — Gewöhnlich kräht schon der Hahn auf dem 
„Wiemen", wenn die letzten Gäste sich verabschieden; erst jetzt begiebt 
sich das Ehepaar zur Ruhe. — — — 

Zum Schluss sei nochmals bemerkt, dass diese Schilderung nicht ohne 
weiteres auf alle Teile der Lüneburger Heide übertragen werden darf. 
Aber so viel lässt sie erkennen: auch in der Heide lebt ein gesundes 
Volkstum weiter — ein alter Kern in einer allerdings vielfacli umgebildeten 
Schale. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, dieses oder jenes Vorurteil 
zu zerstören: dann wäre ihr Zweck erreicht. 



Zwieselbäume nebst verwandtem Aberglauben 
in Skandinavien. 

Von H. F. Feüberg. 

Wenn ich hier kurz einige Variauten der allgemein bekannten Sitte"), 
kranke Kinder durch einen gespaltenen Baum oder durch andere natürliche 
oder künstlich hergestellte Spalten und Löcher zu ziehen, mitteile, so 
gedenke ich nicht den Streit zwisclien den beiden gelehrten Herren, meinem 

1) Vgl. unsere Zeitschrift II, 81. 



Zwieselbäume nebst vcrwaiuUoi» Al)tn-glauben in Skandinavieu. 43 

Landsmaiiue Prof. Kr. Nyrop, welcher die Symbolik der Sitte als eine 
neue Geburt erklärt, und Hr. H. Gaidoz, der dieselbe als ein „Abstreifen" 
(transplautation) der Krankheit ansieht^), zu scldichten. noch gedenke icli 
eine neue Theorie aufzustellen. Mein Zweck ist nur, für künftige Forscher 
ein teilweise neues Material aus nordischen Quellen vorzulegen. 

Viel wird von unserer Zeit als der Periode der grössten Aufklärung 
gesprochen. Dennoch giebt es Winkel, worin mittelalterliche Schatten 
noch ruhen. Wenn man mit dem Volke in näherer Verbindung lebt, wird 
man bald hier bald dort Dinge gewahr, die als „Überlebsel" längst ver- 
gangener Zeiten dastehen. So steht es mit der Sitte, kranke Kinder durch 
ein auf dem Kirchhofe ausgestochenes Kasenstück zu ziehen. Meine Frau 
ist zufälligerweise vor wenigen Jahreu einmal bei Sonnenuntergang Zeuge 
des ganzen Ritus geworden. Es war ein armes Kind, das Tuberkeln im 
Gehirn hatte, und welches die Mutter auf diese Weise, nachdem sie lange 
Jahre ärztlicke Hilfe vergeblich gesucht hatte, retten wollte, aber es war 
auch umsonst. Unter grossen Leiden starb das Kind kurz nachher. Selber 
bin ich nicht Zenge einer solchen Handlung gewesen. Das Volk weiss ja 
sehr gut, dass der Prediger solches wenigstens im voraus nicht wissen 
darf. Nachher lässt sich wohl davon sprechen. Es sind jetzt ungefähr 
fünf Jahre vergangen, dass ich an dem Orte, wo ich damals Pastor war, 
mit einer Frau mich unterhielt. Sie plauderte von Furcht und Hoffnung, 
dem Auskommen und ihren Kindern, unter denen eins lange Zeit kränklich 
gewesen war. „Was habt Ihr mit dem Mädchen angefangen", fragte ich. 
„Ach, Herr, wir haben so vieles versucht, viel Geld dem Doktor gegeben." 
— „Sonst nichts?" — „Ja, freilich, wir haben allerlei Hausmittel versucht, 
z. B. wir haben das Kind durch einen Soden gezogen" (sie konnte ein 
Lächeln kaum zurückhalten) „hat aber alles nicht geholfen", fügte sie 
hinzu. Das geschah IfSDO in einem Kirchspiele des westlichen Jütlands, 
wo sonst viel intelligente Bauern und Arbeiter sich befanden. 

Dieses Jahr (1896) ist von dem Herrn E. T. Kristensen, früherem Volks- 
schullehrer, ein Buch: Danske Sagn IV veröffentlicht worden. Er führt 
darin eine ganze Reihe abergläubischer Sitten, die von ihm selber oder 
anderen beobachtet wurden, an. Eine Übersicht und einen Auszug werde 
ich unten geben. 

Die Krankheiten, für welche dieses Durchziehen allgemein benutzt 
wird, sind Schiefheit, Rhachitis, Bruch, Epilepsie und wohl allerlei dauernde 
krankhafte Zustände. Die Zeit der Handlung ist gewöhnlich vor Sonnen- 
aufgang oder nach Sonnenuntergang. Der Ort: ein Kirchhof, ein Wald, 
wo drei Wege zusammenstossen. auf einer Kreuzscheide. Im Walde werden 
meistens Eichen und Weiden zum Spalten benutzt, imd der Gedanke 



1) Kr. Nyrop, Dania I, 1 Kludetrneet; H. Oaidoz, Un vioui rito miHlical, Paris 1892: 
ifr. S. Hartland, Pcrseus II, 14« f. 



44 Feilberg: 

scheint der zu sein, dass der Bruch an den Eingeweiden mit dem Schlitz 
des Baumes heilen werde. 

Die Kranken werden durch den Spalt eines Baumes, unter dem Baume 
oder unter einem ausgestochenen Rasenstück, durch die Beine eines um- 
gestülpten Stuhles, durch eine Fitze (rarn, durch das runde, schilfene Zug- 
stück am Ochsengeschirre hindurchgezogen. Die Votivgabeu sind kleine 
Fetzen, Kinderhemde, Bänder, welche um die Äste der Bäume gewunden 
werden, auch weiden kleine Kupfermünzen als Opfer hingelegt. 

Einzelne charakteristische Züge teile ich mit. 

1. (Kristensen Sagn IV, 578. 1796.) Gespaltene Bäume, durch welche 
Menschen hindurch gezogen sind, finden sich an verschiedenen Orten See- 
lands, so bei Rygaard, bei Ebberup, Kirchspiel Soderup, auf dem Felde 
des Hufners N. Frederiksen. Man legt kupferne Münzen als Opfer neben 
den Baum und knüpft Fäden und Bänder, welche von dem Kranken 
getragen worden, um einen Ast des Baumes. Solche sind noch heutigen 
Tages (1887) zu sehen. 

2. (Kr. No. 1801.) Eine alte Frau erzählt aus ihrer Jugend. Sie wäre 
kurz nach ihrer Heirat krank geworden, und alle hätten geraten, sie solle 
die „kluge Frau" auf Himmerland um Hilfe angehen. Das that sie am 
Ende auch. Die Frau gab ihr ein Rezept für die Apotheke, das sie richtig 
benutzte, und ausserdem einen schmalen Papierstreifen mit sieben Ein- 
schnitten, an jedem einige unleserliche Buchstaben. Jeder Schnitzel war 
ungefähr so gross wie eine halbe Briefmarke, und sie sollte dieselben 
essen, einen nach dem anderen, jede Nacht zwischen Mitternacht und 
Tagesanbruch, bis alle verzehrt wären, und Donnerstag Nacht müsse sie 
damit anfangen. Danach müsse sie durch einen Ring von drei Weiden- 
ästen, die gestohlen wären, schlüpfen. Natürlich solle sie es nackt thun, 
dreimal durch den Ring, den sie nirgends anrühren dürfte, und der nachher 
verbrannt werden müsste. Alles sollte zudem unter tiefem Schweigen vor 
sich gehen. Alles geschah wie befohlen, die Frau wurde gesund und ist 
in ihrem ganzen Leben nie wieder auf die Weise krank gewesen. Später 
wurde ihr Mann krank, ihm wurde ganz dasselbe wie ihr vorgeschrieben, 
doch wusste sie nicht genau, ob er dieselbe Medizin wie sie erhalten. 
„Wie war mir aber angst und bange", sagte sie, „da ich die Weiden stahl!" 

3. (Kl-. No. 1803.) Mittel für Kinder, die an der englischen Krankheit 
leiden. An dem Abend eines Donnerstags geht man aufs Feld, gräbt ein 
Rasenstück, das mau mit sich nach Hause nimmt, aus, stülpt einen Stuhl 
um und legt den Grastorf über die Beine desselben. Eine Frau muss das 
kranke Kind nehmen und es mit der Sonne unter dem Torf hindurchziehen. 
So thut man drei Donnerstage jedesmal mit einem neuen Rasenstück, 
welche alle nach dem Gebrauch sehr genau auf ihre Plätze im Felde, wo 
sie ausgegraben sind, niedergelegt werden müssen. Alles muss unter tiefem 
Schweigen gescheheu. 



Zwieselbäume nebst verwandtem Aberglauben in Skandinavien. 45 

4. (Kr. No. 1805.) Im Sommer 187H wurde ein Kiud im Kirchspiele 
8taby, W. Jütland, dreimal durch ein Rasenstück, das stillschweigend, wo 
drei Wege zusammenstosseii, ausgegraben wurde, hindurch gezogen. 

5. (Kr. No. 1808.) Noch in den achtziger Jahren hat man hier (Fünen) 
folgendes Mittel gegen die Krankheit eines Kindes versucht. Mehrere 
Rasenstücke wurden ausgegraben und so aufgestellt, dass sie ein Loch 
bildeten. Durch dieses musste das Kind dreimal unter Stillschweigen, um 
Genesung zu erhalten, dmchgezogen werden. Das Kind sollte nämlich 
unter die Erde, um zu genesen. 

6. (Kr. No. 1809.) Wenn die Mutter ihre Kindlein aus der Wiege 
nimmt, muss sie genau darauf acht haben, den Platz, wo sie gelegen, zu- 
zudecken, damit die Kinder nicht „von Huren gesehen" (skjögeset) werden. 
Sollte dieselben dennoch ein solches Unglück treffen, so giebt es kein anderes 
Mittel als dass mau ein Rasenstück auf einer Kreuzscheide, an einem 
Platze, wo die Felder von vier Besitzern zusammenstossen, ausgräbt. 
Durch dies Rasenstück führt man das Kind dreimal stillschweigend. Auch 
kann man mitten auf einem Kreuzwege drei Messerspitzen voll Erde aus- 
heben, diese Erde in einen Lappen binden und das Kind damit eine Nacht 
hindurch schlafen lassen. Die Erde muss um Mitternacht genommen werden. 

7. (Kr. No. 1810.) Ein Kind kann auch durch andere Ursachen, als 
weil es von einer Hure gesehen worden ist, hinwelken. So ist es sehr 
gefährlich, wenn die Mutter, während sie schwanger ist, über einen Rasen- 
platz geht, auf dem ein ausgegrabenes und wieder hingelegtes Rasenstück 
verdorrt liegt. Davon wird nämlich das Kind, wenn es so alt wird wie 
die Mutter war, da sie über das welke Rasenstück ging, hinwelken müssen. 
Doch giebt es ein Mittel dagegen, nämlich ein durchlöchertes Rasenstück 
auszugraben und das nackte Kind dreimal hindurchzuziehen, während man 
den gewöhnlichen Zauberspruch vor sich hinmurinelt. Derselbe ist jedoch 
nicht mitgeteilt. 

8. (Kr. No. 1812.) Ich wurde krank und konnte immer schlafen, 
anfänglich wenigstens, später jedoch gar nicht. Zuerst war ich so ge- 
frässig, dass ich alles essen konnte, später konnte ich 14 Tage lang ohne 
zu essen gehen. Ich schwand geradezu hin und war über die Massen 
elend. Mein Vater nahm mich zu der „klugen Frau" mit. Es sollten 
auf dem Kirchhofe einige „Knollen" ausgegraben werden, durch welche 
ich so, wie ich zur Welt kam (also nackt) gezogen werden musste. Da- 
nach sollte der Vater an den Altar der Kirche hintreten und mein Hemd 
daran streichen. Dennoch wurde ich nicht gesund. Wir mussten dann 
nochmals zu der Frau. Es war ein Loch unter der Erde, es war pech- 
fiuster drinnen, da mussten wir hinein. Sie stellte sich liinter mich und 
sprach: „Warum lauschest du? Kehre dich an nichts, versuch mal, ob du 
nicht neben mir ein wenig schlafen kannst!" Ich hörte ein murrendes 
Greräusch und es scliien mir, als ob sie mit jemand rede Danach warf 



46 Feilberg: 

sie Schlaf auf mich, uud ich schlief ein, ich fürchtete sie ja. Sie befahl 
mir etwas Brot zu esseu uud der Vater hielt mich mit Macht, bis es ihr 
gelang, mir dasselbe beizubringen, sie wollte ja versuchen, ob ich essen 
konnte. Noch befahl sie mir drei Kreuze vor mich zu schlagen und drei 
Vaterunser, wie der Prediger, zu beten. Der Vater erhielt ein Rezept 
auf Arzneisacheu uud half das nicht, sagte sie, dann wäre kein anderes 
Mittel übrig, als dass ich zum „Klugen" in Fovlum müsse. Es half mir 
nicht, und ich musste nach Fovlum. Der konnte mich aber kurieren, 
indessen nicht ehe ich dreimal dort hingeschickt worden war. 

9. (Kr. No. 1813.) Man heilt die englische Krankheit, wenn man das 
Kind dreimal durch eine Fitze Garnes hiudurchzieht. Das Garn muss auf 
einer Stelle verwahrt werden, wo das Kind nimmer hinkommt. 

10. (Kr. No. 1815.) Wurde jemand plötzlich krank, so wurde gesagt, 
er sei von „Trollen gedrückt" (troldkryst). Er müsse dann durch das 
warme Brustkissen') eines Pferdes geführt werden. 

11. (Kr. No. 1817.) Ist jemand an Fallsucht krank, muss er, wenn ein 
Grab auf dem Kirchhofe fertig gemacht ist, sich dort mit einem Begleiter 
einfinden. Der Kranke muss in das Grab hinuutersteigen, sein Begleiter 
soll eine Schaufel nehmen, dreimal Erde auf den Kranken werfen und 
jedesmal deutlich sprechen: „Aus der Erde bist du gekommen, zur Erde 
sollst du werden, am Tage des Gerichts sollst du wieder auferstehen!" 
Danach muss der Kranke, der wie eine Leiche da liegt, so lange liegen 
bleiben, bis er schläft. Ich habe eine Frau gekannt, die wirklich dieses 
Mittel für ihren kranken Sohn benutzte, und sie war der Meinung, dass 
es ihm half. 

12. (Kr. No. 1822.) In Raabylille war eine alte „kluge Frau". Wenn 
Kinder oder erwachsene Leute nicht gedeihen konnten, pflegte sie dieselben 
unter einem Fliederbaume zu begraben. Ein Knabe wollte gar nicht 
wachsen, sie nahm ihn bei Nacht mit sich zu einem Flieder. Unten grub 
sie ein Loch, wo sie ihn sich niederlegen Hess und warf einige Schaufeln 
Erde auf ihn. Nach dem Tage fing der Knabe zu genesen an. 

13. (Kr. No. 1824.) In Nörre Kongerslev lebten neben einander zwei 
Bauern; der eine von ihnen hatte immer Unglück, seine Frau war das 
ganze Jahr krank und genas sie dann und wann, so erkrankte sie doch 
bald wieder. Er ging zu einem Wahrsager um Rat, dieser kurierte sie, 
es dauerte aber nicht lange bis sie wiederum krank wurde. Abermals 
sprach der Mann den „Klugen" um Rat an, denu die Frau war so überaus 
elend. „Ja", antwortete der Wahrsager, „kurieren kann ich sie wohl, es 
giebt aber kein anderes Mittel als die Rache und die gehört Gott und 
nicht mir. Doch bringe mir sie (er nannte einen Tag), wir wollen es 



1) Auf dem jetzt veralteten Pferdegeschü-r waren die Strangseile an einem schilfenen 
häkeiförmigen Kissen, das über den Hals des Tieres geschoben wurde, befestigt. 



Zwieselbäume nebst verwandtem Aberglauben iu Skandinavien. 



47 



mal versuchen." Es versteht sich, ilass der Mauii an dem bestimmten 
Tage mit seiner Frau erscliien, ein Grab wurde aufgeworfen, in welches 
die Kranke hineingelegt wurde. Die Öffnung wurde zugedeckt, und über 
der Frau wurde sowohl gepflügt, als gesäet und geeggt. Danach wurde 
die Frau hervorgeholt und ihr erlaubt, nach Hause zu gehen. Sie genas. 
Nun wurde aber die Nachbarfrau krank, sie wurde auch zum „Klugen" 
geführt. Er antwortete: „Jetzt ist es zu spät! Du hättest deinen eigenen 
Sachen nachgehen und deine Nachbarsfrau mit Frieden lassen sollen. Für 
dich giebt es kein Heilmittel." Nach der Zeit soll diese Frau 50 Jahre 
bettlägerig gewesen sein. Obschon sie gross gewachsen war, wurde sie 
zuletzt klein wie ein Hund. Die andere Frau blieb von jener Zeit an 
immer gesund. 

Ein anderer Mann hat erzählt, er wisse auch die Worte, die bei einer 
solchen Gelegenheit benutzt würden; nur wenige wüssten dieselben. Es 
sind die Worte, welche unser Heiland seine Jünger lehrte, da er sie aus- 
sandte und sprach: „Was ihr bindet, soll gebunden werden" u. s. w. 

Noch füge ich hinzu, dass in einer Variante (Kr. No. 1823) über dem 
begrabenen Kranken „mit zwei Kinnbacken eines Ochsen gepflügt wird 
und wie sonst Sitte war gesäet". Die Kranke wurde demnächst aus dem 
Grabe getragen, wonach der „Kluge" den Kranken durch das Loch in 
einem Vogelbeerbaume über einem Feuer, das auf dem Grabe angezündet 
ward, durchzog. Der Kranke, diesmal ein Schmied, wurde aber durch 
alle die Ceremonien dergestalt verwirrt, dass er wahnsinnig wurde und 
sich in einem Wasserloche ertränkte. 

Gehen wir jetzt nach Schweden. 
Während eines längeren Aufenthalts 
iu Stockholm kurz vor Weiliiiachten 
1895 erhielt ich ein paar Notizen, 
die ich früher nicht kannte. Iu 
We8tniaunland,DingtunaKirchspiel, 
ist ein alter schattenreicher Eichen- 
wald, „Hallstads egor" genannt. In 
ihm steht inmitten eines niedrigen, 
runden, ungefähr 11 Schritte in die 
Quere messenden Steinhaufens, eine 
uralte, hohle imd jetzt beinahe ver- 
trocknete Eiche, die fern und nah 
mit dem Namen der „Smöj-eka" 
(Durchzug-Eiche) bekannt ist. Der 
Stamm ist unten lOFuss imUmkreis, 
und 7 Fuss von iler Erde hat er 
ein länglich rundes Loch, 1472 ^o'^ 
hoch, 10 Zoll im Durchmesser, 







48 Feilberg: 

welches durch den ganzen Stamm, wie Figur 1 zeigt, hindurch geht. 
Ungefähr 10 Zoll über dem Loche rundet sich der Stamm einwärts, und 
der Teil des Stammes, welcher hier mit seinen groben, meist dürren Asten 
anfängt, ist augenscheinlich ein jüngerer Trieb des mit dem Loche ver- 
sehenen Grundstammes. Es ist eine uralte Sitte, die noch heutigen Tages 
in Kraft ist, kranke Kinder durch das Loch dieser Eiche zu ziehen. Griffe 
nebst Ceremonien sind viele dabei üblich. Jedes Kind wird drei Donnerstag 
Abende behandelt unter strengstem Schweigen. Das letzte wird immer als das 
schwierigste betrachtet. An mehreren Stellen des Stammes sind Nägel und 
zerbrochene Bohrer eingeschlagen. Der Schwamm oder Pilz, welcher in 
einer Höhe von 5 Fuss von der Erde am Baume festsitzt, soll auch Wunder 
wirken. Vor ungefähr 50 Jahren lag ein flacher Stein etwa 3 Fuss hoch 
mit einem runden Loche oben am östlichen Ende des Steinhaufens. Der 
damalige Prediger des Kirchspieles liess ihn sprengen und die Stücke ver- 
graben '). 

Wahrscheinlich haben die vielen Besucher ins Loch für die Elfen 
Opfer gelegt, wovon später. 

Vor nicht vielen Jahren fand sich in Norrby, Kirchspiel Fjärhundra, eine 
Fichte, deren Stamm sich ungefähr 4 Fuss von der Wurzel in zwei Äste 
geteilt hatte, die später zusammengewachsen ein oblonges Loch bildeten. 
Dasselbe wurde für den nämlichen Zweck benutzt. 

Merken kann man, dass die Art des Baumes, wenn nur ein natürliches 
Loch daran sich findet, von wenigem Belang zu sein scheint; Aspen, Eichen, 
Buchen werden unter solchen wunderthätigen Bäumen genannt"). 

Man hat auch andere Wege eingeschlagen und das Loch künstlich 
gebildet, indem man, wo die Wurzel eines Baumes frei lag, dieselbe durch 
einen untergeschlagenen Keil emporgehoben hat, bis ein Kind durchgezogen 
werden konnte. Der Berichterstatter sagt, es sei ihm bekannt, dass mehr- 
mals dadurch Unglücksfälle eingetreten seien, weil der Keil, bei Seite 
gezwängt, die Wurzel zusammenklappen Hess'). Hier wird also das Kind 
zwischen Erde und Holz hindurchgezogen, was doch wohl nur eine Variante 
der gewöhnlichen Sitte ist. 

Eine weitere Entwickelung des Vorgangs kann die folgende Erzählung 
bieten. In Svenska Turistföreuingens ärskrift 1893, S. 27 f. heisst es unter 
dem 3. Juli 1875: Beim Eintreten in die grosse Küche, die das gemein- 
schaftliche Zimmer auf dem Lande bildet, begegnete uns der Anblick 
einer hölzernen Schleife, 25 cm hoch, zwischen zwei Kttchenstühlen auf- 

1) R. Dybeck, Ruua, Stockholm 1874, S. 3. 

2) A. Hazelius, Samf. f. Nord. Museets Främjande 1991-^92, Stockholm 1894, S. 38; 
in Hycklinge, Smäland, war eine grosse Fichte, in Odinsvi eine Erle, welche noch 1883 
und wohl auch später benutzt wurden. Der Mitteiler hat dort binterlassenes Kinderzeug 
gesehen, Alden, Getapulieu, 123 f. (Stockholm 1883). 

3) Hazelius 1. c; cfr. Ald6n, Getapulien, S. 124. 



Zwieselbäume nebst verwandtem Aberglauben in Skandinavien. 49 

gerichtet. Etwas weiter nach vorn am Fenster stand eine Wieo-e mit 
einem Kindlein, aber welches Kind! So elend, so armselig, es sah wie 
ein Gerippe aus; wo es schmal sein sollte, war es dick und so umo-ekehrt. 
Es war um Weihnachten geboren und krank; Ärzte oder andere mensch- 
liche Hilfe war nicht gesucht, es sollte ihm aber damit geholfen werden, 
dass es dreimal durch diese Höhlung, den Abend eines Sonntags und zwei 
Donnerstagabende nach einander hindurchgezogen würde. In der Zwischen- 
zeit sollte das Holzstück zwischen zwei Stühlen stehen, so wie wir es an- 
trafen. Ein solches Holzstück wird vom Volke „valbundef genannt, das bei 
Rietz, Ordbok S. 794a „välbundet" lautet und von „värd", dem Schutzgeiste 
des Hauses, der Familie, gedeutet wird, also wohl etwas, das einen geister- 
haften Ursprung hat und mit übernatürlichen Kräften versehen ist. Bei- 
läufig mag bemerkt werden, dass auch unter den Finnen solche hölzernen 
Kinge benutzt werden. Sie werden „luomarengas", aus „luoma", Schöpfuno-, 
und „rengas". Ring, genannt. Sie werden auch für Krankheiten der Haus- 
tiere gebraucht. Es ist aber schwierig, so grosse natürliche hölzerne Ringe, 
wie für Kuh oder Pferd notwendig ist, herbeizuschaffen, und man hilft 
sich dann auf andere Weise. Ist ein Tier an ürinstauchung leidend, so 
führt oder giesst man den Urin des Tieres, von welchem man wähnt, dass 
die Krankheit herrührt, durch einen solchen „luomarengas'' dreimal. Dann 
hat der Urin seine bösen Eigenschaften verloren und wird dem Tiere als 
Heiltrank eingegeben, damit er jetzt ohne Schaden imd Schmerz seinen 
Umlauf durch den Leib des Tieres nehmen könne. 

Kehren wir aber wieder zu den hölzernen Ringen zurück, von welchen 
das „Nordiska Museet" in Stockholm mehrere Exemplare besitzt. Den 




Fig. 2. 

Bericlit über einen solchen (Fig. 2), vom Arbeiter A. P. Ahlberg verfasst und 
von Dr. Hazelius veröffentlicht, gebe ich in den Hauptzügen unten wieder. 

Der erwähnte hölzerne Ring hatte seine heilenden Kräfte vom Jahre 
1860 an geübt, als er vom Arbeiter Karl Persson in Västanä im Walde 
gefunden, abgehauen und danach mitgenommen wurde, um seine Heilkraft 
auf kranke Kinder auszuüben. 

Es war dies Holzstück das kostbarste Gut der Familie Persson, sie 
wussten, wozu es nützlich war, und ausser ihnen hatte niemand in Alfkar- 
leby ein solches. Der «älteste Sohn, Peter, war von Rachites, dort „Riset" 
genannt, erkrankt, und es giebt kein Mittel, das einem solchen Holzstücke 
gleichsteht, wenn es sich darum handelt, jene Krankheit zu heilen. Im 

Zcitschr. d. Vereins f. Volkskuu<K-. IsaT. 4 



50 Feilberg : 

selbigen Jahre wurde der Sohii mit dem glücklichsten Erfolge durch den 
hölzernen Ring gezogen, er wurde gesund und ist jetzt 83 Jahre. Er hätte 
unmöglich ein solches Alter erreichen können, hätte sein Yater nicht diesen 
Baum gefunden! — Seit der Zeit sind Kinder zu Hunderten durch das 
Loch gezogen, alle mit demselben glücklichen Erfolge. Unter den vielen 
muss die Tochter des Arbeiters A. Nilsson in Västanä genannt werden. 
Obschon 14 Jahre alt, war sie sehr klein, und die Eltern meinten, das 
„Ris" hätte die Schuld; sie erhielten vom Wunderbaume Kenntnis, das 
Kind wurde hindurchgezogen. Es lebt noch, hat jetzt die ansehnliche 
Länge von 1,31 m, wozu das Holz seinen Teil beigetragen hat. 

Ahlberg fährt in seinem Berichte fort: Dies Jahr, 1893, hat er zum 
letztenmale seine Rundreise von Dorf zu Dorf gemacht, den Zweck, wozu 
ihn die Natur erschaffen, erfüllend. Am Anfange März war der Holzring 
eben von einem Bierbrauer, dessen Kind krank war, zurückgekommen 
und hatte einige Tage in der Heimat Ruhe. Dort wurde er aber gegen 
einen bisher unbenutzten zweiten hölzernen Ring eingetauscht, den der 
Unterzeichnete als Ersatz hat anschaffen müssen. Es war der Besitzerin 
ganz unmöglich, ohne ein solches Holzstück zu sein, da man allgemein 
ein grosses Vertrauen darauf hat, und die Nachfrage gross ist. Man hat 
einmal früher einen solchen hölzernen Ring in derselben Familie besessen, 
er war aber kleiner, und mau hielt es damals für hinreichend, wenn das 
Leinenzeug des Kranken hindurchgefülirt wurde ^). 

Es möge mir erlaubt sein, noch eine Krankengeschichte anzuführen; 
sie rührt aus den fünfziger Jahren her und ist dem Mitteiler von einem Augen- 
zeugen berichtet. Der Sohn eines im Dalslande wohnenden Kirchenprobstes 
war mit Rhachitis in ihren schlimmsten Formen behaftet, und die Pröbstin 
liess ohne das Wissen ihres Mannes eine „Kluge" von finnischer Herkunft 
um Rat fragen. Sie gab das Rezept einer übelriechenden Salbe, mit welcher 
das Kind drei Abende nach einander, immer um dieselbe Zeit, über den 
ganzen Leib bestrichen werden sollte. Zudem sollte daraus eine ziemlich 
grosse Pille angefertigt werden, und diese sollte von dem Kranken ver- 
schluckt werden. Während der drei Tage und Nächte, über welche sich 
die Kur erstreckte, durfte der Knabe, wie viel er auch schrie, nicht ge- 
waschen werden, und wenn diese Tage vergangen waren, musste die 
Wäsche und alles, was er während der Zeit getragen hatte, verbrannt 
werden. Alles war umsonst. 

Danach wurde ein anderes Mittel versucht. Das Kind wurde drei 
Donnerstagabende nach einander bei Sonnenuntergang durch die Sprossen 
der Stallleiter „gezogen", was von zwei Dienstmädchen ausgeführt wurde. 
Das eine steckte das Kind mit dem Kopfe voran durch die untersten 



1) Hazelius, Samf. etc. 1893—94, S. 57: das Bild ist genau nach dem veröffentlichten 
Holzschnitte kopiert. 



Zwieselbäume nebst verwandtem Abersrlauben in Skandinavien. 51 

Sprosseu der Leiter hindurch, das andere nahm es in Empfang und „fädelte" 
es auf dieselbe Weise durch die nächste Öffnung u. s. w. Der Bericht- 
erstatter, welcher damals ein Kind war, musste auf Wache stehen, damit 
niemand, am wenigsten der Probst, welcher nichts von dem allen wusste, 
etwas erfahren sollte. 

Doch, leider auch dies Verfahren war umsonst. Nun wurde folgendes 
versucht. Drei Donnerstagabende bei Sonnenuntergang wurde das Kind 
je dreimal um das Haus wider die Sonne getragen. Die Thür des Vor- 
hauses wurde geschlossen und verriegelt, damit niemand von innen kommend 
den Weg, auf welchem der Kranke geführt wurde, kreuzen sollte. Auch 
von aussen her durfte niemand, ehe die Ceremonie geschlossen war, ein- 
treten. 

Zuletzt wurde versucht, ob nicht Besserung gebracht werden könnte, 
wenn jemand für das Wohlsein des Krauken die Elfen schmierte (smörja 
Elfvorna). Hierzu musste aber eine „Kluge" benutzt werden, und eine 
alte Frau, die mehr verstand als Brot essen, erhielt den Auftrag. Drei 
Donnerstagabende schmierte sie bei Sonnenuntergänge die Elfenmühle 
(Elflvvarnen ') mit Schmeer oder ungesalzener Butter, desgleichen opferte 
sie drinnen eine Kleinigkeit von unbedeutendem Werte. Ob besondere 
Ceremonien und Zaubei-formehi bei diesem „Elfvablot" (Elfenopfer) benutzt 
werden, ist dem Mitteiler unbekannt"). 

Ein paar einzelne Fälle, die mir zu Gesicht gekommen sind, können 
auch notiert werden. Sie tragen doch immer dazu bei, die Sitte von 
mehreren Seiten zu beleuchten. Für „Skott" (lumbago) und „Gastakramniug" 
wurden ähnliche Mittel benutzt. Es konnte geschehen, dass irgend jemand 
unter den Toten, die während der Nacht das Grab verlassen, nicht wieder 
dasselbe vor Sonnenaufgang erreicht hatte; er wurde „dagständare" (Tag- 
steher), d. h. er musste unsichtbar vor allen, Zauberkundige ausgenommen, 

1) „Elfkvarn" (Fig. 3) ist ein Stein, an welchem ein rundes ein oder zwei Zoll breites 
und nicht völlig so tiefes Loch sich findet. Bisweilen nennt man einen kleineren, etwas 
llächlichen und rundlichen, bewegbaren Stein so, bisweilen kommen mehrere solche Löcher 
auf eine unrogolmässige Weise auf grösseren enatischen Blöcken eingeschliffen vor. Auch 



t^-Vf' - 



Fig. 3. 
die ringförmigen Höhlen, welche das Wasser in Steine und Felsenblöcke ausgeschliffen hat, 
werden vom Volke den Elfen lieigcmessen und werden „Elfgrytor" (Elf kessel) in Söderman- 
land und Nerike genaimt. Audi in ihnen wird für kranke Kiniier geschmiert oder geopfert. 
Bidrag t. Südermanl.s äldre Kultnrhist., durch Job. Wahlfisch VT, 108 (Uppsala 1886). 
2) Hazelius, Samf. etc. 1890, S. 30 (Stockholm 1892). 

4* 




52 Feilberg: Zwieselbäume nehsi verwandtem Aberglauben in Steiermark. 

dort bis nächste Nacht stehen bleiben, wo er von der Sonne überrascht 
wurde. Geschah es dann, dass ein Wanderer zufällig auf einen solchen 
„Tagsteher" ohne sein Wissen stiess, so wurde er übel zugerichtet, „gast- 
kramat", vom Gespenste gekniffen. So deutete man plötzlich eintreffende 
Krankheitsfälle. „Skott", Schüsse, wurden alle plötzlich auftretenden, 
bohrenden Schmerzen in den Lenden und wohl auch anderswo genannt, 
und sie rührten von Finnen oder Nordmännern her. Diese schössen ihre 
Pfeile mit dem Befehle: „Gehe fünfzig, hundert Meile!" oder so weit es 
ihnen gelegen war, und am Ende der langen Bahn wurde derjenige, dem 
der Schuss zugedacht war, von plötzlichen gewaltsamen Schmerzen ge- 
troffen. 

Ein alter Schmied wusste Mittel dagegen. Mit einer alten guten 
Flinte schoss er über das schmerzende Glied des Ki'ankeu nach Ost, West 
und Süd; nach Nord schien er es nicht zu wagen. Man 
konnte auch dafür neun am Ende gespaltene Weidenpflöcke 
benutzen (Fig. 4), in deren Spalten ein kleines Stück Weiden- 
holz eingeklemmt war. Durch ein gelindes Anpressen konnten 
diese Stücklein über den Kranken nach denselben Richtungen 
abgeschossen werden, und das ist noch 1878 vorgekommen. 
Die Nachbarin des genannten Schmieds, Stina, half denen, 
welche sich an sie wendeten, dadurch, dass sie drei Gltthkolilen 
zwischen den Leib des Kranken und sein Hemd fallen Hess. 

Bei Frauen mit ihrem engen Hemde soll dies nicht immer 

Flg. 4. ° 

ohne Schaden abgelaufen sein. Weniger gefährlich war es, 

nackt durch eine Fitze ungewaschenen Garnes zu kriechen '). Das wollten 

aber jüngere Frauen nicht immer. Daun griff Stina es anders an, sie 

zündete einen Besen an, führte denselben dreimal dem Laufe der Sonne 

entgegen um die Kranke und sengte zugleich etwas von ihrem Haar. Es 

geschah aber unglücklicherweise, da Lena in Hultarp sich einmal dieser 

Kur unterwarf, dass ihre ganze Perücke Feuer fasste. Mutter Stina ergriff 

geschwinde eine Schüssel mit Preisselbeerensuppe, die sie über das brennende 

Haar ausleerte, so wurde wenigstens ein Teil gerettet. „Gott behüte aber, 

wie sah sie aus!" — Ijena wurde indessen durch den Sciu-ecken dergestalt 

inwendig „umgerührt", dass sie wirklich genas ^). 

Hat eine schwangere Frau von einem „Schabekuchen" (skrapkaka), 

(1. h. von dem Brote, das aus dem letzten abgekratzten Reste des Teiges 

gebildet wird, gegessen, so wird ihr Kind die schwer zu definierende 

Krankheit „kakskäfver" (Brot-Rhachitis) erhalten. Sie muss dann au neun 

Orten sich etwas Mehl erbetteln, daraus einen Teig machen und denselben 

um ein Passband legen. Auf diese Weise wird nun ein Brot mit einer 




1) Nyland (Helsingfors 1889), S. 128 (Pinland). 

2) Akten 1. c. S. 104. 



Haase: Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und Umgegend. 53 

ringförmigeB Öffnung, durch welche das Kind dreimal gezogen werden 
muss, gebacken '). 

Leidet ein Kiudleiu von Husten oder Schleim in der Brust, so muss 
dasselbe dreimal unter einem Hengste oder Widder durchgeführt werden. 

Von „Skerfva" giebt es drei Arten (in Dänemark neun): „Jordskerfva" 
(Erd-Rhachitis), „Horskerfva" (Huren-R.) und „Likskerfva" (Leichen-R.). 
Wird ein Kind durch „Skerfva" irgend einer Art krank, so muss sein 
Leinen durch einen Kircheuschlüssel gezogen werden*). 

Es muss der Jäger sich genau in acht nehmen, dass er im Walde 
nicht unter Wiudfällen hindurchkriecht, denn dadurch kann er sein Jagdglück 
verlieren. Jäger und Fischer können selbst sowie ihre Gerätschaften ver- 
zaubert werden. Wo das der Fall ist, müssen sie einen kleinen, schlanken 
Vogelbeerbaum im Walde aufsuchen. Seine Äste müssen abgehauen werden, 
und der Stamm „wider die Sonne" gedreht und mit dem oberen Ende in 
die Erde befestigt werden, wodurch ein Bogen gebildet wird. Durch 
diesen müssen Jäger oder Fischer, ihre Flinte oder Netze mit sich 
schleppend, rücklings kriechen^). 

Askov bei Vejen (Dänemark). 



Yolksmediziu in der Grafschaft ßuppin und Umgegend. 

Von K. Ed. Haase. 

A. Gegen Ki'ankheiten der Menschen. 

I. Gegen Adel. 
Unter Adel versteht man eine bösartige, eiternde Entzündung des Fingers. 
Gleichbedeutend sind die Ausdrücke Akelei, Blei, Blenn und Umlauf. 

1. Gegen Blei. 

Der Adel und der Stuhl 

Gingen vor Gericht; 

Der Stuhl gewann, 

Der Adel vorschwand. Im Namen Gottes u. s. w. 

Alt-Ruppin*). 



1) Wigström, Folkdiktning U, 276 (Göteborg 1881). 

2) Bääf, Ydre Hiirad ('). Göthl. S. 126. 127 (Linköping 1856). 

3) Wahlfisch, Söderm. Kulturh. VIII, 99. 101. 

4) Die Ortschaften aus dem Kreise Ruppin sind ohne nähere Bezeichnung. 



54 Haase: 

2. Gegen Blenn. 
De Blenn xm de Spol (Spule), 
De ging'n beide nahn Pol (Pfuhl); 
De wolln sich beide bägen (baden) 
Un is en nich geragen (geraten, gelungen). 
De Blenn, die verschwann 
ün de Spol gewann. Buberow. 

3. Gegen einen kranken Pinger. 
Blei und Spul' 
Gingen in die Schul'; 
Spule gewann, 
Blei verschwann. Lenzke. Kr. Ost-Havelland. 

4. Gegen Adel. 

Man nimmt Urin des Kranken, kocht ihn, taucht dann den kranken Pinger 
während des Kochens stillschweigend ein und spricht: 
Der Adel und die Puler (?) 
Schlugen sich beide um den Schuler; 
Adel verschwund. 
Schuler gewunnt. Zechlin. Kr. Ost-Prignitz. 

5. Gegen Adel. 
De Adel un de Spaul 
Gingen beide zu Paul; 

De Paul gewann, 

De Adel verschwann. fm Namen Gottes u. s. w. Ebenda. 

n. Gegen Augenkrankheiten. 

1. Für schlimme Augen. 
Dein Auge ist schlimm. 
Es soll werden wieder glimm. 
Ich böte dich auf das Schlimm', 
Dass das Gute das Böse überwind'. 
Im Namen Gottes u. s. w. f f f Neu-Ruppin. 

2. Gegen Augenweh. 
Glückselig ist der Tag, daran Christus der Herr geboren war. Flog aus, mein 
Blind [so!]. Logemimuss (= Longinus), der blinde Jude, der stach Christus dem 
Herrn seine Seite durch und durch; daraus floss Wasser und Blut, das ist dem 
N. N. für seine Augen gut. t t t Lichtenberg. 

3. Gegen die Pelle (Star) auf den Augen. 

a) Es fielen drei Jungfrauen vom Himmel: 

Die eine wollte abmähen das Gras von den Auen, 

Die andere das Laub von den Bäumen, 

Die dritte das Pell von den Augen. Im Namen Gottes u. s. w. Wulkow. 

b) Da gingen drei Jungfern wohl spazieren: 
Die eine pflückt Gras am Wege, 

Die andere pflückt Laub vom Baum, 

Die dritte pflückt den Star vom Auge. Im Namen Gottes u. s. w. Metzelthin. 



Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und Umgegend. 55 

c) Gegen einen Schaden an den Augen. 

Es standen drei Jungfrauen am heiligen Wege: 

Die erste pflückt Gras, 

Die andere pflückt Laub, 

Die dritte putzt Staub 

Und treibt's von den Augen. Im Namen Gottes u. s. w. Zippeisförde. 

4. Wenn einem etwas in das Auge geflogen ist, so wendet man, um dieses 
zu entfernen, folgendes Mittel an : Man drückt den gekrümmten Zeigefinger dreimal 
über das Auge und spricht dazu jedesmal leise die Worte: „Jesus, komm uns 
voran!" Lindow. 

5. Wenn man etwas ins Auge bekommen hat, soll man so machen, als ob 
man es herausziehen wollte, und sagen: „Jesu, fass er zu!" Protzen. Walchow. 

6. Wenn ein Mensch oder ein Tier etwas in den Augen hat, so nimm Muschel- 
mehl und mache es in die Augen, das holt es wieder heraus, und dann sprich: 

Also mit Sand, 

So hat unser Herr Christ mit der Hand, 

Der gelinden. 

Die Schmerzen geheilt den Blinden. Im Namen Gottes u. s. w. 

Seweckow. Kr. Ost-Prignitz. 

ni. Gegen Ausschlag. 

1. Wenn jemand den bösen Ausschlag hat, so sehe er an einem Freitag Abend, 
wenn der Mond ganz hell scheint, denselben an, streiche über die kranke Stelle 
(mit einem leinenen Tuche kreuzweis: Protzen, Walchow) hinweg und spreche: 

Was ich anseh', nehme zu (werde gross: Protzen, Walchow), 
Und was ich streiche, nehme ab. Im Namen des Vaters u. s w. 

Neu-Ruppin, Protzen, Walchow. 

2. Ausschlag wird vertrieben, wenn man die kranke Stelle dreimal still- 
schweigend kreuzweise mit einer Totenhand überstreicht. Rheinsberg. 

3. Hat jemand Schorf am Kopfe, so gehe er bei abnehmendem Monde in der 
Nacht vom Freitage zum Sonnabend zwischen 12 und 1 Uhr, ohne zu sprechen, 
auf den Kirchhof, nehme von dem Grabe einer Frau etwas Sand (oder Erde), 
verberge diesen in ein Tuch und binde das Tuch mit dem Inhalt um den Leib. 
Am folgenden Freitage gehe man wieder stillschweigend zur selbigen Stelle und 
lege den Sand (die Erde) wieder dahin, wo man ihn fortgenonimen hat, dann wird 
der Ausschlag verschwinden. — Eine Frau muss dies an dem Grabe eines Mannes 
thun. — Den Freitag muss man dazu wählen, weil es eben der Freitag ist; denn 
nur er kann von dem Übel frei machen. Köpernitz. 

4. Leidet man am Ausschlag, so gehe man vor Sonnenuntergang an ein 
fliessendes Gewässer, schöpfe daraus stromabwärts mit einem Gefässe Wasser und 
wasche damit die kranken Stellen. Doch muss man bei Sonnenuntergang schon 
wieder zurückgekehrt sein. Ebenda. 

5. Hat jemand Kopfgrind, so brenne er zwei oder drei Kröten in einem wohl 
vermachten (d. h. gut geschlossenen) Topfe über starkem Kohlenfcuor zu Pulver, 
streue dieses auf den zuvor dick mit Schweineschmer eingcschmicrton Kopf des 
Kranken und überbinde ihm diesen mit einer Blase. Lichtenberg. 



56 Haasp: 

6. Haben kleine Kindei- den Ausschlas oder andere Gebrechen, dann bestreiche 
man sie mit einer Totenhand oder mit einem Lappen, mit dem ein Toter gewaschen 
ist. Den Lappen lege man alsdann mit in den Sarg hinein. Sobald die Hand 
oder der Lappen verfault ist, ist das Gebrechen verschwunden. Zühlen. 

IV. Blut stillen und Wundsegen. 

1. a) Blut, du sollst stille stehn, wie das Wasser im Jordan stand, da unser 
Herr Christus getaufet ward. Im Namen des Vaters u. s. w. Amen. 

Neu-Ruppin. Dabergotz. 

b) Blut, steh still, wie Jesus Christus am Jordan gestanden hat. Im Namen 
des Vaters u. s. w. Palkenthal. Kr. Templin. 

c) Blut, steh still, gleichwie der Jordan stand, da unser Christus die Taufe 
empfing. Buberow. 

2. a) Jesus Christus lag und schlief, 
Seine Wunden waren tief. 
Sie thaten nicht bluten, 
Sie thaten nicht schwären, 
Sie thaten nicht schwellen, 
Sie thaten nicht weh. Im Namen Gottes n. s. w. Neu-Ruppin. 

b) Unser Jesus lag und schlief, c) Unser Herr Jesus Christus lag und 

Seine Wunden waren tief. Seine Wunden waren tief. [schlief, 

Sie heilen nicht, sie schwären nicht, Sie heilten, sie schwärten nicht. 
Sie thun auch nicht weh. Im Namen des Blutader, du sollst stille stehn. 

Vaters u. s. w. f f f Dreimal pusten. Wie das Wasser, was im Jordan steht. 
Neu-Ruppin. Stöffin. Walchow. Dabergotz. 

o. a) Man pustet dreimal über die Wunde und spricht: 
Unser Christus fiel vom Himmel; 
Er ward gebunden, er ward verwundet. 
Es soll nicht schwellen, es soll nicht quellen. 

Es soll nicht bluten, es soll nicht wehe thun. Im Namen des Vaters usw. 
Zum Schluss wird wieder dreimal über die Wunde gepustet. Neu-Ruppin. 

b) Du sollst nicht kellen, 
Du sollst nicht schwellen, 
Du sollst nicht wehe thun, 

Du sollst sachte thun. Im Namen Gottes u. s. w. t t t Neu-Ruppin. 

c) Unser Herr Jesus Christus ans Kreuz ward geschlagen. 
Seine Wunden schwollen nicht, sie quollen nicht, 

Sie thaten auch nicht weh: 

So dieser Wunde auch gescheh. Im Namen u. s. w. Neu-Rup])in. 

d) Gegen eine offene Wunde. — Christus, der Herr, ging in den Garten und 
verband seine Wunden. Sie faulten nicht, sie schworen nicht, sie haben auch 
nicht weh gethan: also soll auch diese nicht thun. — (Anblasen). Im Namen 
Gottes u. s. w. (ohne Amen). — Böten nach Sonnenuntergang. Neu-Ruppin. 

e) Wunden verbinden und Schmerzen versprechen. — Herr Jesus ging über 
Feld und verband seine Wunden. Sie schwellen nicht, sie quollen nicht, sie thaten 
auch nicht weh. Im Niinicn Gottes u. s. w. Neu-Ruppin. 



Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und Umgegend. 57 

4. Bhit stillen. 6. Ruh', Blut! 
Du sollst nicht bluten, Steh, Blut! 

Du sollst nicht schwellen, Christus lag- in seinen Wunden rot. 

Du sollst nicht quellen, Das schwoll nicht, 

Du sollst nicht schwären. Das quoll nicht. 

Bis die Mutter Maria wird gebären. Im N. G. d. V. f + t (i. d. S. f f f 

Im Namen Gottes usw. Neu-Ruppin. u. G. d. h. G. f f t Neu-Ruppin. 

5. Blut, du sollst stille stehn, 7. Christi Wunden 

Sollst nicht weiter gehn. Sind nicht verschwunden, 

Sollst nicht hirren. Auch nicht erhalten, 

Sollst nicht quirren. Auch nicht erkalten, 

Sollst nicht wehe thun. Neu-Ruppin. Auch nicht geschwollen. Neu-Ruppin. 

8. In unserm Garten stehen drei Blumen: die eine Gott Vater, die andere 
Gott Sohn, die dritte Gott heiliger- Geist. 

Hier puste dreimal und sprich dann leise weiter: 

Diese Wunde, die ich hier finde, die soll nicht bluten, nicht schwellen, nicht 
wehe thun, keine Hitze, kein kalter Brand mehr zuschlagen. Im Namen Gottes 
u. s. w. — Dreimal pusten. Neu-Ruppin. Frankendorf. 

9. Für ein Übel, das keine offene Wunde ist. — Hier thue ich eine Wunde 
finden, die soll weder hitzen, faulen, schwären, bluten. — (Anblasen.) — Im Namen 
Gottes u. s. w. — Böten nach Sonnenunteri^ang. Neu-Ruppin. 

10. Die Wunden, die ich seh, 

Die sollen nicht thun weh. Im Namen Gottes u. s. w. Neu-Ruppin. 

11. Unser Herr Christus wurde gestochen mit einem Schwert. Seine Wunde, 
sie hult nicht, sie krult nicht, sie thut ihm gar nicht weh, sie thut ihm nicht ein 
bischen weh. — Blut steh, eh' die Welt vergeh'! Im Namen des Vaters u. s. w. 

Man bestreiche die Wunde mit einem angeschärften Messer und blase sie 
dreimal an. Neu-Ruppin. 

12. Man schlägt drei Kreuze über die Wunde und spricht dann: 
Es geschehe mein Wille! 
Ich sage dir, Blut, stehe stille! Das walte Gott u. s. w. Amen. 

Hierauf macht man abermals drei Kreuze, wiederholt das Ganze dreimal, und 
das Blut hört auf zu fliehen. Neu-Ruppin. 

13. Drei Blumen stehen am Himmel: 
Die erste Wehmut, 
Die zweite Demut, 
Die dritte Gottes Wille. 
Blut, stehe stille! Im Namen des Vaters u. s. w. Neu-Rup|)in. 

14. In Christi Garten steht ein Baum; der grünt nicht, der blüht nicht, und 
dies soll auch so sein. Im Namen Gottes u. s. w. Neu-Ruppin. 

15. Es standen drei Bäume im Garten: 
Der eine hiess Palmbaum, 

Der andre hiess Ho|)pe, 

Der dritte Blutsto|)pc. — (Anblasen.) — Im Namen Gottes u. s. w. 

Böten nach Sonnenuntergang. Neu-Ruppin. 



5g Haase: 

16. Gegen Geschwulst, Blut und Brand; in Kremmen gegen die Rose gebräuchlich. 
Vor (über: D. u. Kr.) unseres Herrgottes (Herrn Jesu: D.) Bett, 
Da stehen drei Rosen: 
Die eine ist rot. 

Die andre ist Blot (blutrot: D. — sieht wie Blot: Kr.), 
Die dritt' hat ihren freien Willen, 
Und vor ihr stehen Geschwulst, Blut und Brand stille. 
(Kann Blut, Geschwulst und alles andere stillen: D) 
(Soll Schwuls, Geblüt und Brand stillen: Kr.) 

Neu-Ruppin. Dabergotz. Kremmen, Ost-Havelland. 

17. a) Rot ist die Wunde, 

Glückselig ist die Stunde, 

Wo der liebe Jesus Christ 

Drinnen geboren ist. Im Namen Gottes u. s. w. Neu-Ruppin. 

b) Sobald du dich gestochen, geschnitten oder gehauen hast, so sprich: 
Glückselige Wunden, 
Glückselige Stunden, 
Glückselig ist der Tag, 
Da Jesus Christus geboren ward. 
Jesus Christus ist geboren in Fleisch und Blut, 
Das sei mir für alle Wunden und Schmerzen gut. f f f Neu-Ruppin. 

18. Ich ging über eine Brücke, 19. Ich stand in einer Oberthür 

Da floss Blut. Und sah in eine Unterthür. 

Blut, du sollst stehen! Das Wasser lass' ich fliessen, 

Wasser, du sollst gehen! Das Blut thu ich schliessen. 

Im Namen des Vaters u. s. w. Im Namen Gottes u. s. w. Amen. 

Neu-Ruppin. Neu-Ruppin ')• 

20. To Dohm 

Do steiht eine Blom. 

Dei het bleut un bleut nich mehr: 

So stah, du Blot, un lop nich mehr. 

(Solche Wörter sprich dreimal.) Neu-Ruppin. 

21. Für das Blut. 
Es kam eine Jungfrau aus England, 
Die hatte zwei Krüge in ihrer Hand: 
Der eine mit Wasser, der andre mit Blut. 
Blut, stehe! Im Namen Gottes u. s. w. f t t Neu-Ruppin. 

22. Um Kinder zu beruliigen, die sich leichte Schnittwundon oder blutige 
Schrammen zugezogen haben, wendet man folgende Worte an: 

Boet, boet, 

Krähenfoet, 

Lämmerstert [G.: Hesterstert], 

Dat et morgen better werd (oder: Bald wedder göd'ken werd. A.-R.) 

Neu-Ruppin. Alt-Ruppin. Gadow. 



1) Der Spruch stammt aus Westfalen. 



Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und Umgegend. 59 

23. Unser Herr Christus ward verwundet. 
Es schwellte nicht, es quellte nicht. 

Sie bluten nicht und thatcn auch nicht weh. Im Namen Gottes u. s. w. 

Alt-Ruppin. 

24. Blut und Gebein, 

Du sollst stehen still und rein, 

Als die Maria die Mutter Gottes ward 

Und Jesum Christum den Herrn hat. Im Namen Gottes u. s. w. 

(ohne Amen). — Dreimal zu sprechen. Alt-Ruppin. 

25. Man nehme einen Stein, mache mit diesem drei Kreuze über die blutende 
Stelle und spreche: 

Blut, Ader, Mark und Bein, 

Schwärt ebenso wenig wie dieser Stein. Im Namen u s. w. 
Dann wird der Stein schweigend an einen dunkeln oder verborgenen Ort gelegt. 

Alt-Ruppin. 

26. Christus ging mit Petrus über den Jordan und stach einen Stab in den 
Jordan, sagte: Stehe, wie der Wald und Mauer. So soll dieser Blutstrahl auch 
stehen wie Wald und Mauer. Im Namen u. s. w. Zippeisförde. 

27. 

a) Christi seine Wunden b) Christi Wunden 

Wurden so verbunden: Wurden nicht verbunden; 

Sie bluteten nicht, sie schwarten nicht, Sie kellten nicht, 

Sie thaten auch nicht weh. Sie schwellten nicht. 

Im Namen Gottes u. s. w. Sie thaten auch nicht weh. 

Zippelsiorde. Im Namen Gottes u. s. w. Wulkow. 

28. Blut, du sollst stille stehn sowohl, als Gott steht, die Schmerzen auch. 
Im Namen Gottes u. s. w. Dierberg. 

29. Blut, stehe stille! 

Das ist mein und dein Wille. 

Als unser Herr Christus hat Wunden verbunden. 

Sind die Engel im Himmel verschwunden. Im Namen G. u. s. w. 

Rheinsberg. 

30. Um das Bluten eines verletzten Fingers zu stillen, nimmt man einen 
leinenen Lappen, steckt diesen zuerst in den Busen und streiclit (huin dreimal über 
die Wunde mit den Worten: 

Ich bespreche dich alleiiie. 

Schwöre (= schwäre) nicht, wie diese Steine. Im Namen des Vaters usw. 
Hiernach nimmt man den Lappen und verbindet damit die Wunde. Gransee. 

31. Gegen den Blutiluss. — Man nimmt neun Stachelbeerdornen, steckt sie 
dem Kranken in die Seite und spricht dazu: 

Blut, Blut, Blut! Im Namen des Heilandes Jesus Christus, der wahrhaftig 
am Kreuz für uns gestorben ist, gebiete ich dir, du sollst stille stehen. Im Namen 
des Vaters u. s. w. — Amen. Amen, Amen! Dabei wird übers Kreuz über den 
Mund des Kranken geblasen. Kraatz. 

32. Blut, ich sage dir, du sollst stille stehen, wie Jesus Christus am Golgatha. 

Wulkow. 



60 Härtung: 

33. Es wuchsen Gott dem Herren 
Drei Blumen aus seinem Herzen : 
Die eine seine Gütigkeit, 
Die andre seine Barmherzigkeit, 
Die dritte sein guter Wille. 
Blut, stehe stille! Im Namen Gottes u. s. w. Wulkow. 

34. Blut, steh' still! — Blut, du sollst still stehn, wie der Odem im Toten! 
— Blut, du sollst still stehn wie das Wasser im Jordan! Im Namen u. s. w. f f f 

Seebeck. 

35. So wahr als unserm Herrn Jesu Christo seine Wunden nicht geschworen 
sind, so wahr wird meine Wunde auch nicht schwären. — Dreimal gesagt im 
Namen Gottes, f t t (Engelien und Lahn, der Volksmund. S. 255.) Seebeck. 

36. Diese Wunden stehen offen, 37. Blut, du musst dich runden 

Sie sind nicht verbunden, Durch Christi Blut und Wunden. 

Sie quellen nicht, sie kellen nicht, Buberow. 

Sie thun auch nicht weh. Buberow. . r ni. i /-. i u j ■ n 

39. Auf Christus Grab wuchsen drei llgen 

38. Es kamen drei Jungfern gegangen. Die erste hiess Jugend, [(= Lilien): 

Zwei thäten das Blut empfangen, Die andre hiess Tugend, 

Die dritte thät es verwischen. Die dritte hiess Subal Blutstend. f f f 

Buberow. Lichtenberg. 

40. Gegen frische Wunden. — Frisch ist die Wunde, heilsam ist der Tag 
und glückselig die Stund', sobald ich dich ergreif, dass du weder geschwülst noch 
geschwürst, bis Maria einen anderen Sohn gebärt, f f f Lichtenberg. 

41. Jesu Güte, 
Jesu Blüte, 
Gottes Wille; 
Blut, steh stille, 

Dass nichts hinzukomme. 

Kein' Hitz', kein Prost und auch kein Brand. 

Im Namen Gottes u. s. w. Herzberg. Wulkow. 

Die beiden letzten Zeilen heissen jedoch in Wulkow: 

Dass nicht mit hinzuschlag' 

Kein' Hitz', kein Prost, kein Schwulst, kein kalter Brand, 

42. Da unser Herr Jesus aus dem Wasser kam, 
Wo Blut imd Wasser rann. 

Wasser, geh! 

Blut, steh! — Das gebiet ich dir im N. G. u. s. w. Löwenberg. 

43. Blut, steh stille! 

Das ist mein Wille. Im Namen G. u. s. w. Löwenberg. 

44. Es kamen drei heilige Männer gelaufen; 
Der erste sprach, er wollt' Blut kaufen! 
Der andre sprach: „Blut steh!" 

Der dritte sprach: „Um Jesu Christi willen!" Im N. G. usw. Löwenberg. 

45. Du sollst nicht schwären, du sollst nicht bluten, du sollst nicht wehe 
thun, du sollst sachte sein. Im Namen den Vaters u. s. w. Wnlchow. 



Volksmedizin in der Giafscli.ift Rupjiin und Umgegend. (^| 

46. Das Blut steh', wie unser Herr Christus vor dem Kreuze steht. Im 
Namen des Vaters u. s. w. Kerzlin. 

47. Heil sei die Wunde, 
Heil sei die Stunde. 
Heil sei der Tag, 
Worin die Wunde geschach. Im Namen u. s. w. Kerzlin. 

48. Wie die Blume im Garten steht, soll das Blut auch stehen. Im Namen 
Gottes u. s. w. Rübehorst. 

49. Dort an jenem Raum, 

Da stand ein grüner Baum; 

Der Baum blühte. 

Vergeh' und steh'! Im Namen Gottes u. s. w. Rübehorst. 

50. Dat Blot is rot, 

De Weidag sünd grot, 

Dat Blot soll stahn 

Un de Weidag vergahn. Im Namen Gottes u. s. w. 

Röbel in Mecklenburg. 

51. Herr Gott, du bist ein Jäger über Himmel, Erde, Meer und alles, was 
darinnen ist; so du sprichst, sich kein Tropfen nicht bewegt. — Blut, steh' still! 
Gott, der allmächtige, will. Im Namen u. s. w. Palkenthal. Kr. Templin. 

52. Man zeige mit dem Zeigefinger auf den blutenden Teil, mache drei Kreuze 
und spreche dabei: 

Dies Blut und Wunden soll stille stehen und nicht weiter gehen. 

t t t Im Namen der heiligen Dreifaltigkeit. Palkenthal, Kr. Templin. 

ö'i. Blut, steh still, wie das Wasser am Jordan ! 
Der Schwulst schwinde, 
Wie der Hauch im Winde. Lenzke. Kr. O.st-Havelland. 

54. Wunden besprechen. 

Du sollst nicht dellen. 

Du sollst nicht schwellen. 

Du sollst nicht stechen. 

Du sollst nicht brechen, 

Du sollst heilen, was Mutter Maria aucii that. 

Das dellt nicht. 

Das schwellt nicht, 

Das bricht nicht. 

Das sticht nicht. 

Das strammt nicht. 

Das bannt nicht. 

Du sollst heilen im Namen Gottes des Vaters u. s. w. 
Dies wird dreimal gesprochen, und während dieser Zeit wird dreimal etwas 
von dem Blut oder von der Unreinigkeit der Wunde an einen Zweig gewischt, 
Vk'clchen man von einem Vogellliederbaum abgeschnitten und von welchem man 
die Borke abgeschabt hat. Alsdann wird derselbe mit Spinngewebe und einem 
leinenen Lappen umwickelt und festgesteckt. Retzow. Kr. West-Havelland. 



g2 Haase: 

55. Die quage (quade) Wunde, die soll nicht schwellen und soll nicht quellen, 
sie soll nicht weiter gehn. Das ist das heilige Land und unsers Herrn Christi Verband. 
Im Namen Gottes u. s. w. Priesack, Kr. West-Havelland. 

56. Man nimmt ein kleines Stück Holz, drückt es dreimal auf die Wunde 
und spricht: 

„Dies Holz nehm ich von Christi Kreuz.'' 

Friesack, Kr. West-Havelland. 

57. Gegen Schnittwunden. 
Du Blut des Lebens, halte an, 
Wie Christus stand am Kreuzesstamra. 
Halt' an, du Blut, die Ader dein, 
Weil niemand ist von Sünden rein. Im Namen Gottes u. s. w. 

Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

58. Christxis, durch die Wunden dein 

Mach diese Wund von Fehlern rein Im Namen Gottes u. s. w. 

Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

59. Ich ging über eine Brücke, worunter drei Ströme liefen: 
Der erste hiess Gut, 
Der zweite Blut, 
Der dritte Epipperjahn. 
Blut, du sollst stille stahn! Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

60. Auf unsers Herrn Jesu Grab stehen drei Rosen: die erste heisst gütig, 
die andere mutig, die dritte ist Gottes Stiel; das stillte drei Namen das Blut in 
den Wunden [so!]. — 8 Segen. — Im Namen u. s. w. (ohne Amen). 

Seweckow, Kr. Ost-Priguilz. 

61. Für verbrannte Wunden — Für 1 Sgr. Hirschtalg, 1 Sgr. Jungfernwachs, 
1 Sgr. Leinöl und alte Butter: dies alles zusammmen in einem Topf gekocht, dass 
es eine Salbe wird. Dann sagt man: 

Feuer, du brennst scharf, Feuer, du brennst durch und durch: aber ich regier' 
doch mit meine Salbe dir. Im Namen Gottes u. s. w. 

Seweckow, Kr. Ost-Prignitz. 

62. Um Blut zu stillen, lege ein Messer über Kreuz auf die Wunde und sprich 
leise: Im Namen des Vaters u. s. w. Neu-Ruppin. 

63. Ziehe einen Keil aus einem Schemel oder aus einer Leiter, bestreiche ihn 
mit dem Blute und schlage ihn dann umgekehrt wieder an seinem Orte ein. Das 
Bluten hört den Augenblick auf. (Engelien u. Lahn, a. a. O. S. 255.) Seebeck. 

64. Schneide von einem grünen Baum einen Stock ab und lass Blut aus der 
Wunde in einen Lappen fliessen, binde dann den Lappen um den Stock und denke 
dabei: Im Namen Gottes f f t> und lege ihn nicht zu warm und nicht zu kalt. 
(Engelien u. Lahn, a. a. 0. S. 255.) Seebeck. 

65. Man nimmt einen Nagel aus der Scheide einer Leiter mid streicht mit 
demselben über die Wunde, indem man spricht: Im Namen Gottes u. s. w.; darauf 
schlagt man den Nagel umgekehrt wieder in die Scheide. Löwenberg. 

66. Wenn man sich mit ii-gend etwas (Messer, Nadel u. s. w.) gestochen hat, 
dann soll man dreimal weiter stechen. Protzen. Walchow. 



Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und Unigep;(>nd. 63 

y. Gegen Brand. 

1. a) Fair ab, du Brand, 
Fair in den Sand, 
Fair in den See, 
Thu' nicht mehr weh! Im Naraon Gottes u. s. vv. 

Neu-Ruppin. Metzelthin. 
Dieser Segen erscheint innerhalb und ausserhalb der Grafschaft in den mannig- 
fachsten Abweichungen, von denen ich hier eine Anzahl zusammenstelle. 

b) Ik boet di den Brand herut. 

Fahre nach de ruppinsche Seegrund. Im N. G. u. s. w. 

Neu-Ruppin. Dorf Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

c) Brand, fahi'' aus! 

Die Seele fahre in den See, 

Und thu nicht mehr weh! Im N. G. u. s. w. Neu-Ruppin. 

d) Brand, fall' in den Sand, aber nicht in Fleisch und Blut! 
(oder: und nicht ins Fleisch!) — 

Neu-Ruppin. Buberow. Fehrbellin, Kr. Ost-Havelland. 
(Ähnlich auch in Seebeck; vgl. Engelien u. Lahn a. a. 0. S. 257.) 

e) Ich boete den Brand. 
Fair in Sand, 

Nicht in Flei-sch! Im Namen Gottes u. s. w. 

Neu-Ruppin. Lichtenberg. Kerzlin. 

f) Brand, brenn' nicht in meinem B'leisch, brenn' in dem Sand. 

Neu-Ruppin. 

g) Brand in Sand soll nicht weh thun, soll sacht sein. Im N. G. usw. 

Neu-Ruppin. 

h) Brand, Brand, 

Fahre ins ganze Land! Im N. d. Vaters u. s. w. Neu-Ruppin. 

i) Brand, Brand, 

Du ewiger Stensand! 

Brand, nicht auswärts und nicht inwärts! Ira N. G. u. s. w. 

Zippelsförde. 

k) Brand, 

Fall in'n Sand, 
Fall in'n See, 

Thu' nicht weh! Im Namen Gottes u. s. w. 
Dabei drücke man mit dem gekrümraten Zeigefinger dreimal auf die verbrannte 
Stelle. Lindow. Karwe. Keller. Kremmen, Kr. Ost-Havolhind. 

(In Kremmen fehlt die Handlung des Drückens.) 

1) Indem man auf die Wunde pustet, sagt man: 

Brand, fall' in Sand, fall' aus Fleisch durch Gott Vater u. s w. f t t 

Dierberg. 

m) Brand, ich puste dich in den Sand und nicht in das Fleisch. Wulkow. 



54 Haase: 

n) Brand, 

Fall in den Sand, 

Thu' nicht weh, 

Lauf (Fall: Rh.) in den See! Karwe. Rheinsberg. 

o) Brand, 

Fall auf einen kühlen Sand! Im Namen u. s. w. f t t 
Dreimal hinter einander. Wustrau. 

p) Brand, 

Fair in den Sand, 

Fair nicht ins Fleisch, 

Thu' mir kein Leid! Im N. G. u. s. w. Rübehorst. 

q) Het Brand, 
Fall in Sand, 

Joch nich int Flesch. Im N. G. u. s. w. 
Dreimal pusten, t 1 1 Gadow, Ost-Prignitz. 

2. a) Wie hoch ist der Heben! 
Wie hoch ist der Heben! 
Wie kalt ist die Totenhand, 
Wo ich den Brand mit stillen kann! 

Neu-Ruppiii. Zippelsförde. 
b) Für den kalten Brand. 
Hoch ist der Heben, 
Krus' ist das Bükleben'), 
Kalt ist der Toten Hand, 

Man stillt damit den kalten Brand. Im N. G. u. s. w. 
Dann muss man einen Halm Stroh nehmen, damit streichen und ihn dann 
hinter sich herumnehmen und jedes Mal ein Ende abreissen. Neu-Ruppin. 

c) Wie hoch ist der Heben! (Wie hoch erhebt! Rh.) 
Wie rot ist der Krebs! (Rot ist der Krebs. Rh.) 
Wie kalt ist die Totenhand, (Kalt ist die Totenhand. Rh.) 
Damit ich stille diesen Brand! (Du verschwindst den heissen Brand. 
Im Namen Gottes u. s. w. Dreimal. Rh.) Dierberg. Rheinsl)erg. 

d) So hoch wie der Himmel, 
So tief wie die Gruft, 

So kalt wie des Mannes (Weibes) Todeshand, 
Damit stille ich dir den Brand. Im Namen Gottes u. s. w. f 1 1 

Seebeck. 
e) Wie hoch ist der Himmel! 
Wie rot ist der Krebs! 
Wie kalt ist dem toten Mann seine Hand! 
Gott segne mich aus diesem Brand. Buberow. 

f) Wenn man sich verbrannt hat, wende man folgenden Segen an: 
Ich ging mal einst an den Strand, 
Da fand ich eines Mannes Totenhand, 
Damit vertrieb ich diesen Brand. Buberow. 

1) Ein abgesägter Äst aus Buchenholz mit einem (lurchgplieiulen Loche, der beim 
Hüknii der Leinwand unten in den Kessel gelegt wird. 



Volksmedizin in der Grafschaft Enppin und Umgegend. (55 

s) Hoch ist der Himmel, 
Rot ist der Krebs, 

Kalt, kalt, kalt ist die Hand, (Kalt ist die Mondeshand: F; Totenhand: Z.) 
Damit stille ich den Brand. Im Namen G. u. s. w. (aber ohne .Amen!" F.) 
Xeu-Ruppin. Dabergotz. Pehrbellin, Kr. Ost-Havelland Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

h) AVie hoch ist der Himmel! 
Wie tief ist das Meer! 
"Wie kalt ist die Totenhand! 
Damit bestreicht man Feuer und Brand. 
(Hiermit still ich den Brand: Z. u. Kl.) 

Metzelthin. Zippeisförde. Klosterheide. 

i) Gegen den kalten Brand. 
Ich ging wohl übers Land, 
Da fand ich eine Totenhand, 
Und mit dieser Totenhand 
Still ich diesen kalten Brand. Im N. G. u. s. \v. Metzelthin. 

k) Hoch ist der Heben, 
Rot ist der Brand, 
Weiss ist die Totenhand, 
Damit bestreich" ich dieses Feuer und Brand. 

Wusterhausen a. D. 

1) Brand, ik boet di! 

Mannes Dodeuhand fot di! Dreimal pusten, tf t 

Im Xamen Gottes u. s. w. Gadow, Ki'. Ost-Prignitz. 

m) Hoch is de Heben, 

Rot is de Krätt (Krätze). 

So still ik diesen Brand 

Mit de dorige (trockne) Hand Im Namen u. s. w. 

Seweckow, Kr. Ost-Prignitz. 

3. Eine Verbindung zwischen den unter 1 und 2 aufgeführten Formeln ent- 
halten folgende Segen: 

a) Hoch ist der Himmel, rot ist der Krebs: Brand im Sand. 

Im Namen des Vaters u. s. w. .\men. Xeu-Ruppin. 

b) Hoch erhoben! Hoch erhoben! Hoch erhoben! 

Kalter Brand, fall in Sand! Im N. G. u. s. w. Rheinsberg. 

c) Brand, fall in Sand! 

Fall in die Totenhand! Im .V. G. ii. s. w. Walchow. 

d) Brand, wisch' in den Sand. 

Wisch dir ab mit Manneshand. Im N. G. u. s. w. Metzelthin. 

e) Brand, fall in Sand! 

Kalt ist die Totenhand. Wusterhausen a. D. 

4. a) Lorenz sass auf einem Ross; 
Er ritt über Land 
Und segnete ihr (ihm) den Brand 

Mit der starken Jesus-Christi-Hand. — .\nblasen. — Im X. G. u. s. w. 
Ba'ten nach Sonnenuntergang. Neu-Ruppin. 

ZeilscUr. il. Verein» f. Volkskuinle. 1»U7. " 



66 Haaso: 

b) Wenn sich einer verbrannt hat. 
Sankt Lorenz auf dem Rosch (= Roste) sass. 
Gott der Herr segnete ihm seinen Brand, 
Dass er nicht tiefer sich einfrass. t t t Lichtenberg. 

c) Lorenz lag auf dem Rost; 
Gott gab ihm einen Trost: 
Er segnete ihm den Brand 
Mit seiner göttlichen Hand, 
Dass er weder aus- noch einfrass. Wulkow. 

5. Ich kome vom Jordan, • 

Spreche Brand und Wchdan. Neu-Ruppin. 

<i. Gegen Brandwunden und andere. — Alles, was ich seh und anfass', das 
soll nicht stechen, nicht reissen, nicht willen, nicht schwülen, och nich wehduhn. 
Im Namen Gottes u. s. w. Zippeisförde. 

7. Gegen den kalten Brand 

a) Jesus reist' durch's ganze Land, 
Nahm den Stab in seine Hand, 

Damit stillt' er den kalten Brand. Neu-Ruppin. 

b) Unser Herr Christus ging übers Land 
Und sah von fern einen Feuerbrand. 
Er hob auf seine rechte Hand 

Und segnete den Peuerbrand. Im N. G. u. s w. Dierborg. 

8. Gegen Hiisebrand. 
De witte Wull un Hiisebrand, 
De beid' ging'n näh Engeland ; 
De Witte Wull gewannt, 
De Häsebrand verschwand. Im Namen u. s. w. f f f Seebeck. 

0. Gegen den kalten Brand. 
Weich aus, Brand, und ja nicht ein! 

Du seist kalt oder warm, lass dein Brennen sein! [Äderlein! 

Gott behüte dir, N. N., dein Fleisch, dein Blut, dein Mark, dein Bein und alles 
Die sollen vor dem kalten und warmen Brand bewahret und unverletzet sein. 

f f f Lichtenberg. 

10. Der Brand und die Mess', 
Die liegen beid' in Streit; 
Die Mess', die geht ins Land, 
Der Brand und der verschwand. Im N. G. u. s.w. Frankendorf. 

11. Gegen Verbrennen und Umlauf 

a) Brand, um 'ne Spule b) De Brand un de Spol', 

Gehn wei nah de Schule; De gungen in cne Schol', 

Dei Schule gewann De Brand verschwind'!, 

Un dei Akelei verschwann. Un de Spol', de gewinnt. 

Im N. G. u. s. w — Dreimal. — Im N. G. u. s. w. 

Kremmen, Kr. Ost-Havelland. Sewcckow. Kr. Üst-Frignitz 



Volksiiiedizin in dpr Grafschaft Ruppin iiiul Unigefjeiul. (57 

12. Jesus und Gott gingen über einen Brand. D;i sprach Jesus zu (?ott: 
,Herr, segne uns den Brand!" Im Namen Gottes u. s.w. — Dreimal. 

Retzow, Kr. West-Havelland. 
13. Es gingen drei Heilige wohl über das Land, 
Da begegnete ihnen der höllische Brand 
Er sprach: „Brand, du sollst weichen, 
Und der Schaden soll schleichen." Im N. G. u s. w. 

Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 
14. Bei Verbrennungen. 
Es gingen drei Junggesellen über das Land, 
Sie ergriffen den Stock mit dem Brand. ImN. G. u. s. w. 

Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 
VL Gegen den Brandgrind. 
Man füllt eine Schale mit Wasser und spricht, während man sie zum Munde 
führt, um zu trinken: 

Ich trink" draus wie ein Reh und Rind, 

Du sollst wegnehmen all diesen Brandgrind 

Im Namen Gottes u. s. w. Neu-Ruppin. 

VII. Gegen einen Bruch. 

1. Nimm Vivatsöl, Uptropsöl und Windbruchsöl, jedes für einen Groschen. 
Der Bruch muss eingebracht und damit geschmiert werden Der Kranke muss 
aber 24 Stunden auf dem Rücken liegen. Neu-Ruppin. 

2. Gegen den Bruchschaden nimm für zwei Groschen Sanickelkraut, einen 
halben Pott alten Franzwein, einen halben Pott Wasser, für zwei Groschen t'oss- 
fett und für einen Groschen Kamenteöl. — Man nimmt einen neuen Topf und 
kocht es wie ein junges Huhn und trinket alle Tage dreimal einen Theekopf voll 
aus und sieht sich vor, dass der Bruch nicht herauskommt. Man muss sich vor 
grosser Bewegung in acht nehmen und solches drei Tage nach abnehmendem 
Monde gebrauchen. Neu-Ruppin. 

3. Einen Bruch bei einem Jünglinge zu vertreiben. — Schneide drei Büschlein 
Haare auf dem Wirbel ab und binde sie in ein reines Tüchlein. Dies trage mit 
den Haaren in eine andere Markung und grabe es in einen jungen Wcidenbaum, 
dass es verwachse, f f f Probatum. Lichtenberg. 

VIII. Gegen Einschuss.') 
1. a) Hier tret' ich her zu dir, 

Du ganzer weiser Mensch. 

Es sausen alle Winde, 

Alle Inschött muss verschwinden. Im N. G. u. s. w. Neu-Ruppin. 

b) Man geht bei zunehmendem Monde in den Garten, sticht mit einem Messer 
ein Stück Rasen heraus, fasst dasselbe mit einem Tuch oder einer Schürze an 
und legt es auf die Brust. Dabei spricht man dreimal die Worte: 

Es sausen alle Winde, 

Der Einschuss muss verschwinden. 
Dann betet man das Vaterunser, nimmt den Rasen von der Brust und legt ihn 
wieder an die alte Stelle. Neu-Ruppin. 



1) Entzündung und Anscliwcllung der Brust (bei Tieren des Euters). 



gg flaasc: 

2. Mutter Maria geht über das Land, 
Da begegnet ihr eine Totenhand, 
Damit bestreicht sie Milch und Bhit. 

Im Namen des Vaters u. s. w. Xcu-Kuppin. 

3. Es gingen drei Jungfern übers Land, 
Die hatten einen Einschuss in der Hand. 
Die drei Jungfern gewannen. 

Und der Einschuss verschwand. Im Namen u. s.w. Alt-Ruppin. 

4. Den Inschott zu stillen. 

Der Inschott und das Fahr {?), 

Die gingen beide über das Meer, 

Der Inschott, der verschwand, 

Und das Fehr, das gewann. Seweckow, Kr. Ost-Prignitz. 

IX. Gegen Epilepsie oder fallende Sucht. 
L Nimm von der Nachgeburt einer Frau und von eines Menschen Toten 
(gebein, zerpulvere oder verbrenne?') dieses und gieb davon dem Patienten drei 
Messerspitzen voll ein. So einer fällt, muss man ihn liegen lassen und weiter 
nicht anrühren. Lichtenberg. 

2. Elstern, in den Zwölften geschossen und zu Asche verbrannt, helfen gegen 
Krämpfe und Epilepsie. Neu-Ruppin. 

X. Gegen Fieber. 
Unter dem Ausdrucke „Fieber" versteht das Volk meist das sogenannte „kalte" 
Fieber. Auf das Boeten desselben kennt man in der Grafschaft folgende Parodie: 
„Holt der Teufel die Alte, 
So verlässt sie auch das Kalte." 
1. Der Kranke bestellt sich früh morgens eine Gabe, z. B. ehi Stückchen 
Fleisch vom Fleischer, kehrt alsdann sein Hemde um, den linken Ärmel zuerst, 
und spricht: 

Kehre dich um, Hemde! Du, Fieber, wende dich! Im Namen d. V. u. s w. 

Neu-Euppin. 

2. Hier komme ich und bringe mein Fieber 
Und kriege es gar nicht wieder. 
Die alte Turteltaube hat keine Gallen, 

Damit lasse ich das 77ste Fieber fallen. Im Namen des Vaters u. s. w. 
Auf Papier zu schreiben und in ein fliessendes Gewässer zu werfen. 

Neu-Ruppin. 

3. Gehe früh morgens vor Sonnenaufgang stillschweigend zu einer Rüster, 
bohre in dieselbe ein Loch und sprich leise dreimal folgenden Spruch: 

Rüster Atowe, 

Ich bringe dir das Fieber Kalowe, 

Ich bringe es dir nicht auf einerlei Art, 

Sondern auf 77sterlei Ai't. Im Namen Gottes u s. w. f f f 
Darauf nimm einen Pflock, der gerade in das Loch passt, verkeile dasselbe damit 
und entferne dich stillschweigend. Neu-Ruppin. 



1) Die eingeklammerten Worte sind unlcsliiir. 



Volksmedizin in der Grafschaft Ruiiiiiii und Umgegend. 69 

4. Man geht am ersten Ostertage vor Sonnenaufgang stillschweigend an ein 
Fliess, schöpft dreimal von dem Plusswasser stromabwärts und trinkt es, indem 
man jedesmal leise dazu spricht: 

Ich schöpfe, ich schöpfe Christi Blut, 

Es ist für 77sterlei Fieber gut. Im Namen Gottes u. s. w. f f •}• 
Dann kchit man stillschweigend auf einem anderen Wege zurück. 

Neu-Ruppin. Lichtenberg. Wulkow. 

5. Pilaumenbaum, ich bringe dir 

Mein neunundneunzigerlei Fieber hier. 

Pilaumenbaum, ich lass dich nicht los, 

Bis dass ich mein Fieber bin los. Im Namen d. V. u. s. w. f f f 

Dreimal pusten. Neu-Ruppin. Stöflin. Walchow. 

6. a) Nesselstang, ich klage dir: 

Mein 77sterlei Fieber plaget mich; 

Nimm es ab von mir. 

Behalt es an dir. Im Namen Gottes u. s. w. 

Es muss am einjährigen Nessel besprochen werden und zwar abends nach Sonnen- 
untergang. Bettle dir von jemand etwas Salz und streue dies auf den Nesselstang, 
so wird der Nessel anfangen den Kopf hängen zu lassen, wenn es hilft. Thue 
dies drei Abende hinter einander, so wirst du das Fieber nie wieder bekommen. 

Zippeisförde. Klosterheide. 

b) Nimm nach Sonnenuntergang stillschweigend Salz in deine Hand, geh 
damit zu einer Nesselstaude und sprich: 

Ich klage dir: 

Hitz' imd Frost plaget mir; f 1 1 

Nimm sie von mir 

Und behalt sie bei dir! 

Alsdann streu der Nesselstaude etwas Salz auf den Kopf und geh drei Schritt 
zurück. Dies thu so dreimal und geh still davon und sieh dich nicht um. 
(S. Engelien u. Lahn a. a. O. S. 2eiO.) Seebeck. 

c) Hat man Fieber, so streue man Salz auf einen Nesselstrauch und spreche: 

Ich streue den Samen durch Christi Blut, 

Es ist für siebenundsiebenzigerlei Fieber gut. Im Namen G. u. s. w. 

Dreimal zu sprechen. — Verwelkt der Strauch bis zum nächsten Morgen, so wird 
das Fieber gut. Hessin, Kr. West-Havelland. 

7. Wenn das Fieber bald ankommt, so gehe zu einer Eiche windan, und 
wenn du unter dem Baume stehest, so sprich die Worte: 

Ach, lieber Eichbaum, ich klage es dir, 

Ein zehrend Fieber plaget mir. 

Ach, lieber Gott, ich bitte dir. 

Nimm du doch diese Last von mir. 

Ich bringe dir das warme und das kalte; 

Das erste Vögek'hen, das darüber lliegt, das mag es behalten. 
Darauf .sprich dreimal die Worte: Im Namen des Vaters u. s. w. Klosterheide. 



70 Haase : 

8. Schmiere dir ein Butterbrot und schreibe mit Tinte, indem du die Feder 
umkehrst, also mit der Rückseite, die Worte und Zeichen: 

Sava X Sawa X Sawita X 
und gieb es dem Kranken zu essen. Dies muss an drei Freitagen geschehen nach 
Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang. Klosterheide. 

9. Das Fieber anbinden, 
a) Guten Abend, Fliederbaum, 
Hier bring ich dir mein Fieber. 
Ich bind' es an 
Und geh davon. Im Namen Gottes u. s. w. Dicrberg. 

b) Will man einem das Fieber besten, so muss man zu der Zeit, wann das 
Fieber (verschrieben für „der Flieder"?) blüht, abends nach Sonnenuntergang 
hinausgehen zu einem Fliederstrauche, denselben mit einem Bande umwickeln und 
folgende Worte sprechen: 

Guten Abend, Herr Flieder! 

Ich grüsse Sie von N.'s Fieber. Im N. G. u. s. w. Köpernitz. 

c) Wenn man das Fieber hat, soll man zu einem Fliederbaum gehen und sagen: 

Guten Abend, Herr Flieder, 

Hier bring' ich dir mein Fieber; 

Hier bind' ich es an 

Und gehe davon. Protzen. Walchow. 

d) Flederbom, ik klage dl, 

Dat kolle Fieber, dat pkiget mi; 
Ik bind' di an 

Un geh davan. Im N. G. u. s. w. 
Dabei bindet man einen Faden oder Band um den Baum. Frankendorf. 

e) Fliederbaum, ich klage dir. 

Das siebenundsiebzigsterlei Fieber plaget mir. 

Das erste Vögelchen, was überfliegt. 

Benehm es mir! Im N. G. usw. Kremmen, Kr. Ost-Havelland. 

f) Man bindet in der Nacht bei abnehmendem Mond einen Bindfaden um einen 
Fliederl)aum, der auf der Scheid' (Grenze) steht und spricht: 
Guten Morgen, Herr Flieder, 
Ich bringe dir mein Fieber: 
Ich binde dich an. 
Nun geh in Gottes Namen davon! — Dreimal. 

Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

10. Wieg', ik klag di, 

Det 77steilei Fewer plagt mi. Buberow. 

11. Nussbaum, ich komme zu dir, 
Nimm das 77erlei Fieber von mir. 
Ich will dabei verbleiben, f f f 

Man muss dieses auf einen Zettel schreiben und damit vor Sonnenaufgang zu einem 
Nussbaum gehen und einen Zasan (?) davon herausschneiden, das Zettelchcn hinein- 
legen, obige Worte dreimal sprechen und das Stückchen Rinde so wieder auflegen, 
dass es wieder verwächst. Lichtenberg. 

Auch in Neu-Ruppin gebräuchlich, wo das Balten an einem Freitage go-^^cheheii niiiss. 



Volksmedizin in der Grafschaft Ruppiu und riuges*'"'! 71 

12. Guten Morgen, guter Tag! (du angenehmer Tag!: H) 

Nimm mir doch das (die: H.) 77sterlei Fieber hin (ab: H.). 
Im Namen des Vaters u. s. w. 
Stehe des Morgens, ohne zu sprechen, aus dem Bette auf, gehe im Hemde vor 
die Thür, sieh in die Morgenröte und sprich diese Worte mit gefalteten Händen. 

Wulkow. Herzberg. 

13. Man kann das Fjeber auf einen Stein übertragen, den man nie wieder- 
sieht; sonst würde das Fieber zurückkehren. Dabei spricht man leise die Worte: 

Stein, ich klag' es dir. 

Das Fieber plaget mir; 

Nimm es von mir! 

Gesund geh ich von dir. Im N. G. u. s. w. 
Geht man zurück, so muss man einen anderen Weg einschlagen. — Beeten vor 
Sonnenaufgang. Wulkow. Herzberg. 

14. Wied', du olle, 

Ik bring' di min hetet un min kollet. Im Namen u. s. w. 
Hierbei muss man die Weide umfassen. Wulkow. 

15. Man nimmt vor Sonnenaufgang Heusamen in ein Tuch oder eine Schürze, 
geht auf einen Kirchhof und säet ihn aus mit den Worten: 
Ich säe diesen Samen 
In 77 Namen. Im Namen Gottes u. s. w. Herzberg. 

IG. Nimm drei Mandelkerne, schreibe oder schneide 
auf den ersten Eabi f t t 
auf den anderen Nabi f f f 
auf den dritten Habi f f f 
und gieb solche dem Kranken vor dem Fieberanfall zu essen. 

Falkenthal, Kr. Templin. 

17. Fieber vertreibt man, wenn der Kranke in den Schornstein hineinruft: 

Fewer, blieb ut; 

N. N. ist nich to Hus ! Seweckow, Kr. Ost-Prignitz. 

18. Wenn man an einem Ostersonntage früh nüchtern einen Apfel issi, so ist 
man wiihrend eines ganzen Jahres gegen das kalte Fieber geschützt. 

Neu-Ruppin. Protzen. Gadow, Ost-Prignitz. 

19. Der .\bgang vom Hammel, in einer Oblate genommen, heilt das kalte 
Fieber. Neu-Ruppin. 

20. Geh nach der Aaskule, nimm die beiden linken Ohrzähne von einem 
Wallach und brenne sie zu Pulver: davon eine Messerspitze voll eingenommen, 
das hilft. (S. Engelien u. Lahn a. a. O. S. 260.) Seebeck. 

21. Man schneide eine Katze in das linke Ohr und lasse drei Tropfen Blut 
in Branntwein fallen, werfe ein wenig Pfeffer dazu und lasse es den Patienten 
trinken. Lichtenberg. 

22. Beschneide dem Kranken an einem Freitage beim abnehmenden Monde 
die Nägel an den Händen und Füssen, schiebe diese Stücke einem Krebse an der 
Stelle, wo der Schwanz ansetzt, in den Leib und wirf ihn in (liossendes Wasser. 

Lichtenberg. 



72 Haase: 

23. Das Fieber anbinden. — Gehe vor Sonnenaufgang stillschweigend mit 
einem Faden zu einem Pliederbaume, binde den Faden um denselben mit dem 
Gedanken, dass man das Fieber anbindet, dann kehre stillschweigend auf einem 
anderen Wege nach Hause zurück (vgl. 9). Wulkow. 

24. Man gehe bei Sonnenaufgang an einen Kreuzweg, streue dreimal kreuzweis 
Salz auf denselben und spreche: Im Namen Gottes u. s. w. Hierauf schreite man 
über den Kreuzweg hinweg und kehre stillschweigend, wie man gekommen, aber 
auf einem vom ersten verschiedenen Wege, nach Hause zurück. Karwe. 

25. Pieberki-anke werden durch einen Hollunderzweig geheilt, den man in die 
Erde pflanzt. Wallitz. Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

26. Gegen kaltes Fieber schützt man sich, wenn man sieben blühende Rogguii- 
ähren mit dem Munde abstreift. Hakenberg, Kr. Ost-Havelland 

Oder wenn man stillschweigend dreimal eine Roggenähre durch den Mund 
zieht und die dadurch abgestreiften Blüten hinunterschluckt. Protzen. 

XI. Gegen eine Pissel. 

1. Nimm Anis, Sebersalz, Gallapfel, Holzwurzel. Vergülden wiederthon, von 
jedem 2 Lot, zerstosse alles zu Pulver und gieb um den zweiten Tag einen Löffel 
voll ein. Neu-Ruppin. 

XIL Gegen Flechten. 

1. a) Die Blechte und die Weide 
Gerieten beide in Streide; 
Die Flechte verschwand 
Und die Weide gewann, im X. G. u. s. w. Neu-Rup|)in. 

b) Die Weide und die Flechte, 
Die stehen beide im Gefechte: 
Die Weide stand. 

Und die Flechte verschwand. Im N. G. u. s. w. 
Die Weide, bei der man bautet, muss am Scheid stehen. Neu-Ruppm. 

c) Die Wied' un de Flecht' 
De lagen beid' im Recht; 
De Wied' gewann. 

De Flecht' verschwann. Zippeisfördt'. 

Mit ganz geringfügigen Abweichungen flndct sich dieser Segen auch in Kloster- 
leide, Dierberg, Rheinsberg, Buberow, Prankendorf, Retzow und Zechlin in Ge- 
brauch. Bei dem Segen aus Frankendorf und Zechlin sind die Worte hinzugefügt: 
Man gehe an eine Gelbweide und streiche während des Roetens mit einem Zweige 
derselben dreimal über die F'lechten. 

An die angeführte Formel lehnen sich noch folgende an: 

d) Der Adler und die Flechte 
Flogen beide zur Rechte; 
Der Adler, der gewann't. 

Die Flechte, die verschwand. Neu-Ruppin. 

e) Die Speckschwarte und die Flechte, 

Die lagen beide im Rechte; u. s. w. Löwenberg. 



Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und rmgegend. 73 

f) Die Zander und die Wied". 

Die lagen V)eid' in Striet: 

Die Zander, die verschwand. 

Die Wied', die gewann. 

Im Namen des Vaters u. s. w. (ohne Amen), f f t (Vgl. i.) 
1 )er Spruch rauss drei Freitage hinter einander bei zunehmendem Monde gesprochen 
«erden, indem man die Flechte gegen de)i Stamm einer Weide drückt. Während 
des Ganges zur Weide und zurück darf nicht gesprochen werden. Langen. 

g) De Asch un de Flechten, 
De gähn beide fechten; 
De Asch, de gewann. 
De Flecht verschwann. Im N. G. u. s. w 
Dreimal Freitags vor und nach der Sonne. Dabergotz. 

h) Urub, Burub, 

Die Flockers und die Flechten he, 

Die wollten sich beide streiten; 

Die Flockers, die gewann. 

Die Flechte, die verschwand. Riibeliorst. 

i) Eine Zeter (= Flechte am Munde) und eine Weide, 
Die wollten sich beide streiten. 
Die Zeter verschwann, 
Die Weide gewann. Fessin, Kr. West-Havelland 

2. Während man in den zunehmenden Mond sieht und die Hand auf ilie 
Flechte legt (oder darüber hinwegstreicht), spricht man leise: 

a) Alles, was ich ansehe, nimmt zu; 

Alles, was ich anfasse, nimmt ab. Im N. d. V. ii. s. w. 

Xeu-Ruppin. Lichtenberg. Kerzliu. 

b) Für böse Flechten, dem Mond zu klagen. 
Was ich hier sehe, das hier stehe: 

Und was ich überstreiche, das vergehe. Im Xamen u. s. w. 

Dierberg. 

c) Was ich anseh, das vermehre sich; 

Was ich anfass', das verliere sich. WulUow. 

d) Du nimmst zu (indem man den Mond ansieht), und du nimmst ab (indem 
man mit der Hand über die Flechte streicht). Im N G. u. s. w. Wulkow. 

e) Gegen Flechten, Geschwüre, Hühneraugen und Gichtbeulen. — Bei Voll- 
mond, den man aber vollständig sehen muss, streicht man die kranke Stelle und 
spricht: 

Was ich jetzt streich", das soll vergehen; 

Was ich jetzt anseh', das soll bestehen. Im N. G. u. s. w. Löwenberg. 

M. Flechte, ich thu dich streichen. 

Und du sollst weichen. Im Nameu d. V. u. s. w. 
Alsdann spuckt man dreimal darauf und bestreicht sie mit einer Salbe, die man 
aus Weisslilienöl (für 10 Pfennig), aus Flechtsalbe (für .O Pfennig) und aus unge- 
salzener Butter in derselben Menge wie die P'lechfsalbc hergestellt hat. Doch darf 
man nur Freitags und Sonntags bcr-ten, sonst liillt es nichts. Neu-Ruppin. 



74 Haltung: 

4. Die Flottasch' und dit- Flechte. 

Die flohen übers wilde Meer; 

Die Plottasch', die kam wieder, 

Die Flechte nimmermehr. Im N. d. V. u. s. w. Xeii-Ruppin. 

.'). Man geht mit der kranken Person stillschweigend nach einem Orte, wohin 
kein Sonnenstrahl dringt. Dort legt man den Zeigefinger der rechten Hand auf 
die Flechte und spricht leise: 

Quine, vergine: (f mit dem Finger über die Flechte) 

Quine, vergehe! (f desgl.) 

Quine, verdrehe! (f desgl.) 
Ist dieser Spruch dreimal an drei auf einander folgenden Tagen gesprochen worden, 
so ist die Flechte am vierten verschwunden. Neu-Ruppin. 

6. Die Flechte, die soll vergehen heut an diesem Tage, so wahr wie unser 
Herr Jesus Christus vom Mutterleibe geboren ist. Im Namen u. s. w. 

Alt-Ruppin. 

7. Ein gläubiger Mann gehe mit dem Kranken bei Mondschein zu einem 
Wasser und spreche, indem er mit der Hand die Flechten berührt: 

Der Mond und die Flechten gehen über das Wasser: der Mond kommt wieder, 
die Flechten bleiben aus. f f f Im Namen Gottes u. s. w. 

Falkcnthal, Kr. Templin. 

8. Man bestreiche die Flechte dreimal kreuzweis mit einer lebenden schwarzen 
Schnecke und spreche dazu: Im Namen Gottes des Vaters u. s. w. Alsdann lege 
man die Schnecke an einen Ort, den weder Sonne noch Mond bescheint und 
veriiindere sie durch einen aufgelegten Stein am Fortkriechen. Das hilft. 

Falkenthal, Kr. Templin. 

Neu-Rui^piu. 

(Fortsetzung folgt.) 



Zur Volkskunde aus Aulialt. 

Von Dr. Oskar Hartung-Cöthen. 
(Fortsetzung von Zeitschrift VI, 438.) 



3. Aschermittwoch. 

In Pietheu (Kr. Cötben) wurde derjenige, der am Aschermittwoch 
am längsten geschlafen hatte, von den Mägden und Kindern „ab- 
gekehrt". 

Am Aschermittwoch wurde in Brambacli (Kr. Zerbst) der Hühner- 
stall und der Taubenboden gereinigt und mit Asche bestreut, damit 
das Ungeziefer sich nicht darin halte. — An diesem Tage durfte in 
Zehmitz (Kr. Cöthen) nicht gesponnen werden. Oewöhnlicli wurden 



Zur Volkskunde aus Anhalt. 75 

da noch die Federn der zuletzt geschlachteten Gänse „gerissen". Sonst 
war das Federreissen in den Zwölfen Sitte. — In Hohiisdorf fütterte man 
die Tauben von Aschermittwoch ab vier Wochen lang mit Brot, in das 
Anis gebacken war. Es wurde am Tage des Aschermittwoch selbst gebacken. 
Durch seinen Cxenuss sollten die Tauben „gut geraten". 

In Neudorf im Harze und den umliegenden Ortschaften wurden bis 
vor kurzem die 17 bis 20jährigen Burschen am Aschermittwoch von 
ihren älteren Genossen tüchtig mit Ruten gestäupt. „Bengeln" nannte 
man dies. Nachdem jene sich dann durch Zahlung von Geld oder durch 
andere Gaben „gelöst" hatten, erhielten sie das Recht, im Gasthause am 
Tische der älteren Burschen zu sitzen, in deren Gesellschaft zu vcr- 
keliren u. s. w. 

Am Aschermittwoch war und ist es zum Teil nocli heute allgemein 
Sitte unter den Kindern, sich gegenseitig oder auch erwachsene Personen, 
denen sie zufällig begegnen oder die sie in ihren Häusern aufsuchen, zu 
äschern, d. h. mit Ruten, die aus Besenreis, Birkenzweigen oder grünen 
Wacholdersträuchen gemacht sind, zu schlagen. Von den Geschlagenen 
erhielten sie dafür Bretzeln oder andere kleine Geschenke. Dabei 
sangen bis vor einiger Zeit die Kinder in der Zerbster Gegend folgendes 
Liedchen : 

Ascher-Aschermittewoch ! 

Eine Bretzel gieb mich doch I 

Thust du mich 'ne Bretzel geben. 

Wünsch ich dich 'n langes Leben. 

Und in Vockerode (Kr. Dessau) sagten sie: 

Ist der Peter schon dagewesen? 

Ein paar Eier, 

Ein paar Dreier, 

Ein Stückchen Speck! 

Gleich bin ich wieder weg. 

4. Grüner Donnerstag. 

Am Grünen Donnerstage mnss mau nach allgemeinem Glauben grünes 
Gemüse essen. In Stragnth (Kr. Zerbst) suchen die Kinder dazu 
neunerlei Kräuter, um daraus einen Salat zu bereiten, und in Gr. Kühnau 
ass man Salat von Scharbockskraut. An diesem Tage sammelte man 
auch in Straguth Hartenau (hypericum perforatum) und Eisenhart 
(verbena officinalis), die dann getrocknet und zum Sclmtz gegen Blitzschlag 
aufbewalirt wurden. Sobald dann ein Gewitter am Himmel heraufzog, 
brannte uuui eine liestimmte Menge von diesen Kräutern an und sjjrach 
dabei : 

Eiseiihiii't und Hartenau, 

Brennt an. dass sich das Wetter stau! 



76 Härtung: 

Für Eisenhart nahm man in Scheue! er (Kr. Dessau) auch Dill und 
sagte: 

Harnau und Dill, 
Macht das Gewitter still! 

Bisweilen genügte auch nur Hartenau. In Cöthen, erzählt nmn in 
Zehmitz, habe einst mehrere Tage laug ein starkes Gewitter gewütet. Da 
habe man endlich aus den Wolken eiue Stimme gehört, die habe gerufen: 

Ist denn keine einzige Frau, 
Die da weiss von Hartenau? 

Darauf sei dies Kraut herbeigeschafft wordeu, uud sofort sei das Gewitter 
gewichen. — In Zehmitz wurde Hartenau zum Schutz gegen Blitzschlag 
unter die Dachsparren gelegt. 

5. Osteru. 

Die Sitte, Osterfeuer anzuzünden, war uud ist noch heute in Anhalt 
weit verbreitet. Wir finden sie in dem ganzen ehemaligen Schwabengau. 
d. h. iu der ganzen zwischen Bode und Saale belegeneu Gegend, also in 
den beiden heutigen Kreisen Balleustedt uud Bernburg, doch kennen 
sie etliche Orte auf dem Harze, wie z. B. Neudorf und einige wenige 
andere, nicht. Im Cötheuer Ki-eise ist das Osterfeuer iu den südlich von 
Cöthen, also nach Halle zu gelegenen Ortschaften, ganz unbekannt, wohl 
aber findet es sich wieder in den nördlich von dieser Stadt nacli der Elbe 
zu gelegeneu Dörfern, sowie in den meisten westlich gelegenen, die au 
den Bernbui'ger Kreis anstosseu. Im Dessauer und Zerbster Kreise wird das 
Feuer im allgemeinen nicht abgebrannt, doch ist es hier wieder in etlichen 
kleineren Bezirken, wie in Natho, Bornum, Mühlsdorf, Eogäsen, Kerchau. 
Niederlepte nachweisbar. In den vom Harze abgelegeneren Ortschaften 
wird das Feuer aber nicht wie dort am Abende des ersten Osterfeiertages, 
sondern bereits am Vorabende, am sogenannten Osterheiligabeud. entzündet. 
Dass Abbrennen selbst auf kleinen Höhen, die, wie z. B. iu meiner Heimat 
Frose und anderswo den Namen Osterberg führen, geschah meist iu der 
bekannten Weise. Theerfässer und alte Kummete suchte mau mitVorliebe 
als Brennmaterial zu erlangen. In Natho (Kr. Zerbst) steckte man die 
Theerfässer rings herum um das eigentliche Feuer odei\ falls es den 
Knechten geluugeu war, nur zwei solcher Fässer aufzutreiben, zu seinen 
beiden Seiteu auf lange Stangen. In Radislebeu (Kr. Balleustedt) brennen 
die Knaben, wenn die Flammen des Osterfeuers zum Himmel emporzüngeln, 
an ihnen mitgebi'achte Fackeln oder Strohwische an, die anlange Stangen 
gesteckt sind, und laufen damit auf „der Höhe", wie der gewöhnliche 
l'^euerplatz dort genannt wird, umher. In Kerchau und Natho (Kr. Zerbst), 
sowie in Klein Alsleben (Kr. Ballenstedt) und Güsten (Kr. Bernburg) 
sprangen die jungen Burschen über ilas abglimmeude Feuer hinweg. 



Zur Volkskunde ans Anhalt. 77 

Noch allgemeiner als die Sitte des Osterteiiors ist die, in der Oster- 
iiacht aus fliessendem Gewässer unter strengstem Stillschweigen Oster- 
wasser zu schöpfen. Dies gilt als vorzügliches Heilmittel gegen Augen- 
krankheiten (Erose, ßadeborn, Würflau), macht das Gesicht schön (Kerchau), 
die Haut weich (Mühlstedt), vertreibt Sommersprossen (Zehbitz) und schützt 
vor allerhand sonstigen Krankheiten (Natho). Besprengt man die Stube damit, 
so kommen keine Flöhe hinein (Zehmitz). In Neudorf, (ir. Badegast u. a. 
tränkt man auch das Vieh damit, um Seuchen von ihm fern zu halten. 

Ebenso allgemein üblich ist der Genuss von Ostereiern. Sie waren 
zugleich eine stehende Abgabe an die Geistlichkeit. Fast überall erhielt 
Pfarrer und Kantor aus jedem einzelnen Gehöft ein oder mehrere Eier. 
Diese hiessen bald „das schmucke Ei" (Wulfen u. a.), bald das „schöne Ei" 
(Würflau, Piesdorf u. a.). In Frose holten sich früher auch die Hirten 
lind Gemeindediener von jedem Haus- und Viehbesitzer das sogenannte 
„Rennei". In Streetz, Mühlstedt, Rodleben u. a. erhielten die Hirten die 
Eiergabe allerdings erst beim ersten Austriebe des Viehes, und zwar für 
jedes Lamm oder Schaf ein Ei, für jeden Hammel oder Widder zwei. — 
Bunte Eier werden auch zu Ostern allgemein von den Paten an die Kinder 
verschenkt. In verschiedenen Orten (Frose, Wulfen, Zehmitz u. a.) lassen 
diese ihre Eier von kleinen Anhöhen gemeinschaftlich herabrollen. Wessen 
Ei dabei zerbricht, das wurde gemeinschaftlich von den Kindern verzehrt. 

Zu Neudorf auf dem Harze gehen die Kinder zu Ostern in das Haus 
der Eheleute, die sich im letzten Jahre verheiratet haben, und erbitten 
sich als Geschenk einen Ball, vgl. Mannhardt, Baumkultus, S. 471 f. 

Allgemeine Osterspeise wird auf den Dörfern des Cöthener und zum 
Teil auch des Dessauer Kreises ein aus Eiern, Milch und Semmel bereitetes 
Gebäck, „Finzel" genannt, womöglich zusammen mit grünem Salat 
genossen. 

6. Erster Mai. 

Am 1. Mai wurden zwischen die jungen Saaten «der Pflanzen auf den 
Hauskabeln in Zehmitz und Löbersdorf bei Radegast „Hollerzweige" 
gesteckt zum Schutz gegen die Maulwürfe. 

Gegen die nach dem Blocksberge ziehenden Hexen malte man drei 
Kreuze an die Thür (allgemein in Anhalt), bisweilen steckte man zu 
ilemselben Zwecke auch einen Zweig vom Kreuzdorn (rhamnus catharticns) 
daran, so z. B. in Gross Kühnau. 

In Straguth (Kr. Zerbst) ward mit Vorliebe am 1. M;\\ die Gerste gesäet, 
daiuit sie nicht „tauli werde". 

7. Pfingsten. 

Ijine ganze Reilio von Gebräuchen knüpft sicli gerade an <lns Plingst- 
fest. Die Sitte, sein Ilniis mit .Maien, den Stämmen junger Birken oder 



78 Härtung: 

auch den Zweigen von Pappeln (Iloyni), an diesem Tage zu scliniückon, 
ist auch in Anhalt allgemein, nicht minder der Brauch junger Burschen, 
ihren Mädchen am Pfingstlieiligabend eine iMaie vor das Fenster zu stellen, 
den verachteten Mädchen aber zum Zeichen ihrer Wertlosigkeit Häcksel vor 
die Thür zu streuen (Badeborn, Prose, Radisleben u. a.) oder einen Stroh- 
mann auf, bezw. vor das Thor zu setzen (Frose) oder endlich ihnen einen 
Zweig des Schwarzdorns oder der Hundsrose zu schicken (Neudorf). 
Welche segensreiclie, Schaden abwendende Eraft man der Maie einst zu- 
schrieb, das lehrt ein Brauch, den ich in Wurf lau gefunden habe, üra 
die Raupen und anderes Ungeziefer von den Koldfeldern zu vertreiben, 
trug man dort bis vor 20 Jahren die Pfingstmaie, auch wenn ihre Blätter 
längst vertrocknet waren, um das betreffende Ackerstück herum, doch so, 
dass etwa ein Puss breiten Landes an der völligen Umkreisung fehlte, 
damit dort den Raupen und dem anderen Gewürm ein Weg bleibe, das 
Ackerstück zu verlassen. So schützte also selbst die vertrocknete JMaie 
noch die Felder. 

Wie die einzelnen Privathäuser, so scheinen auch mehrfach die öffent- 
lichen Gebäude, namentlich die Kirchen, durch aufgesteckte Maien zu 
Pfingsten ausgezeichnet worden zu sein. In alten Gemeinderechuungeu von 
Frose, so z. B. in denen aus den Jahren 1615/l(i und folgenden, ist fast 
regelmässig eine bestimmte Ausgabesumme — meist 1 fl. () Gr. — angegeben 
„vor Mayen in die Kirche". Dann möchte ich auch einen Brauch aus 
Köselitz (Kr. Zerbst) zum Beweise dessen hierher ziehen. Dort hat 
nämlich der Reihe nach ein Bauer oder Kossat auf ein Jahr das Amt eines 
Kirchenvorstehers zu bekleiden. Als solcher hat er für die Reinigung der 
Kirche zu sorgen, den Klingelbeutel zu tragen, die Opferstöcke zu leeren, 
Brot und Wein zum heiligen Abendmahle zu besorgen. Zum Pfingstfeste 
aber niuss er die Kirche bestreuen mit Blumen und allerhand Baumblättern 
und mit kleinen Zweigen von Birken bestecken. Ausserdem hat er vor 
jeden Sitzplatz einen kleinen Strauss zu legen, der dort ungefähr acht bis 
vierzehn Tage, bis zur nächsten Reinigung der Kirche, liegen bleibt. 

Neben dieser Art Maien, die für einzelne Personen oder Häuser be- 
stimmt sind, pflanzt sich aber auch noch heute vielfach die ganze Gemeinde 
einen Maibaum auf. Es ist dies stets eine Birke. In Köselitz wird 
(lieser Maibaum, damit er eine möglichst beträchtliche Höhe erhalte, ge- 
wöhnlich noch mittels eiserner Klammern auf einem langen abgeschälten 
Kiefernstamme befestigt. Öfters lässt man der Birke ihr volles Laub, 
liäufiger jedoch schlägt man alle unteren Zweige ab, so dass nur die Krone 
des Baumes bleibt, und schmückt diese dann noch mit bunten Bändern. 
Aufgestellt wird die Maie auf dem Dorfplatze, meist vor dem Gemeinde- 
gasthause, das an diesem zu liegen pflegt. Um sie herum errichtet man 
vielfach noch Laubhütten, iu denen man während der Festtage sitzt, trinkt 
und schmaust, während die Jugend den Baum umtanzt. An der Einholung 



Zur Volkskunde aus Anhalt. 79 

dieses Maibaums beteiligt sich meist noch heute die ganze Gemeinde. 
Ich will nur ein Beispiel anführen, in welch festlicher Weise sie heute noch 
vor sich geht. Am Sonnabend vor Pfingsten ziehen in Quellendorf (Kr. 
Cöthen) die Burschen des Dorfes auf mehreren laubo-eschmückten Wagen 
in den Wald. Musikanten eröffnen den Zug. Auf dem ersten Wagen ist 
zu allgemeiner Benutzung ein Fass Bier aufgelegt. Unter lautem Jubel 
gelangt man endlich im Walde an. Dort fällen nun die Burschen zunächst, 
immer unter den Klängen der Musik, eine für die Häuserzahl des Dorfes 
hinreichende Menge kleinerer Birken. Zuletzt aber schlagen sie einen 
weit grösseren und möglichst stattlichen Baum, entfernen seine unteren 
Zweige bis ungefähr zu dreiviertel Höhe des Stammes und bringen diese 
Maie allein auf einen besonderen Wagen. Alsdann wird, immer unter 
Jauchzen untl Jubeln, der Rückweg in das Dorf angetreten. Dort zieht 
der Zug durch die einzelnen Strassen und Gassen. Vor jedem Hause wird 
Halt gemacht und eine der kleineren Maien dem Besitzer gegen ein geringes 
Entgelt übergeben. Jedesmal, so oft der Wagen mit den Maien nach dem 
nächsten Hause sich in Bewegung setzt, fällt auch die Musik mit einer 
tVöhlichen Weise ein. Hält der Wagen, damit dem Hansbesitzer eine 
Maie übergeben werde, so schweigt sie. Ist endlich jeder Einwohner mit 
einer Birke versorgt, so kehren die Burschen zunächst in ihre Wohnung 
zurück. Abends gegen 8 Uhr versammeln sie sich dann von neuem auf 
dem Dorfplatze, auf dem nun die Dorfmaie errichtet werden soll. Unter 
steter Musikbegleitung graben sie zu dem Zwecke dort ein ungefähr 1 m 
tiefes Loch, lassen den Stamm der Maie hinein, ziehen dann an langen 
Stricken den Baum empor und schütten das Loch, damit er feststehe, mit 
Erde und Steinen wieder zu. Das Geld, das die Bursehen für die Überreichung 
der kleinen Maien an die einzelneu Dorfbewohner erhalten, dient zur 
Bestreitung der Unkosten für das nun folgende Pfingstfest. 

Die Pfingstfeier selbst hat noch deutlich die verschiedenen Züge des 
ehemaligen altgermanischen Frühlingsfestes bewahrt, wie Festgelage und 
Tanz, Gottesdienst, Aufzug und Wettspiele. — Das „ Pfingstgelage" wird 
besonders in der Zerbster Gegend noch feierlich begangen, wenigstens 
l)is in das letzte Jahrzehnt. In Straguth und Polenzko fuhren in der 
Woche vor Pfingsten die jungen Burschen des Ortes nach Zerbst, um in 
dun dortigen Brauereien das Bier zu „proben." Glaubten sie endlich den 
besten Trunk herausgefunden zu haben, so erstanden sie eine nacii ihrer 
.Meinung genügende Anzahl „Tonnen" und fuhren damit wieder heim. In 
der Pfingstwoche ward dann das „Gelage" gefeiert. Da es in beiden Orten 
früher noch kein allgemeines Gasthaus gab, in dem das Fest hätte begangen 
werden können, so wurde es der Reihe nach in den Häusern der einzelnen 
Bauern abgehalten. Derjenige, der gerade „an der Reihe" war, schlachtete 
ein bis zwei Schweine und einen bis zwei Hammel und richtete für 
den llauiitfesttag (wclciier Wochentag dies war, linbe irh leider niclit 



80 Härtung: 

erfahren können) ein Mahl aus, an dem ilie !;anze Gemeinde sich 
beteiligte, und bei dem vor allem auch dem auf allgemeine Kosten 
beschafften Biere tüchtig zugesprochen wurde. Selbst etwaige Fremde 
durften an dem Mahle und Trünke teilnehmen, doch zahlten sie gewöhnlich 
(Mnen kleinen Beitrag' zu der allgemeinen Kasse. Vor dem Festhause war 
mit jungen Birken, deren Einholung mit grosser Feierlichkeit vor sich 
gegangen war, ungefähr in derselben Weise, wie es oben in Quellendorf 
geschah, ein Tanzplatz abgesteckt. In seiner Mitte stand die grosse Dorf- 
maie, der man nur die Krone belassen hatte. Unter diesem Baume wurde 
wälirend der ganzen Zeit des „Gelages" von der Jugend tapfer getanzt. 
Festordner, sogenannte „Platzmeister", die von den Burschen vor Beginn 
des Festes aus ihrer Mitte gewählt worden waren, sorgten für Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung. Für jede Störung derselben waren in dem 32 Para- 
graphen umfassenden Pfingsfeststatut bestimmte Strafen festgesetzt. 
Leider habe ich nur einen Teil desselben sicher erfahren können. Icli 
teile ihn hier mit: 

§ 1. „Man soll die Vorstände nicht schimpfen, 

§ 2. Den Wirt nicht verachten, 

§ 3. Die Maie nicht verachten, 

§ 4. Die Laube nicht verachten, 

§ 5. Das Bier nicht verachten, 

§ 6. Den Tanzfleck nicht verachten, 

§ 7. Den Bierkrug nicht verachten, 

§ 8. Beim Wirt das Essen nicht verachten. 

§ 9. Ohne zu beten soll niemand zu Tisch gehen. 

§ 10. Man soll die Mädchen nicht verachten. 

§ IL Wenn der Schweinehirt treibt, soll jeder im Gelage sein. 

§ 12. Bei der Morgensprache soll jeder drei Knöpfe zu haben. 

§ 13. Beim Essen soll jeder drei Knöpfe zu haben. 

§ 14. Beim Umgehen soll jeder drei Knöpfe zu haben. 

§15. Beim Herumgehen soll keiner vorauf- oder querübergehen. 

§ 16. Beim Herumgehen müssen alle bis zum dritten Gehöft wieder 
zur Stelle sein. (?) 

§ 17. Beim Herrn Pastor soll man nicht jauchzen oder jubeln. 

§18. Kleinpfingsten soll jeder in die Kirclie gehen und drei 
Knöpfe zu haben. 

§ 19. Man soll in der Kirche nicht schlafen. 

§ 20. Während des Tanzes soll keiner sein Mädchen stehen lassen. 

§21. Es soll keiner nach dem Boden zu den Mädchen gehen. Jede 
Stufe kostet einen Groschen. 

§ 22. Wer Bier beigiesst, ist eine Spänne') frei, hernaeli kostet 
jede Spänne einen Groschen. 

1) d. h. eine Hand breit. 



Zur Volkskunde aus Anhalt. gj 

§2.3. Man soll den Brunnen und Biurkeller nicht verunreiiiit.en. 
§ 24. Die Burschen sollen sich nicht gegenseitig- schimpfen. 

Jede Übertretung dieser Gesetze wurde mit einem Groschen zur all- 
gemeinen Kasse bestraft. 

In Rietzraeck (Kr. Zerbst) war es nach der Pfingstordnung noch ver- 
boten, „den Fremden beim Gelage grob zu begegnen", „ins Gras zu gehen« 
oder irgend eine bewegliche Habe, wie Pfeife oder dergl. auf dem Fest- 
platze „liegen zu lassen". Der „Sprachenträger« zeigte jeden Verstoss 
gegen die Pfingstordnung den beiden Platzmeistern an. Diese verurteilten 
darauf den betreffenden Übertreter. Das Urteil selbst aber wurde wieder 
vom Sprachenträger bekannt gegeben. Die Pfingstordnung wurde am 
Morgen des ersten Festtages in einer „Morgensprache«, die um 7 Uhr 
stattfand, laut und öffentlich vorgelesen. Jeder mündige Dorfo-enosse 
war zur Teilnahme an jener verpflichtet. In Streetz war es Sitte, den 
Burschen, der zur Morgensprache nicht rechtzeitig erschien, durch eine 
abgesandte Kommission mit Gewalt nach dem Festplatze zu führen in der 
Weise, dass er aus seiner Wohnung geholt, auf ein grosses umgelegtes 
und mit Stroh bedecktes Wagenrad, an das ein Pferd gespannt war, 
gesetzt und so zu der Morgensprache geschleift ward. 

Ein Teil der Ordnuugsbestimmungen bezog sich also auch auf den 
Umzug, den die Burschen gewöhnlich am dritten Pfingsttage durch den Ort 
veranstalteten. Sie zogen dabei von Haus zu Haus, boten ihr Bier zum 
Trunk an und erhielten dafür Wurst und Geld. Was den Kirchgang 
betrifft, der gleichfalls in den Gelagsgesetzen geboten war, so ist es noch 
heute Sitte, dass die Burschen der beiden Dörfer Straguth und Polenzko 
am zweiten Pfingsttage gemeinschaftlich zur Kirche ziehen. Das 
ganze Fest dauerte in der Regel drei bis vier Tage. 

In den Dörfern nördlich von Rosslau wie Mühlstedt, Streetz, Rod- 
leben u. a. „ging« bis zum Jahre 1868 das Pfingstgelag ebenfalls „auf die 
Reilie«, d. h. der Tauzplatz ward in jedem Jahre bei einem anderen Bauer 
hergerichtet. Am Sonnabend vor dem ersten Pfingsttage wurde dort das 
sogenannte „Pfingstbier" von den Burschen geholt, gutes Zerbster Bitterbier, 
in gewaltigen Fässern, von denen das grösste für die Burschen, das kleinere, 
das aber immerhin noch zwei bis drei Tonnen fasste, für die Verheirateten 
bestimmt war. Am Dienstage nach Pfingsten wurde nun zunächst von dvn 
Burschen unter allgemeinem Jubel der Maibaum aus dem nahen Walde 
gnliolt. Er ward auf einen Langwagen geladen, und andere mit Birken- 
zweigen beladene Wagen folgten. Sodann ward bei dem Bauei', den die 
unverbrüchlich innegehaltene Reihe traf, der Tanzplatz hergerichtet und 
zwar gewöhnlich dort, wo der Garton an die Dorfstrasse stiess. Der Boden 
des „Platzes" wurde mit Lehm und Sand festgeschlagon, dieser selbst mit 
kleinen Maien umstellt, in seiner Mitlc erhob sich der ungeschälte Mai- 

Zeilschr. il. V.T.'iiis I, V.ilkskiiiiil.. Inj; (J 



82 Härtung: 

bauin, dum aber auch nur dio Krone geliisseii war. Im Scliatd'n der 
kleinen Birken wurden Bänke augebracht und dicht ihibei eine Laubhütte 
gebaut, um darin das riesige Bierfass, aus dem der allgemeine Trunk ge- 
schöpft ward, unterzubringen. Dann wurden von den Burschen zwei „Platz- 
meister" gewählt, von denen der eine ein Bauernsohn, der andere ein 
Knecht sein musste. Am Mittwoch Vormittag hielten die Burschen mit 
den Platzmeistern an der Sjiitze einen Umzug durch das Doi-f, um die 
Mädchen einzuladen^) und zugleich in den einzelnen Häusern Gaben ein- 
zusammeln. Einer von ihnen trug eine „Kuchenkiepe" für den Kuchen, 
den sie bekamen, ein anderer führte eine „Schüttegabel", an die die er- 
haltenen Bratwürste gehängt wurden, ein dritter hatte einen Korb für 
die Eier und den Speck, ein vierter einen grossen zinnbeschlagenen und 
mit Bier gefüllten Krug, aus dem er in jedem Hause die Insassen trinken 
liess, ein fünfter endlich trug eine neue mit i]ier gefüllte Giesskanne, 
„Sprenger", um daraus den Krug, so oft er leer geworden war, wieder 
füllen zu können. Die Platzmeister erhielten von den geladenen Mädchen 
breite bunte Bänder, die auf dem Kücken festgesteckt wurden. Jeder der 
Burschen übergab dem Mädchen, das er zu Tanze füliren wollte, seinem 
„Pfingstmädchen", einen Strauss, worauf dieses seinerseits dem Burschen 
ein buntes Band verehrte. War dem Alädchen die Einladung angenehm, 
so war dieses Band möglichst prächtig, im entgegengesetzten Falle aber 
erhielt der Bursche nur ein verwaschenes Band oder gar keins. Die bei 
ihrem Umzüge eingesammelten Gaben wurden dann von den Burschen 
gemeinschaftlich verzehrt. Der Bauer, bei dem „Pfingsten gehalten" ward, 
musste ihnen das zum Mahle nötige Brot liefern. Am Mittwoch Nachmittag 
begann nun das eigentliche „GeInge". Während dabei das junge Volk auf 
dem Platze den Maibaum umtanzte und tüchtig von dem aufgelegten Biere 
zechte, versammelten sieh die verlieirateten Leute bei dem Bauer, der im 
Jahre vorher den Tanzplatz gehabt hatte. Die Männer unterhielten sich 
dort, rauchten und tranken dazu von dem für sie bestimmten Biere aus 
grossen, etwa zwei bis drei Mass enthaltenden Krügen. Die Frauen und 
Kinder assen „Brocke", Kalteschale, zu der sie das geriebene Brot, den 
Zucker und das nötige Geschirr, wie Jjöffel, Krüge u. s. w., sowie ein 
eigentümliches Gebäck, „dünnen Kuchen", selbst mitgebracht hatten. — 
Der Bauer, bei dem „Pfingsten gehalten" wurde, hatte während der Fest- 
feier sämtliche Festteilnehmer zu bewirten. Gewöhnlich schlachtete er 
dieserhalb ein Schwein und einen Hammel und versorgte sich hinlänglicli 
mit Fischen. Auch Kuchen musste er reichlich backen, öfters sogar 



1) In Lindau (Kr. Zerbst) wurden die juugen Mädchen bereits drei bis vier Wocb(Mi 
vor dem Pfingstfeste durch zwei „.Jungfernbitter" zur Teilnahme am Gelage geladen. 
Derjenige Bursche, der dabei ein gewisses Miidchen „bestimmt" für sich haben wollte, 
hatte einen höheren Geldbeitrag zur allgemeinen Kasse zu zahlen. • 



Zur Volkskmiilc ims Anlialt 



83 



„icu vier bis fünf Mak'ii". Die icj^ohiiüssij;;- vorgesetzten Speisen waren 
frühmorgens: Warmbier, zum Frülistüek: Wurst, Butter inid Käse, 
zu Mittag: Hammelbraten und Fisch, und zur Abendmahlzeit: Brocke, 
Wurst, Eier und Salat. Auch die Musikanten musste der Bauer während 
der vier Tage und Nächte, die das Fest währte, verpflegen und beherbergen. 
— Die „Pfingstmädchen" wurden beim Tanze von ihren Burschen den 
übrigen vorgezogen. Sie speisten und tranken ihren Kaffee an einer 
besonderen Tafel. — Den eingeladenen oder zufälligen Gästen wurde von 
den Platzmeistern „zugetrunken". Sie „lösten sich" dafür durch ein Geld- 
geschenk und durften dafür auch am Tanze teilnehmen. Die Kosten für 
das Bier und die Musik wurden von der ganzen Gemeinde bestritten. Bei 
ungünstigem Wetter wurde der Tanz auf der „Dele", der Scheunentenne, 
abgehalten. Die Musikanten erhielten dann ihren Platz im „Tass", d. h. 
in dem für die Garben bestimmten Räume. — In Kerchau (Kr. Zerbst) 
ward das Pfingstgelag am 2. und 3. Pfingsttage und dem darauf folgenden 
Sonntage gefeiert. Äucli hier ward um den mit Bändern geschmückten 
Maibaum getanzt, und waren „Pfingstlehnichte", Pfingstlauben, errichtet, 
in denen man sass und trank. Die beiden von den Ortsburschen gewählten 
„Platzmeister-' hatten bei Beginn des Tanzes der Reilie nach mit jedem 
der geladenen Mädchen eine kurze Tour zu tanzen. Dafür heftete ihnen 
dann jedes von diesen ein ungefähr einen halben Meter langes und ziemlicli 
breites buntes Seidenband an, so dass bisweilen der einzelne Platzmeister 
40 bis 50 derartige „Bandschwänze" von seinem Rücken herabhängen hatte. 
Während der ganzen Festtage mussten die Platzmeister in diesem Schmucke 
umhergehen. Übrigens lag ihnen nicht allein während des Pfiugsttanzcs. 
sondern das ganze Jahr hindurch die Rolle als Pestordner ob, auch 
iiatten sie die gemeinschaftliche Kasse zu führen und etwaige Streitigkeiten zu 
schlicliten. — In Köselitz verläuft das Fest in gleiciier Weise, wie an den 
l)isher erwähnten Orten, nur werden dort die „Platzknechte" nicht mit bunten 
Ijändf-rn. sondern durch Sträusse aus künstlichen Blumen von den Mädclien 
ausgezeiclinet. — Zu Neudorf im Harze wurde bis vor ungefähr '60 Jahren das 
l''c'st ifi folgemler Weise gefeiert: Etwa drei Wochen zuvor thaten sich seciis 
liis acht bemittelte „Pfingst- oder Dingeburschen" zusammen und wählten 
aus (b'r Znlil der Dorfmiidclien eine entsprechende Zahl „Pfingstjungfern" 
aus. VAn joder von ilmen ging darauf zum Vater seiner Erkorenen und 
bat um die Erlaubnis, dass seine Tocliter „Pfingstjungfer mitspielen" dürfe. 
Wegen der damit verbundenen, niciit unbedeutenden Goldausgabe für zwei 
zu diesem Zwecke neu zu bescliaff'ende Kleider ward die Bitte indes öfters 
abgeschlagen. Xaclideni nun von den Burschen ein Tanzplatz liergeriditet 
und Laubliiitten gebaut waien, wurden am zweiten Pfingsttage die Jungfern 
mit Musik aus ihrer Wdliiiung nach dem Platze abgeholt. l']in stämmiger 
liursclie trug einen mit liuiiton Bändern gi^scliinückten Mait)aum dem Zuge 
voran. Jede Juugter stccIUi' ilireni llursclicn vor l'eüiiiu des Tanzes ein 

ü* 



84 Härtung: 

seidenes Tiicli auf den lUickeii, mul so tanzten die Paare den Nachmittag 
über bis zur Zeit des Abendbrotes, das den Burschen von den Mädchen 
in einem vorher bestimmten Hause gegeben ward. In die Kosten dafür 
teilten sich letztere gemeinsam. Am dritten Pfingsttage zogen die Burscheu 
verkleidet im Orte von Haus zu Haus und zeigten mit prahlerischen Worten 
allerhand „Raritäten" (Vögel, Affen, Eidechsen u. s. w.). Die Eier, die 
sie dafür erhielten, wurden meist gleich an Ort und Stelle von ihnen aus- 
getrunken. Am Nachmittage wurden die Mädchen wiederum von den 
Burschen zum Tanze mit Musik aus ihrem Hause abgeholt, und wiederum 
steckten sie diesen beim Beginn des Tanzes ein Tuch an die Schulter, 
diesmal aber ein weniger wertvolles. Am Abend des dritten Festtages 
brachten die Dingburschen den einzelnen Pfingstjungfern dann noch ein 
Ständchen und wurden dafür von diesen wieder bewirtet. — In den Dörfern 
der Cöthener Gegend wird in der Pfingstzeit das Gemeindebier oder 
die P fingst märte') getrunken. An dem Feste ist gleichfalls die ganze 
Gemeinde, Hoch und Niedrig, beteiligt. Einige Tonnen Bieres, und zwar 
regelmässig noch das alte einfache Braunbier, werden von Gemeinde 
wegen erstanden und gemeinsam ausgetrunken. Frauen und Kinder be- 
reiten sich dabei gewöhnlich die sogenannte „Märte", eine Art Kalteschale, 
zu der sie das Geschirr, Brot und Zucker selbst mitbringen. Im übrigen 
verläuft das Fest unter Tanz um einen Maibaum und Trunk ganz wie das 
oben geschilderte Pfingstgelag. Die Kosten des Gemeindebieres wurden 
ehemals aus der Gemein dekasse bestritten; ausserdem mussto — zum 
Teil noch heute — jeder, der in der Gemeinde ein Haus kaufte, Geld zu 
einer Vierteltonne Bier für das „Genieindebier" geben, ebenso jedes im 
letzten Jahre neuvermählte Ehepaar, sowie jedes Mädchen, das ausser- 
ehelich geboren hatte. 

Von den Spielen, die von der Begehung des altheidnischen Frühlings- 
festes (vgl. Weinhold, Der Wettlauf im deutschen Volksleben, Ztschr. 111(1893), 
S. 1 f.) in Anhalt sich zumeist bis heute erhalten haben, will ich zunächst 
erwähnen das Ringreiten. In Drosa (Kr. Cöthen) fand dieses am Nacli- 
mittage des zweiten Pfingsttages statt. Haben sich die einzelnen Burschen 
auf ihren mit Bandschleifen, Blumen und Guirlanden geschmückten Rossen 
vor dem Gasthause versammelt, so reiten zunächst die zwei oder drei 
ältesten von ihnen fort, um den zuvor von allen Teilnehmern gewählten 
Leiter des Festes, den „Hauptmann", aus seiner Wohnung abzuholen. 
Sobald sie mit ihm zurückgekehrt sind, sprengt der Hauptmann, der zum 
Zeichen seiner Würde mit einer roten Schärpe imd einem alten Säbel 
angethan ist, vor die Schar der inzwischen in Reihe und Glied aufgestellten 
Reiter und hält an sie eine gereimte feierliche Ansprache, in der er die 



1) Der Ausdruck „Märte", mhd. meräte, vgl. ahd. meröd = mixtum, hängt zusammen 
mit swv. mcru „oiutanolien, umrüln-en", unserem nhd. „mähren". 



Zur Volkskunde aus Anhalt. ^5 

Teiluehmer am Wettritt ermahnt, hübsch auf Ordnung zu halten und nicht 
durch unsinniges Reiten sich uud den Zuschauern Gefahr zu bereiten. 
Nach dieser Rede reitet einer der Burscheu aus dem Gliede vor die Front 
des Zuges und ruft: „Der Hauptmann hat seine Sache gut gemacht, drum 
haben wir ihn auch nicht ausgelacht." Alsdann setzen sich alle in Bewegung 
zu einem feierlichen Umzüge durch das Dorf Voran fährt ein mit Guir- 
lauden und kleinereu Maien geschmückter Wagen, auf dem die Musikanten 
sitzen und zugleich ein grösserer Maibaum angebracht ist, au dem die 
Gewinne hängen, die für die Sieger im Wettritte bestimmt sind. Un- 
mittelbar hinter dem Wagen reitet der Hauptmann, dem dann in längerem 
Zuge die übrigen Reiter folgen. Nachdem er so alle Strassen des Dorfes 
durchzogen, endet der Zug auf einem ausserhalb desselben gelegenen freien 
Platze. Hier war zuvor aus zwei senkrechten Pfosten und darübergelegter 
Querstange eine ziemlich hohe und mit grüuem Laube geschmückte 
„Barriere" errichtet. An dem Querbalken hingen zwei grosse eiserne 
Riuge, die aber mit Weidenruten derartig umwunden waren, dass in ihrer 
Mitte nur noch ein kleines Loch blieb. War der Zug auf dem Platze 
angelangt, so ward der Wagen mit den Musikanten neben jener „Barriere" 
aufgefahren, und auch die Maie mit den Gewinnen dort aufgepflanzt. 
Nachdem dann noch die Reihenfolge der Burschen am Wettritte durch 
das Los festgestellt war, begann das Spiel. Auf ein Trompcteusigual 
spi'engte jeder einzelne Reiter der Reihe nach im Galopp unter der Barriere 
hindurch und suchte dabei durch einen der beiden Ringe während des 
Rittes vom Sattel aus mit einer Gerte oder einem Holzsäbel hindui'ch- 
zustechen. So oft einem dies gelang, bliesen die Musikanten einen Tusch. 
Hatten sich alle Teilnehmer so dreimal im Stechen versucht, so wurden 
von Ehrenjungfraueu die Preise an die Sieger verteilt. Derjenige, der 
alle drei Mal glücklich den Ring durchstochen hatte, erhielt den Haupt- 
gewinn. War dies mehreren geglückt, so fand ein nochmaliges „Wett- 
oder Abstechen" statt. Die Gewinne, deren Zahl und Wert je nach der 
Menge der Teilnehmer und der Höhe der aufgebrachten Gelder schwankt, 
bestanden für den ersten und zweiten Sieger in Zeug zu einer Weste, für 
die übrigen in Hals- und Taschentüchern. Der letzte Gewinn aber war 
eine mit rotem Schnaps gefüllte Flasche. Der Bursche, der diese als 
Preis erhielt, hatte die Verpflichtung, sie während der ganzen noch übrigen 
Naclimittagszeit gefüllt zu halten uud sie jedem, der es begehrte, zum 
Trünke zu bieten. Nachdem schliesslich noch den Pferden der Sieger 
Kränze um den Hals gehängt worden waren, die dann bis zum nächsten 
Jahre in deren Ställen angebracht blieben, erfolgte ein nochmaliger Umzug 
durch das Dorf. Vor dem Hause dos Bauern, der den Burschen die meisten 
Pferde zur Verfügung gestellt hat, wird Halt gemacht, und der Hauptmann 
hält dort nochmals eine Ansprache, in der er den Teilnehmern am Zuge, 
den einzelnen Bauern, welclie die Pferde zum Feste geliehen, und den 



86 Hartimg: 

jungen Jliiüeheii, die iliiii beigewohnt haben, dankt und den Wunsch nach 
„einem reichen Erntejahre " ausspricht. Alsdann U)st der Zug sich auf, 
am Abende aber versammeln sich alle Teilnehmer am Zuge noch zu einem 
Tanze im Gasthause. — In ähnlicher Weise wie hier verlief das Ringreiten 
fast auf allen übrigen Dörfern der Cöthener Gegend. Nur das Hutreiten 
in tjuellendorf wich davon ab. Nach einem Umzüge durch das Dorf 
machte mau dort an irgend einer Stelle eines breiten Weges, der nach 
dem Walde führt, Halt, nahm den niitgeführten Maibaum vom Wagen 
herab und übergab ihn etlichen Burschen, die sich damit auf dem neben 
der Strasse herlaufendem Fusswege aufstellten. Die Reiter selbst nahmen 
dann in einer Entfernung von 500 bis 600 m vor dem Walde auf der 
Strasse neben einander Aufstellung. Auf ein vom Leiter des Festes, 
zu dem jedesmal der Sieger im letzten Wettritte bestimmt war, 
gegebenes Zeichen sprengten dann alle im Galopp vorwärts. Ein jeder 
suchte dem anderen zuvorzukommen und das Ziel, den emporgehaltenen 
Maibuscli, zuerst zu erreichen. Der Sieger erhielt als Preis einen mit 
bunten Bändern geschmückten Hut. 

Aucii in Gross Kühnau (Kr. Dessau) ritten die Burschen in ähnlicher 
Weise nach einem Hute. Das Ziel war ein über den Weg gespanntes 
Seil, hinter dem ein mit bunten Bändern geschmückter Hut oder eine Mütze 
an einer Stange aufgehängt war. Auch ein Bursch in Franenkleidung 
befand sich unter den Teilnehmern. Festordner war ein Scliöp})e. Im 
Cöthener Kreise ist jetzt das Ringreiten seit dem Frühjahre 1894 |)oli- 
zeilich untersagt worden. 

Neben dem Pfingstreiteu waren und sind zum Teil noch heute um 
die Pfingstzeit die sogenannten Mädchentänze beliebte alte Spiele. Die 
Mädchen veranstalten selbständig diese Festlichkeiten. Sie decken dabei 
gemeinschaftlich die Unkosten, haben dafür aber auch das Recht, bei dem 
Tanze sich ihre Tänzer selbst zu wählen. Wie es mir scheinen will, sind 
bei diesen Mädchentänzen, die übrigens bis zu Johannis hin veranstaltet 
werden, Reste alter Spiele nicht nur des ehemaligen Frühlingsfestes, 
sondern auch der Sommersonnenwende erhalten. 

In Radisleben (Kr. Ballenstedt) versammeln sich am Sonntage vor 
Pfingsten die Dienstmädchen, festlich geschmückt und mit Kränzen im 
Haare, vor der Gemeindeschenke und ordnen sich dort zu einem Umzüge 
durcli das Dorf. Allen voran geht dabei das älteste Mädchen mit einer 
Maie. Vor den Häusern der Eheleute, die sich im Laufe des letzten 
Jahres verheiratet haben, wird Halt gemaciit. Die Musikanten spielen dort 
auf, und die Mädchen tanzen. Jedes der so geehrten jungen Ehepaare 
befestigt darauf an der Maie eine Gabe, die je nach den Vermögens- 
verhältnissen der botreffenden in einem Mantel, Kattun zu einem Kl(>i(h\ 
Tuch oder Schürze besteht. Der jüngste Ehemann, d. h. derjenige der 
erst die kürzeste Zeit verlieirntet ist, scliliesst sidi (hiriiuf dem Zuge an. 



Zur Volkskunde aus Anhalt. 87 

der nun zum Auger liinauszielit. Dort wiril jeueni die Maie mit den 
Gesclieuken von dem ältesten Mädchen iiberreiclit, und er läuft nun seiner- 
seits damit davon. Nachdem er einen durch Herkommen festgesetzten 
Vorsprung gewonnen, eilen ihm sämtliche Mädchen nach durch Feld und 
Flur. Nach einem meist ziemlich langen Dauerlaufe bleibt der junge 
Ehemann stehen, und die Mädchen, die ihn zuerst erreichen, teilen sich 
in die Gaben in der Weise, dass die zuerst Angekommene auch den wert- 
vollsten Gegenstand sich auswählt, die zweite den zweiten n. s. w. Die 
Schnellste von allen wird ausserdem als Siegerin noch mit einem besonderen 
Kranze geschmückt und tritt nach der Rückkehr zum Anger an die Spitze 
des Festzuges, der nun zur Schenke zurückzieht. Mit einem Tanze wird 
dort das Fest beschlossen. — In ähnlicher Weise liefen ehemals beim 
Mädchentanze die jungen Mädchen in Schauder auf dem Felde nach 
einer, womöglich auf einer Kleestoppel aufgestellten Maie, und die 
Siegerinnen erhielten ebenfalls Gewinne. — Zu Neudorf im Harze wurde 
bis vor ungefähr 40 Jahren beim Mädchentanze ein Kranzauskegeln 
veranstaltet. Die mit Ki'änzen geschmücivteu jungen Mädchen des Dorfes 
versammelten sich zunächst in dem Hause einer zuvor gewählten Führerin. 
Yon hier aus zogen sie danu in festlichem Zuge durch den Ort. Der 
schmuckste Bursche im Dorfe trug dabei eine mit bunten Bändern ge- 
schmückte Maie voran. Nach dem Umzüge fand unter den Mädchen ein 
Preiskegeln auf der Strasse statt. Die Siegerin wurde mit einem Kranze, 
den die Mädchen gemeinsam in der Stadt gekauft hatten, geschmückt. 
Den imn folgenden Tanz musste sie dann zusammen mit dem Maienträger 
eröffnen, und iln-e Eltern hatten beim Abendbrote die ganze Mädchenschar 
und die Musikanten zu bewirten. — In Elsdorf sah ich beim Mädclientanze 
folgendes Spiel mit an, das übrigens auch in anderen Orten des Cöthener 
Kreises, wie in Thurau, Porst u. s. w., bei gleiclier Gelegenheit aufgeführt 
wird: Am Sonntage vor .lohannis vorsammelten sich die jungen, kranz- 
geschmückteu Mädchen im Gasthauso und ordneten sich dort zum festlichen 
Zuge durcli das Dorf. Kurz bevor dieser sich aber in Bewegung setzte, 
erschienen zwei als ein Brautpaar verkleidete junge Mädchen, deren 
Namen möglichst geheim gehalten wurden, mit Masken vor dem Gesicht, 
die Braut im Hochzeitstaate mit Myrtenkranz, Brautschleier und langem 
Schleppkleide, der Bräutigam mit hohem Cyiinder, Frack, weissen Hand- 
schuiien und Brautbouquet. Beide stellten sicli an die Spitze des Zuges, 
der nun unter Musik und lautem .Tauclizen der Teilnehmerinnen durch die 
verschieilenen Strassen bis zurück zum Gasthofe führte, liier mihm das 
Brautpaar alsdann in einer aus grünen Maien erricliteten Laube, die aber 
nach einer Seite hin offen war. auf zwei Stühlen l'latz, während die übrigen 
Mädchen in einer Entfernung von vielleicht 30 Schritten jenem gerade 
ge-enüber sicli anfsteiiten. In einer durcii <las IjOs bestimmten lleiiienfolgo 
wurden nun jedem ein/.rlnen von iluien die Augen verbunden, und es 



88 Härtung: 

rausste so „das Brautpaar im Grüueii" suchen. Ein von lien Mädchen 
gedungener Platzknecht hielt den Weg zu diesem vor den andringenden 
Zuschauern oifen. Gelang es einem Mädchen entweder die Braut oder den 
Bräutigam, die sich beide aber auf alle mögliche Weise durch Biegen des 
Körpers den Händen der suchenden Mädchen zu entziehen suchten, wenn- 
gleich sie ihren Platz nicht verliessen, wirklich zu fassen, so bliesen die 
Musikanten einen Tusch. Am Ende des Spieles erhielten alle die, welche 
das Brautpaar „gefunden" liatten, Gewinne an Tüchern u. dergl., und dann 
begaben sich sämtliche Mädchen zum Tanz nach dem Saale des Gasthauses. 
— In Prosigk ziehen 2 bis 3 Wochen nach Pfingsten die Mädchen und 
Burscheu mit einer Maie im üorfe herum. Voran marschiert ein „Braut- 
paar". Die Rolle der Braut hat dabei ein Bursche übernommen, der in 
langem Spitzenkleide erscheint, ein Mädchen die des Bräutigams. Beide 
tragen Larven vor dem Gesicht und führen eine grosse Flasche mit sich, 
aus der sie jedem Begegnenden gegen eine kleine Entschädigung einen 
Schnaps eingiessen. Der Zug endet in der Schenke mit einem Tanze. — 
In Gross Badegast wurde beim Mädchentanze auf dem Dorfplatze ein 
Kreis mit grünen Zweigen abgesteckt und ein Tisch mit fünf Stühlen 
hineingestellt. Bei Beginn des Festes nahm auf zweien derselben ein 
Brautpaar Platz, d. h. zwei Mädchen, von denen das eine als Braut, das 
andere als Bräutigam verkleidet war. Darauf erschien ein als Schäfer 
verkleidetes anderes Mädchen und sang: „Es trieb ein Schäfer über Berg 
und Thal, da hört er ein Kindleiu schreien, er hört es wohl, aber er sieht 
es nicht." In demselben Augenblicke aber ertönte die Stimme eines hinter 
einem Birkenzweige oder einem Baume versteckten Kindes: „Ich bin im 
hohlen Baum versteckt." Sofort eilt der Schäfer dorthin, findet das Kind 
und spricht: „Er nimmt das Kind auf seinen Arm und führt es in das 
Hochzeitshaus." Alsdann wendet er sich an das Kind mit der Frage: „Wer 
soll denn deine Mutter sein?" und dieses antwortet, indem es auf die Braut 
hinweist: „Die mit dem grünen Kränzelein", und beide, Schäfer und Kind, 
gehen nun zu dem Brautpaar hin und nehmen auf den übrigen zwei Stühlen 
Platz. Die „Braut" aber bricht bei den letzten Worten des Kindes in 
den klagenden Wunsch aus: „Ach, wenn doch gleich der Teufel kam' 
und mir den grünen Kranz abnahm'!" Und wirklich, sogleich erscheint 
auch ein als Teufel ganz schwarz verkleidetes Mädchen mit einer Maske 
und stürzt sich auf die Braut. Diese flieht, aber der Teufel eilt hinter 
ihr her über Tisch und Bänke so lange, bis sie den grünen Kranz aus 
ihrem Haare verliert.^) — In Werben feiern die Mädchen 8 bis 14 Tage 
nach Pfingsten ihren Tanz. Dabei verkleiden sich zwei Mädchen als Braut 
und Bräutigam, andere als Teilnehmer am Hochzeitszuge jener, noch 
andere als Räuber, sowie als Soldaten oder Gensdarraen. Nach einem 

1) Dramatisierung eines vorbreiteten Volksliedes: Es trieb ein Schäfer oben rein, 
Erk-Böhme No. 212, a— f. 



Zur Volkskunde aus Anhalt. !^9 

geiueinsaineii feierliehen L'mzuge durch das Dorf wird auf dem „Plane" 
ein Tisch aufgestellt und um ihn herum zwei Stühle. Auf diese setzt sich 
das Brautpaar, dem nun von den Teilnehmern am Hoclizeitszuge allerhand 
(beschenke, wie Sicheln, Körbe. Gabeln, Messer u. dergl. dargebracht werden. 
Plötzlich fallen die als Räuber verkleideten Mädchen über das Braut])aar 
und seine Umgebung her und verwunden anscheinend eine Person, die 
dann von einem als Arzt verkleideten Mädchen verbunden wird. Sofort 
eilen aber auch die Soldaten zum Schutze der Angegriffenen herbei, 
nehmen die Räuber gefangen und führen sie hinweg in das Gasthaus. 
Dort wird dann tapfer getanzt. Am Abend vereinigen die Mädchen sich 
nochmals zu einem Zuge durch das Dorf, um in den einzelnen Häusern 
Gaben einzusammeln. — In Drosa findet sich ein ähnliches Spiel. Dort 
verkleiden sich die Mädchen teils als Räuber, teils als Gensdarmen. Ein 
dritter Teil setzt sich auf einen mit Pferden bespannten Wagen und fährt 
als angebliche Reisende hinaus in das Feld. Dort werden sie aber von 
den Räubern überfallen und niedergestochen. Um letzteres den Zuschauern 
recht drastisch vor die Augen zu führen, haben die einzelnen Insassen des 
Wagens zuvor je eine kleine mit Blut gefüllte Schweinsblase um den Hals 
gehängt, die von den Räubern durchbohrt wird, so dass ihr Inhalt sich 
rot über die Kleider ergiesst. Auf das Geschrei der „Reisenden" eilen 
darauf die Gensdarmen herbei, verfolgen die Räuber, nehmen sie gefangen 
und führen sie in Ketten auf dem Wagen mit samt iliren anscheinend 
getöteten Opfern in das Gasthaus. Dort wird von einem „Richter" — 
gleichfalls ein verkleidetes Mädchen — das Todesurteil über die Räuber 
ausgesprochen. Sie werden auf einen Klotz geschnallt, und es wird ihnen 
ebenfalls, wieder mit Hilfe einer blutgefüllten Schweinsblase, die um den 
Hals gehängt war, scheinbar der Kopf abgeschlagen. — In Würfiau wurde 
vor etlichen Jahren noch beim Mädchentanze eine Alte-Weibermühle 
aufgestellt. Die Mädchen borgten sich von einem der Bauern eine recht 
klappernde Dresch- oder sonstige landwirtschaftliche Maschine und brachten 
sie auf dem Fostplatze in einem maienumstelltcn Zelte unter. Nach einem 
Umzüge durch das Dorf erschienen dann die einzelnen Mädchen vor diesem 
Zelte mit allerhand scheinbaren körperlichen Geb reellen, das eine war 
bucklig, das andere lahm u. s. w. So traten sie dei- Reihe nach auf der 
einen Seite in jenes hinein, während die Maschine ein lautes Klappern 
hören Hess. Verjüngt und geheilt erschien dann nach kurzer Zeit jedes 
von ihnen wieder auf der anderen Seite des Zeltes. — In Sehender kam beim 
Mädchentanze folgendes Spiel vor: Auf dem Dorfplatze wurde nach dem Um- 
züge durch das Dorf ein Tisch aufgestellt und auf diesem ein Kaninchen 
festgehalten, nach dem die einzelnen Mädchen mit verbundenen Augen 
greifen mnsston in dersfdben Weise, wie wir es oben bei dem „Suclien 
der Braut im Grünen" in Elsdorf sahen. — In Wulfen wird beim Mädchen- 
tanze „dem Juden der üart abgcscii n i tr en ". Die MüiIcIhmi versnnniielii 



90 Härtung: 

sich vor dem Gasthauso und ziehen mit Jfusik durch das Dorf hinaus zum 
Anger. Dort wird ein Kreis abgesteclit, in dem das Spiel statt hat. Unter 
einem Baume nimmt ein als Jude verkleidetes Mädclien auf einem Stuhle 
Platz. Sie trägt schvi'are Hosen, einen schwarzen Frack, Cylinderhut und 
einen langen sciiwarzen Vollbart aus Rosshaaren. Ihm zur Seite setzt sich 
seine Frau mit einem Korbe, Kehrblech und Handfeger. Beiden gegen 
über stellen sich nun die übrigen Teilnehmerinnen am Feste auf. Jeder 
von ihnen werden darauf der Reihe nach die Augen mit einem Tuche ver- 
bunden und sie tänzelt nun, eine bekränzte Sichel') in den Händen, auf 
den Juden los, um ilmi damit ein Stück von seineni Barte abzuschneiden. 
Gelingt einer dies, so kehrt die Frau des Juden die abgeschnittenen und 
zur Erde geworfenen Haare mit dem Besen und dem Kehrblech zusammen 
und thut sie in ihren Korb. Ist endlich der ganze Bart des Juden in dieser 
Weise abgeschnitten, so fällt dieser als tot zu Boden. Alle Mädchen umstehen 
und beklagen ihn, und die Musikanten spielen einen Trauermarsch. Doch 
nach einem Weilchen springt der Jude wieder auf, fasst seine Frau bei der 
Hand, und alle marschieren nun zurück in das Gasthaus zum Tanz. Damit 
die Zuschauer nicht allzu dicht an die Spielenden herantreten, so halten 
vier als Hanswurst verkleidete Mädchen mit „Klapphölzern", Pritschen, 
mit denen sie jeden Vordrängenden während des Spiels zurückschlagen, den 
Platz frei. — In Mosigkau (Kr. Dessau) wurde dasselbe Spiel im ver- 
gangenen Jahre in der ersten Woche des Juli in dieser Weise gespielt: Auf 
einem Stuhle sass eine als Mann ausgestopfte und mit grünen Zweigen 
geschmückte Puppe. Sie trug im Gesicht eine Maske und einen sehr 
langen Bart von Flachs. Die Mädchen gingen nun gleichfalls mit ver- 
bundenen Augen und einer Schere in der Hand auf den „Mann" zu. Die- 
jenige, die richtig auf ihn stiess, schnitt ein Stück des langen Bartes ab 
und behielt es für sich. Nachdem der Bart völlig abgeschnitten war, begann 
der Tanz. Einige der Mädchen tanzten dabei auch mit der ausgestopften 
Puppe. — In Arensdorf wird eine Ziege mit langem Barte von den 
Mädchen bekränzt und in feierlichem Zuge durch das Dorf auf einen freien 
Auger geführt. Dort versuchen nun die einzelnen Mädchen in ähnliclier 
Weise wie oben mit verbundenen Augen den Ziegenbart zu fassen und 
schneiden ihn dann scheinbar mit einem Holzmesser ab. Welcher dies 
am öftesten gelingt, die erhält den ersten Preis. — In Pissdoi'f ward eine 
als „alter Mann" ausgestopfte Puppe auf einen Ziegenbock gesetzt, 
der auf dem Festplatze aufgestellt war. Wem von den Mädchen es gelaug, 
beide mit verbundenen Augen zu ergreifen, erhielt einen Gewinn. — In 
Thurau verkleidet sich entweder ein Mädchen als alte Jungfer, bisweilen 
auch als alter Jlann, oder es w'ird eine diese darstellende Puppe aus- 



1) Seit etlichen Jalu-L'U ist dtn- Gebrauch der Sichel, um Unglücksfälle zu vcrmeiileii, 
untersagt. Man bedient sich daher jetzt an ihrer Statt einer Schere. 



Zur Volkskunde aus Anhalt. 91 

gestopft. Nacli dem Umziigü wird die alte Juugfer dann auf dem Anger 
aufgestellt, uud die Miidelieu gehen nun der Reihe nacli mit verbundenen 
Augen uud hölzernen Säbeln oder bekränzten Stöcken auf sie los, um sie 
anscheinend zu durchbohren. Diejenigen, welche die Figur treffen, 
erhalten Gewinne an Hals- und Taschentüchern. Ist die Darstellerin beim 
Spiel ein ]\Iädchen, so kleidet dieses sich nach Beendigung desselben 
wieiler aus: wird die alte Jungfer aber durch eine Puppe dargestellt, so 
wird diese am Ende des Spiels von den Mädchen zerrissen. Das Spiel 
heisst das „Jungfrautotsteehen im Freien". — In einigen Orten wird 
beim Mädchentanze auch öfters das Spiel „den Alten begraben" gespielt. 
— In Gross Badegast verläuft dasselbe so: Die Mädchen versammeln sich 
zunächst vor dem Gemeindegasthause. Dort bilden sie aus einem Bunde 
Stroh, das sie in einen abgetragenen Anzug stopfen, eine Puppe, den 
alten Mann. Diese wird auf eine Karre gelegt und durch das Dorf zu 
den Häusern der einzelnen Dienstherrschaften gefahren. Zum Dank dafür 
erhalten sie von diesen einen Künimelschnaps vorgesetzt. Nun geht es 
wieder zurück zu dem Platze vor dem Gasthause. Dort ist inzwischen 
ein tiefes Loch gegraben worden, und nun beginnt das Spiel. Der Reihe 
nach werden jedem Mädchen die Augen verbunden, uud die einzelnen 
versuchen alsdann die Karre mit der Puppe in das Loch zu faliren. 
Welcher dies am öftesten gelingt, die erhält ein Tuch, eine Schürze oder 
dergleichen zum Gewinn. — In Porst wird gleichfalls aus Stroh und alten 
Kleidungsstücken eine Puppe, „der Alte" genannt, gemacht, auf eine Karre 
gelegt und von zwei Enken (Knechten), die sich als Mädchen verkleidet 
haben, im Orte herumgefahren. Auf dem Dorfplatze wird dann ein Loch 
gegraben, und daneben eine Maie, die vorher mit durch das Dorf getragen ist, 
aufgestellt. Jetzt suclien auch hier die Mädclieii einzeln und mit verbundenen 
.\ugen jene Puppe von der Karre in das Loch zu „kippen". So oft dies 
einem gelingt, spielen die Musikanten einen Tuscli. Diejenigen Mädclien, 
die am öftesten dieses Kunststück fertig gebracht haben, erhalten die aus- 
gesetzten Gewinne an Tüchern u. dergl. Gegen Abend ziehen dann jene 
beiden Enken mit Musik und dem „Alten" wiederum im Dorfe herum 
und sammeln in den einzelnen Häusern Gaben ein. Darauf beginnt das 
Tanzvergnügen, bei dem übrigens jedes Mädchen einmal mit dem „Alten" 
im Saale herumtanzen inuss. — In Sehender endlich zogen bei dem Spiele 
die Mädchen gleichfalls mit Musik durcli das Dorf. Dabei boten sie den 
verschiedenen Zuschauern aus einer Flasciie einen Schnaps an und erhielten 
dafür jedesmal eine kleinere Geldmünze. Sobald der Zug auf dem „Platze" 
angekommen war, wunl ein Loch gegraben und es erschienen zwei als 
Mann und Frau verkleidete Burschen mit einer Karre, auf der eine mit 
Lumpen angezogene und mit einer Gesichtsmaske angethane StroJipuppe 
lag. Unter allerhand Spässon suchten darauf auch liier die «'iiizeliien 
.Madolien „den Alten" in das Locli zu kiirrcn. 



92 Hartimg: Zur Volkskunde aus Anhalt. 

Au sonstigen Pfingstgebräuclien habe ich in Anhalt noch folgende 
gefunden. Am Donnerstage nach Pfingsten ward in Wirschieben ein grosses 
Volksfest mit Musik und Tanz abgehalten. Den Mittelpunkt desselben aber 
bildete ein Zug nach der Saale. Voran ging die Musik, dann folgte ein 
verkleideter Mann und zwei Mädchen. War man am Ufer der Saale ange- 
kommen, so wurden die beiden Mädchen erhascht, ins Wasser geschleppt 
und tüchtig durchnässt, wohl auch untergetaucht. Dann wurde Geld unter 
den Zuschauern gesammelt, das den Dreien zu gute kam, und mit Musik 
zum Dorfe zurückgezogen. Ein Tanz endete die Festlichkeit, die „der 
Saaltanz" genannt ward. In Hohnsdorf an der Fuhne soll in den sechziger 
Jahren derselbe Brauch üblich gewesen sein, nur versahen hier Frauen 
mit Graskiepen die Rolle der Mädchen. — In Gross Kühnau schickte 
früher am zweiten Pfingsttage jeder Bauer nach dem Vormittags-Gottes- 
dienste durch ein Mädchen dem Hirten, der um diese Zeit mit der Herde 
vom Felde kam, vor seine Wohnung, in der auch der Gemeinde-Zuchtstier 
seine Stallung hatte, vier Groschen, jeder Kossat zwei Groschen, ausserdem 
aber noch die gegen Mittag an diesem Tage gemolkene Milch. Das Mädchen, 
das dabei zuerst beim Hirten ankam, musste den Bullen anlegen und 
erhielt dafür von jenem einen prächtigen Strauss aus Pfingstrosen (paeonia 
officinalis) und Nachtviolen (hesperis matronalis), die der Hirt eigens zu 
diesem Zwecke in seinem Garten zog. Die übrigen Mädchen erhielten 
weniger schöne Sträusse. Nachdem die Sträusse verteilt waren, spielte 
ein Musikant zum Tanze auf, der sich vor dem Gemeindehause bis zum 
nächsten Austreiben der Kühe hin erstreckte. — In Lindau ward dem- 
jenigen, der am ersten Pfingstage zu spät sein Vieh dem Hirten zuführte, 
des Abends bei der Heimkehr von der Weide der Ochs mit einem grossen 
Kranze geschmückt zugeführt. Alle, die sich dabei beteiligten, klatschten 
dazu mit der Peitsche, vgl. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche, S. 305 f. 
— In Schadeleben bei Frosa (Kr. Ballenstedt) war früher am dritten 
Pfingsttage nur einmal Gottesdienst. Wenn dann zu Mittag gegessen war, 
so putzten die Anspännersölme und Kneclite ihre Pferde, die Töchter 
und Mägde die Kühe, die Schafe wurden gemolken, und sobald dann der 
Kuhhirte sein Hörn blies, versammelten sich alle mit ihrem Vieh vor dem 
Dorfe. In feierlichem Zuge, voran die Pferde, dann die Kühe, dann die 
Schafe, Ziegen und zuletzt die Gänse, zog man darauf nach der Pfingst- 
wiese, die zuvor vom „Dorfknecht" abgesteckt war, und ein jeder weidete 
da 'sein Vieh. Gegen Abend wurde von den Ackerknechten dem Pferde, 
auf dem sie sassen, vom Ruhhirten dem Samenrinde, vom Schäfer einem 
Schafe und einer Ziege, vom Gänsehirten einer jungen Gans ein Kranz 
mit Bändern umgehängt. So gings zurück ins Dorf. Die Knechte bekamen 
dafür ein kleines Geschenk, ebenso die Hirten, der Kuhhirt aber von dem 
Bauer, der das Jahr den Bullen hielt, ein Hals- oder Schiuipftuch, sowie 
ein Stück Kuchen. — in Gross Küluiau wurden am dritten Pfingsttage 



Bolte: Der Scliwank vom Esel als Bürgermeister bei Thomas Murner. !)3 

Vormittags die Wege im Dorfe und seiner nächsten Umgebung aus- 
gebessert, die einzige Wegebesserung im ganzen Jahre. Nachmittags 
wurde die „Spritze probiert" und dann vor dem Spritzenhause das 
Pfingstbier getrunken, zu dem sich jeder sein eigenes Glas oder Krug 
mitbrachte. Nach Beendigung des Trinkgelages begann der Tanz unter 
einer Maie. Auch in Zehbitz wurden am Vormittage des Mittwochs nach 
Pfingsten die Wege ausgebessert; am Nachmittage ward dann das 
Gemeindebier getrunken. — In dem nicht weit von der anhaltischen 
Grenze gelegenen preussischen Dorfe Krosigk wurde bis vor .30 Jahren 
ungefähr der Mittwoch nach Pfingsten, der sogenannte Knoblauch s- 
mittwoch, gefeiert. Im Laufe des Vormittags wurden da von den jungen 
Burschen sämtliche offenen Brunnen des Ortes, aus denen das Trink- 
wasser und das Wasser zum Kochen geholt wurde, gereinigt. Nach der 
Reinigung, für die sie übrigens von jedem Besitzer 0,75 bis 1,50 Mark 
erhielten, streuten sie Salz in den Brunnen, das die Besitzer liefern 
mussten. War die Arbeit vorüber, so hatten die jungen Mädchen mit 
iliren Schürzen den Burschen die Füsse abzutrocknen. Am Nachmittage 
fand dann auf dem maienumsteckten Platze vor der Pfarre, an dem zugleich 
ein grosser Teich gelegen war, ein Gemeindefest statt. Das Bier ward 
dabei unentgeltlich ausgeschenkt. Diejenigen, die im letzten Jahre im 
Orte zugezogen waren oder sich verheiratet hatten, mussten jeder eine 
Vierteltonne Freibier geben, Drescher indes nur ein Achtel. Ein Tanz 
beschloss das Fest. — Die allgemeine Pfingstfestspeise ist übrigens im 
Cüthener Kreise und auch in Gross Kühnau wiederum Finzel, wie beim 
(Isterfeste. Klein Pfingsten wurde in Gross Kühnau auf dem Dorfplatze 
das Spiel des Hahnentotschlagens von den jungen Burschen gespielt. 
Wer mit dem Dreschflegel den Topf traf, der über das Loch gestülpt war, 
in dem der Hahn sass, durfte diesen für sieh behalten. Gewöhnlich wurde 
er aber am Abend in der Schenke, mit Reis gekocht, gemeinschaftlicli 
verzehrt. 



Der Schwank vom Esel als Bürgermeister 
bei Thomas Murner. 

Von Johannes Bolte. 



In den North Indian Notes and Qucrics 2, 174 No. (i42 (1893) 
findet sich folgender Schwank: „Wie der Esel des Wäschers Kadi ward" 
nach der Erzählung eines Eingeborenen aus ]Mirza])ur in englischer Sprache 
wiedergegeben: 

Es war einmal ein Schulmeister, der einen sehr dummen Schüler hatte. Eines 
Tiigcs, als er seine Aufgabe nicht wusste, schalt ihn der Lehrer Esel. Ein ein- 



94 Boltc: 

faltiger Wäscher, der im Vorbeigehen dies hörte, sagte: „Herr Lehrer, war dieser 
Junge einst ein Esel?" — „Ja", sagte der Schulmeister, „er war ein Esel, und 
mein Unterricht hat einen Menschen aus ihm gemacht." Der Wäscher sagte: „Ich 
habe auf der Welt nichts als einen Esel, und wenn llir ihn in einen Menschen 
verwandeln könnt, will ich ihn gern zu Euch bringen." — „Gut", sagte der Lehrer, 
„geh und bring ihn!" — So kam der Wäscher, indem er den Esel mit Schlägen 
vor sich hertrieb, und fragte den Lehrer: „Wie lange brauchts, um meinen Esel 
in einen Menschen zu verwandeln?" — „Ein Jahr", antwortete der Lehrer. 

Ein Jahr darauf kam er wieder und fragte den Meister, wo sein Esel wäre. 
Der Meister erwiderte: „Dein Esel ist in der und der Stadt Kadi geworden und 
bezieht ein monatliches Gehalt von 1000 Rupien und hält Gericht." Zufällig war 
der Kadi, als der Wäsiher das erste Mal zum Lehrer kam, in der Schule gewesen 
und hatte alles gehört. Der Wäscher fragte nach dem Wege zum Palaste des 
Kadi und ging hin. Der Kadi erkannte und beachtete ihn nicht. Der Wäscher 
kehrte zurück und sprach zum Meister: „Wahrlich, er ist ein grosser Mann ge- 
worden; als ich in sein Haus trat, sah er mich gar nicht an." Der Meister ant- 
wortete: „Natürlich mochte er dich nicht beachten, da du zu ihm kommst, während 
er ein hoher Beamter ist. Doch nimm einen Strick und eine Pussfessel und geh 
in seinen Palast und schüttle sie und sprich: „Hast du den Strick und die Puss- 
fessel vergessen, mit denen du gewöhnlich gebunden wurdest?" Er that, wie ihm 
geheissen war; da erinnerte sich der Kadi an den Vorfall und dachte: Wemrich 
diesen Kerl nicht irgendwie loswerde, werde ich zum Gelächter der Leute. So 
gab der Kadi dem Wäscher 1000 Rupien und entliess ihn. Der Wäscher zeigte 
dem Lehrer das Geld, und der nahm die Hälfte davon, weil er den Esel gefüttert 
habe. Der Wäscher ging heim und pries sein Glück; und seitdem bekam er 
alljährlich ein Geschenk vom Kadi und lebte den Rest seines Lebens als ein 
glücklicher Mann. 

Diese Erzähluug ist im Orient weit verbreitet. Aus Mosul teilt A. 
Sociii') eine Fassung mit, in der ein thörichter Kurde seinen einäugigen 
Esel allein nach Mosul gehen heisst, um dort Einkäufe zu besorgen. Als 
der Esel nicht heimkehrt, macht er sich auf und lässt sich vom Thor- 
wä'chter einreden, der Esel sei in Bagdad Richter geworden. Der Richter 
in Bagdad ist zufällig auch einäugig und kauft sich aus Angst von dem 
Kurden durch eine Geldsumme los. 

Anderwärts wird dem berühmten orientalischen Eulenspiegel Nasr- 
Eddin Chodja, dem Helden eines verbreiteten Volksbuches'), die Rolle 
des Einfaltspinsels in dieser Geschichte zugeschrieben. In einer persischen 
Version') wird der Esel angeblich Diener in Teheran, danu Kaufmann in 
Kazbin, endlich Statthalter in Recht. In einem tunisischen Märchen'') 
lügen die Diebe von Dschuhas Esel dem Besitzer vor, jener habe studiert 



1) Zeitschr. der d. morgeiil. GeselLsch. 3G, 10, No. 2. 

2) Vgl. M. Hartniann in dieser Zeitschrift 5, 44. — Camerlohor und Prolog, Meister 
Nasr-eddins Schwanke 1857, No. 63. Murad Efendi (F. v. Werner), Nassreddin Chodja 1878, 
No. 28. Decourdemanche, Sottisler de Nasr-Eddin Hodja 1878, No. 243. :\Iouliovas. 
l'üin-beries de Si Djeh'a 1892, p. 61: „L'äne juge". 

3) Diculafo)-, La Ferse, la Chaldee et la Susiaiie. Tour du inoudo 1885, No. 1257, p. 91. 

4) Stumme, Tunisische Märchen 2, 133 (1893): „Der Esel, der Kadi wm-de." 



Der Schwank vom Esel als Biirgcrnicistor bei Tlidiiias Miinier. Qf) 

lind sfi Kiuli geworden: Dschulia geht daniiif zum Kadi, crliält aber für 
seine Zudringlichkeit 'iOO Hiebe; doch als der Kadi seinen Bericiit anhört, 
nötigt er die Diebe durch die gleiche Zahl von Schlägen zur Herausgabe 
des Esels und zahlt dem armen Dschulia ausserdem ein Schmerzensgeld. 
Aus Europa führt Moulieras 1892 (a. a. 0.) ein ganz entsprechendes 
lothringisches Märchen an, worin man einem Bauern zu jManonviller weiss 
macht, sein Esel Rougeaud sei Richter in Sarrebourg (Saarburg) geworden. 
Er hätte aber noch ein weit älteres Zeugnis aus dem benachbarten 
Elsass anführen können: Thomas Murners 151.3 zu Strassburg gedrucktes 
satirisches Gedicht „Die Mülle von Schwyndelssheim".') Im letzten Ab- 
schnitte (V. 147<sf.) nämlich klagt der Müller, sein Esel sei ihm entlaufen: 
er sucht ihn und findet ihn, nachdem er von einem Wahrsager lielehrt 
worden ist (Y. 1584), geehrt von Fürsten und Bürgern, Geistlichen und 
Laien, wieder. 

Do ich in suocht, von Leyen gieng, 

In Kirchen suochcn anefleng. 

Fand ich in oben ston im Chor, 
1525 Vnd gab sich vss für ein Doctor 

Vnd hatt ein syden ChoiTock an, 

Vnder in allen oben stan. 

„Wo! aber", sprach ich, „in den Stalil" 

Do wollen sie mir weren all 
1530 Vnd woltendt im Ijcy gstanden syn, 

Biss dennocht ich in treyL) do hyii. 

Ddcii der Esel entläuft ihm von neuem und findet in der hohen Sclinb' 
Aufnahme, wo sie iiin Latein lehren wollen: 

Vnd hett wol me denn dreyssig Jor 

Auch Latein gelernct vor 

Vnd doch nie mer beg;'yfren kyiinen 

Denn lA von dummen synnen (V. l.'illti — 15(i!)). 

Man sieht ohne weiteres, dass es Murner auf eine Verspottung drv in 
allen Ständen herrschenden Thorheit und Verkehrtheit ankam, da er bei 
allen den Esel geachtet und bewundert findet: aber ebenso klar dürfte 
auch sein, dass die Form dieser Verspottung in auffälliger Weise mit dem 
Volksschwanke vom Esel als Richter übereinstimmt. Laudiert"), der in 
dankenswerter Weise die bei Murner zu Tage tretenden volkstümlichen 
Überlieferungen zusammenstellte, hat zwar an die im Pfaffen Amis, in 
Poggios Facctien und im l'hil('nspi(>gol erscheinende Fabel von dem lesenden 

1) Neudruck vom Allirccht, Strassbiirger Studioii 2, 1-52 (1883^; das TitelldaU 
reproduziert Könneckc, Bilderatlas zur Gesihiclite der deutschen Nationallitteratur- ISOf), 
S. 130. Bei Hans Sachs (Polio 1, 5, 488 a = Schwanke No. 17,') ed. Goetze) muss der 
Müller sogar .selber die Säcke tragen, während die Esel ihn mit Scliläiieii aiitndheii. 

2) Birlingers Alemannia 18. ICd f. 



96 Bolte: Der Schwank vom Esel iil.^ liiirKermeister bei Thomas Mnrner. 

Esel erinnert dem man Körner zwischen die Blätter des Buches gestreut 
hat, aber an unseren Schwank nicht gedacht. 

In einer anderen Reihe von Volksmärchen ist an die Stelle des Esels 
ein Ochse getreten, offenbar weil dieser in vielen Gegenden das häufigere 
und vertrautere Haustier ist. In einer Aufzeichnung aus dem Harze') 
überlässt ein Bauer seinen Ochsen drei Studenten, die ihn gelehrt zu machen 
versprechen und ihn auch vor ein Buch stellen, in das sie Haferköruer 
gestreut haben — also derselbe Eulenspiegelstreich wie bei Muruer. Nachher 
weisen sie den Bauern zu einem Bürgermeister, der den Xamen Ochs 
führt: dies sei sein ehemaliger Ochse. Andere Überlieferungen aus Ribbes- 
büttel in Hannover^), aus Wöhrden in Holsteiu"), aus Pommern*) und aus 
Mecklenburg') bringen keine wesentlichen Abweichungen, ausser dass im 
mecklenburgischen Märchen der Ochs sogar zum Papst wird. Cfanz ähnlich 
wird die Geschichte in Dänemark °), in Schweden') und in Kleinrussland *) 
erzählt. 

Wo und wann unser Schwank entstand, bleibt vorläufig unsicher. 
Dass er lieutzutage in Indien vorkommt, beweist natürlicli niclits für seinen 
indischen Ursprung, da Murners Fassung weitaus die älteste ist. Neben 
der Wanderung von Osten nach Westen, die Benfey für viele Erzählungs- 
stoffe nachgewiesen hat, fand und findet zweifellos auch eine Wanderung 
der Novellenmotive von Westen nach Osten statt. Hat docli Decourde- 
manche") uns gezeigt, dass eine im 16. Jahrhundert entstandene Sammlung 
türkischer Fabeln grossenteils aus den lateinischen Werken des Poggius, 
Rimieius, Abstemius und aus Maximus Planudes übersetzt ist.'") 



1) Piöhle, Kinder- und Volksmärchen 1853, S. 173, No. 59: „Burgemeister Ochs". 

2) Colshorn, Märchen und Sagen 1854, S. 129 No. 39: „Borgemester Wittkopp'-. 
Eingelegt ist das alte Lied vom Paltrock (Erk-Böhme, Liederhort, No. 1717). 

3) Hansen, Zeitschr. der Ges. für schleswig-holsteinische Gesch. 7, 223, No. 4: „De 
]!ur as Slachter" (1877). 

4) U. Jahn, Schwanke und Schnurren aus Bauern Mund 1890, S. 54: „Jochem Ochs". 

5) Bartsch. Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg 1, 494, No. 11 (1879): 
„Papst Ochse". 

6) Grundtvig, Danske Folkeaevcntyr- 1881, S. 214, No. 18: „Peder Oxe" = Gnindtvig. 
Dänische Volksmärchen übersetzt von W. Leo 1, 59.(1878). 

7) Wigström, Skünska visor 1880, S. 27: „Den brunögda Studenten". 

8) PoUvka, Archiv für slav. Philologie 19, 267, No. 26 nach .Jastrebov (1894). 

9) Fahles turques. Paris 1882. 

10) Ich kann daher Amalfi nicht beistimmen, wenn er in dieser Zeitschrift 4, 429 dem 
Fabliau Eutebcufs vom Eselstestamente nur darum orientalischen Ursprung zuschreibt, weil 
der Türke Lama'i im IG. Jahrhundert einen verwandten, nocli mehr jedoch zu Poggios 
„Hundestestament" stimmenden Schwank erzählt. 



Kleine Mitteilungen 97 



Kleine Mitteilimaeu. 



Schäfergruss. 

Nach Reinhold Kühlers Kollektaneen. 

Es g-iebt, sagt UhUiud in seiner Abhandlung- über Well- und Wunschlieder ') 
nach Besprechung der Handwerksgrüsse und AVaidspriichc, auch einen nieder- 
deutschen Pcldspruch oder Schäfergruss. Wer diesen weiss, ruft dem Woid- 
genossen zu: „Hochgelobter Peldgeselle, vielgeliebter Tütinshorn!- Die Wechsel- 
rede spricht neckisch und halbvcrsteckt von den Schafen und dem AVolfe: „Bruder, 
was machen deine DingerV" — „Hoch in Lüften, tief in Klüften, hinten über 
Berg und Thal, da gehn die Dinger allzumal." — „Hast du das Besehen') kürzlich 
gesehn?- — „Was wollt' ich's nicht gesehen haben?" — „Nahm er dir auch einen?" 

— „Meinst, dass er mir einen brachte?" — „Sprang er dir auch übern Graben?" 

— -Meinst, dass ich ihm einen Steg überlegte?" — .,Schicktest du ihm deinen 
Köter nicht nach?^ — „Meinst, dass ich ihm Kyrie eleison nachsang?" 

A'on diesem Schäfergrusse, den Uhland von dem jungen Berliner Karl Halling 
(t 1837) erhalten hatte, sind seither verschiedene Aufzeichnungen aus anderen 
Gegenden veröffentlicht worden, deren Zusammenstellung vielleicht von Interesse 
ist. Die Einleitung, in dem sich der eine Geselle als ein richtiger Schäfer aus- 
weisen muss, ist nur in einer Variante aus Hohenwalde in der Neumark') erhalten; 
„Gud'n Dach ook, Hoas!" — „I, scheen Dank ook." — „Jonge, du deest jo, as 
wenn de mi nich meh kennst; ick bin jo eener von uns' Lüüt." — „Na, kannst' 
ook oen Spruck?" — „Na wa schock nich!" — ,,Na seg up!" — „Hocheddel- 
geboren, hochwoUgeschworen von'n edeln Peldgesellen, von de Blasedei (Flöte), 
von'n bunten Keter. leeft er länger, denn wird he gräter." — „Na Bröderkin, nu 
sie mi ook willkoam vom Duum bes an'n Ellboan, un bes an't holle Lief! Un 
wer up unsen Jährling (einjähriges Schaf) schimpft, der sie verdammt bes in alle 
Ewigkeet." — Die folgende Erzählung vom Wolf, der hier „Kristlief" betitelt wird, 
entspricht im wesentlichen der Hallingschen Aufzeichnung. 

Anderwärts ist der Pragende nicht ein Unbekannter, der sich erst legitimieren 
muss, sondern der Herr, dem der Schäfer auf seine Fragen in dummdreister und 
zum Lachen reizender Art den Verlust des Schafes als etwas Natürliches darstellt. 
So heisst es bei Ludwig Schulmann'): „No, Jochem, wat weent'e?" — „Ja, Here, 
hieben wer' eck nich!" — „Is wol de Wulf twischen den Schaapen ewesen?" — 
..\o, de Schaape willt wol nich twischen de Wülwe gähn!" — „Denn het hei wol 
eint henenohmen?" — „Ja, bringen werd hei keent!" — „Da het wol de Wulf dat 
Schaap wegesleepet?" — „Ja, dat Schaap will wol keinen Wulf wegsleepen!" — 
„Is'r denne midde in't Holt elopen?" — „No, in de Kerke werd hei wol nich 
iopen!" — „Het hei denn keine Hunne bi seck ehat?" — „No, Kalten sind et 

1) Uhland, Schriften zur (iesch. d.r Dichtung und Sage 3, 2(i2 iiud 302, Amn. 112 

2) Deminutiv von Aas. 

3) Firmenich, Uermaniens Völkerstimmen 3, 118. -- Ein anderer Schäfergruss, den 
Wossidlo in der Rostocker Zeitung I88S, No. 279 aus Mecklenburg mitteilt, ähnelt dem 
neumärkischen, enthält aber nicht die Erzählung vom Wolfe. 

4) Norddütsche Stippstürken und Legendchen. Tweite Rege (Hildesheim 1859) S. 110 f. 

ücilschr. il. Vcreius f. Volkskuudc. 18'J7. ' 



98 BMto: 

fincli niclil" — „Is lici'r denn nich liiiulerher eg-;ilin?" — ,.Ei. vorher wer' eck 
doch nich gähn!" — .,Scha|)er, het denn de Wulf dat Schaap upefveten'y" — „lli, 
dat Schaap werd doch den Wulf nich upfreten!" — „No, denn mot eck ehne doch 
wol wat an sinen Lohne awtrecken?" — „Ei. tauleggen werd hei meck wol nix!" 

Ganz ähnlich lauten mehrere ost- und vvestpreussische Fassungen'); nur eine 
von Frischbier-) aus Natangen mitgeteilte ist ausführlicher: „Hans, Jung, woa öss 
de Gret?" — „E, de Diewel weet." — „Na Jung, h.äst ok de Piilles (Füllen) röni 
gejagt?" — „Na de Falles wäre mi doch nich röm jage." — „Na hast se ok alle 
röm gejagt?" — „0 ja, man blos dat wittkoppsche Fälle nich." — „Na Krät Jung, 
waröm hast dene nich ok röm gejagt?" — „Na he kunn je nich mehr renne." — 
„Warum kunn he denn nich renne?" — „Na de Wulf hadd em je gebete." — 
„Nat Krät Jung, hefft he em ok sea gebete?" — „0 ne! Kopp on Zagel ligge noch 
da." — „Na Jung, rennd de Wulf mank de Schap?" — „Na de Schap wäre doch 
nich mank de Wulw' renne." — „Na nehm he ook eent?" — „Na bringe wat ho 
doch keent." — ,,Na wea de Hund nich da? Bell'd de nich?" — „Na singe on 
bede kann he doch nich." — „Na woa rennd denn de Wulf hen, rennde iin o 
Woold?" — „Na ön de Körch (ön't Derp) wat he doch nich renne." — „Na wacht, 
Jung, dat wa öck di vom Lohn aftehne!" — ,.Na tolegge wat he mi doch nuscht." 
— „Krät Jung, mottst denn öninia dat letzte Woat habbe?" — „Na dat caschto 
lett he mi je nich." 

In einem holsteinischen Düntchen^) wirken die Reden des Schäferjungeii 
dadurch noch patziger, dass er jede scheltende Frage des Bauern in seiner Antwort 
wiederholt; also z. B.: „Löpst du denn den Wulf nich na, du Esel?" — „Ja, du 
Esel, löpst du denn den Wulf nich na! Vörop lopen wull ils em wol nich." — 
„Lop de Wulf denn na den Wold, du Dösmichel?" — „Ja, du Dösmichel, löp de 
Wulf denn na den Wold? Na'n Dörpen ward he doch nich lopen." 

Eine Mecklenburger Fassung') zeichnet sich durch Reimbindung von Frage 
und Antwort au.f: 

Ell Bur Je kern bi siueu Sclicper, 

Dat wir'n woliren Säbensleper: 

,,Hc het liüt Nacht all wedder slapcu." 

— „Het ho alltid de Ogeu apen?'' 

„Üi het de Wulf en Schap wegnahmen." 

— ..Süll he mit en gedragen kamen?" 
,,He löp domit den Barg hendal t? hinan)." 

— „Dacht he, he kern to mi heran?'' 
„Ik treck di't af von dineu Lohn." 

— „Dat he nich toleggt, wet ik schon," 
,,Dat letzt Wurt dat best du ümmer." 

— „Dat irste dat let he mi nümmer." 

1) Firmeuich 3, US (aus Insterburg): „Jung wat grienst du?" — I{. Reiiscli, Sagen 
des preussischen Samlandes, 2. Autl., 1803, S. 117: „Oess hier goot Schaap heede?" — 
Frischbier, Preussische Volksreirae und Volksspiele 1867, S. 261, No. 912: „Jung wat 
grienst?" (.Wcstpreussen) ; S. 262, No. 913 = N. Preuss. Provinzialblatter. a. F. 7, 879: „Na 
Hans, hast de Schap öne Stall?" 

2) Frischbier S. 261, No. 911. 

3) J. üiermissen, Ut de Musskist, 1862, S. 75, No. 401: „Der patzige Schäferjunge". 

4) R. Wossidlo, Volkstümliches aus Mecklenburg X: Stand und üewerk im Munde 
de,s Volkes (Separatabdruck aus der Rostocker Zeitung 1888, No. 279). Die Verse klingen 
mir nicht ganz volksmässig; der Anklang an Goethes Lied ans „Jery und Biitely" ist 
wenigstens auffällig: ..Es war ein fanler Schäfer, ein rechter Siebenschläfer.'- 



Kleine Mitteiluugeii. 9CJ 

Etwas; VLTScliiL'den isl die Sitiuitioii in einem Gespriiclio, das M. Röslcr ') im 
böhmischen Isergebirge aufgezeichnet hat; der Bauer fragt seinen Gänsejiingen, 
dem der Fuchs eine Gans gestohlen Ivd: „Joiiger, wos llonnst denn?" Der Verlauf 
ist der gleiche. 

Bemerkenswert ist eine schwäbische Variation-) unseres Themas durch den 
Schluss: „Büble, was greinst?" — „Ea, lache wurd i nit." — „Hat dir der Wolf 
dein Schafle g'nomrae?'" — „Gebe han i's em nit." — „Ist er mit über de Bach?" 
— ^Ha, unne durch nit." — „Biible, sei nit so grob, i bin a Ratsherr." — ,Na, 
so rat mal, was i in meiner Tasch han!" - „Ha. was wirst du drin han! A 
Stückle Brod?" — „Ja Dreckle, meine Hänschich!" 

Diesen dialogischen Berichten von dem Raube eines Schafes'), in denen der 
schuldige Hirt sich die Unglücksnachricht nur brockenweise ablocken liisst und 
die Ahnungen des ungeduldigen Fragers durch halb widerwillige, halb trotzige 
Gegenfragen bestätigt, reihe ich ein italienisches Scherzgespräch ') an, in denen ein 
Einfaltspinsel auf ähnliche Weise sein Unglück erzählt: 

Woher kommt Ihr, Herr Fleissig? — Von San Jago in Galizien, Gott segne 
Euch. — Von San Jago in Galizien, Herr Blasius? — Ja, wolltet Ihr, dass ich 
auf der Strasse bleiben sollte? — Wo seid Ihr den ersten Abend eingekehrt, Herr 
Fleissig? — In meiner Eltern Haus, Gott segne Euch. — In Eurer Eltern Haus, 
Herr Blasius? — Ja, wolltet Ihr, dass ich auf der Strasse bleiben sollte? — Was 
haben Euch die Eltern abends zu essen gegeben, Herr Fleissig? — Weizen und 
Haferähren. — Weizen und Haferähren? — Ja, wolltet Ihr, dass sie mir guten 
Rostbraten bereiten sollten? — Wo seid Ihr abends schlafen gegangen? — Im 
Kuhstall. — Im Kuhstall? — Ja, sollten sie mir ein gutes Federbett bereiten? — 
Wo haben die Eltern Euch morgens hingeschickt? - Mit der Kuh auf die Weide. 
— Mit der Kuh auf die Weide? — Ja, sollten sie mich spazieren schicken? — 
Was habt Ihr mit der Kuh gemacht? — Verloren und vergessen. — Verloren und 
vergessen? — Ja, sollte ich sie immerfort am Schwanz festhalten? — Was haben 
da Eure Eltern Euch gesagt? — Geprügelt und geschlagen. — Geprügelt und 
geschlagen? — Ja, sollten sie mich auf den Arm nehmen und liebkosen? — Woher 
kommt Ihr also? — Von San Jago in Galizien, habe ich Euch gesagt etc. 

Auch an eine verbreitete Geschichte der Disciplina clericalis') des Petrus 
Alfonsi, die wohl durch Hebels Erneuerung jedem geläufig ist, sei erinnert; ein 
Jüngling erfährt das vielfache Unglück, das sein Haus und seine Angehörigen 



1) Am Urquell N. F. 1 (1890), S. 73. Vgl. das uordböhmische Gedicht von A. Jarisch 
bei Giehue, Deutsche Mundarten 1873, S. 8: „Der Bauer und seiu Gänsejunge". 

2) E. Meier, Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, 1852, S. 244, No. 70 (müudlicli 
aus Brackenheim und Neuffen): „Der Ratsherr und das Büble". 

3) In einem niederländischen Gespräche bei J. van Vloten (Baker- en Kinderrijmen" 
1874, S. 135, No. 54: .Schaapherder, jaag deur je schapen") ist der Schäfer im Gegen- 
teile sehr besorgt vor dem Wolfe. 

4) V. Ostermann, Filastrocca pupolare udincse. Archivio per lo studio delle tradiz. 
popolari (i, 4(5(1. 

5) Kap. 80 cd. Val. Schmidt 1827. — Vgl. Vade mecum für lustige Leute 6, 28 (1778). 
Hebel. Werke, herausgegeben von Bchaghel 2, 137, Ko. 79: „Ein Wort giebt das andere." 
Schubart, Der kalte Michel (.Sämtliche Gedichte 2, 206. 1787). F. H. v. d. Hagen, Er- 
zählungen und Märchen I,105(lh25): „Die Märe, Ballade." (iustav Haller (=G.Schwotschke), 
Bibliothek humoristischer Dichtungen ?, 115 (I8fi8): „Der Bab" ist tot." F. Gladwin (= W. 
C. Sniyth), The I'ersian Moonshee 1801, Story G6. 



100 Schukowitz: 

betroffen, durch einen Knecht, der mit dem Unbedeutendsten anhebt und erst auf 
die teilnehmenden Fragen des anderen absichtslos mit dem Schlimmeren heraus- 
rückt. J. Bolte. 



Weiteres zu der Heilkraft gewisser Familien. 

Vgl. Unsere Zeitschrift VI, 443. 

In dem sehr reichhaltigen Werke von "Waling Dykstra, üit Prieslands Volks- 
leven (1895) wird Bd. II, S. 255 erzählt, dass „einige" Mitglieder der adeligen 
Familie van Heemstra die geheimnisvolle Gabe besitzen, das Zahnweh zu kurieren, 
und zwar sei diese Gabe gegen Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts 
an die Familie gekommen. Ein Angehöriger derselben war mit einem Fährschiffe 
nach dem Siidwestwinkel der Provinz (doch wohl Westfrieslands) gereist. Unter 
den Mitreisenden litt einer an Zahnweh und dieses wurde ihm von einem anderen 
Reisenden, einem angesessenen Bauern, abgethan (afgenomen). Baron van Heemstra 
wünschte die Kunst zu lernen. Der Bauer war anfänglich nicht geneigt, sie ihn 
zu lehren, Hess sich aber schliesslich darauf ein gegen Vorausbezahlung von 25 fl. 
und gegen das Versprechen strengster Geheimhaltung innerhalb der Familie. Der 
Baron glaubte anfangs gefoppt zu sein, überzeugte sich aber doch vom Gegenteil. 
Im Jahr 1862 kam der Verfasser des oben genannten Buches mit einem Angehörigen 
jener Familie auf die Sache zu sprechen und dieser erzählte ihm: „Wenn man 
mir ein Briefchen schickt mit dem Zu- und Familiennamen des Zahnkranken und 
dazu dem Jahre und Tage seiner Geburt, dann ist das Zahnweh gewichen, sowie 
ich das Geschriebene durchgesehen (overgezien) habe. Fragt man wie das zugehe? 
- — Ja wie geht es?" 

München. Konrnd Maurer. 



Über FOlkstümliclie Namen gebuiig. 

Volksregel ist, dem Kinde den Namen zu geben, welchen es — wie man in 
Kärnten sagt — „in der Faust mitbringt", d. h. es empfängt den Namen des 
Kalenderheiligen, an dessen Tage es geboren ist. Sonst wählt man auch gern den 
Namen eines der Eltern oder Paten. Das „Zurücktaufen" hindert den Säugling 
in seiner geistigen und körperlichen Entwicklung. Er bleibt im „Hundsalter", sagt 
man in Oberösterreich. Auch mit dem „Vortaufen", das allerdings gebilligt ist. 
bat es seine eigene Bewandtnis: Ein allzugrosses Intervall (Marchfeld 14 Tage. 
Mähren 3 Wochen) entzieht den Täufling der Schutzsphäre seines hl. Patrones. 
Dieser „kann nicht soweit zurückschauen" ; (Steiermark): Er „steht seinem 
Schützlinge zu fern." — (Um Wien): Erstgeborene sollen nie einen anderen Namen 
erhalten, als jenen, „den ihnen "s Dorf giebt"; (Marchfeld, Oberweiden): 
d. h. einen solchen, der strenge durch die angeführten Regeln bestimmt wird. 
Bei Zwillingen wird der Name des einen nicht selten durchs Los gewählt. 
(Kroatien): Zwillinge sollen auf die Namen solcher Heiliger getauft werden, „die 
sich gut vertragen." (Krain, Kärnten, Küstenland): darum heisst es auch, 
„wenn eins stirbt, geht ihm 's andere bald nach." — In Tirol erhalten ausser- 
eheliche Kinder, sobald es Mädchen sind, meist die Namen Magdalena oder 
Gertrude. Sind es aber Buben, so heisst es: Da Bua nimmt n Diandl 's Kranzle 
nit. (Um Selzthal.) In Salzburg füliren uneheliche Mädchen meist den Namen 
Margarete. — Vor gewissen Kalenderheiligen hat das Volk ferner eine Scheu. So 



Kleine Mitteilungen. \Q\ 

tauft man in Oberösterreich einen Knaben nicht leicht auf den Namen des hl. 
Albanus. Er „lockt die Kleinen an sich", sagt man. d. h. sie sterben frühzeitig. 
Man opfert ihm die Erstlingskleider der Säuglinge. In Xiederösterreich ist 
der Name Isidor nicht beliebt. Auch insofern ist das Volk in den Taufnamen 
wählerisch, als ihm diese schön, jene unschön klingen. 

Im allgemeinen gelten die Namen der Kalenderheiligen als die schutzkräftigsten, 
während man gegen die Vornamen Andersgläubiger und gegen städtische Kosc- 
luuiion Gleichgiltigkeit bezeugt. 

Graz. Dr. H. Schukowitz. 



„Jägermesse." 

In den .,Preussischcn Jahrbüchern'' 1896, 85. Bd., S. 557 — 558 veröffentlicht 
„Xanthippus: Gute alte deutsche Sprüche'", darunter mehrere, nach welchen eine 
kurze katholische Messe „Jägermesse" genannt werde. Wer seinen Uhland kennt, 
erinnert sich der Verse : Begrabt mich unter breiter Eich' Im grünen Vcgelsang 
Und lest mir eine Jägermess Die dauert nicht zu lang." Das Grimmsche Wörter- 
buch giebt aus Kirchhoffs Wendunmut und Fischarts Bienenkorb Belege. Diese 
Bezeichnung war auch vor nicht langer Zeit in Graz sehr geläufig. Die Messe, 
welche allsonntäglich der Kapitular des Stiftes Adraont und bekannte Geschichts- 
schreiber der Steiermark Dr. Adalbert von Muchar (er starb 1849) in der Joanneums- 
kapelle las — sie dauerte in der That kaum 10 Minuten, statt wie bei anderen 
Priestern 25 — 30 Minuten — wurde allgemein die „Jägermesse" genannt. „Ich 
war in der Jägermesse", ,,ich gehe in die Jägermesse" hörte man damals allgemein. 

Ebenda S. 558 bringt Xanthippus alte Sprüche vom Essen und Trinken; zu 
diesen füge ich den in Steiermark üblichen: 

Essen und Trinken 
Macht feiste Schinken. 

Graz. Franz llwof. 



Das Lösen des Zuugenbandes. 

Dieser Gebrauch, wovon in unsrer Zeitschrift (IV, 458 f. und V, 107) die Rede 
gewesen ist, war als ärztliches Heilmittel gegen das Stammeln alt und weit ver- 
breitet. Gachard, Don Carios et Philippe II, 2. Aufl., S. 5 und Ranke, Don Carlos, 
„Prinz von Asturien, Sohn König Philipps II. von Spanien" (Sämtliche Werke, 
40. und 41. Band, S. 495) berichten, dass diesem unglücklichen Prinzen, als er 
20 Jahre alt war, von einem Arzte das Zungenband gelöst wurde, um ihn von dem 
Gebrechen des Stammeins, das ihm von Jugend an eigen war, zu heilen. 

Graz. Franz llwof. 



Schlesische Sageu. 

Aus dem Kcichenbacher Kreise. 

1. 

Eine Frau aus Schlaupitz erzählte vom Tode und vom Feuermann: 
Vor 20—30 Jahren noch ging der Tod in Gestalt eines alten kleinen Männleins 
hier und da in die Häuser der Dörfer am Zobtcn und Cicicrsbcrgc, um nachzusehen. 



102 Woinliold : 

ob die Leute wohlthätig und gut wären. Da sass auch eines Abends nueli eine 
Frau am Spinnrocken und spann; und es trat ein altes dürftiges Mündel mit ver- 
hülltem Gesicht ein, und bat um etwas zu essen. Da sagte die Frau: „Ja Brot 
habe ich heute selber nicht mehr, aber ich werde Dir meine letzte Schüssel Milch 
aus dem Keller holen, die sollst Du gerne haben." Dies that die Frau, und als 
das Mündel die Milch getrunken hatte, sagte es: „Jetzt werde ich Dir dafür auch 
ein langes Leben schenken." Die Frau wurde 80 Jahr und darüber alt, und dass 
dies wahr ist, weiss ich, „denn es war die Muhme meiner Mutter, ich habe sie 
selbst gekannt". — Ein andermal ging der Tod wieder in ein Hüusel und bat um 
eine Gabe. Da schalt ihn die Frau, die er darum angesprochen, mit bösen Worten, 
und meinte, sie hätte selber nicht viel. Da sagte der Tod: ., Warte; Du sollst an 
mich denken." Und als die nächste Krankheit ins Dorf kam, nuisste die Frau 
sterben. 

Um dieselbe Zeit ging auch der Feuermann abends von Haus zu Haus, um 
zu sehen, ob die Leute Ordnung hielten. Und wo er viele Spinneweben sah, zog 
er aus seinem fadenscheinigen Kittel einen dünnen langen Stab hervor, zündete 
denselben an der Schleisse an, die in der Stube brannte, durchging das ganze 
Haus vom Keller bis auf den Boden und brannte die Spinneweben ab. Da sahen 
die Nachbarn, wie aus den Fenstern und allen Ritzen des Hauses blaue Flammen 
zuckten; sie thaten keinen Schaden, die Leute wurden aber tüchtig ausgelacht. 

Nun war eine Frau im Dorfe, die war böse und faul, und überall hingen diu 
Spinneweben bei ihr herunter. Da dachte sie, ich kann es auch wie der Feuer- 
mann machen, und sie leuchtete überall mit der Schleisse herum. Ja, die Spinn- 
weben brannten wol ab, aber nicht bloss die, sondern das ganze Haus brannte an 
und bis auf den Grund nieder. 

Noch heute haust am Geiersberge ein Feuermändel, das sehr lustig ist. An 
finsteren Abenden gräbt es in der Nähe begangener Wege eine kleine Grube, 
macht ein Feuerlein darin an, das ganz blau brennt, und springt, auf einem Koch- 
löffel reitend, kreuz und quer über die Flamme hinweg, bis es in die Grube purzelt 
und das Feuer auslöscht. 

Vor vielen Jahren ging ein armer alter Mann einen Botengang von Stoschen- 
dorf nach Schlaupitz. Auf dem Heimgange konnte er aber nicht zu Hause finden, 
wie lange er auch ging, so dass es endlich stockfinster war. Da merkte er, dass 
ihn etwas irre führe, und er fing an laut zu jammern und zu klagen. Auf einmal 
wurde es hell um ihn her, und er sah neben sich den Feuermann stehen. 
in Gestalt einer aufgerichteten Schütte Stroh, welche helllichterloh brannte. Erst 
erschrak der alte Mann sehr, dann ging er aber still hinter dem Feuerraanne her, 
welcher ihn auf den richtigen Weg und bis zu seiner Wohnung brachte. Hier 
lehnte sich die brennende Strohgarbe an die Wand neben der Hausthür und wurde 
grösser und grösser, bis sie fast das Dach erreichte. Da fiel dem Manne zum 
Glück ein, dass man dem Feuermann für seine Begleitung und Hilfe ein Gott- 
hezahls sagen müsse. So wie er nun das gethan, wurde die Flamme niedriger 
und kleiner, bis sie ganz erlosch. Ohne das Gottbezahls wäre das Haus abgebrannt 
Eine Frau aus Stoschendorf erzählte, dass sie aus ihrer Stube am Giebel eines 
Hauses, Ende dos Dorfes, schon mehrmals einen Feuermann in Gestalt einer 
brennenden Schütte Stroh gesehen habe. Er kommt über die Felder und Wiesen 
geschritten bis zu einem Dornbusch, auf den hockt er auf und erlischt. Findet er 
jemanden auf seinen Wegen, so begleitet er und leuchtet ihm bis zu de-sen 
Wohnung. Wehe diesem aber, wenn er nicht dafür dankt, da geht es ihm 
schlecht. 



Kleine Mitteiliin>;en. |Qa 



In den Umkreis des Zobtenberges ist ein verwünschter Jäger gebannt. 
Er ist schon viel beerensuchenden Weibern erschienen, ist gross und hager, trügt 
einen spitzen Hut und unter dem linken Arme eine Flinte, zur Rechten geht sein 
Hund. Er thut keinem was zu Leide und mischt sich gern unter die Gesellschaften, 
die den Berg besteigen. 

.3. 

Einer der schönsten Aussichtspunkte des Kültschenberges heisst der ge- 
henkte Reiter. Vor langen Jahren hat ein vom Feinde verfolgter Reiter hier 
seinen Tod gefunden, indem er mit seinem Kopfe in den Ästen eines Baumes 
hängen blieb, während sein Pferd unter ihm fort rannte. Es stürzte in die nahe 
Schlucht und verendete dort. 

In der Mittagstunde, besonders des Freitags, haben auf jener Stelle Beeren- 
sammlerinnen zuweilen einen grauen Reiter ohne Kopf wie einen Schatten bei 
sich in geringer Entfernung vorbei reiten sehen, ohne einen Hufschlag zu hören. 



Woher ein Hügel Verloreusberg heisst. Vor langer langer Zeit hat einmal 
ein Schäfer auf einem der Hügel zwischen Güttmannsdorf und Oberpeilau seine 
Herde gehütet. Als nun die Mittagsglocke im nahen Dorfe läutete, nahm er seine 
alte Ledertasche her, um sein Mittagessen hervorzulangen. Da es aber Fasttag 
war, hatte die Gutsfrau nur ein Stück Schwarzbrot eingepackt. Da geriet der 
Schäfer in grosse Wut; er warf das Brot heftig auf die Erde und schrie: „da will ich 
dich doch wenigstens so breit wie Kuchen schlagen" und schlug mit seinem Schäfer- 
stoeke auf dem Brote herum. Da bebte die Erde und unter Donner und Blitz 
versank der Schäfer mit allen Schafen und seinem Hunde in die Erde. Wer 
Freitags in der Mittagstunde über den Hügel geht, der nun mit Bäumen und 
Sträuchen! bewachsen ist, kann das Blöken der Schafe und Lämmer unter der 
Erde hören. Weil die Herde dort verloren ging, ist der Berg Verlorensberg ge- 
nannt worden. (Vgl. eine Variante in unserer Zeitschrift IV, 456.) 



Der Glaube an den .\lp ist in Schlesien noch sehr lebendig'). Eine Peilauer 
Frau erzählte : 

Vor einer Reihe von Jahren lebte in Peilau ein kräftiger Mann, der immer 
gesund gewesen war und der auf einmal nicht mehr schlafen konnte. Um Mitter- 
nacht erwachte er immer von einem heftigen Drucke auf Brust und Herzen und 
rang angstvoll nach Atem. Er erzählte das einem guten Freunde und bat, eine 
Nacht bei ihm zu wachen, um zu entdecken, was daran schuld sei. Der Freund 
that es und sass neben dem ruhig Schlafenden. Als es 12 Uhr schlug, hörte er 
die Hausthür sich leise öffnen und es leise auf der Treppe schlürfen, bis dann die 
Stubenthür sachte aufging. Und siehst du nicht, da schlüpfte eine weisse Maus 
herein, sprang zu Füssen des Bettos herauf und nun sah der Wächter, wie sich 
die Bettdecke über der Brust des Schlafenden einem Berge gleich erhob und der 
Schläfer um Atem rang. Merkwürdigerweise konnte der Wächter kein Glied rühren, 
bis es 1 Uhr schlug. Da lief die Maus fort, wie sie gekommen war. Aber der 

1) Am Urquell Ilf, 71. 72. lud. 



104 Krüger; Kleine Mitteilungen. 

gute Freund des Geplagten ging ihr rasch nach und sah, dass sie in ein Haus 
lief, wo ein Peiud seines Freundes wohnte. Da wusste er, dass dies der Alp war. 

Um dieselbe Zeit lebte auch ein junges Brautpaar in Feilau, welches nach 
einer Abendgesellschaft sich in einem grossen Garten ein Plätzchen auf einer fernen 
Bank suchte, um noch ein wenig zu plaudern. Wie es nun 12 Uhr schlug, lehnte 
sich das Miidchen müde gegen die Banklehnc zurück und schlief ein. Und wie 
der junge Mann erstaunt auf sie hinsieht, kommt aus ihrem Munde ein weisses 
Mauset und läuft eilends fort. Er selbst konnte sich nicht rühren, sondern sah 
nur immer seine Braut ganz entsetzt an. Da schlug es endlich 1 Uhr, und nun 
kam das Mäusel wieder, lief an dem Mädchen hinauf und schlüpfte in dessen 
Mund. Da kam dem jungen Mann ein Grausen an, so dass er eilends davon lief; 
und von Stund an mochte er von seiner Braut nichts mehr wissen. 

Wenn in Peterswalde jemanden der Alp drückt und er kann sich so weit 
ermannen, dass er zu sprechen vermag, so soll er sagen: „Alp, geh gleich fort, 
ich geb dir auch ein Brotel.'' Da wird er sehen, wie ein kleines graues Männel 
entweicht. 

Reichenbach i. Schi. Laura Weinhold. 



Zu Zeitsclirift VI, S. 360: Pferdeköpfe als Giebelsclirauck. 

Als Bezeichnung für die Pferdeköpfe am Dachgiebel wird an der oben be- 
zeichneten Stelle ausser Pareköppe auch Hans angeführt und dieses als „Hähne'' 
erklärt. Ich möchte mir erlauben, jenes Hans anders zu erklären, Hans oder 
Hanske (Hanke) = Hänschen ist nämlich in manchen Gegenden Norddeutschlands 
ein Kosename für das Pferd. Mir ist diese Bezeichnug, die besonders auch als 
Lockruf dient, aus Pommern bekannt. Dasselbe wird für das Füllen bestätigt 
durch A. Treichel in seiner Abhandlung: „Provinzielle Sprache zu und von Tieren 
und ihre Namen"'). Hier heisst es S. 169: In Carzin, Kr. Stolp, lockt man das 
Füllen mit Hans und nennt dasselbe Hanske. Demnach würde sich obiges Hans 
als Pferd, Pferdchen erklären. Ebenso würde Hankesper von Hanske (= Hänschen) 
abzuleiten sein. Ich trenne also nicht Hanke-Sper, sondern Hankes-Per und ver- 
stehe die beiden Bestandteile dieses Wortes als Pluralformen, so dass Per, ent- 
sprechend obigem Päre (-köppe) = Pferde sein würde. Eine ähnliche Bewandtnis 
scheint es mir mit der Bezeichnung Höschkensper für Pferdeköpfe als Giebel- 
schmuck zu haben. In Pommern kommt nämlich als Kosename für das Pferd auch 
die Bezeichnung Hüsse, Hüsseke oder Hüssekeperd vor; besonders Rindern gegen- 
über spricht man vom Hüssekeperd, ähnlich wie vom Hottopferd. Dieses Hüsseki - 
perd scheint mir aber dasselbe wie das von Andree angeführte Höschkensper 
(= Höschkens-Per) = Pferdchen, wobei Höschkens und Per wieder Pluralformin 
sind. Der Lautwechsel von ss und seh kommt öfter vor, so dass man ohne Be- 
denken Hüsseke = Höschko setzen kann. Tieichel führt a. a. 0. als Lockruf für 
das Pferd auch „Hieseh" an, welches der Form „Hösch" lautlich sehr nahe 
kommt. Es ist also nicht nötig, bei der Bezeichnung Hans und Höschkesper an 
„Hähne", bezw. „Speere" zu denken. 



1) Separatabdnu-k aus ,lcr .\ltln■cll,s^isclK■M Moiiutssclirirt, Hil. XXIX, Heft 1 und 
S. 151fr. 

Bromberi'-. K. Krüger 



Hartmann: Biiolieranzeigen. IQK 

Jüdische Volkskunde. 

Im Anschhiss an die Henry Jones-Logo (U. 0. ß. B.) in Hambur"- hat sich 
daselbst ein Komitee für jüdische Volkskiiiide gebildet, das einen Aufruf zu Samm- 
lungen an seine Glaubensbrüder erlassen hat. Die Aufmerksamkeit wird gelenkt 
1. auf Ort- und Personennamen und Mundaitliches (doch wohl im jüdisch-deutschen 
Jargon?), 2. auf Dichtung (Kinder-, Jahres-, Volkslieder, Märchen, Schwanke, 
Rätsel, Sprüche und Inschriften), o. Glaube und Sage, auch Kultgebrauche, 4. Sitte 
und Brauch, 5. Weissagung, Zauber, Volksmedizin, 6. Hausbau und Tracht. Ein- 
sendungen erbitten die Herren Dr. M. Grunwald, Gustav Tuch, M. Deutschländer, 



Bticheranzeken. 



Mark Lidzbarski, Die neu-aramäischen Handscliriften der Künigliclieii 
Bibliothek zu Berlin iu Auswahl herausgegeben, übersetzt und erläutert. 
2 Bände (XXIX + 499 und XII + 580). W^einiar, Felber, 1896. (Audi 
unter dem Titel: Semitistische Studien, herausgegeben von Carl Bezohl, 
Heft 4—9). 

Die von Sachau auf seiner syrischen Reise erworbenen neuaramäischen Hand- 
schriften enthalten jakobitische Texte im Töräni-Dialekt und nestorianische in den 
Dialekten von Tijfiri und Mosul (Pellichi). Ausser einigen biblischen Stücken und 
Gesprächen bilden den Inhalt Geschichten und Gedichte. Von der wichtigen 
Publikation, durch welche Lidzbarski in verständiger Auswahl diese Proben einer 
weitabliegenden Volkslilteratur bekannt macht, interessiert hier nur der die Über- 
setzung enthaltende zweite Band. Wir sind über die Gegenden, aus denen die 
Texte stammen, und ihre Bevölkerung nicht ohne Nachrichten. Layard und Bado-er 
haben vorzügliche und reichliche Beobachtungen dort gemacht, und in Cuinets „La 
Turquie d'Asie" sind ihnen eingehende Ausführungen gewidmet. Prym und Socin 
haben im Dialekt des Tür 'Abdin (Töräni) 87 Stücke gesammelt und in Text und 
Übersetzung publiziert. So bewegen wir uns hier nicht auf ganz fremdem Gebiete 
und Überraschungen sind nicht zu eileben. Auch sind die Erzählungen im wesent- 
lichen nicht verschieden von denen der anderen asiatisch-europäischen Kulturvölker, 
dieselben Motive sind allenthalben anzutreffen. Die Darstellung ist meist nüchtern 
lind korrekt und unterscheidet sich darin vorteilhaft von der springenden, phantastisch- 
willkürlichen Art der berberischen Stücke aus Tazerwalt, die Jahrgang 181t(; 
S. 26ö ff. besprochen wurden. Immerhin ist auch diese Sammlung volkskundlich 
nicht ohne Interesse. Was dem Bande den Hauptwert verleiht, sind die fleissigen 
und umsichtigen Anmerkungen des t'bersctzers, der jeder Geschichte Verweise 
auf die parallelen Behandlungen vorausgeschickt hat. Bei der sehr ausgedehnten 
Litteraturkenntnis, die Lidzbarski besitzt, ist ihm Wichtigeres kaum entgangen. 
In einigen Fällen ist bei den vergleichenden Untersuchungen ein neuer Gesichts- 
punkt auch für andere Litteraturen gewonnen worden. So hält L. für nicht aus- 
geschlossen, d.iss wir in der Erzählung „Sein Vater war sein Ünkel und seine 
Mutter seine Tante" (S. ^(i ff.) die Quelle der abendländischen Hearbeilungen des 



106 Uartmanii: 

Gregoi'ius-Stoü'es liabun: sie stehe ihnen näher als die bulgarische üesehichte von 
Paul von Cäsarea, deren Ähnlichkeit für ihre byzantinische Herkunft angeführt 
worden sei. Es dürfte freilich näher liegen, anzunehmen, dass der StofC im Orient 
zwei Bearbeitungen gefunden hat, von deren griechischen Wiedergaben die eine 
in „Paul von Caesarea" erhalten, die andere dagegen für uns verloren, aber das 
Vorbild der westeuropäischen Gregoriuslegenden geworden ist. Eine unmittelbare 
Entlehnung dieser aus dem Orient wird kaum angenommen werden dürfen. 

In der Cliikär-Prage, die letzthin mehrfach erörtert worden ist, bleibt L. bei 
der .Aufstellung, die er in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesell- 
schaft (48, 171 II.) gegeben: das verlorene Original war hebräisch oder aramäisch, 
weniger wahrscheinlich griechisch, daraus floss die syrische Bearbeitung, daraus 
die arabische, aus dieser endlich einerseits die griechische Bearbeitung im Asoproman, 
andererseits die verlorene griechische Übersetzung, aus welcher die slavischen 
Versionen geflossen sind. Dankenswert ist, dass L. in seine Übersetzung Stellen 
aus der arabischen Version bei Salhani, Contes Arabes aufgenommen hat. die in 
der neuaramäischen fehlen. Sie sind durch kursiven Druck unterschieden. 

Natürlich fehlt auch der Lidzbarskischen Sammlung die Reihe von Schnurren 
nicht, die sich nach ihrem uns vertrautesten Vertreter in den Grimmschen 
Märchen als „Bürle-Reihe" bezeichnen lässt und über welche in „Schwanke und 
Schnurren im islamischen Orient" (Jahrgang 1895 S. 40 ff.) ausführlich gehandelt 
wurde. Zu den Verweisen, die dort und S. 47, Anm. 1 gegeben sind, ist nach L. 
S. "249 (zu No. 15) nachzutragen: Orient und Occ. 2, 486 ff., Jahrbuch f. roni. 
u. engl. Lit. 5, 12 f., Liebrecht in Zeitschrift f. rom. Phil. 3, 123, Archiv f. 
Lit. Gesch. 10, 114 ff., Leskien u. Brugmann, Litauische Volkslieder 574 f 
Dem Dschul.ä, Dscheha der arabischen Bearbeitungen entspricht in der aramäischen 
Passung Dschochi. Es sei hier bemerkt, dass Nöldeke in einer an wichtigen Be- 
merkungen reichen Besprechung des Lidzbarskischen Buches, die sich vorwiegend 
auf sprachliche Dinge bezieht, aber auch einiges Sachliche beibringt, in der Zeit- 
schrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 50, 302 ff. über das V^erhältnis 
des arabischen Dschuhä und des türkischen Chodscha sich so äussert: „guhä, 
der, wie man jetzt als sicher annehmen kann, nur durch einen Schreibfehler in 
einen choga verwandelt ist" (S. 304). Es bleibt bei dem, was von mir a. a. 0. 
S. 47, Anm. 3 a. E. ausgesprochen ist: „Dass die Türken aus dem Dschuliä sollten 
einen Chodscha gemacht haben, daran ist sicher nicht zu denken." In dem Namen 
des türkischen Schwankhelden ist das Chodscha nur ein nebensächliches Element. 

Zu den von L. gegebenen Parallelen lässt sich folgendes nachtragen: Zu B 3 
S. 65 ff. (verwandt mit Grimm KHM. No. 98 Doktor Allwissend): Stumme, Tazer- 
walt No. 12; Jahn, Schwanke No. 12; s. auch Pantschatantra 1, 515 f. — Zu B 4 
S. 71 f : Grimm KHM. No. 78 „Der Grossvater und der Enkel" und Schott Wall. M. 
No. 12. — Zu B 9 S. 91 f. (Wettlauf der Tiere) s. meine Bemerkungen hier 
Jahrgang 1896 S. 267 und Andree im Globus, Bd. 62, S. 208. — S. 85 hat L. in 
dem juzläge unzweifelhaft richtigjüzlik erkannt; das ist hier „Stück von lOOPara", 
siehe darüber Ahmed WefTq, lughat-i-osmaniye S. 1262. Poole, Oriental coins 
of the British Museum 8, XXVII. — Zu der Geschichte vom Vogel und dem 
Jäger, deren erster Teil, Gespräcb des Vogels mit der Falle, in die aramäische 
Passung der Chikar-Geschichte aufgenommen ist (S. 37), vergleiche ausser dem hier 
Jahrgang 1896, S. 270 Beigebrachten nach Arnold Chrestom. 34 ff. nach nafliat 
aljaman, Basset, Les aventures de Teniim ed-Dari 12, DamTri (Bul. 1284) 2, 141. 
284 f. (nach Nöldeke a. a. 0. S. 306) und Brandstetter, Malaio -Polynesische 
Forschungen Heft 4 (Gesch. vom König Indjilai; nach brieflicher Mitteilung Gold- 



Büchpranzeijren. |Q7 

zihers). — Zu C 5 S. 147 f. „Das Teuerste'- vergleicht Nöldeke ;i u. 0. S. 301! 
noch Schefer, Chrestom. Persane 2, 177 (LCBI. 1885, Sp. 1615), Pischel im Hermes 
28, 465 ff. und Nöldeke im Hermes 29, 155 ff., zu C 18 S. 165 f. .Kindermund" 
Sa'dts Gulistän 1,21 (ed. Sprenger S. 48 f.). 

Unter den heutigen Bewohnern Vorderasiens sind die Syrer das Volk, das uns 
am wenigsten sympathisch ist Sie sind nüchtern, all ihr Thun hat etwas Mecha- 
nisches; ohne höhere Intelligenz, schwerfällig, dabei in den geringen Interessen, 
die sie haben, nicht einmal betriebsam, sind sie uns langweilig, wie es ihre Ahnen 
sind mit der entsetzlichen Litteratur von Bibelkommentaren, Hymnen und Heiligen- 
geschichten in einem charakterlosen Kauderwiilsch. Dabei teilen die von ihnen, 
die in den Hochalpen nordöstlich von Mosul sitzen, die räuberischen Instinkte der 
Kurden, ohne jedoch gewaltige Bergraubfürsten zu erzeugen; die der Ebenen sind 
unterwürfig, haben aber nicht die Geriebenheit der Griechen, Juden, Armenier, 
welche die Hand kUsst, die schlägt, so lange sie nicht beissen kann. So werden 
wir gegen alles Höhere, das sich in diesen Proben syrischen Volkstums findet, 
misstrauisch sein dürfen. Eine genauere Untersuchung ihres Verhältnisses zu dem, 
was wir von volkstümlichen Äusserungen des Volkes wissen, mit dem die Syrer 
in den engsten, freilich meist nichts weniger als freundschaftlichen Beziehungen 
stehen, der Kurden, ist wünschenswert. Das ist kein Zweifel, dass diese ihnen 
an Eigenschaften des Geistes und Charakters weit tiberlegen sind. Das Volk, das 
einen Salrdi addin (Saladin) und Malik Käniil hervorbrachte, hat ein ganz anderes 
inneres Leben als die armseligen jakobitischen und nestohanischen Bauern und 
Mönche. Möchte bald aus ihm der Mann erstehen, der zum Besten Aller, auch der 
Chiisten und Juden jener Gegenden, an die Stelle des heutigen Wirrwarrs, das diu 
Machthaber in Teheran und am goldenen Hörn eher begünstigen als unterdrücken, 
ein geordnetes Gemeinwesen setzt! M. Hartmann. 



Hautfeu, Adolf, Einführung- in die deutscli-böhmisclie Yolkskuude. 
Prag 1896, J. G. Calvesclie Hof- und Universitätsbuchhauilhmg. SS. 224. 
8°. (Beiträge zur deutscli-bölunisclien Volkskunde I, 1.) 

Was seit Jahren, im Stillen liebevoll von Heimatsfrounden gehegt, in Zeitungen. 
Jahrbüchern, Kalendern verstreut, über deutschbohmischo Volkskunde veröffentlicht 
wurde, hat endlich — dem entschiedenen Drängen nach einer Gesamtdarstellung 
Rechnung tragend — in dieseni Buche seine erste Kristallisation erfahren. Es ist 
der -Anfang einer fortlaufenden Reihe von Beiträgen und "\'eröffentlichungen über 
deutschböhmische Volkskunde. Über die Geschichte, Voraussetzungen und das 
„milieu" derselben möchte ich mich hier nicht verbreiten, es genügt zu sagen, dass 
Deutschböhmen in volkskundlicher Beziehung insofern ein besonderes Interesse in 
Anspruch nehmen darf, als nicht weniger als vier deutsche Stämme (Nordgauer, 
Obersachsen, Schlesier und Bayern) vertreten sind, alle mit ausgesprochener Eigenart 
der Sprache, Tracht, der Sitten und Bräuche, so dass es weder an charakterischen 
Zügen, noch an Manigfaltigkeit der Volksformen mangelt, die den Forscher geradezu 
zum Studium, zur Sammlung und eingehenden Bearbeitung und Vergleichung der- 
selben einladen. Die Einleitung (S. 14 — 96) verbreitet sich ausführlich darüber. 
Die Geschichte der Volkskunde, der gegenwärtige Betrieb, die Methode, Mundarten, 
Ortsanlagen, Namen, Hausbau, Trachten, Volkskunst, Sitten und Bräuche, Volks- 
schauspiele, Volksrecht, Sagen und Märchen, Volksmusik, Volksbücher werden in 
ansprechenden, auf der Höhe der Forschung sich bewegenden Ausführungen durch- 



108 Jolm: 

gesprochen, mit gut angebrachter Betonung der historischen und politischen Vor- 
aussetzungen des Deutschtums in Böhmen und den grossen Fortschritten der 
czechischen Volkskunde. Gewiss, die Volkskunde ist im streitbaren Böbmerlande 
ein um so mächtigerer nationaler Faktor, je eifriger und erl'olgi eicher die Czechen 
an ihi'oin Volkstume arbeiten. Auch stimme ich vollkommen mit dem Verf. (S. 95) 
ein, dass die Volkskunde als blosse Registrierthiitigkeit, die Aufstapelung in Büchern 
und Museen nichts bedeutet gegenüber dem lebendigen Volkstum, dessen urwüchsige 
Kraft das nüchterne und poesielose Volksleben der Gegenwart wieder beleben und 
erfrischen soll. Die Grundlage für diese Einleitung bildet der zweite Teil dieses 
Buches, eine mit sorgsamem Saramelfleisse zusammengestellte Bibliographie 
aller auf die vier genannten Volksarten bezüglichen Schriften (ca. 1200 Bücher und 
Aufsätze). Zunächst werden die allgemein für Böhmen wichtigen Schriften ver- 
zeichnet (Geschichte, Statistik, Ethnographie, Mundart. Wortschatz, Namen, Haus 
und Hof, Dorfanlage, Volkstracht, Erwerbsverhältnisse, Volksindustrie, Volksnahrung, 
Sitten, Bräuche, Feste, Volksrecht, Mythisches, Aberglauben, Zauberei, Sagen und 
Märchen, Volkslieder, Volksschauspiele, Körperbeschaffenheit). Dann wird auf 
die einzelnen Volksarten näher eingegangen (Baiern S. 125 — 136, Oberpfälzer 
(Nordgauer, Egerländer) S. 137 — 159, Obersachsen (Erzgebirge, Xordböhmen) 
S. 160—193, die Schlesier (Ostböhmen) S. 194—214) nicht ohne gelegentliche 
kritische Noten über veraltete oder diletantische Auffassungen früherer Forscher. 
Das Ganze ist eine gut orientierende Einführung in die deutschböhmische Volks- 
kunde, ein erstes Zusammenfassen bisher zersplitterter und verstreuter Bestrebungen, 
ein für die weitere wissenschaftliche Forschung vielfach anleitendes und richtung- 
gebendes Buch, eine unumgänglich notwendige, seit Jahren erstrebte Vorarbeit. 
Allerdings auch ,,graue Theorie, aber dafür soll in den nächsten Heften um so 
frischer des Lebens goldner Baum ergrünen" (S. 7). Diese frohe Aussicht des 
Verfassers erscheint insofern gerechtfertigt, als die nächsten zwei Hefte dieser 
volkskundlichen Publikationen „Volksschauspiele aus dem Böhmerwalde" heraus- 
gegeben von Prof. J. J. Ammann verheissen, denen sich dann weitere aus den 
reichen, aus allen Teilen Böhmens eingelaufenen Sammlungen des Verfassers an- 
schliessen werden. 

Eger. Alois John. 



Volkslieder vou der Mosel und Saar. Mit ihren Melodien aus dum Yolks- 
niunde gesammelt von Carl Köhler. Mit vergleichenden Anmerkungen 
und einer Abhandlung herausgegeben von John Meier. 1. Band. 
Texte und Anmerkungen. Halle a. S., Max Niemeyer, 1896. SS. Vll. 
474. 8". 

Die vorliegende Sammlung von Volksliedern ist eine sehr schätzbare Be- 
reicherung dieses Zweiges unserer Litteratur. Die Texte und Melodien sind von 
dem Lehrer Herrn C. Köhler im Kr. Bernkastei an der Mosel und in den Kreisen 
Saarbrücken, Saarlouis und Ottweiler an der Saar gesammelt worden. Die An- 
ordnung des Buches und die litterarischen Nachweisungen rühren von dem 
Hallischen Privatdocenten Dr. John Meier her, der mit dem Sammler auch die leitenden 
(irundsätze des Ganzen festg'estellt hatte. Nach dieser Richtung ist hervorzuheben, 
dass ausser der grössten Treue in Wiedergabe der gehörten Lieder keine Scheidung 
von Volkslied und volkstümlichem Lied gemacht worden ist, sondern alles, was 
das heutige „Volk" singt, sei es auch von bekannten Diclilern und Komponisten, 



liuiiiiT/iiizei.ei'ii. iQq 

Aufnahme gefunden hat. Herr Dr. J. Meier will im 2. Bande in einer Abhandlung 
das Wesen des Volksliedes untersuchen und darin auch die Hinfälligkeit jener 
Scheidung darthun. 

Die Lieder sind nicht in Kapitel geteilt, sondern in fortlaufender Reihe o-e- 
geben, indessen nach ihrem Inhalt zusammengefügt. Ein kleiner Anhang <riebt 
Gesiinge der streikenden Bei^Ieute des Saargebietes aus dem Jahre 1889. 

Grossen Fleiss hat Hr. Dr. J. M. auf die bibliographischen Nachweisungen 
der gleichen oder ähnlichen Lieder verwendet. Sie sind geographisch o-eonlnet. 
Wer sich je mit dem Aufsuchen von Volksliedparallelcn beschäftigt hat, weiss, 
wie mühsam und auch vei'driesslich das ist, da die wunderlichsten Entstellungen 
und die sinnlosesten Mischungen der Texte von den gedanken- und geschmacklosen, 
meist ungebildeten Sängern vollzogen werden. Nicht immer wird man durch die 
ungesuchte Komik, die dabei zu Tage kommt, entschädigt. Unbedingte Vollständig- 
keit ist dabei nicht zu erreichen, auch wenn man unter den Meusebachsehen 
Sammelbänden sitzt. K. \V 



Zibrt, C'eiiek, Ryclitäfsk.' Prävo, Palice, Kliika. Prag- 1896. SS. ;^2. ur. S". 

Schon im 1. Bande unserer Zeitschrift (S. 233. 442) war Gelegenheit, auf die 
Gebotzeichen, Krummhölzer, Klukcn und wie sie heissen, aufmerksam zu machen, 
jene heute noch landschaftlich üblichen Schulzen- oder Richterzeichen, durch 
welche die Dorfgemeinde zur Versammlung geladen wird. Li der Abhandlung, 
die wir hier anzeigen, hat Dr. C. Zibrt, Privatdocent an der cechischen Universität 
in Prag-, über diese Reste alten Verfassungs- und Rechtslcbens gehandelt, wie sie 
sich in Böhmen verfolgen lassen, mit jener Gelehrsamkeit, die man an dem Heraus- 
geber des Cesky Lid, dem Verfasser der Geschichte des böhmischen Tanzes und 
anderer Arbeiten kennt. Das Heft ist Abdruck aus den Verhandlungen der kgl. 
i'echischen Akademie der Wissenschaften. Es enthält auch Abbildungen jener 
Stäbe und Hölzer aus älterer Zeit. Wir bedauern bloss, dass auch diese Arbeit 
Dr. Zibrts (Sieberts) durch die gewählte Sprache um- einem sehr beschränkten 
Kreise zugänglich bleibt. K. W . 



Tliätigkeitsbericlit des akademischen Vereins für tiroliscli - vorarl- 
bergisclu' Heimatkunde. Lmslinick. Selbstverlag- des Vereins. 1S'.)7. 
SS. 26. S". 

Am 9. September 1892 bildete sich an der L'niversität zu Iniisbi-uck ein \'rri'in 
füi- die Erforschung des Volkes und Landes von Tirol und dem politisch damit 
vereinigten Vorarlberg. Nach Verlauf von acht Semestern hat dieser Verein übei- 
seine Thätigkeit einen Bericht erstattet und als Probe seiner Bestrebungen für die 
Heimatkunde einen Aufsatz von Hans Mark: Ethnographisches aus dem Hause des 
Lechthalers, dabei veröflentlicht, der eine Wanderung durch einen Lechthaler 
Bauernhof beschreibt und von dem Leben der Bewohner berichtet. Da der Verein 
au(-h die Poesie pflegt, bringt das Heftchen Proben der Kunst der jungen Dichter. 
Ehrlich gesprochen, wenn auch wohl nicht angenehm zu hören, scheint zur Zeit 
mehr guter Wille als Talent vorhanden. K. W. 



110 Roediser: 

Im australischen Busch uud au den Küsteu des Koralleumceresi 

Reiseerlebnisse und Beobaclitiuigen eines Naturforschers iii Australien, 
Neu-Guinea und den Molukken von Riebard Semon, Professor in 
Jena. Mit 85 Abbildungen und 4 Karten. Leipzig, Wilhelm Engel- 
mann, 1896. SS. XVT. 569. 8". 

Das Buch schildert die Reisen und Forschungen eines Zoologen, eines Schülers 
von Ernst Häckel, nach Australien, Neu-Guinea, Java, Ambon mit der Heimreise 
durch Indien. Es kommt der Zoologie, Ethnologie und Erdkunde zu gute, nur in 
geringem Grade der Volkskunde. Indessen bietet es Stoff zu Vergleichung und 
darum machen wir auf das viel allgemein Interessantes bietende, vortrefflich aus- 
sestattete Werk auch unsererseits aufmerksam. 



Aus den 

SitziiüRS-PiotokoUen des Vereins für Volkskunde. 



Freitag, den 23. Oktober 1896. Herr Sanitiifsrat Dr. M. Bartels unter- 
richtete die Versammelten von dem, „was sich auf dem Monde zuträgt". In Shake- 
speares Sommernachtstraum kommt der Mann im Monde mit Dornbusch und Hund 
vor. Danfe werden die Flecken im Monde von Beatrice als Kain mit einer 
üornenwelle erklärt, und in Deutschland erblickt man darin einen Mann mit 
einem Holzbündol. Der Holzhacker oder Holzfäller kommt auch bei den Chinesen 
und Südslaven vor. Bei crsteren, sowie in Slavonien und Kroatien glaubt man 
auch Schmiede im Mond zu sehen. Eigentümlich ist der Sylter Riese, der zur 
Zeit der Flut Wasser auf die Erde giesst. Ein Kind mit einem Eimer erblicken 
sowohl die Westfalen als auch Indianerstämme. Vielfach sind diese Wesen wegen 
Arbeit am Sonntag in den Mond versetzt, doch hat er auch Diebe festgehalten. 
Erkennt man Frauen in den Mondflecken, so sind es oftmals Spinnerinnen; bis- 
weilen sind sie auch durch den Mondmann geraubt. Mehrfach findet man zwei 
Personen im Monde: die Chinesen einen Unterthanen, der seinem Könige huldigt; 
die Ungarn zwei Zigeuner; Bewohner des Malaiischen Archipels zwei Frauen; die 
Samoaner eine Frau mit einem Kinde. Erwähnt sei noch aus Ungarn die Tänzerin 
mit dem Geiger, die zum Teil auf die heilige Cäcilie und David gedeutet werden. 
Mit einem einfachen Baume begnügt man sich bei den Malaien; die Chinesen er- 
kennen meist einen Cassiabaum, unter dem ein aufrecht stehender Hase Cassia 
stampft. Dieser Hase ist von den Japanern übernommen worden. Auch Tier- und 
Menschenköpfe erblickt man, letztere mehrfach befleckt oder zerkratzt. Bei den 
Südslaven sitzt der heilige Elias auf dem Mond, und indem er von ihm isst, ruft 
er die Mondphasen hervor. Er ward zur Strafe dorthin versetzt, was nicht selten 
begegnet. Bei Dante befinden sich auf dem Monde die Geister derer, die auf 
Erden Gelübde brachen. — Herr Geheimrat Weinhold sprach über Heribert 
von Salurn. Man berührt Salurn, wenn man mit der Bahn von Bozen nach Ti'ient 
fährt. Der Ort besitzt ein zerfallenes Schloss, aber Heribert war kein Ritter, 
sondern ein Kapuziner, mit weltliVhnm Namen Antnn Mayr gehcissen. 1()?>7 in 



Protokolle. U| 

Siiliuii geboren, den 12. Febr. 1700 in Mcran gestorben. Er wurde schon mit 
19 Jiihren zum Priester geweiht, war ein beredter Prediger in der Tiroler Ordeus- 
provinz, auch Lehrer der Theologie. Er hat 6 Bände Predigten auf Sonn- und 
Festtage hinterlassen, die 1693 — 9.S zu Salzburg im Druck erschienen sind'), soo-ar 
eine zweite Auflage (170211.) erfuhren. Die Kapuziner .«tammen aus dem Volk, 
sind die Vertrauten der Bauern und ihre Beichtiger. Wir finden daher viel Volks- 
tümliches bei Heribert, viel kirchlich legendarischen Aberglauben. Kampf gegen 
das Luthertum tritt nur in den letzten Bänden hervor. Heribert war ein Zeitgenosse 
von Abraham a Sancta Clara, aber viel massiger als dieser. Aus den Predigt- 
märlein sei die Geschichte vom nackten König und vom Teufel als Diener des 
Advokaten angeführt: zu letzterem vgl. diese Zeitschr. 6, 440 f. An den Teufel und 
Hexen, Unholde, Zauberer glaubt Heribert und predigt gegen sie und ihre Mittel, 
auch gegen Sympathien, Himmelsbriefe, Blasiuszettel (namentlich von Hirten ge- 
braucht). Von Volksbräuchen begegnen bei ihm die Maibäume, Sonnwendfeuer, 
die Bekränzung der Hausthür mit Flachs beim Einzug des jungen Paares (siugulär!), 
der Johanniswein, Verehrungen bei Hochzeiten. Seine Sprache ist gewandt und 
kraftvoll, enthält viel Dialektisches und Sprichwörter. 

Freitag, den 2". November 1896. Herr Zeichenlehrer Mielke spricht über 
den Stuhl in der Volksanschauuug. Das Sitzen auf dem Stuhl ist anfänglich ein 
Zeichen der Überlegenheit und dient nicht dem Ruhebedürfnis wie das Liegen, 
(las als Zeichen der Schwäche gedeutet wird. Freilich kann auch die wagerechte 
Unterlage zum Sitz, zur Bank werden, die in manchen Formeln als Symbol der 
Gemeinschaft auftritt. Zwischen Liegen und Sitzen steht das Hocken, heute noch 
um den ganzen Erdball verbreitet. Nur der Yornehmste darf sitzen, erhebt sich 
über seine Genossen, wie man Tempel auf Erhöhungen anlegt oder in die Höhe 
baut, weil die erhabenen, mächtigen Götter darin wohnen. Als Sitz diente eine Erd- 
erhöhung, ein Stein, später erst der abgesägte Baumstamm, noch später der beweg- 
liche Sitz. Da Sitzen Macht ausdrückt, werden vornehme Tote sitzend bestattet 
und man schreibt ihnen nicht selten eine fortdauernde Macht zu. Beim Heran- 
kommen eines Vornehmeren oder zu Respektierenden erhebt sich der Sitzende, 
darf sich in seiner Gegenwart nicht setzen. Noch in unserem Jahrhundert a.ssen 
in Mecklenburg selbst erwachsene Kinder, Dienstboten und Gesellen am Tische 
stehend, während der Herr und die Herrin des Hauses sassen. — Der Stuhl des 
Herrschers erhielt bei den Semiten Vorderasiens symbolischen Schmuck, der auf 
die Gewalt des darauf Sitzenden hindeutete. Die Bibel lässt Gott auf einem Stuhle 
thronen. Bei den klassischen Völkern wird der Stuhl zwar zum Hausgerät, behält 
aber daneben seine Ehrfurcht gebietende Bedeutung bei und gebührt auch den 
Beamten des Staates. In der germanischen \A^elt, in der die Verbände Glcicli- 
lierechtigter eine grosse Rolle spielen, tritt die Bank hervor, oft in Verbindung 
mit dem Herd, dem Ehrenplatz im Hause. .4ber auch ein besonderer Hochsitz 
kommt auf. In die christliche Welt wird die orientalische Anschauung vom 
prächtigen Stuhl des Königs, der Gottheit, der hohen Priester übernommen, selbst 
der Teufel erhält seinen Thron. Andererseits bildet sich der dreibeinige Stuhl als 
Rechtssymbol und die einsitzige, hochlehnige Bank aus Als Schmuck dienen jetzt 
architektonische Motive, Gold, Silber, Email u, s. w. — Der Redner verfolgte nun 
das Wort Stuhl durch die Sprache und wies ihm in einer Fülle von Ausdrücken 
den Begriff des Erhabenen, der IMacht, rechtlicher Herrschaft zu, wobei manciierlei 



1) DomiDicalc conciouum pastoralium. 3 Bde. — Fcstivalc coiicionuin pastoralinm, 
3 Bde. Salzburg. Melchior Haan, 1693- US. Ausserdem gab er obendiisclbst ein .«Scclen- 

Abla'j'^-Biiclicl KüH licrans. 



112 RoedigH-: Prdtnküllc. 

eiy;enliimlicln; üriiiichc /.iir Sprache liamen. Ka ist leider umnüylicli, diese Einzel- 
heiten in Kürze wiederzugehen. Herr Geheimrat Fr i edel ergänzte sie durch die 
Ausdrücke des preussischen Landrechts „den Witwenstuhl verrücken" und „Haupt- 
stuhl" = Kapital. Der Vorsitzende erwähnte die Faltstühle als Zeichen geist- 
licher Macht auf Siegeln der Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen und dass sich in dem 
Nonnbergkloster zu Salzburg der älteste in Deutschland erhaltene Faltstuhl befinde. 
— Herr Oboilehrer Dr. Bolte behandelte die Wochentage in der Poesie. Sie 
führen zwar heidnische Namen, haben aber sonst nichts Heidnisches mehr an sich. 
Xnn Personifikation finden sich nur Ansätze. Die von der Kirche für jeden 
Wochentag vorgeschriebenen Übungen werden, wie in Predigten, so auch in Ge- 
dichten eingeschärft und namentlich mit der Marterwocho Christi in Verbindung 
gebracht; hauptsächlich aber wird die weltliche Woche behandelt. p]s wird uns 
die Woche des Ritters, des Handwerkers, des Trinkers vorgeführt. In Nieder- 
deutschland ist besonders der Schuster der gemächliche Arbeiter; in italienischen 
und spanischen Liedern tritt die faule Spinnerin auf, auch in Griechenland keimt 
man Ähnliches. Neben den betrübenden Wochenschauen der Armen uiul der 
steiormärkischen Knechte steht die lustige Woche des Vergnüglings und Schlemmers. 
Zu Goethes Lustigen von Weimar gesellen sich die Ulnier und Wiener Vergnügungen. 
Die Liebe wird auf die Wochentage verteilt in Italien, Spanien, Griechenland, in 
Deutschland nur im Liede von Laurentia. In Österreich kennt man die Liebes- 
woche eines unwirschen Liebhabers, Hagedorn und Hensler im Donauweibchen 
l)esangen die des wetterwendischen. Auch eine Woche für ein böses Eheweib 
giebt es. Ein Gast fügte aus Böhmen einen scherzhaften Spruch von Speisen für 
jeden Wochentag hinzu. 

Freitag, den IL Dezeiubei- 189G. Herr Dr. R. Loewe handelt über die 
Goten in der Krim und im Kaukasus im Anschluss an sein im 6. Bande dieser 
Zeitschrift S. 449 ff. besprochenes Buch Es darf hier auf jene Recension verwiesen 
werden. — Fräulein E. Lemke unterrichtete über Volkstümliches aus Danzig und 
Umgegend. Nach Hinweis auf einige historische Nachrichten über die Gründung 
der Stadt und die Erklärung des Namens aus „Hier tanz' ich", welche von vielen 
älteren Chronisten und Gelehrten hartnäckig festgehalten wurde, gab sie Proben 
von Sitten, Trachten und Mundart sowohl vergangener wie jetziger Zeit. Sie weilte 
unter anderem bei dem neu herausgegebenen Danziger Frauentrachten-Buch des 
Anton Moeller von IGOl, das charakteristische Verse zu den Bildern bringt. Sodann 
kamen zur Erwähnung die Ausrufer, die von Polen kommenden Flisser, Bpis])i('lu 
des Danziger Dialekts sowie des auf der Nehrung herrschenden, ferner volks- 
tümliche Gebräuche auf der Nehrung, Sagen von Heia, von Danzig u. s. w. Be- 
sonders reich an Sagen ist die Obei-Pfarikirche zu St. Marien in Danzig, woselbst 
auch ein Stein vorgezeigt wird, der nunmehr an einer Kette hihigt und einst ein 
Brot gewesen sein soll, das ein Mönch bei grosser Hungersnot einem armen Weibe 
vorenthalten hat. Auf einer Holztafel daneben liest man: „Nach Gottes Gebort 
XIIIC und Xin Jahr An dem Abende Barbara, das ist war, Do wart dyss Wysso 
brot cleyne Von Gottes Gewalt gewandelt zu einem Steine. Bittet Gott vor den 
armen Sunder Dem da geschehen ist dys grosse Wunder". Zum Schluss wies die 
Vortragende auf den sagenhaften Weichsel- Vogel, der täglich den Raum zwischen 
Danzig und den Karpathen durchfliegt. 

Max Roediger. 



Zeitschrilt des Vereins (ür Volkskunde 1897- 



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Fig. 20 



flg. 21 



Glockensagen und Glockenaberglaube. 

Von Paul Sartoii, 



I. Die Glocke als Symbol meteoriscliev Erscheimiugen. 

Es ist bekannt, dass Wind und Sturm in der volkstümlichen Auf- 
fassung alter und neuerer Zeiten vielfach als Musik dargestellt werden. 
Vgl. Röscher, Hermes der Wiudgott, 50 ff. Schwartz, Poet. Naturansch. II, 
59 ff. 70. Man glaubt in ihrem Säuseln, Kauschen und Brausen die Töne 
einer Leier oder Harfe, einer Pfeife oder Trompete oder eines anderen 
Musikinstruments, auch wohl der menschlichen Stimme zu hören. Es 
scheint noch nicht genügend beachtet zu sein, dass auch der Glocken ton 
sehr häufig in den mannigfachen Geräuschen der Luft, vom sanften Singen 
bis zum brausenden Orkan erkannt wird. ^) Die folgenden Zusammen- 
stellungen wollen diese Anschauung in den verschiedenen Sagen und Sagen- 
gruppen etwas eingehender nachweisen. Es wird sich dabei jedoch zeigen, 
dass auch der Schall des Donners vielfach mit dem einer Glocke verglichen 
wird^), ja, dass die Glocke auch mit der Trägerin des Windes und des 
Gewitters, der AVolke selbst, identifiziert werden kann. Es versteht sich 
von selbst, dass, wie so häufig in derartigen Dingen, ein scharfer Unter- 
schied nicht immer zu machen ist. 

L Glocke im Wasser. 
Sehr zahlreich sind die Sagen, in denen uns von Glocken im Wasser 
berichtet wird. In mehreren Flüssen und Sümpfen des bergischen Landes 
giebt es Glockenlöcher, d. h. tiefe Stellen im Strome, aus welchen vor 
Zeiten die Glocken hervorgezogen sein sollen: Montanus, Vorzeit d. Länder 
Cleve-Mark etc. I, 173. Vgl. aucli Wolf. P.eitr. II, •2!)4. Bartscli, Mcckl. 

1) Wenn dem Erhängten die Glocken nicht yelien, lautet der Wind, hcisst es bei 
Schulenburg, Wend. Volkssagcn, 23C). 

2) Ein bekanntes dunkelrot blühendes Gewächs heisst die Donnerglocke. Wird es in 
ein Haus gebracht, so schlägt der Blitz in dasselbe. Grohmann, Abergl. in Böhmen etc., 
99. Die Haagglocke (convolvulus) macht Kegen, sowie sie abgebrochen wird. Zeitsclir. f. 
(Itsche Mythol. 1, 445. 

Zeitschr. d. Verein» f. Vulkskiimlc. Ibil7 ^ 



114 Sartori: 

Sag. I, 371. Mitunter mögen glockenförmige Strudel in sclinellfliessentlen 
Gewässern diese Anschauung gestützt haben. 

Häufig aber erfahren wir, dass diese im Wasser befindlichen Glocken 
gelegentlich ihr Läuten ertönen lassen. In der Umgegend von Treguier 
(Bretagne) führt man die seltsamen Töne, die man bei starken Stürmen 
hört, auf wunderbare Glocken im Grunde des Meeres zurück: Sebillot, 
Legendes etc. de la mer, ü, 273 f. Vgl. 271 f. (Cornwallis), I, 35 (Schott- 
land). Wenn man am Ufer der Bai im Westen von St. Leonards (Sussex) 
das Meer ein dumpfes Geräusch machen hört, so behauj)teu die Fischer, 
die Glocken von Bulverhythe zu hören und halten dies für das sichere 
Zeichen eines von Westen kommenden schlechten Wetters. Im Winter 
ist es das Zeichen von Tauwetter: Ebda. I, 162. Die Schiffer von St. 
Ouen (Jersey) gehen vor der Abfahrt ans Ufer, um zu hören, ob der Wind 
ihnen nicht den Ton ihrer im Meer versunkenen Glocken herüberträgt, 
und wenn sie sie hören, so unterbleibt die Abfahrt: Ebda. I, 205 f.') Die 
Glocke zu Melden hat der Teufel während eines schrecklichen Unwetters 
entführt und in die Scheide geworfen. Wenn es recht donnert und wettert, 
dann hört man noch heutzutage die Glocken aus der Scheide her läuten: 
Wolf, Niederländ. Sag. 666. Vgl. Laistner, Nebelsag., 173.') 

Während wir in allen diesen Fällen, in denen die Glocken während 
eines Sturmes und Unwetters läuten, ohne weiteres die Identität von 
Glockenton und Sturmwind (wozu sich in der letzten Sage auch noch das 
Toben des Donnerwetters gesellt) erkennen, wird uns in manchen anderen 
Fällen berichtet, dass es des Eintretens gewisser besonderer Umstände 
bedarf, um die im Wasser befindlichen Glocken zum Läuten zu bringen. 

Manche versunkene Glocken nämlich lassen sich nur dann hören, 
wenn bestimmte benachbarte Glocken auf der Oberwelt geläutet 
werden.^) Den Klang der versunkeneu Glocken von Lebamünde können 
Sonntagskinder noch jetzt vernehmen, wenn sie die Betstunde läuten: 
Kuoop, Sagen a. d. östl. Hinterpommern, 40. Die im Sumpf versenkte 
Glocke der Lorenzkapelle bei Eschringen lässt jährlich in den Tagen des 
Maies, wenn zu Abend die Betglocken läuten, ihr Läuten hören: Seyberth, 

1) Wenn die den Brunsbüttlern von den Kehdiugern gestohlenen und im Baljer 
Kirchturm aufgehängten Glocken geläutet wurden und der Ton über das breite Wasser 
herüberkam, so war das immer ein Zeichen von Sturm und Unwetter, und die Brunsbüttler 
warnten dann einander mit den Worten: ..Waer dy, dat Haff kummt: de Baljer Klocken 
rocptl" Müllcnhoff, Schl.-H. Sag., 117. Hier mag auch der den wirklichen Ton herüber- 
tragende Wind Wetterwechsel prophezeit haben. 

2) Vielleicht gehört in diesen Gedankenkreis der Seeleute auch die einst mit dem 
Ostwinde auf einem Kruzifix angetriebene Glocke, aus der die Helgoländer sich bei 
schlechtem Winde zuzutrinken pflegten, worauf sich am dritten Tage spätestens Ostwind 
einzustellen pflegte: Müllenhoff, Schl.-H. Sag., 128. 

3) So lange der Gesang in der Kirche zu Berusdorf währt, so lange klingen die Töne 
einer versunkenen Orgel aus der Tiefe des Sees: Kuoop, Sag. a. d. östl. Hinterpommern, 21. 



Glockcnsagen und Glockenaberglaube. 115 

Pi-ogr. d. Gymnas. z. Wiesbaden, 1872, 11. Die von den Schweden geraubte 
Glocke der Pfarrkirche zu St. Agatha in Aschaffenburg ist in flen Main 
gesprungen. So oft nun ilire im Turm zurückgebliebene Genossin Marianne 
läutet, antwortet die Glocke im Main: Herrlein, Sag. d. Spessart, 18. Die 
Glocke im Mülilenteiche zu Laer stimmt manchmal, wenn die anderen 
Glocken des Dorfes läuten, aus dem Grunde des Teiches mit ein: Grässe, 
Sagenbuch d. preuss. Staates, II, 853 f. Vgl. I, 686 f. Curtze, Volksüberl. 
a. Waldeck, 233 f. Prölile, Dtsche Sag. 98. Strackerjan, Abergl. etc. aus 
OMenburg, I, 246; II, 212. Kuhn, Westfäl. Sag. I, 23. Müllenhoff, Schl.-H. 
Sag. 118. In einem Waldteich bei Lüdinghausen (Westfalen) ist eine 
Kapelle versunken. Der glatte Spiegel seiner Flut wird weder durch 
Sturm noch durch Regen in Bewegung gesetzt; wenn man aber in der 
Kirche zu Lüdinghausen die Glocken mächtig läutet, dann kreist und spielt 
der Teich in kleinen Wellen, und es tönt in dem himmelblauen Grunde, 
als läute darin das versunkene Kapellenglöckchen: Grässe, a. a. 0. I, 680. 

Ob diese sympathetische Einwirkung auf einer physikalischen That- 
sache beruht, wird schwer zu entscheiden sein. Was die zuletzt erwähnte 
Lüdinghäuser Sage betrifft, so erinnert Laistner, Nebelsagen 306 daran, 
dass Wasserflächen die vortrefflichsten Schallspiegel sind.') Ich möchte 
glauben, dass der Sinn der in Rede stehenden Auffassung dem in der 
folgenden Sagengruppe zur Erscheinung kommenden ähnlich ist. 

Mitunter muss man nämlich etwas ins Wasser werfen, um die 
darin versunkene Glocke zum Tönen zu bringen. Die vom Teufel in den 
„grundlosen Kolk" der Ems geschleuderte Warendorfer Glocke fängt an 
zu läuten, wenn an den vier hohen Festtagen abends in der Stadt mit 
allen Glocken geläutet wird und man dann einen Pfennig in den Kolk 
wirft: Kuhn, Westfäl. Sagen L 23, Anm. Grässe, a. a. 0. I, 686 f. Wirft 
man Steine in den Glockenbrnnnen^) bei Kronstetten in der Oberpfalz, 



1) Zu erinnern ist vielleicht an die Sage, dass der Wettersee in Ostgotlantl aucli l)ci 
dem stillsten Wetter plötzlich stürme, wenn auch der Bodensee vom Sturm bewegt sei; 
umgekehrt empfinde der ruhige Bodensee jeden Sturm des Wettersees: Laistner, Nebel- 
sagen, 258. Vielleicht sind auch Sagen ins Auge zu fassen, wie die von Afzelius, Schwed. 
Volkssag. III, 192 berührten, wonach Steine, die Riesen bei dem ihnen verhassten Glockcn- 
gelaute nach einer Kirche geschleudert haben, sich umwenden, so oft das Ulockcngeläute 
sich vernehmen lässt. Auch einige grosse Steinblöcke in der Nähe der Remscheider 
Anlagen sollen sich jedesmal bewegen, wenn die Glocken geläutet werden: Zeitschr. d. 
Vereins f. Volkskunde,' IV, 214; vgl. 80. 

2) Es mögen gleich hier einige Beispiele von Ortsnamen Platz finden, zu denen die 
Glocke Veranlassung gegeben hat und an die sich meistens Sagen anknüpfen: ein Weisse- 
jungfrauen- oder Glockenbrunnen wird erwähnt: Schönwcrth, Aus der Oberpf'alz I(, 229; 
Klinkerbrunnen: Pröhle, llarzsag., 175; Glockenborn: Curtze, Volksüberl. a. Waldeck, 197, 
Ljnker, Hess. Sagen, 74; Kllngelhorn: Ebda. 75: Glockenloch, eine Wasscrgrulie: Baader, 
Neuges. Volkssag. a. d. Laude Baden, 77. (Einen Klingelpütz giebt es in Köln): ISunger- 
pohl: Weddigen u. Hartmann, Sagenschatz Westfalens, 27. (Oassclbe bedeutet wohl die 
Punskuhl bei Schwartz, Sagen etc. der Mark Brandenburg, 124, in der sich die Klingel- 
marie zeigt.) Glockenteich: Kuhn, Mark. Sagen, 141. Glockeubikke, ein Wässerchen: 



116 Sartori: 

so tönt's herauf wie Glockeiiton: Panzer, Beitr. I, 127. Oder man muss 
mit einer Stange in den Sumpf stossen, dann hört man die versunkene 
Glocke noch brausen: Schönwerth, A. d. Oberpfalz, II, 122. Dagegen: 
wenn jemand vom Ufer des Teiches von Lou-du-lac (Ille et Vilaine) ein 
Stück geweihtes Brot auf ein Krautbüschel, das sich in der Mitte befindet, 
werfen könnte, so würden alle Glocken des Kantons anfangen zu läuten: 
Revue des tradit pop. VII, 444. Die Kinder von Ai'gentat pflegen noch 
heute in die Dordogne Steine zu werfen, um die dort versunkenen Glocken 
tönen zu lassen: Ebda. VI, 582. Die im See versenkten Glocken von 
Granzendorf kann man läuten hören, wenn man am Johannismittag ein 
weisses Taschentuch in dem See auswäscht: Bartsch, Meckl. Volkssagen, 
I, 292 f.*) Vgl. Jahn, Volkssagen a. Pommern, 188. Im Klinkerbrunnen 
bei Osterode klingelt es, wenn man nur hineinspuckt: Pröhle, Harz- 
sagen, 175. Ein Junge sprang in ein Loch auf der Harburg, da klingelte 
es: Pröhle, Unterliarz. Sag., 55. 

Bäche und Seen, welche der Sage nach, sobald etwas hineingeworfen 
wird, Sturm und Gewitter aufsteigen lassen, sind über ganz Europa ver- 
breitet: Liebrecht, Gervas. v. Tilbury, 146 f. Zur Volkskunde, 335 f. 
Rochholz, Naturmyth. 193. Mannhardt, W. F. K. II, 341. Laistner, Nebel- 
sagen 215 f. 228. 348. Alpenburg, Mythen u. Sagen Tirols, 234 f. Meier, 
Schwab. Sag. 73. Panzer, Beitr., H, 139.") Ztschr. d. Ver. f. Volkskde, 
IN', 452. Sebillot, Legendes etc. de la mer, II, 290. 303 f. Mag man nun 
diese Sagen mit Schwartz, Urspr. d. Mythol., 260 f. auf eine „rohe Nach- 
ahmung der Art und Weise, wie man glaubte, dass dort oben Regen im 
Gewitter beim Rollen der Donnersteine und Peitschen mit den Blitzruten 
gemacht würde", beziehen oder nicht, jedenfalls zeigt die Analogie, dass 
das auf solche Weise hervorgerufene Glockenklingen elementaren Er- 
sclreinungen, sei es dem Wind oder dem Dounerliall, seine Entstehung 
verdankt. 



Curtze, a. a. 0., 233 f. Das klingende Fliess bei Freienwalde: Grässe, Sagenbuch d. preuss. 
Staates, I, 222. Glockenbruch, ein Moor: Tettau u. Temnie, Volkssag. Ostpreuss. 227 f. 
(Ebda. 186 ein Kesselteich.) Glockenwiese: Kuhn, Mark. Sag., 10. Curtze, a. a. 0., 234. 
Glockenbornswiese: Seifart, Sagen a. Hildeshoira 11, 79 f. Klukkusandr: Maurer, Island. 
Volkssag. 213. Glockeuthäle: Meier, Schwab. Sag., 345. Glockenhöhle: Birlinger, Volkst 
a. Schwaben I, 238 f. Glockeuberg: Eisel, Sagbch. d. Voigtlandes, 385. Jahn, Volkssag. 
a. Pommern, 234 f. Knoop, Volkssagen a. d. östl. Hiuterpommern, 139. Kuhn, Westfäl. 
Sag. I, IG. Klemm, Kulturgesch. IV, 218 f. (Dschebel Nakus.) Über den Berg Gloggen- 
sachsen s. Grimm, D. M.^ I, 367. 

1) Im Jahre 1662 bekannte eine Hexe, dass sie Sturm herbeiriefe, wenn sie ein Tucli 
nass machte, es auf einen Stein schlug und den Teufel anrief. Sebillot, Legendes etc. de 
la mer, II, 290. Ein ähnlicher Sturmzauber mit einem Taschentuch: Ebda. 285. Nach 
dem allgemeinen Glauben der englischen und französischen Matrosen wird man von einem 
Sturm überfallen, sobald man eine Katze ins Meer wirft: Sebillot, a. a. 0. II, 304. Die 
Katze ist ein häutiges Sturmtier: Ebda. II, 169. 219 ff. 223. 238. 244 f. 259. 270 f. 281. 2cS8. 

2) Ist hier unter dem goldenen Ringe, der einen durch Steinwürfe in den See erregten 
Sturm beschwichtigt, die Sonne zu verstehen? 



Glockensagen und Glockenaberglaube.j H7 

Wir wenden nns nun zu anderen Berichten von läutenden Glocken im 
Wasser. Vielfach wird uns nur die einfache, als feststehend angenommene 
und angeblich öfters beobachtete Thatsache berichtet. Vgl. z. B. Müllen- 
hoff, Schl.-H. Sagen 118. Panzer, Beitr. 11, 184. Kuhn, Westf. Sagen I, 
166. 275. Bartsch, Meckl. Sag., I, 369. Wolf, Dtsche Märchen u. Sagen 
No. 49. Jahu, Volkssag. a. Pommern. 1.52. 188. 257. Grässe, Sagenbuch 
d. preuss. Staates. I, 222. Strackerjan. Aberglauben a. Oldenburg. I. 24G. 
Tettau u. Temme. Volkssagen Ostpreussens, 186. 22s. 237. 240. Sebillot, 
Legendes de la mer. I. 2Ö5 f. 

Meistens aber wird eine bestimmte Zeit angegeben, in der dieses 
zauberische Geläute hörbar wird. 

Die Glocken der untergegangenen Stadt im Tenfelssee bei Tessin hört 
man noch jeden Mittag: Bartsch, a. a. 0., I, 292. Vgl. Kuhn. Mark. Sag.. 
Sl. Curtze. Volksüberl. a. Waldeck. 234 f. Die des Dorfes Thure klingen 
hin und wieder namentlich Mittags im Sommer, wenn's so recht still ist, 
mit dimipfem Ton im Glockeuteiche an: Kuhn. a. a. 0., 141. Wem fährt 
nicht bei diesem Bericht das zitternde Summen und Weben eines heissen 
Sommermittags durch den Sinn? 

In stillen Sommernächten hört man die Glocken von Klein-Rude aus 
dem Sumpf: Russwurm, Sag. a Hapsal etc.. 66. Um Mittemacht läuten 
die Glocken: MüUenhofP. a. a. 0., 119. In den Vollmondsnächten: Revue 
des trad. popul., V, 484 (See von Annecy). Bei stillem Wetter gegen 
Abend: MüUenhofF, a. a. 0., 166. Jeden ersten Mai nachts um 12 Uhr: 
Curtze, a. a. 0., 234. Jährlich im Mai und in der Adventszeit: Seyberth, 
Progr. V. Wiesbaden, 1872, 11 (Eschriugen). 

Alle Jahre einmal: Sehambach-MüUer, Niedersächs. Sagen, 56. Alle 
Jahre dreimal: Kuhn u. Schwartz. Xordd. Sagen, 477. Am Jahrestage des 
Versinkens: Curtze. a. a. 0., 234.*) Revue des trad. pop. VI. 582 (Argentat 
a. d. Dordogne); VII, 754 (See von Lamaie in den Vogesen). 

An allen grossen Festen: Knoop, Volkssag. a. d. östl. Hinterpommern, 
107 f. Revue des tr. pop. \1, 747 (See von Paladru in der Dauphine): 
VII. 211 (Conquereuil): VII, 273 (in der Cure); VIII, 221 (Mhere). Grässe, 
Sagenbuch des preuss. Staates, I, 686 f. (Warendorf). Zu Weihnachten, 
Ostern und Pfingsten: Tettau u. Temme, Volkssagen Ostjireussens, 229. 

Weihnachten: Kuhn. Westfäl. Sagen, I, 28. 28. Bartsch, Meckl. Volks- 
sagen. I. 378. Zeitschr. f. d. dtsche Mythol., I, 195 (Wenigmalborn a. d. 
Mosel). Alpenburg, Dtsche Alpensag.. 141. Wolf Xiederländ. Sag. 563. 
Sebillot. Cont. popul. de la Haure-Bretaguc 217. Revue des trad. pop.. 
VII, 559 f. Am Weihnachtsmorgen: Grässe, a. a. O.. II, S58. In der Weih- 



1) Deut«t es auf meteorischen Ursprung, wenn liier von der Glocke zu Ncrdar erzählt 
wh'd. sie sei so gross gewesen, dass vier Schuster darin sitzen und schustern konnten, 
ohne dass einer den anderen anstiess? Dann wäre sie mehr Wolken- oder Nebelsvmbol. 
Vgl. Ztschr. d. Vcr. f. Volkskde. IV, 295 f. 



118 Sartori: 

nacht und in den Quatembernächten : Wolf, Dtsche Märch. u. Sag. No. 321 
(Abtei Knechtstein). Zu Marien und Weihnachten: Knoop, a. a. 0., 136. 
In der Adventszeit: Revue des trad. pop. VIII, 220 f. 

Am Neujahrsmorgen um 6 Uhr: Mülleuhoff, Schl.-H. Sag., 118. 

In stillen Mondnächten zwischen Maria Verkündigung und Ostern: 
Russwurm, Sagen a. llajisal, 41. Auf grünen Donnerstag: Curtze, a. a. ()., 
233 f. 

Am Ostermorgen: Müllenhoff, a. a. O., 118. Knoop, a. a. 0, 19 f. 
Strackerjan, Abergl. etc. aus Oldenburg, ü, 212. Grohmann, Sagen aus 
Böhmen, 91. 

Zu Himmelfahrt: Curtze, a. a. O., 234. 

Am Pfingsttage: Jahn, Volkssagen aus Pommern, ISO. Am zweiten 
Pfingsttage: Schwartz, Sagen etc. der Mark Brandenburg, 33. 

In der Johannisnacht: Knoop, a. a. 0., 140. Jahn, a. a. 0., 147. Am 
Johannistag: Ebda. 201. Am Johannistag mittags 12 Uhr: Bartsch, Meckl. 
Sagen, 292 f. 373. Jahn, a. a. O., 194. "ill. 219. 229. Am Ur-Quell. III, 
318 (Wumsee i. d. Priegnitz). Tettau u. Temme, Volkssag. Ostpreuss., 241. 

Es drängt sich nun hier schon einö Wahrnehmung auf, die im weiteren 
Verlaufe noch öfters sich bemerkbar machen wird, nämlich die, dass, was 
von den Glocken berichtet wird, sich in den mancherlei Sagen von den 
weissen Frauen wiederholt. Von diesen erfahren wir nämlich nicht nur 
häufig, dass sie sich zu bestimmten, meist heiligen Zeiten sehen lassen'), 
sondern auch, dass sie ihren zauberischen Gesang vom Wasser aus ertönen 
lassen. ^) 

Einige Beispiele mögen gleich hier angeführt werden, in denen sich 
eine engere Verbindung der Glocke mit der weissen Frau zeigt. 



1) Es seien hier zunächst einige Beispiele von Wassei-fraucn angeführt: Sie erscheinen 
nachts: Kuhn, Westf. Sag., I, 155 u. Anni. In hellen Mondnächten: Lynker, Hess, Sagen, 
79. Bei Vollmond: Bartsch, a. a. 0., I, 270. In der Johannisnacht, a. a. 0., 147. Am 
Johannistag 12 Uhr: Ebda. 220. Bartsch, a. a. 0., 1, 283. Ebda. I, 243 steigt am Johannis- 
tage aus dem (51ambecksee ein goldschaufelnder Mann. — Dann gleich noch einige Bei- 
spiele von Jungfrauen, die zu bestimmten Zeiten aus der Erde, dem Berge u. s. w. steigen: 
Zu heiligen Zeiten: Panzer, Beitr., II, 138. Alle 7 Jahre zu Advent: Meier, Schwab. Sag., 
26. Weihnachten: Ebda 43. 75. Ostern: Pröhle, Harzsag., 196. 198. Alle 7 Jahre zu 
Ostern; Ebda. 41 f. Johannistag: Jahn, Volkssag. a. Pommern, 178. 185. Alle 100 Jahre 
am .lohannistag: Ebda. 218. Alle Quartal am Sonntag: Meier, a a. 0., 84. 

2) Vgl. Meier, Schwab. Sag., 72. Wolf, Hess. Sag., 54. Tettau u. Temme, Volkssag. 
Ostpreuss., 172. Bartsch, Meckl. Sag, I, 399. Müllenhoff, Schl.-H. Sag., 341. In hellen 
Mondnächten: L.vnker, Hess. Sag., 57. In Vollmondnächten: Bartsch, a. a. 0., I, 394. In 
der Johannisnaeht: Knoop, Sag. a. d. östl. Hinterpommern, 143. Wer in der heil. Nacht 
um 12 Uhr den Kopf ins Wasser des Gremasai stockt, hört der Klosterfrauen Sang: Bir- 
linger, A. Schwaben, I, 190. Das erinnert an die oben erwähnten Sagen vom Hineinwerfen 
ins Wasser. In der Nieder-Bretagne zeigt der Gesang der Meerfrauen Sturm an. Es ist 
das feine Miu-moln, das dem Ausbruch des Sturmes vorausgeht: Sebillot, Legendes etc. de 
la mer, II, 268. Vgl. 269 f. Auf zwei Seen in Madagaskar glaubt man die klagenden 
Stimmen zweier in Sirenen verwandelten Witwen zu hören, aus deren Thränen jene Seen 
entstanden sind: Revue des trad. pop. VII, 750. 



Glockensageii und (ilockonaborglaube. H9 

Aus dem Frau-Hollenteich auf dem Meissner zeigt sieh oft Frau Holle 
als eine schöne, weisse Frau. Oft ist sie unsichtbar, und man hört bloss 
aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen: Grimm, D. S., 
I, No. 4. Aus einem See, in den ein Schloss versunken ist, hat man öfters 
Glockentöne vernommen. Um Mitternacht tanzen Jungfrauen in langen, 
weissen Gewändern um das Ufer des Sees und singen traurig: Müllenhoff, 
Schl.-Holst. Sagen. 341. Ähnlich Jungfrau und Glockengeläute: Grohmann, 
Sag. a. Böhmen. 91. Am Johannistag: Kuhn, Westf. Sag., I, 364. In der 
Johannisnacht: Jahn, Volkssag. a. Pommern, 147. Pröhle, Dtsche Sagen, 
98. Am Weissejungfrauen- oder Glockenbrunnen bei AVarmensteinach 
sieht man zwei weisse Jungfrauen Wasser schöpfen. Ein Holzhacker 
wollte dasselbe thun und erblickte eine silberne Glocke in der Cisterne. 
Er rief seine Gesellen und die Glocke verschwand; hätte er sie nur mit 
der Hand berührt, so wären die Jungfrauen erlöst gewesen: Schönwerth, 
Aus der Oberpfalz, H, 229. Eine verwünschte Jungfrau lässt einem die 
Wahl, einen Hafen voll Gold oder eine an der Wand liängende goldene 
Glocke oder sie selbst zu wählen. Der Betreffende wählt die Glocke: 
Rochholz, Xaturmythen, 165. Eine weisse Jungfrau in der Punskuhl heisst 
die „Klingelmarie": Schwartz, Sagen etc. d. Mark Brandenburg, 124. Das 
Dörfchen Osterode unter dem Hoheustein soll von der Schlossjungfrau 
seine Kirchenglocken empfangen haben: Pröhle, Harzsagen, 228. 

Die mit menschlicher Stimme redenden Glocken kommen später noch 
vor. Zu gewissen Zeiten glaubte man die im Wircliow-See versunkenen 
Glocken auf dem Grunde des Wassers ein Klagelied singen zu hören: 
Jahn, Pommersche Volkssagen, 246. Ygl. 229. Knoop, Sagen a. d. östl. 
Hinterpommern, 136. Kuhn, Mark. Sagen, 81. Herrlein, Sagen a. d. 
Spessart, 18. 

Als einen ferneren Beweis für die nahe Verwandtschaft der im Wasser 
versunkenen Glocke mit der weissen Frau kann man auch die Sagen 
anführen, in denen Gewässer zu bestimmten Zeiten ein Opfer fordern, 
von denen zugleich auch Glockensageu berichtet werden. Gewöhnlich ist 
es ja die Wasserfrau, die diese Opfer in Anspruch nimmt. 

Wo eine Glocke in die Lupow gerollt ist. ertrinkt jedes Jahr ein 
Mensch: Knoop, a. a. 0., 70 f. Der Nonnensee bei Bergen, in dem man 
an jedem Pfingsttage die Glocken läuten hört, muss alle Jahr sein Opfer 
haben: .Fahn, a. a. 0., 180: vgl. 212. Gesang der Seejungfrau, verbunden 
mit Läuten, ist der Lockruf für den Menschen, der dem Demminer See 
zum Opfer fallen soll: Ebda., 147. Mitunter bedeutet auch der Glockenton 
allein den Todesfall: Jahn, a. a. 0., 229. Veckenstedt, Mythen etc. der 
Zamaiten, 184. 

Für die Thatsache, dass unter der „weissen Frau" sich ijii' vi-rscliicdenen 
l'^ormen der Wolkenfrauen verbergen, die so oft auch als Wind- und 
(iewitterfrauen erschein('n, genügt es, auf Iv ii. .Meyer, Gernian. .Mvthol.. 



120 Sartori: 

'27'2S. ZU verweisen. An ihre Stelle ist nun offenbar häufig die Glocke 
getreten, worauf ja schon oft genug aufmerksam gemacht ist. Vgl Wolf, 
Beitr., II, 295 ff. Kuhn, Westfäl. Sagen, I, 23 f. 31 f., nur dass letzterer 
wohl etwas einseitig in dem Glockenton sowohl, wie in der Stimme der 
weissen Frau nur den Schall des Donners erkennen will. Der Sturm 
nicht nui', sondern alle Schattierungen des Windwehens bis zum sanften 
Säuseln und Sunmieu der Luft herab haben gewiss zu diesen Sagen von 
den unter dem Wasser ertöneudeu Glocken die Veranlassung gegeben. 
Auch braucht man natürlich nicht in jeder einzelnen hierher gehörenden 
Sage eine Verwandlung der weissen Frau in die Glocke zu finden. Oft 
genug ist gewiss das Geräusch des Windes ohne Zwischenglied mit dem 
Ton der Glocke verglichen, wie ja überhaupt derartige Geräusche in der 
Phantasie des Volkes die mannigfaltigsten Deutungen finden.') Unbe- 
zweifelt bleibt dabei, dass auch die irdische Lokalisierung eines Gewitter- 
vorganges zur Entstehung solcher Sagen beigetragen haben kann (Schwartz, 
Ursprung der Mythologie, 264), sowie dass der Xebel (Jjaistner, Nebel- 
sagen, 173), vielleicht auch der Unkenruf aus dem Teich (Kuhn, Westfäl. 
Sagen, I, 23) derartige Auscliauungen immer wieder von neuem aufzufrisclien 
imstande ist. 



1) Es seien hier noch einige solche Deutungen angeführt. Glockenläuten und Mönclis- 
gesang im heiligen Meer bei Hopten namentlich zu Weihnachten: Kuhn, Westfäl. Sagen, 
I, 28. Chorgesang aus dem Laacher See um Mitternacht: Schmitz, Eifelsagen, II, 74. 
Wenn die Meerfrau singt, kommt .starkes AVetter und Sturm in 24 Stunden: Schönwerth, 
A. d. Oberpfalz, II, Hi2 f. Musik eines von der Meerfrau ins Wasser gezogenen Dudelsack- 
spielers: Sebillot, Legendes etc. de la mer, I, 205. (Irland.) Die Nakki, musikalische 
Geister der Finnen, erscheinen oft am Ufer mit silbernen Harfen und vermischen den Ton 
ihrer Instrumente mit dem Seufzen des Windes: Ebda., I, 2GS. Harmonische Musik in 
der Fingalsgrotte (von Wellen und Wind): Ebda., I, 236. Musik imd Gesang aus einem 
gelben Koffer auf dem Blnmenthalschen See am zweiten Adventstage: Kuhn, Mark. Sagen, 
18(i. Wehmütige Orgelklänge aus dem See: Knoop, Sagen a. d. östl. Hinterpommern, 21. 
Tettau u. Temme, Volkssagen Ostpreussens, 252. (Orgelspiel in der Kirche zu Hasserode: 
Pröhle, Unterharz. Sagen, 70). Im Pilberge bei Lapsau: Reusch, Sag. d. Samlandes, 69. 
Im Eise versunkene Schafherde grast, blökt und klingelt mit ihren Glöckchen unter dem 
Wasser: Strackerjan, Abergl. etc. a. Oldenburg, II, 20H. Diese Sage ist vielleicht meteo- 
rischen Ursprungs, doch ist zu vergleichen die Spottgeschichte bei Knoop, a. a. 0., HO f., 
in der der dumme Hans auf den Rat eines Schäfers ins \\'asser springt, um Schafe, die 
angeblich darin sein sollen, herauszuholen; als das Wasser über ihm zusammenschlug und 
er anting zu blubbern, da rief der Schäfer: „Nu hat er den Klockenhammel!" Vgl. auch 
das Märchen bei Poestion, Island. Märchen, 204 ff. • — Glocke versinkt samt dem Stier, 
der sie zieht. Mau hört den letzteren noch alle Jahr in den Winter-Frohnfasten bei Nacht 
brüllen: Birlinger, Volkstüml. a. Schwaben. I, 143. Auch diese Sage könnte meteorischen 
Ursprung haben. Dann wäre die Glocke die Wolke, der Stier der Sturm. — Gebrüll eines 
Ochsen unter dem Eise: Kuhn, Westfäl. Sagen, I, 46; vgl. 161. Zauberrausik unter dem 
Eise: Strackeijan, a. a. 0.. I, liKi. Hahn eines im See von Marlay versunkenen Dorfes 
kräht in der Weihnachtsraitternacht: Revue des tradit. pop. VII, bi'ß. Xnch aus dem See 
von Annecy krähen während der Vollmondsnächte die Hähne des versunkeneu Dorfes und 
die Glocken klingen wie zur Messe: Ebenda V, 484. ("her diese Hähne wird später noch 
zu reden sein. 



Glockensageu und Glockenaberglaube. J21 

2. Die aus dem Wasser emporgestiegenen und gebannten 
Glocken. 

Wälirend in den bisherigen Erörterungen eigentlich nur von dem Tone 
versunkener Glocken die Rede war, ist nun eine Reihe von Sagen zu 
mustern, in denen diese Glocken selbst aus ihrem Wasserhause ans Tages- 
licht kommen. Manche der folgenden Beispiele wird mau wohl auf die 
Gewitterscenerie zurückführen müssen, aber Xebelerscheinungen, Sturm- 
und Windgetön spielen oft hinein. 

Au allen Soim- und Festtagen sali man die Dobbertiner Glocken aus 
dem Nienhager See auf den Wellen schwimmen. Wollte man aber sich 
ihnen nähern, so schwammen sie schnell fort und versanken nach einer 
Stunile in die Tiefe: Bartsch, Meckl. Sag., I, 376 f.') Vgl. 38«. Birliuger. 
Volkstüml. a. Schw., I, 145. Kuhn, Jlärk. Sagen, KU f. 

Meistens berichten die Sagen, dass diese Glocken aus dem Wasser 
ans Land steigen und zwar, wie häufig hinzugesetzt wird, „um sich zu 
sonnen". Vgl. Bartsch, a. a. 0., I, 368. 383. 388 f. Jahn, Volkssagen aus 
Pommern, 193 f. Kuhn, Westfäl. Sagen. I, 367.''') 

Oft steigt nur eine Glocke empor (Bartsch, I, 371 f. 385 f. Birlinger, 
Volkst. a. Schw., I, 145. Grohmann, Sagen a. Böhmen, -269. Strackerjan, 
Abergl. etc. a. Oldenburg, I, 112. Jahn, a.a.O., 204. Schulenburg, Weud. 
Volkssagen, 30), meist aber mehrere (Bartsch, I, 368. 376 f. 388 f.): zwei 
(Bartsch, I, 379. 383. 388. Knoop, Sagen a. d. östl Hinterpommern. 19 f. 
102 f. Jahn, 193 f. 201. 212. 248. Kuhn, Westfäl. Sagen, I, 367. Mark. 
Sagen, 164 f.) oder drei (Kuhn, Westf. Sagen, I, 367. Mark. Sagen, 167. 
Am Ur-Quell, III, 318. Bartsch. I, 387. Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sag., 
No. 62), selten vier (Bartsch. I, 385. 390). Über die Zahl der in den 
b.igen auftretenden weissen Frauen s. Kulm, Westf. Sag., I, No. 227. Anni. 

Die Zeit des Auftauchens ist verschieden: am öftesten am Johannistag 
(Kuhn, Mark. Sag, 164. Bartsch, I, 387. Jahn, 212), meist am Johannis- 
mittag (Bartsch, I, 368. 377. 3S6. 388 f. Jahn, 193 f. Am Ur-Quell, III, 
318. Kuhn u. Schwartz, Nonhl. Sag., No. 62) oder sonst mittags 12 Uhr 
(Bartsch, I, 371. 383. Kuhn, Mark Sagen, 167), an Sonn- und Festtagen 
zwischen 12 und 1 Uhr (Bartsch, I, 37'.)). alljälirlich am Ostermorgen 



1) Das Zurückweichen ist eiu Kennzeichen der Nebelwescn. So sind die Zwerge 
nicht zu fangen: Laistner, Nebelsagen, 298 f.; vgl. 9G. ' Auch an die Irrlichter ist zu 
erinnern. 

2") Dieses Sonnen wird auch sonst von Nebehveseu liorichtet. l^n Wolf steigt aus 
dem See und sonnt sieh: Laistner, Nebelsag., 13. Ebenso ein Ungeheuer des Drachensees 
in Tirol: Panzer, Beitr., I, 1. Eine Schlange mit einer Krone auf dem Kopf: Ebenda, I, 
l.SÜ; vgl. Birlinger, Volkst. a. Schw., I, 103. Seemiinnchen und Seeweibchen im Bach bei 
Niederklein: Lynkcr, Hess. Sagen, 71 f. Auch Schätze sonnen sich (Panzer, Beitr., I, 29 
80. Schambach-Müller, Niedersächs. Volkssagcn, 105. Meier, Schwäli. Sagen, 48) oder 
werden von weissen Jungfrauen gesonnt (Panzer, I, l(j; II, 119. l.'.n. Sehaiiibach-MüUei-. 
89. Rochholz, Naturmytiien, 162.). 



122 Sartori: 

(Knoop, 19 f. 102 f.), am Sulpiciustage (Strackerjan, 1,112), am Marientage 
(Jahn, 204), alle 100 Jahre eine Stunde lang (Jahn, 201). 

Auch diese emporgestiegenen Glocken läuten manchmal: Knoo]j, 
Volkssagen a. d. östl. Hinterpommern, 19 f. Bartsch, I, 379. Wer die 
jährlich am Sulpiciustage aus der Stöckenkampwiese aufsteigende und 
läutende Glocke sieht und hört und eine Sünde begangen hat, ohne Busse 
gethan zu haben oder desselben Tages zu thun, hat auf Erden keinen 
frohen Augenblick mehr^): Strackerjan, Abergl. etc. a. Oldenburg, I, 112. 
Ein Weib, das Wäsche in einem Brunnen schweifen wollte, fühlte plötzlich, 
dass etwas sie ins Wasser zog. Erschrocken rief sie: „Verflucht, wer mich 
ins Wasser zieht." Da erschien plötzlich eine grosse Glocke im Brunnen, 
die sich ans Ufer wälzte und furchtbar zu läuten begann. Nachher rollte 
sie wieder in den Brunnen zurück: Grohmann, Sagen aus Böhmen, 269.^) 

Manchmal reden die Glocken auch mit menschlicher Stimme. 
Eines Tages sah einer die Glocken eines untergegangenen Dorfes am Ufer 
des Görnesees liegen und sich im Sonnenschein mustern. Eine sprach: 
Anne Susanne, Komm mit mi to lanne. Da antwortete die andere: Anne 
Margrete, Wi will'n to grunne scheten. Darauf stürzten sie sich wieder 
in die Tiefe: Kuhn, Westf. Sagen, I, 367. Vgl. Mark. Sag., 164 f. ') 210. 
Ähnlicli reden badende und sich sonnende Jungfrauen z. B. bei Jahn, 
Pommersche Sagen, 245. 

Schon die blosse Übersicht über diese verschiedenen Gestaltungen der 
Sage zeigt, dass ausser dem Geräusch des Windes auch sichtbare Luft- 
und Wassererscheinungen an ihrer Bildung teilgenommen haben müssen, 
Glanzerscheinungen im Nebel*), Phosphorescenzerscheinungen^), aber auch 

1) Das Melancholische des Glockentoiis wird öfters betont. Die Glocken im See bei 
Wrangeisburg läuten so traurig und -wehmütig, dass man es mit Worten garnicht sagen 
kann: Jahn, Volkssag. a. Pommern, 201. Seejungferu singen traurig: Müllenhofl', Schl.-H. 
Sag., 341. Trauergesang von der Märzenhurg: Panzer. Beitr., II, 140. Wehmütiges Rufen 
des im See versunkenen Brautpaares: Rochholz, Aargausag., I, 37 f. — Auch das Dumpfe, 
Ferne des Glockenklanges wird oft hervorgehoben: Bartsch, Meckl. Sag., I, 373. Wolf, 
Dtsche. Märch. u. Sag., No. 49. Grässe, Sagenbuch d. preuss. Staates, I, 686 f. Pröhle, 
Dtsche. Sagen, 'JS. Seyberth, Progr. v. Wiesbaden, 1872, 11. Kuhn, Westf. Sag., I, 275. 
Revue des tradit. pop. VII, 559 f. 

2) Die Wäsche der spülenden Frau entspricht den Unwetter erregenden Steinen, 
Tüchern etc., von denen oben die Rede gewesen ist. Die Glocke ist die donnernde 
Wetterwolke. Über die Wolke als Brunnen s. Meyer, German. Mythol.. 87 f. Mannliardt, 
Germ. Myth. Register, 754. 

3) Hier heisst es, die Glocken seien, nachdem sie noch einmal angeschlagen, in die 
Tiefe gesunken. Das erinnert an die weissen Jungfrauen, die so oft mit einem hellen 
Schrei oder einem Knall verschwinden. Vgl. z. B. Lynker, Hess. Sag., 88. Meyer, Germ. 
Myth., 283. Mit einem „rechten klingenden Seufzer": Kuhn, Westf. Sagen, I, 342. 

4) S. darüber Laistner, Nebclsagen, 205. 216. 231. Es seien biev noch einige Beispiele 
solcher Glanzerscheinungen auf dem Wasser angeführt: Fischer im See bei lassen fischen 
nachts einen grossen blinkenden Gegenstand (Diamanti: Knoop, Volkssag. a. d. östl. Hinter- 
pommern, 26. In jeder Johannisnacht erhebt sich eine kupferne Brücke aus dem Glamsee 
bei Warin, auf der eine Prinzessin nach Erlösung seufzt: Bartsch, Meckl. Sagen, I, 273. 



Glockensagen und tilockenaberglaube. 123 

Gewitterphänoiiieue. ') Audi die Schatzsagen, sowie -wiederum die Sagen 
von der weissen Jungfrau sind auf die Bildung dieser Anschauungen von 
Einfluss gewesen. So erscheint denn die Glocke in diesen Sagen bald 
nur als vorausgesetzte Trägerin des Windgeräusches, aber auch des Donner- 
lialls, bald als Nebel-, Glanz- und Wolkeiisymbol. 

Meistens schliesst sich nun an die Sagen von den aus dem Wasser 
gestiegenen Glocken der weitere Bericht an, dass diese dadurch gebannt 
und auf dem Lande zurückgehalten werden, dass man irgend einen 
Gegenstand auf sie legt und zwar meistens ein Tuch, ein Kleid, eine Jacke 
und dergl.: Jahn, Pommersche Sagen, 204. Kuhn u. Schwartz, Xordd. 
Sagen, 58; vgl. d. Anm. 476 f. Kuhn, Mark. Sagen, 167. Bartsch, Meckl. 
Sagen, I, 379, 383. 388.^) Man wird bei diesen Berichten zunächst au 
den verbreiteten Gebrauch denken, der durch das Rechtssymbol des Wurfes 
Besitzergreifung ausdrückt (vgl. Zeissberg in der Germania, 13, 401 ff.); 
aber manche besondere Züge und Varianten zeigen doch, dass die Ent- 
stehung dieser Sagen in der Luftregion zu suchen ist. So werden am 
öftesten die Glocken dadurch gebannt, dass eben gewaschenes Zeug, eine 



Auf dem Wasser der Düwelskul bei Eostock zeigt sich am Mittag des Johannis- oder des 
Neujahrstages eine silberne Schüssel und ein silberner Löffel: Ebda., I, lOG. Auf dem 
Wasser eines Quells am Johannismittage eine goldene Platte: Ebda. i. 2Tß. Eine Egge 
zur selben Zeit auf dem Wasser: Ebda. I, 398. Ein grosser durchsichtiger Bernstein: 
Ebda. I, 390. Bernstein, der beim Nilherkommen verschwindet: Reusch, Sagen d. preuss. 
Samlandes, 52. Krone der Prinzessin Bruuhilde zeigt sich in der Walpurgisnacht auf dem 
Bodekessel mit gewaltigem Blinken: Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sag., 169. Goldenes Kegel- 
sjiiel im Wasser an hellen Tagen: Alpenburg, Dtsche Alpensagen, 3ö3. Kerzen in den 
Wogen: Sebillot, Legendes etc. de la mar, I, 303. Vgl. auch If, 110 ff. den Abschnitt: 
La phosphorescence de la mcr. — Bemerkenswert ist, dass derartige Erscheinungen bis- 
weilen mit Geläute verbunden sind. Im Knmmerow-See läuten am Johannismittag die 
Glocken einer untergegangenen Stadt. Zugleich erscheint auf der Oberfläche des Wassers 
ein grosser Berg Bernstein und eine goldene Wiege. Fährt man heran und berührt die 
Schätze, so sinken sie unter fürchterlichem Geprassel auf den Seegrund zurück: .Jahn, 
Pommersche Sagen, 19L (Vgl. ebda 147 die beim Läuten erscheinende weisse Jungfrau."; 
In einem Teiche bei Königgrätz, in dem ein Scliloss mit zwei .Tungfrauen versunken ist, 
hört man am Ostersonntag Glockengeläute und sieht eine feurige Säule aus dem Wasser 
emporsteigen: Grohmann, Sagen a. Böhmen, 9L 

5) Vgl. Laistner, Nebelsagen, 89. 130. 260. 284. 28(1. Eine solche scheint z ß. in 
der folgenden Sage vorzuliegen: Ein hölzernes Schloss, in dem selbst die Glocke von Holz 
war, ist im Wasser versunken; an gewissen Tagen des Jahres aber steigt es um Mitter- 
nacht hell erleuchtet wieder empor, um mit dem Glockcnschlage zwölf stets wieder zu 
verschwinden: Eisel, Sagen des Voigtlandes, 204 f. Vgl. damit Laistner, Nebelsagen, 284. 

1) Diese allein betont Sdnvartz, Urspr. d. Mythol., 264. 

2) Oft kommt nur eine Glocke aus dem Wasser und wird gebannt, oft mehrere. 
Zwei: Bartsch, I, 377. .S89. Jahn, 194: von zweien eine: Bartsch, I, 369. 379. 383. 388. 
Jahn, 201. 212: von dreien eine: Bartsch, I, 368. Kuhn, Mark. Sagen, 167. Kuhn und 
Schwartz, Nordd. Sagen, .58: von vieren eine: Bartsch, I, 385: von dreien zwei: Bartsch, 
I, 387: von vieren zwei: Bartsch. I, 300. - Schwartz, Urspr. d. Mythol., 264 erklärt den 
Zug, dass eine Glocke oben bleibt, die andere versinkt, aus dem auch sonst vorkommenden 
Gegensatz, demzufolge das eine Gewitterwesei\ obi>n lileibt, das andon' im Blitz oiler 
Donnergekrach in die Tiefe hinabsinkt. 



124 Saitori: 

Schürze, Puppenkleider ii. dergl. zum Trocknen über sie gebreitet wird. 
Vgl. Bartsch, a. a. 0., I, 308 f. 371 f. 377. 387. 3.S9. Jahn, 194. 201. 212. 
In diesen Wäschestücken aber und also wohl in den bannenden Tüchern etc. 
überhaupt haben wir Symbole der Wolke zu sehen. Vgl. Schwartz, Urspr. 
d. Myth., 264.') Die Glocke selbst wird dann ebenfalls als ein Sinnbild der 
Sturm- oder Gewitterwolke zu gelten haben. Gänsehütonde Kinder hingen 
einst ihre Brottflcher zum Trocknen auf die Glocken. Diese wurden da- 
durch festgebannt. Als es 1 Uhr war, fingen sie laut an zu summen. Den 
Kindern wurde bange, sie nahmen ihre Tücher von den Glocken und 
liefen weg. Die Glocken aber gingen „unter hellem Klingen" in den See 
zurück: Bartsch, I, 377°); vgl. 390. Schulenburg, Wend. Volkssagen, 30. 
Ein Dornbusch, auf den gänsehütende Kinder ihre Brottücher zum Trocknen 
legten, ward plötzlich in eine harte Masse verwandelt, die sie für Stein 
hielten. Es war aber eine Glocke: Bartsch, I, 384.') Eine Frau wäscht 
am Johannismittage am Wnmsee fPriegnitz) Kinderwäsche. Sie sieht auf 
einmal drei schwarze Feldsteine und deckt auf jeden eine Windel zum 
Trocknen. Um 1 Uhr fangen die Steine an zu reden: Ximm uns die 
Lappen vom Kopfe u. s w. Sie thut es, und drei Menschenköpfe mit 
schwarzem Haar verschwinden in der Tiefe. Am Ur-Quell, III, 318.*) 

Es sei gleich hier eine Sage hinzugefügt, in der die Glocken nicht 
aus dem Wasser, sondern aus dem Berge kommen. Zwei Kinder hüten an 
einem Berge die Gänse. Mittags geht der Knabe ins Dorf zum Essen. 
Das allein zurückgebliebene Mädchen gewahrt plötzlich vier grosse Steine 
auf dem Berge. Sie schlägt mit ihrem Strickstock auf den einen und es 
giebt einen hellen Klang. ^) Dann legt sie ihr Strickzeug auf den Stein 

-1) Wäsche als Wolken- und Nchelsymbol: Laistner, Nebelsageii, Reg. 3(j4. Kuhn, 
Mark. Sagen, S. ISO f. Eisel, Sagenbuch d. Voigtlandes, 31. 36. Birlinger, Volkstüml. a. 
Schw., I, ü-i. 136. Pröhle, Unterharz. Sagen, 14(>. Müllenhoff, Schl.-Holst. Sagen, 280. 
Panzei-, Beiträge, I, 1. 9. 11. IST. Zeitschr. f. dtsche. Mythol., I, 34 f. Über die Nebel- 
wäscherinnen s. Rochholz, Naturmytlien, 133 ff. Bartsch, Meckl. Sagen. 1. 211 f, Lynker, 
Hess. Sagen, 88. Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sagen, 23. 175, 

2) Bei Barisch, I, 371 f. versinkt die von der Schürze befreite Glocke mit einem 
dumpfen Klingen. Ebda., I, 387 rollt die nicht gebannte Glocke mit hellem Geläut ins 
Wasser, I, 390 mit donnerndem Getöse. .\n die .Jungl'raiien, die mit einem Schrei oder 
Klang verschwinden, ist schon früher erinnert. 

3) Der Dornbusch ist Nebel- und Wolkeusymbol: Jlannhardt. Genn. Mythen, 668. 
Laistner, Nebelsagen, 248. Wenn der Dornbusch zum Stein oder zur Glocke wird, so 
kann man darin die Verdichtung llatternden, verästelten Gewölks zur Gewitterwolke sehen. 
Über die Wolke als Stein s. Laistner, a. a. 0, 43 tf. 154. 2.52 f. Mannhardt, Germ. Myth.. 
182. Vgl. auch noch Bartsch, I. 387. :^89. 385. Am Ur-Quell, III, 318. 

4) Im Hallwiler See auftauchendes Haupt zeigt an, dass jemand ertrinken soll: 
Rochholz, Aargausagen, I, 38. Seejuugfer mit krausen, zottigen Haaren: Reusch, Sagen 
d. preuss. Samlandes, 2G. Haarige Leute im Darnssee: Kuhn, Westf. Sagen, I, 46: vgl. 
345; II, 16. Über den Gewitterkopf s. Schwartz, U. d. M., 84 f. Meyer, Germ. Myth., 283. 

5) Dieser Strickstock wird wohl der Blitz sein. — Übrigens können auch die öfters 
in diesen Sagen vorkommenden Gänse W^olkensymbole sein. Vgl. Schwartz. Urspr. d. M., 
194. Laistner, Nebelsagen, 228. 



Glockensageu und Glm-konaberglaube. J'25 

und läuft den Gänsen nach. Als sie zurückkommt, findet sie mir iioili 
diesen Stein, die anderen sind verschwunden. Sie erzählt's im Dorfe; als 
man hinauskommt, findet man statt des Steines eine Glocke: Bartscii, 
a. a. 0., I, 385. 

Dieser Zug des Bannens durch Auflegen oder Festknüpfen findet sich 
mitunter auch in den Sagen von der Auswühlung der Glocke durch eine 
Sau oder von der Entwendung von Glocken. Davon ist später noch zu 
reden. 

Dagegen seien hier noch ein paar Varianten der gefangenen Glocken 
angeführt. Ein Fischer zieht in seinem Netz zwei schöne, grosse Glocken 
aus dem See: Bartsch, a. a. 0., I, 369.^) — Ein Köhlerjunge sieht auf einem 
Born eine grosse Glocke schwimmen, die war iiim beschert. Er griif sie 
und trug sie nach Hause. Sein Meister verlangte aber, er sollte sie wieder 
hintragen. Das geschah auch; da that sie einen Kling, dass der Junge 
taub wurde ^), und kam nie wieder zum Vorschein: Pröhle, Unterharz. 
Sagen, 153. 

Ein Überblick über diese Sagengestaltungen, die wohl durchweg dem 
nördlichen Deutschland angehören, zeigt, dass auch hier vielfache Be- 
rührung mit den Schatzsagen') und mit den Sagen von den weissen Frauen 
stattfinden.*) Am nächsten liegt es hier an die mancherlei Sagen von den 
Schwanenjungfrauen zu denken, nur dass hier die Auffassung umgekehrt 



1) Fischer zieht im Netz eine Schatztrnhe hervor: Panzer, Beiträge, I, 73. Fischer 
fangen im Netz einen grossen, schwarzen Kerl, der sich nachher wieder ins Wasser wälzt: 
Pröhle, Unterharz. Sagen, 75. Ein Fischer breitet seine Netze über ein Gebüsch, da ent- 
steigt eine schöne Jungfrau dem See: Bartsch, a. a. 0., I, 269. Über das Netz als Gewitter- 
symbol s. Schwartz, Ursi)r. d. Mythol. 264, wo noch andere Beispiele. 

2) Eine Jungfrau, die vergeblich von einem Schäfer ihre Erlösung geliofft hat, ver- 
schwindet mit einem solchen Kreisch, dass der Schäfer von der Zeit an taub gewesen ist: 
Pröhle, Harzsagen, 217. Von diesem Schlei, wie von dem Anklingen verschwindender 
Glocken ist schon früher die Rede gewesen. Es ist der Gewitterscenerie entnommen: E. 
H. Meyer, German. Myth., 283. Sich sonnender Schatz verschwindet mit einem Rassler: 
Panzer, Beiträge, I, 30. 

S) Beispiele von Schätzen, die durch Daraufwerfen eines Tuches oder eines Kleidungs- 
stückes gebannt werden: Pröhle, Unterharz. Sag, 89. 96. Harzsagen, 179. Lynker, He.>is. 
Sag, 97. Meier, Schwab. Sagen, .53. Birling?r, Volkst. a. Schw., I, 25. Ztschr. f. d. d. 
Myth., I, 35. Über das Werfen eines Schuhes auf einen lutternden Schatz s. Ztschr. d. 
Ver. f. Volkskde., IV, 422. Auch folgende Beispiele gehören hierher: Hund des wilden 
Jägers bleil)t wochenlang auf dem Herde liegen, bis man auf den Rat einer alten Frau 
ein Tuch über ihn deckt; da wird er zum Stein: Bartsch, Meckl. Sagen, I, 17. Mädchen 
bindet ilir Schnupftuch um die Klingel einer Kalbe, aber Kalb und Tuch verschwinden: 
Eisel, Sagenbuch des Voigtlandes, 133. Vgl. auch die Sagen von der Gewinnung der 
Krone des Schlangenkönigs duixh ein weisses Tuch: Bartsch, I, 279 (vgl. 278, wo waschende 
und Zeug trocknende Kinder es so machen): Eisel, a. a. 0., 149 ff. Birlinger, Volkstünil. 
a. Schw , I, 103. Panzer, Beiträge, I, 183. 

4) Auch von diesen wird mitunter die eine erlöst, die andere nicht. Vgl. Panzer, 
Beiträge, II, 143; I, 82. — An die mit einem Tuch bedeckte Glocke erinnert auch ilie 
Jungfrau mit schwarzem Kleide und weissem Tuch auf dem Kopf: Ebda., J, 115. 



126 ^ Saitori: 

ist. Während die Jungfrauen, die ilir Kleid wieder erhalten, davon kommen, 
muss die, deren Gewand geraubt ist, zurückbleiben. Vergl. z. B. Panzer, 
Beiträge, II, 123. 



3. Glocke in der Erde, im Berge, im Walde. 

Nicht selten erzählen die Sagen, dass Glocken in der Erde oder im 
Berge versunken sind: Müllenhofif, Schi. -H. Sag.. 119. Wolf, Niederl. Sag., 
561. Kuhn, Westf. Sag., I, 16. Pröhle, Unterh. Sag., 90. 111. 168. 

Das Läuten solcher Glocken, das aus dem Berge oder überhaupt aus 
der Erde oder im Walde erschallt, ist natürlich dem Wasserläuten mytho- 
logisch ganz gleichbedeutend. Es sei nur der Übersichtlichkeit wegen 
hier besonders behandelt. 

Wer kennt nicht die schonen Verse Uhlands: 

„Man höret oft im fernen Wald 
Von oben her ein dumpfes Läuten, 
Doch niemand weiss, von wann es schallt, 
Und kaum die Sage kann es deuten." 

Schon Gervasius von Tilbury (Liebrecht 34) berichtet von einem rings 
von Bergen umschlossenen Waldthale in Britannien namens Laikibrait, in 
dem man täglich zu einer bestimmten Stunde ein liebliches Glockenläuton 
höre. — Jedes Jahr in der Ohristnacht hört man die im Walde vergrabenen 
Glocken der Abtei Villers läuten, aber keiner kann sie finden, denn wenn 
man sich ihnen nähern will, dann entfernt sich der Ton und flieht immer 
weiter und weiter, bis er plötzlich verhallt: Wolf, Niederl. Sag., 624.^) In 
diesen beiden Darstellungen haben wir offenbar eine Schilderung von 
Windströmungeu, die durch eigenartige Luftwirbel an bestimmten Stellen 
eines Waldes entstehen. Ähnliches wird namentlich auch vom Ilochwalde 
bei Tronecken im Hunsrück berichtet. „Es schien" — so las ich kürzlich 
in einer hiesigen Zeitung — „als ob diese Töne von den in der Längs- 
achse des Thaies streichenden Winden in der oberen Thalstufe zusammen- 
gehäuft würden. Offenbar entstanden sie an der Tiialmündung. Wenn 
unten im Thale des romantischen Hocliwaldes ein Ton beginnt, der, immer 
stärker anschwellend, die Waldeswand emporsteigt, erklingt er zu einer 
solchen Schönheit und Fülle, dass man vor Wonne kaum zu atmen wagt. 
Langsam zieht der Ton dahin, wenn er die Höhe erreicht hat, allmählich 
absterbend und in der Ferne leise verliauchend. Er beginnt und verweht 
wie schwacher Orgelklang, nimmt aber bei seiner Schwellung das Gepräge 
des Harfentons an und wird besonders reizvoll, wenn der Obertou der 



1) Öfters kommen in Lehrenden auch ülockentöne vor als Stimmen aus dem Himmel, 
die von Heiligen gehört werden, wo weit und breit keine Kirche zu finden ist. Vgl. Menzel, 
Christi. Symbolik, I, 342. 



Glockensagen und Glockenaberglaube. 127 

Oktave wie ein fein zitternder Geigenstrich hinzutritt. Der Gesainteindruck 
dieser deutschen Waldesstimme wird durch das einförmige, seufzerartige 
Uahinwehen der Töne ein ernster und melancholischer." 

In der Neujahrsnacht hört man ein Läuten aus dem Klingberg: Bartsch, 
Meckl. Sagen, I, 371; vgl. I, 288 (mittags 12 Uhr). Ztschr. f. d. dtsehe 
Mythol., I, 195. Kuhn, Westf. Sag., I, 121 (um Mittwinter). Eisel, Sagbch. 
d. Voigtlandes, 205.') Otte, Glockenkunde, 170, Anm. 2. Schambach- 
Müller, Niedersächs. Volkssagen, 16 (in der Nacht auf den ersten Mai). 
Knoop, Sagen a. d. östl. Hinterpommern, 139 (aus dem Glockenberg). 
Revue des tradit. pop. VI, 293. Panzer, Beiträge, I, 99. Am Charfreitag 
nimmt einer den Weg ins Wyl. Da vernahm er „ein grosses Brausen uud 
Glockenstürnien" von der Heidenburg herunter. Als er stillstand, hörte 
er 23 abgemessene Glockenschläge hintereinander droben auf dem Felsen. 
Er meinte, das bedeute ebensoviel Jahre von jenem laufenden Jahrhundert, 
da dann die dort umgehende weisse Frau sich wieder einen Erlöser unter 
den Staufner Bauern suchen dürfe: Ztschr. f. d. dtsehe Mythol., II, 226. 
Die Glocke in Oberschneisingen (Aargau) ist durch den Dachstuhl gebrochen 
und 40 Klafter in den Boden geschlagen. Da liegt sie noch heute unhebbar. 
Sie klingelt leise herauf, wenn dem Orte Feuersgefahr drohen will; eine 
Brunst jedocii vermag sie nicht abzuwenden. Ztschr. f. d. dtsehe Mythol., 
H, 243. Rochholz, Aargausag., II, 292 ff. ') Im Kirchhof des Dorfes Baut 
(Herrschaft Jever) liegt eine versunkene GUocke. In der Christnacht stimmt 
sie in das Geläute der anderen Glocken mit ein. „Es klingt viel zu hohl 
und wunderlich, man hört es gleich, dass es unter der Erde wegkommen 
muss." Diese Glocke sicliert auch den Banter Kirchhof davor, von den 
Wellen weggerissen zu werden: Firmenich, Germaniens Völkerstimmen, 
I, 26 ff. Strackerjau, Oldbg. Sagen, II, 259 f. Vor 700 Jahren arbeiteten 
Leute vor der Ilsensteinsklippe; da polterte es, als wenn die Kanonen 
gegangen wären. Die Ilsensteinsjungfer hatte eine Glocke, davon hörten 
sie alle Glockenschläge: Pröhle, Unterharz. Sagen, 110. Dass auch liier 

1) Aus der hier erwähnten versunkenen, mitunter wieder emporsteigenden Kapelle 
sieht man zu Zeiten unter dumpfem Glockenläuten einen gespenstischen Leichenzug 
kommen: Eisel, a. a. 0., 110; vgl. 109. Über die Nebel- und Wolkennatiur solcher Leichen- 
züge s. Ztschr. d. Vereins f. Volkskde., IV, 290. Laüstner, Nebolsagen, 115 ff. Dass das 
Glockenläuten dabei das Brausen des Windes bedeutet, zeigt u. a. die Wendung bei Roch- 
holz, Aargausag., I, 114: Jedesmal, wenn der nächtliche Leichenzug von Lütwil bis zum 
Staufenberge geht, stürmt und tost es aus dem Keffenthal und über den Schürbergpass 
her, und man kann sicher sein, dass es schlechtes Wetter geben wird. — Zug von München 
in Sturmuächten durch Glockentöne zum Gottesdienst gerufen: Sebillot, Legendes etc. de 
la mer, I, 232. Nach dem Belgarder Moor zieht ein gespenstischer Leichenzug, einen 
unheimlichen, unverständlichen Gesang anstimmend: Knoop, Sagen a. d. östl. Hinter- 
liommern, 36. 

2) Meyer, Germ. Mythol, 90 sudit in der im See (wo?) Peuersbrunst anzeigenden 
Olocke das Wetterleuchten. Docli wird später noch von der Glocke und ihrem Bezug 
zum Feuer die Rede sein. 



128 Sartori: 

mitunter Gewitterphänomene hineinspieleu, zeigt eine siebenbürgische Sage, 
in der sich das Glockengelänte im Berge bei Gelegenheit eines schweren 
Wetters, das von Sturm und Donnerschlägen begleitet ist, hören lässt: 
Kuhn, Westf. Sag , I, 24. Eine Kirche mit einem grossen Schatz versinkt 
in den Zatrie-Berg. Mit ihr ein Mann, der den Schatz heben wollte. Noch 
jetzt hört man ihn nachts um 12 Uhr die Glocken der Kirche läuten, dass 
der ganze Berg dröhnt: Veckenstedt, Myth. d. Zamaiten, 11, 185. 

Auch von den im Berge versteckten Glocken wii'd mitunter berichtet, 
dass sie ans Tageslicht hervorkommen: Bartseh, Meckl. Sagen, I, 387 (am 
Johannismittag); vgl. 385. Ein Hüterbub hört am Tierberg ein Klingen 
und sieht vor einer Felsgrotte drei Glocken. Er wälzt die kleinere heraus 
und holt dann Leute. Als sie wiederkommen, ist die Felswand glatt und 
geschlossen, nur die eine liegt noch da: Alpenburg, Dtsche Alpensag., 42 f. 
Auch Jungfern kommen aus dem Berg: Kuhn, Westf. Sagen, I, 202. 

Noch einige andere Beispiele seien hier erwähnt, in denen das Spielen 
und Verfangen des Windes (mitunter auch menschliches Zuthun) in besonders 
dazu geeigneten Berg- und Höhlenbildungeu glockenartige Töne hervor- 
bringt und entsprechende Sagen veranlasst. Lenz, Timbuktu, II, 54, der 
das Phänomen des tönenden Sandes in der Sahara bespriclit, erwähnt auch 
die Sage der Araber, nach der im Sinai ein verzaubertes christliches 
Kloster liegt, in dem zu Zeiten die unterirdischen Mönche die Glocken 
läuten. Wenn man nämlich den Sinai erklettert, hört man oft einen Ton, 
wie wenn man mit einem hölzernen Schlegel auf eine Metallscheibe schlägt. 
Der Berg heisst davon Dschebel Nakus - Glockenberg. Vgl. Klemm, Allg. 
Kulturgesch., IV, 218 f. Eine Glockenhöhle, „darin es, wenn einer redet, 
wie eine Glocke klingt": Birlinger, Volkst. a. Schwaben, I, 238 f. Meier, 
Schwab. Sag., 345 (vgl. Uhlands Gedicht „Die Glockenhöhle"). Schnee 
weissagendes Klingen wie von Kuhschellen im Felsen: Alpeuburg, Dtsche 
Alpensag., 222 f. Im westlichen Ende von Wurmlingeu soll einst ein 
Schloss gestanden haben. Wenn man auf dem Platze fest auftritt oder im 
Winter mit Schlitten hinunterfährt, so soll man drunten ein unterirdisches 
Klingeln hören: Birlinger, Volkst. a. Schw., I, 239.') In der Grotte zu 
Macayan auf der Insel Marinduque (südl. von Luzon) hört man während 
des Sturmes die Geister musizieren, singen und Glocken läuten: Globus, 
50, 23 L 



1) Auch ein Berg im Gebiet der Huavos (südöstl. von Tehuantepec) tönt bei jedem 
festen Schritt: Globns, (18, 261. In demselben Gebiet befindet sich eine Höhle, in der es 
stark tönt, wenn man gegen die Steine schlägt. Die Huavos glauben, in dieser Höhle 
wohne der Donnergott: Ebda. 262. Wenn man über den Gipfel der Altenbnrg schreitet, 
vernimmt man an mehreren Stellen einen dumpfen Ton gleich fernem Donner: Wolf, Hess. 
Sag., 112: vgl. 127. Wenn man auf den Boden des Felsbergcs bei Reichenbach fest auf- 
tritt, hört man drunten den Riesen brüllen: Ebda., 4(i. Geht man über den Nonnengang 
auf der Heldenburg bei Salzderhelden, so klingt der Boden: Schambarh-.MülIer, Niedcrsächs. 
Sagen, 80. 



Glockeiisagen und Glückenaberglaubp. 109 

Selbstverstäirdlich finden sich aucli in der volkstümlichen Erkläruu"- 
dieser Windgeräusche mancherlei Variationen. So glaubt man ini Berge 
Orgelspiel zu hören: Keusch, 8ag. d. preuss. Samlandes, 6i): vgl. Pröhle, 
Unterharzer Sagen, 70. Oder Klingeln uud Riugelu grosser schwarzer 
Schlangen: Alpenburg, Dtsche Alpensageu, 368. Bienen- uud Hummel- 
summen: Meier, Schwab. Sagen, 97. Laistner, Xebelsagen, 264. Klao-eu 
und Ächzen: Alpenburg, a. a. 0., 5.5. Revue des tradit. pop. VII, 7öO 
(Misteck in Mähren). Lärm unterirdischer (ieister: .Miillenhoff, Schlesw.-H. 
Sag., 283 f. Ztschr. f. d. dtsche Myth., II. 4(1,5 (im Einbecker Holz in der 
Bartholomäus- oder Jakobinacht). Namentlich aber liebliche Musik und 
Gesang: Alpenburg, a. a. 0., 55. Rochholz, Aargausag., I, 134 (wo auch 
anderes). Wolf, Hess. Sag., s. Eisel, Sag. d. Voigtlandes, 101. Pröhle, 
Unterharz. Sagen, 144. Kuhn, Westf. Sagen, 1, 176. Schambach -Müller, 
Nieders. Volkssag., 357. Bartsch, Meckl. Sag., i. 27-_'. Miillenhoff, Schl.-H. 
Sag., 341. 604. Ein Kuhhirt kommt in einen sich (•)ffnenden Teil des alten 
Dannewerkes; an den Wänden hingen unter vielen Kostbarkeiten eine 
erstaunliche Menge Brüllhörner: Ebda., 352. Besonders häufig vernimmt 
die Phantasie des Volkes auch hier Gesang oder Klagen weisser Frauen.') 
Nicht minder häufig das Krähen eines Hahnes =), dessen Ursprung aber 
wohl wieder mehr auf Gewittererscheinungen zurückgeht. 



1) JunfTtrauen singen: Panzer, Beitr., II, l-2n. Aus der Tiefe: Ebda, I, 17. Machen 
in heiligen Zeiten nachts schöne Musik: Ebda., I, 25. Schatzhütendes Fräulein singt traurig: 
Ebenda, I, 3. Jungfrau spielt die Geige auf einer Treppe im Turm: Schambach-Müller, 
a. a. 0., 80; vgl. 357. Singt im Walde: Panzer, II, 157. Aus dem versunkenen Schloss: 
Ebda., I, 65. Auf dem Berge: Ebda., I, 46. 59. 101. 148. II, 140. 159 (Tranergesang). 
Alpcnburg. Dtsche Alpen«;ag., 30. Ztschr. f. d. dtsche Myth., J, 28. Im Berge: Panzer, 
I, 31 (in der hl. Nacht). Alpenburg, a. a. 0., 22. Bartsch, Meckl. Sag., I, 272. In der 
HiJhle bei Schmollen hört man am Johannistage schwache Klagelaute einer Schatzjungfrau: 
Jahn, Pommersche Sag., 214. Die Jungfrau im Ilsenstein hat leise gesungen: einige sagen: 
sie sang alle 7 Jahre. Pröhle, ünterharz. Sagen, 108. Vgl. damit die S. 110 erwähnte 
Glocke der Ilsenstcinsjungfer. Hierher gehören auch wohl die mit Schlüsseln klingelnden 
Jungfrauen: Schambach-Müller, Niedcrsächs Sagen, 96. 

2) Über den Hahn als Gewittervogel s. Meyer, Germ. Myth., 110 f. Hahn und Hund 
als Gewittertiere in Verbindung mit der weissen Frau: Ebda, 169. Krähen des Hahnes aus 
der Tiefe des Berges: Panzer, Beitr, I, 11. 17 f. 38. 62. 72. 77. 117. 124. 135 (zur Zeit des 
Neumondes). 155. 162. 286 If. 309 ff. Kuhn, W. S., I, 239. In fast allen diesen Sagen ist 
aucli vom Schatz, der hütenden Jungfrau und dem Hunde die Rede. — Noch längere Zeit 
nach dem Versinken eines Schlosses oder Dorfes hört man den Hahn krähen: Panzer, 
Beiträge, I, G6. 133. 137. II, 135. 140. 25(3. Birlingcr, Vcdkst. a. Schw., I, n3: vgl. 231. 
•-'34. Meier, Schwab. Sagen, I, 33 f. Aus dem im Brunnen versunkenen Schlosse krähen 
Hähne: Ciu-tzc, Volksüberlief. a Waldeck, 233. Aus dem im Sumpf versunkenen Schloss 
nachts 12 Uhr: Panzer, a. a. 0., I, 187. Alle 7 Jahr: Pfistcr, Sag. etc. a. Hessen-Nassau, 
f<8. In der Weilinachtsmitternacht: Revue des trad. pop. VII, 660 (See von Marlay}. Aus 
einem im Berge versunkenen Sclilosse auf dem Staufenberge liört man drei Tage den 
Gockel krähen, zwei Tage die Jungfrauen singen und einen Tag beten: Panzer, I, 59. 
Ein alter Mann bringt durch Händeklatschen viele HUhnc im Schlossberge zum Krähen: 
Ebda., I, 105. Auf der Osterbirg, wo drei Schwestern wolinlrn, versteinerter Hahn aus- 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 18'J7. 9 



130 



Sagen aus dem Boldecker und Knesebecker Lande.') 

Von Richard Andree. 
(Mit Tafel IIF.) 

Werwolf. \u das (lebiet des Werwolfglaubeus, der Verwaiidluin;- 
eines Mensclieii in ein Tier, gehört die folgende Gescdiichte, die in Lessien 
erzählt wird. Als eine Banerntochter einst auf die Däle des Nachbarhauses 
trat, fand sie dort zu ihrem Erstaunen eine geschlachtete Kuh liegen, der 
man die Haut abgezogen hatte. Sie läuft fort, kommt aber bald wieder 
ufld nun ist die Kuh verschwunden, aber am Herde sitzt die Altmutter 
des Hauses mit verbundenem Kopfe und als nun die Nachbarstochter fragt, 
was aus der Kuh geworden sei, erwiderte die Alte: swig stille, dat bin 
ik wesen. dat mut ik öfter. 

Vampyrglaube ist früher in der Gegend von Wittingen allgemein 
gewesen. Nach den Berichten alter Leute nannte man den Vampyr Doppel- 
sauger, weil er als Kind nach der Entwöhnung so lange geschrieen hat, 
l)is die Mutter ihn zum zweiten Male an die Brust legte. Im Grabe saugt 
der Doppelsauger dann so lauge am Blute seiner Verwandten, bis er sie 
zu sich unter die Erde gebracht hat: vorher aber hat er, stets imi Mitter- 
nacht, seine eigene Brust ausgesogen. Um ihn am Aussaugen der Verwandten 
zu hindern, öffnete man das Grab und stiess ihm mit einem Spaten den 
Kopf ab; dabei erkennt man, dass der Vampyr vom Saugen rote Lippen 
hat. Hat man Verdacht, dass eine Leiche einem Doppelsauger angehöre, 
so nimmt man beim Austragen der Leiche die Hausschwelle (der süll ist 
in allen niedersächsischen Häusern beweglich) fort, dann kann er, wenn 
diese wieder in ihre frühere Lage kommt, nicht wieder ins Haus zurück. 
Auch legt man der verdächtigen Leiche ein Brett zwischen Kinn und Brust, 
damit sie nicht an der eigenen Brust saugen kann oder giebt ihr einen 
Kreuzpfennig mit ins Grab. 

Spuk in Barwedel. Auf dem Stromberge bei Barwedel, wo die 
Bauern sich zu ihren Gemeindeberatungen zu versammeln pflegten, ist 
sonst ein grosser schwarzer Hund gewesen, der sich den Leuten „aufhuckte'-. 
Dort hat man auch einen grossen Hasen gesehen, der aber nur drei Beine 
hatte. Der Teufel heisst dort de lütje öle. aber auch glüswans, weil 
er als feuriger Streifen nachts am Himmel hinzieht (im Brnnns(diweigischen 



•gegraben: Ebda, I, 186. Ein Brunnen im Bicd bei Petersbrunn wurde sei tief gegraben, 
•dass die Arbeiter unten den Hahn aus iler Tiefe l;rähen hörten: Ebda., II, 135. Vgl. 
Schnlenburg, Wend. Volkstum, 168. Krähender Hahn im Innern des Scbatzberges: Haxt- 
hausen, Transkaukasia, I, 330, Anm. Unterirdische Musik, Seufzen, HahnenkrUhen und 
Esclsgeschrei an der Stelle eines -wegen Verspottung des Heiligen versunkenen Ortes bei 
ßlidah in Algerien: Revue des tradit. pop. VI, 526. 

1) Vgl. dazu Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 18%, Band VI, S. 354. 



Saf;en aus dorn ßoMecker uiul Kiu>seb(^ckcr Lande. IUI 

glüstort und dräke). An der Tütenriede, die auf dem Wege von Bai- 
wedel nach Ehra liegt, spukt es oft; dort tritt nächtlicherweile eine Er- 
scheinung auf, die erst wie eine Gans, dann wie ein Rad aussieht und dem 
einsamen Wauderer den Weg versperrt. Das vorlat, d. li. der Vorspuk, 
"las zweite Gesicht, kommt hier bei mauchen Leuten vor (wie auch viel- 
fach im Braunschweigischen). Auch in Jemke geht nachts der schwarze 
Hund um mit Augen „wie Glinimersteine'' '); er vertritt den Menschen den 
Weg und verschwindet beim Kruge des Orts. 

Kloster Wörde. Auf dem W^ege von Knesebeek nach Wunderbüttei 
liegt das dem Vollhöfner Lehmann geh(')rige Ackerstück Wörde; inmitten 
desselben ist eine Vertiefung, welche die Mönchskuhle oder das Teufelsloch 
heisst. üa ist das ehemalige Kloster Wörde versunken, weil seine Insassen 
sündhaft gelebt. Zumal ein Abt, ein wüster Gesell, der früher Soldat 
gewesen, hat es arg getrieben und eine Braut, die sich nicht von ihm 
vergewaltigen lassen wollte, erstochen. Als er zum Sterlien kam, ist sie 
ihm. blutüberströmt, erschienen und er ist in ihrem Blute erstickt. Die 
Mönche haben die blutige Jungfrau noch gesehen; sie eilten nun fort, 
fanden aber nirgends Aufnahme und ihr Kloster verschlang der Teufel. 
Geschichtlich ist das Kloster nicht belegt. 

Die Pfenuigkuhle. Oberhalb Knesebeek liegen fünf .Mühlen am 
Bache, früher waren es deren sieben. Eine heisst die kleine Mühle (lütjen 
möll) und dabei ist die Pfennigkuhle. Deren Besitzer war ein geiziger 
Mann, welcher unruhig nachts umherlief, wobei ihm einmal der Teufel 
begegnete und bis zur Kuhle begleitete. Die solle der Müller voll Geld 
haben, wenn der Teufel dafür das erste lebende Wesen, das jenem bei 
der Heimkehr begegne, erhalten würde. Der Müller versprach das, denn 
er glaubte, sein Hund werde ihm zuerst l)egegnen.. es war aber seine einzige 
Tochter, die der Teufel mit fortnahm, trotzdem der Müller den Handel 
rückgängig machen wollte. Da rief er verzweifelt aus: o not, o grüte 
not, up lütje möll is sin lew ken brot. Die Kuhle aber war voll 
Pfennige, die der Müller dem Dome zu Magdeburg schenkte. ') 

Die Glockenkuhle wird eine Vertiefung in den (Trashöfen ln'i 
Hankensbüttel genannt, die so tief ist, dass man mit einem Heubaum nicht 
bis auf den Grund langen kann. Dahinein ist eine noch ungetaufte (ilocke 
vom Kirchturme in Hankeusbüttel geflogen. 

Der Küker. Auf dem Wege von 15oitzenliagen nach Ivneselieck 
kommt man über eine kleine AnhöJie, der Kükersberg genannt. Dort 
spukt der Küker, der nachts sich dort mit seiner Frau in der Luft zankt 
und prügelt. Eine Frau aus Knesebeek, die in den siebziger dahren 

1) Mitteihiiig des Herrn Uüwel. Es sollen wohl die bekannten zum Ausstreichen der 
Wüsche benutzten Gnidel- oder Gniwelsteine sein. Im schleswigschcn Miirchen haben 
Kobolde „.■Vugcn so gross wie ein Gniedelstein" (Joli. Mcstorf). 

•J) Vgl. etwas abweichend bei Kuhn. Märkische Sagen, S. 33. 

9* 



132 Aiiflreer 

gestorben ist, hat das einmal deutlich gehört, sie ist darüber so in Angst 
geraten, dass sie ganz iu Schweiss gebadet wieder in ihrem Dorf anlaugte. 
Ndd. kükeu, seheu, umschauen, woher wohl der Name des Berges. 

Brennendes Geld bei Lessieu. Lessien, westlich von Ehra, ist ein 
kleines, abgelegenes Heidedörfchen, in dem mancherlei Sagen sich erhalten 
haben. Ein dortiger Bauer, der spät abends von Jemke heimkehrte, sah 
vor dem Orte ein Feuer. Dort brennt Geld, sagte er, nahm seinen Hut 
und raffte ihn voll der feurigen Kohlen, die er mit nach Hause nalira. 
Hier augelangt erhob sich sofort ein gewaltiges Sausen und Brausen, das 
in einen Sturmwind überging, weil de lütje öle, der Teufel, mit dem 
Schatze eingezogen war. Den aber wollte der Mann los sein, darum 
schüttete er die Kohlen auf den Hof und sagte: Da de übel, haste dat 
diu ige. Da hörte das Sausen und Brausen auf. 

Teufelsritt. Ein Bauer aus Lessien schickte früh morgens seinen 
Knecht aus, um sein Pferd von der Nachthude zur Arbeit abzuholen. Statt 
wie gewöhnlich am Ende der Weide, findet er es gleich vorn und mit dem 
Ausruf alle deubel, da bist du all schwingt er sich auf den Gaul. Der 
aber erhob sich sofort mit dem Keiter in die Lüfte, immer höher und 
höher. Da liess in seiner Angst sich der Knecht zur Erde herabfallen, 
wo er olnie Schaden anlangte. Aus der Luft aber ertönte eine Stimme: 
da haste en deubel räen! (geritten). 

Der Momer. Von Kuesebeck nach Vorhop führt der Weg durch 
herrlichen Fichtenwald, der Momerbusch geheissen. Li tiefen WinduugeiL 
in den moosigen, farrnbewachsenen Boden eingerissen, durchi-auscht ihn 
ein Bach. An der Stelle sei es nicht geheuer, berichtete uuser Kutscher, 
•ein Wittinger Kind; wer nachts durch diesen finsteren Busch geht, sieht, 
dass die Bäume lebendig werden und aus dem Bache steigt ein Schimmel 
hervor, darauf sitzt ein Mann ohne Kopf, der verfolgt den Wanderer bis 
an den Rand des Waldes. 

Der Ursprung der Ohre. Die Ohre, welche unterhalb Magdeburg 
in die Elbe mündet, entspringt auf Schulzenhof in Ohrdorf, dessen Besitzer 
jetzt der Vollhöfner Dirks ist. Die Quelle war früher oifen, ist aber jetzt 
verdeckt und das Volk sagt, die Ohre entspringe unter Schulzens Feuer- 
herd. Da ist einmal ein Handwerksbursche gekommen, der hat dort die^ 
Quelle gesucht, sich aber dabei die Hand verbrannt. 

Der Spring bei Jemke. Xördlich von Jemke auf dem Flurstücke, 
das Könnenkorts Riebe heisst, sprudelt ein starker Spring aus dem Abhänge, 
der schon gleich darauf Ziegenbeius Mühle treibt. Der Spring aber ist so 
entstanden: Als bei Jemke einmal eine Schlacht geschlagen wurde, rief 
der Führer der einen Truppe aus: „Wir gewinnen sie so sicher, als ich 
meinen Degen hier iu die Erde stecke." So thut er, und da sprudelte- 
gleich die Quelle auf. (Von einem Bauern in Jemke.) 



Sagen aus dem Boldecker und Kneseljecker Lande. 133 

Der Breitenstein bei Radebeek. Bis vor einigen Jahren lag bei 
Kadonbeck der breenstein, ein gewaltiger erratisclier Block: der hat. als 
«r weggeholt wurde, 29 Fuder Steine geliefert. Yen ihm erzählt man. 
<lass die Hünen, die noch im heidnischen Boitzenhagen wohnten, ihn aus 
Ärger über die Einführung des Christentums in einem slappslenker 
(Schleuder) nach dem Radenbecker Kirchturme hingeschleudert hätten. 
Er sei aber zu kurz geworfen und vor der Grenze der Feldmark liegen 
geblieben. 

Der Kreuzstein ist auf den Karten verzeichnet: er liegt am Nord- 
westrande des grossen Bockling genannten AValdes auf der Grenze der 
Kreise Isenhagen und Gifhorn und gehört dem Oirafen v. d. Schulenburg. 
Es ist ein über 1 m hoher stumpfer Kegel, der durch einen senkreehtcTi 
Sclinitt in zwei Teile gespalten erscheint. Mit der Gestalt eines Kreuzes 
hat er nichts zu thun und der Name seheint modern, unter dem Kreuz- 
stein liegt ein goldener Sarg begraben. Den zu heben liaben sich einst 
nachts drei starke Männer dorthin begeben, die, wie es Vorschrift ist, sich, 
ohne ein Wort dabei zu sprechen, an die Arbeit begaben. Den oberen 
Kegel des Steines konnten sie bewältigen, darunter lag aber eine gewaltige 
Steinplatte, die aller Anstrengung spottete. Da haben sie den Kegel wieder 
<\n seine Stelle gesetzt und sind fortgegangen. 

Der Brudersteiu bei Ehra. Hinter der Brisein. einem Flurstück, 
durch welches bis 1868 noch der Weg von Ehra nach Brome führte, lagen 
zwei mächtige erratische Granitblöcke, die Ähnlichkeit mit zwei neben- 
einander anges])annten Ochsen hatte. Sie hiessen der Bruderstein und von 
ihnen erzählte man, sie seien in Stein verwandelte Ochsen. 

Ein Bauer hatte nämlich die Gewohnheit, den Sonntag dadurch zu 
•entheiligen, dass er mit seinen Ochsen zur Mühle fuhr. Eines Soimtags 
begegnete ihm nun hinter der Brisein ein freuidartig gekleideter Mann, 
der ihm über diese Entheiligung Vorwürfe nuicht. Da Hess ihn der Bauer 
grob an. aber der Fremde murmelte ein paar Worte und da wurde der 
Bauer in einen Eichbaum, der Wagen in einen Dornbusch und die beiden 
Ochsen in die zwei Steine verwandelt. Dornbusch und Eiclibaum sind 
längst verschwunden: aber die Steine lagen bis 1868: da erhielt bei der 
Separation der Kötner Dörrheide den Plan mit den Steinen; er schenktL' 
sie dem Müller Ble\ er, der sich damals in Ehra anbaute. Dieser sprengte 
<lie Steine und benutzte sie zur Grundmauer seines neuen Hauses. Dort 
aber, so sagten die Leute, müsse es mit der Zeit spuken.') 

Der Glockenstein bei Rade. '2 /an östlich von Wittiiigeii liegt 
rechts im Graben der mit hohen Birken bepflanzten Landstrasse ein un- 
gefähr 1 m breiter Stein, auf beiden Seiten ist nocli undeutlich eine Art 
Kranz zu erkennen, darüber eine Figur, wie etwa ein Ilflui. i'ls ist mittel- 

1) Abweichend .Di.- verwandelten Steine bei Elira" in Kuhn. Märkische Sagen, S. -23. 



134 Aiidree: 

alterliche Ai'beit. Der Stein besteht aus sehr weichem Kalkstein, in den 
Wanderer ihre Namen eingeritzt haben; vielleicht. ist es ein alter Grenzstein. 
Von ihm wird eine Sage erzählt, die sieh mit jener des Glockengiessers 
von Breslau deckt und der Stein wurde da errichtet, wo der Meister den 
Lehrjungen erschlug. Der Stein hat seine Geschichte: Er lag im Dorfc 
Rade als Trittstein vor dein Schulzeschen Hause — dort wurde aber das 
Vieh unruhig und riss sich los (ein oft wiederkehrender Zug in Häusern, 
wo es spukt); dann benutzte man den Stein als Mundstück eines Back- 
ofens, nun geriet das Brot nicht mehr, und jetzt ist er an seine alte Stelle 
gekommen. Es lohnt kaum der Mühe, ihn aufzusuchen, so verwischt und 
undeutlich ist alles an ihm. Da Kalkstein in der Gegend nicht ansteht, 
muss er aus der Ferne hierher gebracht sein. 

Der Bickelstein. In menschenleerer Einöde, fernab vom Verkehr, 
mitten in der weiten Heide, die nach ihm benannt ist, liegt der Bickelstein, 
auch Bickenstein und Pickelstein genannt. Auf massiger Sanddüne, die 
von Heidekraut und jungem Kiefernwald bestanden ist, erhebt er sich 
nrächtig, abseits östlich von der Strasse, die von Ehra nach Boitzenhagen 
führt, 4 km nördlich von Ehra, 2 7= km südlich von Boitzenhagen. Ein 
gewaltiger, rötlicher, erratischer Granitblock, in der grössten Länge "2,5 m, 
messend und 1,20 «* hoch. Die Hauptansicht ist von Osten her, von wo 
aus er die Gestalt eines plumpen Sofas oder eines grossen Lehnsessels hat, 
mit einer Lehne von 0,55 m Höhe und einem Sitze von 0,65 m Breite. 
Das eigentümliche an ihm ist nicht seine Grösse, denn es giebt noch 
grössei'e in der Heide, die zur Eiszeit von Schweden hierher auf dem 
Rücken des grossen nordischen Gletschers geschafft wurden, sondern die 
sieben Hufeisen und die sieben Kreuze, die künstlich in ihn eingehauen 
sind. Diese sind es auch, die ihm den niederdeutschen Xamen verschafft 
haben; eine bicke ist eine spitze Steinhaue, inbicken einhauen; die 
Form Bickenstein ist daher die richtige. Auf den Karten aber steht er 
als Bickelstein und nach ihm ist die ganze umgebende Heide benannt. 
Weit ab von allem Verkehr in der Heide, wo nur die Lerche ihr Lied 
singt und die zahlreichen kleinen Bläulinge über dem Heidekraut flattern, 
zwischen den jung aufstrebenden Kiefern macht er mit den seit uralter 
Zeit in ihn eingehauenen Zeiclien einen ergreifenden Eindruck und die 
Phantasie wie die Sage beschäftigen sich lebhaft mit ilim. Was Wunder, 
dass die Hufeisen mit Wodan in Verbindung gebracht wurden, die Kreuze 
mit dem Siege des Christentums über den heidnischen Glauben, dass seine 
Form ihn zum Opferstein stempelte, oder zu einem Gerichtssitze — wie 
all derlei Vermutungen mündlich oder scln'iftlicli aufgestellt worden sind. — 

Ich gebe hier eine Abbildung des Steines von drei Seiten (Tafel HI); 
wie ich vermute, die erste. Eine Photographie würde nicht gut das Ganze 
wiedergeben, da die Zeichen oft in Vertiefungen oder an Krümnmngen 
des Steines liegen, über den sie ganz regellos zerstreut sind. Alle von 



Sagen aus dem Boldeckcr und Kiiesebctker Kreise. 135 

einem Standpuukte aus zu überselien. ist niclit niöolicli um.l das Skizzieren 
gelang mir erst dann, als ich weissen lleidesaud in die Vertiefungen ein- 
gestreut hatte. Es ist bei den sieben, unregelmässig über den Stein zer- 
streuten Hufeisen zu bemerken, dass sie in Grösse und Form (etwa 10 cm 
lang und 10 cm breit) ganz moderneli Hufeisen gleichen, nur weniger am 
offenen Ende zusammengezogen als diese und daher in der Form an ein 
lateinisches T' mahnend. .\lle sind mit sogenannten Stollen versehen, die 
wohl bei den ältesten Hufeisen noch niclit vorlianden waren. l<]ine einfache 
Kosstrappe, d h. der Abdruck des unbeschlageneii Pferdehufes sind sie 
nicht, was einer mythologischen Deutung, einer Hinweisung auf Wodan, 
im Wege steht. Zwischen und neben den Hufeisen erscheinen, ebenso 
nnregelmässig, die sieben einfachen Kreuze. Alle Figuren sind scliarf. 
ungefähr 1 cm tief in den Granit eingehauen; es sollen, da einige mit der 
Zeit flach und undeutlich geworden waren, Nachbesserungen stattgefunden 
haben, wie übereinstimmeml mir in den benachbarten Dörfern erzählt wurde. 

In Ehra und Boitzeidiagen erzählt man die Sage vom Bickelstein 
folgendermassen: Im dreissigjährigen Kriege kam ein schwedisches Heer 
unter dem Könige Gustav Adolf nach der Hickelsteiuer Heide; die von 
den Kaiserlichen verfolgten Schweden waren sehr ermüdet und glaubten 
sich hier in der Heide sicher, so dass ihr Feldherr sich beim Bickelstein 
zum Schlafen niederlegte, vorher aber den Befehl gab, dass bei Todesstrafe 
ihn niemand vor Ablauf von vier Stunden wecken dürfe. Als er kaum 
zwei Stunden geschlafen hatte, sah man den Feind in grossen Haufen von 
Bockling (einem Walde im Südwesten) her anrücken: wiewohl nun die 
Gefahr mit jedem Augenblicke wuchs, wagte es doch niemand, den Führer 
zu wecken, bis endlich einer seinen Lieblingshund auf ihn warf. Davon 
erwachte er, erschlug aber den Hund und setzte sich, die drohende Gefahr 
überschauend, auf sein Ross. Xur der Weg nach dem Malloh (Wald im 
Nordwest) war noch frei, auf drei Seiten war er umzingelt. Da sank ihm 
der Mut und er rief aus: „So wenig, als mein Pferd in diesen Stein treten 
und ich mit meinem Schwert hineinhauen kann, so wenig werden wir noch 
sii'gen." Damit sprengte er auf den Stein. Alsbald wurden die Spuren 
der Hufeisen darin sichtbar und die Kreuzhiebe des Schwertes zeichneten 
sich so scharf darin ab, als wäre der Stein Butter gewesen. Das Wunder- 
zeichen aber beg(!isterte die Krieger so, dass sie sicii durclischlugen und 
die Hau])tschlacht gewannen, die hinter dem Malloh am Scliarfenberge 
geschlagen wurde.') 

Eine andere Form der Sage lautet: Da, wo Jet/.t der Stein liegt, 
schloss der Sachse Wickel oder Bickel eine Scliar feindlicher Franken ein. 
Di'in Obersten der Franken bot Bickel die Freiheit an. wenn er den Stein 



1) Etwas aliweiclicnd bei Kulm uiul ScliwarU. Norddcutsilii' Sa},'eii, S. 268. Vor;; 
aufli Kulm, Märkische Saircn. S. 89. 



136 Kaindl: 

umreiten und dabei sein Pferd ein Hufeisen gegen densellien sclileudern 
werde. Das geschah und der Frauke kam frei. 

Offenbar sind die verschiedenen Lesarten der Sage erst entstanden, 
als das Volk die Hufeisen und Kreuze am Stein aufgefunden hatte und 
sie zu deuten suchte. Wie alt aber diese Zeichen sind, darüber fehlt alle 
Nachricht. 



Lieder, Neckreime, Abzählverse, Spiele, Geheimspracheu 
und allerlei Kunterbunt aus der Kinderwelt. 

In dLM- Bukowina und in Galizien sesammelt von Prof. Dr. Raimund Friedr. Kai'ndl. 



Die vorliegende Sammlung ist die Frucht langjähriger Sammelthiitigkeit. 
Von vornherein stand bei mir der Grundsatz fest, dass icli hierbei nicht 
eklektisch verfahren dürfe, sondern alles sich darbietende aufzunehmen sei. 
also nicht nur das „Ländlich-Sittliche" und Schöne, sondern auch das 
Unschöne, ^'ur dann kann nämlich das vor unseren Augen sich entrollende 
Bild als ein naturwahres bezeichnet werden und für den Volkskundigen 
von Wert sein. Eine derartige Sammlung ad usum Dephini zugestutzt, 
wäre nur geeignet, irrige Ansichten hervorzurufen und müsste als wertlos 
zurückgewiesen werden. 

Gesammelt habe ich in der Bukowina und in dem benachbarten Teile von 
Galizien: aber ich könnte auch nicht von einem einzigen A'erschen bestimmt 
behaupten, dass es nur dieser oder jener Gegend eigen sei. Hatte ich an 
einem Orte eines erfahren, so brauchte ich anderwärts nur wieder daruacli 
zu fragen, und ich bekam es genau in demselben Wortlaute oder doch in 
einem sehr verwandten zu hören. Daher habe ich auch bis auf einzelne 
Fälle die näheren Angaben über den Ursprungsort unterlassen. Die meisten 
sind in Czernowitz und in Kuty aufgezeichnet. 

Die Verschen sind zumeist deutsch, polnisch und ruthenisch; nach 
diesen Sprachen habe ich sie geordnet. In manchen Fällen konnten 
bezüglich der Einrechuung Zweifel entstehen, weil viele der Reime Wörter 
aus zwei der genannten Sprachen aufweisen, oder auch rumänische, 
ungarische, lateinische und französische Worte enthalten. Diese Buntheit 
ist ein charakteristisches Merkmal der Bukowina, auf deren kleinem Gebiete 
sich so manigfaltige Volkselemente angesiedelt haben und die in dieser 
Beziehung ein getreues Abbild Österreichs ist. Kein Wunder, dass in den 
Kinderköpfchen mitunter eine geradezu babylonische Sprachverwirrung 
Platz greift und sie in ihre Reden anderssprachige Brocken in bunter Folge 
einfügen. Heispiele liierfür findet man in der Skizze „i\.us der Kinderstube". 



Allerlei Kunterlmnt aus d'-r Kinderwelt. I37 

In Jerselben habt- ich eine Reihe von charakteristischen Zügen aus dem 
Kinderleben -zusammengefasst, die sich ausserhalb dieses Zusammenliaiigcs 
weniger gut zur Darstellung bringen liessen. 

Für das Verständnis der nicht deutschen Texte und Worte ist durch 
<lie Übersetzung und Erklärung wohl genügend gesorgt. Ich war bestrebt, 
xVie Übersetzung möglichst wörtlich anzufertigen, und habe mich daher 
fast ausschliesslich der ungebundenen Rede bedient. Da die Volksdichtung 
der Deutschen in der Bukowina mit der deutschen Dichtung im Westen 
in Vielfachen Beziehungen steht, wie icli dies an anderer Stelle nach- 
gewiesen habe'), so ist es selbstverständlich, dass auch diese Beziehungen 
in den Kinderreimen und Spielen hervortreten. p]s mögen hier die Be- 
merkungen genügen, dass z. B. der Kettenreim „Meine Herrn ....", 
welcher unten in zwei Versionen mitgeteilt wird (No. 63/4). auch in ver- 
schiedenen Gegenden Deutschlands verbreitet ist^), sclion (löthe bekannt 
gewesen zu sein scheint') und im Wuuderhorn bereits mitgeteilt ist.*) Das 
bekannte Verslein vom Schwed" und Osenstiern liat auch in die Bukowina 
seinen Weg gefunden (No. 83). und das April- und 3[ainarreu findet hier 
mit Verslein statt, 'die jenen im Westen sehr ähnlich sind.') Scliliesslich 
sei nur noch darauf liingewieseu. dass auch das Verslein vom ..lieben Augustin- 
unvergessen bleibt (Xo. 58). 

Meine Arbeit hätte nicht einen so reichen Erfolg aufzuweisen, wenn 
ich nicht treue Mitarbeiter gehabt hätte. Seit den ersten Anfängen meiner 
Sammlung unterstützte mich bei derselben meine Schwester und Jugend- 
gespielin Olga, und hierauf gesellte sich mit einer reichen Efllle von 
Erinnerungen meine Frau Ludmilla hinzu. Vieles verdanke ich auch 
unseren anderen Verwandten und Freunden, sowohl den grossen als den 
kleinen. Dass zu der Arbeit nicht geringe Ausdauer gehörte, darf man 
uns wohl glauben. Doch nun schliessen wir mit einem frohen Schreiber- 
verse, der zwar in keinem alten Codex sich findet, um so häufiger aber in 
unseren Heften zu lesen war: 

Ende, Ende. Ende, 
Wie IVoh sind meine Hände; 
Wie froh ist mein Sinn, 
Dass ich nun fertig hin. 

1; ..Dil- Volksdichtung der deutschen .Ansiedler in der Bukowina in ihrer Beziehuuf,' 
zur doutscli.ii Dichtung im Westen" (Wiss. BcLlago der Leipziger Zeitung 1896, \o. 15; 
und .Licbcslieder der Deutschen in der Bukowina" (ebenda No. 76}. 

■-' Vgl. „km L'rdsbrunnen-. VII, 1!»1 und ..Am Urquell", I, U5 und 171. 

3* In „Auerbachs Keller" lässt sich Mcphistopheles folgen dermassen vernehmen: 
-Trauben trägt der Weinstock, Hörner der Ziegenbock: der Wein ist saftig. Holz die 
Koben u. s. w." 

4 Reclam'sche Ausgabe, S. 812 f. 

5) So teilt A. Trcichel .Am Urquell", IV, 103 die Verskin mit „April, April! ich 
kann dich schicken, wo ich will!" und „Mai, Mai! da fährt ein Fuder Heu!" Vgl. auch 
,Am Urquell", III, 140 und IV, 55 und 174. 



138 Kaiudl: 

Oder: Ende, Ende, Ende, 

Pisac juz nie bed^. ') 

I. Aus der Kinderstube. 

Der „Storeli" oder das „Hochwasser" liaben soeben ein Kindchen 
gebracht; da heisst es l^uhe halten! Diese schwierige Anfgabe ist der 
ältesten Schwester zu Teil geworden, die auch redlich alle Kräfte auf- 
bietet. Das kleinste Brüderchen lehrt sie „brrr-machen", indem sie 
bald ihren Finger, bald den seineu über seine oder ihre Lippen streicht. 
Hierauf macht sie mit ihm „baram-baram-buc""), wobei sie diese Silben 
taktmässig aussprechend, dem Takte entsprechend ihre Stirn an diejenige 
des Kiudleins sanft stösst. Das Schwesterchen, welches gestern aufs Feuer 
gespuckt hat und nun dafür einen Aussehlag am Gesicht bekam, lässt sie 
„aaa sagen" und schlägt ihm hierbei mit der Hand auf das Genick, so 
dass jenes lange a sicli in eine für das kindliche Ohr sehr melodische 
Reihe a'ou a-a-a auflöst. Da dies für die Dauer dem „Engel mit B"*) 
nicht gefällt, auch allerlei Versehen nicht verfangen, so fängt sich sein 
Mündchen bereits verdächtig an zu verziehen: da hat aber die kluge 
Wärterin noch zur rechten Zeit den guten Gedanken, den Vorschlag zu 
machen, sie werde Röschen „na barana*) tragen". „Ja, ja, na barana, na 
barana!" ruft dieses und ist schon auf dem Stuhle, um von hier der Schwester 
auf den Rücken zu steigen, indem es sich mit den Händchen an deren Halse 
festhält. Diese fasst auch noch die Füsse Röschens und trägt nun dasselbe 
im Zimmer umher. Eines der grösseren Brüderchen lässt sich nicht diese 
günstige (ielegenheit entgehen, sich nach dem Preise des Schäfchens zu 
erkundigen: die Hauptsache hierbei ist. dass das Bübchen bei dieser Nach- 
frage das Schwesterchen zwicken darf, natürlich nur, um sich zu überzeugen, 
ob dasselbe fett sei. Da indess das Schäfchen seiner Trägerin zu schwer 
geworden ist, aber auch nicht freiwillig vom Rücken herab will, so wird 
der Kunstgriff des Pfefferstossens angewendet. Die Schwester tritt an 
die Wand und stösst leicht mit ihrer Bürde an dieselbe. Das Pfefferstossen 
gehört ganz unzv^'eifelhaft zum Schäfchentragen, aber es maclit dieses doch 
lästig, uud so rutscht schliesslich Röschen doch zu Boden. Kaum ist es 
aber unten, so verlaugt es auch schon ,.ua gorgosche (korkosche)*)". 
und da den dringenden Bitten, die mit „goldene, silberne, diamantene 
Schwester" eingeleitet werden, uud zu einer Hochflut von Thränen anzu- 
schwellen drohen, nicht auszuweichen ist, so wird Rosa auf den Tisch 
gesetzt und setzt sich von hier der Schwester derart auf das Genick, dass 



1) Polnisch = ich werde nicht iiinhr schreiben. 

2) Bedentungslosi' Silben. 

3) Das heisst B-i'ngel. 

4) Baran = Schaf, also wie ein Schaf tragen. 

5) Unverständliches Wort. 



Allerlei Kiiiitiilniiit aus der Kiuderwclt. l:i>) 

die Beiucheii dorselben vorn auf der Brust lierabhäugeii. Xachdeni liierauf 
die Schwester Röseheus Häude ebenfalls nach vorn gezogen hat und diese 
festhält, beginnt wieder das Auf- und Abgehen im Zimmer. Da aber das 
Kindchen vor eitler Freude gar zu laut zu jauchzen beginnt, hält es die 
Schwester für nötig, ihm die Wowa (Wauwau), den Didu (Alter. Bettler), 
den Rauchfangkehrer und Kastelbinder, die insgesammt die unartigen 
Kinder wegnehmen, in Erinnerung zu bringen. Auch die Drohung, dass 
der hl. Nicolaus nichts oder nur eine Rute bringen, und dass zu Weih- 
nachten das Christkind mit dem Bäumchen nicht kommen werde, wird 
nicht vergessen. 

Bisher hatten glücklicherweise die beiden älteren Brüderchen ruhig in 
einer Zimmerecke gespielt. Zunächst hatten sie das „Feilerspiel" »e- 
trieben. R. legt eine alte Schreibfeder quer über den ausgestreckten 
Zeigefinger und sagt Schüssel-Schüssel, M. sagt Schüssel-Kopf und lässt 
sodann eine ebensolche Feder so fallen, dass sie auch die von K. am 
Finger balansierte mitreisst. Nun sehen beide nach, wie die Federn gefallen 
sind. Liegen beide Federn mit der ausgehöhlten Seite aufwärts, so gehören 
sie R.: liegt eine mit der ausgehöhlten und die andere mit der erhabenen 
Seite hinauf, so gehn sie in M.s Eigentum über; würden beide mit dem 
Kopfe nach aufwärts gefallen sein, so hätte keiner gewoimen, noch verloren. 
Hierauf wurde „Messer gespielt". Das Spiel ist nicht ganz ungefährlich: 
aber damit die „Stricke" ruhig seien, muss es doch geduldet werden. Bei 
diesem Spiele wird das geknickte Messer so gegen den Boden geworfen, 
dass es mit der Spitze der (grossen) Klinge in demselben stecken bleibt. 
Ruht hierbei das entgegengesetzte Ende der Sclialen auf dem Boden, so 
gilt der Wurf 10: kann man zwischen dieses Ende und den Ho<len zwei 
Finger stecken, so gilt der Wurf 20 u. s. w\; fällt das Messer mit der 
Rückseite auf den Boden, dass es stehen bleibt und die Messerspitze nacli 
aufwärts gekehrt ist, so gilt der Wurf 100: wird das 31esser völlig auf- 
geklappt geworfen und bleibt senkrecht in dem Boden stecken, so wird 
der Wurf mit 1000 berechnet. Sobald einem Werfenden das Messer zu 
Boden fällt, ohne etwas „gemacht" zu haben, so kommt der andere .Mit- 
spieler an die Reihe. Wer schneller eine gewisse Summe erreicht, hat 
dem anderen eine „burda"') gegeben. Dieser Fall war eben eingetreten; 
iler eine hatte gesiegt und war voll Freude vom Boden aufges]irnngen: 
nun stand auch der andere auf, aber mit bösen ..Hintergedanken" und 
Hugs hatte er dem Partner, der ihm den Rücken gekehrt hatte, mit dem 
emporgehobenen Knie einen Stoss in den „Allerwertesten" oder die „stara 
panna" (altes Fräulein) appliciei't; darauf natürlich arges Erbosen auf .der 
überrumpelten Seite, 3Iiene zum Raufen, beschwichtigendes Einschreiten 
der ältesten Schwester: „Er hat dir Ja nur einen stilczyk (ein Sesselchen) 

1) Burda = poliiisih Hader, Liinn':' 



140 Kaindl: 

gegeben, daiiiit du nicht stehst." Das war ein Wort am rechten Ort und 
stellte den Frieden sofort her. Die Knaben hätten sich gleich noch einige 
andere herbeigewünscht, um sich in eine Reihe hinter einander zu stellen 
und nuf das Kommando „babka kazala stilczyka daty" (das Gross- 
mütterchen befahl ein Sesselchen zu gebeu) einer dem anderen den eben 
erwähnten Stoss zu versetzen. Da dies nun aber nicht möglich war. so 
entschädigte sich der früher Geschlagene damit, dass er seinem Bruder 
einen Schlag gab und hierbei sagte: „Gieb weiter!" Dieser versetzte ihn nun 
dem Schwesterchen, dieses der Schwester-, auf der er woiil auch sitzen blieb, 
weil das kleinste Brüderchen noch „zu dumm" war, um Schlag von Schlag 
zu unterscheiden. Um weitere Ausschreitungen hintanzuhalten, verspricht 
die Schwester die merkwürdige Geschichte vom Fischteich zu erzählen. 
Da hierbei auch gezeichnet werden soll, so sind die Kinder damit zufrieden. 
Nun wird das kleinste Brüderchen auf den Tisch gesetzt, die anderen nehmen 
auf den Stühlen Platz und die älteste Schwester legt ein Blatt Papier vor 
sich hin und ergreift die Feder. „Es war einmal ein Teicli". sagte sie 
und zog auf dem vor ihr liegenden Papier eine Ellipse; „darin waren viele 
Fische", worauf auch diese durch zahlreiche Striche bezeichnet wurden; 
„unfern des Teiches stand ein Wächterhaus mit einem Fenster und einer 
Thür", erzählte sie weiter, indem sie zugleich eine mit einem Punkte 
in der Mitte und einer kleinen Fortsetzung als Thür zeichnete ; „vom Hause 
führte zum Teiche ein Steg" (derselbe wurde durch zwei parallele Linien 
angedeutet); „um Fische zu stehlen, kamen zu diesem Teiche einmal viele 
Diebe" (wobei an der dem Wachthause entgegengesetzten Seite des Teiches 
mehrere Striche angesetzt wurden); „durcli die rechtzeitig erschienenen 
Wächter sind sie aber am Diebstahl verhindert worden" (auch diese wurden 
durch zwei Striche bezeichnet); „und — da habt ihr eine Gans!" „„Sehr 




scliön, selir schön!"'" rief der eine der kleinen Kunstkenner und stiess 
hierbei so unsanft an die Feder der Schwester, dass am Tische ein arger 
„Jud"*) oder ein „Schwein" (zyd. swinia) entstand. Da rief schon auch 
der andere Kange: „Hurrnli. jetzt haben wir aucli einen Teich und können 

1) DiesiT Ausdruck koniuit für den unbealisiclitigten Tintenfleck schon im IG. Jalir- 
hundert vor. 



Allerlei Kunterbunt aus der Kinderwelt. 141 

„ryby lapac"'), indem er auf deu unter seinem am Tische sitzenden 
Brüderehen hervorquellenden See hinwies. „Ja, so stellt es. wenn man mit 
Feuer spielt; habe ich dir nicht gesagt, du sollst mit dem brennenden 
Span nicht herumfuchteln!" rief die geplagte Wärterin, indem sie sicli 
anschickte, das Unglück gut zu machen. 

Diese Kunstpause benutzen die beiden Knaben, um sich aus der Stube 
zu drücken. „Rührt keine Kröten an", ruft ihnen noch die Schwester 
besorgt nach, „sonst könntet ihr wieder Wimmerl bekommen, wie neulich." 
Aber dies hat wenigstens E. schon kaum gehört. Wie ein Blitzstrahl ist 
er in den Garten gefahren und hat eine Handvoll Gras gerauft, mit der 
er M. entgegenstürmt. „Grünes!" ruft er diesen an; und da M. vergebens 
alle Taschen seines Höschens durchsucht und auch im Rock kein „Grünes" 
findet, so hat er „Grünes verloren" uud muss den Kreuzer hergeben, den 
er heut früh erhalten hat, damit er ruhig sei. „Nun werden wir Knöpfe 
spielen" macht einer den Vorschlag. Darauf wird unter einer Wand ein 
grasfreier Platz gesucht und liierauf kommen allerlei Knöpfe und Spiel- 
münzen aus den Taschen hervor. „Kopf ist mein, Adler dein!" ruft R.. 
indem er den Kreuzer zu Boden fallen lässt. Da die Münze mit dem 
Adler nach aufwärts liegt, so hat 31. das Spiel zu beginnen. Er wirft mit 
einem Knopfe gegen die Wand und lässt ihn am Boden liegen, wohin er 
gefallen ist. Hierauf wirft R. mit einem Knopfe gegen die Wand. Sobald 
auch dieser zu Boden gefallen ist, misst er von seinem Knopfe zum anderen 
mit der Spanne. Erreicht er den Knopf des M., so gehört auch dieser ihm: 
erreicht er ihn nicht, so bleiben beide liegen. Nun wirft wieder M. und 
da dieser von dem oben geworfenen Knopf thatsächlich einen der früheren 
mit der Spanne erreichen konnte, so beansprucht er alle drei. R. macht 
aber noch Umstände, weil der Knopf doch so weit entfernt ist, dass M. 
ihn kaum mit der einen Fingerspitze berühre. „Das Blasen soll entscheiden!" 
rufen beide, wie aus einem Munde. Nun beugt sich R. herab und 'bläst 
stark gegen den Knopf; dieser sitzt aber doch genug fest unter dem Finger 
und so streicht M. selbstvergnügt die drei Knöpfe ein. Auch weiterhin 
hatte R. Unglück und nachdem er noch einige Knöpfe von seinen Hosen 
verspielt hatte und aucli der Kreuzer wieder in den Taschen M.'s war. 
schleichen sie wieder zurück ins Zimmer. 

Hier Hess iuzwischen die getreue Wärterin die beiden Kinder „Kuck- 
Kuck(Kuckuck)-spielen". Eins von ihnen versteckt sicli hinter einen 
Kasten, Stuhl oder dergl. und fordert durch den Ruf „Kuck-kuck!" das 
andere zum Suchen auf. Um das Spiel tiicht stocken zu lassen, versteckte 
sich mitunter die Schwester auch selbst. R. holte hingegen aus einer Ecke 
ein altes Buch hervor, zwischen dessen Blätter er allerlei Bilder gelegt 



1) Ryby lapat; = Fische langen: mit dieseni .■ausdrucke pllest man besonders das 
Bettnässen zu bezeichnen. 



142 



Kaiiidl: 



hatte. M. besitzt dagegen nur einige Bilder, die er ebenfalls herbeiholt. 
„Wie viel Mal lässt du mich für dieses Bild .aufschlagen'?" beginnt er. 
„Dreimal", sagte K. und uuu darf M. dreimal das Buch aufklappen. Findet 
er au den aufgeklappten Stellen Bilder, so gehören sie iiini; findet er nichts, 
so hat er eben verloren, denn das eingesetzte Bild verfällt dem Besitzer 
dieser „Bilderlotterie". 



II. Kunterbunt. 



1. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 4. 

Gott hat mir einen Brief geschrieben, 
Wenn ich wüsste, wo er ist, 
Hätt' ich ihm die Hand geküsst. 



2. 1, 2, 3. 4, 5, G, 7, 

Gott hat mir einen Brief Kcschrieben, 
Ein für mich, ein für dich. 
Ein für Kaiser Karl Friedrich. 

."{. Euer Wohlgeboren, 

Mit zwei langen Eselsohren: 
Eselsohren abgeschnitten. 
Bleibt der Esel in der Mitten. 



Kann nicht polnisch, kann nicht deutsch, 
Kommt der Vater mit der Peitsch', 
Kommt die Mutter hinterdrein. 
Schlägt mir alle Rippen ein. 

5. Kurz und dick. 

Ist auch ein Stück. 

6. A. Gott im Himmel! 

B. Dein Schatz ist ein Lümmel. 

7. A. Gott, mein Herrl 

B. Dein Schatz ist ein Bär. 

8. Bist bös? Iss Käs! 



9. Erster Förster, zweiter Reiter, dritter Rittei', vierter Krepierter, fünfter 

Verschimpfter, sechster Verhexter, siebenter achter Verlachter (Ver- 

kackter), neunter Verschweinter, zehnter Verhöhnter. 



10. Hier, in dieser gelben Butter. 
Liegt begraben Martin Luther; 
Martin Luther steh" mir bei. 
Bei der grossen Scheusserei. 



11. A. Dort liet:t Martin Luther 
In weicher Butter. 
B. Weiter guck, 

Liegt in derselben Johann Xepomuk 

Schöne Minka, ich muss scheussen, 
Und du musst mir Papier reissen. 



12. 



13. Peter und Paul. 

Die Buben (Mädchen) sind faul. 
Die Mädchen (Buben) sind frisch. 
Wie der goldene Fisch. 

14. Peter und Paul. 

Die Buben (Mädchen) sind faul. 
Die Mädchen (Buben) sind fleissig, 
Um ein Gulden dreissig. 
oder: 

Die Buben (Mädchen) sind scheussii 



15. Regen-, Regentropfen, 

Die Buben (Mädchen) muss man klopfen 
Die Mädchen (Buben) in das Federbett, 
Die Buben (Mädchen) in den Gänsedreck. 



16. A. Es lässt dich jemand grüssen. 
B. Wer? 
A. Der alte Bär mit zwei Füssen. 



17. A. Weisst du was? 

B. ') Kapusta niii kwas (= Kraut mit 
Säure). 



1) In dioser und in der folgenden Nummer antwortet B. in der angegebenen Weise, 
wenn er es weiss, dass ihn A. vexieren will. Fragt dagegen B. mit ,was?" zurück, so 
spricht A. die folgenden Worte. 



Allerlei Kuntorhmit aus 
19. 



1er Kindrrwi'lt. 



A. Was wiilsl chi lifber 
BlutV 

B. Mist — A. Bist ein Christ 
B. Bhit — A. Bist ein Jud. 



143 

Mist oder 



18. A. Weisst du was? 

B. (Kapusta mit kwas); 

Wenn's regnet, ist es nass. 
Wenn's schneit, ist es weiss: 
Wenn's friert, ist Eis. 

20. A. (zwickt den B. und fragt ihn hierbei) Wie heisst duV 

B. ruft „Au!'^ oder etwas ähnliches nnd wird wegen dieses sonderlichen 
Namens ausgelacht. 

21. A. Es waren zwei Leute, Anton und Ziehmicii. Wie hiess der zweite? 
B. Ziehmich! (nun zieht A. den B. am Ohr oder dergl.). 

22. „Doktor, Doktor lass mir Blut", sprechen die Kinder zum Schneeküfer, 
damit derselbe seinen braunen Saft liisst. 



23. 



lÄs 



Juden heissen Spitzbuben, 
Sie haben Jesus gekreuzigt, 
Jesus hatte Schmerzen, 
In seinem Herzen. 

24. Du Adam, du Esel, du Ochse, du Rind, 

Was hast du mit deinem Sprechen verdient. 



26. 
27. 



.28. 



29. 
30. 



Wenn der Jäger schcussen will, 
So geht er hinters Haus, 
Hat er aber kein Papier, 
So wischt er mit der Faust. 

Kinder, Kinder, seid keine Rindei'. 

Grosser Stutzer von Paris, 
Kurze Hosen, lange Piiss. 

Da unten, da oben. 
Da tanzen zwei Schwoben 
In grünen Pantoffeln 
Und essen Kartoffeln. 

Schuster-Meister 
Scheussen Kleister. 

Schuster-Meister, 
Wenn er hust, so scheusst er, 
Hust er nicht, so scheusst er, 
Schustermeister heisst er. 



;{1. Das ist ein Meister, 

Was (welcher) scheusst in Kleister. 

32. Mensch bedenk dein ganzes Leben, 
Scheuss ins Loch und nicht daneben. 

33. Fortze, wer will, 
Nur nicht zu viel. 

34. Fortz 

Na storz: 

Dreck 

Na poperek'). 

30. Parlez francais? 

Steck den Knödel in Kaffee. 

36. Parlez vous francais, 
Nudel im Kaffee. 



3<. A. Was hört man Neues? 

H. Man backt aus Kukurutzmehl 

Malajcs-). 

38. A. Standi uf, die Spatze murren I 

B. Lass sie murren, sie haben kleine Köp", sie haben schon längst aus- 

A. Standi uf, die Fuhrleut fahr'nl [geschlafen. 

B. Lass sie fahren, sie hab'n weite Weg. 
A. Standi uf, die Suppen steht ufn Tisch 1 

15. Wo is ma grosser Löffel? (Beim Aufwecken.) 

1) Fortz senkrecht: Dreck (|uer. 

2) MiilajewcrdennurausKukurutzmchl gebacken: dies bedingt dasNecken<leder .Antwort. 



144 



Kai 11 (11 : 



39. Zweimal zwei ist vier, 
Dummkopf merk es dir. 

40. So geht es in der Welt, [das Geld. 
Der eine hat den Beutel, der andere 

41. Wai de mine, cze se fak'), 
Nimm N. N., steck in Sack. 

42. Rote Tinte, Fliesspapier, 
Schöne Minka, komm zu mir. 

43. Eselshände 

Beschmieren Tisch (Thür) und 

Wände. 

44. Willst du bequem kacken. 
Stütz' die Hände an die Backen 
Und die Ellbogen an die Knie, 
Und dann kackst du ohne Müh'. 



45. 



N. N. sitzt am Thron 
Und lüsst einen Ton. 



Hier ist das hohe Gericht, 
Wo der A. sein Urteil spricht, 
-Schriftlich wird nichts angenommen. 
Wer klagen will, muss selber kommen. 

Leck (LegV) Ferz 
Auf dein Herz. 

48. A. Wetten wir. 

B. Um einen A. voll Äpfel, 
Ich werde ihn messen, 
Und du wirst ihn essen. 

49. A. Saj;' den zweiten Fall von Tuch! 
B. Tuches (jüdisch = Arsch). 

50. A. Wirst du morf^en wegfahrenV 
B. Ja, mit dem A. übers Leintuch. 

51. Ein altes Weib mit Dreck beschmiert, 
Mit Federn überzogen, 

Hat sich den Besen in' A. gesteckt. 
Ist übers Dach geflogen. 



52. Oben am Berge, da steht ein Kroat, 

Der kann nicht herunter, weil er volle Hosen hat. 

53. Oben am Berge steht a Figur, 

Sie schreit auf rumänisch pup in kur-'). 

54. Und scheint die Sonne zu heiss, 
So geh' ich in Schatten und 

(Diese Zeilen werden gesungen; nach einer erwartungsvollen Pause wird rasch 
wieder mit .,Und scheint . . ." eingefallen.) 

55. Am letzten Jänner ist Maria Verkündigung, 
Am 1. Februar ist Maria Empfängnis, 

Am 2. Februar ist Maria Lichtmess.') 



56. A. Wie gehts? 

B. Auf zwei Füssen. 

57. Kerem alaschom'). 

Kehr dich mit dem A. um. 



58. O du mein .Augustin, 
Alles ist hin, hin, hin: 
Stock ist weg. Hut ist wc 
Augustin liegt im Dreck. 



59. Zu drei neben einander stehenden pflegt ein vierter zu sagen: 
Eine Rose, eine Blüte, 
Und der Esel in der Mitte. 

«0. 1, 2, 3. 4, 

Du verfluchter Knabe hier! 



1) Vai de mine ce sä i'ac, rumänisch = Weh mir, was soll ich tliun. 

2) Pupä in cur, rumänisch = leck aut den A. 

3) Dieser unpassende Witz ist sicher kein echter Kindcrreim. Dass das leidige „GeM- 
fassen-' (den Gehalt erhellen) seinen Inhalt bilden, braucht kaum erwähnt zu werden. 

4) Ungarisch = ich bitte unterthänig (kerem aläsan;. 



Allerlei Kuiiterhinit aus di-r Kimlerwelf. 



145 



(>1. 



63. 



Es war ein Hahn; 

Die Geschichte fängt an. 

Es war ein Messer: 

Die Geschichte wird bes.scr. 

Es war ein Kalb: 

Die Geschichte ist halb. 

Es war eine Maus: 

Die Geschichte ist aus. 

Meine Herrn, 

Äpfel sind keine Beeren (Bären), 

Beeren sind keine Apfel, 

Die Wurst hat zwei Zipfel (Zepfel). 

Zwei Zipfel hat die Wurst, 

Der Bauer leidet (hat; Durst, 

Durst leidet der Bauer, 

Das Leben wird ihm sauer, 

Sauer wird ihm das Leben, 

Der Weinstock trägt Reben, 

Reben trägt der Weinstock, 

Das Kalb ist kein Ziegenbock, 

Kein Ziegenbock ist das Kalb, 

Meine Predigt ist halb, 

C4. Der zweite Teil des vorstehenden Gedichts lautet auch : 



62. Ich werde dir was erzählen: 
Von der langen Ellen, 
Von der kurzen Wochen, 
Haben wir nichts zu kochen, 
Nur ein Topf voll Knochen, 
Mein Vater hat ein Schwein gestochen, 
Mir eine Wurst, dir eine Wurst, 
Mir einen gebratenen Hasen, 
Dir einen Pfifferling auf die Xasen. 

Halb ist meine Predig. 
Der Bauch ist mir ledig, 
Ledig ist mir der Bauch, 
Meine Mütze steckt im Rauch, 
Im Rauch steckt meine Mütze. 
Der Bruder heisst Fritze, 
Fritze heisst mein Bruder, 
Die Maus ist ein Luder, 
Ein Luder ist die Maus, 
Meine Predigt ist aus. 
Aus ist meine Predig, 
Meine Herrn seid so gnädig 
Und geht nach Haus. 



Halb ist meine Predig, 
Die Mitze ist ledig, 
Ledig ist die Milze, 
Mein Bruder heisst F^'itze, 



65. -V. Wie viel UhrV 
oder: '/^ auf saure Milch. 

66. A. Leb' wohl. 

B. Mach die Hosen voll. 

6«. A. Gute Xacht! 

B. Scheuss ins Bett, dass es kracht. 

68. Mein Kind, 

Am A. bist blind. 

6!). Kinder, 

Steckt in' A. die Finger. 



Fritze heisst mein Bruder, 
Die Maus ist ein Luder. 
Ein Luder ist die Maus, 
Meine Predig ist aus. 

B. ','4 iiuf kalte Erbsen; oder: '/* auf kalte Milch; 



I, i, Polizei: 

3, 4, Grenadier; 

.5, (5, alte Hex; 

'.1, 10, schlafen gehn; 

II, 12, fressen dich die WiJlf 
(13, 14, Idaue Schürzen). 

Jud, Jud, scheuss in Hut, 
Sagt der Vater, das ist gut. 



72. .lud, Jud, scheuss in die vier Ecken, 
Morgen sollst du verrecken. 

■JS. Salomon der Weise sprach zu seiner Frau: 
,Hast du viele Läuse, bist du eine Sau; 
Hast du viele Flöhe, 
Steck' sie in Kaffee; 
Hast du viele W^anzen, 
Kannst mit ihnen tanzen." 

IIS I Volkskunde. 1^97. 



146 



Kaiufll: Allerlei Kunterbunt aus der Kindcrwclt. 



75 



7« 



74. Paule, Raule komm henius, 
Geh in dein Vaterhaus. 
(Um die Schnecke aus dem Gehäuse zu locken.) 



Wir putzen die Büchsen. 
Und jagen nach Füchsen. 
Wir jagen nach Füchsen, 
Und putzen die Büchsen; 
Wir putzen die Buchsen, 
Und jagen nach Luchsen. 
Wir jagen nach Luchsen, 
Und putzen die Buchsen! 

Roter Apfel, schwarzer Kern, 
Ei du Lump, ich hab' dich gern. 
So ein' Lumpen, wie du bist, 
Findet man auf jedem Mist. 

77. Ich lass' dich schön grüssen 
Vom Kopf bis zu den Füssen, 
Von den Füssen bis zum Mund, 
Sollst krepieren wie ein Hund. 

78. Sag' ich lass' ihn grüssen, 
Vom Kopf bis zu den Füssen, 
Von den Füssen bis zum Bauch, 
Denn so ist mein Gebiauch. 



79. Christus sprach zu den Jüngern : 
„Habt keine Gabeln, esst mit den 
Fingern. - 

SO. Zia, Zia, Hammerschmied. 
Lass das Wagerl laufen; 
So, so, so ist's gut. 
Wirst dich schon liesaufen. 

81. Mit Säbel und Pistolen 

Soll dich der Teufel holen. 



82. Dominus vobiscum 



Dominik wo 
bist du? 

83. Bet Kindchen, bet. 

Denn jetzo kommt der Schwed, 
Denn jetzo kommt der Oxenstiern, 
Wird die Kindlein beten lernen. ') 

84. Ich bin klein. 
Mein Herz ist rein. 
Niemand soll drinn wohnen. 
Als Gott (Jesus) allein. 



85.-) Schnader-Jünglach groisse Drabys'), 
Trinken Bronfen*), zuln in Schabes. 

8(5. Schüster-Jünglach, groisse Neweirys"), 
Trink'n Bronfen, versetzen Fetscheilys "). 

87. Gej ech gich'), sugt men, ech zeras di schieb; 
Gej ech powoli'), sugt men, dus ech kriech; 
Gej ech jo'), sugt men ech scheim '") mech; 
Gej ech nischt, sugt men ech drej ") mech. 



88. Sollst bekümmen die Frass, 
Mitten auf der jüdischen Gass, 
Sollst dech kolken '=), wie a Fass. 

89. Manie, Täte kümm aran ''), 
Werst de essen Makaran. 

90. Se bitter, 

As men kackt schitter; 

Se schlecht, 

As men kackt gedecht. 



91. Meig men sugen, wus men will, 
Schönste Tanz is doch Quadrill. 
Moisze heb die Füsslach in die Höh', 
Mach a scheine Balense. 

Mazur könn ech nischt vertrugen, 
Weigen dem zu groisen Mugen. 

92. Alep, bes, 

Gieb mir Plesch, 
Nischt kein bissei, 
Nur a volle Schüssel. 



1) Wurde von meinem Bruder Josef in der ('zernowitzcr Vorstadt Rosch, welche 
zum Teil von deutschen Colonisten bewohnt wird, gehört. 

2) Diese und die No. 86 — 94 im Judendeutsch. 

3) Lumpeu. 4) Branntwein. 5) Sünder. 6) Sacktücher. 7) schnell. 8) langsam 
(aus dem Ruthenischen). 9) ja. 10) schäme. 11) drehe. 12) kugeln. 13) herein. 



Hartiuig: Zur Volkskunde :iiis Auliall. I47 

9;{. Aleph, Bess, Giniel, Resch, \U. Oj joj joj. 

Täte, Marne, gieb mir Flcsch, Schicker-) is der Goj»), 

Nischt a Sach'), nischt kin Bissei, Schicker is er, trinken miss er, 

Xur a vile Schüssel. Wun ') er is a Goj. 

(Fortsetzung folart.^ 



Zur Volkskunde aus Anhalt. 

Von Dr. Oskar Hartnng-Cöthen. 

(Fortsetzuug von S. 93.) 



.lohaniiis. 
Neben dem Glauben, dass die einzelnen Gewässer, Flüsse, Teiche und 
dergleichen am Johannistage ihr Opfer haben wollen, ist der Brauch der 
Johanniskrone in Anhalt ein allgemeiner, nur in der Gegend von Kosslau 
und Lindau habe ich ihn nicht gefunden. Diese Krone besteht entweder 
aus einem einfachen Kranze, oder, und dies ist besonders im alten Schwaben- 
gaue der Fall, aus zwei kreuzweise in einander geschobenen Reifen, die 
namentlich mit Feldblumen, in Gross-Kühnau aus Hartenau, Kamillen und 
Kornblumen, anderswo wieder aus Ähren und Feldblumen (Zehmitz) um- 
fiocliten und mit bunten Papierstreifen geziert sind. Radeln hineinzuwinden, 
die den Blitz anziehen sollen, war jedoch in Radegast verboten und in 
Zehmitz Rosen. Da der Heiland mit Dornen gekrönt sei. so sei es un- 
statthaft, den St. Johannes mit Rosen zu krönen, heisst es. Aufgehängt 
wird die Johanniskrone in der Regel über der Haus- oder Hofthür, doch 
stets so, dass sie von der Strasse aus sichtbar ist, öfters findet sie auch 
am Hausgiebel ihren Platz. In Radisleben wird eine Guirlande über die 
Strasse hinweg von einem Hause zum anderen gezogen und hieran von 
I leiden Häusern eine Krone gehängt. Ebenso geschieht es in Hoyni, doch 
lierrscht hier noch der Brauch, dass jeder unter der Krone Hindurchgehende 
von den Kindern durch ein vorgehaltenes Band so lange aufgehalten wird. 
Iiis er sich durcli eine kleine Geldgabe löst. Die so zusamnn'iigebrachte 
Geldsumme vertrinken dann die Kinder am Abend, meist in Cliokolade. 
Welchen "Weit man in einzelnen Orten auf das Aushängen einer .loiiaimis- 
krone und ihre möglichste Scliönheit legt, lehrt folgender Brauch in 
(Juellendorf: Dort ziehen die Kinder am Johannistag!,' durch den Ort, um 
<lie ausgehängten Kronen zu prüfen und zu sehen, wessen die schönste sei. 
Die Häuser, die überhaupt mit keiner Krone geschmückt waren, wurden 
einst dabei von ihnen in einer nicht gerade schönen Weise verunreinigt. 

1) viel. 2) trunken. 3) Bauer, Christ. 4) weil. 

10» 



148 Hartling: 

— In Gross Badegast. Würflau u. a. wird die Joliamiiskroiu». sobald der 
erste Koggen eingefahren wird, von ihrem Orte herabgenommeu, in vier 
Teile zerrissen und je ein Stück davon in die vier Ecken der Scheune 
gelegt. Dadurch soll das Korn vor Miiusefrass geschützt werden. In 
Zehmitz lässt man die Krone nur neun Tage an ihrem Platze hängen uml 
bringt sie am zehnten gleichfalls zum Schutze gegen die Jläuse in die 
Scheuer. In Nienburg a. S. lässt man sie ebenfalls nur neun Tage an 
ihrem Orte, alsdann hängt man sie auf den Boden, um hierdurch das Haus 
gegen Blitzschlag zu sichern. In Capelle durfte man jedoch die Krone 
nicht selbst abnehmen, sondern musste sie von AVind und Wetter zerreissen 
lassen. Wie in Gross Kflhnau, so flicht man auch in Trinum, Wörbzig, 
Sehender u. a. Kamillen und ausserdem noch Flieder in den Kranz. 
Bei etwaigen Krankheiten von Mensch und Vieh soll sich der aus diesen 
Blüten gekochte Thee als besonders heilkräftig erweisen. — Am Johannis- 
tage gab man in Löbersdorf bei Radegast ehemals den Külien Hartenau 
zwischen das Futter, damit sie nicht „blaue Milch" gäben. — In Radegast 
wird um Johannis in dem ältesten Teile der Stadt ein Brunnenfest auf 
einem freien, maiengeschmückten Platze gefeiert unter Musik und Tanz. 
Für das dargereichte Freibier giebt ein jeder nach Belieben Geld in die 
allgemeine Kasse. In Hinsdorf, Biendorf u. a. wird am Johannistage von 
Mitternacht ab der Brunnen gereinigt. Bei Sonnenaufgang muss die 
Arbeit fertig sein, weil da Maden und Würmer in das Wasser kommen. 
Das ausgeschöpfte Wasser giebt man dem Vieh zu trinken, damit es gesund 
bleibe. — In Zuchau ward zu Johannis von den Dienstmädchen ein grosser 
Kranz gebunden, in feierlichem Zuge durch das Dorf getragen und auf 
dem Anger an einer Stange aufgehängt. Während die Festteilnehmer hier 
an aufgeschlagenen Tischen Ei und Speck assen, nahm heimlich ein Clown 
den Kranz fort und warf ihn in den nahen Dorfteich. Auch die übrig 
gebliebenen Eier wurden dann in diesen geschüttet. 

Erntegebräuche. 

Die einzelnen Wochentage galten bald als segensreich, bald als 
unheilbringend für die Aussaat. In Lindau, Schackstedt u. a. durfte 
am Montag nicht gesäet werden, in Gnetsch nicht am Freitag oder Sonn- 
abend, in Quellendorf nicht am Montag, Mittwoch oder Sonnabend mit 
dem Säen begonnen werden. In Drosa thut man dies aber gerade wieder 
.Montags oder Freitags. In Mühlstedt, Streetz und Rodleben war es unter- 
sagt am Sonnabend die erste Aussaat zu machen, weil „der Tag Abend, 
nicht Tag heisse", in Klein Paschleben aber fing man gerade an diesem 
Wochentage an mit Säen, „damit keine Mäuse ins Getreide kämen". Der 
Michaelistag gilt in Köselitz als Unglückstag für die Aussaat. Erbsen 
dürfen in Wörbzig nicht bei Vollmond bestellt werden, und in Neudorf 
darf dies nur geschehen an einem Tage, der im Kalender mit dem Zeichen 



Zur Volkskunde aus Anhalt. 14«.) 

der Zwilliuge verseilen ist. — Iteim Kalken des Saatkornes war es iu 
(iross Badegast streng verboten zu rauchen, damit kein Brand in das 
Getreide käme, und aus gleichem Grunde durfte mau in (Juellendorf bei 
der Bestellung des Weizenackers keine neue Pflugschar, in Drosa nicht 
ein Pflugeisen, das eben erst vom Schmied ausgebessert worden, benutzen. 
In Quellendorf musste der erste Scheffel Saatkorn „liocli aufgehäufelt" sein, 
damit ilie Getreidehalme recht gross würden und zahlreiche Körner l)e- 
känien. Die Säcke, in die der Sasitweizen geschüttet wurde, sollten in 
Gr. Kühuau „verkehrt", d. h. mit der Öffnung (dem Kopf mit dem Sackband) 
nach hinten auf ilen Ackerwagen gelegt und so nach dem Felde gefahren 
werden. Beim Aufladen der Säcke und auf dem Wege nach dem Felde durfte 
ebendort der Säemanu nicht sprechen. Auf dem Ackerstücke aber nalim 
er einen Sack vom Wagen, setzte ilm verkehrt auf die Erde und sagte: 

Ich setze dich auf Kropf und Sackband, 

Gott behüte dich vor Feuer und Brand. 

Im Xamen Gottes u. s. w. 

Alsilann drehte er den Sack wieder herum, nahm eine Handvoll Saat 
iieraus und streute auf die vier Ecken des Ackerstückes ein Kreuz. — In 
Naiho (Kr. Zerbst) sjiricht der Säemanu. bevur er beginnt den Samen 
auszustreuen, folgendes Gebet: 

Ich säe diesen Samen 

Hier in Gottes Xamen 

Für mich und für die Armen. 

In Mühlstedt und Streetz sagte er noch bis vor ungefähr 25 Jahren vor 
dem Besäen eines Ackerstückes ein Vaterunser auf. und in Thurau, Klepzig 
und Sehender sprach er regelmässig, sobald er die erste Hand voll Kürner 
ausstreute, die Worte: „Mit Gott", in Baasdorf: „Gott walt's". In Zehmitz 
ste<'kte man beim Bestellen des Flachsackers, bevor man mit der Aussaat 
begann, in alle vier Ecken des Ackerstückes einen möglichst langen 
llollunderstock. Dann umtanzte, bezw. umsprang man diesen und rief: 
„So lang (nämlich wie jene Zweige) sollst du werden!" — Das Saatgut trug 
der Säemanu in einem reinen, weissen Saattuche, das aber nicht etwa 
als Betttuch benutzt sein durfte (Gr. Kühnau). In Arensdorf musste das- 
selbe womöglich von einem siebenjährigen Kinde genäht sein. Damit die 
(Tetreidehalme recht lang würden, Hess in Würtiau der Säemann das Saat- 
tnch möglichst lang beim Säen nachschleppen. — Zog während des Säens 
eine schwarze Wolke über das Saatfeld, so befürchtete man iu Sehender, 
dass viel Ileddericli auf dem Ackerstücke wachsen werde. M'ar die Aus- 
saat beendet, so betete in .Mühlstedt und Rodloben der Säemanu wieder 
ein Vaterunser, in Gr. Kühnau sprach er die \\'orte: „Gott segne dich!" 
Bei Beendigung der Aussaat des Flaelises aber nahm in Wnrflau der 
Säemann das Saattuch, warf es unter fröhlichen Sprüngen und jauchzendem 
Ausrufe hoch in die Luft und rief dabei: „Wachse und grüne, weiter hast 



150 Hartun;;: 

<lu nichts zu thun!" So hoch, wie das Saattuch flog, hoffte man, solle der 
Flachs werden, vgl. U. Jahn, Opfergebräuehe, S. 11)"). — In Gross Kühnau 
nahm der Säemann während der Aussaat etliche Körner in den Mund und 
warf sie nach Beendigung der Arbeit zum Schutz vor Krähenfrass auf den 
Acker. Ebendasselbe that er in Würflau. Hier aber sprach er noch die 
Worte, wenn er die Körner aus dem Munde genommen hatte und sie fort- 
warf: „Das ist für euch!" Sperlinge und Tauben, an die sich die Anreile 
richtete, sollten dadurch vom Acker fern gehalten werden, vergl. Jahn, 
a. a. 0. S. 71 f. — Kehrte der Landmann von der ersten Aussaat in seinen 
Hof zurück, so wird er vielfach noch heute von seinen Familienangehörigen 
mit Wasser begossen, er selbst, sein Knecht, oder bei mehreren der 
Grrossknecht, die Pferde und selbst der Pflug. Man will dadurch, wie die 
Freute in Arensdorf mir sagten, „dem Acker für das ganze Jahr die nötige 
Fruchtbarkeit wünschen". Ahnlich werden auch alle diejenigen, die im 
Frühjahre die erste Last Gras zum Füttern des Viehes nach Hause bringen 
(Cöthen, Quellendorf) oder zum erstenmale auf das Feld hinausgehen, um 
dieses vom Unkraut zu reinigen, oder die bei Beginn der Ernte zum ersten- 
male das Feld betreten, aus einem Eimer mit Wasser begossen. Selbst 
das erste Grünfutter, das den Kühen verabreicht wird, begiesst man auf 
gleiche Weise, „damit jene gedeihen" (Areusdorf ), „gut melken" (Sehender), 
vgl. darüber Mannhardt, Baumkultus d. Germ., S. o3'2 und J. Grimm, D. 
Mythol., .561 f. — Wenn dann die Saaten aufgegangen und die empor- 
geschossenen Getreidehalme beim Wehen des Windes ^^'ellen schlagen, 
„wölken", wie es in Köselitz, Klepzig u. a. heisst, so sagt man in (-Juellen- 
dorf: „der Wolf komme ins Korn" oder in Klepzig: „der Eber gelie im 
Korne", oder auch, es sitze darin die „Koggenmiere" (Rosslau, Mühlstedt), 
die Kornmutter (Hoym), Korumuhme (Cösitz), der Alte (Kerchau, Köselitz), 
der Ahne (Lindau), der Fangemann (Quellendorf), der Kornengel (Klepzig), 
der Kornjude (Wörbzig). Wenn der Kornengel durch das Getreide geht, so 
glaubt man in Klepzig, maclie er es fruchtbar; „geht die Kornmuhme herum, 
so wird das Getreide teuer", lieisst es in Quellendorf. Eine junge Frauens- 
person warnt man in Gr. Badegast und Gr. Kühnau allein durch die Fehler 
zu gehen mit den W^orten: „Du, lass dich nicht vom Kornengel kriegen." — 
Das Gespinnst einer Spinne, Kornjude in (juellendorf genannt, das 
bald hoch oben, diclit unter (hn- Ähre, bald tiefer unten um den Halm 
des Roggens gewickelt ist, giebt an, ob der Getreidepreis im Herbste ein 
hoher oder niedi-iger sein werde (Arensdorf, Quellendorf). In Mühlstedt 
und Streetz folgert der Bauer im Frülisommer aus der grösseren oder 
kleineren Menge der Körner, welche die jungen Ähren zeigen, auf die 
Höhe des Getreidepreises im Herbst. Findet er viele taube oder schartige 
Ähren, so erwartet er einen hohen Preis und nennt jene daher „Korn- 
käufer", im entgegengesetzten Falle, enthalten die Ähren zahlreiche Körner, 
so wird das Getreide billig. — „Steht" der Frühjalirs-Quatember 



Zur Volkskuude aus Anlialt. 151 

„hoch", SO darf iiiiiii auf eine gute Ernte, steht er „iiieflriii", so darf man 
anf eine sclilechte Ernte reclinen. — 

An die altheiduische Saaten weihe erinnern in Anlialt nocli folgende 
Bräuche: In T)rosa zogen bis vor ungefähr 20 Jahren, soliald die Bestellung- 
ganz beendet war. „damit es ein gutes Erntejahr werde", die Schulkinder 
mit dem Kantor an der Spitze «lurch die Felder und sangen dabei bestimmte 
liesaugbuchslieder. Am Nachmittage wurden sie dann im Gasthause vei'- 
sammelt und mit Kaffee und Kuchen traktiert. Der Lehrer aber erhielt 
für seine Mühe Geld, den sogenannten Sangthaler. Ähnlich war es in 
lvle])zig und in Zuchau, nur stellte sich der Geistliehe hier selbst an die 
Spitze des Zuges. In letzterem Orte erhielt er dafür eine bestimmte 
Menge Getreide, den sogenannten Sanghafer, vgl. über die Hagelfeier 
l'fannenschmid, Germ. Erntefeste, S. -Ißf. ; Jahn, Opfergebräuche. S. 146 f. 

War die Zeit der Ernte gekommen, so begaben sich bis vor nicht zu 
langer Zeit in den Dörfern der Rosslauer Gegend wie Mühlstedt, Rodleben 
und anderen die Gemeindevorsteher hinaus auf die Felder, um zu prüfen, 
ob der Schnitt beginnen könne, und gaben dann den Tag, an dem die 
einzelnen Gemeindeglieder mit dem Mähen des Getreides anfangen durften, 
ja mussten, „durch das Umklopfen des Hammers" bekannt. — Die ehe- 
malige Heiligkeit der Erntezeit zeigt sich schon in dem Grusse, mit dem 
die Erntearbeiter noch heute einander begegnen. Meist lautet dieser „Helf 
Gottl", bisweilen auch „Walt's Gott!" Nicht minder verrät die reinliche 
und festliche Kleidung der Arbeiter die alte Heiligkeit der Erntezeit. 
Noch heute legen die Mädchen allgemein für die Ernte neue weisse Kopf- 
tücher um. in Piethen erhalten sie von ihren Herrschaften neue Schürzen 
zum Geschenk. Die Mäher schmücken ihre Sensen am Stiele mit Sträussen 
und bunten Bändern. Jedes Mädchen, das das abgemähte Getreide auf- 
zuraffen hat, schenkt seinem Mäher in Gr. Kühnau ein rotseidenes Band, 
das dieser während der ganzen Erntezeit um seinen Strohhut trägt. Der 
festlichen Zeit entsprechen auch die Speisen und Getränke, die noch heute 
von den Gutsherrschaften an die Erntearbeiter verabfolgt werden. Die 
grössten Schinken und Würste werden jetzt noch allgemein für die Ernte 
vom Schlachten her aufgehoben: „Feldhüter oder Feldgucker" heissen sie 
daher mehrfach (Gr. Badegast, Trinum). In Mühlstedt und ilodleben 
schlachtete der Bauer gewöhnlich zur Ernte einen bis zwei Hammel. In 
Kerchau schickt die Bäuerin den Arbeitern täglich gutes warmes Mittags- 
hrot auf das Feld, vornehmlich Hannnelbraten oder gebratenen Schinken 
und dazu (Quetschkartoffeln, Hirsebrei, Reisbrei oder Klösse. Zum Abend- 
brot erhalten die Schnitter Rührei mit Schinken, Eierkuchen oder gebratene 
Wurst mit grünem Salat. Besonders verrät uns iler noch heute übliche 
Drauch in Koselitz (Kr. Zerbst), wie festlich man während der Krntc zu 
lel)en pflegte. Wenn dort die .Mäher zum Schnitte der Aincn „bestcdlt" 
<inii. SU wird in allen r.;inenif'amilien Kuchen gebacken, ein llamnnd ge- 



15'2 Härtung: 

schlachtet, früher sogar oft noch ein Schwein; Cij^arreu, Tabak, Bier und 
Branntwein in reichlicher Menge beschafft. Am Tage des ersten Schnittes 
stellen sich dann die Mäher frühmorgens um 4 Uhr bei ihrer Gutsherrschaft 
zur Arbeit ein. Dort trinken sie, bevor sie zum Getreidefelde hinausgehen, 
zunächst Kaffee, zu dem auch noch Kuchen aufgetragen wird. Alsdanu 
versieht sich aus den offen dastehenden Kisten jeder einzelne Arbeiter hin- 
reichend mit Cigarren und Tabak. Langsamen Schrittes und schweigend 
ziehen die Mäher darauf hinaus auf das Feld zur Arbeit. Zwischen 7 und 
8 Uhr des Vormittags wird ihnen das erste Frühstück, auf den Acker ge- 
bracht, das aus Biersuppe, Rührei, Wurst, Butter und Käse besteht: auch 
der Branntwein fehlt nicht dabei. Um 9 Uhr folgt das zweite Früiistück, 
zu dem Wurst, Butter und Käse aufgetischt wird. Zum Mittagsbrote, bei 
dem Schweine- oder Hammelbraten mit Salat und gebackenen Ptlaumen 
das regelmässige Gericht bilden, zieht die ganze Schar der Arbeiter zu 
dem Hause des Bauern zurück. Nach dem Essen werden die Sensen 
„gedengelt", und dann legen sich sämtliche Mäher bis gegen 2 Uhr zur 
Mittagsruhe nieder. Alsdanu wird ihnen wieder Kaffee und Kuchen vor- 
gesetzt. Nachdem sich die Arbeiter wieder genügend mit Cigarren, Tabak 
und Branntwein versehen haben, ziehen sie, der Grossknecht voran, mit 
würdevollem, langsamen Schritt hinaus zu weiterer Arbeit. Zwischen 
4 — 5 Uhr nachmittags wird eine halbe Stunde gerastet und „zu Halbabend" 
gegessen. Zu dieser Mahlzeit wird von der Bäuerin wieder Wurst und 
Brot auf das Feld geschickt. Nacli Sonnenuntergang machen die Schnitte)' 
endlich Feierabend und kehren zum Abendessen in das Gehöft ihres Brot- 
herrn zurück. Vorweg giebt es dabei Biersuppe, sodann Rührei mit Salat 
oder Tiegelwurst, die aus dem mit Milch gemischten Blute des geschlachteten 
Schafes unter Hinzusetzung von geröstetem Speck, Mehl, Zwiebel, Majoran 
und Salz bereitet wird. Nach dem Abendessen zünden sich die Arbeiter 
wieder ihre Cigarren oder Pfeifen an und begeben sich dann allmählich 
zur Ruhe. So lange die Roggen«rnte dauert, wiederholt sich Tag für Tag 
die gleiche Speisenfolge. — Auch für den Beginn der Ernte ward den 
einzelnen Wochentagen eine l)ald günstige, bald ungünstige Bedeutung 
beigelegt. Während man in Drosa die ersten Ähren gern am Montage 
schneidet, ist dies in Kerchau wieder als schädlich untersagt; man beginnt 
hier, wie in Wörbzig, die Ernte lieber an einem Freitage in der sicheren 
Erwartung, dann günstiges Erntewetter zu erhalten. Noch mehr als diesen 
Tag bevorzugt man aber den Sonnabend. Die Ernte, an diesem Tage 
begonnen, wird, so glaubt man ziemlich allgemein, auch trocken eingebracht, 
ihr Ertrag wird ein grösserer (Gr. Badegast), die Körner seien so vor 
Mäusefrass geschützt (Zehmitz). — Während der Ernte wird zum Schutz 
gegen feindliche Dämonen (vgl. I^fannenschniid a. a. 0. S. !)2. 398) auch in 
verschiedenen Gemeinden geläutet, so in Frose jeden Vormittag 10 Uhr 
mit der kleinen Glocke: in Zucliau wird um .Mittag dreimal „angeschlagen"- 



Zur Volkskimilf aus Anhalt. ]5;-} 

In Radisleben wird von Johannis bis Jlicliaelis um 1 1 Uhr mittags ueliiutct. 
und abends 6 ühr mit der kleineu Glocke „gestimmt", und in Mühlstedt 
war es Sitte, dass von Johannis bis zum Bartholomäitage ("24. August). 
<ler als Schluss der Getreideernte galt, täglich von 11 — 12 Ühr geläutet 
wurde. — Bevor nun die Schnitter draussen auf dem Felde mit dem 
.Mähen des Getreides begannen, nahmen sie aus der Ecke des Ackerstückes. 
das sie zuerst mähen wollten, einige besonders grosse Ahi-en heraus und 
banden sie mit Blumen, namentlich mit Feldblumen und Georginen, zu einem 
Strausse zusammen, den sie am oberen Stiele ihrer Sense befestigten. Alsdann 
hielt der Vormäher eine Ansprache, in der er die Arbeiter ermahnte, ihre 
Arbeit gut zu machen, die Garben gut zu binden, vorsichtig zu sein und 
allen Zank und Streit bei Seite zu lassen. In Würflau lautet diese Rede 
des Yormähers heute noch so: „In Gottes Namen fangen wir an die Ernte 
zu beginnen und bitten, dass alles gut gelingen möge bis zum Ende der Ernte, 
damit niemand einen Schaden erleide, sowie wir, so auch des Herren Haus." 
— In Nienburg a. S. begann man bis vor ungefähr dreissig Jahi'en mit dem 
ersten Mähen erst nachmittags 4 Uhr. Zuvor aber versammelten sich die 
Gutsheri'schaften mit ihren Mähern und sonstigen Erntearbeiterii erst auf 
dem Sphlossfelde. Hort iiielt nach einem gemeinsam gesungenen Chorale 
<ler Geistliche eine auf die Ernte bezügliche feierliche Ansprache. 

Betritt der Gutsherr, eins seiner Familieuglieder, der Verwalter oder 
s(dbst ein Fremder zum ersteimiale nacii Beginn des Mähens das Erntefeld, 
so wird er von der Frau des Vorraähers mit einem Ahrenseile oder einem 
aus Kornähren und Blumen gemachten Strausse „angebunden", d. h. es 
wird fh'ui Angekommenen der Strauss oder das Seil an einem Arm ge- 
bunden, und jener muss sich nun durch ein Geldgeschenk lösen. Bei 
diesem Allbinden sagt die Arbeiterin einen Spruch her, der in der gewidin- 
liriien Fassung lautet: 

Ich (wir) habe (n) hören ein Vögluin singen, 

Ich (wir) soll (n) den gnädigen Heirn (Herin Vciwiilter) iinbingen. 

Nicht zu dicht (locker) und nicht zu lest, 

Er wird (soll) sich lösen aufs allerbest. 

In Lindau findet der Spruch sich in dieser Form: 
Heut ist ein schöner Tag, 

Dass man den Herrn (die Frau) anbinden mag. 
Nicht zu lose, nicht zu feste, 
So wird die Auslösung aul's beste. 

In Nathd lauten die ersten drei Zeilen wie oben, dann heisst es weiter: 
Damit er (sie) sich auslös' aufs allorbesl, 
Isfs nicht Bier, so ist es Wein, 
Dann soll er (sie) wieder erlöset sein. 

Das erhaltene GeUlgeschenk verteilen die Arbriter entweder unter 
sich oder sie kaufen ''•ciiieiiischaftlirli Scliiiaiis dafür. — In .Vrciisdorf und 



15.4 Härtung': Zur Volkskunde aus Anbalt. 

Maasilorf ist es Sitto, zwai- den Gutslierni auf dein Felile anzubinden, der 
(iutsherrin aber und ihn^n Kindern einen Blunienstrauss mit eingeleimten 
Kornähren zu überreichen In Klein Paschleben bringen die Erntearbeiter, 
wenn sie vom Felde zurückkommen, dem Gutsherrn, seiner Frau und 
jedem seiner Kinder je einen Kranz von Feldblumen mit und erhalten 
für jeden einzelnen Kranz 50 Pfennige, die sie dann in Schnaps oder 
Bier anlegen. In Sehender und Würflau werden dem Gutsherrn nur „die 
Ähren gezeigt", d. ii. die herabhängenden Ähren einer Garbe Vürgehalten. 
Dabei sagt man in letzterem Orte: „Sehen Sie mal den Roggen an, wie 
schön der ist"! — Ist das Getreidestück bald abgemäht, so dass mir wenige 
Halme noch stehen, so sagen die Schnitter in Gr. Kühnau und Zuchau: 
„Der Hase kommt bald", und ähnlich rufen sie in Neudorf einander zu: 
„Passt auf, wie der Hase herausspriugt!" — Früher liess man vielfach in 
der letzten Ecke des zuletzt geschnittenen Feldes einige Halme stehen. 
„Die mag die Kornmuhme verzehren", sagte man in Lindau, und in 
Zuchau hiess es, jene seien „für die Mäuse" bestimmt. — War der Getreide- 
schnitt beendet, so pflegten die Schnitter in Scheuder um den letzten ab- 
gemähten Ährenhaufen zu tanzen. Alsdann zogen sie mit einem Ernte- 
kranze auf das (iehüft ihrer Herrschaft, und dort erhielt ein jeder von 
ihnen ein Viertel Brot, eine Butterkabel und etliche saure Gurken oder 
in Ermangelung dieser einige Käse. In 'Phurau schickte früher die Herr- 
schaft den Schnittern, wenn „das Letzte gemäht war", Bier und einige 
Musikanten auf das Feld. Jene machten dann aus Ähren und Feldblumen 
einen Kranz, steckten ihn an eine Harke oder an ein anderes Arbeitsgerät, 
tanzten und sangen. In Wörbzig erhalten die Mäher jetzt noch, nachdem 
<liis sämtliche Getreide geschnitten ist, zum gemeinschaftlichen Trünke 
eine bestimmte Menge Bier, den sogenannten Drescher-Erntekranz. 
In Klein Paschleben giebt die Herrschaft den Mähern nach Schluss des 
Mähens gleichfalls einige Extragroschen zum Vertrinken, und in Quellen- 
dorf ward ihnen sogar eine gebratene Gans vorgesetzt. — Beginnt man 
das abgemähte Getreide in die Scheuer zu fahren, so schmücken noch 
heute dazu fast allgemein die Knechte ihre Pferde durch bunte Bänder 
lim Zaumzeuge, und die Mädchen binden an die Mützen und Peitschen 
der Kne(hte den gleichen Schmuck. Rollte der erste Getreidewagen in 
den Hilf des Bauern, sn wurden Knecht, Pferde, Wagen und Koin vnii 
den .Mädchen wiederum mit einem Eimer Wasser begossen. Sobald nun 
di(> erste Garl)e von diesem Wagen in die Scheune gepai'kt wurde ward 
in Elsnigk früher, wie mir dort erzählt ward, ein Gebot ges|)rochen. 
Leider habe ich über ilcii lulialt dessejiien nichts Näheres mehr erfahren 
können. In Zehbitz war es untersagt, das erste Bund, das in die Scheune 
gebracht ward, mit lilossen Händen anzufassen, weil sonst die Mäuse 
in die Scheune käuicu. und in Gr(»ss Kühnau nahm der Bauer die erste 
Garbe, nahm daraus einige Halme mit den Ähren, band sie kreuzweis 



Kleiiiiii: Tod iiud BostattutiCT des annen S])('rliiigsweibchcns. 155 

/.usaininen und sagte: „Ich binde dicli kreuzweis zusammen und trage dich 
in jede Ecke, dass sich liier alles Ungeziefer versammeln muss, helfe es 
(iott!" Dann ging er mit der Garbe übers Kreuz in jede Ecke der 
Banse, steckte zuletzt Hartenau und Kamille zwischen ihre Halme, 
stellte die (Jarbe dann in die letzte Ecke und sprach: „Nun, in Gottes 
Namen!" Ebendort wurde auch die erste Garbe in die Banse geworfen 
und musste dort liegen bleiben, wohin sie gefalleii war. — Die letzte 
zusammengebundene Garbe heisst im Yolksmuiide meist der Alte, in 
Lindau: die Kornmieke, in Köselitz: der Kater, in Mühlstedt: der 
Kuter, in Quellendorf und Sehender: der Bansehase, in Elsnigk endlich: 
der Erntehahn. In Würflau und Scheuder wurde diese Garbe „besonders 
gross", in Zuchau sogar „doppelt so dick" als die übrigen gebunden. — 
Den Schluss der Ernte bildete die Übergabe des Erntekranzes durch 
'lie Arbeiter an die Gutsherrschaft. Im allgemeinen verlief, bezw. ver- 
läuft aber diese hier in denselben Formen wie anderwärts. — 

Für die bäuerischen Kreise wird in Zerbst am 4. Weilnuichtstage 
noch heute ein Knechtemarkt abgehalten. Ist nun bei diesem ein 
Knecht mit einem Bauer hinsichtlich des Mietsvei'trages einig geworden, 
so fordert letzterer jenen auf, ihm in eine Wirtschaft zu folgen, in dei' 
das alte Zerbster Bier noch verschenkt wird. Beide betrinken hier den 
Vertrag und dazu holt der Bauer, früher geschah dies wenigstens regel- 
mässig, aus einem „Kober" eine Gänsekeule hervor, die er zu dem 
Zwecke von Hause extra mitgebracht hatte, und verzehrt sie mit dem 
neugedungenen Knechte gemeinschaftlieh. 



Tod und Bestattung des armen Sperlingsweibcheus. 

Ein Märchen aus dem Panjäb.') 
Mitgeteilt von Dr. Kurt Klemm. 

p]s war einmal ein Sperling mit seiner Frau, die wurden beide alt. 
Aber das Hähnchen war ein lustiger Vogel und so alt es war, warf es 
doch seine Augen auf eine muntere junge Henne und beschloss sie zu 
heiraten. Da gab es eine grosse Hochzeit, alles war lustig und guter 
Dinge, nur uiclit die ;ilte Fi'iiu. Diese flog weg und setzte sicii traurig 
auf einoi Baum, gerade unter ein Kräli(mnest. Als sie dort sass, liiig es 
an zu regnen und das Wasser tropfte, trip]i. tri])p. auf ihr (lefieder. Doch 

1) Nacli der Erzähliin« von Hajjaii, einem Paflwinmiidchen aii^ Muzaflar^aili, übersetzt 
von Mrs. F. A. Steel, Ind. Ant. 11, S. 169—172. 



156 Klenini: 

sie war so betrübt, ilass sie sich dariini nicht kümmerte. Die Krähe hatte 
aber ihr Nest aus buuteu Lappen gebaut und als diese nass wurden, lief 
die Fai'be aus und fiel, tripp, tripp, auf das alte Sperliugsweibcheu, bis es 
so bunt aussah, wie ein Pfau. Als sie nach Hause kam, wurde das neue 
Weibchen auf ihre Nebenbuhlerin eifersüchtig und fragte sie, woher sie 
das hübsche Kleid habe. 

„(ranz einfach", antwortete sie, „aus der Färberbütte." 

Da dachte die junge Frau: „Da will ich auch hin gehen, die Alte soll 
nicht besser gekleidet gehen, als ich." 

Darauf flog sie zu dem Färber, und husch, sass sie mitten in der 
Bütte. Die war aber brühend heiss, und halbtot krabbelte das Weibehen 
wieder heraus. Als der alte Halm sein Weil» nicht zu Hause fand, flatterte 
er bekümmert uniliei'. um sie zu suchen, und vergoss bittere Thränen, da 
er sie halb ertränkt und verbrüht mit zersträubten Federn fand. 

„Was ist denn geschehen?" fragte er. 

Das arme beschmierte Ding konnte nur keuchen: 
„Alte wurde schön gefärbt, 
Ich lag in der Butte drin." 

Ziiitlich nahm sie der Sperling in den Schnabel und flog mit ihr 
heimwärts. Gerade, als er über einen breiten Fluss flog, guckte das alte 
Weibchen aus dem Nest, und als sie ihren Alten erblickte, wie er seine Braut 
in so jämmerlicher Verfassung anbrachte, fing es an zu lachen und schrie: 

„Eine geiirgert, die andre gequält, 
Und eine lachend hochgehoben."') 

Darüber wurde ihr Gatte so zornig, dass er seine Zunge nicht halten 
konnte und ausrief: „Still, still, du altes gemeines Ding!" 

Natürlich fiel die arme beschmierte Braut aus seinem Schnabel. j)lumps 
— in den Fluss und ertrank. 

Darob ward das Sperlingshähnchen so a'ou Schmerz überwältigt, dass 
es alle seine Federn ansriss, bis es so nackt war, wie ein frisch gepflügtes 
Feld. Dann setzte es sich auf einen Pipalbaum und weinte jämmerlich. 

Darauf sagte der Baum zu ihm: „Was ist denn geschehen?" 

„Frage mich nicht", sagte das Hähnchen, „es schickt sich niclit zu 
fragen, wenn jemand traurig ist." 

Aber der Baum gab sich nicht zufrieden und endlic li sagte der arme 
verwaiste Sperling unter Seufzen und Tliräncn: 

Vi Diesor Vers variiert einen anderen, wi'lclier sidi auf folgende Geschichte bezieht. 
Ein Mann wollte nüt seinen beiden Frauen einen Fluss überschreiten. Jede von ihnen 
verlangte nun zuerst hinübergetragen zu werden. Schliesslich nahm er die jüngere auf 
die Schultern, während die andere allein durch den Strom waten niusste. Da spottete 
die jüngere der älteren mit den Woiten: 

„Zuerst war sie geärgert, dann traurig. 

Die andere ging hinüber auf der Schulter sitzend." 



Tod und Bestattimg des armen Sperliiiirsweibchens. 157 

,Eine Henne gefärbt, 
Beschmiert die andre, 
Die liebte Hühnchen." 

Da übermannte den Baum das Leid und er sprach: ,.üa muss ich 
auch trauern." So schüttelte er auf der Stelle seine Blätter ab. Nach 
einiger Zeit kam ein Büffel, um in der Hitze des Tages im Schatten des 
Baumes zu ruhen, und war nicht wenig erstaimt, nur leere Zweige zu finden. 
„Was ist dir zugestossen?" sagte der Büffel, „gestern warst du nocli 
so grün wie möglich." 

„Frage mich nicht", wimmerte der Pipalbaum. „wie unmanierlich bist 
du doch. Weisst du nicht, dass es sieh nicht schickt zu fragen, wenn 
jemand traurig ist?" 

Aber der Büffel bestand auf seinem Verlangen, und endlich sagte der 
Baum unter Seufzen und Thräneu: 

„Eine Henne gefärbt, 
Beschmiert die andre. 
Die liebte Hähnchen. 
Baum schüttelt" Bliitter." 

„O weh! o weh!" schrie der Büffel, „wie traurig! Da muss ich auch 
trauern." 

So warf er auf der Stelle seine Hörner ab und weinte und klagte. 
Nach einer Weile ging er zum Flusse, um Wasser zu trinken. 

„Was ist los?" rief der Fluss, „was hast du mit deinen Hörnern gethau?" 

„Wie grob du bist", heulte der Büffel, „kannst du nicht sehen, dass ich 

in tiefer Trauer bin? Weisst du nicht, ilass es unschicklich ist zu fragen?" 

Aber der Fluss bestand auf seinem Verlangen, bis der Büffel unter 

vielen Seufzern sprach: 

„Eine Henne gefärbt, 
Beschmiert die andre. 
Die liebte Hähnchen. 
Baum schüttelt' Blätter. 
Büffel die Hörner." 

„Schrecklich!" schrie der Fluss und weinte so sehr, dass sein Wasser 
ganz zu Salz wurde. 

Nach und nach kam ein Kuckuck, um sich im Flusse zu baden. „Was 
ist geschehen?" sagte der Kuckuck, „du bist ja so salzig wie Thränen." 

„Frage mich nicht", murmelte der Fluss. „es ist zu schrecklich zu 
erzählen." 

Aber da der Kuckuck diirauf bestand, sagte der Fluss: " 

„Eine Henne gefärbt, 
Beschniierl die andre. 
Die liebte Hähnchen. 
Baum schüttelt' I5lätter, 
BüfTel die Hörner, 
Fluss wurde salzig." 



158 Klemm: 

„0 weh! o weh!", weinte der Kuckuck, „wie scliaurig! Da muss ich 
auch trauern." 

Damit riss er sich ein Auge aus, setzte sicli au deu Kaufmanusladeu 
und weinte. 

„Was giebts?" fragte Bhagtu, der Kaufmann. 

„Frag mich nicht!" schluchzte der Kuckuck, „es ist so furchtbar 
traurig! solcher Schmerz!" 

Aber der Kaufmann bestand auf seiner Frage, und endlich sagte der 
Kuckuck : 

„Eine Henne gefärbt, Büffel die Hörner, 

Beschmiert die nndre, Fluss wurde salzig, 

Die liebte Hähnchen. Kuckuck einäugig." 

Baum schüttelt' Blätter, 
„0 Gott", schrie Bhagtu, „ist das aber traurig. Da muss ich auch trauern." 
Da weinte und jammerte er, bis er den Verstand verlor. Und als des 
Königs Magd kam, gab er ihr Pfeffer statt Saffran und Zwiebeln statt 
Knoblauch und "Weizen statt Gerste. 

„Aber Freund Bhagtu", sagte das Mädciien, „was ist dir zugestosseu?" 
„Frag mich nicht!" rief der Kaufmann, „frag mich nicht! was kann 
ein Mann in so schrecklichem Kummer von Knoldaueh und Saffran und 
Pfeffer wissen? Es ist zu, zu schrecklich!" 

Endlich sagte er auf die dringende Bitte des Mädchens: 
„Eine Henne gefärbt, Büffel die Hörner; 

Beschmiert die andre, Fluss wurde salzig, 

Die liebte Hähnchen. Kuckuck einäugig, 

Baum schüttelt' Blätter, Bhaglu verrückt." 

„0, wie traurig!'' schrie das Mädchen. „Ich muss auch trauern." 
So ging sie zum Palast und redete ganz wirres Zeug. „Was bedeutet 
das?" fragte die Königin, „was bekümmert dich?" 

„0!" weinte das Mädchen, „so schreckliche Botschaft!" 
„Eine Henne gefärbt, Fluss wurde salzig, 

Beschmiert die andre, Kuckuck einäugig, 

Die liebte Hähnchen. Bhagtu venückt; 

Baum schüttelt' Blätter, Magd redet Unsinn." 

Büffel die Hörner, 
„Ach Gott!" rief die Königin, „das ist recht traurig, ich muss auch trauern." 
So fing sie an zu tanzen, und tanzte, bis sie ganz ausser Atem war. 
In diesem Augenblick kam ihr kleiner Sohn und als er sie so tanzen sah, 
fragte er — warum? 

„Eine Henne gefärbt, Fluss wurde salzig, 

Beschmiert die andre, Kuckuck einäugig, 

Die liebte Hähnchen. Bhagtu verrückt. 

Baum schüttelt' Blätter, Magd redet Unsinn 

Büffel die Hörner, Königin tanzt", 

sagte die Köiiii^iii und tanzte weiter. 



Tod uml Restattunif des armen Siierliiiffswcibcdiens. 



Ij'.l 



„Ich will uutli klagen", sivgte der Prinz, uuil sogleich fing er an, das 
Tanibourin zu sehlagen und zu tanzen. Als der König diesen Lärm hörte, 
kam er herein und fragte, was es zu bedeuten habe. „O". sagte sein Sohn, 



„Eine Henne gcfiirbt, 
Beschmiert die andre, 
Die liebte Hühnchen. 
Baum schüttelt' Blätter, 
Büffel die Hörner, 
Pluss wurde salzig. 

,,Ausgezeichnet!" rief der König. ( 
larauf, während er ebenfalls tanzte: 

Dann fingen alle vier an zu singen 

„Eine Henne gefärbt. 
Beschmiert die andre, 
Die liebte Hähnchen. 
Baum schüttelt' Blätter, 
Büttel die Hörner, 
Fluss wurde salzig, 



Kuckuck einäugig, 

Bhagtu verrückt. 

Magd redet Unsinn, 

Königin tanzt. 

Prinz schläft die Trommel." 

rgrifl' eine Zither und klimperte 



Kuckuck einäugig. 

Bhagtu verrückt. 

Magd redet Unsinn, 

Königin tanzt, 

Prinz schlägt die Trommel. 

König thut klimpern." 



Das war das Begräbnis des armen Sperlin"sweibchens. 



Zu dem Märchou von Tod und Begräbnis des armen 
Sperlingsweibchens. 

Von Karl Weinhold. 



Die allerliebste kleine indische Geschichte von dem Tod und Begräbnis des 
armen Spcrlingsweibchens, die Dr. Kurt Klemm im Voninstehenden den deutschen 
Lesern zugänglich gemacht hat, wird wohl manchen an das Grimmsche Kinder- 
märchen vom Tod des Hühnchens erinnert haben, No. 80 in den Kinder- und 
Hausmärchen. W. Grimm hat in dem dritten Bande (S.Ausgabe, S. 128 f.) Nach- 
weise über die Verbreitung des kleinen Fabelstofl"es gegeben, die ich im folgenden 
teils benutze, teils vermehre, ohne hier etwas anderes zu wollen, als auf die Be- 
liebtheit des StoR'es hinzuweisen.') 

In dem hessischen, von den Brüdern Grimm aufgezeichneten Märchen will 
das Hühnchen an einem Nusskern ersticken, den es mit dem Hähnchen nicht teilen 
mochte. Das Hähnchen läuft in seiner Angst zum Born nach" Wasser, dieser 
schickt es zur Braut nach Seide, diese zur Weide nach einem Kränzlein und da 
es diese giebt, zurück zur Braut, dann zum Boin, aber als es mit dem Wasser 
zum Hühnchen ki)ninit. ist dieses schon erstickt. Nun schreit und jammert das 



1) Über die Verbrcituug des Tlieiii 
s de Lorraine, I, 'J82 f. 



vgl. iianientlieli iiiieb i;. ('os([uiii, (,'ontcs popu- 



ICO WdiihnM: 

Hühnchen laut, alle Tiere kommen herzu und beklagen das Hühnchen. Sechs 
Mäuse bauen den Leichenwagen und spannen sich vor. Da kommen der Fuchs 
der Wolf, der Bär und alle Tiere des Waldes und setzen sich hinten auf. Aber 
als sie über die Strohhalrabriicke fahren, fallen die Miiuse ins Wasser und ertrinken. 
Mit einer Kohle und einem Stein, die sich über den Bach legen, geht es noch 
schlimmer. Von dem Stein rutscht der Wagen zurück und alle Tiere ertrinken 
bis auf das Hähnchen, das darauf sein Weibchen begräbt und sich auf dem Grabe 
tot grämt. 

Nah verwandt, wenn auch im einzelnen abweichend, ist die halb in Prosa, 
halb in A'ersen gegebene Geschichte vom Hühnchen und vom Hähnchen im Wunder- 
horn, HI, 23:2— Sti (Berliner Ausg. v. 187o. II, 4(14), die Simrock in sein Kinder- 
buch (No. 938) aufnahm. Hier stirbt das Hähnchen nicht aus Gram, sondern fliegt 
auf den Kirchturm, wo es noch sitzt und auf das Austrocknen des Wassers passt 
— ein Schluss, den wohl Cl. Brentano gemacht hat. 

Xach einem schwäbischen Märchen (E. Meier, Deutsche Volksmärchen aus 
Schwaben, No. 71) gehn Hühnle und Gockeler über eine Brücke. Sie niuss voraus- 
gehn, fällt ins Wasser und ertrinkt. Der Jochen- oder Jokelgang fehlt hier. 
Gockeler holt einen Schiebkarren; da kommen die Ratten, Mäuse, Hasen und Rehe 
und alles Vieh und wollen mit, sie sitzen hinten auf und er fährt sie zum Wasser. 
Da haben sie das Weible mit einander herausgezogen, aber es ist tot gewesen. 
-Nun haben sie's auf den Karren geladen und zum nächsten Mist gefahren und 
vergraben. Da hat der Gockoler die Leichenrede gehalten und die Tierle haben 
dazu gesungen. 

Dem Grimmschen, aus Hessen stammenden Text ist ein bayrischer nahe ver- 
wandt, der im dritten Bande der Rinder- und Hausmärchen, S. 129 kurz mitgeteilt 
wird. Die Grabfahrt fehlt, das rettende Wasser kommt zu spät und das Hähnl 
weint sich auf Hendls Grabe tot. Ebenso fehlt das Mittrauern der Tiere und die 
Begräbnisfahrt der einen ostpreussischen Erzählung (Em. Lemke, Volkstümliches 
in Ostpreussen, 11, 245), wo das Hahnchen der erstickende ist, und das Wasser, 
das der Born endlich dem Hennchen giebt, das Hahnchen rettet. Dazu stimmt im 
wesentlichsten das lothringsche Geschichtchen La Pouillotte et le Coucherillot 
(Hühnchen und Hähnchen) in E. Cosquins Contes populaires de Lorraine No. 29. 

Nach dem norwegischen Märchen von Hauen og Hünen i Nuddeskoven (As- 
bjornsen Norske Folke-Eventyr No. IG. Christiania 1866) gehen die beiden in einen 
Nusswald, dem Huhn bleibt eine Schale im Halse stecken, es liegt da und zappelt, 
und der Hahn macht seinen Weg vom Brunnen zur Linde, zur Jungfrau und so 
fort bis zum mitleidigen Köhler und dann in gleicher Kettenfolge zurück. Das 
Wasser macht die tote Henne wieder lebendig. Auch das nordfriesische Ge- 
schichtchen (Müllenhoff, Märchen, Sagen, Lieder aus Schleswig-Holstein, S. 470) 
gehört zu dieser Klasse, welche die mittrauernden Tiere nicht kennt und einen 
guten Ausgang hat. In der Einkleidung ist diese Sylter Erzählung selbständig: 
Henk und Uuank finden Salz und Malzkorn und brauen einen Trank. Dabei fällt 
Huank in den Bottich und steht angstvoll auf einem Beine darin. Henk ruft einen 
Mann zu Hilfe, der aber nicht helfen will, Hund will dann den Mann nicht beissen'), 
Knüppel den Hund nicht schlagen, Feuer den Knüppel nicht brennen, Wasser das 
Feuer nicht löschen, Ochs das Wasser nicht saufen, Fessel den Ochs nicht binden, 
Maus die Fessel nicht zernagen, die Katze aber beisst die ^laus und so geht die 

1) Die Reihenfolge des Jokel- oder Jäekelliedos, vergl. R. Köhler in der Germania 
.% 463—467 und im Anschluss an das lothringsche Märchen Poutin et Poutot E. Cosquiu 
in sein<'n Contes populaivcs de I,nn-aine IT, 32— 4L 



Zu ilem Mävilii'ii vnn 'l'oil und Bejiräbuis iKs ariiiou .S]iorliii{;»wcibcIien. liil 

Rulhc nun zurück, bis zu di'ni Manne, der vom Hund gebissen dem Huank aus 
dem Hottich hilft. 

Eine Gruppe (ur sieh bilden eine bi-andenburgisehe, eine siebenbürgische und 
eine ostpreussische Erzählung. 

In der Mark (Engelien und Lahn, Volksmund in der Mark Brandenburg. 
Berlin 1868. S. 166) wird so berichtet: Hoan und Hinne fanden ein volles Buttei- 
fass. Die Henne frisst es hinter dem Rücken des Hahnes aus, wofür sie dieser ver- 
wünscht: „Di sal deiir Jeier halenl" Der Geier holt sie wirklich und der Hahn 
macht sich auf, sie wiederzuholen; eine Knopfnadel, ein Ei, ein Mühlstein schliessen 
sieh ihm an und sie gelangen in das Haus des Geiers, der nicht daheim ist, weil 
er zur Hochzeit ladet. Die Henne ist sehr froh, ihren Mann wieder zu haben, sie 
machen eine Strohhenne und setzen sie auf den Herd. Das Feuer ist ausgegangen 
und als der Geier zurückkommt, will er es wieder aufblasen. Da springt das in 
iler Glut liegende Ei und verkleistert ihm die Augen, und wie er sich diese mit 
dem Handtuch auswischen will, ritzt ihn die darin steckende Nadel. Als er nun 
zornig zur Thür herausrennen will, um die Henne zu suchen, fallt der Mühlstein 
auf ihn und schlägt ihn tot: Henne und Hahn frassen dann das letzte Viertel 
Butter in Liebe zusammen auf und ärgerten sich nicht mehr einander — Im Sieben- 
liürger Sachsenlande (J. Haltrich, Deutsehe Volksmärchen aus dem Sachsenlande 
in Siebenbürgen Xo. 75. 76. 77. 78) wird erzählt, dass Hähnchen und Hühnchen 
auf dem Mist scharren, Hühnchen eine Erbse verschluckt und daran ersticken will. 
Hähnchen läuft nun die Jokelreihe ab') nach Wasser, als er aber endlich das 
Wasser bringt, ist Hühnchen schon erstickt. Da macht er einen Wagen, legt sie 
darauf, spannt zwei Läuschen und zwei Mäusehen vor und fährt die Tote langsam 
zu Grabe. Als er dann weinend heimfährt, kommt der Bär, weint und setzt sich 
hinten drauf. Dann desgleichen Wolf, Fuchs, Krebs, Ei, Stecknadel und Mühlstein. 
Zur Xacht kehren sie bei einem Wirt ein, der die weinende Gesellschaft auslacht, 
worauf sich die Tiere, jedes in seiner Art, an seinem Viehstande rächen; er selbst 
wird vom Mühlstein erschlagen. 

Die ostpreussische entsprechende Geschichte (E. Lemke, Volkstümliches in 
Ostpreussen 2, 238 f.) erzählt mit eigentümlicher Einmischung eines anderen Märchen- 
motivs, dass Hahnchen und Hennchen spazieren gehen: Hennchen findet eine Erbse 
und frisst sie, Hahnchen aber pflanzt die Bohne, die er fand, unter die Ofenbank 
und die daraus erwachsende Staude dringt allmählich durch das Haus hindurch 
empor bis in den Himmel Petrus bricht die Spitze ab. Hahnchen fordert Ent- 
schädigung, bekommt sie wiederholt, bis Petrus den unersättlichen in heisses 
Wasser wirft und dann als tot hinab vor sein Haus. Ein Weih holt die Leiche 
fort. Hennchen aber fährt mit einem Wagen aus, das Hahnchen zu suchen und zu 
begraben. Mäuse ziehen den Wagen: Stecknadel, Ente, Ei und Mühlstein schliessen 
sich der Fahrt an und sie kommen in das Haus ,der grossen Schawci"*, die gerade 
ausgeflogen ist. Es kommt nun wie in der siebenbürgischen Geschichte, „die 
Schawei'' wird vom Mühlstein tot geschlagen, und Hennchen findet das wieder 
belebte Hahnchen, und geht mit ihm seelenvergnügt heim."") 

Zum Schluss erwähne ich einer schwäbischen Variante (E. Meier, Deutsche 
Volksmärchen aus Schwaben, No. 80), welche das Trauergefolge nicht hat. sondern 

1) Wasser, .Jungfer, Schuster, Schwein, Müller, Acker, Mist. 

2) In (lern inhiiltreichcn Buche von Frl. Einilie Lemke, Volkstümliches in Ustpreussen. 
MohrunKen 1884. 1887. 2 Bde. ist 2, 242 f. noch eine dritte Gescliichte vom Hahnchen und 
Hennchen mitgeteilt, von einer Reise der beiden nach Koni, der sich andere Tiere aii- 
schliessen, und wo der i'uchs alle bis auf den schlauen S])erling frisst. 

Zeiuclir. d. Vereiu) f. Volkskunde. WJi, 11 



](^.2 llaase: 

nur die Jokelreihe, und die Verwundung des Halmes /.um Ausgang nimmt. 
Gockeler und Henne machen eine Reise, Gockeler springt über einen Graben und 
dabei platzt ihm der Bauih. Sie gehen zum Schuster, dass er den Riss zuniihe, 
dieser verlangt eine Borste dazu: sie gehen nun zur Sau und werden immer weiter 
geschickt bis auf die Strohbüne, von der sie heruntei- fallen „und da sind sie dot gwä." 

E. Cosquin hat dazu ein entsprechendes Geschiehlchen aus dem Departement 
Seine und Marne verglichen (I, S. 282). 

Es wird das geniigen, um die Verbreitung der kleinen Tierfabel und die 
Bildsamkeit ihres tStofles zu erweisen. 



Yolksiiiediziii in der Grafschaft Riippin und Umgegend. 

Von K. Ed. Haase. 

(Fortsetzung von S. 74.") 

Xm. Gegen Frost. 

1. Gegen Frost und aufgesprungene Hände. — Man nimmt den eigenen Urin; 
derselbe wird mit einem glühenden Eisen entsalzt und dann mit Kleie gemischt. 
In diesem Gemisch badet man die kranken Gliedmassen, trägt es dann stillschweigend 
nach einem Kreuzwege und giesst es dort aus. Die Kur kann nur bei abnehmendem 
Monde vorgenommen werden. Neu-Ruppin. 

2. Um Frost aus Händen und Füssen zu entfernen, bestreiche man einen 
Lappen (Leder) mit Fliedermus und lege denselben auf. Neu-Ruppin. 

3. Hat man die Glieder erfroren, so lege man Terpentinpllaster auf und lasse 
dasselbe so lange liegen, bis es abfällt. Ist der Schaden sehr stark, so geht Fleisch 
und alles herunter. Alsdann nimm weisse Feigensalbe, schmiere sie auf ein 
Läppchen xnid lege dieses darauf. Doch muss bei jedesmaligem Autbinden der 
Schaden mit italienischem Wundspiritus nur ein wenig mit der Feder beschmiert 
werden. Dies wird bis zur völligen Heilung des Schadens fortgesetzt. 

Alt-Ruppin. 

4. Man kocht Leinöl und Wachs zusammen und thut, nachdem es ein wenig 
verschlagen, das Gelbe vom Ei dazu. Die so bereitete Salbe hilft gegen den Frost. 

Lichtenberg. 

XIV. Wenn sich Geblüt gesetzt hat. 

L Wenn sich Geblüt gesetzet hat, so gebrauche Loröl, Dillöl und Mandelöl. 
Damit geschmieret gegen dem Feuer (d. h man reibe die leidende Stelle damit 
ein und halte sie gegen das Feuer oder den heissen Ofen, damit das Öl ordentlich 
einzieht). Neu-Ruppin. 

2. Wenn sich Geblüt gesetzet hat, so gebrauche Terpentinöl, Ziegelöl, Spickeröl, 
Regenwürmeröl, Wacholderöl, Weisslilicnöl, Johannisöl, Wachsöl und Petroleumöl 
(so!). Xeu-Ruppin. 



Vcilksiiiediziii in der Grafschaft Kupiiiii uiul Uiugegunil. Kio 

ö. Xiniui ',., Liter Spiritus, 2',2 Stück fenirsclie (veiietianische?) Seife, für 
10 Pfennig Satatri, für 10 Pfennig Kampfer und für ö Pfennig Bärme, thue es in 
eine Weinflasche und schüttle es tüchtig um. Damit reibe die kranke Stelle ein 
gegen Geblüt oder Verrenkung. ? 

XV. Gegen Gelbsucht. 

1. Ach, lieber Gott, ich klag' es dir. 
Nimm docii die gelbe Sucht von mir. 
Im Namen des Vaters u. s. \v. Neu-Ruppin. 

2. a) Fliederbauni, ich khvgc dir, 
Jleine Suelit, die plaget mir. 
Nimm hin, behalt! Im Namen Gutles u. s. w . Neu-Ruppin. 

b) Fiiederbaum, ich klage dich, 

Die gelbe Sucht, die plaget mich, 

Dass sie in mich vergeh 

Und in dich besteh. Im Namen u. .s. w. Buberuw. 

XVI. Gegen Gerstenkorner. 

1. Man gehe an einen Fluss, wende demselben den Rücken zu und sehe in 
den zunehmenden Mond: alsdann nehme man .sieben Gerstenkörner, drücke mit 
ilinen auf das wehe Auge und spreche: 

Was ich sehe, nehme zu; 

Was ich drücke, nehme ab. Das walte Gott Vater u. s. w. 

Darauf werfe man die Gerstenkörner über den Kopf in den Fluss. — Dreimal. 

Neu-Ruppin. Fehrbellin, Kr. Ost-Havelland. 

2. Man drückt mit den drei ersten Fingern der rechten Hand dreimal kreuz- 
weise gegen das Gerstenkorn und spricht: 

„Magst werden, wat du vvest" — 
und darauf dreimal ebenso gegen die Wand und s]iriciit: 

„Kröt' bliewst doch!'' Neu-Ruppin. Stöffin. 

•'!. Man sehe den zunehmenden Mond an und spreche, indem man das Gersten- 
korn mit dem Pinger berührt: 

Was ich sehe, nehme zu ; 

Was ich fühle, nehme ab. Im Namen des A'aters u. s. w. 

Wulkow. 

4. Es ritten drei Jungfrauen wohl über den Berg: 
Die eine gerannt. 
Die andre bekannt, 
Die dritte gewann 
Das ganze Recht. Im Namen d. V. u. s. w. . Wulkow. 

5. Hast du ein Gerstenkorn, so siehe durch das Astloch eines Bretterzaunes 
und lass den Wind daran kommen, so kehrt es niemals wieder. Neu-Ruppin. 

(1. Ein Gerstenkorn geht auf, wenn man des Nachts ein thalergrosses Stück 
Rindlleisch auf das kranke Auge legt. Neu-Ruppin. 

11" 



jy4 Haaso: 

7. Um ein Gerstenkorn zu vertreiben, inuss man es dreimal kreuzweise mit 
einem Trauringe bestreichen und dabei sprechen: Vater, Sohn und heiliger Geist. 

Ncu-Ruppin. Karwe. 

8. Siehe dreimal durch ein Sieb in die untergehende Sonne, ohne zu lachen, 
und sprich dabei leise: Im Namen des Vaters u. s. w. Wulkow. 

9. Man soll nicht auf einen Pusssteig pissen, weil man dadurch leicht ein 
Gerstenkorn erhalten kann. Die Heilung geschieht dadurch, dass man stillschweigend 
unter eine Dachtraufe pisst. Kreis Ruppin. 

XVII. Gegen Geschwulst. 

1. Schwuls, vergehe! 

Schmerz, vergehe! Im Namen de.s Vaters u. s. w. Neu-Ruppin. 

2. Der weisse und der blaue Schwulst, der soll vergehen bis auf den Grund. 
Im Namen u. s. w. Alt-Ruppin. 

3. Unser Herr Christus kam auf Erden Seine AVundcn dübn nich weh, sie 
schwuUen ok nich. Zippelsfördc. 

4. Für den Schwulst. 

Alle Glocken werden lüden; 

Alle Gesänge werden gesungen, 

Alle Evangelien werden gelesen, 

Daniet werd de Schwulst verwesen. Im Namen u s. w. 

Dierberg. 

.5. Glückselig sei der Tag, glückselig sei die Stund', dass du weder geschwüllst 
noch geschwärst, bis Maria einen anderen Sohn gebiert, f f f Lichtenberg. 

6. Geschwulst und Schmerzen zu nehmen. 

a) Wunde, die ich erfinde, 
Die soll nicht schwellen, 
Die soll nicht quellen, 

Die soll nicht wehe thun. Im Namen Gottes u. s w. 

(Vgl. Blut stillen 2.) Löwenberg. 

b) Unser Herr Christus lag und schlief; 
Seine Wunden waren tief: 

Sie schwollen nicht, sie quollen nicht, 

Sie thaten auch nicht weh. Im Namen Gottes u. s. w. 

(Vgl. Blut stillen, 2.) Lnwenberg. 

T. Man gehe hinaus, sehe den abnehmenden Mond an und sjircche, indem 
man die Geschwulst berührt: 

Was ich anseh, das gewinnt, 

Was ich anfühl, das verschwind'. Im N. G. u. s. w. 
Dreimal zu sprechen. — Pessin, Kr. West-Havelland. 

8. Man brenne und mahle Kochliusen, koche sich einen Kaffee davon und 
trinke denselben des Morgens auf nüchternen Magen. Neu-Ruppin. 

9. Eine Beule am Kopfe nmss man dreimal mit einem Tischmesser bestreichen 
(drücken). Neu-Ruppin. 



Volksmedizin in der Giafschaft Ruppin und Unigesjend. 165 

10. Hat man einen Kiut auf der Hand, so gehe man stillschweigend zu einer 
Leiche, streiche mit der Totenhand kreuzweise über den Schaden und spreche 
leise: Im Namen der heiligen Dreieinigkeit, alsdann wird der Klut versehwinden. 

\eu-Ruppin. 
XVin. Gegen Geschwüre.') 

1. Geschwüre muss man hei zunehmendem Monde böten, dabei in den Mond 
hineinsehen, die Hand auf die Geschwüre legen (oder sie damit streichen) und 
sprechen : 

a) Was ich sehe, das nehme zu; 

Was ich bedecke (streiche; Rh.), das nehme ab. 
Im Namen des Vaters u. s. w. Neu-Ruppin. Rheinsberg, 

b) Alles, was ich ansehe, wächst; 

Alles, was ich anfasse, verschwindet. Dreimal pusten, t t t 
Im Namen u. s. w. Gadow, Kr. Ost-Prignitz. 

2. Wenn man einen Pünkel hat, soll man mit dem Daumen, Zeige- und 
Mittelfinger kreuzweis dreimal drücken und sagen: 

Bliew, wat du bist. Protzen. Walchow. 

3. Wenn man Geschwüre hat, nehme man Geld, aber kein Kupfer, thue von 
dem Eiter der Geschwüre etwas daran und schenke dieses Geldstück einem Bettler 
oder lege es so hin, dass es jemand findet. Alsdann bekommt der Abnehmer die 
Geschwüre und der erste ist sie los. Rheinsber"'. 

4. Hat ein Knabe Pickeln im Gesicht, so lasse man ihn dreimal mit der 
Hand über die Stirne eines kleinen toten Mädchens streichen, alsdann vergehen 
sie. Bei einem Mädchen muss man die Leiche eines Knaben benutzen. 

y Kr. Ost-Prignitz. 

5. Hat man Geschwüre am Finger, an der Hand oder sonstwo, so darf man 
nicht in die Kirche gehen; denn durch den Segen, den der Geistliche über die 
Gemeinde spricht, wird die Wunde raitgesegnet und heilt infolgedessen schwer. 

AH-Ruppin. 
XIX. Gegen Gewächse. 
Wenn ein Mensch Gewächse hat, so spreche er: 
Man lautet zu der Leiche, 
Und was ich greif, das weiche. 
Und was ich greif, nimmt ab 
Wie der Tod im Grab, t f f Lichtenberg. 

XX. (iegen Gicht'-) und Rheumatismus (Fluss). 
1. Für den Fluss. 
Du sollst nicht reissen. 
Du sollst nicht beissen, 
Du sollst stille stehen, 

Wie die Mutter Maria stille stand am Jordan. 
Im Namen Gottes des Vaters u. s. w. Neu-Ruppin. 



1) Zur Zeit der Zwölften darf man keine Hülsenfrüchte essen, weil man sonst Ge- 
schwüre bekommt. — Allgempin. 

2) Giesst niiui jemaud in ein noch nicht vüIük ausgetrunkenes Glas aufs neue Wein 
ein. so bekommt er die Gicht ^oder die S(li\vindsiiclit\ — Ailgemein. 



16fi Haasc: 

2. a) Fluss und die Wuid' 

Die hatten einen Streit; 

Der Fluss, der verschwind't, 

Die Weid', die gewinnt. Im N. d. V. u. s. w. Nou-Riippin. 

b) Die Eule und alle Gichtflüsse, 

Die haben ein Fecht (Die liegen beid' in Streit: Fr.); 
Die Eul' gewannt 

Und alle Gichtflüsse verschwand. Im Namen Gottes u. s. w. 
(Dreimal pusten; dabei muss man den Kranken anfassen und vom Körper 
wegstreichen: Fr.) Neu-Ruppin. Frankendorf. 

c) Gegen den Fluss. 

De Rose un de Wied', de streden sik: 
De Duwe un de Himmel, de jagen sik: 
So will ik di ok jagen. Im Namen u. s w. Zippelsforde. 

d) Maria und der Fluss, e) Der Almuss (?) und der Fluss, 
Die gingen übers Land; Die gingen beide ins Gericht; 

Maria wand, Der Almuss, der gewann, 

Und der Fluss verschwand. Und der Fluss verschwand. 

Buberow. Buberow. 

f) Der Schlagfluss, die Vormundschaft und die Gicht 
Gingen beide (so!) ins Gericht; 
Der Vormund gewann, 
Der Schlagfluss und die Gicht verschwand. 
Im Namen u. s. w. Metzelthin. 

g) Die Amen (?) und die Gicht, 
Die gingen beide zu Gericht: 
Die Amen, die gewann, 
Die Gicht verschwand. Neu-Ruppin. 

h) Der Ileidmann und die Gicht 

Die gingen beide ins Gericht; u. s. w. Metzelthin. 

i) Jesus Christus und die Gicht, 

Die standen beide vor dem jüngsten Gericht; u. s. w. 

Retzow, Kr. West-Havelland. 

3. Guten Abend, du wilder Ast, 

Hier bringe ich alle meine Mühe, Sorge und Last; 
Gichtfluss, Schlagfluss (oder Schwindel) und alle bösen Seuchen, 
Die sollen aus meinen Gliedern (meinem Körper) weichen 
Und in diesen Ast 'reinschleichen. 
Im Namen Gottes u. s. w. 
Neu-Ruppin. Zippeisförde. Buberow. Metzelthin. Fehrbellin, Kr. Ost-Havelland. 

Dem Spruche aus Zippelsforde sind die Worte hinzugefügt: Dies muss an 
einem Apfelbaume gesprochen werden, der von dem Patienten aus hinter einem 
Kreuzwege steht und zwar an drei Freitagen bei abnehmendem Monde. — In 
Fehrbellin greift man wiihrend des Besprechens an einen Zacken und .droht ihn 
kreuzweis"*. 



Vülksiiiedizin in diT Uraf^chaft Hiippiii iiiid l'nijjoi.'i'iiii. 1(57 

4. .1) Apl'elbaum (Nussbaum M.), ich klage dir. 

Die reissende (77sterlei M.) Gicht, die plagt mich sehr. 

Ich fasse jetzt an diesen Ast, 

Nimm sie von mir, die schwere Last. Im Namen Gottes 11. s. w. 

Ncu-Ruppin. Metzeithin. 

1)) Gegen die Gicht. 
Eichenbaura, ich klage dir. 
Die Gicht plaget mir; 
Ich wünsche, dass sie mir vergeht 
Und in dir besteht. 
Im N. G. u s w. (S. Engelien n. Lahn a. a. 0. S. ^GT.) Seebeck. 

c) Guter Mond, ich klage dich, 

Die reisseode Gicht, die plaget mich; 

Ach, ich bitt' dich sehr. 

Nimm sie weg von mir. Im Xamen u. s. w. Dierberg. 

d) Appelbom, ik klag di (Frucht tragender Baum: P.), 
De ritne Gicht pUigt nii; 
De erste Vägel, de ober flügt. 

Nimmt mine ritne Gicht mit weg. Im Namen des Vaters u. s. w. 
(Hierbei muss man einen Apfelbaum umfassen) 

Wulkow. Pessin, Kr. West-Havelland. ') 

e) Guten Morgen, Jungfer Ficht'! 
Ich klag' dir 77erlei Gicht. 
Der erste Vogel, der rüber fliegt, 
Der nehme sie in die Kluft 

Und nehme sie mit in die Luft. Im N. G. u. s. w. 
Dabei muss man drei junge Vögel ausschütten aus dem Nest und bei dem 
Anrufen jedesmal einen fliegen lassen. Xeu-Ruppin. 

f) Sprich zu einem Pflaumen- oder Birnbäume: 
Baum, ich klage dir, 
Die 77sterlei Gicht plaget mir: 
Baum, ich bericht' dir. 
Die 77sterlei Gicht verschwand mir. 
Im Namen u. s. w. Friesack. Kr. West-Havelland. 

g) Flederbom, ik klag di, 
De Gicht plagt mi; 
Fleilerbom, ik klag di an 
Un joch davan. Im Namen u. s. w. 

Seveckow, Kr. Üst-Prignitz. 

5. a) Man gehe an einen Obstbaum und bete also: 

Ich grüsse dich, du grossvolle Staude (= gross Hollerjistaude?) 

An dir verböte ich meine 77erlei reissende Gicht. Neu-Ruppin. 

b) Ich grüsse dir, gross Ollerstaude (= Hollernstaude = Hollundcrstaude), 
Ich bitt' dir um 77erlei Gicht. Im N. G. u. s. \v. 
Des Freitags früh vor der Sonne an einer Scheidweide. Neu-Ruppin. 



1) lu Pessin in lioclnlcntscher Sprache. 



16S Haasc: 

n) Guten Morgen, Weide, [HoUernstaiide), 

Ich grüsse dich gross von der Stunde (so! Wohl ontsteüt aus grosse 
An dich verbot ich mich, Weide, 
l'ber mein 77erlei Arten Gichtllüsse, 
Die reissende Gicht, 
Die brennende Gicht, 
Die warme Gicht, 

Und alle andern Gichtllüsse, die ich nicht alle nennen Kann. 
Hier bind' ich sie an 
Und gehe davon. Im Namen u s. \v. 
(Drei Freitage morgens vor der Sonne.) Seveckow. Kr. Ost-Prignitz. 

(j. a) Gichtfluss, du sollst stehen, 
Du sollst vergehen. 
Sollst verschwinden. 
Wie das Laub an den Linden, 
Bei den Toten sollst du's finden. 
Im Namen des Vaters u. s. w. Neu-Ruppiii. 

b) Dieser Gichtfluss soll verschwinden. 
Wie das Blatt von der Linden, 
Wie der Tod in das Grab. 
Im N. d. V., d. S. u. s. vv. (ohne Amen), -j- -j- j Neu-Ruppin. 

7. Gegen allgemeines Reissen bei abnehmendem Mond. 
Ich blicke ins helle Licht 

Und klage meine Gicht. Im Namen Gottes u. s. w. 
(An drei Abenden je dreimal zu sprechen.) Neu-Ruppin. 

8. Petrus und Paulus gingen in Bröken (= Bruch), 

Kräuter wollten sie sich söken, [thäten böten). 

Damit sie den Pluss und det Böten (? — jedenfalls: Damit sie den Pluss 
Im N. G. d. V. 1 1 1, G. d. S. t t t u. G. d. h. G. f f f Neu-Ruppin. 

9. Gegen Gichtreissen. — Die reissende und die wütende und die siebenund- 
siebzigste Beigicht, ich gebiete dir, alle deine Gichten zu reissen und zu laufen 
(so!), wie die heilige Jungfrau Maria trägt ihr Söhnlein zur heiligen Taufe und 
zur Reinigung. — Im Namen u. s. w. Alt-Ruppin. 

lU. Stille mir den Schwindel! Gichtfluss, aus den Knochen wohl in das 
Fleisch, wohl in die Haut, aus der Haut wohl in den weiten Wald hinaus. — 
Im Namen u s. w. Alt-Ruppin. 

11. Guten Morgen, Ficht'! 

Hier bring ich dir meine 77sterlei Gicht. 

Nimm sie von mir. 

Behalt sie an dir, 

Dass du sie magst tragen 

Bis an den jüngsten Tagen. Im Namen Gottes u. s. w. 

Will man diese Sympathie gebrauchen, so nimmt man ein Messer, Bohrer und 

Hammer, bohrt ein Loch in eine Fichte und betet dabei obige Worte. Ist dies 

geschehen, so schneidet man sich von der Pichte einen Zweig und macht davon 

einen Pfropfen, während man wieder, wie angeführt, betet. Ist auch dies geschehen. 



Viilksiiindi/.iii in licr Grafschaft Ru|jpin und Umgcgonil, 1611 

so schlägt man mit dem Hiimmer den Pfropfen in das Loch unter Hersagen des 
Spruches und geht alsdiinn wieder still nach Hause, ohne sich umzusehen; doch 
iiiuss man sich hüten, jemals wieder der Fichte zu nahen. Zippelsfördc. 

12. Am stillen Freitag geschah, da unser lieber Herr Jesus Christus in seine 
bittere Marter trat, da betete gross (und klein?), da betete alles, was auf Erden 
war. Da sprach der Judenrichter: Jesus, du bist gichtig; dieser Mensch ist gichtig. 
Der mir einst alle diese Worte nachsprechen kann, den soll nun und nimmermehr 
keine Gicht mehr stechen, es sei die schwellende Gicht, die kühlende Gicht, die 
reissende Gicht, die fahrende Gicht, es sei in der Welt für Gicht, was für Gicht 
sein mag, und von den Früchten ich es nehmen mag (so!). 

Dies wird drei Fi-eitage hinter einander vor Sonnenaufgang rückwärts über 
den Kopf stromabvväits in das Wasser geworfen (jedenfalls auf Papier geschrieben). 

Zippeisförde. 

lo. Ach, lieber Gott, ich bitte dich, 
Die Gicht plaget mich. 

Sonne, Mond und Sterne hellen mir von dieser Pein, 
Dass ich von der Gicht entledigt sei. 
Im Namen Gottes u. s. w. Lichtenberg. Kerzlin. 

14. 0, du böse reissende Gicht, du sollst nicht reissen, du sollst nicht 
schmeissen. Der Mann, der Weide band, da unser Herr Jesus Christus am Kreuze 
hang. Im Namen Gottes u. s. w. Dabergotz. 

15. Man gehe an drei Freitagen vor Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang zu 
einem Fichtenbaum und spreche stets dreimal; 

Guten Morgen (Abend), Ficht', 
Hier bring ich dir meine 99 fache Gicht. 
Nimm sie mir ab, 

Dass sie mich nicht mehr plagen mag-. 
Beim Sprechen fasst man jedesmal einen Fichtenzacken an, den man nach 
Beendigung einknickt, so dass man an jedem Freitilg drei Zacken eingeknickt hat 
(W.). — In L. legt man nur den gichtkranken Teil des Körpers gegen die Fichte. 

Wustrau. Lenzke, Kr. Ost-Havelland. 

H). Man gehe drei Tage hinter einander des Morgens vor Sonnenaufgang zu 
einem Fliederbaume, fasse ihn an und spreche: 

Flieder, ich habe die Gicht, du hast sie nicht; 
Nimm sie mir ab, so hab' ich sie auch nicht. 
Im Namen Gottes u. s. w. Falkenthal, Kr. Templiii. 

17. Ich ging durch Gottes Garten, 
Da stehen drei Blümelein: 
Die eine ist Gottes Güte, 
Die andre ist Gottes Gemüte, 
Die dritte ist Gottes Willen. 
PIuss, stehe still im Namen des Vaters u. s. w. ! 

Falkenthal, Kr. Templin. 

18. Man spreche dreimal: 

Petrus und Phili|)pus gingen 'M) Holk (?) und 20 Brokt (?): unser Herr Christus 
sprach : 



1711 Hnasc: 

Kehrt um! Die Glocken, die klungcn, 

Die Mess' ist gesungen, 

Die Gicht ist verschrunnen. 

Im Namen Gottes u. s w. Palkenthal, Kr. Templin. 

19. Für Gicht. 

Sehwoir nicht, quell' nicht, heiwiwax, 
Wie ander Leute ihr Wachs. Im N. G. u. s. w. 
(Dreimal.) Kremmen, Kr. Ost-Havelland. 

20. Zunächst werden in der Luft drei Kreuze gemacht, der Name des drei- 
einigen Gottes gesprochen und dann fortgefahren: 

So gewiss Jesus seine Marter erlitt, so gebiete ich dir, innerliche, schwellende, 
laufende, reissende Gieht, dass du ausfahrest aus Adern, Knochen, Mark, Bein, 
Fleisch und Blut im Namen der heiligen Dreifaltigkeit. 

Diese Worte werden gesprochen, während man den Körper des Leidenden 
vom Kopfe, bis zum Pusse dreimal bestreicht. Fehrbellin, Kr. Ost-Havelland. 

21. Gichtfluss besprechen. — Hierzu nimmt man drei Zweige von einem 
wilden Scheidbaum und eine Strippe, bestreicht die leidende Stelle dreimal über 
Kreuz damit und sagt dann: 

Ich greife an den wilden Ast, 
Der nimmt von mir all böse Last, 
Gichtfluss, Schwindel und dergleichen 
Sollen in diesen Ast einschleichen. 

Dies macht man dreimal. Dann schürzt man mit der Strippe drei Knoten 
(aber Kreuzknoten!), nimmt einen Lappen, wickelt denselben über die Zweige und 
dann die Strippe über den Lappen. Diese ganze Geschichte steckt man in ein 
Rauchloch. Sobald sie vertrocknet ist, vei'schwindet der Gichtfluss. 

Retzow, Kr. West-Havelland. 

Der Spruch wird auch in Dierberg an drei Freitagen vor oder nach Sonnen- 
untergang angewendet, jedoch ohne jede Handlung. 

22. Den Pluss besprechen. — Hierzu macht man von unfruchtbarem Holze 
einen Keil, bestreicht damit die leidende Stelle dreimal über Kreuz, abei' unter- 
halb, und sagt: 

Du böser Gichtfluss, was thust du das arme Mcnsclienkind plagcny 

Du sollst nicht riten, 

Du sollst nicht sputen, 

Du sollst nicht wehe thun. 

Gehe über den dritten oder vierten Scheidczaiiii, 

Da sollst du riten, 

Da sollst du spliten. 

Im Namen Gottes u. s. w. (ohne Amen). 
Dies macht man dreimal, bläst dann mit dem Odem drei Kreuze unterhalb, 
nimmt Hede oder Flachs und wickelt damit 9 Kreuze über den Keil, sehlägt mit 
einem Stemmeisen mit drei Schlägen ein Loch in einen Stiel (senkrecht stehenden 
Balken) des Hauses und dann mit drei Sehlägen den Keil hinein. 

Kelznw. Kr. Wc.st-lbivclland. 



Vnlksuiftlizin in drr (InirscliaCt IJnjiiiiii uiul Umj^eyi^ml. 171 

i'ä. a) Der Herrgott sprach zu Gichten : 
Behiste diesen mit nichten! 
Geh immer fort von hier 
Und komm niemals wier (wieder)! 

Retzow, Kr. West-Havelland. 

b) Der Herrgott sprach zur Gicht: 
Belästige diesen hinfort nicht! 
Laufe von hier fort, 
Such' dir 'nen andern Ort! 

Retzow, Kr. West-Havelland. 

24. Gicht und Rheumatismus, stehe still! 
Das ist der Mutter Gottes ihr Will". 

Gicht und Rheumatismus, ich gebiete dir, dass du stehest. 
Und nicht weiter gehest, fm Namen Gottes u. s. \v. 

Zechlin, Kr. Üst-Prignitz. 

25. a) Wassermanu, ich klage dir. 

Die reissende Gicht, die plagt mir. 
Wassermann, ich trank dir, 
Die reissende Gicht vergang mir. 

Ich bespreche dich im Namen G. d. V. f, d. S. f u. d. h. G. f 
Drei Freitage vor der Sonne jedesmal dreimal an fliessendem Wasser gebetet 
und bei dem Namen Gottes bei jedem Kreuz mit einem Lölfcl ein wenig Wasser 
t;etrunken, das man stromab geschöpft hat. Neu-Ruppin. 

b) Der Gichtkranke wird auf einen Handwagen in Kissen gepackt. Vorn 
zieht ein Mann, hinten schiebt eine Frau, ein dritter, der den Spruch sagt, geht 
nebenher. Der Kranke muss nach fliessendem Wasser gebracht werden, in das 
er auf seinem Wagen so weit hineingeschoben wird, dass er mit dem Becher 
schöpfen kann. Alles muss stillschweigend geschehen. 
Wassermann, ich klage dich; 

Brennende Gicht, stechende Gicht, fliegende Gicht plaget mich. 
Wassermann, ich trinke. 
(Der Kranke schöpft in einen Becher gegen den Strom und trinkt halb aus.) 

Brennende Gicht, stechende Gicht, fliegende Gicht, weiche von mir! 
(Der Kranke giesst den Rest mit dem Strome aus.) 

Dieser Spruch ist dreimal zu sprechen an drei aufeinander folgenden Freitagen 
vor oder nach Sonnenaufgang oder Untergang. Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

2G. Kastanien, in ungleicher Anzahl in der Tasche getragen, helfen (schützen) 
gegen Gicht und Rheumatismus. Dieselben Dienste leistet Spiritus, den man mit 
Kastanienblüte (N.-R.) oder Maikäfern (Pr. W.) aufgesetzt hat. 

Neu-Ruppin. Protzen. W'alchow. 

27. Gegen Reissen, Gicht und Rheumatismus. — Man nimmt eine Schweins- 
lilase (bei einem Manne von einem Sauschweine, bei einer Frau von einem Bork), 
lullt dieselbe mit dem einmal gelassenen Urine des Kranken, bindet sie kreuzweise 
an drei im Schornsteine über einander geschlagene Nägel fest und macht ein 
Kannnfcuer darunter, welches drei Tage unterhalten werden muss, damit der Urin 
uiislrockne. Ist dies geschehen, dann ist die Krankheit gehoben. Xeu-Rup[)in. 



172 Winter: 

28. Nimm für 1 Silbergroschen Kampfer, für ü Pfennig Salmiak, für (J Pfennip- 
Paradieskörner, einen Esslöffel voll gestossenen Wacholder und einen Esslöffel 
voll ungelöschten Kalk. Dies alles wird gestossen, ein halb Pfund Spiritus darauf 
gegossen und hiermit die schmerzhaften Teile gestrichen. Neu-Ruppin. 

2"J. Gegen Rheumatismus. — Man hänge eine Kröte auf, lasse sie von selbst 
absterben, zur Mumie vertrocknen und trage sie dann, in Leinwand genäht, auf 
dem blossen Leibe. Falkenthal, Kr. Tem|iliii. 

30. Patienten, die an Rheumatismus leiden, bestreicht man an drei Tagen 
vor Sonnenaufgang mit einem Stück Holz von einem faulen Weidenbaume. 

y, O.st-Prignitz. 

XXI. Gegen einen giftigen Stich. 

Die Schlange stach, 

Christus sprach, 

Christus sprach ein Wort 

Und nahm der Schlange die Stachel fort. 

Im Namen Gottes u. s. w. Dierber^;. 

XXII. Gegen Halsschmerzen. 

1. Man binde sich einen Strumpf um den Hals, nachdem man die innere 
Seite nach aussen gekehrt hat; doch darf ein Mann nur einen Frauenslrumpf (und 
umgekehrt) verwenden. Allgemein. 

2. Gegen Halsschmerzen trage man ein rotseidenes Tuch um den Hals, das, 
wenn es eine Frau gebrauchen will, ihr von einem Manne geschenkt sein muss, 
und umgekehrt. Neu-Ruppin. 



Neu-Ru])pii 



(Fortsetzuug- folgt.) 



„Mein Bruder freit um mich." 

„firib bralitis mani jemt." 

Mythologischer Versuch über ein lettisches Volkslied und ein Lied des Rig-Veda 
von A. Winter. 



Ein lettisches Volkslied, das als mehr oder weniger verstüiiiineltcs 
Bruchstück in verscliiedenen CTegendeu des von Letten bewohnten Landes 
(Kurland, Süd-Livland und Xord-Witebsk) aufgezeichnet ist, erscheint mir 
in mehrfacher Hinsicht beachtenswert. Ich glaube, dass ihm ein uralter 
Xaturmythus zu Girunde liegt. Der alltäglich sich vor unseren Augen ab- 
spielende Wettlauf oder Kampf zwischen Licht und Finsternis ifet das 
Thema des Gedichtes, das durch allmählicli hinzugefügte Züge weiter aus- 
"•estaltet und zuo-leieh entstellt ist. 



,Meiu Bruder freit um mich." 



173 



Aus den verscbiedeiieu Fassuugeu nach Jlöulichkeit ergänzt, lautet 
das Lied wie folgt: 



.jWehl wohin soll ich entfliehen. 
Da mein Bruder um mich freit! 
Tauche mit den Tauchcrenten, 
Senk' mich auf den Grund des Sees. 
Werde nicht des Bruders Gattin, 
>'icht der Mutter Schwiegertochter! 
Werd" mein Mädchenkränzlein setzen 



Auf des Weidenstrauches Wipfel, 
Auf des gi-ünen Schilfes Spitze 
Meine Fingerringlein streifen. 
Eh' ich teir des Bruders Lager, 
Lieg' ich lieber in dem See: 
Lieber will ich sein ein Entlein, 
Als die Schnur der eignen Mutter!"') 



1 Varianten des let 

Ai, Dcewiuu, kur palikschu, 
Grib bälinis maui nemt! 
Eesanim uirüjös, 
Eesalaifchu eferä. 
Ne es bräla seewa biju, 
Ne mäminas wedeklina. 
Kärschu sawu waiuadfinu 
Salas needras galinä, 
Laifcbus pati eferä 
Raudawischu pulziuä 

Wai, Deewin': ko darlsthu? 
Grib bralitis mani yenit! 
Sweedisch' sawu gredfcninu 
Sika kärklu krümiuä: 
Maukschu sawu wainadl'iuu 
Salä needres galinä: 
Laifchös pati upite 
Rauduwischu pulzinä. 
I.abak upes rauduwito, 
Ne brälischa Ugawina. 

Xötezrju pec Clara 
Salas needras meklcdania; 
Laidu sawus gredfeniiius 
Salas ncedias gahiiä. 
Ne es bräla ligawiua, 
Ne mümiiias wedeklina: 
Ta lal)äk guln efarä. 
Ne ka bräla gultiiiä. 



tischen Liedes. Wortgetreue Übersetzung. 

1. 3052. Aus Lubahn, Livland. 

Ai, Gottchen, wo werde ich bleiben! 

Es will das Brüderehen mich (zur Frau) nehmen! 

Icli werde untertauchen mit den Tauchereutcn, 

Werde micli in den See hinablassen. 

Nicht war ich des Bruders Gattin, 

Nicht der Mütter Schwiegertochter. 

Ich werde hängen mein Kränzlein 

Auf des grünen Schüfcs Spitze, 

Lasse mich selbst in den See (hinab) 

In den Schwärm der Rotkopf- (Spiess) Enten. 

3382. Kabillen, Kurland. 

Wai, Gottchen! was werde ich tbun? 

Es will das Brüderchen mich nehmen 

Ich werde werfen mein Ringleiii 

In den feinen Weidenbusch: 

Werde aufziehen mein Kränzlein 

Auf des Schilfes grüne Spitze: 

Lasse mich selbst (hinab) in den Bach 

In die Schar der Weisslischchen. 

Besser (lieber) des Baches Weissfisclichen 

Als des Brüderchens Gattin! 

2705. Linden, Kurland. 

Ich lief hin zum See 

Grünes Schilf suchend: 

Ich Hess meine Ringlein 

Auf des grünen Schilfes Spitze. 

Nicht (bin) ich des Bruders Gattin, 

Nicht Mütterchens Schwiegertochter. 

So schlafe (liege) ich besser (lieber) im See, 

Als in des Bruders Bette. 

4. 3672. Neu-Autz. 



Wai, Deewin, ko darischu!' 
Grib' bälinich mani ncnit! 
Nemu sawu waiuadfinu, 
Sweefchu strauj"-upite, 
Laifchös pate upite, 
Labak juias rauduwite, 
Ne kä bräla ligawiua. 

(Aus A. Bielcnstein, Lettisclie Volkslieder, 
l.i'ipzig 1S74.) 



Wai, Gottchen, was werde ich thun!'' 
Es will das Brüderchen mich nehmen! 
Ich nehme mein Kränzlein, - [werfen, 

Werde es in das schnellströmende Bächlein 
Werde mich selbst in das Bächlein (hinab)lassen: 
Besser (lieber) eine Spiesscute des Meeres, 
Als des Bnidcrs Gattin. 



174 Wintor: 

Die oiiiauder iiielieiuluii und verfolgenden Geschwister sind Tag und 
Niicht. Die lichte Schwester fürclitet sicli vor dein finsteren Bruder und 
oilt fort, um ihm zu entkommen; sie rettet sich durch einen Sturz ins 
Meer, ehe er sie erreicht. 

Für die Berechtigung dieser Deutung') lassen sich aus den lettischen 
Rätseln und Volksliedern Belege anführen, die, bei dem engen Zusammen- 
hange, in dem die alt-lettischen mythischen Vorstellungen mit den alt- 
indischen stehen, durch Heranziehen von übereinstimmenden Anschauungen 
aus den Veden gestützt und bestätigt werden. In den Rätseln wie in den 
A'^eden „spricht die Sphinx der Mythologie noch einige wenige Worte aus, 
um ihr eignes Geheimnis zu verraten", hier wie dort „können wir noch das 
allmähliche Wachstum der Götter, den langsamen Übergang der Appellation 
in Eigennamen, den ersten Versuch einer Personifikation beobachten" 
(Max Müller, Wissensch. d. Sprache. II. Leipzig 1866). 

Zum recliten Verständnis des Liedes ist es nötig, dass wir uns zuerst 
die Bedeutung der korrelativen Begriffe in der ältesten Mythologie ver- 
gegenwärtigen. 

„Die Idee der Zwillingsmächte ist eine der fruchtbarsten Ideen in der 
alten Mytliologie. Viele der auffälligsten Xaturphänomene wurden von den 
Alten unter dieser dualistischen Form aufgefasst und ihre mythisclie 
Phraseologie sprach von ihnen, wie von Bruder und Schwester. Gatte und 
Gattin, Vater und Mutter. Das vedische Pantheon ist im besonderen mit 
Gottheiten angefüllt, welche immer im Dual eingeführt werden und sie 
alle finden ihre Erklärung in dem gleichsam handgreiflichen Dualismus 
der Natur, wie Tag und Nacht, Morgenröte und Abenddämmerung, Morgen 
und Abend, Sommer und Winter, Sonne und Mond, Licht und Finsternis, 
Himmel und Erde. Dieses alles sind dualistische, korrelative Begriffe. 
Die zwei werden als Einheit aufgefasst, als einander zugehörig; sie teilen 
bisweilen selbst denselben Namen. So findet mau Ahani die zwei Tage, 



5. S. 191. Witcbsk. 
Oi (liwci'i, ku daritl Oi Gottchen! was soll inau thuni 

Grib man jimti brölercn. Es will mich nehmen das Rrüilnrchen! 

Maucu sawu gredzei'iii'i Ich ziehe mein Riuglein 

Zares uidres w'crsonites. Auf des grünen Schilfes Wi]il'ol, 

Körn sowu wainuceüu Hänge mein Kränzlein 

Boltes puües galenä. An die Spitze der weissen Blume. 

lÄmi posa azarä, Krieche selbst in den See 

Kaudiwesn pulcinä. In der Rotkopfcnten-Schwarm. 

Lobök beusu raudiwete, Besser (lieber) werde ich sein eine Kotkopfente 

Na brölei'ii l'audowcn. Als des Bruders Gattin. 

(Ans 3. A. ßo.ii/repb Marepia.ibi ^/msriio- 
rpa*iii ,iaTi>TuirKarn ii,ieMeiin DirreöcKoii 
ryöeiniiii. C.auKTncTepGypi'b 1S90. 

1) [Emil Bielenstein, Wie die alten Letten gefreit haben (S. 23\ deutet das I,ied aus 
wirklichen Zuständen als eine Spur der ..uralten kommunalen l'he". K. VV.] 



..Mein ]!ni(li.'r IVoit um mich." ]75 

(I. i. Tilg uinl NiU'lit; Dyävapritliivi Hiinniul uiul Im-iIc u. s. w. (Max Mülk'r, 
Ö. 449). 

Zusanimeiigeliörige Naturerscliehuiiigeii unter dem Bilde solcher 
Familienbeziehuiigeu zu vereinigen ist auch der lettischen Vorstellung 
geläufig, wie aus folgenden Rätseln und Liedern zu ersehen: 

137. Zwei Schwestern, die eine weiss, die andre schwarz. Tag und Nachl. 

139. Zwei Schwestern wiciiehi sicii in dieselbe Decke; die eine steht auf, die 
andre schwindet. Tag und Nacht. 

138. Zwei Schwestern, die in Zwietracht sind: die eine erscheint, die andre 
Ihehl; die eine ist weiss, die andre scliwarz. Tag und Nacht. 

GUT. Zwei breite Schwestern, die eine weiss, die andre grün: kaum geht die 
eine, so rückt die andre heran. Winter und Sommer. 

134. Ein iiolier Vater, eine breite Mutter, ein toller Sohn, eine blinde Tochter, 
[jult oder Himmel, Erde, Wetter und Nacht. 

140. Ein weisser Vatei', eine breite Mutter, ein toller Sohn, eine blinde 
'J'üchter. Gott, Welt, Wind, Nacht. 

961). Ein kralzljürstiger Vater, eine liebevolle Mutter, eine Tochter mit weit 
geöirnetem Auge, ein blinder Sohn. Winter, Sommer, Tag, Nacht. 

(A. Bielenstein. lOOU lett. Rätsel. Mituu I8S1.) 

41. Uhssing hatte zwei Söhne (hat) 
Mit roten Hauptern: 

Den einen schickt er aul' die Nachthütung, 
Den andern mit dem Pfluge auf's Feld. 

Abendrot und Morgenrot. 
42. Uhssing hatte zwei Sohne, 
Beide von einem Alter; 

Man hat nicht gesehen, wann sie geboren wnu'den, 
Man hat sie nur wandern sehen: 
Der Grössere, wenn ich arbeitete, 
Der Kleinere, wenn ich schlief. Sonne und Mond. 

Vgl. lliOÜ der Büttnerschen Sammlung. 

Johannes hat zwei Töchter, 
Die eine ist gross, die andere klein: 
Die Grosse trug Gold, (trägt) 

Die Kleine Silber. Sonne und Mond. 

(Aus Auning: Wer ist UhssingV) 

Rig-Veda I. 1-23, 7. 
Eine geht hinweg, die andre kommt heran, die beiden Ahaus (Tag inid Nacht) 
gehen zusammen. 

I. IS.*), 1: Welche von den beiden ist die erste, welche die Iclzte^ Wie 
werden sie geboren, ihr Dichter^ Wer weiss es? Diese zwei erhalten alles, was 
da lebt; die beiden Ahaus drehen sich herum, wie Räder. 

m. 55, 11: Die beiden Zwillingsschwcstern haben ihie Körper verschieden 
sein lassen; eine von ihnen ist glänzend, die andere dunkel, u. s. w. 



17(i Winter: 

Die UlterciiistiiiiiiiiiUi; in den AiiscliiUiiiugoii ihn' lettischen Kätsel uiiil 
Jjiytler uiiil dciii'u der angeführten Vedenstellen lässt erstere wie Bruch- 
stücke alter Hymnen erscheinen. Im „holien, weisen Vater" und der 
„weiten Mutter" (Rätsel 134 u. 140) treten uns Dyanshpitar und Prithivi 
„die weite" unverkennbar entgegen. Was das Herz der Dichter der Veda- 
Hymnen bewegte, hat auch die alten Letten zu Gedanken angeregt, die 
sie gleichfalls nur stammelnd auszudrücken wussten; wechselnd, ver- 
schwimmend, wie die Wolkengebilde am Himmel, von dessen Angesicht 
unsere Vorfahren die Autwort ablesen wollten für all die Fragen, die iliren 
Geist bestürmten, sind die Vorstellungeu, die sie sich bilden über all die 
Vorgänge, die vor ihren Augen statthaben uud die ihnen doch unfassbar 
sind; in liätselform kleiden sie, wofür sie noch keine erschöpfende Er- 
klärung, keinen bezeichnenden Namen gefunden. 

Noch ist hier alles poetischer Vergleich, dichterische Personifikation, 
erst „der Ansatz zur Mythologie". „Die Zwillinge kommen und gehen", 
das war alles, was die alten Dichter von den um die Wette laufenden 
Stunden des Tages und der Nacht zu sagen wussten, es war das letzte 
Wort, das sie finden konnten, uud wie so manches gute alte Wort, verfiel 
auch dieses dem Geschick aller lebendigen Rede, es wurde zu einer 
Formel, einer Sage, einem Mythos." (M. Müller, S. 466.) 

Aus solch winzigem Kern ist auch unser lettisches Lied entsprungen. 
Die in den Rätseln uns erhaltenen ursprünglichen Vorstellungen über den 
Wechsel der Tageszeiten entwickelten sich immer weiter; jeder neu hinzu- 
gefügte Zug enthielt den Keim zu wieder anderen neuen, bis „nach dem 
ewigen Gesetz, das waltet", der vollendete Mythos, nachdem er seine 
höchste Entwicklung erreichte, den Weg nach abwärts, zur allmäidichen 
Auflösung antreten musste. Auf dieser Stufe des Vei-falls ist der Mythos 
in unserem Liede: die Himmlischen sind in die Reihen der Sterblichen 
herabgestiegen, der Naturmythos ist epische Poesie geworden, der Übergang 
ins Kindermärchen bereits augedeutet. 

Als Einwand gegen die liier versuchte Erklärung des Liedes könnte 
der •Umstand geltend gemacht werden, dass im Lettischen deena und nakts, 
Tag und Nacht, beide fem. gen. sind und darum die Deutung als Schwester 
und Bruder nicht gestatten. 

Der Einfiuss des grammatischen Genus auf die Bildung der 31ytlien 
ist allerdings nicht zu leugnen; so nimmt z. B. unter seinem Zwange der 
bekannte littauische Mythos vom Monde, der die Sonne gefreit, sie daun 
aber treulos verlassen hat, weil er sich in den Morgenstern (auszrine fem.) 
verliebt hat, im lettischen Liede die Form an, dass der Mond dem Morgen- 
stern „dessen Verlobte" wegnimmt, weil im Lettischen der Morgenstern, 
auseklis, raasc. gen. ist, also nicht geeignet, den männlichen nienes zur 
Untreue zu verlocken. Doch beschränkt sich diosei' massgebende Einfiuss 
des Genus auf eine Gruppe von Mythen, die auf dem Gegensatz der 



.Mein Bruder freit um mieb." 177 

Geschlechter berulien, auf die Ehestands- und Liebesgescliicliten der Himm- 
lischen, und tritt bei den dualistischen Gottheiten ganz zurück, die ja der 
Ausdruck sind für Zusammengehöriges, Gleichartiges, eine Einheit Bildendes. 
Gemeinsame Herkunft, Gleichheit der Erscheinung oder der Funktionen 
werden in lettischen Rätseln und Liedern durch das geschwisterliche Ver- 
hältnis, noch verstärkt durch gleiches Geschlecht, ausgedrückt, wobei auf 
das grammatische Genus gar nicht geachtet wird; das Geschlecht der 
Geschwister passt sich den übrigen Zügen des gewählten Bildes an. In 
den angeführten Uhssing-Liedern werden Sonne, saule, fem., und Mond, 
menes, niasc, einmal des „ühssing Söhne" (42), das andre Mal „Johannes 
Töchter" genannt: die Himmelswanderer erscheinen als Männer, die Gold- 
und Silberschmuck Tragenden als Frauen (1608); Morgenrot und Abendrot, 
rita und wakara bläsma. fem., heissen „Uhssings Söhne", wegen der Männer- 
arbeiten, die ihnen aufgetragen werden: Xachthut der Pferde und Pflügen 
(41). Je nach Bedürfnis wird aber den Geschwistern auch verschiedenes 
Geschlecht zugeteilt, wo ein neben der Übereinstimmung bestehender 
Unterschied bezeichnet werden soll; auch hier wird auf das Genus der 
Wörter keine Rücksieht genommen, so im Rätsel 966, wo in der Auflösung 
Tag und Nacht, deena und nakts, beide fem., als Tochter und Sohn der 
Jahreszeiten genannt sind. 

Dasselbe Gesetz sehen wir in den Veden in Anwendung. Die Kinder 
der Zwillingsmutter Saranyü erscheinen bald als Männer: die Asvins, Indra 
und Agni, Mitra und Yaruna; dann dieselben .Mächte weiblich gedacht als 
Tag imd Nacht, dann wieder als Zwillinge verschiedenen Geschlechts, 
Yama der Tag und Yami die Nacht. 

Frühe schon hat sich den Menschen die Wahrnehmung von der regel- 
mässigen Wiederkehr des Zeitabschnittes von Morgenrot zu Morgenrot 
aufgedrängt, der in zwei, durch den Aufgang und Untergang der Sonne 
deutlich unterschiedene Teile zerfällt. Diese Beobachtung drückten sie 
durch die Metapher aus : „Zwei Schwestern, die sich durch ihre Farbe 
unterscheiden (R. 137). Im zweiten Rätsel (139) wird die Zusammen- 
gehörigkeit durch das Bild, dass die Schwestern sich in eine Decke hüllen, 
noch mehr hervorgehoben; als Unterscheidungsmerkmal wird aber hier 
statt der Farbe die Thatsache angeführt, dass sie nicht gleichzeitig, sondern 
nach einander erscheinen. 

Die zeitliche Folge zweier Erscheinungen als Flucht der einen vor 
der anderen aufzufassen, wie dies in zahlreichen indischen und griechischen 
Mythen uns entgegentritt, ist auch der lettischen Yorstellungsweise eigen. 
Im dritten Rätsel (138) wird von den Schwestern gesagt, dass die eine 
flieht, sobald die andere erscheint: der Umstand, dass sie nicht zusammen 
gehen, wird iils Beweis für eine zwischen ihnen bestehende Eeindschaft 
angesehen. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1897. 12 



17.S Winter: 

Durch diese Auffassung ist aber die innige Bezielmng der Tageszeiten, 
die durcli das Scliwesternverhältnis ausgedrückt, durch das gleiche Ge- 
scidecht der Geschwister noch mehr betont und durch die gemeinsame 
Decke noch mehr hervorgehoben wurde, im dritten Rätsel thatsächlicli 
aufgehoben und die Schwestern sind in feindlichen Gegensatz zu einander 
gestellt. Mit diesem Schritte war die Vorstellung an dem Punkte angelangt, 
wo eine Trennung der Geschwister dem Geschlecht nach sich ganz selbst- 
verständlich einstellte. Verfolgung und Flucht aber als ein Liebeswerben 
und Sichversagen zu deuten, das lag jetzt nahe. 

In den angeführten (sowie in zaldreichen anderen) Rätseln haben wir 
die Zeugnisse über die älteste Xaturanschauung der Letten vor uns. Das 
Lied, das den Gegenstand dieser Untersuchung bildet, gehört einer weit 
jüngeren Zeit an; die Phantasie ungezählter Geschlechter hat umgestaltend 
an ihm sich bethätigt, bis es die Form erhielt, deren Bruchstücke uns 
vorliegen. Nach Analogie anderer lettischen mythischen Rätsellieder Jiaben 
wir uns die ursprüngliche Fassung des Mythos in knappster Form, etwa 
wie folgt, zu denken: 

„Weh, wohin soll ich entfliehen, 
Da mein Bruder um mich freit? 
Werde nicht des Bruders Gattin, 
Lieber stürz' ich mich ins Meer! 
Will im Wasser lieber ruhen. 
Als des Bruders Lager teilen!'' 

Wir sehen hier den oben angedeuteten Übergang bereits vollzogen: 
Tag und Nacht bilden als Schwester und Bruder ein durch Zwietracht 
getrenntes Paar, der Tag (die Schwester „mit dem weitgeöffneten Auge" 
aus dem Rätsel D66) repräsentiert durch die Sonne. „Die Sage, die alles 
erklären will", hat für die befremdliche Stellung der Geschwister eine 
Motivierung gefunden. Noch lebte im Volke die Erinnerung an die in 
den ältesten Zeiten gebräuchliche Geschwisterehe, diese galt aber dem 
bereits höher entwickelten sittlichen Bewusstsein als etwas Unstatthaftes: 
so wird das Werben des Bruders, der die eigene Schwester zur Ehe be- 
gehrt, als die Veranlassung der Flucht hingestellt; in leidenschaftlicher 
Entrüstung strebt die Schwester sich dem ungehörigen Ansinnen zu ent- 
ziehen und geht lieber in den Tod, als dass sie in die verabscheute Ver- 
bindung willigt, sie versinkt im Meer, ehe der Verhasste sie erreicht. 

Als ein feiner Zug, der das lettische dem später zu besprechenden 
Veda-Liede gegenüber auszeichnet, ist der hervorzuheben, dass, in Über- 
einstimmung mit dem Naturvorgange, die Tageszeitengeschwister nicht 
zusammen vor uns erscheinen, sondern der „blinde Bruder"') unsichtbar 



1) „akls ist doppelsinnig und hoisst niclit bloss: blind (der nicht sehen kann), sondern 
auch: finster (wo man nicht sehen kann), cfr. akls mefchs = finsterer, dichter Wald." 
Dr. A. Bielenstein, 1000 lettische ßiitsel, S. 36. 



„Mein Binder freit um mich." 179 

bleibt und wir von seinem Werben nur aus einem Selbstgespräcii der 
Schwester erfahren, die ihre Weigerung auch nicht persönlich ihm mitteilt, 
sondern durch die Thatsache ihrer Flucht in den Tod ihnr Antwort giebt. 

Die Entstehung des Mythos ist nur in einem Lande denkbar, dessen 
Bewohnern aus eigner Anschauung die Naturerscheinung bekannt war, auf 
der der tragische Verlauf des Himmelsdramas beruht: der Sonnenuntergang 
im Meer; während seine gegenwärtige Fassung in den uns erhaltenen 
Fragmenten, in denen das Meer zum See oder Bach eingeschrumpft ist, 
auf ein Binnenland weist, in dem wir wohl die jetzige Heimat der Letten 
erkennen dürfen. Von der Meerseite eingedrungene finnische Eroberer, 
die Liven, haben durch ihre Vorlagorung an den Küsten die Letten von 
dem Ostgestade der Ostsee und des Rigischeu Meerbusens für Jahrhunderte 
abgeschnitten, in denen die Erinnerung an das einst allbekannte Bild des 
Sonnenunterganges im Meer immer mehr erblasste, um dem Gedächtnis 
endlich ganz zu entschwinden. 

Damit war dem Mythos, dem poetischen Ausdruck für den selbst- 
geschauten Naturvorgang, der Lebensboden entzogen; je länger, je mehr 
ging der Zusammenhang mit der Xaturgrundlage und das Verständnis für 
den ursprünglichen Sinn verloren, und das erzählte Ereignis gestaltete sich 
durch immer neu hinzugefügte Züge nach der anderen Seite aus, die durch 
das hineingetragene menschlich-sittliche Moment angedeutet war: es wurde 
zu einer Begebenheit aus dem Menschenleben, welche die Singenden nach 
ihrer jeweiligen Auffassung mit Zügen aus den ihnen vor Augen liegenden 
Verhältnissen ausstatteten. So ist das Lied auch dadurch interessant, dass 
es uns Bilder aus dem alten lettischen Leben vorführt. 

In einem Liede bittet ein Mädchen: „Mutter, wenn ich sterb' als 
Jungfrau, Teile meine Mitgift aus!" Alle bei ihrer Bestattung Beteiligten 
sollen Geschenke erhalten aus dem jahrelang sorgfältig hergestellten i)iirs 
(Ausstattung, Mitgift), dem Erbteil der Töchter, mit dem diese abgefunden 
wurden (weil das Land den Söhnen zufiel): Kleidungsstücke und Schmuck- 
sachen, sowie die in vielen Liedern besungene, wichtige runde Borkzändel 
mit den selbstgefertigten Gaben, die die Braut bei der Hochzeit an die 
Gäste verteilt. Da das sterbende Mädchen keine Aussicht hat, ihr Eigentum 
seiner Bestimmung gemäss benutzen zu können, lässt sie es au die bei 
ihrer Beerdigung Gegenwärtigen austeilen. An diese Sitte wird man 
erinnert, wenn in unserem Liede die Schwester ihre Schmucksaclien an 
Gesträuche und Binsen verteilt, die bei ihrem Scheiden anwesend sind. 
Hier erscheint die Auffassung noch lebendig, dass es sich bei dem Ver- 
senken ins Wasser um ein in den Tod gehen handelt. 

In anderen Liedern werden die den Sonnenuntergang begleitenden 
Licht- und Farben-Erscheinungen als das Ablegen von Kleidern und 
Schmucksaclien vor dem Sriilafengidien angesehen: 

12* 



oder: 



180 • Winter: 

„Ästereich wächst eine Linde 
An der Sonne Wegesrand, 
Dran den Gürtel') jeden Abend 
Hängt beim Cnteruehn die Sonne." 

„Warum ist an jedem Abend 
Rot gefärbt der Rand des Himmels? 
Weil die Sonn' im Abendwinde 
Ihre Seidenkleider lüftet." 

Diese jetzt selbständige Vierzeilen bildenden Lieder von der unter- 
gehenden Sonne sind möglicherweise abgebröckelte Teile des Liedes'), 
dem sie sich wenigstens ohne Zwang einfügen Hessen; wie dem auch sei, 
jedenfalls sind sie geeignet, die Deutung der ihren Schmuck verteilenden 
Schwester als die untergehende Sonne zu bestätigen. AVenn in diesen 
Liedern die tragische Auffassung eines freiwilligen Todes zu der milderen 
des Schlafengehens abgeschwächt erscheint, so erklärt sich dies wieder 
aus der Anschauung des Binnenländers, dem der Niedergang der Sonne 
hinter Berg oder Wald ein friedevolles Bild darbietet. 

Die der Zeile .3 des kurzen Liedes hinzugefügte „Nicht der Mutter 
Schwiegertochter" (Z. 6 des erweiterten Liedes) hat den Zweck, das durch 
eine Verbindung mit dem Bruder entstehende unnatürliche Verhältnis noch 
weiter auszumalen. Dass von allen Familienbeziehungen gerade die der 
Schwiegertochter zur Schwiegermutter verwandt worden, ist höchst be- 
deutsam: es spiegelt sich dai'in die alte patriarchalische Faniilienverfassuug 
ab. Nicht als Herrin ins eigne Heim folgte die lettische Braut dem be- 
liebten, Selbsterwählten; die von der Mutter, oft gegen ihren Wunsch, 
dem „Sohn der Fremde" „Gegebne", in noch früherer Zeit „Verkaufte", 
wurde in das Haus der Schwiegereltern geführt, wo sie mit den anderen 
„TIeimgeführten", den Frauen der übrigen Söhne, unter einem Dache und 
an einem Tische leben musste, an allen schweren Arbeiten in Haus und 
Feld mitschaffend in dem Masse, wie „des Mannes Mutter" es ihr „zuteilte". 
Somit lag ihr Wohl und Wehe in der Hand der unumschränkt herrschenden 
„fremden Mutter" und es ist darum natürlich, dass in der Vorstellung der 
Lettin dem Zukunftsbilde einer Verheiratung der Gedanke an die Schwieger- 
mutter als düster drohender Schatten untrennbar sich gesellte. In zahl- 



1) Der in den Volksliedern vorkommende Weibergürtel ist der aus Gräberfunden 
bekannte, in einzelnen Familien als Erbstück aufbewahrte aus Leder mit Bronzeschnallen, 
Buckeln oder Ringen verzierte, oder die keschu jösta aus herabfallenden Kettengehängen 
in abgestufter Länge. Die anderen Schmuckstücke, die das Lied nennt, der Mädchenkopf- 
putz wainags aus Bronzereifen, Spiralen, Klittern, Goldborten, bunten Glasperlen und 
farbigen Seidenbändeni je nach den Gegenden verschieden hergestellt, und die Fingerringe 
aus Bronze oder Silber sind wie der Gürtel durch Glanz und Buntfarbigkeit passende 
Bilder für das im Laub der Bäume spielende Abendgold und Abendrot. 

2) Die überwiegende Mehrzahl der lettischen Lieder hat die Form der Vierzeile: für 
viele ist es zweifellos nachweisbar, dass sie Bruchstücke längerer Lieder sind. 



• „Mein Bruder freit um mich." ISJ 

reichen Liedern giebt die in der „Fremde" Misshandelte ilireni Leid er- 
greifenden Ausdruck.') 

Zu einem sonderbaren Missverständnis hat Zeile 4 der als ursprüngliclie 
Fassung des Mythos angenommenen Sechszeile geführt. Der nicht mehr 
verstandene Sturz ins Meer wird als ein Sichflüchten des Mädchens zu den 
Wasserbewohnern aufgefasst, in deren Mitte sie in veränderter Gestalt 
weiter zu leben gedenkt; zwei Fassungen nennen als die Tiere, zu denen 
sie sich gesellt, Wildenten, und ein Weissfischchen. Eine Erklärung für 
die Entstehung dieses Missverständnisses giebt uns Variante 1, die sich 
durch das darin vorkommende Verb „nirt tauchen", das jetzt im Lettischen 
nicht mehr gebräuchlich ist, als eine sehr alte erweist. Es heisst dort: 
„Werde mit den Taucherenten untertauchen, AVerde mich in den See 
hinablassen"; aus Rücksicht auf den im erweiterten Liede erkennbar 
durchgeführten Parallelismus ist die Zeile „Eesaniru nirajos" dem Versinken 
der Sonne im Wasser als ein treffender Vergleich hinzugefügt; sjjätere 
Sängerinnen, die in der Fliehenden nicht mehr die Sonne, sondern ein 
Menschenkind sahen, nahmen das Bild für Wirklichkeit und ersetzten die 
.,nira", in deren Namen „Taucherin" das tertium comparationis deutlich 
hervortritt, durch die auch in anderen Liedern häufig vorkommende 
"raiiduwite", die sie wahrscheinlich wegen des Anklingens an rauda Klaoe, 
raudat weinen') als „Klageente" für eine geeignete Gefährtin der Flüchtenden 
ansahen. Die in diesem Liede ganz nichtssagende Entenart wird durch 
ijiren Namen als mit einem Merkmal in roter Farbe versehen bezeichnet; 
der Namen hat eine weitere, sinnlose Verwechslung veranlasst, denn mit 
„rauduwite" benennt der Lette auch einen Fisch, der zu seinen Silber- 



1) Alle in diesem Absatz in Aufülirungszeichen gegebenen Ausdrücke stammen ans den 
Volksliedern. 

2) Die Wildente nira in Variante 1 habe ich nicht durch den wissenschaftlichen 
Namen „Schallente", sondern wörtlich durch „Taucherente" in der Übersetzung wieder- 
gegeben, um durch die Wiederholung der Wurzelsilbe die Eigentümlichkeit, um deren 
willen sie als Vergleich gebraucht wird, heiTorzuheben, wie es auch im Original geschieht : 
Eesanira nirajos. nirt tauchen, nara die Nixe; littauisch nerti tauchen, narunas Taucher. 
Ein Vogelkundiger bestätigt meine Deutung der beiden lettischen Entennamen. Er schreibt: 
„Im Tauchen wird die nini von keinem Schwimmvogel übertroffcn: beim Aufblitzen des 
Schusses verschwindet der ganze Schwärm, so dass die Schrote die leergewordene Stelle 
tretfen. Ihren deutschen Namen hat die Anas clangula wegen ihrer Stimme: der vom 
Schwärm vielfach ausgestossene Laut an göling, an link erinnert, namentlich bei schwachem 
Winde, auffallend an das Gebimmel eines Glockenspiels." „Anas acuta, Spiessente oder 
Kotkopf, lettisch raudawa, rauduwa, raudiwa, durch Ilinzufügung der Verkleinerungssilbe 
raudawite, rauduwite hat rotbraunen Hals und Kopf, letzteren durch eine auffällige, 
jnirpurrote Brille geschmückt, die hinter den Obren endet. Beide Arten sind Meer- und 
Binnengewässer-Bewohnerinnen." 

H) Ein Volkslied beginnt: „Raudi, raudi, rauduwite. Diw' bernii.ius wadadama, Ta' raud 
dalcha mütes meita" etc. „Weine, weine, Kotkopfentchen, Deine beiden Jungen führend, 
So weint mancher Mutter Tochter" etc. Dergleichen Klangspielercien sind in lettischen 
Liedern häutig. 



182 Winter: 

schuppei> rote Flossen (und Augen?) hat, den Weissfiscli'), der in den 
Bächen in langen Zügen auf- und abwärts streicht. In solch ein Fischchen 
verwandelt dachte die Sängerin von Variante 2 sich die Flielu'ude im 
Wasser weiter lebend. 

Durch die Annahme dieses märchenhaften Zuges, der mit dem Natur- 
vorgange in gar keinem Zusammenhange mehr steht, ist der Mythos auf 
ilie Stufe des Kindermärchens herabgesunken. 

Zu dem lettischen Liede bietet der Rig-Veda ein merkwürdiges Seiten- 
stück; im Liede X, 10 handelt es sich gleichfalls um eine angestrebte 
(jeschwisterehe, die von dem anderen Teile entschieden abgelehnt wird; 
doch mit dem Unterschiede, dass es hier Yami, die Schwester ist, die den 
Bruder überreden will, sie zum Weibe zu nehmen, und Yama, der Bruder, 
der ihre Anträge zurückweist mit der Begründung, dass Geschwisterehe 
Sünde sei. Die betreffenden Stellen des langen Zwiegesprächs lauten: 

Yami: „Ich will den Freund vertraulich zu mir locken, 

Und lief er auch davon durch Luft und Wasser .... , 

Yama: Von solcher Lieb' will dein Gesell nichts wissen. 

Wobei der andre Teil des gleichen Bluts ist ... . 
Yami: Zum Bruder zieht die Schwester ihr Verlangen, 

Mit ihm zu teilen gleiches Dach und Lager .... 
Yama: Ich werde niemals mich mit dir vermählen, 

Für sündhaft gilt's: der Schwester sieh zu galten" .... 
(Siebenzig Lieder des Rig-Veda, übersetzt von Karl Geldner und Adolf Kaegi. 
Mit Beiträgen von K. Roth. Tübingen 1875.) 

Ist die Übereinstimmung eine zufällige, äusserliche, oder darf man 
zwischen beiden Liedern einen Zusammenhang annehmen? Wie Hesse 
sich die Schwierigkeit mit der umgekehrten Stellung der werbenden 
Persönlichkeit heben? 

Wir haben gesehen, dass der Keim, aus dem der lettische Mythos 
sich entwickelt hat, auch in dem Rig-Veda vorhanden ist: die Bezeichnung 
der Tageszeiten als Schwestern, die sich in ihrem Äussern als licht und 
finster unterscheiden, und von denen die eine geht, wenn die andere 
lierankommt. Ob auch die Inder ihn zu einem vollständigen, dem lettischen 
ilhnlichen Mythos ausgebildet haben, weiss ich nicht, glaube aber auf 
(irund des Yania-Liedes es wohl annehmen zu dürfen. 

Über die Bedeutung der Zwillinge Yama und Yami gehen die An- 
sichten der Forscher weit aus einander. Nach alten Auslegern, denen 
Roth sich anschliesst, sollen sie das erste Menschenpaar sein; von andern 
ist Yama, „der erste Sterbliche" des Atharvan-Veda, zum Herrscher der 
Verstorbenen erhoben; nach einem neueren Forscher, llillebrandt, ist er 
der Mond; Ehni deutet ihn als die Frühlingssonne, und als die aufgehende, 

1) Ausser Ente inid Fisch bezeichnet rauduwite aucli ein in Wasserlachen waclisencles 
Gras. 



.Mein Bruder freit um inicli.- 183 

aber auch als die untergehende Sonne, ähnlich, wie vor ihm Max Müller 
es gethan. Wenn des letzteren Ansicht die richtige sein sollte, würde sie 
die oben versuchte Deutung des lettischen Liedes bestätigen, sowie dieses 
die Müllersche Erklärung stützen könnte. 

Xaeh seiner Untersuchung in „Wissenschaft der Sprache", Kap. XI, 
ist „der Zwilling" Yama die Sonne in ihrer zwiefachen Erscheinung als 
auf- und untergehende, oder der in Morgen und Abend sich scheidende 
Tag; „die Zwillinge" Yama und Yami, wo er von dem Zwiegespräch 
handelt, Tag und Nacht. (S. 4G8.) 

Yama, die Sonne, täglich im Westen untergehend, ins Nirriti'), „das 
Land des Todes" eingehend, ist „der erste Sterbliche"; ihm folgen dorthin 
die Väter, und sitzen selig bei ihm; so ist er ein Führer des Menschen- 
geschlechts, selbst sterblich, doch als Beherrscher der Yerstorbenen als 
der erste Zeuge der Unsterblichkeit personifiziert und als solcher zum 
Todesgott geworden. Dies ist jedoch die späteste Entwicklungsphase des 
Yama-Begriffs. (S. 474.) 

Folgen wir der Annahme, dass die ursprüngliche Bedeutung Yamas 
die Sonne ist, so erhalten wir noch weitere Übereinstimmungen beider 
Lieder zu den bereits angeführten in der Grundanschauuug über den 
Wechsel der Tageszeiten. Die bei beiden Völkern anfangs weiblichen 
Tageszeitengeschwister sehen wir später als Bruder und Schwester wieder; 
in beiden Liedern vertritt die Sonne die Stelle des Tages, in beiden ist 
sie der Gegenstand zurückgewiesener Werbung. 

Weiter macht sich dann aber ein bedeutsamer LTuterschied geltend, 
der die bisherige Nebeneinanderstellung umzuwerfen droht: im lettischen 
Liede wirbt die Nacht, der Bruder, im Veda-Liede thut dies die Nacht, 
die Schwester. Die Schwierigkeit löst sich, wenn wir uns der Um- 
wandlung erinnern, die die Sonne in der Vorstellung der meisten arischen 
Völker erfahren hat aus einer weiblich gedachten Gestalt in einen Sonnen- 
gott, wie es Carus Sterne in zahlreichen Beispielen nachweist. Es ist 
selbstverständlich, dass diese Umwandlung auch auf die Gestaltung der 
Sonnenmythen von grösstem Einfluss gewesen sein muss, und dass „die 
vergleichende Mythologie niemals zu annehmbaren Resultaten kommen 
wird, wenn sie die hier stattgehabten Umwälzungen ausser Berechnung 
lässt" (Dr. Ernst Krause [Carus Sterne] Trojaburgen Nordeuropas. Glogau 
1893. S. 176.) Er zeigt, durch was für seltsame Gliederverrenkungen die 
alten Mythen sich den veränderten Vorstellungen anzupassen suchen. 

1) Auch der Lette verbindet den Westen mit der Vorstelhing von einem Jenseits: 
.Wazleme", nach Dr. A. Bielenstein „Abendland" von wakars Abend, jetzt für Deutschland 
oder üherhaupt das ferne, fremde Ausland gebraucht, ist in den Rätseln und Liedern die 
Heimat mythischer Gestalten: im ,.\bendlande" sind „des Perkon sechs Söhne": dorthin 
„verheiratet die Sonne ihre Tochter", dorthin „gehn Gottes Söhne". „Winä pasaule" in 
jeuem Lande, dem die Sonne scheint, wenn sie für uns P>dbe«'ohner untergegangen ist, 
leben die aus dieser Welt Abgeschiedncn. 



184 Ilwof: 

Im Veda-Liede ist der Repräsentant des Tages, die Sonne, ein männ- 
liches Wesen, weil die auch bei den ludern anfänglich weibliche Sonne 
im Laufe der Zeiten den Übergang in einen Sonuengott durchgemacht 
hatte; im lettischen Ijiede dagegen ist der Tag weiblich geblieben, weil 
die ihn vertretende Sonne bei den Letten niemals ihr Geschlecht verändert 
hat. Darum sind im lettischen Liede die Züge des ihm zu Grunde liegenden 
NatuiTorgauges erkennbar bewahrt, die im Veda-Liede bis zur Sinnlosigkeit 
entstellt erscheinen durch das veränderte Geschlecht der Geschwister und 
die dadurch bewirkte verkehrte Stellung derselben als werbende Schwester 
dem umworbenen Bruder gegenüber. 

Dieses zähe Haften des alten Tageszeitenmythos an der Gestalt des 
Yama, den er durcli alle Entwickluugsphasen hindurch begleitet hat, dürfte 
wohl als ein deutlicher Beweis für die Richtigkeit der Max Müllerschen 
Erklärung anzusehen sein. 

Wie alle zu göttlichen Wesen erhobeneu Naturmächte, der fort- 
schreitenden Entwicklung des menschlichen Geistes folgend, sich zu immer 
idealeren Gestalten ausgebildet haben, die nur in einzelnen, noch nicht 
abgestreiften Zügen dem kundigen Auge ihre Herkunft verraten, so ist 
auch aus dem leuchtemlen Tagesgestirn Yama, indem er sich immer mehr 
von seiner Xaturgruudlage löste, in stets fortsclireitender Entwicklung der 
Stammvater des Menschengeschlechts, der Beherrscher der Abgeschiednen, 
der Todesgott geworden. Als ein sonderbares Anhängsel erscheint das 
Zwiegespräch der werbenden Schwester mit dem sie abweisenden Zwillings- 
bruder, bis bei näherem Hinsehen die Geschwister sich als die noch nicht 
abgestosseuen, entfärbten und verschrumpften Keimblättchen offenbaren, 
aus denen die vor unseren Augen in Blatt und Blüten prangende Pflanze, 
Yama, der Gott des Todes, vor Jahrtausenden entsprossen ist. 

Rio-a. 



Hexeuweseii und Abergiaubeu in Steiermark. 
Ehedem und jetzt. 

Von Franz Ilwof. 



Eine der furchtbarsten und beklagenswertesten Erscheinungen, wenn 
nicht die furchtbarste und beklagenswerteste auf dem (lebiete der Kultur 
und Sitte, der Kirche und Religion, des Glaubens und des Rechtes ist 
der Hexenwahn und die Verfolgung desselben. Wie bei so vielen Er- 
sclirinungen im Volksleben wird auch hier die Frage nach der Entstehung 
des (ilaubens an Zauberei und Hexerei sehr verschieden beantwortet. 



Hexenwesen und Aberglauben in Steiermark. Eliedcni und jetzt. 185 

Soldan*) sucht zu begründen, die abergläubischen Vorstellungen, auf 
welche sich jener Wahn stützte, seien von den Römern nach Deutschland 
ytTpflanzt worden. Jacob Grimm") erkennt in dem ganzen Hexenwesen 
noiii offenbaren Zusammenhang mit den Ojifern und der Geisterwelt der 
alten Deutschen. „Die hexen gehören zum gefolge ehemaliger göttinnen, 
die von ihrem stul gestürzt, aus gütigen, angebeteten wesen in feindliciie, 
gefürchtete verwandelt, unstät bei nächtlicher weile umirren und statt der 
alten feierlichen umzüge nur heimliche, verbotene Zusammenkünfte mit 
ihren anhängern unterhalten.'") Und als der Gkube an den Teufel ins 
Volk drang, begünstigt von der Lehre der Kirche, dass Menschen von ilim 
besessen werden, traten die Hexen in die Gesellschaft des Teufels, und 
aus den nächtlichen Zauberfahrten der Göttin Holda mit ihren Genossinnen 
wurden Luftfahrten des Teufels, in denen er die Hexen über Berg und 
Thal trägt, und es entsprang die Idee eines buhlerischen Bündnisses 
zwischen dem Teufel und jeder einzelnen Hexe*). Dazu gesellte sich 
noch durch die unselige Yermengung der Kebserei und Zauberei die Vor- 
stellung, dass jede Hexe Gott entsage und dem Bösen zufalle und so wurde 
sie Genossin des Teufels, war des Todes schuldig und ihre Unthat war 
eine der grössten und schaudervollsten ^). Dieser Ansicht tritt auch 
Janssen*) bei. 

So wie die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Hexen- 
wainis streitig ist, so nicht minder die, wie es gekommen, dass gerade 
von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts an die Hexenprozesse einen 
so schauderhaften Umfang in allen Teilen Deutschlands nahmen und bis 
in die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts währten. Um dies zu erklären 
suciit Mejer') nachzuweisen, dass dem gesamten Hexenwesen und Hexen- 
glauben der Periode von 1450 an ein Rauschmittel zu Grunde gelegen sei 
und dies sei ein aus dem Stechapfel (Datura Stramonium Linn.) bereiteter 
.\bsud gewesen, dessen Genuss bei den Hexen Visionen und Träume 
erzeugte, die ihrem Inhalte nach mehr oder weniger das Abbild der damals 
allgemein herrschenden Hexen- und Teufelsideen waren, welche Träume 
hei den das Rauschmittel Geniessenden so lebendig und eindringlich waren, 
dass sie das geträumte selbst erlebt und mitgemacht zu haben bekennen 
konnten, dass sie insbesondere wirklich meinten, an den Hexenflügen teil- 

1) Geschichte der Hexenprozesse. Stuttgart und Tübingen 1843, S. G9 fi'. — Xcu 
bearbeitet von H. Heppe. 18S0. I. S. 101 ff. 
■2) Deutsche Mythologie. 3. Ausg. S. 997. 

3) Ebenda, S. 1007. 

4) Ebenda, S. 1015. 

5) Ebenda, S. 1022. 

6) Geschichte des deutsclien Volkes. (Freiburg i. B. 1894.) VIII. 490, der ebenda 
S. 494 — 694 ausführlich von Hexenwesen und Hcxenverfolgung vom Ausgang des Mittel- 
all .rs liis zum Beginn des 30jährigen Krieges handelt. 

7) Iir. Ludwig Mejer, Die Periode der Hexenprozesse. Hannover 1882. 



ISfi Ilwof: 

geuommen, sich dem Teufel ergeben und mit demselben Unzucht getrieben 
zu haben. Dieser Ansicht tritt Holzinger') entgegen mit dem Nachweis, 
dass der Stechapfel erst gegen Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts und 
da noch höchst selten, etwas häufiger erst in der ersten Hälfte des sieben- 
zehnten Jahrhunderts in den Gärten kultiviert wurde, wirklich und un- 
zweifelhaft wild in ausserdeutschen Ländern gegen Ende des siebenzehnten, 
in den deutschen Landen aber gar erst in der ersten Hälfte des achtzehnten 
Jahrhunderts anzutreffen war, daher er nicht schon von 1450 an als Be- 
rauschungsmittel hätte verwendet werden können. Der llexenglauben 
hätte nicht jenen entsetzlichen Umfang gewinnen können, wenn nicht die 
Kirche*) — die katholische wie die evangelische — mit ihrer Lehre von 
der persönlichen Existenz des Teufels und seinem persönlichen Wirken 
auf der Welt jenem Aberglauben ihre ganze und volle Autorität geliehen 
hätte und die Verfolgung und Ausrottung desselben um jeden Preis und 
mit allen denkbaren Mitteln zu einer Sache der Kirche, der Keligion, ja 
Gottes gemacht hätte. Auch Lecky hat sich schon früher dahin aus- 
gesprochen, dass der Hexenglauben „nicht aus zufälligen Umständen, per- 
sönlichen Überspanntheiten oder gar wissenschaftlicher Bescliränktheit 
entsprang, sondern aus einer allgemeinen Neigung, satanische Tliätigkeit 
im Leben zu erblicken".") 

Mag diese Anschauung die richtige sein, so ist es aber doch sicher, dass 
im Hexenwesen und in den Hexenprozessen Tränke und Salben eine 
wichtige Rolle spielten, da sie fast bei jedem Prozesse erwähnt werden*). 

Doch nicht die Erörterung und Darlegung dieser Vorgänge soll den 
Inhalt der folgenden Blätter bilden, sondern in denselben soll nur dar- 
gestellt werden, welche Erscheinungen aus dem Geistes- und Gemütsleben 
des Volkes in Steiermark bei den Hexenprozessen vom 16. bis zum 
18. Jahrhundert an den Tag traten, was an Zauberei und Aberglauben bei 
diesen Anlässen zum Vorsehein kam und schliesslich soll versucht werden, 
nachzuweisen, was davon sich bis in die Gegenwart im Glauben des Volkes 
erhalten hat. 

Dienen als Quellen hierzu die bisher publizierten und zwei mir hand- 
schriftlich vorliegende Hexenprozesse, welche sich alle in Steiermark ab- 
spielten, so soll doch von der juridischen, ja selbst von der kulturhistorischen 
Seite derselben im engeren Sinne abgesehen und nur das hervorgehoben 



1) Zur Naturgeschichte der Hexen. Graz 1883. 

2) Über die unheilvolle Wirkung der kirchlichen Inquisition auf die Belebung des 
Hexenwahns: S. Riezler, Geschichte der Hexenprozesse in Bayern. Stuttg. 18'.iG. S. 36ff. 81 ff. 

3) Geschichte des Ursprungs und Einflusses der Aufklärung in Europa von W. E. 
Hartpole Lecky. Übersetzt von H. Jolowicz. Leipzig und Heidelberg 1868. I. 63. 

4) Meli, Zur Geschichte des Hexenwesens. Ein Beitrag aus steirischen Quellen 
(Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1S91, Berlin, Lüstenöder. Bd. II, S. 317—335) 
und Janssen, a. a. 0. S. 534. 



HcxenwesPii und Aberfrlauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 1!^7 

werden, was für die Volkskunde wichtig- erscheint, was als Volksglauben 
und Volkswahn bezeichnet werden kann, was nicht bloss aus den gefolterten 
Angeklagten erpresst, sondern was allgemein von dem ganzen Volke als 
Hexenwesen, als Zauberei und Aberglauben angesehen und demnach 
beurteilt wurde und von dem sich nicht unbedeutende Reste bis heute im 
Gedankenkreise des Landvolkes fortgepflanzt haben und wahrscheinlich 
noch lange fortleben werden. 

Der älteste bisher bekannte Hexenprozess in Steiermark fällt in das 
.fahr 1546 und fand zu Marburg an der Drau statt'). Die den ange- 
klagten sechs Weibern imputierten Zaubereien und Hexereien lassen sich 
in folgende Gruppen unterteilen: 1. Wettermachen^). Wenn sie Wetter 
machen wollten, nahmen sie neun Steine, reinigten sie und warfen sie ins 
Wasser, dann entstand Hagel. Als das Getreide reif geworden, badeten 
sie sich in einem Bottich an einer Bachmulde'); schütteten sie das Bade- 
wasser auf die Erde, so wurde kein Schaden augerichtet, schütteten sie 
es auf Steine, so schlug der Hagel alles zu Grunde. Einst reiterten sie 
altes Getreide in einer „Stadelreiter" (Sieb), dann tanzten sie unter der- 
selben*), jede nahm einen Teil des Getreides mit sich und dann zauberten 
sie es in die Nebel und Wolken: alle Felder, die von solchen Wolken 
besprengt wurden, trugen keine Frucht. Sie erprobten das an ihrem 
eigenen Acker. Von dem Badewasser gössen sie etwas in ein Gehölz, da 
brach das Erdreich ein und es entstanden grosse Gruben. Das Wasser, 
womit sie das Vieh tränkten, besprachen sie und es kam Hagelwetter. 
Auch zwei Bäche wurden mit gleichem Erfolge besprochen. Sie badeten 
in einer Bachmulde, nahmen Wasser in einem Kruge mit nach Hause, 
kochten darin Fleisch und Hagelwetter entstand. Sie verstehen mit einem 
Schaff Wasser in der Stube Hagel zu kochen und können ihn in die Ferne 
schicken, von Marburg nach Pettau, Graz und Eadkersburg. Sie geben 
Wasser, Wein, Milch, Salz, Getreide und Wurzeln in einen Backtrog, 
baden sich darin, besprengen damit ihre Felder, um sie fruchtbar zu 
machen. Sie können Reif erzeugen. Sie nehmen Splitter aus Kruzifixen 
und machen damit Hagel. Sie schlagen ein Laken mit einer Rute, 
besprechen es und Hagel und Regengüsse zerstören die Weingärten. 
2. Sonstige Beschädigungen der Weinberge. Sie vergraben Queck- 
silber in den Weingärten, dann giebt es kaum ein Vierteil der sonstigen 
Fechsung. Sie baden sich in einer Bachmulde, besprengen mit dem Wasser 
die Weingärten und an jeglichem Weinstock verderben zwei Augen. Sie 



1) Reiche], Ein Marburger Hexenprozess aus dem Jahre 154(;. (Mitteilungen des 
historischen Vereins für Steiermark, 27. Heft, S. 122 — 135.) 

•2) Über Hagel- und Weitermachen di-r Hexen s. Grimm, Mythologie, S. 1040— 104:\ 

3) Die Hexe in der Teichmulde, Grimm, Mythologie, S. 1033. 

4) Über Siehdrehen, Siebtracht: Grimm, Mythologie, S. 1062—1065. 



188 Ilwof: 

iiehiiien Weinreben, die im Treiben waren, übergeben sie den bösen 
Geistern und die Reben erfrieren. Sie zerstossen am Dreikönigstage Toten- 
beine und räuchern damit die Weingärten ein. 3. Getreidezauber. Am 
Weilinachtsabende kommen sie an einer Wegscheide') zusammen, schlagen 
mit einer Haselrute einen Maiskolben, drei Körner springen heraus, aus 
diesen erwächst ein Laib Brot, am St. Jörgentag wird er zu Stein — und 
alles Getreide verderbt. 4. Milchzauber. Sie besprechen das Gras auf 
der Weide und die Kühe geben keine Milch. Der Böse verdirbt durcli 
seinen Kot die Milch, dass kein Käse daraus gemaclit werden kann. 
5. Windfüttern, Vertreibung des Wetters. Die Hexe nimmt aus 
ihrem Säckchen weissen Staub, bläst ihn aus einer hohlen Weinrebe in 
alle Weltgegenden und Wind und Wetter vergehen. Sie wäscht Hadern 
in einer Lache und schöpft Wasser daraus, das Wasser in der Lache fängt 
an zu sieden, Hagel und Regenwetter ziehen auf; sie läuft heim, nimmt 
ein Messer, schneidet kreuzweise durch die Nebel und Wolken^), indem 
sie sagt, es soll in den Wolken alles tot und verderbt sein im Namen 
Gottes u. s. w. und das Unwetter vergeht und thut keinen Schaden. 
Ö. Regenlosigkeit erzielt. Zwei der Angeklagten gingen auf den 
Bacher (Gebirge südwestlich von Marburg), banden dort den bösen Geist 
KasperP) mit Frauenliaaren an den Wipfel einer Buche fest, damit es 
nicht regnen solle; ein Bauer kommt zur Stelle, will den Baum umhauen, 
da schreit der Böse, er solle ihn befreien, so werde es sofort regnen — 
und es geschah. 7. Zurückbringen gestohlenen Gutes oder Ent- 
flohener. Der Böse kann gestohlenes Gut zurückbringen. , Wird Hab" 
und Gut gestohlen, so giesse man Wasser durcli eine Reiter (Sieb), kugle 
sie um das Haus und der Dieb muss das gestohlene zurückbringen.*) 
Einmal gingen die Angeklagten, um einer Freundin das gestohlene Geld 
wieder zu verschaffen, auf einen Kreuzweg, setzten dort einen Topf nieder, 
legten einen schwarzen Pfennig darauf, schlugen den Topf mit drei Ruten, 
worauf er anfing, umzuspringen. Da kam ein grosser Wind, der den Dieb 
auf den Kreuzweg niedersetzte und zugleich das Geld brachte, das auf 
dem Boden umherrollte. — Ein Weib ging mit einem Arbeiter durch; 
mittelst eines besprochenen Tüchleins wurde sie wieder zurückgebracht.^) 
Ein anderer Entlaufener wurde dadurch zurückgebracht, dass die Hexen 



1) Zusammenkünfte der Hexen auf Wegsclieidon: Grimm, Mythologie, 1028: auf Weg- 
scheiden ist der Teufel zu errufen: S. 1069. 

2) Auch eine andere Rolle spielt das Messer im Hexenglauben: wer über die Hexe 
ein bekreuztes Messer wirft, erkennt sie: Grimm, Mythologie, 1057. 

3) Kaspar, Kasperl kommt häufig als Name des Teufels vor. Noch in Karl Maria 
von Webers Freischütz heisst der Jäger, der mit dem Böseu (Samiel) im Bunde ist, Kaspar. 
Der Verfasser des Textbuches dieser Oper (koiiijioniert 1817—1820) ist Johann Friedr. Kind. 

4) Grinun, Mythologie, 1062. 1065. 

5) „Einen gesellen aus freiiideni lande herlicizubringcn-, Grimm, Mythologie, 1232. 



Hexenwesen und Aberglauben iu Steiermark. Ehedem und jetzt. 139 

in seine zurückgelassenen Stiefel geblasen. 8. Unsichtbarmachen. Die 
eine Angeklagte bohrte einem Kreuzbilde die Augen aus und sagte, wenn 
sie diese Augen bei sich habe, könne niemand sie sehen. 9. Sonstiger 
Zauber. Einer der Augeklagten hatte ein Dieb einen Rock gestohlen; 
sie besprach den Rock, so viel Fäden an ihm seien, so viel Jahre und so 
lange er lebe, solle der Dieb stehlen und seinen Lohn dafür empfangen. 
Er wurde bald darnach gefangen genommen und hingerichtet. Dieselbe 
Angeklagte hatte ihrem DienstheiTu, der ihr etwas vom Lohne abzog, 
Wasser vor die Thür gegossen, er ging darüber und starb bald darnach. 
Eine andere blies verzauberten Staub auf ihres Mannes Buhlerin und er 
niusste von ihr ablassen. 10. Hexensalbe, Hexentrank. Die An- 
geklagten hatten eine gelbe Salbe, schmierten damit einen Ofenkehrwisch 
an, setzten sich darauf, flogen auf ihm in die Luft') zu den Hexen- 
versamnilungen. Andere konnten infolge eines Trunkes Wein von dem 
Hexenunwesen sich nicht mehr abwenden. IL Zusammenkünfte der 
Hexen''), Verkehr und Buhlschaft mit dem Bösen. Wenn die An- 
geklagten auf einem kleinen Hörn von einer Geiss bliesen, kam der Böse 
und trug sie zu den Versammlungen; durch Schlagen an einer Kette konnten 
die Hexen zusammengeläutet werden. Eine der Angeklagten ging auf 
einen Kreuzweg, nahm einen Riemen oder Strick mit, dann hob sie Erde 
auf, streute sie nach allen Seiten hin aus, es entstand ein heftiger Wind 
und Hagel, der Böse kam und brachte ihr Geld"). Andere hatten den 
Bösen in einem mit Wachs verschlossenen Glase, sie nahmen ihn heraus, 
gaben ihn in ein Tuch, schüttelten es so lange, bis er ihnen viel Geld 
versprach. Dann gaben sie ihm Weizenbrot und Wein, er ass und trank 
davon. Anderen erschien der Böse in Gestalt einer Katze mit grossem 
Kopf*), auch eines schwarzen Hundes*). Die eine pflog Buhlschaft mit 
dem Bösen °) und hatte von ihm zwei Kinder. Eine der Angeklagten 
hatte den Bösen daheim unter dem Ofen mit Frauenhaaren festgebunden; 
wenn man ihn mit drei Haselruten, eines Jahres alt, schlüge, würde er 
frei. — 

Als Namen des Bösen wurden von den Angeklagten angegeben: 
Ptischek, Touschitz, Tschernagel, Prockwass, Peterl, Kussmann, Sczümann, 
Magerl, Gabrian, Kasperl'). 



1) Grimm, Mythologie, 1003—1013. 

2) Ritt der Hexen auf Stöcken, Ofengabeln u. dgl. ürimm, Jlythülogie, 1037—1039. 

3) Der Teufel trägt seinen Günstlingen Geld und Getreide zu. Grimm, Mythol., 971. 

4) Hexen in Katzengestalt. Ebenda 1051. 

5) Hündische Gestaltung des Teufels ist mehrfach begründet. Ebenda 948. 

6) Dem späteren Begriff der Hexen ist unzüchtige Buhlschaft wesentlich; sie besiegelt 
das geschlossene Bündnis und verleiht dem Teufel freie Macht über die Zauberinnen: 
einer reinen Jungfrau kann er nichts anhaben. Ohne diesen Greuel kommt hernach über- 
haupt keine Hexe vor. Ebenda 1017. 

7) Über Namen des Teufels: Grimm, Mythologie, 1015—1017. 



190 11^'of: 

In einem zweiten Marburger Hexenprozesse von 1580 wird berichtet, 
<liiss die Angeklagte, um sich beim Stehlen unsichtbar zu machen, eine 
Kerze bei sich trug, die einem Sterbenden eingehalten worden war und 
deren Docht aus Fäden bestand, die dem Leichentuclie entnommen waren; 
sie spricht die Kerze mit den Worten an: „So wenig mich der Tote vor 
dem jüngsten Tage sieht, so wenig mag mich der Krämer (den sie bestehlen 
will) sehen." 

In einem Hexenprozesse, der 1602 zu St. Ij ambro cht in Obersteier- 
mark') abgeführt wurde, wird die Angeklagte beschuldigt, dass sie auf 
einem zottigen Rosse gleich einem Widder^) durch die Luft fahren und 
Wetter machen könne. Der Böse gab ihr einen Zettel in Brot gebacken 
zu essen und sie erliielt die Gabe, dass sich jedes versperrte Schloss, das 
sie berührt, öffnet. 

Ebenfalls im Jahre 1602 sagte in einem Prozesse, der im oberen 
Murthale stattfand'), ein Mädchen von 10 — 12 Jahren gegen ihre Mutter 
aus. Einst, als sie mit ihr gegen Schrattenberg (Schloss im oberen Mur- 
thale) ging, sei ihnen der Böse, ein kleiner Mann, l'/a Fuss hoch, in 
schwarzem Kleide erschienen, habe drei Pferde bei sicli gehabt, nicht 
grösser als Wölfe*), das eine sah aus wie ein Hirsch, alle hatten Klauen 
statt der Hufe; sie sassen auf und fuhren durch die Luft; die Mutter könne 
Wetter und Schnee machen; beschmiere die Ofenschüssel mit einer Salbe 
uud fliege auf ihr; Menschenhaare und Sauborsten habe sie verbrannt, die 
Asche zur Salbe gegeben, ebenso Totenbeine, die sie vom Friedhofe ge- 
nommen und zerstossen habe. Die Mutter habe eineu Krystall, darin 
könne man sehen, wie viel sie Wetter machen könne; wo man sie lieb 
habe und ihr etwas schenke, habe sie den Leuten gesagt, sie sollten am 
Ostermontag ein Stück Weizenbrot auf den Scheiterhaufen vor dem Hause 
legen und ein ganzes Jalir liegen lassen, dann könne ihnen kein Wetter 
schaden. 

In einem Prozesse vom Jahre 1613 aus der Umgebuug von Graz') 
wird der Angeklagte beschuldigt, er mache im Frühling und Herbst, wenn 
er die Felder zu bebauen beginne, auf denselben ein kleines Feuer, er 
umschreite oft vor Sonnenaufgang, namentlich am Charfreitag, seine Felder; 



1) V. Zahn, Von Zauberern, Hexen und Wolfsbannern. Originalieu und Kopien im 
Steiermark. Landesarchiv und zu Admont. In „Steiermärkische Geschichtsblätter''. Graz 
1882. III. 129. 

2) Alle Hexen dachten sich ihren Meister als Bock. Grimm, Mythologie, 947. — 
Der Teufel reitet auf schwarzem Rosse. Ebenda 95S. 

3) Gräff, Versuch einer Geschichte der Kriminal-Gesetzgebuns: in Steiermark. Graz 
1817. S. 187— 2J3. 

4) Seelenraubender Wolf war der Teufel bereits den Kirchenvätern. Grimm, Mytho- 
logie, 948. Zauberer pflegten in Wölfe überzugehen, er war Wuotans heiliges Tier, eines 
Gottes, der es vorzugsweise mit Seelen und Geistern zu thun hatte. Ebenda 997. 

5) Gräff a. a. 0. 



Hexenwesen und Aberglauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 191 

weun er die Nüsse von seinen Bäumen schlägt, habe ei' in der einen Hand 
eine lange Stange, in der andern einen brennenden Spahn, und wenn er 
auf die Bäume schlägt, fallen die Nüsse haufenweise herunter; seine Kühe 
geben viel mehr und bessere Milch und seine Felder tragen mehr, als die 
der Nachbarn. Seinem Feinde habe er eine böse Krankheit angezaubert, 
an der er gestorben. Auch das kleine schwarze Männchen mit den feurigen 
Augen, das in das Haus des Angeklagten bei dem Fenster hineingekrochen, 
fehlt nicht und der Beschuldigte sei des Nachts in der Luft als Yogel 
herumgeflogen '). 

In einem weiteren St. Lanibrechter Prozesse von 1614 bekennt der 
Angeklagte, er habe von einer Sennerin gelernt, dass, wenn die Kühe dem 
Stiere nicht zugehen wollten, man die Stube neunmal fegen, das Kehricht 
durchseihen und dann den Kühen zum Fressen geben solle; dann würden die 
Kühe tragend werden. Weiters habe er den Kühen „die Tritt" (die Tritt- 
spuren in der Erde) ausgestochen, diese der Sennerin gegeben, die damit 
Zauberei getrieben habe. Dieselbe Sennerin habe zwei Frösche an eine 
Stange gehängt, daran gemolken und dadurch den Kühen der Nachbarn die 
Milch entzogen. Sie könne auch „Wötter sieden" (Wetter machen). Ein Mann 
wird genannt, der kann auf einem Wolf durch die Luft fahren. Will man 
lue Zauberei lernen, so muss man neunmal die heilige Dreifaltigkeit ver- 
leugnen und sieh neunmal dem Teufel mit Leib und Seele verschwören. 
Der Böse heisst der schwarze Kasperl, der Schwienkl, der Mayer, der Kälbl, 
trägt schwarze Kleider; dem, der sich ihm ergiebt, macht er an einem 
Finger der linken Hand einen Schnitt und nimmt Blut aus der Wunde ^). 

In dem Prozesse von 1641^) zu Weinburg (Schloss südlich von Graz) 
ist nur von Fliegen durch die Luft und Wettermachen die Rede. 

Die Umgebung von Gutenhag (Herrschaft zwischen Radkersburg und 
Pettau) scheint der Sitz argen Hexenunfuges gewesen zu sein. 1661 fanden 
dort grosse Prozesse statt, aus denen wir folgendes hervorheben'): 

Um jemand eine Krankheit anzuzaubern, braucht man einige von 
ilesseu Kopfhaaren. — Eine der Angeklagten wurde von einem bösen 
Nachbar geprügelt; sie bat ihre der Zauberkraft kundige Freundin, diesem 
Manne eine Krankheit anzuzaubern; sie musste ihr ein Stück Rinde von 
ih^m Prügel, mit dem sie war geschlagen worden, bringen, sie verzauberte 
diese Rinde, streute sie dann dem Manne unter, der schwer erkrankte. 
Nach einiger Zeit wollte sie den Kranken wieder gesund machen, sie ging 
zur Hexe und bat sie darum, „welliche disser 9 felberne (Weiden-)Ruethen 
in ain Padt, absonderlich aber dass Fuepper Klirautt, Guides Khrautt zu 
kochen, die Stain aber mir denen von sich selbston verdorbenen Krono- 

1) Den Zauberinnen steht Vot,a'lgestalt zu Gebot: (irimni, Mythologie, S. 997. 
2} über Verträge und Bündnisse mit dem Teufel: Grimm, Mythologie, S. 9G'.). 

3) Zalm a. a. O. S. 138. 

4) Zahn a. a. 0. S. 138—148. 



lifi Ilwof: 

betheru (Kranewitbeeren, Wachliolder) zu liizen anbevolchen"; darin 
wurde der Kranke gebadet und genas. — Als ein anderer Mann, der Sujian 
(Gemeindevorstand) Simon Fräs, sie schlug, niusste sie iler Zauberin Haare 
von diesem, Stücke von dem Holz, mit dem sie geschlagen worden und 
einen Bohrer, mit dem an einer Totenbahre gebohrt worden war, bringen; 
Haar und Holz wurden besprochen, mit dem Bohrer ein Loch in einen 
Baum gebohrt, Haar und Holz darin fest verschlagen und dreimal die 
Worte gesprochen: „Ih Margaretha spriche an das Haubt, die Glider, die 
Ingewöth des gethaufften, gefüermendten und gesegneten Menschen, des 
Simon Fräs, das er erkhrankhe, erlahme und schwach werden solle, in den 
dreyeu Namben Gott Vatter und des Sohn und des heiligen Geist. Amen." 
Der Simon Fräs erkrankte nicht, wohl aber sein Weib, weil die Angeklagte 
„per errorem nit des Maus, sondern nur des Weibs Haar gebracht. Item 
bekhendt, sye habe ain Theil von dissen angesprochnen Sachen auch 
Abendts auf ein Stigl geworfen, in Mainung, es würde der Supan erstens 
darüber gehn, so seye aber nur sein Weib darüber gangen, dahero nur 
sye erkhrankht und fiebrig worden." 

Die Hexen in Gutenhag treiben Unfug mit der Hostie; der Böse 
erscheint in Gestalt eines jungen Mannes, in roten Pelz gekleidet, mit 
einer schwarzen Kappe auf dem Kopfe, langen Nägeln an den Fingern; 
die Hexen verschreiben sich ihm mit Blut; er treibt Buhlschaft mit ihnen, 
aber sein Leib ist eiskalt'). In den Versammlungen der Hexen, immer 
auf Kreuzwegen, wird gegessen, getrunken, musiziert, getanzt. Die Speisen 
schmecken „ungeschmach und ungesalzen"*). Der Wein wird aus einem 
Kruzifix, das am Wege steht, durch einen Zapfen herausgelassen. Die 
Hexen fahren durch Luft in feurigen Wägen, welche von schwarzen ge- 
hörnten Pferden gezogen werden^). Hagelwetter wird gemacht. Die 
Hexen können die Kühe ansprechen, dass sie viel und gute Milch geben, 
aber auch, dass sie die Milch versagen. Der Spruch lautet: „Ich Margaretlia 
gebiette, verpahne alle Milch und alle Khröfften der Nochbohrn Khüe, 
auss den Fiessen, auss dem Ingebeith, auss dem Kopf, auss den Hörrn, 
auss dem Autter (Euter) und auss dem ganzen Leib, dass dieselben in 
disser Nescha (slovenisches Diminutiv für Agnes) Khüe khumben und disse 
Khüe wol melkhen, die Milich und wol Rämb (Rahm) haben sollte: dos 
gescheche der getaufften, der gefüermbten, der gesegnethen Kescha durch 
die drey heilligen Namen des grossen Gott Vatters, Gott Sunns, Gott hl. 
Geist. Amen." 



1) Die Buhlschalt der Hexen mit dem Teufel schafft ihnen nur halbes Behagen oder 
seihst Schmerzen. Grimm, Mythologie, 1029. 

2) In der Hexenküche und bei den teuflischen Mahlzeiten fehlt das Salz. Grimm, 
Mythologie, 1002. Die dort bereiteten Speisen sättigen und nähren nicht. Ebenda S. 1024. 

3) Fahren des Teufels in stattlichen Wägen. Grimm, Mythologie, 958. 



Hexeiiwesen und Aberglauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 198 

In einem anderen Prozesse^) desselben Jahres (1661) zu Gutenliag 
erscheint der Teufel in Gestalt eines Hasen, auch in der eines Knaben in 
schwarzem Kleide. Hai;el und Wetter werden gemacht. Beim ersten 
Haliueuschrei hören die Zusammenkünfte der Hexen auf^). 

In einem mir handschriftlich') vorliegenden Prozesse von Gutenhag 
16()1 wird ein j\lann der Zauberei angeklagt, er habe einem anderen Manne 
durch ein Fläschchen Wein, das er ihm zu trinken gegeben, die Maimheit 
genommen, wieder einen habe er blind und wieder sehend gemacht und 
wieder anderen andere Krankheiten angezaubert und sicli dazu der Zweige 
des Elseubaumes (prunus padus) und der Kopfhaare des zu Verzaubernden 
bedient. Auch den Wein des Nachbars habe er verzaubert, dass ihn niemand 
kaufen wollte. Um die Maunlieit wieder zu erlangen, schabe man etwas von 
dem Hörn eines Stieres ab, nehme Haare von dem „Zem" (penis) desselben, 
gebe es in Wein, reibe sich damit an der betreffenden Stelle ein, dreimal 
Montags, Mittwochs und Donnerstags mit den Worten: Er werde wieder 
so hart wie das Hörn des Stieres. 

In dem zweiten mir handschriftlich vorliegenden Prozesse (Gutenhag 
16()1) kommen nur Fliegen durch die Luft auf einem Kronawett-Zweige, 
der mit einer gelben Salbe bestrichen wird, Hagel- und Wettermachen, 
Zusammenkünfte unter der Führung des Bösen, der Hansel heisst, Gelage 
und Tanz vor, bei denen sich die Vornelnnen unterhalten, die niederen 
Leute bedienen müssen. 

Auch in Gutenhag 1673 war ein 80 Jahre altes Weib der Hexerei 
wegen vor Gericht gestellt worden*). Man fand in ihrer Truhe Wurzeln 
und Kräuter, was sehr verdächtig erschien.. Die Aussagen zweier vordem 
wegen Zauberei hingerichteter Weiber wurden ihr vorgehalten. Gefoltert 
bekannte sie, ein Weib habe sie zu einer vornehmen Gasterei an einen 
Kreuzweg geführt, wo viele bekannte und unbekannte Personen waren. 
Dort hätten sie Fleisch und Brot gegessen und Wein aus einem schönen 
silberneu und aus einem „Meolikhen"-(Majolika-)Gefäs.se getrunken, welcher 
in zwei Pipen aus dem am Wege stehenden Kreuze herausgeflossen sei; 
der Wein habe wie Rosswasser geschmeckt, ein Stück Brot, das sie nach 
Hause mitgenommen, habe sich des anderen Tages in ein Schwein ver- 
wandelt. Der böse Geist, Namens Kaspar, sei aucli zugegen gewesen, er 
sei von Angesicht rot, von feurigen Augen gewesen, bekleidet mit einer 
glänzenden roten Kappe, schwarzem Rock, roten Strümpfen, grauer Hose. 
Nach der Mahlzeit wurde getanzt, der Teufel habe dazu gesungen und 
auf zwei Brettchen gegeigt. Die nächste Zusammenkunft fand an einem 



1) Zahn a. a. 0. S. 152-154. 

2) Über Zusammenkünfte dfr Hexen s. (irimm, Mythologie, S. "J98. 

3) Die Akten dieses und des folgenden Prozesses hat mir Hr. Dr. Peter Mitteregger, 
Professor am stildt. Mädchenlyceum zu Graz freundlichst zur Benutzung überlassen. 

4) „Hoch vom Dachstein.** Belletristische Zeitschrift. Graz 1862. S. 241—242. 

Zcitsclir. d. Vereins r. Vülkskiiiide. isa?. 13 



194 Ilwüf: 

anderen Kreuzwege statt: da hätten die Vornehmeren beim Essen, Trinken 
und Tanzen voran die Ehre gehabt'); die Angeklagte sei nur zum Auf- 
räumen, Abwaschen und anderer „Lumpenarbeit" verwendet worden. Vorher 
noch liatten sie und das Weib, das sie zu den Versanimhnigen führte, bei 
der Kommunion die Hostie von der Zunge genommen, aufbewahrt und in 
ein Tuch gebunden dem Teufel gegeben; w^as dieser damit angefangen, 
wisse sie nicht. Als die Hühner zu krähen begannen, habe der Teufel 
die Namen seiner Gäste auf eine schwarze Ochsenhaut ") geschrieben, das 
Schreibzeug sei gross und glänzend gewesen, die Feder habe einem Lichte 
gleich gesehen. Hierauf hätten des bösen Feindes Knechte, die geringer 
gekleidet waren als er, die Lichter ausgelöscht, die Gesellschaft habe sich 
nach und nach verloren. Die Augeklagte sagt, sie habe unmittelbar her- 
nach ihr Thun bereut, ein Stück geweihtes Salz in ein Schaff Wasser 
geworfen'), den Leib gewaschen und sich mit geweihten Kerzen angeraucht. 
— Eine andere der Angeklagten wurde vom Freimann untersucht, er fand 
an ihrem Leib zwei Zeichen, in die er mit der Nadel gestochen, sie habe 
nicht gezuckt und es floss kein Blut — das war des Teufels Zeichen. 

Nächst Gutenhag war der Hauptsitz des Hexenwesens und der daran 
sich knüpfenden Prozesse in Steiermark das im östlichen Teile derselben 
gelegene liebliche Raabthal mit dem freundlichen Markte Feldbach, 
dem nördlich davon gelegenen mächtigen Felsenschlosse Riegersburg 
und dem südlich davon befindlichen, jetzt durch seine Heilquellen berühmten 
Gleichenberg*) und die Zeit dieser gerichtlichen Vorgänge waren die 
Jahre 1673 und 1689 bis 1690 '). 

Die Zusammenkünfte der Hexen fanden auf Kreuzwegen, gewölinlich 
neben einem Kreuze statt, es wurde gegessen, getrunken, getanzt, mit 
einem Kelche und mit Hostien Unfug getrieben, Gott und die heil. Drei- 
faltigkeit verleugnet, aus dem Stamme eines Eichbaumes floss Wein, tlie 
beschuldigten Weiber gestanden, durch die Luft geflogen zu sein, sie 
machten Hagelwetter und verderbten die Ernte durch Reif. Der Teufel 
nannte sich Riepl, Kasperl, schwarz Kasperl; einige Weiber verschrieben 
sich ihm, andere verschrieben ihm ihre Kinder"). Der Urheber dieses 

1") „Es gilt dabei (l)ei den Hexenversamiiihingen) auch staiiflesverschiedenlieit: erst 
sitzen die reichen zu tisch und trinken aus silbcrschalen, dann ilie armen aus holzbechern 
oder klauen." Grimm, Mythologie, S. 1024, Anm f. 

2) „Die Ochsenhaut deutet mir gleich der Bärenhaut heidnisches Opfer an." Grimni, 
Mythologie, 1069. 

3) Über die Bedeutung des Salzes im Hexenwesen s. ürimm, Mj-thologie, 998 — 1002. 

4) Die Gallerin auf der Rieggersburg. Historischer Roman mit Urkunden. Von 
einem Steiermärker (Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall). 3 Teile. Darmstadt 1845. 
Das oben im Text Mitgeteilte ist durchaus der Urkundensammlung des 3. Bandes ent- 
nommen. 

ö) Über diese Vorgänge vgl. auch „Feldbacher Hexenprozesse" in der „Grazer Tages- 
post" 1878, No. 231, 236, 261, 273 und 1874, No. 24. 

6) Über Verträge und Bündnisse mit dem Teufel: Grimm, Mythologie, 969. 



Hexenwesen und Aberglauben in Steiermart. Ehedem und jetzt. 195 

Ilexenunfugs war der Pfarrer von Hatjendorf, Gregor Agricola, „des 
Teifels Secretari und Landtschreiber')", wie ihn die Beschuldigten nennen^). 
Die Hexen wurden von dem Teufel an der Schulter, oder unter der Irxen 
(nihd. üehse, Achselhöhle) oder am rechten Fuss oder an der Hand ge- 
zeichnet. Deu Hagel führten die Hexen in Körben und Säcken mit sich, 
steckten eine Hostie dazu und schütteten alles aus, wenn sie durch die 
Luft flogen. Der Böse erscheint auch in Gestalt eines schwarzen Hundes. 
Ein Zeuge sagt gegen den Pfarrer Agricola aus, dass er einstmals zufällig 
mit ihm zusammengekommen sei, da hätte der Pfarrer gesagt, es reue ihn, 
dass er jemals ein gutes Werk gethan imd habe dies durch viele Flüche 
liekräftigt; als Zeuge den Pfarrer verlassen, sei ihm ein „grausam wild- 
aussehender Mann" begegnet und gleich danach sei er von zwei Wild- 
schweinen'') augefallen worden und hätte sich ihrer nur mit grösster Mühe 
erwehren können. 

Agricola wurde vom Henker im Kerker erdrosselt und unmittelbar 
danach habe man einen Raben*) vom Fenster des Gefängnisses über den 
^larktplatz fliegen sehen, den alle für die schwarze Seele des Bösewichts 
liielteu^). 

Einem der Angeklagten wurde vorgehalten, dass er die Feldfrüchte 
durch Zauberei ruiniere, da man gesehen, wie er heimlich und verdächtig 
Erdschollen aus fremden Weingärten zu sich gesteckt habe; er gestand, 
dass er oft zur Kirchtagszeit von Aufgang der Sonne Staub und Brosamen 
aus den Fenstern zusanimengewischt, dies bei der Thüre und vor dem 
Hause umhergestrent habe, damit seine Wirtschaft gedeihe und die des 
Nachbarn Schaden leide, dass er am blauen (?) Samstag etliche „Hötschl- 
jtöhr Thorn" (Dornen von der wilden Rose) abgebrochen, etwas Milch 
von seiner Kuh in einen Sautrog gethan und diesen mit Dornen gestrichen 
habe, damit die Kuh, welche beim Melken Blut gelassen, wieder gesund 
werde, dass er nächtlicherweile aus den Furchen, welche durch die Räder 
eines Leichenwagens entstanden, Wasser geschöpft, dieses imter das Brot 
gebacken habe, wodurch es gut geraten und auf dem Kirchtage schnell 
verkauft worden sei, dass er in der heil. Dreikönigeu-Nacht, welche man 
die reiche Nacht zu nennen pflege, Brosamen und Speisereste in einen 

1) Landschreiher war eine hohe Würde im Ständewesen der Steiermark. 

2) Dass (xeistliche und Mönche das Hexeuwesen förderten, griebt selbst Janssen a. a. 0. 
VllI, 501 f. zu. 

3) Nächst dem Bock ist der Eber, der unter den alten Göttern dem Fro heilig war 
und in Walhalla der Helden Speise hergiebt, auch noch im Sturmzug des wilden Heeres 
beziehungsvoll erscheint, ein Teufelstier. Grimm, Mythologie, 948. 

4) Unter den Vögeln steht zunächst der Rabe, dessen Gestalt der Teufel gern an- 
nimmt. Ebenda 949. 

5) Luciau von Samosata erzählt in seinem Peregrinus Proteus, dass aus dem Scheiter- 
haufen, auf welchem sich dieser sonderb<ire Schwärmer selbst verbrannte, ein Geier auf- 
geflogen sei und den Weg gerade nach dem Himmel genommen habe. 

13* 



1 9G Ilwof : Hexcnweseyi und Aberglauben in Steiermark. Ehedem nnd jetzt. 

ueueu Topf gethau und diesen vor Aufgang der Sonne auf eine Thorsäule 
gestellt habe, um damit den Wind zu füttern, dass er das ganze Jahr 
seinen Feldern keinen Schaden zufüge; dass er oftmals an Kirchweihtagen, 
wenn er neben anderen Wirten Wein feil gehabt habe, bevor er seine 
Fässer angeschlagen, von dem Wirte neben ihm einen neuen Krug voll 
Wein genommen, diesen heimlich in seinen Keller gestellt und unter dem 
„Grander" (das H(jlzgerüste, auf welchem die Fässer liegen) verborgen 
habe, worauf er seinen Wein schnell an den Mann gebracht habe, während 
der „dess andern verschlagen gebliben". — Einstmals, als er erkrankte, 
habe ihm ein Soldat geraten, er solle von neun Ameisenhaufen je drei 
Hand voll nehmen und von drei Bäumen, welche keine Früchte tragen, 
Zweige brechen, aus den Strassenfurchen Wasser schöpfen und sich davon 
ein Bad bereiten; das habe er gethan und sei davon genesen. Das Bad- 
wasser habe er in den Bach getragen, hätte er es auf den Erdboden aus- 
geschüttet, so wäre jedes, sowohl Mensch als Tier, so darüber gegangen, 
daran gestorben. Bei den Hexenzusammenkünften trugen alle grüne Feder- 
büsche auf dem Kopfe und der Teufel spie Feuer aus. 

Die in diesen Prozess verwickelten Priester wurden beschuldigt, dass 
sie durch Verteilung der konsekrierten Hostien bei den Hexenzusammen- 
künften') die Verwüstung der Felder und Weingärten, ja den Ruin des 
ganzen Landes beabsichtigt hätten; die Kinder, welche ihnen zur Taufe 
o-ebracht wurden, hätten sie im Namen des Teufels getauft, daher alle 
diese Kinder rebaptiziert werden mussten. 

Der Hauptpfarrer von Eiegersburg, Michael Zirkelius. der auch in 
diesen Prozess verwickelt war, kam dem Gerichte durch Selbstmord zuvor. 

Diejenige, in diesem Prozesse Augeklagte, Verurteilte und Hingerichtete, 
deren Namen bis heute im Munde des Volkes im Raabthale fortlebt, war 
das Weib des Pflegers der Riegersburg, Katharina Paltauf; ihr Bild befindet 
sich jetzt nocb im „Hexenzimmer" dieses Schlosses. Sie war weithin 
bekannt wegen ihrer Geschicklichkeit in der Pflege der Blumen; aus- 
ländische Gewächse zog sie in dem Burggarten und früher und viel schöner 
als anderswo ringsum kamen die Blumen unter ihrer Zucht zur Blüte. 
Aber nicht deshalb musste sie den Tod erleiden, er wurde über sie ver- 
hängt, weil sie angeklagt war, an den Hexenversammlungen teilgenommen 
zu haben. Sie fand auch ihren Sänger. Johann Xepomuk Vogl, der 
AVieuer Dichter, der nicht unbefähigte Nachahmer Uhlands, Kerners, 
Schwabs besingt sie in der Ballade: „Die Hexe von Riegersburg."^) 



1) Grimm, Mythologie, 998. 

2) J. N. Vogl, Balladen. Wien 1846, S. 121-124. 

(Schluss folgt.) 



Hauser: Rätsel aus Paznaun. 



197 



Eätsel aus Paznaun.') 

Von Professor Christian Hauser. 



1. As timmerlet und tamerlet 
In-aniiuan-eiserna Kameria; 
Wi' örger as d' Sunna scheint, 
Wi' örger as's timmerlet und tamerlet. 

(Die Schelle, wann das Rindvieh, bei grosser Hitze von Bremsen gestochen, 
von der Weide rennt.) 



2. As timmerlet und tamerlet 
In-amma fleischerna Kameria; 
As ist guat unter Dach 
Und ist döcht älli näss. 

(Der Mund.) 

ö. As geat über d'Brugga 

Und hat neunaneunz'gOgan-amRugga. 
(Der Bauer mit der Reiter.) 

4. In-Augsburg isch'-*) nit, 
In-Ulm isch z'flnda: 
Lisa') hät's voarna 
Und der Pemsl^) hinta. 

(Der Buchstabe 1.) 

.i. As geat durs Tal aus und in ') 
Und keart in-alle Häuser in. 

(Der We-.) 

<). Wian-ist a schüani Stadt, 
Weil si dös Ding nit hat; 
Z' Innsbruck kenn ma's finda, 
D' .Junkfera huba 's in der Mittli 
Und d" Weiber hinta. 

(Der Buchstabe r.) 



7. Im Stall isch gebora, 
Im Stall isch auferzocha, 
Und z'löst hat 's hinta d' Oara'). 
(Die „Bulga", d. i. ein lederner Sack.) 

i. An-Acker voll Buana, 

Dia') longa ~) bis in Gruana'), 
Dia longa bis ins Engadei. 
Was möga dös für Buana sei? 
(Die Sterne am Himmelszelte.) 

9. As kinnt der Viarfuass (die Katze), 
Nimmt dan-Afuass'") (Stück Fleisch) 
Aus dem Dreifuass (Hafen). 
As kinnt der Zwoafuass (die Köchin) 
Mit dem Dreifuass, 
Schlot") da Viarfuass, 
Ass'-) er dan-Afuass fälla lät. 



10. 



An-Üll ") long 
Und noch so long 
Duck dan-Arsch, 
Bück da Puass, 
Denn was.st'''), 
Ass as inhimuass ' 



11. As ist gatoft und döcht ka Krist, 

As ist gahenkt und hat döcht nuit gstola. 



■)• 

(Der Brotladen.) 



(Die Glocke.) 



1) Als Naclitrag zu den , Rätsel aus Paznaun'-. Jahrg. VI, No. 17, S. 192 ff. des 
„Alpenfreuiid". Das Tiroler Thal Paznaun liegt südwestlich von Landeck zwischen dem 
Antirhätikon und der Verwallgruppe. — 2) ist es. — 3) Elisabeth. — 4) Pinsel. — 5) ein. 
Das kurze i in „in" ist uralt; vgl. „drin'^, drein. — 6) die Zipfel. — 7) diese. — 8) reichen. 
— 9) Wohl ein bloss des Reimes wegen gebildetes Wort, dessen Bedeutung ich nicht 
erfahren konnte. — 10) Einfuss. — 11) schlägt: vgl. bezüglich der Synkope „löt", legt, 
„söt% sagt, „tröt-, trägt. — 12) dass. — 13) Elle. — 14) weisst. — 15) nämlich in den 
Backiifon. 



198 Häuser: 

12. Schwärz in Hol, 
Was drin sol'), 
Griias^) Fleisch, 
Speib^) in d' Hänt, 
Spörz^) in d' M^iint, 
Rüttla mit dem Arsch, 
Und denn geat's. 
(Vorgang beim Anziehen der hohen Wadenstiefel.) 



Was ist 's Gröasst in der Kiarcha? (Das Thor, bei dem unser Herrgott hinein- 
geht.) — Was ist heacher as ^) Gott? (Die Krone, die er auf seinem Haupte trügt.) 

— In was für 'ra Stadt stearban-am vilsta Leut? (In der Bettstatt.) — Was ist 
'as') Böst am Bachofa? ( • • . , dass er das Brot nicht frisst.) — Gmächt isch wi' 
a Wögga'), aber a Loch und an Sta") drin. (Der Kumpf mit dem Wetzstein.) — 
Was ist 'as Tümrast im Haus? (Die Seihe, weil sie die Milch durchrinnen lässt, 
hingegen den Dreck zurückbehält.) — Was ist 'as Eachtest') in der Stube? (Der 
Ofen, weil er das Loch vorn draussen hat.) — A hülzerner Ruggan-und a hiiriger 
Bauch. (Die Bürste.) — As leit'") amma Ring un hat 's Kriiali") am Kopf. (Die 
Kronschlange.) — As steat am Dach und röcht'-) a Pfeilli voll Tabagg. (Der 
Kamin.) — Was für a Wässer konn maii-in 'ra Reitera träga? (Das gefrorene 
oder das Eis. — Abwearts muass ma's ziacha, aufwearts geat's salt'). (Die 
Ampel.) — Wia schreibt man-Isäk mit am'^) Buastäba'^)? (Man schreibt ein I 
auf einen Sack.) — Was geat richtiger as an-Ur? (Die Laus, sie geht aufs Haar.) 

— As frisst älli und scheisst nia. (Das Licht.) — Was ist für an-Unterschid 
zwischa der Beicht und amma Schuach"')? (Die Beicht hat einen Vorsatz und 
der Schuh einen Absatz.) — Der Arm' wiarft") 's wöck '"), und der Reich 
schoppet 's in d' Tascha. (Der Rotz) — Die wöla'") Schaf sei mia-') weart, di 
weissa oder die schwärza? (Die weissen, weil es eben mehr weisse als schwarze 
Schafe giebt.) — As geat dur a-') Wald auchi-') und schaut älli abwearts. (Die 
Hacke oder Axt, die der Bauer auf der Achsel trägt.) — As steat af der Maura 
und hat d' Käppa-') voll Sta. (Die Hagebutte.) — As sei vil, vil Schwösterlan- 



1) soll. — 2) grünes. — 3) speie; „speiba", ahd. spiwan, mhd. spien. Über die 
Verhärtung des w zu b vgl. z. B. „Lob" (mhd. I6we, löuwe), Löwe, „dröba" (mhd. dvöuwen), 
dräuen, drohen, „garba" (mhd. gerwen), gerben, „Kleiba" (ahd. chliwa, chlia, ndid. kliwe, 
klie), Kleie, „ruaba" (mhd. ruowen , ruhen, „schneiba" (ahd. sniwan), schneien, „searba" 
(mhd. serwen), ki'änkeln, „ströba" (mhd. ströuwen), streuen. — 4) stoss mit den Füssen. — 
5) als. — 6) das. — 7) Weck, keilförmiges Gebäck. In und auslautendes k, ck sinkt sehr 
oft zur Doppelmedia gg herab: „Bagga" (mhd. backe), ,.bigga" (mhd. bicken\ „Brugga" 
(mhd. brücke), „Buggl" (mhd. buckel), „Ögg" (mhd. ecke), „Pingg", „Flägga"' (mhd. vlocke), 
„flingg-', „Fuugga", „gauggla'' (mhd. goukeln), gaukeln, „Guaggla", Kunkel, „lingg", link, 
„Mugga" (mhd. mucke, mücke), „Rugga" (mhd. rücke) und viele andere. — 8) Stein. — 
9) Reinlichste. — 10) liegt. — 11) Krünlcin. — 12) raucht; röcha (mhd. roucheu, röuchen) 
mit Umlaut. Pazn. ö (= nhd. äu, seltener eu) eutspricht öfters mhd. öu: „böga" (böugen), 
beugen, „dröba" (dröuwen), dräuen, „tröfa" (tröufen), träul'eu, ,Pröd'' (vröude), Freude, 
„löfi" (löufec), läufig, brünstig, stöpa" (stouben, stöuben), stauben, stäuben, ..Ströb" (ströu), 
Streu, „söga" (söugen), säugen. — 13) selbst. — 14) einem. — 15) Buchstaben. — 
16) Schuh; b im In- und Auslaute wird als ch gesprochen: fliaclia, söcha, gscböcha, 
ziacha u. v. a. — 17) wirft; ia statt einfaches i regelmässig vor r: diar, iar, miar, Hiart, 
Hiarsch, Wiart. — 18) weg, fort. — 19) welche. — 20) mehr: ia hier = mhd. e; vgl. auch 
Kria (kren), wiani (wenec). — 21) den. — 22) eigentlicli aufbin -- liinauf. — 23) Mütze. 



S]irüche und sprichwüitlicbe Redensarten aus Paznaun. 199 

und hiiban-all roati Kapplan-aul'. (Die Zündhölzchen.) — Warum haba d" Weiber 
kan Bart? (Weil sie sich beim Rasieren vor lauter Reden stets schneiden würden.) 

— A weisser Acker und a schwärzi Onsät. (Der Brief.) — Heacher as a Kiarch- 
tura und klinder as a Köglskugla. (Der Zwirnknäuel.) — Nuit ist öppes'), und 
öppes ist nuit. (Der Schatten.) — Was tuat dem Hafa'-') noat? (Ein Boden.) — 
Was für Ring sei nit runt? (Die Hiiringe.) — Wiav'P) Arbes*) gian-in-an Häfa? 
(So viele, bis er voll ist.) — Wiis für Pudl beissa nitV (Die Brantweinpiidel.) 

— Fünf Pinger und döcht ka Hont. (Der Fäustling) — As wiart tagli '■") gmächt 
und ist dücht älli derrissa. (Das Bett.) — Wenn a Muater tuat, was d' Muater- 
gottes to') hat, wiard si nit seali'). (Wenn sie wie die Muttergottes ihr Kind 
anbetet) — A Tal'') könda') mit da Hiint und da Füass spila. (Die Organisten.) 



Sprttclie und sprieli wörtliche Redensarten 
aus Paznaun.'") 

Von Prof. Christian Hauser. 



. Nuii") Bösa köra guat, 6. Buana'') mächa 's Hearz gruana'"). 

Di älta sei'-^) z'kälta-) guat. ^ j),,^^,. ^,„j j^^^^^.^,^ 

2. Was i nit wass"), Mächt di Bägga roat^''). 

Mächt miar nit hass. c. ti rr- i 

6. vil Uant 

3. Trink und iss, Mächa der Arbet-'^) an-Ent. 
Gott nit vergiss! 

.. . 9. Auf der Gässa-n-au-Engl, 

4. Unser ) Heargott konn vil zaga ry, u d i 

" ° Z Haus an rengl. 

und wiani ; göba; 

Unser Heargott konn wiani zaga 10. Rinnt der Tag, 

Und vil göba. Bringt der Tiig^*). 

5. Mit Kasan")-und Treiba'") 11. Weiberguat 
Konn ma d' Schulda vertreiba. Ist Eisaguat"^). 

1) etwas. — 2) Topf. — 3) wie viele. — 4) Erbsen, aus mhd. areweiz, erweiz, Erbse. 
— 5) täglich; für nhd. ä (nibd. e) steht regelmässig reines a. — 6) gethan. — 7) selig. 
8) Teil, sc. Leute. — 9) Beachte die „coDstructio ad sensum" in „könda" für „konn". — 
10; Als Nachtrag zu den „Sprüche . . . ans Paznaun", Jahrg. VI, No. 15, S. 164 ff. des 
„Alpenfreund''. — U) neue; über i vgl. Anm. 29. — 12) sind. — 13) für „ghälta" (ge- 
halten), behalten, aufliewahren. — 14) weiss; mhd. ei entspricht, ein paar Beispiele ab- 
gerechnet, immer pazn. langem a. Vgl. meine Abhandlung: „Das gedehnte A = Ai = mittel- 
hochd. Ei." In: Rechtsrheinisches Alamannien . . . Von Dr. Birlinger (Stuttgart 1890), 
S. 97—103. — 15) unser; zaga, zeigen. — 16) wenig. — 17) käsen. — 18) buttern. — 
19) Bohnen. — 20) grünen. — 21) Kot; mhd. ö und vor r auch o entspricht pazn. oa, wie 
Hoara (hörn), Koara, Moarga, Oardni, Zoara. — 22) Gemeint ist, dass-Leute, besonders 
Kinder, die mit dem Essen nicht heikel sind, ein blüheudes Aussehen bekommen. — 23) Um 
einem Missverständnisse vorzubeugen, sei hier bemerkt, dass der Anfangslaut A in Haupt- 
wörtern getrübt ist. — 24) Dieser Spruch gilt denjenigen, welche, unbekümmert um die 
Zukunft, in den Tag hineinleben, kinnt, kommt. — 25) d. h. das Vermögen der Frau soll 
erst dann angegrilTon werden, wann ilas des Mannes fertig ist. 



200 Hauser: 



12. Der Heier ist wia der Steler ■)• 15. Di rota Lüt') 

HendO acht Hüt=), 
Um sibna mör'') 

14. Abetroat Moarij'abroat'-). As') ander Lüt'). 



13. Hitzi i.st nit witzi. 



Wear z'earst kinnt, mölf) z'earst. — Wenn der Fuarraonn salf'J numnui") 
fära konn, heart'") er 's döcht") noch geara schnölla"). — Maa'') muass ma 
baui""') schlöchta Wötter und röcha bam guata"). — Groassi Schwein-und groassi 
Kölber kema'") nit umsüs"') z' stia""). — An-ungröchter Haller^') verzört zöcha--') 
Gulda. — An-ungTÖchter Kreuzer frisst zöcha gröchti. — Klini^'} Diab henkt 
ma, und groassi Spitzbuaba l;it") ma lof'a'"*). — Der Höber ist wia der 
Schinter'-''). — Nächna'-') bar'") Kiarcha nächna bar HöU. — Wo unser Heargott 
a Kiarcha baut, dort baut der Tuifl*") o'") a Wiartshaus. — D' Ea") weardan- 
im Himrai gschlossa. — Zum Heiriga gheara (oder „braucht 's") älli'^) zwoa. 
— 's Heirigan-ist a guats Kraut, aber toll'") gschmiiiza sött^") 's sei. — "s 
Lomp''') gheart z'r Öb'''J. — Ondri Müatera häban-o Kind. — An-Ungliick kinnt 
nit leicht ala"). — Wenn ma da Schäda hat, darf ma fürs Gspött nit soargii. — 
Liaber a klis Schadli leida, as dan-Unfrida haba. — D' Leut röda vil, wenn der 
Tag long ist. — Der earst Vrübl ist der böst. — Alli guati Ding sei drei. — A 
kurzes Liad ist bald gsunga^"). — An-iader ist si Salt der Nagst^"). — An-iader 
Fuchs schaut auf sein Bälg. — Amma*") Ruliga") geit^-) ma nuit. — „Halt") i, 
hatt i", sägan-älli di Verdomptan-in der Höll. — Wear 's Galt gnua") hat, konn 
di Küa ins Bött löga. — Der Tuifl scheisst älli nu'*'') zu groassa Haufa (an klfna 
geat er vorbei). — 's Wässer mächt an halla^'"') Kopf und liachti Oga*')- — Di Alta 



1) Dieb, wofür man sonst in Paznaun immer „Schölm" sagt. — 2) d. h. die Abenrl- 
röto zeigt für den nächsten Tag schönes Wetter an. — 3) Leute. — 4) haben. — 5) Häute. 
6) mi'hr. — 7) als. — 8) Spruch aus Galtür, welches ehemals grösstenteils walserisclie 
Mundart hatte, die jetzt nur noch von einigen alten Leuten gesprochen wird, also aus- 
zusterben droht. Vgl. über dieses Idiom, besonders dessen Vokahsmus meine Abhandlung: 
„Die alaniannische Mundart in Galtür." In: Rechtsrheinisches Alamannien ; . . Von Dr. A. 
Birlinger, S. 91-',(7. — ;i) mahlt. — 10) selbst — 11) nimmer. —12) hört. Der Zwielaut 
ea entspricht mhd. oe, e und e, letzterem namentlich vor r wie geara (mhd. gerne), dear 
(der, ear (erj, wear (wer) u. s. w. — 13) doch. — 14) mit der Peitsche oder Geissei knallen. 
Der Spruch besagt übertragen: Wenn man in alten Tagen auch nicht mehr selbst arbeiten 
kann, so sieht man doch gern nach, was die Kinder oder Dienstboten bei der Arbeit thun. 

— 15) mähen. — 16) beim. — 17) Spruch des wilden Mannes. — 18) kommen. — 
19) umsonst, ahd. umbe sus. — 20) stehen. — 21) Heller. — 22) zehn. — 23) kleine. — 
24) lässt (mhd. lät). — 25) laufen. — 26) Die ursprüngliche Deutung des Spruches ist: 
Wer die Katze beim Schinden „höbt", d. i. festhält, ist um nichts besser, als wer sie 
schindet: dann übertragen: Der eine ist um kein Haar besser als der andere. — 27) nahe. 

— 28) bei der. — 29) Teufel: in = mhd. in = nhd. eu. — 30) auch, mhd. ouch: vgl. laufen, 
mhd. loufen. — 31) Ehen. — 32) immer. - 33) gehörig, tüchtig. — 34) sollte: vgl „Bott" 
(ital volta) in: „all Bott", jeden Augenblick; „wött", wollte: „wotta", ziemlich, bedeutend, 
aus mhd. wol getan, wol tän (Unterinnthal: weite). — 35) Lamm. — 36) d. h. das (be- 
sonders uneheliche) Kind gehört zur Mutter. Interessant ist das Wort „Ob", Mutterschaf, 
ahd. awi, au, ouwi, mhd. awe, ow, engl, ew, Lechthal o (plur. ob), walserisch (in Galtür) 
öü. Vgl. gr. oi;-, lat. ovis, slcr. avis. — 37) allein. — 38) d. h. übertragen: Mit einer 
kleinen Arbeit ist man bald fertig. — 39) Nächste. — 40) einem. — 41) Reuigen, Reu- 
mütigen. — 42) giebt. — 43j hätte; das pazn. reine a steht für nhd. ä. — 44) genug. — 
45) mir. — 46) hellen. Unter Wirlcuug von 1 ging mhd. e im Paznauncr Dialekte nicht 
unf,'.'ni in a über; vgl. befalcha (lievellien. befehlen), Fald, Galt (gelt, Geld), galta, grall. 



Spriichr- und sprichwörtliche Redensarten aus Paznaun. 201 

miiassan-und die Junga köiida') steaiba"). — Dös') ist so gwiss, as Oman')-im 
Gebot steat. — Wo der Vogl ausschluift"), dort wont er geara. — Kälti Hänt, 
aber a wärms Hearz. — Alti Liab rostet nit. — Salt to"), salt leida. — Wear 
amal a Galt ghött') hat und kinnt dervon, dear kinnt numma leicht derzua. — 
Vi), dia iatz*) wol löba, wearda no' mit der Zeit Büassakraut ") üssa müassa"'). — 
Wenn nia dan-ÜsI stupft, so geat er. — 's Mör hat kan Boda. — Zäla mächt 
\vütt"i. — AVia man-in Wald inhiriiaff^), so rüaft 's wider aussa"). — Di Biara 
föllt, wenn si reif ist. — Ba dem ist Krisom und Tof") verloara. — Dös mächt 
der Kätza kan Buggl. — Za-n-'°) üppes'") nit Michali säga (oder ,ba-n-öppes nit d' 
Hont umkeara"). — Dear kannt'") an Bock zwischa da Hoara") bussa'"). — Für 
ondari di Kätza dur a"") Bach ziacha*'). — Alli der Noatnagl^^) sei. — A Loch 
aufreissa, um an-onders") zuaz'schoppa^*). — Mit dan-Innoman^')-und Ausgäba 
giäd 's Loch tröffa'";. — Sövl-') Sinn häba as a Reitera Löcher (oder „Oga'^). — 
Diis muass gian-oder bröcha. — Gea 's in Zaun-oder in Gatter"). — Am^") d' 
Lüvita lösa'") (oder „am d' Käppa wascha"). — Wächsa wia der Tag'') im Zuber. 
— Abnema wia der Riaman-im Fuir. — Am Greid'-j göba''). — Am 's gwunna") 
lässa. — Mit am ka Hunt sei'°\ — Ka Buana vkan Pfifferli, kan Schuss Pulver, 
kan Räppa""'), kan Blutzger'"), kan Haller) weart sei. — Dear'") ist nuit Röchts 
und nuit Flatis'^), wo-n-'n "s Hemmat") onrüart. — An Wunder häba*') wi' an- 
araeris") Weib. — Dear tuat, as wenn er nit fiinfi") zölla kannt. — Mitanond 
löba wia d' Hunt und d' Kätza. Alli Röcht häba wia der Hosascheisser. — Alli 
"s löst häba müassa. — An Zoara") häba wi' a Hunt in da Fleach*"). — Nuit 
mitanond z' tala") häba'"). — Af zwoa Seita Wässer fräga*"). — Umhastia wi' a 
Pfandli ona Stil. — A Gsicht mächa wi' an-äbbrennts Doarf ( . . . wia drei Tag 
Rögawetter . . . , as wenn man-ünserm Heargott dan-Üssi gössa hatt). — Drinschaua 
wr a Schwei, dös in Bach brunzt* ") ( . . . , as wenn man-a Pfonna voll greastati 



gschnall (snel), gschwalla (swellen;, Halfabä (helfenbein), halfa, hall, Halm, Kaüer, malcha 
(melken), malda, qualla, sali = salb (selp), salt (selbst), salta, schalla (schellen), schalta, 
Walla, Walt (weit, werlt, Welt), Zalta (Zelte). — 47) Augen. — 1) können. — 2) sterben 
(iiihd. sterben): vgl. oben Anmerkung 12 bezüglich des paznauiierischea Zwielautes ea. — 
3) das, dies. — 4) Amen; vor m und n trübt sich a zu o. — 5) ausschlüpft. — 6) gethan. 

— 7) gehabt: vgl. .gsöt", gesagt, ,.glöt''. gelegt. - 8) jetzt;, vgl. „iader", jeder. - 9) eine 
gewisse Pflanze. — 10) d. h. die Betreffenden werden darben müssen. — 11) quitt. — 
12; hineim-uft. — 13) heraus — 14) Taufe, Chrisam, geweihtes Salböl. — 15) euphonisches 
n zur Vermeidung des Hiatus. — 16i etwas. — 17) könnte. — 18) Hörnern. — 19) aus 
lat. basiari, küssen. Gemeint ist mit der Redensart eine sehr hagere Person. — 2(i) den. 

— 21) d. h. für andere missliche Geschäfte abwickeln, meist zu seinem Nachteil oder 
.\rger. — 22) Lückenbüsser. — 23) s nach r ist gezischt. — 24) d. h. bei einem Geld 
borgen, um damit einen andern zu bezahlen; zuaschoppa = verstopfen. — 25) Einnahmen. 

— 26) auskommen. — 27) soviel. — 2tf) = geh' es, wie es wolle. — 29) einem. — 30; d. h 
jemanden gehörig seine Meinung sagen. — 31) Teig. — 32) Kreide. — 33) d. h. einem 
etwas zu wissen thun. — 34) gewonnen. — 35) = es nicht so genau nehmen. — 30) Schweizer 
Münze = 1 Cente.simo. — 37) längst ausser Kurs gekommene kleine Schweizer Münze. — 
38) der (mhd. d6r), dieser. — 39) von „flätig", das nur in unflätig (mhd. unvlaetic) vor- 
kommt. - 40) Hemd. — 41) d. h. neugierig sein. — 42) lüstern. — 43) Beachte bei den 
(irundzahlen vier bis neunzehn, sowie bei den Eigenschaftswörtern die Endung i statt e. 

— 44) Zorn; das dialektische Schluss-a in Zoara (vgl. auch Doara, Hoara, Koara u. v. a) 
setzt die Erweiterung „Zoren" voraus. Über diesen vokalischen Einschub hinter der 
Liquida vergl. Woinhold, Alemannische Grammatik (Berlin 1863) S 20. Mittelhoehd. Gr. 
(Paderborn, 2. Ausg, 1883) S »6. — 45) Flöhen. — 4(;) teilen. — 47) d. h. friedlich mit- 
einander auskonmien. — 48) es mit beiden Parteien halten. — 49) l'ber die Anwendung 
dieses Verbums, von dem Adidung gar nicht sprechen will, vgl. Grimm, \\Tirterbuch II. 441. 



■202 Zingerlc : 

Schuachiiögl gfrössa hatt\ — A Goscha') mächu wi" a Maus aus ra'-) Tagschüssla. 
— A Goscha häba wi' a Schar'). — Oga mächa wi' a Maus in 'ra Fälla. — Eöda, 
wi' am der Schnäbl gwächsan-ist. — Schreia, as wenn man-as*) amma°) Spiss'') 
hatt. — Schläfa wi' a Ratz'). — Brülla wi' a Lob"). — Üssa wi' a Stiar. — An 
Grint mächa wi' a ieutstöcheter'') Stiar. — Ob dear rödt oder a Gass'") af a Brütt 
giiglet"), ist miar gleich. — Af ka grüas Zweid'") kema. — Liaber an Butz im 
Haus häba as a beases Weib. — Vär'^) Kätza d' Schmear") kofa'^). — .4m an- 
Exterawurst bräta. 



Zum altdeutsclien Bauwesen. 

Yen Dr. Oswald Zingerle von Suniniersberg. 

1. Wiotberge. Wintberge wird in altdeutsclien Wörterbüchern und 
anderen Werken als Schutz vor dem Winde gewährender Ort, Zinne, er- 
klärt. Auch Piper (ßurgenkunde, S. 839) verwendet für Zinne diesen 
Ausdruck, bemerkt aber in einer Note: „Der die Zinnenfenster trennende 
Wimperg, Wintperg, soll nach der Meinung einiger den Namen daher 
haben, dass er „den Mann vor dem Winde barg". Es handelte sich aber 
(loch vielmehr um eine Bergung vor Schüssen, und welchen Sinn hätte 
diese Erklärung bei den Wimpergen der gotisclien Kirchen?" 

Bekanntlich wird mit wintberga pinna übersetzt nnd dadurch Hess 
man sich offenbar verleiten, w. als Zinne, womit eben pinna auch glossiert 
erscheint, zn deuten. Dass der lateinische Ausdruck etwas anderes be- 
zeichnen konnte und von den Übersetzern vielfach in anderem Sinne 
genommen wurde, hat man ausser Acht gelassen. 

Sehen wir uns im Summarium Heinrici (Hoffmann, Alid. Gloss., S. l ff., 
Steinmeyer-Sievers, Ahd. Gloss. III, 58 ff.) um, so finden wir Kap. VI, 7 
(VII, 7) vor wiutberga-pinna, spizza-piunaculum durchweg Dinge, 
welche zur Herstellung eines Holzdaches benötigt werden, aufgezählt 
und erst nach osterteil-antica, anterior pars templi, westerteil- 
postica u. s. w. folgen jene Begriffe, denen die Kapitelüberschrift de 
munitionibus gilt, und zwar ist hier, worauf ich besonders aufmerksam 
mache, nur die Erd- und Holzbefestignng berücksichtigt, wogegen die Be- 
nennungen gemauerter Schutzwehren, darunter cinnun-niinae, in Kap. VI, 2 
(VII, 2) de aedificiis publicis eingereiht sind. Alles s])richt demnach 
gegen die Auffassung von pinna und wintberga als Zinne, alles dafür, 



1) derb für Mund. — 2) einer. — 3; Schere. — 4) eines. — 5) an einem. — 
(i) Spiess: beachte die alte Kürze in „Spiss", ebenso in ..zülla", zählen. — 7) Ratte. — 
8) Löwe. — 9) stücha = stosseu. — 10) Geiss — 11) die Exkremente fallen lässt. — 
l-J) Zweig. — 13; von der. — 14) Schmer. — l.ö) Gemeint ist: Von Leuten etwas kaufen, 
die viel zu teuer sind. 



Zum altdeutschen Bauwesen. 203 

ilass ein (liülzeruer) Dachbestandteil gemeint ist, was ebenso in anderen 
sachlich geordneten Glossaren durch die Gruppierung erwiesen wird, z. B. 
Sumerl. 50, 75 ff., wo pinna wintperge zwischen tegula sgintol und 
asser pret steht. Da nun pinna ausserdem mit gibil (Graff, Spr. IV, 128), 
virst vel wipfel (Sumerl. l:^. 74) verdeutscht wurde, liegt es sehr nahe, 
an die Einrichtung, für die heute die Bezeichnungen wintwör, windber, 
wember') gebräuchlich sind, zu denken. Es sind die Bretter oder Stangen, 
welche an der Giebelseite des Hauses den Dachrand decken und an der 
Giebelspitze, wo sie sich kreuzen, meist zu Pferdeköpfen ausgeschnitten 
sind (s. Lexer, Kämt. Wb. s. v. wör'n; Vilmar, Idiot, v. Kurhessen s. v. 
wember; Sclimeller, Bayr. Wörterb. II, 951; Otte, Archäolog. Wb. s. v. 
windwer). Rautenberg (Sprachgeschichtl. Xachw. S. 26) hat mit Recht 
— allerdings ohne Begründung — wintberga. wintwor identificiert, 
doch seine Angabe, das Brett, welches die leicht entstehenden Öffnungen 
zwischen Giebelwand und Dach deckt, lieisse so. ist nicht ganz zutreffend, 
da beim oberdeutschen Hause das Dach meist vorspringt, die am Dach- 
rande angebrachten Bretter in dem Falle also nicht den Zweck haben 
können, solche Öffnungen zu verdecken. Ausserdem bekundet der Beisatz 
„auch = Zinne", dass er die hergebrachte Auffassung damit vereinbar hält, 
was, wie sich zeigen wird, für das frühere Mittelalter nicht angeht. Ver- 
gleichen wir mit der für unsere Frage zunächst in Betracht kommenden 
Stelle bei Matth. IV, 5 tunc assumsit eum diabolus in sanctam 
civitatem et statuit cum super pinuaculum templi die Übersetzungen, 
so machen sich verschiedene Auffassungen bemerkbar. Tatian 15, 4 Thö 
nam inan ther diuual in thie heilagün bürg inti gisazta inan ubar 
(Jbaneutiga thekki thes tempales kann ein flaches Dach gemeint sein; 
welcher Anschauung Otfrid (II, 4, 51 ff.) war, gellt aus Er inan in thie 
wenti sazta in öbanenti nicht mit Klarheit hervor und ebenso sind 
anderwärts die Angaben zu unbestimmt (s. z. B. Wild. Mann I, 241 ff., 
Schönbach, Altd. Pred. II, (10, 2. HI, 51, 22. Ztschr. f. d. Phil. 12, 22). 
Der Verfasser der St. Pauler Predigten hingegen hatte sicher eine Kirche 
seiner Zeit vor Augen — er lässt Jesum auf den (runden, mit Wendel- 
treppe versehenen) Kirchturm (wentelstein) führen (S. 4i)) — und dies 
gilt ohne Zweifel auch von dem des Lebens Jesu"), wo es V. 495 (Ztscln-. 

1) Ausserdem Windl'eder, Windbrett, Windflügel Kautenbcrg, Spracligeschicht- 
liehe Nachweise, S. 2(;, .\deluug, Wcirtorl). 11, CO s. v. Feder. Mnller-Motlies, Archiiol. 
Wörterb. II, !i87. 

2) Der steirische Mönch Andreas Kurzmann (gest. vor 1428) schreibt in seinem 
Speculnm humanae salvationis er ward in auf das letter sezzen. Gewiss dürfen wir 
letter nicht mit Zinne erklären (s. Schönbach in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie 
phil-hi.st. Cl. HH, i<n4): K. stellte sich den Tempel ohne Zweifel als gotischen Dom vor, 
aber der zwischen Chor und Schiff' vorkommende Lettner kann nicht gemeint sein, sondern 
eine äussere Ballnstrade oder Plattform. Die Glosse commonitorium lettener vel berfrit 
(DiefTcnbach. Gloss. I3(i) und pergula ein gang, letner hei Dasypod. (s. Grimm, D. 
Wb. VI, l'.U) führrn zu keiner gmaurri'n liestimmung. 



204 Zingerle: Zum altdeutschen Bauwesen. 

f. d. Phil, r.t, 157) heisst Do dem tievel missegie. anders er iz 
anevie: er fürt den gotes werden vf ein wintpergen. Die Hs. 
bietet hierzu ein Bild, das Piper leider nicht in den Details beschreibt. 
Da die Illustrationen nicht vom Dichter herrühren, ist übrigens dessen 
Wert vorneherein sehr geschmälert, ja man darf behaupten, dass es zur 
sachliclien Aufklärung nichts beiträgt, weil ein romanischer Kuppelbau als 
Tempel zur Darstellung gebracht ist, während die wintberge nur Giebel- 
bauten zuzusprechen ist. Nebst den bisher beigebrachten Zeugnissen wird 
dies noch dadurch bewiesen, dass in der Steinmetzsprache w. den bei 
gotischen Bauwerken über Thür- und Fensterbögen aufsteigenden Ziergiebel 
bedeutet (s. Otte a. a. 0., Springer, Baukunst, S. 149; Lübke, Geschichte 
der d. Baukunst, S. 324; Dohme, Deutsche Baukunst, S. 204 u. a.). In 
dem Sinne begegnet der Ausdruck z. B. in einem Schreiben Erzherzog 
Sigmunds vom Jahre 1475, worin er dem Gipsgiesser Hans Ratold den 
Auftrag giebt, für die erzherzogliche Familie ein gräbnis von Ips zu 
gieszn, mit tabernakeln, winbergen, bilden und den 13 landen 
(Jahrb. der kunsthist. Samml. des allerhöchsten Kaiserhauses I, 192 fF.). 

Nachdem nun feststeht, dass die w. lediglich dem Giebel angehört, 
dass die die Dachränder daselbst verschalenden Bretter schon im frühen 
Mittelalter so Messen, ist leicht abzusehen, wofür beim Steinbau ausserdem 
diese Bezeichnung gebraucht wurde: für die das Dach überragende und ihm 
noch besseren Schutz als Bretterverschalung gewährende Brüstung der 
Giebelmauer nämlich, die bei spätromanischen Bauten abgetreppt und in 
der Zeit der Gotik mit Fialen geziert erscheint. Zinnen treten hier erst 
im späten Mittelalter, meist als blosse Dekoration auf und daher kommt 
es, dass in den älteren mhd. Deukmäleru pinnaculum im Mattluius- 
Evangelium nie damit übersetzt wird, wohl aber später, insbesondere in 
der nachmittelalterlichen Zeit, wo die Übertragung „Zinne des Tempels" 
in den deutschen Bibeln und auch sonst (z. B. Fischart, Jesu-Wider V. 190; 
J. C. Brinzing, Candelabrum Apocalypticum (1677) S. 201) mehr und 
mehr herrschend wird. Vordem erscheint der lateinische Ausdruck durch 
spizza, lineberga, wintberga (Graff, Spr. III, 174. Ahd. Gloss. I, 709, 
42. II, 618. 60 s. n, 263, 32. III. 411, 66 ff. 41.5. 38 f.) wiedergeben. 
Im Vocab. opt. IV, 30 hat der Schreiber des 16. Jahrb. zu pinua zinue 
kilchtach und zu pinnaculum Virst kilchspitz notiert, was bezeichnend 
genug ist. 

Nach dem Gesagten nmss die für w. bisher angenommene Bedeutung 
„Zimie" fallen gelassen werden. 

Was wintwer betrifft, hat Diemer (Genes, u. Exod. II, 277) im Au- 
sciiluss an die herrschende Ansicht die Verse der Bücher Moses nü lit 
daz heilige here vil schöne an der wintwere (Dienier, D. G. 59, 9. 
Germ. VII, 232, 22) übersetzt „nun ruht das h. Heer hell glänzend auf 
der Zinne, d. i. der himmlischen Stadt Jerusalem" und aus der fast über- 



Bolte: Kleine Mitteilinigeii. -JO.^ 

einstimnieudeu Stelle im Himinl. Jerusalem v. 291 ff. so lit daz allilie 
haere (hailige here) oben an der berustwere gefolgert, wintwer 
und brustwer seien „völlig gleichbedeutend". Kann dies auch mit der 
nötigen Einschränkung zugegeben werden, so ist es doch verfehlt, Brust- 
wehr und Zinnen ohne weiteres gleichzustellen, denn beides sind ganz 
verschiedene Dinge, letztere nicht einmal notwendiger oder ständig auf- 
tretender Bestandteil der ersteren. Wollte man die von Diemer u. a. 
statuierte Begriffserweiterung zu reclitfertigen suchen, so müsste an eine 
Übertragung des Namens auf alle über die Dachränder emporsteigenden 
Mauerbrüstungen gedacht werden, in der ^A^eise etwa, dass er zunächst auf 
jene der Langseiten überging und dann allgemein, ohne Beschränkung auf 
Giebelbauten, gebraucht wurde, wobei auch die Krenelierung der Türme, 
sofern das Dach nicht auf den Zinnen ruhte, sondern innerhalb des Zinnen- 
kranzes sich erhob, in Betracht käme. Hierfür findet sich aber nirgends 
eine Stütze und darum sowie mit Rücksicht auf die noch übliche An- 
wendung des Ausdrucks dürfte die wintwer für wesentlich dieselbe Ein- 
richtung wie die wintberge zu halten sein. 

Schliesslich sei noch bemerkt, dass mit letzterer der Wind in gar keine 
Beziehung zu bringen ist. Entweder haben wir das Wort zu lineberga, 
halsberge u. s. w. zu stellen, in welchem Falle eine Zusammensetzung 
mit winda (Winde) vorläge, oder es ist wie wintbräwa u. a. gebildet, 
so dass es die sich windende, die gewundene berge bedeuten würde. 
Doch darüber einmal anderswo. 

Czernowitz. 



Kleine Mitteiliinffeii. 



Die drei Alten. 

Nach Reiiiliolil Köhlers KoUektaneen. 

In den deutschen Sa4,^en der Brüder Grimm steht als No. 363 eine Erzählung- 
von einem Greise, der von seinem Vater geschlagen wurde, weil er den Grossvater 
hatte fallen lassen. Sie wird dort nach einer Mitteilung W. Schmidts') auf einen 
Schleswiger Pastor des 18. Jahrhunderts zurückgeführt, der bei einem Ritt dinch 
seinen Kirchsprengel an einen einsamen Bauernhof kam und dort jenen geschlagenen 
und weinenden Greis vor der Thür sitzen sah. Aber die Geschichte ist weit alter. 

Schon 1585 crzilhlt Noel du Fail, Herr von La Herissayc, in seinen Gentes 
et discours d'Eutrapel'') von einem ihm persönlich bekannten Parlamentsrate De la 

1) Im Pi-eimütigen 1809, No. 1. — Danach aucli Müllenhoff, Sagen, Märchen und 
Lieder aus Schleswig-Holstein 1845, S. 98, No. lie. 

2) Oeuvres facetieuses ed. J. Assezat 2, 286 (1874). — Vgl. Melanges tirfe d'une 
grandc- bibliothcque 20, 21 (1781). 



206 Bolte: 

Porte zu Rennes fast genau dasselbe. Dieser Gewährsmann ritt in der Bretagne 
durch den Wald von Catalun und traf vor einer Hütte einen etwa achtzigjährigen 
Greis, der bitterlich weinte und, als er um die Ursache seiner Thränen gefragt 
wurde, erzählte, sein Vater habe ihn geschlagen. Der Rat stieg vom Pferde, trat 
in die Hütte und fand dort einen mehr als hundert Jahre alten, übrigens rüstigen 
Mann, der ihm jene Angabe bestätigte: „Ce gars illec faict le long et ne se veut 
haster aller querir de l'eau a raon pere, que voici au lit malade." 

Ebenso berichtet 1623 der Jesuit Prancois Garasse in seiner .Doctrine curieuse 
des beaux esprits de ce temps"'), nur nennt er als den Reisenden den späteren 
Kardinal D'Armagnac, der als Bischof von Limoges ein Dorf seines Sprengeis 
besuchte; die Anzahl der Jahre der drei Greise wird genauer auf 65. «5 und 117 
angegeben, und die Antwort des ersten lautet: „Pour avoir par megarde passe 
dcvant mon grand-pcre sans le saluer". 

Gleichzeitig mit Noel du Pail taucht aber die Geschichte auch bei einem 
deutschen Autor, dem bekannten Ilfekler Rektor Michael Xeander-') auf, und 
zwar als Beweis für die ausserordentliche Heilkraft des Pliedermuses. Ein Fürst, 
dessen Name nicht überliefert ist, reitet durch den Wald, sieht die Hütte und den 
weinenden Alten, der den Grossvater hat hinfallen lassen (quod avum suum patris 
patrem incautius sublatum, dum in aliud scamnum transferre et coUocare voluit. 
invitus in terram e manibus suis delabi siverit minimeque placide in solo collo- 
carit). Der erstaunte Fürst fragt, auf welche Weise sie ein so hohes Alter erreicht 
hätten, und erfährt, ihre Nahrung bestehe nur aus Brot, Salz, Milch, Käse und zu 
bestimmter Zeit aus Mus von Hollunderbeeren. 

Mit einer ähnlichen Empfehlung vernünftiger Lebensweise endet eine aus 
unbekannter Quelle geschöpfte gereimte Legende Karl Simrocks: „Drei, Sechs, 
Neun" 5). Auch hier erkundigt sich der Reisende, der sein Erlebnis in erster 
Person berichtet, bei dem zweiten Greise, wie sie zu so hohen Jahren gelangt 
seien, und erhält zur Antwort, alles liege an Drei, Sechs, Neun, nämlich: 

Drei — wir essen nicht des frischen Sechs — wir trinken von der Kelter 

Brots, das aus dem Ofen tanzt; Nicht den kaum gegohrnen Wein, 

Lag die dritte Nacht dazwischen, AVarten, bis er firnt; je älter, 

Wird es auf den Tisch geptlanzt. Je gesünder wird er sein. 

Neun — an jedem neunten Tage 

Eilen wir zum Tisch des Herrn; 

Übermut und eitle Klage 

Hält uns lautre Beichte fern. 

Hebels") 1809 im Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds veröffentlichte 
Anekdote „Hohes Alter" stimmt im Gegensatz zu den zuletzt erwähnten Versionen 
fast ganz mit der Fassung des Lübeckers Schmidt überein, versetzt aber den 



1) Nach E. Boursault, Lettres nouvelles 2, 103 (1738). 

2) Physice, sive potius Syllogae physicae rerum eruditarum 1, 248 (1585) = 1, 240 
ed. 1591: „Historia recitatur de fructibus sive baccis sambuci et ipsarura admii-andis 
viribus" etc. — Auf Neander beruht Aengel (Der verständige Gärtner, deutsch von G. 
Gräflinger. 5. Aufl., 1667, S. 106), sowie der von Bii-linger (Alemannia 4, 265. 1877) excer- 
pierte Isidorus Autophilus (Wohlbewährtes Garten-Buch, aus dem Französich übersetzt, 
Luzern und Strassburg 1758) und die Neue vermehrte Acerra philologica 1743, S. 93, 
deren Vorwort 1687 von Johan Adam Plener in Alten-Stettin datiert ist. 

8) Sirarock, Legenden, Bonn 1855, S. 60. 

4) Werke 1, 296 (Berlin 1869) = 2, 145 No. 87 ed. Behagbcl (Kürschners deutsche 
Nationallitteratur 142). Die Lebensjahre der Greise belaufen sich hier auf 62, 96 und 130. 



Kleine Mitteilungen. 207 

Vorfall nach Schottland und benennt den Reisenden nicht. Und in der That 
existiert auch in England die gleiche Überlieferung. 

Von einem nur mit den Initialen H. Y. J. T. bezeichneten Dichter rührt die 
Ballade von den drei alten Männern zu Painswick') her, die vor 200 Jahren von 
einem Wandrer auf dieselbe Weise aufgefunden und befragt wurden. Die Anfangs- 
strophe schreibt das hohe Alter, ähnlich wie in der talmudischen Sage von der 
Stadt Luz'-), dem wunderbar stärkenden Klima der Stadt Painswick zu: 

Oh, Painswick is a healthful town, 

It hath a bracing breeze, 

Where men by nature's rules might live 

As long as o'er they please. 

In einem anderen Berichte') weist der alte Henry Jenkins, ein 1670 verstorbener 
Bürger von Eilerton in Yorkshire, einen Besucher an seinen Vater im Hause, und 
dieser wiederum an den im Garten befindlichen Grossvater. Diese Erzählung wird 
überboten durch ein 1851 in Norwegen aufgezeichnetes Volksmärchen*), das nicht 
drei Generationen, sondern sieben neben einander im selben Gebäude hausen 
lässt und die Verwunderung des Reisenden ob solcher Zählebigkeit natürlich ins 
Ungemessene steigert. Von der Züchtigung des jüngsten Greises ist nicht mehr 
die Rede; der Wandrer fragt den im Hofe stehenden Alten, ob er ihm ein Xacht- 
quartier geben wolle, und erhält zur Antwort, er solle seinen Vater in der Küche 
fragen; dieser weist ihn an seinen Vater in der Stube, und so fort, bis der Reisende 
von dem in einer Wiege liegenden Urahn der Familie die erbetene Erlaubnis erhält. 

Xur eine entfernte Ähnlichkeit mit unserer Geschichte hat endlich das in 
Volksmärchen^) öfter erscheinende Motiv der Verweisung eines Fragers an den 
älteren und ältesten Bruder. Ein ossetisches und ein russisches Märchen') zeichnen 
dieses noch durch den Zusatz aus, dass der älteste der Brüder am frischesten und 
jüngsten aussieht, weil er eine gute Frau hat. J. Bolte. 



Der Schneider im Himmel. 

(Grimm, Kinder- und Hausniärchen, 35.) 

Linnig rechnet diesen zuerst in H. Bebeis Facetien (Opuscula 1514) vor- 
kommenden Schwank zu den sogenannten Mythen-Märchen. Er fügt demselben 
auf S. 11 seines Schriftchens „Die deutschen Mythenmärchen- folgende Erläuterung 
bei: Auch hier bricht die Vor.stellung von dem Hochsitze Wotans deutlich durch; 
dazwischen spielt die Erinnerung an die Richtersitze auf dem Idafelde". — 

So sicher, wie Linnig auf J. Grimms Vermutung hin annimmt, ist die Sache 

1) Notes and Qucries 4. Ser. 10, 162 (1872): „A longevity ballad". 

2) In Luz stirbt niemand: wenn die Greise des Lebens überdrüssig werden, bringt 
man sie vor das Thor (Traktat Sota S. 46 nach Gelbhaus. Stoffe altdeutscher Poesie 1886, 
S. 2.0). 

3) Clarkson, History and antiquities of Piichmond p. 39(; (nach W. J. Thoms, Human 
longevity 1873, p. 81). 

4) Asbjörnsen, Nnrske folke-eventvr, ny saniling 1876, No. 5 „Den svvende fa'r i 
biiset-. 

5) Clouston, Populär tales and fietions 2, 96. üonzenbach, Sicilianische Märchen 1, 23, 
No. 5. Tnti-Nameh, übersetzt von Rosen 2, 281 (1858). 

6) Kirpicnikow, Ausländische Elemente in den russischen Volksmärchen. Archiv für 
-lav. Piniol. 3, 717. 



208 Hartmann: 

durchaus nicht. Auch nach christlicher Vorstellung sitzt Gott auf einem Stuhl, von 
welchem aus er die Welt überblickt. Matth. 5. 55 ist von seiner Füsse Schemel 
die Rede. Also selbst dieses Ausdrucks entbehrt die Bibel nicht. Die goldenen 
Stühle lassen sich als die Sitze der Apostel deuten. 

Mehr aber als der Ort, dürfte die hier erzählte Begebenheit einer Beachtung 
wert sein: Einem Schneider ist es geglückt, in den Himmel zu kommen, wohinein 
er wegen der von ihm begangenen Diebstähle von Rechts vtegen nicht gehört. 
Von dort aus bemerkt er, dass eine arme Wäscherin zwei Schleier bei Seite thut. 
Der Schneider erzürnt sich bei diesem Anblick so sehr, dass er den goldenen 
Fussschemel Gottes ergreift und auf die Erde hinab nach der alten Diebin wirft. — 
Ich finde in der hier mitgeteilten Begebenheit eine Bestätigung des Ausspruchs 
Christi, dass der Mensch gar zu geneigt ist, den Splitter in des Nächsten Auge zu 
bemerken, während er des Balkens im eigenen Auge nicht gewahr wird. Über 
die Verbreitung des Schwanks hat ausser W. Grimm (K. u. H. Märchen 3, ö4 f.) 
J. Bolte in seiner Ausgabe von Jacob Freys Gartengesellschaft S. 25(i (Tübingen 
189(3) reichliche Nachweisungen gegeben. Meiner Auffassung entspricht der Schluss, 
den J. Wickram in seinem Rolhvagenbüchlein No. 110 seiner hübschen Erzählung 
gab: Es ist zu besorgen, man finde deren noch viel jetz zu unseren Zeiten, so einen, 
der in einem Laster kaum eines Strohhalms tief steckt, rechtfertigen und strafen 
wollen, und aber sie gar darin ersoffen sind. 

Hans Sachs spricht am Schluss seines Schwanks „Der Schneider mit dem 
Panier (Götze No. 334): 

Erlicher wer, das er allain 

Vorzueg den palckeu aus sein awgen. 

Den würd es im auch passer tawgen, 

Das er auch zueg dem nechsten sein 

Aus seinem aug das pechtle klein. 
Meiderich. C. Dirksen. 



Harzer Köhlerlied. 

Mitgeteilt von R. Audree. 

Die Köhlerei ist im Harze so gut wie untergegangen und nur selten noch sieht 
man einen Meiler rauchen, das alte Geschlecht der Köhler stirbt aus und nur noch 
wenige Greise vermögen heute Auskunft zu geben über die alten Sitten und Ge- 
bräuche. Aufgeschrieben ist nur wenig, am besten unterrichtet noch J. G. Kohl 
in „Deutsche Volksbilder und Naturansichten aus dem Harze", Hannover 1866, 
S. 154 ff., wo mancherlei Volkskundliches aus dem Köhlerleben mitgeteilt ist. 
Über das alte Signaliustrument der Harzer Köhler, die „Hillebille", habe ich in 
dieser Zeitschrift 1895, S. 103 berichtet und die kleine Mitteilung hat seitdem eine 
ganze Litteratur hervorgerufen, aus welcher hervorgeht, wie weit dieses Gerät ver- 
breitet war und noch ist. Seitdem sind fast zwei Jahr verflossen und erst ganz 
vor kurzem ist es mir nach vieler Mühe gelungen, noch eine Hillebille von dem 
alten Köhler Christian Klingebiel zu erhalten, der jetzt als Privatforstaufseher in 
dem braunschweigischen Dorfe Wolfshagen bei Goslar lebt. Ich erwähne dieses, 
um zu zeigen, wie man nicht säumen darf, um noch einzuheimsen und in die 
Museen zu retten, was noch übrig oder niederzuschreiben, was man noch erkunden 
kann. 

Von Klingebiel stammt auch das nachstehende, echt volkstümliche Harzer 
Köhlerlied, der es aus der Erinnerung niederschrieb, halb hoch-, halb niederdeutsch. 



Kleine Mittoilinio-cn. 209 

So, sagte er, sei es auch gesungen wonion, heute aber kennt es ausser ganz alten 
Köhlern niemand mehr. 

Kommt der liebe Frühliti» an Junije ya du da mal her, 

Geht das Kolilen auch bald an. Sei mal tau wo geit dat pärd. 

In der lieben Sommerzeit Bring- et her un scharr et an 

Ist das Kohlen meine l-'reud. Dat de slitten gaen kann. 

Einer kann es nicht allein, Junge fahre' fleissig her 

Lieber lasst das Kohlen sein, Sein die Klötze auch noch so schwer 

Knecht, Schüttler, Junge muss auch dabei, Krieg ich sie in meine Hand 

Nur so kann das Kohlen sein. Steil ich sie alle auf einen End. 

Junge, ga mal in de täler Ist der Meiler ganz profekt (perfekt), 

Häl mek mal "n pär kwandelpäle. Morgen wird er angesteckt. 

Hir legge ek de s|)littern hen Junge, ga du da mal rum, 

Hir legge ek de stäkklul't') hen. Höre mal tau wo de milor brummt. 

Kiiiimt de leiwe siunalicnd ran, 
Dat wei könnt entgegen gän, 
Früe! sette dek an'n brink hen, 
Wi willt erst mal hrennewiu drinken. 

Das Ganze schiklert also den Aufbau des Meilers, das Heranschleppen des 
Holzes auf pferdebespanntem Schlitten, das Anzünden des Meilers, das Zusammen- 
treffen des Kühlers am Sonnabend mit seiner Frau, mit der er sich auf einem 
l'rink (Hügel) niedersetzt und erst einmal Branntewein trinkt. 



Ostfriesischer Schneckenspruch. 

Ph. AVegener hat in seinen Volkstümlichen Liedern aus Norddeutschland I 
(Leipzig 1879) nach H. Pröhles Mitteilungen unter No. 254 einen ostfriesischen 
Schneckenreira drucken lassen: 

Tikeltakel, Holdran hakell 

Stek ilien veer Paar Hörens uut. 

Wullt du se nit utstekn, 

Will'k dien Hüüske brekn. 

Ich kenne ihn aus dem südlichen Ostfriesland so: 
Tikeltakel Holdfandewakel 
Stek diu twe Par HArntjes lU! 
Lik üt — lank ut! 
Wult du sc net ütsteken, 
Dan wil'k din Hüske terbreken. 

Simrock giebt im Deutschen Kinderbuch, No. 535, ohne Angabe woher, einen 
niederdeutschen Schneckenreim: Täkeltuet, Kruep uet din Hues. Din Hues dat 
hrennt, die Kinder (lennt, die Fru die iigt in Wäken, Kannk di nirh mal sprükenV 
Tiikeltuet u. s. w. 

Tikeltakel nennt man im südl. Ostfriesland jode mit einem Häuschen versehene 
Schnecke. J. ten Doornkaat Koolman, Wörterb. d. ostfries. Sprache 3, 410 giebt 
Tiketake als Benennung- der Tellerschnecke, und deutet es richtig, von dem Hin- 
und Herstossen (ticken) der Hürner. 

Meiderich. C. Dirksen. 

I) Ein technischer Ausdruck. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskiiiiile. 1897. 14 



210 



Weiiihold: 



Liedelu aus dem Wippthal in Tirol. 



Blau Fenster, grüne Gatta — 
Solche Dirndln liebn die Jaga. 
Schöne Dirndeln müessens sein, 
Dann kehrn die Jagersbuben lieber ein. 

Bist a Jaga, tust gern schiess'u, 
Lass dichs meintwegn net verdriessn ; 
Triffst mei Herzerl, sakrisch guet, 
Kriegst du Busserln mehr als gniieg. 

Bist a Jaga, tuest gern naschen, 
Hast a Pulver in der Taschen, 
Hast an Gamsbart auf dem Huet; 
Meiner Seel! Das steht dir guet. 

Bist a Jaga, tuest gern schiessen, 
Lass dirs meinetwegn net verdriessen: 
Wanns net auf mei Herzl zielst, 
Wanns mir ka Busserl stiehlst — 
Kriegst ä koansl 

Abgelauscht zwei Dirndln, die diese Strophe sangen auf einem Hof am Eingang 
ins Obernberger Thal. Aufgezeichnet von Oberstlieutenant a. D. Förster in München. 



Rote Rosen, blaue Neigelein, 
Solche Dirndeln, solche Äugelein I 
Herzigs Dirndel, grüss di Gottl 
Gib mir a Busserl und werd nit rot. 

Und a Garns hab ich gschosscn, 

An zotlanen Bock; 

Da krieg i a paar Hosen 

Und mei Mensch — halt an Rock. 

Da drunten im Tal 
Gehts Bacherl so trüeb ; 
Und i kann dir net helfen, 
I hab di so lieb! 

Wenns Dirndl sauber is 

Und is no jung: 

Muss der Bua fleissi sein, ' 

Sonst kimmt er drum. 



Zum Schäfergruss. 

(oben S. 97.) 

Dass der Scherzdialog über das vom Wolfe geraubte Schaf schon vpährond 
des 16. Jahrhunderts im Volke verbreitet war, beweist eine gereimte Fassung, die 
1601 in Johann Hänischs, Stadtschreibers und Schulrektors zu Heiligenbeil, 
mehrstimmigen Liedern') mit einem fiinfstinimigen Satze begegnet: 

„Was thatstu dan, sahstu es nicht?" 



Es fragt ein Bawer seinen Sohn, 
Wo er das Fülle hab hingethon: 
„Hans, wo hastu das Fülle gelassen?" 

— „Vater, der Wolff hat es gefressen." — 
„Hat ers denn gebissen sehr?" 

— „Es blieb nichts dan der Zagel mehr. 
Das ist ein leiden grosse Wundt, 
Glaub nit, dass man sie heilen kundt." — 



— „Ich sah es wol, wie der Bösewicht 
Das arme Fülle so grewlich frass. 
Ich schrie ihm zu ohn Unterlass, 
Füllenfresser ich immer rief. 
Er schambt sich als ein Hundt 
Und nach dem Wald einher lieff." 

J. Bolte. 



Patenscheine. 

Es ist hier und da noch heute unter dem deutschen Volke in Österreich Sitte, 
dass die „Patenleut" ihrem Tiiuflinge Geldstücke (Mariatheresienthaler, Zweigulden- 
stücke, Engeigroschen, seltener Dukaten) in die Wiege legen. Dieses Patengold 
heisst man allgemein Eingebinde, weil es gewöhnlich in seidenen, nicht selten 
schön gestickten Säckchen, früher auch in zierlich gefalteten Zetteln (Patenscheinen) 



1) Neue Preussische Provinzial- Blätter G, 319 (1848). — Vgl. ebenda 3, 584, No. 6 
(1847) und Andre Folge 7, 379 (1855). — Hänischs Text kehrt wieder bei Nie. Zangius, 
Newe Lieder mit 5 vnd 6 Stimmen (Berlin 1620) No. 26 und im Musicalischen Zeitvertreiber 
(Nürnberg 1609) No. 20 = Hoffmann v. F., Gesellschaftslieder 2, 4, No. 267 (1860). 



Kleine Mitteilungen. 211 

in das Taufkleid eingebunden zu werden pflegte. Nach dem Volksglauben liegt 
auf diesem ^Tuufpfennig" ein ausserordentlicher Segen des Himmels, weshalb die 
Eltern denselben nicht angreifen und der Täufling dieses Geld in seinem späteren 
Loben nicht ausgeben, sondern vielmehr als Glücksgroschen aufbewahren soll. 

Die Patenscheine') wurden bei uns durchwegs aus starkem, dauerhaftem 
Papier hergestellt und sind meist quadratisch (L = 10 — 12 cm), seltener kreisrund 
(D = 15 cm) geschnitten; sie enthalten neben gedruckten biblischen und profanen 
Weisheitssprüchen häufig kirchliche Symbole, biblische Darstellungen oder Einzel- 
figuren und bezeugen damit die Sakramente Stellung der Paten zum Täufling, für 
dessen christliche Erziehung sie die Verpflichtung übernehmen. 

Im folgenden mögen zwei alte Patenscheine mitgeteilt werden: 

I. Form: Kreisrund (D = 15 cm). Ausgestellt von Michael Johann Widl, 
bürgorl. Sattlermeister zu Haugsdorf (N. Ö. V. u. M.) im Jahre des Heils 1793 
am 18. Mayj. Gedruckt in Znaira. (Name des Druckers unleserlich). Der Schein 
ist stark abgegriffen. Er befindet sich gegenwärtig im Besitze der Frau Sambeck 
in Graz. 

Innenseite: Sprüche. In der Mitte: 

Ach schaff mir Beystand, HErr, wen Noth herein will dringen. 

Weil doch der Menschen Hülff mir wenig Nutz kan briugeu. 

Durch GOttes Wunder Kraft't wird unser Nutz erregt, 

Der Unser Feynde Macht mit Grim zu boden schlogt. 
(Geschrieben: Also giebet seyn Teufling zur heilsam Lebenslehr . . . .) 

über dem Spruche ruht auf einem liegenden Kreuze der Jesusknabe umschwebt 
von Engeln. Er weist auf das Sjirüchlcin. 

Den äusseren Kreisring füllen biblische Scenen und Symbole aus. (Mariens 
Opferung, der zwölfjährige Christusknabe im Tempel, Jesu Taufe u. s. w.) Mitten 
hinein sind folgende Sprüche gestreut: Wer da glaubt und taufft wird, der wird 
seelig werden (Marc. 16, 16). — Herr zey mir Deine Wege und lehr mich Deine 
Steig (Psalm üö, 4). — Verleugne dich selb nehme dein Kreutz aulT dich und folg 
mir nach (Matth. 16, 24). Die Aussenseite des Scheines ist leer. 

II. Form: Quadratisch (L = 1 1 ,5 cm). Ausgestellt von Franz Hoffmann (Ort 
nicht genannt) den 10. Jänner 1808. Am unteren Rande die Note: Verkauff bey 
Herr Mich. Langer, Kupferstecher in Tropp au. Innenseite: Sprüche. In der Mitte 

Einem neugebornen kinde 
Ist das beste eingebinde. 
Ja das schönste pathegeld 
Wen es Jesu glauben holt. 
Dieses wünschet von grund des hertzens (geschrieben: Dein Treuer Path ....). 

Über diesem Spruche schwebt in Wolken der apokalyptische Cherub, das auf- 
geschlagene Buch mit den sieben (fünf) Siegeln haltend. Drinnen steht geschrieben; 
Freuet euch aber, dass eure Namen im himmel geschrieben sind (Luc. 10, 20). 

1) Über die Patenscheine Erscli und Gruber, Encyklopädie, Sekt. Ill, T. 13, S. 302. 
— [Aus Amarantes (Corvinus) nutzbares, galantes und kurioses Frauenziniuier-Lexikon, 
Leipzig 1715, S. 1447 sei angeführt: „Pathenzottel heissen diejenigen in Kupfer gestochenen 
oder abgedruckten Blätter, auf Knäblein oder Mägdlein eingerichtet und mit allerhand 
glückwünschenden Reimlein gczicret, worin die Gevattern das Geschenke oder Pathengeld 
mit Unterschreibung ihres Nahmens einzuwickeln und zu versiegeln pflegen." — Über (ein 
Geschenk) binden, anbinden, über die poetischen Biudebriefe des 17. Jahrhunderts vergl. 
Jac. Grimm, Über Schenken und Geben. 134 f. Kleine Schriften 2, 191 ff.] 

14* 



'21'2 Sclmkowitz: Kleine Mitteilungen. 

In den Quadratecken lesen wir: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret 
ihnen nicht, denn solcher ist das reich Gottes (Marc. 10, cap. [14]). — Ich erfreue 
mich im Herrn und meine seele ist fröhlich in meine Gott. Isaia 62 (Gl) ca v. 10. 
— Es sey denn dass jemand gebohrG werde aus wasser und geist so kan er nicht 
ins reich Gottes kommen. Joh. 8 (13) cap. (v. 5). 

In den vier Ecken des Zettels: Opffere Gott danck und bezahle dem Höchsten 
dein geliebte. Psalm 50, v. 14. — Und rufTe mich an in der noth so will ich dich 
erretten so solst du mich preisen. Psalm .50, v. l.'j. - Bleibe fromm und halte 
dich recht denn solchen wirt es zuletzt wol gehen. Psalm 37, v. 37. — und Auff 
Gott hoffe ich und fürchte mich nicht was kennen mir die menschen thun. Psa. öü, 
V. 12 (5). Auf der Aussenseite: Die Taufe Christi, rundherum die drei göttlichen 
Personen und Maria. Engelköpfe. Die vier Evangelisten mit ihren Symbolen. 

Graz. Dr. Schuko witz. 



Weiteres zu der Heilkraft gewisser Familieu. 

Die alten Herren von Osterreich sein von denen von Habszburg her kunien, 
die haben ein Gnad von got gehebt, das sie die menschen haben gesunt gemacht 
von den kröpffen, oder einer sunst ein vngeschickten hals hat, vnd wan der selbigen 
herren einer einem semlichen zutrinken gab, vsz seiner Hand, so vergieng im der 
kroptf, vnd gewan ein kleinen hals vnd mocht in biegen an welches ort er wollte. 
Das ist offt vnd dick bewert worden in einem thal, das heiszt .41brechtsthal, gelegen 
in dem obern Elsesz, da vil kröpffechter lüt sein, vnd wan der herren einer daryn 
kam, so fürt man semliche lüt für in, vnd wan sie von seiner band «etrmicken, 
so waren sie gleich gesunt. Wa fint man ietz semliche herren, sollen ietz semliehe 
grosen herren einem krancken menschen vsz einer band zutrinken geben, sie 
meinten ire hend würden inen abfallen. 

Schimpf und Ernst von Johannes Pauli, No. 516 der ersten Ausgabe, Strassbuig 
1522. Österley in seiner Ausgabe S. 533 verweist bei dieser Geschichte auf F. 
Hemmcrlin de nobilitato et rusticitate, c. 26. K. W. 



Vou verwandten Vereinen. 

Herr Prof. Dr. Ad. Hauffen von der deutschen Universität in Prag hat im 
Jänner d. J. den dritten Bericht über den Fortgang seiner im Auftrage der Gesell- 
schaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Litteratur in Böhmen 
eröffneten Sammlung der volkstümlichen Überlieferungen in Deutsch-Böhmen 
erstattet (11 S., 8"), aus dem sich die rege Teilnahme der deutschen Böhmen an 
den Bestrebungen der Gesellschaft erfreulich ersiebt. Gleichzeitig hat Professor 
Dr. Hans Lambel im Auftrage des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen 
seine Forschungen über die deutschböhmischen Mundarten wieder aufgenommen. 
Zwischen beiden Unternehmungen ist Gegenseitigkeit verabredet. Über die von 
Prof. Hauffen geleiteten Beiträge zur deutsch-böhmischen Volkskunde berichteten 
wir oben S. 107. 

Für die Egerländcr Volkskunde hat sich ein besonderer Verein unter 
Leitung des Schriftstellers Herrn Alois John in Eger gebildet. Der Verein sieht 
seine Gründung gerechtfertigt in der selbständigen historischen Stellung der eger- 
ländischen nordgauischen Bevölkerung und in dem ausgeprägten Sonderbewusstsein 
derselben dem eigentlichen Böhmen gegenüber. Der Verein will ein eigenes Organ 



Wi'iiilioM: Rüclieranzcigcii. 213 

(lerausgogeben, von dem zwei Nummern unter dem Titel .Unser Egerland. 
Bliitier für Egerlander Volkskunde" bereits erschienen sind. Die zweite enthält 
u. a. das Bild des durch seinen Verkehr mit Goethe bekannten Rat J. S. Grüner, 
der als Begründer der Egerliinder Volkskunde bezeichnet wird. Volkstümliche 
Abendversammhingen, Monographien, Sammlungen volkstümlicher Gegenstände sind 
in Aussicht genommen. Am 14. April ist die erste Hauptversammlung, mit Wahl 
des Vorstands und Vorträgen über die Kreuzsteine (Steinkreuze), über die Pest- 
säulen und Marterln des Egerlandes gehalten worden. 



Büclieraiizeiti;eii. 



Mecklenburgische Volksüberlieferuugeu. Im Aiii'trage des Vereins für 
meckleiiburgisclie Geschichte uud Altertumskunde gesammelt und heraus- 
gegeben von Richard Wossidlo. Erster Band: Rätsel. Wismar, 
Hinstorffsclie Hofbuchhaudlung. 1S97. SS. XXIV. 372. ^". 

Das hier angezeigte Buch müssen wir mit besonderer Freude begrüssen, denn 
es ist die erste Frucht der jahrelangen Durchforschung Mecklenburgs nach Volks- 
überlieferungen, welche mit Staatsunlerstützung und unter Teilnahme weiter Kreise 
der Oberlehrer am Warener Gymnasium, Hr. Richard Wossidlo, ausgeführt hat. 
Wir haben auf das grosse Unternehmen wiederholt in dieser Zeitschrift aufmerksam 
gemacht. Manche Schwierigkeiten stellton sich entgegen. Nun hat Hr. R. W. die 
Freude, den ersten Band, die Rätselsammlung, in die Öffentlichkeit ausgehen zu lassen. 

Es ist die grösste volkstümliche Ratsclsammlung, die bisher in Deutschland 
erschienen ist: mit Einrechnung der verschiedenen selbständigen Fassungen des- 
selben Stückes ergeben sich 2141 Nummern. Darunter begegnen natürlich über- 
wiegend solche, die auch anderswo, in und ausser Deutschland vorkommen; aber 
(loch auch viel alte und echte Rätsel, die hier zuerst auftreten. Hr. W. hat nicht 
vorfehlt, litterarische Naehweisungon zu jedem Stücke beizufügen. 

Die .\nordnung hat Hr. W. abweichend von anderen Sammlungen nach dem 
aussoron und inneren Bau des Rätsels und der Art, wie der Gegenstand des Rätsels 
angeschaut ist, versucht. Er gliedert zunächst: Sachenrätsel oder Volhätsel, zweitens; 
Rätselfragen, Aufgabenrätsel, AVortspiel und Xamenrätsel, dritteus: Halslösungsrätsel 
und Rätselmärchen. Die Sachenrätsel sind in 13 Gruppen zerlegt: die dreizehnte 
sind volkstümliche Rätsel betitelt, es sind Kunstprodukte jüngerer Zait, die aber 
unter dem Volke sich verbi'eitet haben, gleich den sogenannten volkstümlichen 
Liedern. 

Unter den Rätseln sind die zweideutigen sehr zahlreich, die in der Auflösung 
^.wiihnlich harmlosen, aber in der Einkleidung unanständigen oder schamlosen. 
Hr. W. hat natürlich mit grossem Bedenken vor ihnen gestanden, sich aber doch 
entschlossen, sie nicht auszuschliessen. Denn sie sind echt und zum grossen Teil 
alt, sie sind keineswegs Erfindungen einzelner unsauberer Gesellen, sondern sind 
weit verbreitet und ein europäisches Gemeingut, das in grosser Übereinstimmung 
sich überall in Deutschland und anderen germanischen Ländern, in Frankreich 
und Italien, bei den Slaven und sonst findet. In einem Rätselbuche, das den 
ii.uizen Vo'-rat zu bringen hatte, dnrfu'n diese Sachen nicht fohlen. 



214 AVoiMholrl: 

Wir wünschen der Sammlung, die von dem ungemein ergiebigen Boden 
Mecklenburgs und von dem unermüdlichen Eifer Herrn Wossidlos gleichmiissig 
zeugt, die ihr gebührende gute Aufnahme in und ausser ihrer Heimat. Mögen die 
beiden anderen Bände der Mecklenburgischen Yolksüberlioferungen bald nachfolgen. 

K. Weinhold. 



Blätter für Pommersche Volkskunde. Monatsschrift für Sage und Märchen, 
Sitte und Brauch, Schwank und Streich, Lied, Rätsel und Sprachliches 
in Pommern. Herausgegeben von O. Knoop und Dr. A. Haas. Labes 
in Pommern, A. Straube. Monatlieh ein Heft von 16 S. 8°. 

Mit dem 1. Oktober 189ö hat diese Monatschrift für Pommersche Volkskunde 
ihren fünften Jahrgang angetreten. Der Umfang dessen, was sie sammelt, ist in 
dem Titel angegeben. Sie hat auch bereits ein sehr reiches Material für Pommern 
zusammengetragen und erfreut sich der kundigen Leitung des durch seine hinter- 
pommersche Sagensammlung wohl bekannten Oberlehrer 0. Knoop in Rogasen 
und des Stettiner Oberlehrer Dr. Haas, der sich litterarisch einen nicht minder 
guten Namen seit langer Zeit erworben hat. 

Aus dem laufenden 5. Jahrgang will ich die Polnische Bicht S. 28 — 3(t hervor- 
heben, eine ausführliche Gestalt des Zwiegesprächs zwischen Pater und Nonne im 
Beichtstuhl, zu dem unsere Zeitschrift IV, 199, 332—34. 437—41 Stoff gesammelt 
hat. Die Sage von dem nächtlichen Totensottesdienst haben die vorliegenden 
Hefte zweimal: S. 4 und 37. Zwei andere A'arianten dieser in Pommern vieler 
Orten erzählten Sage bei U. Jahn, Volkssagen aus Pommern und Rügen No. 525. 
Meine Nachweisungen in unserer Zeitschrift YI, 442 können hierdurch und durch 
die Sage No. 42 bei Engelien und Lahn, Der Volksmund in der Mark Brandenburg, 
vermehrt werden. K. Weiuhold. 



Siegerländische Kinderliedchen. Aus Volksmund gesammelt und erläutert 
von Dr. Gustav Eskuche. Siegen, Hermann Slontanus (18117). 
S. 128. S». 

Der Herausgeber dieses Büchleins hat im Jahre 1891 hessische Kinderliedchen, 
die er mit J. Lewalter in Kassel sammelte, herausgegeben, und wer dieses Heft 
kennt, weiss, was er von der neuen Schrift, den Siegerländischen Kinderliedchen, 
erwarten darf: treue Sammlung der Überlieferung, grosse Liebe zur Sache, aber 
Erklärungen und Auslassungen über Sinn und uralte Herkunft der Reime, welche 
den Mangel wirklicher Kenntnisse und methodischer Schulung überall verraten. 
Mit der Begeisterung allein ist es nicht gethan, und schlechte Handbücher der 
Mythologie verlocken wie Irrlichter in den Sumpf. Zum Glück ist in dem vor- 
liegenden Buche die Einleitung von den Texten selbst abgetrennt. In den An- 
merkungen, die für sich gegeben werden, steckt hier und da Brauchbares. Die 
Sammler der Kinderreime sollten aber endlich daran denken, die geographische 
Verbreitung der zusammengescharrten Sprüche und Liedchen nachzuweisen: das 
würde fruchtbarer sein, als ihre unzuveilässigen Lcsefrüchto und unsicheren Er- 
findungen zur alten Poesie und Mythologie. K- ^^ einhohl. 



Hüohcrauzc'igcii. 215 

Blason populaire de Franche-Cointe, Sobriquets-Üictons-Contes rehitifs aux 
Villages du Doubs. du Jura et de la Haute-Saone, ]y,iv Charles 
Beauquier. 1. vol. in S. 1897. Paris — Emile Lechevalier libraire. 
39, Quai des Grands-Augustins. 

„La nioitiö du genre humain sc moque de l'autre" nous dit l'auteur dans soii 
introduction. „Ce besoin inne de caricaturer, de Hkisnmier son prochain, on le 
rencontre partout ii toutes les epoques, ä tous les siges de la vie. La plupart des 
noms propres, dos noms de famille, n'ont d'autre origine que cette inclination ä 
decorer le voisin d'epithetes plus ou moins grotesques: Lfxoiird, Lehon/ne, Lrlierisse, 
Lehf'i/ue, Mahi!-si.i, Lecoq, Lehoeiif, Beiiard etc." 

Les variantes localisees du centc de Jea?! Brie abondent surtout dans ce livre, 
et le foUdoriste y trouvera matiere a mainte coraparaison avec les dilTörentes 
versions de cette raalicieuse histoire populaire repandue dans le nionde entier. 
(Consulter sur ce poiiit Emmanuel Cosquin, Contcs populaires de la Lorraine, II, 
p. 178.) 

Les dictons et les Couplets moqueurs, reproduits textuellenient, interesseront 
aussi les neophilologues, (|ui dans cette etude pourront se servir d'un autre ouvrage 
de M. Beauquier: Vocabulaire ('tyuiologique des Provincialismes usites dans le 
departement du Doubs, L vol. in 8, Paris, Honore Champion, editeur. 

Ch. Mar eile. 



P. Arfert, Das Motiv von der unterscliobeuen (!) Braut in der internationalen 
Erzählungslitteratur, mit einem Anhang: Über den Ursprung und die 
Entvyicklung der Bertasage. Kostocker Diss Öcliwerin, Bärensprung 
1897. 74 S. 8". 

Ein Schüler Golthers liefert in der vorliegenden Arbeit einen nützlichen Beitrag 
zur vergleichenden Litteraturgeschichte, indem er die grosse Schar von europäischen 
und orientalischen Erzählungen beleuchtet, in denen ein Mann bei der Hochzeit 
nicht die ihm bestimmte, sondern eine durch List oder Verbrechen substituierte 
Braut erhält. Im Volksmärchen von der Gänsemagd (Grimm No. 8!l), aber auch 
schon in den deutschen Versionen der Bertasage zwingt eine verbrecherische 
Dienerin die zu ihrem Verlobten fahrende Königstochter, mit ihr die Kleider zu 
tauschen; in anderen Märchen (Grimm 135 und anderwärts) stösst die Magd ihre 
Herrin ins Wasser, oder es wird die wahre Frau im Wochenbette von einer Neben- 
buhlerin beseitigt (Grimm 11 und 13). In einer Reihe von Dichtungen findet sich 
das Brangänemotiv, wonach die Braut selber, weil sie ihre Reinheit durch List, 
Gewalt oder eigene Schuld verloren hat, ihrer Dienerin gebietet, während der 
Brautnaeht ihre Stelle einzunehmen. Die Magd fügt sich entweder, wie Hrahgäne 
im Tristanroman, gänzlich in den Willen ihrer Gebieterin, oder sie weigert sich, 
wie in einem französischen Conte devot, nachher ihren Platz im Brautbett zu 
verlassen und wird mit Gewalt aus dem Wege geräumt, oder sie erweist sich 
drittens, wie Jungfrau Maleen bei Grimm No. 198, als die frühere Verlobte des 
Bräutigams, oder endlich die Lösung erfolgt durch die Entdeckung, dass der Ritter, 
der einst der Biaut ihre Ehre geraubt hat, eben der Bräutigant ist (so in der 
skandinavischen Ballade von „lliddar Olle" oder „Brud ikke mö"). Während es 
sich in all diesen Fällen um eine eheliche Verbindung handelt, prellt in verschiedenen 
Novellen eine Frau einen liisiernen Liebhaber, indem sie ihm tici der verabredeten 



216 Holte: 

Zusanimeiikunft eine hüssliche Alte unterschiebt, während in einem aus Indien 
nach Europa gedrangenen Schwanke eine treulose^Gattin, als sie sich durchschaut 
sieht, ihre Freundin unterschiebt, die der Mann in seiner Wut statt ihrer verstümmelt 
(Fabliau des tresses). 

Arfert hat das weitschichtige' Material mit anerkennenswertem Fleisse durch- 
gearbeitet und übersichtlich nach den Litteraturgattungen angeordnet, wenn man 
auch vielleicht eine andere Disposition noch passender finden möchte. In der 
Untersuchung der Abhängigkeitsverhältnisse übt er besonnene Zurückhaltung und 
hebt die Vert|uickung des Hauptmotivs mit fremden Stollen wie Aschenbrödel, 
Hansel und Gretel, den drei Citronen, Imogen, Udipus klar hervor. Ais ein kleines 
Versehen notiere ich, dass S. 57 Hans Sachsens Schwank vom Bauer mit dem 
Zopf (No. 169 ed. Goetze; vgl. Stiefel in der Festschrift Hans Sachs-forschungeu 
1894, S. 124) eine Dramatisierung genannt wird, und dass Afanasjews Narodnija 
russkija skazki, Luzels Veillees bretonnes und Asbjörnsens Norske Folke-eventyr 
durchweg in falscher Schreibung erscheinen. 

Berlin. J. Bolte. 



Scliuinann, Hugo, Die Kultur Pommerns in vorgeschichtliclier Zeit. Mit 
5 Tafeln von A. Stubenraucli. Berlin, E. S. Mittler & Sohn, 1897. 
S. 106. 8°. (Aus den Baltischen Studien.) 

Die vorliegende Schrift ist ursprünglich als Erläuterung zu den von dem 
Konservator A. Stubenrauch gezeichneten Unterrichtstafeln für pommersche PrU- 
historie verfasst worden und hat ihren Wert in der Beschreibung der vorgeschicht- 
lichen, in Pommern gefundenen Altertümer. Zu einer Kulturgeschichte der ältesten 
Zeit seiner Heimat fehlen dem Verfasser, der Arzt ist, die hinreichenden Kenntnisse 
in Geschichte und Altertumskunde. Es genügt auf S. 81 zu verweisen. 

K. W. 



Wandbilder der Völker Österreich -Ungarns. Verlag von A. Pichlers 
\Vitwe und Sohn in Wien. 18117. ' 5 Blätter. (Das aufgezogene Blatt 
Fl. 1,.S0.) 

Die für pädagogische Litteratur thätige Buchhandlung von A. Pichlers Witwe 
und Sohn in Wien hat es unternommen, zur Unterstützung und Belebung des 
Unterrichts in der Heimatkunde künstlerisch ausgeführte Bilder der hauptsächlichen 
Volkstypen des völkerreichen österreichisch-ungarischen Staates herzustellen. Die- 
selben sind als Wandbilder entworfen im Papierformat von 69 : 86 cm und im 
Bildformat von 60: 77 cm. Sie sind nach an Ort und Stelle aufgenommenen grossen 
Photographien von dem Historienmaler Aug. Trentin gemalt und durch sehr guten 
Farbendruck vervielfältigt. Beabsichtigt ist nicht bloss die Festtracht der be- 
treffenden Bevölkerung abzubilden, sondern auch ihren ganzen Typus in Kürper- 
gestalt und Gesichtsbildung, sowie in charakteristischer Umgebung. Es liegen uns 
fünf Blätter vor: Siebenbürger Sachsen, Rumänen, Egerländer, Kroaten, Polen. 
Ich möchte besonders das dritte Blatt hervorheben, das in einer charakteristischen 
Landschaft des Egerlandes die festen Bauersleute bajuvarischen Stammes trefflich 
zur Anschauung bringt und den inneren Unterschied der Deutschen von den Typen 
der Polen und Kroaten, sowie der Rumänen sofort zur Anschauung bringt. Diese 
Wandbilder werden in den Mittelschiden (Gymnasien und Realschulen), sowie in 



Bürhoranzeigi'ii. -217 

den Lehrerserainaricn sehr anregend wirken können, sind aber auch von all- 
gemeinem grossem Interesse. Wir wollen hier den Wunsch nicht unterdrücken, 
dass im Deutschen Reiche Ähnliches versucht werde. Wenn hier auch nicht so 
scharfe Unterschiede als in Österreich bestehen und mit dem Schwinden der Volks- 
trachten die Mittel für die äussere Darstellung- beschränkter geworden sind, so 
besteht doch zur Zeit noch viel Charakteristisches, namentlich wenn der Maler es 
verstünde, die innere Natur der landsässigen Bevölkerung wiederzugeben. Möchte 
dieser Gedanke auf empfänglichen Boden fallen. K. W. 



Schweizer Trachten vom XVII — XIX. Jahrluiiulert iiaeli Originalen. Dar- 
gestellt unter Leitung von Fr. Jul. Heierli und auf photomechanischem 
Wege in Farben ausgeführt. Serie I. 1. Zürich (Wehntal). 2. Bern 
(Simnienthal). 3. Luzern-Zug-Aargau (Freiamt). 4. Appenzell (Inner- 
rhoden). 5. Uri (Scliächenthal). 6. Schaffhauseu (Klettgau). Druck 
und Verlag von Rrunner und Hauser. photogr. Kunstanstalt Zürich 
(1897). gr. fol. 

Die erste Lieferung eines wahren Frachtwerkes über die Schweizer Trachten 
liegt vor. In grossem Folio bringt es sechs Tafeln, deren Bilder den feinsten 
Aquarellen gleichen und einen entzückenden Eindruck machen müssen. Die 
Menschen, die in diesen Gewändern stecken, sind Prachtgestalten, die .,Jungfrauen'' 
Schönheiten. Die Leitung des Werkes liegt in der Hand einer bekannten Trachten- 
samralerin, der Frau Julie Heierli, die zu jeder Tafel einen kurzen erläuternden 
Te.xt gegeben hat. Einigen dieser Texte (2. 3. 5) sind kleine Trachtenbilder in 
Photogravüre angefügt. Wir machen auf das schöne Werk dringend aufmerksam. 
Es ist eine Freude, diese ausgezeichnet photomechanisch vervielfältigten Bilder zu 
betrachten und zu studieren. K. W. 



Katalog der Freiherrlich vou Lipperheideschen Saiuniluug für Kostüni- 
wlsseiischaft mit Alihildungen. Dritte Abteihnig Büchersammlung. 
I. Band. 1. Hälfte. Berlin 1897. Verlag von Franz Lipiicrlieide. 
S. XVI. -288. gr. 8°. 

Die erste Lieferung dieses gross angelegten Katalogs einer in Deutschland 
einzig dastehenden Sammlung für Trachtenkunde haben wir in unsrer Zeitschr. VI, 
S. 34o angezeigt. Der 1. Lieferung sind fünf weitere gefolgt, die nun in einem 
Halbbande vereinigt ausgegeben wurden. Die 1. Lieferung verzeichnete die Werke 
zur allgemeinen Trachtenkunde: gefolgt sind nun die Abteilungen: Tracht im 
Altertum, und Die Tracht im Mittelalter und in der Neuzeit bis zum Anfang des 
Abschnitts Die Tracht in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert. 

Der Text ist durch l.ö4 Wiedergaben aus den verzeichneten Werken illustriert: 
Trachtenbikler, Büchertitel, Buchdrucksignete: alle vortrefflich durch Angorer und 
• itischl in Wien ausgeführt, sowie der Druck selbst, der in dem getreuen Katalog- 
satz achtzehn vci'schiedene Schriften verwendet, als ausgezeichnete Leistung der 
Drugulinschen Anstalt in Leipzig zu rühmen ist. Die bibliographische .Vufnahme 
der Werke ist tadellos. Der Reichtum der v. Lippcrheideschen Bibliothek an 



0J8 Weinhold: Büclieraiizcigeii. 

Kostbarkeiten und Seltenheiten ersten Grades ist bedeutend. Aus dem vorliegenden 
Halbbande wollen wir namentlich auf S. 170—234 verweisen, wo die Werke ziu- 
Trachtenkunde des 15. Jahrh. verzeichnet sind. K. W. 



Lutsch, Hans, !Neuere Veröffeiitlicliungen über das Bauernhaus in Deutsch-, 
laiid. Österreich-Ungarn und in der Schweiz. Berlin, W. Ernst und 
Sohn, 1807. S. 58. 8". (S-A. a. d. Zeitschr. f. Bauwesen, 1897.) 

Der Verfasser dieser Orientierung über die neuere, das Bauernhaus betreffende 
Litteratur, ist durch sein vierbändiges Verzeichnis der Kunstdenkmäler der Provinz 
Schlesien (Breslau 188G— 1894), durch seine Mittelalterlichen ßacksteinbauten 
Mittel-Poramerns (1890) und seine Wanderungen durch Ostdeutschland zur Er- 
forschung volkstümlicher Bauweise (1888) den Architekten, seinen Fachgenossen, 
sowie den Kunsthistorikern und den Pflegern der Volkskunde vorteilhaft bekannt. 
Hr. L. gehört auch dem Ausschuss des Verbandes der Architektenvereine an, der 
sich die Entwicklungsgeschichte des deutschen Bauernhauses zur löblichen Auf- 
gabe gestellt hat (vgl. unsere Zeitschrift V, 456) und hat im Interesse der Arbeiten 
des Verbandes diese litterarische Übersicht, die wir hier anzeigen, entworfen. 
Nach einer allgemeinen Einleitung über die zu lösenden Aufgaben und nach kritischen 
Bemerkungen über die bisherigen Lösungsversuche, wobei die Grundbedingungen 
für das ganze Wirtschaftsleben wohl erwogen sind, durchwandert Herr L. die ein- 
schlagende Litteratur über Priesland, Niedersachen, die jütische Halbinsel ein- 
schliesslich Skandinaviens, Ostelbien (wohl keine glückliche Bildung), Mittel- 
deutschland, Mittelrhein und Süddeutschland, die Schweiz und Österreich-Ungarn. 
In Anmerkungen werden die genauen Nachweise angefügt So weit ich nachprüfen 
konnte, habe ich mit Ausnahme des nur flüchtig gestreiften Skandinaviens nichts 
vermisst, war im Gegenteil über die Vollständigkeit z. B. bei Salzburg, erstaunt. 
Berichtigen möchte ich, dass Gossensass, über dessen Volksleben unsere Zeitschrift 
die ausgezeichneten Schilderungen von Frl Marie Rehsener gebracht hat und 
hoffentlich weiter bringen wird, nicht im Etschthal (S. 33), sondern im oberen 
Eisakthaie liegt. K. Wein hold. 



Kaiudl, Kaim. Friedr., Haus und Hof bei den Huzulen. Mit •22S Text- 
Abbildungen (S.-A. aus Bd. XXVI der MitteiL d. Anthropolog. Gesellsch. 
in Wien. 1S!(6, zu beziehen durch H. Pardini in Czernowitz). 4°. 

Der für die Kunde der Ruthenen in Ostgalizien und der Bukowina unermüdlich 
thätige Verfasser hat in der vorliegenden reich illustrierten Abhandlung Haus und Hof 
der Gebirgsruthenen oder Huzulen behandelt. Er verbindet mit der Beschreibung 
des Baues und der Einrichtung der geringen Wohnräume die abergläubischen 
Gebräuche, die sich an den Hausbau und an einzelne Stellen (Herd, Thürschwelle, 
Grundbalken, Ecken) von Alters knüpfen. Kleidung, Ornamentierung der Holzsachen, 
Bemalung der Eier, welches alles die Huzulen mit eigentümlicher und geschmack- 
voller B'ertigkeit ausführen, werden durch Wort und Bild vorgeführt. Das huzulische 
Haus ist in der Regel ein roher Blockbau, meist ohne Steinunterlage, mit Thür 
und Fenster in der nach S. oder SO. gekehrten Langseite. Das Haus des Armeren 
hat neben dem A^'orraum, in dem man durch die Hausthür tritt, rechts die Wohn- 
stube mit dem Ofen, links eine kleinere Kammer. Im Hause des Reicheren ist 
die Kaninior durch einen Ofen zur zweiten Stube gemacht. Schuppen, t^tallungeii. 



Hofrtijrer: Protokolle. 219 

Kammern sind nach Bedürfnis angebaut. Durch einen Zaun (über dessen ver- 
schiedene Arten Mitteilungen nicht fehlen) wird ein Vorhof gebildet. Die an der 
Vorderseite sich hinziehende stufenartig-e Erhöhung (ganok, czerdak) scheint keine 
huzulische Anlage, sondern, wie die Namen schon andeuten, teils von den Deutschen, 
teils von den Rumänen entlehnt. 

Als eine Ergänzung ist der Aufsatz desselben Verfassers 
Haus und Hof bei den Rusnaken 
im 71. Bande des von R. Andree geleiteten, im Westermannschen Verlage zu 
Biaunschweig erscheinenden Globus zu betrachten.- Die Rusnaken, über deren 
Namen Hr. Kaindl in der Einleitung handelt, sind die Bewohner des ruthenischen 
Flachlandes. Die Anlage der kleinen Arbeit ist dieselbe w'ie in der über die 
Huzulen. Gedrängt wird über die Wahl des Baugrundes, über die mystischen 
Gebräuche zur Segnung des Hauses und Abwehr des Unheils, dann über das Haus 
selbst, das wie bei den Huzulen ein kleines Blockhaus ist, endlich über die Neben- 
gebäude und die Umzäunung gehandelt. Unter den Gartenpflanzen sind Liebstöckel 
' ievisticum off.) und Basilienkraut (ocymum basil.) durch ihre geheimnisvollen 
Kräfte, namentlich beim Liebeszauber, bedeutend. Die Zäune spielen im Heirats- 
orakel auch bei den Rusnaken eine Rolle. Mehrere Abbildungen dienen zur 
zierenden Erläuterung des Textes, darunter auch vier Trachtenbilder. Schönheit 
und Stattlichkeit scheint dieser Bevölkerung nicht verliehen zu sein. K. W. 



Die Erde uiiil ihre Völker. Ein geograpliisches ilausbuch von Friedrich 
von Helhvald. 4. Auflage. Bearbeitet von Dr. "W. Ule. Stuttgart, 
Berlin, Leipzig, Uuiou. Liefer. 12 — li>. s". 

Von der Portsetzung des in unserer Zeitschrift VI, 343. 462 angezeigten, gut 
illustrierten Werkes liegen uns acht neue Lieferungen (1"2 — 19) vor, von denen 
zwei Afrika (Abessinien, Südafrika, Ost- und Innerafrika, Madagaskar und andere 
Inseln) abschliessen, die übrigen zu Europa übergehen, wovon die pyrenäische 
Halbinsel, Italien, Frankreich, Britannien, die Schweiz, Deutschland und die Nieder- 
lande, Österreich-Ungarn sehr gedrängt hier abgehandelt werden. Störend ist, dass 
lue in den Te.xt eingedruckten Abbildungen oft nicht an der ihnen entsprechenden 
Stelle sich befinden. Nachbesserungen in Einzelheiten, auch im Stil, wilren für 
eine fünfte Auflage sehr zu empfehlen. Das Ganze ist, besonders durch die 
sauberen kleinen Karten und die zahlreichen bildlichen Darstellungen, ein an- 
sprechendes, auf weite Kreise berechnetes Werk. 



Aus den 

Sitziiiigs- Protokollen des Yereiiis für Yolkskimde. 

Freitag, den 22. .lanuar IS!»". Herr Professor Dr. E. Siecke handelte über 
die Uireligioii der Indogei'mancn. •) Die vergleichende Mythologie ist in Miskredit 
gekommen. .Mlein man niuss nur die überlieferten Mythen nüchtern beti'achten, 



1) Der Vortrajr ist iiizwisclieii i]ii iJnu-k ersdiicnen. 



2-20 I!niMli<;cr: 

ihren liilialt möglichst wüitlich iieimicn, jede Allegorie verweilen und die sicht- 
baren Attribute der mythischen Wesen streng festhalten, mithin z. B. an Farben- 
bezeichnungen nicht rütteln. Mit diesem Verfahren kann man zwar nicht alle 
Mythen erklären, aber doch die Natiirmythen, und das sind die hauptsächlichsten. 
Denn die Grundlage der idg. Urreligion ist ein Dienst der Naturkräfte, und zwar 
derselben bei allen idg. Völkern: der Sonne und des Mondes. Ihr Dienst ist auch 
bei ihnen nichtverwandten Völkern weit verbreitet. Von den Germanen sagt Cäsar 
ausdrücklich, dass sie nur die Götter verehrten, die sie sehen könnten: Sonne, 
Mond, Feuer. Die Mondverehrung bei den Indern und Germanen zuzugeben, 
sträubt man sich: eher gesteht man sie den Griechen und Römern zu. Indes eine 
Menge von Mythen lassen sich nur als Mondmythen verstehen. Urzeitlich ist das 
Schwanken des Geschlechts bei Sonne und Mond. Sie bildeten ein Ehepaar, von 
dem man sich abhängig fühlte^^ das dann verehrt und zum Hauptgötterpaar erhoben 
wurde. Unter den Eigenschaften der beiden tritt namentlich die goldene P'arbe 
und ihre Schönheit hervor. Goldnes oder blondes Haar in Sagen und Märchen 
geht auf Sonne und Mond zurück. Aber auch als Tiere oder leblose Gegenstände 
(z. B. als Rad) dachte man sie sieh. Uralt und weitverbreitet ist z. B. der Eber 
als Bild des Mondes und der Sonne. Verwandlungen und Symbole der Götter 
erklären sich aus solcher Auffassung, auch die mythischen Eberjagden und Drachen- 
kämpfe. Die beiden einander folgenden Gestirne werden bald als liebende Ge- 
schwister und zugleich Gatten, bald als einander feindliche AVesen gefasst. Zur 
Zeit des Neumondes vereinen sie sich, aber die Mondgöttin stirbt in der Konjunktion. 
Sic wird jedoch aus dem gestorbenen Mondkörper wiedergeboren und der Vater 
vermählt sich nun mit der Tochter. Gilt der Mond als männlich, so heiratet der 
Sohn die Mutter Sonne. Hieraus die Sagen von den blutschänderischen Ver- 
bindungen, zu denen ein unentrinnbares Verhängnis führt. Aus dem feindlichen 
Verhältnis gehen die Sagen von den Zweikämpfen, Jagden, Drachenkämpfen hervor. 
Erst später mag bei einigen eine Umdeutung auf den Gewitterkampf stattgefunden 
haben, weil der Sonnengott sich zum Gewittergott entwickelt hat, ebenso der 
]\[ondgott. Ab- und Zunahme des Mondes sah man als eine Zerstückelung und 
Wiederbelebung an; daher u. a. die Mythen von den Böcken des Thor, von Pelops, 
das Märchen vom Machandelbom. Wohlthätigen Einlluss auf die Natur schrieb 
man nicht nur der Sonne, sondern auch dem Monde zu. Er lässt Pflanzen und 
Tiere wachsen, ist kräuter- und raedizinkundig, abei' auch zauberisch. Die Mond- 
göttin ist auch von Einfluss auf die menschliche Geburt. Sie gilt auch als Spinnerin. 
weil der Mond sich in 14 Tagen neu webt, dann wieder aufgetrennt wird. Der 
Vollmond ist der mit dem goldnen Flachs umsponnene Rocken, er ist die Spindel, 
die in den Brunnen fällt. Bei den Griechen war die Mondgöttin ursprünglich die 
einzige grosse Göttin, was allerdings nicht ohne weiteres auf die Urzeit übertragen 
werden darf. Dagegen war der Mond damals schon der Zeitenmesser, nicht die 
Sonne, weshalb die Monatsmythen älter als die Jahresmythen sind. — Nachdem 
sie untergegangen, befinden sich Sonne und Mond in der Unterwelt, wo sie herrschen, 
namentlich der Mond. Er ist der erste Gestorbene, ihm folgten die anderen Seelen. 
In beschränktem Umfang wird in der Urzeit schon ein Unsterblichkeitsglaube 
bestanden haben. Sonne und Mond werden auch für die ei'sten Geschöpfe gehalten, 
von ihnen stammen die Menschen ab. Der indische Manus, vielleicht auch Minos, 
der Richter in der Untci'welt. stellen den Mond dar. Die Eltern von Sonne und 
Mond sind Himmel und Erde. Mit dem Himmelsgott ist der Sonnengott ver- 
schmolzen worden, wodurch er eine bedeutendere Rolle spielt, als die ganz zurück- 
tretende Erde. Denn die sesamten germanischen Göttinnen sind nicht Erd-, sondern 



Pi-otokollo. -221 

Muiulgöttimion. Auch (Ilm- Feuergott ist im allgenieinen zurückgetreten. Loki 
ilürfte. wie Heimdall und Baldr, eher ein Mondgott sein. Vielleicht verehrten die 
Indogerraanen auch die Morgenröte, den Wind aber schwerlich. Auch an niedere 
Dämonen, Riesen und Zwerge glaubte man und kannte mithin einen gewissen 
.Vhnenkultus. Aber die grossen Götter sind aus diesen niederen Wesen nicht 
hervorgegangen. — Eine an sich erwünschte Diskussion konnte aus Zeitmangel 
nicht stattfinden. Es legte daher sogleich Herr Professor Eugen Bracht volks- 
tümliche Trachten- und Schmuckstücke aus dem Hümmling vor, einem Höhen- 
gebiet im Kreise Meppen, das eine Insel im Moor bildet und abseits der Eisenbahn 
liegt. Viele flünengräber sind dort zu linden. Das Hauptdorf ist Borger. Die 
Frauen daselbst tragen zum Staat hohe Hauben mit Federn, Spitzen und Band, 
das bei den Miidchen grün, bei den A'erheirateten schwarz ist. Doch wechselt die 
Mode und steht unter dem Einfluss der städtischen, allgemeinen. Vor vierzig 
Jahren waren die Hauben niedriger und einfacher; noch früher trug man sogen. 
Xebelkappen und eine sehr altertümliche Haube mit ganz rundem Kopf, die an 
den Tschacko aus der Zeit der Befreiungskriege erinnert. Sie kam den Vermählten 
zu. .\iich jetzt noch setzen die Frauen am Werktag eine einfache Haube auf, die 
Mädchen dagegen einen Strohhut ohne Deckel, an dessen Stelle ein Netz tritt. 
Obligatorisch ist ein Schmuck, der Bengel, der aus den verschiedensten Metallen, 
sogar aus Blei hergestellt wird. Er besteht aus einem Bruststück und einer Agraffe 
im Rücken, das Ganze hängt an einem Seidenband. Dazu gehören Ohrringe. Von 
einer besonderen Männertracht findet sich nichts mehr, kaum noch der weisse 
Mantel des Schäfers, der Heiken, den man aus Schafwolle webt und der wasser- 
dicht ist. Die Schafzucht ist übrigens seit der Separation sehr zurückgegangen. — 
.\vis dem Jahresbericht des Herrn Geheimrats Weinhold sei erwähnt, dass die 
Zahl der Mitglieder des Vereins auf 201 stehen geblieben ist. Zuwachs wäre um 
so erwünschter, als nur mit Hilfe einer dankbar hervorzuhebenden Unterstützung 
des königl. preussischen Unterrichtsministeriums ein befriedigender Kassenabschluss 
erzielt werden konnte. In den Aiisschuss für 1897 wurden gewählt Fräulein Lemke 
und die Herren Bartels, Bolte, Friedel, Lübke, Er. Schmidt, Waiden, Mielke, Voss, 
Bastian, Moebius und Petseh, der an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Goerke die 
Verwaltung der Bibliothek übernommen hat. 

Freitag, den 26. Februar 1897. Herr Geheimrat Prof. Dr. Schwartz sprach 
über die Xaturreligionen in ihren Hauptphasen. Die Quelle aller Religion ist das 
Gefühl der Abhängigkeit von etwas Unerklärlichem. Ihre roheste Form ist der 
Fetischismus, d. h. die Verehrung unbelebter Dinge, mit denen ungewöhnliche 
\"orgänge in Zusammenhang gebracht werden. Und zwar wird das Gute ohne 
weiteres hingenommen, während das Widrige beobachtet und seinen Ursachen 
nachgeforscht wird. Reste des Fetischismus findet man sogar bei gebildeten 
\ ölkern, nur denkt man sich bei ihnen die wirksamen Klötze (portugiesisch feiti^o). 
Bäume, Steine u. s. \\. als Sitze eines handelnden Geistes. Spuren hiervon treten 
schon bei sonst reinen Fetischverehrern auf, z. B. wenn ein Neger den Umstand, 
dass die dem Fetisch vorgesetzten Speisen nicht abnehmen, daraus erklärt, dass 
der Geist des Fetisch eben auch nur das Geistige davon geniesse. Der Feti- 
schismus erzeugt sich bei Gebildeteren sogar neu, obwohl man ihn mitunter humo- 
ristisch auffasst. Man denke an vierblättrige Kleeblätter, den Angang von Personen 
und Tieren, an Familientalismane, wie sie z. B. die Alvensleben, die Fürsten von 
Dessau besitzen. Derartiges erwächst aus der begreiflichen Wertschätzung eines 
Gegenstandes, wie etwa des Trauringes, ist mitunter auch das Ergebnis einer Er- 
fahrung, einer Auslands- oder Sittenregel. Wir gelangen da auf das Gebiet des 



•22-2 Hoofliovr: , 

allgemein menschlichen Aberglaubens. Auf der zweiten Entwickelungsstufe dünkt 
der Mensch sich von Geistern umgeben. Ihre Annahme setzt die Scheidung 
zwischen Leib und Seele voraus und ist vielfach mit dem Seelenglauben oder 
Animismus verbunden, dem Glauben, an das Fortleben und Fortwirken der aus 
dem toten Körper gewichenen Seele, der Annahme einer selbständigen Thätigkeit 
der Seele des Schlafenden, die die Träume lehren. Die Seele aber stellt man sich, 
an den Atem anknüpfend, als Hauch und Wind vor und vermutet weiter in dem 
die Xatur durchwehenden Winde Seelen oder Geister. Das beim Sturm herein- 
brechende Dunkel, die einherjagenden Wolken, die unheimlichen Töne befördern 
diesen Glauben. Auch er beschränkt sich auf die Abwehr des Übels, das die 
Windgeister anrichten, einem anblasen können. Die Priester der sibirischen Völker, 
die Schamanen, haben dies zur Aufgabe, und nach ihnen nennt man diese Religions- 
phase Scharaanismus. Das Spuken, die Annahme plötzlicher Lähmungen durch 
Hexenschuss sind hier unterzubringen. Auf der dritten Stufe wird der Himmel 
mit seinen Erscheinungen in die Beobachtung gezogen. Man erblickt im und am 
Himmel eine zweite irdische Welt, in der persönlich gedachte Wesen walten, 
deutet ihre Handlungen nach denen der Menschen und die weitere Xatur nach 
seiner näheren Umgebung. Die bildlichen Ausdrücke der Sprache entstehen damit. 
Es handelt sich hierbei nicht um Phantasien, sondern um gläubig hingenommene 
Realitäten. Schon eine Analogie genügt, um die Vorstellung zu fassen. Zunächst 
bildet man sich himmlische Wesen, die so roh sind, wie die Naturmenschen selbst, 
nach und nach heben sich Menschen und Götter mit einander. Menschliche Gestalt 
bekommen die göttlichen Wesen erst, nachdem die Periode der Riesen und Zwerge 
vorüber ist. Allmählich wird aus einer Vielheit eine Auswahl getroffen. Man 
trennt Licht und Dunkel, Sommer und Winter, merkt aber namentlich auf das 
Ungewöhnliche, vor allem das Gewitter. Erst bei Sesshaftmachung werden die 
Himmelskörper beobachtet. Wachsende Kultur gebiert veränderte Anschauungen: 
die Götter weben nun gleichfalls, fahren auf Wagen u. s. w. Mit dem Gewinn 
ethischer Grundsätze wird der Polytheismus zu wirklicher Religion. Die Götter 
wachsen sich zu ewigen, allmächtigen Wesen aus, denen die Kunst einen idealen 
Körper verleiht. Die griechischen Tragiker vertiefen den Polytheismus. Die 
Philosophen brechen seine Kraft, aber erst das Christentum vermag das Gemüt zu 
befriedigen. — Herr Geheimrat Friedel knüpfte seinen Vortrag über Feuer und 
Licht an Vorlagen aus dem Märkischen Provinzial-Museum. Licht, Wärme, Feuer 
wäre die natürliche Reihenfolge dieser zusammenhangenden Erscheinungen. Licht 
entwickeln einzelne Tiere, die Wärme benutzen sie, z. B. um sich das Brüten zu 
erleichtern; nicht aber bedienen sie sich des in der Natur vorhandenen Feuers, 
noch können sie Feuer entzünden. Der Mensch vermochte das wohl von Anbeginn: 
bis in die mittlere Steinzeit lassen sich die Spuren der Feuererzeugung und Be- 
nutzung verfolgen. Leicht war es, Mulm, der sich selbst entzündet hatte, in einem 
Rohrstabe mit sich zu führen. Aber auch das Feuerschlagen aus dem Stein ist 
alt und einfach, vielleicht ebenso alt wie das Hervorlocken durch Reiben. Feuer- 
stein und Schwefelkies giebt es freilich nicht überall, doch scheinen sie durch 
Wanderungen und Handel früh verbreitet worden zu sein. Der Vortragende zeigte 
und erläuterte zunächst Schlag-feuerzeugo mit ihrem Zubehör von Feuerstein, Mulm, 
Zunder. Manigfach sind die Formen der Zunderbüchsen und Peuerladen, eigen- 
tümlich die dem 18. Jahrhundert angehörenden Feuerzeuge in Form von Schuss- 
waffen und nach dem Prinzip der Steinschlossgewehre hergestellt. Bei den Reibe- 
feuerzeugen werden zwei Hölzer durch Aneinanderreihen so weit erhitzt, dass sie 
trocknes Laub oder dergl. entzünden können. Von dem einfachen Reiben zweier 



Protokoll.'. -J-iS 

Stäbe oder Holzstücke gehing-t man zur Bewegung eines Stockes in einer Rinne, 
zum Feuerquirl (dessen eine Form der unseres Centrumbohrers entsprach), zum 
Riemen- oder Schnurbohrer, zum Fiedelbohrer und Pumpenbohrer, deren Kon- 
struktion aus ihrem Namen erhellt In Deutschland werden noch heute Feuersteine 
zum Feuerschlagen angefertigt, die ganz wie prähistorische aussehen. Auch das 
Feuerreiben kommt noch vor, wenn das reinigende Notfeuer erzeugt werden soll. 
Einen eigenartigen Apparat dazu, der die Form eines Recks mit drehbarer Stange 
hat und aus der Gegend von Ziesar stammt, besitzt das Märkische Provinzial- 
Museum. Brennspiegel erwähnt schon Aristophanes in den "W'olken, mit Wasser 
gefüllte Hohlkugeln zur Entzündung von Feuer Plinius. Von den chemischen Feuer- 
zeugen sind die Stippfeuerzeuge verschwunden. Bei ihnen kam ein Schwefelholz 
mit Kopf von chlorsaurem Kali in Brand durch Eintauchen in Asbest, der mit 
Schwefelsäure angefeuchtet war. Herr Bankrepräsentant Waiden erinnerte an die 
Schwofelsticken, d. h. lange Hölzchen mit Schwefel an beiden Enden, der an 
ulühenden Holzkohlen entzündet wurde 

Freitag, deu 26. März 1897. Herr Privatdocent Dr. Rieh. M. Meyer belegte 
die Fortdauer altgermanischer Sitten durch neuere Zeugnisse. Mit dem trägen 
tci'por der Gefolgsleute in Friedenszeiten, von dem Tacitus in der Germania, 
Kap. 15 erzählt und der seltsam gegen ihre Rührigkeit im Krieg absticht, vergleicht 
Theodor v. Bernhardi die Ruhe- und Schlafsucht der vornehmen englischen Fuchs- 
jäger, wenn die Jagdzeit vorüber ist. An die Raserei der nordischen Berserker 
erinnern die bajuvarischen Robler und Raufer, bei denen gleichfalls übermässige 
Kraft ihre Entladung sucht und sich sogar in krankhaften Anfällen äussert. Das 
wahllose Niederstechen harmloser Personen gehört ebenfalls in diese Kategorie. 
Ein deutlicher Zweck verband sich damit, wenn vor der Zeit der allgemeinen 
Wehrpflicht zur Verzweiflung getriebene Soldaten den ersten besten niederstachen, 
um durch den Henker von den Qualen des Dienstes befreit zu werden. Namentlich 
Kinder waren dadurch gefährdet und der bekannte Berliner Schulmann v. Klöden 
hätte in zartem Alter beinahe auf diese Weise das Leben verloren. Die Lähmung 
Wielands mittels Durchschneidens der Fussschnen stellt man gern mit der Lähmung 
des Hephaistos zusammen, die doch in ganz anderer Weise vor sich ging. Aber 
wir haben mittelalterliche Belege aus Italien, wonach Gefangene in dieser Weise 
gefesselt wurden. „Den Daumen aufs Auge drücken'' gebrauchen wir in bildlicher 
Rede: rohe Gesellen im England des 17. Jahrhunderts brachten so die Leute um 
ihr Augenlicht. Das uralte Steinwerfen wird noch in der Schweiz geübt. Einen 
Beleg für Wettkämpfe im Rätselraten, die mehrere eddische Lieder uns vorführen, 
giebt Auerbach im Barfüssle. Stufen der Heiligkeit und V'^erlässlichkeit des Eides 
werden bis auf den heutigen Tag unterschieden, wie schon in der Liederedda. 
Jünger ist der Gebrauch der Flohfallen, dass nämlich die Frauen ein Stück Flanell 
oder Fell am Halse tragen. Der Vortragende kennt Belege vom 17. Jahrhundert 
an. Herr Bankrepräsentant Waiden bemerkte u. a., dass das Augendrücken noch 
in den Alpenländern vorkomme und dass ein Hinauspressen des Auges nicht zu 
seiner Zerstörung zu führen brauche. Den torpor der germanischen Krieger führt 
er z. T. auf ein Nachholen des eingebüssten Schlafes zurück. Herr Syndikus 
Dr. Minden wies auf den Unterschied zwischen Eid und Versicherung an Eides- 
statt im preussischen Landrecht hin. — Herr Privatdocent Dr. Max Friedländer 
besprach ältere deutsche Volkslieder und führte ihre Melodien im Gesänge vor, 
sie vergleichend mit den Kompositionen älterer und moderner, mit Namen bekannter 
Tonsetzer, während die Komponisten der volksmässigen Weisen so unbekannt sind 
wie die Dichter der Texte. Ein Zusammonhanff freilich zwischen ^'olks- und 



2-24 Roediger: Protokoll!^. 

Kunstmusik besteht zu allen Zeiten. Wir würden von den alten Volksmelodien 
noch viel weniger wissen als jetzt, wenn wir nicht die Quodlibete besässen und 
in geistlichen Messen profane Weisen als Tenore erhalten wären, um die die 
kunstvolle Ausführung sich rankt. Benn die höfische Dichtung hatte das alte, ein- 
fache Volkslied zurückgedrängt; im U. Jahrhundert trat es zwar wieder hervor, 
aber zu Ende des 16. wich es bei erneuter Trennung der Stände abermals ins 
niedere Volk zurück. Erst im Ui. Jahrhundert zeichnete man die Melodien auf, 
weil der kunstvolle mehrstimmige Gesang dazu nötigte. Dennoch wusste das 
o-anze Volk sie zu singen, weil Gesang die Hauptunterhaltung war und auch der 
Bedarf der Kirche ihn förderte. Wie sehr sind wir in dieser Hinsicht jetzt herab- 
gekommen und wie wenige Gesänge selbst der grossen Meister leben heut im 
Volke! Im 17. Jahrhundert herrschen in den Kompositionen der Kunstpoesie un- 
erfreuliche Melodien und vom Volkslied wissen die Gebildeten nichts mehr. Nur 
die Kirchenlieder bewahren noch kernhafte Weisen. Selbst Heinrich Albert, von 
dem wahrscheinlich die erste Komposition von Dachs .Anke van Tharaw" herrührt, 
der auch Dachs „Die Lust hat mich gezwungen" mit einer volksmässigen Melodie 
ausgestattet hat, steht doch meistens unter dem Einlluss der Franzosen und Italiener. 
Die Wiederausgrabmig des Volksliedes im 18. Jahrhundert, Nicolais Spott darüber 
sind bekannte Dinge. In Nicolais Almanach stehen nicht nur wirkliche Volks- 
melodien, sondern auch viele Reichardtsche und einige von Nicolai selbst. Die 
parodistische zu der Ballade „Es reit ein Herr und auch sein Knecht" hat Brahms 
sich verleiten lassen, in seine Volksliedersammlung aufzunehmen. Namentlich 
Kompositionen dieses hervorragenden Meisters verglich der Vortragende mit alten 
Volksweisen, um den Unterschied der Auffassung klar zu machen. Herr Professor 
Erich Schmidt verteidigte die Tappertsche Bearbeitung des Textes „Es steht ein 
Lind in diesem Thal — Ach Gott, was thut sie da?"^ Wir besitzen dazu eine 
Brahmssche Melodie, zu den ursprünglichen Worten eine dos IG. Jahrhunderts. 

Max Roediger. 



Zeitschritt de5 Vereins Kir Vollrskunde 1897. 



Fkj. I 




-2 ?.5. 




Hy. :i 




Ar nidd.stcin von ()., 11'., MV. 



Der ScMmmelreiter und die weisse Frau. 
Ein Stück deutscher Mythologie. 

Von Wilhelm Schwartz. 

Die Mytliologien sind uicht, wie man noch vielfach meint, aus einer 
spekulativen Naturbetrachtung Einzelner hervorgegangen, die sich für die 
grosse Menge in eine gewisse Symbolik oder Bildersprache kleidete. Sie 
sind vielmehr das natürliche Produkt eines eng an die Natur sich an- 
schliessenden Volksglaubens, der sich überall in einer gewissen Parallele zu 
analogen, auch in der Sprachbildung zur Geltung kommenden Natur- 
auschauungeu und Jletaphern entfaltete, und in dem die ersten Keime 
einer Art von Weltanschauung und eines an dieselbe sich allmählich 
anschliessenden, religiösen Empfindens ihren Ausdruck fanden und sich 
weiter zu entwickeln begannen. 

Indem nämlich der Naturmensch alle wunderbaren, ephemeren Er- 
scheinungen und Vorgänge, die in den gewöhnlichen Gang der Natur oder 
seines eigenen Lebens plötzlich und geheimnisvoll in einer ihm unbegreif- 
liclien Weise eingreifen, noch nicht mit dem kritischen Auge einer kultu- 
rellen Zeit, sondern noch in voller und gläubiger Unmittelbarkeit der An- 
schauung unter dem Bilde, welches ihm entgegentritt, phantasievoll auffasst 
und sich zurecht legt, keimt in ihm der Glaube an eine ihm überall ent- 
gegentretende Zauberwelt und an die verschiedensten, sich in ihr geheimnis- 
voll bewegenden Wesen, die gelegentlich sich ihm bald unmittelbarer, 
bald in allerhand Symptomen und Wirkungen bemerkbar zu machen 
scheinen, und von denen er unter Umständen sich beeinflusst wähnt. 

Wenn schon das Traumleben in dieser Hinsicht dem Naturmenschen 
eigenartige Perspektiven eröffnete und u. a. in ihm einen gewissen Geister- 
und (iespeusterglauben anregte, so war es doch vor allem das in den 
weiten Himmelsräumen in den Wolkenschicliten so geheimnisvoll wie 
wunderbar sich absjjielende Treiben von Wind und Wolken, — das 
namentlich im Gewitter, in Regen und Sturm, in Blitz und Donner, wenn 
fast alles in Wasser und Pener unterzugehen schien, seinen Höliepunkt 

Zeilscbr. d. Vereins f. Volkskunde. 18a7. 15 



226 Schwartz: 

erreichte, — welches immer wieder seine Aufmerksamkeit fesselte und in 
ihm den Glauben an geheimnisvolle, dort oben zauberhaft waltende Wesen 
weckte, zumal sie unter Umständen auch direkt in die ihn umgebenden 
Verhältnisse, ja in sein eigenes Leben eingriffen. Sah er doch mit leib- 
haftigen Augen, wie ein plötzlich losbrechender Sturm mit geheimnisvoller 
Gewalt alles vor sich niederwarf oder mit sich fortriss; wie, wenn das 
Unwetter weiter sich entwickelte, am Horizont von allen Seiten geheimnis- 
voll „in Wolken gehüllte" Wesen aufstiegen, die mit dem Sturm dann bald in 
wilder Jagd dahin zu rasen und mit dämoiüsclien Ungeheuern zu kämpfen, 
bald unter grellem, die Gewittern acht erleuchtenden Fackellicht geheimnis- 
volle „Umzüge" zu halten schienen, und meinte ebenso, denselben nicht näher 
treten zu dürfen, wenn er nicht, von dem Anhauch eines der umfahrenden 
Geister oder von seinem (im Blitz) niederfahrenden Geschoss getroffen, an 
seinem Leibe Schaden leiden oder gar das Leben verlieren solle. 

An alle derartige, in der Natur angeblich auftretende Vorgänge knüpften 
sich nun die mannigfachsten mythischen Bilder'), indem die Formen der 
Erscheinungen schon an sich variierten, auch uacli den lokalen Verhält- 
nissen sich verscliieden entwickelten, — je nachdem sie z. B. an einem weiten 
Horizont oder an einem von Bergen begrenzten auftraten, — dann auch die 
Auffassung von selten der Menschen danach wechselte, ob diese bei Deutung 
derselben von ihren speciellen Lebensverhältnissen und danach sich richtenden 
Anschauungen oder von einem allgemeinen Standpunkt ausgingen. 

So lange das Leben eines Volkes sich mehr in einzelnen land- 
schaftlichen Kreisen in primitiveren Formen vollzog, waren auch die sich 
entwickelnden mythischen Vorstellungen primitiver und beschränkter. 
Je mehr es aber schon kultureller und geistiger angehaucht sich zu ge- 
stalten anfing, desto umfangreicher und gehobener wurden auch diese, 
während andrerseits unter dem Reflex eines allmählich rationeller werdenden 
Denkens auch schon eine Art Zusammenhang und Ordnung in die mythischen 
Gestaltungen kam, indem die Naturbilder sich in der Tradition schon 
immer mehr um einzelne, angeblich besonders hervortretende Wesen 
gruppierten und die letzteren so mit der Zeit einen immer bestimmteren 
Typus und eine eigenartigere Beziehung auch unter einander erhielten. 

Namentlich gilt dies von den Wandlungen, die in der Gestaltung der 
„Gewittermythen" und der in ihnen auftretenden Wesen vor sich gingen, 
wenn z. B. unter dem Einfluss eines allgemeiner werdenden Ackerbaues 
der Mensch nicht bloss als Jäger, Hirt oder Fischer die Natur beobachtete, 
sondern auch auf den Wechsel der Jahreszeiten und die denselben angeblich 
beeinflussenden Himmelserscheinungen mehr zu acliten begann, bei dem 



1) s. W. Schwartz, Die poetischen Naturanschauungen der Griechen, Römer und 
Deutschen in ihrer Beziehung zur Mythologie. Berlin bei Hertz 18G4 und 1879. I. Bd. 
Sonne, Mond und Sterne. II. Bd. Wolken und Wind, Blitz und Donner. 



Der Schimmelreiter und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie. 227 

besouders in deu gemässigten Zonen gerade die (Tewitter im Frühling und 
Herbst eine besondere Rolle spielten. Erliielten von diesem Standpunkt 
aus, wie die griechische Mythologie neben der deutschen am anschaulichsten 
zeigt, die den Sommer einleitenden Frühlingswetter eine besondere Be- 
deutung, indem in ihnen die Natur aus ihrer winterlichen Erstarrung erlöst 
und neu belebt zu werden schien, so wird es erklärlich, dass u. a. auch 
die Frühlings- und Sommersonne, die gleichzeitig verjüngt am Himmel 
wieder erschien, in einer anthropomorphischen Auffassung in die Scenerie 
hineingezogen wurde und die Gewitterwesen so allmählich zu Somnierwesen 
wurden und sich damit der Kreis ihrer Einwirkung auf die Natur weitete.') 

Rückt so oder in ähnlicher Weise überall die Mythenbildung dem 
Leben eines Volkes im gewissen Sinn gleichsam nach, so entsteht eine 
ganz neue eigenartige Phase der Entwicklung auf dem mythologischen 
Gebiet, wenn ein nationales Band die einzelnen Volkskreise zu vereinen 
beginnt und sich allmählich aus den in diesen entstandenen mythischen 
Vorstellungen und Traditionen, die sich meist eng an die Natur anschlössen, 
unter dem Einfluss einer immer gemeinsamer werdenden Kultur- und 
Geistesentwicklung eine gemeinsame nationale Mythologie herausbildet, 
in der die Mythen möglichst poetisch vergeistigt und die alten Natur- 
wesen nicht bloss immer anthropomorphischer und idealer gefasste, ethische 
Gestalten werden, sondern auch unter dem Relief einer an den verschiedenen 
Kultusstätten oder im Gebrauch ihnen von einem Geschlecht zum anderen 
gezollten Verehrung einen Charakter erhalten, der sie als frei waltende 
überirdische Mächte erseheinen lässt und sie allmählich so zu dem Rang 
von Göttern erhebt.^) 

Bei der Entwicklung der Mythologie eines Volkes erwächst hiernach 
der Forschung die Aufgabe, bei den lokalen mythischen Traditionen, so 
weit sie noch den alten prähistorischen Volksglauben abspiegeln, als der 
Grundlage der entsprechenden nationalen Mythologie, nach Möglichkeit 
einzusetzen und von ihnen aus die Wandlung der mythischen Vorstellungen 
durch die historischen Zeiten zu verfolgen. In jenen volkstümlichen, sich 
noch meist, wie erwähnt, eng an die Natur anschliessenden mythischen 
Bildern liegen auch die Verhältnisse im ganzen einfacher und fasslicher 
und ermöglichen so leichter eine sichere Grundlage für die weiteren ünter- 



1) W. Schwartz, Von deu Hauptphasen in der Entwicklung der altgriechischen Natiu-- 
religion. Berlin 1896 bei Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), S. 13 ff. Gelegentlich findet 
auch in den Mythologien eine umgekehrte Wandlung statt. 

2) Am klarsten tritt auch dies in der griechischen Mythologie hervor (s. W. Schwartz, 
Nachklänge prähistorischen Volksglaubens im Homer. Berlin 1894 bei Seehagen, S. 4), 
wo man auch noch deutlich verfolgen kann, wie sich in der immer nationaler werdenden 
Mythologie an angeblichen Beziehungen der Götter zu einander Vorstellungen von 
einem geschwisterlichen, bezw. ähnlichen Verhältnis derselben knüpft und zuletzt an 
einem Gegensatz von älteren und jüngeren Gottheiten sich sogar eine Art Genealogie 
«ntwickelt. 

15» 



228 Schwartz: 

suchungen zu gewinnen. Hauptbedingung bei der Darstellung ist dabei 
nur, dass sich die einzelnen Bilder in ihrem Anschluss an die Natur klar 
abheben und so der Glaube an die in ihnen angeblich auftretenden Wesen 
sich als etwas für jene niythenschaffende Zeit Natürliches ergiebt. 

Als ich im obigen Sinne im Winter 1849/50 in meiner Schrift „Der 
heutige Volksglaube und das alte Heidentum mit Bezug namentlicli auf 
Norddeutschland" als ein Resultat der jahrelang in diesem mit Kuhn 
fortgesetzten Wanderungen') zuerst die Behauptung aufstellte, „dass der 
im deutschen Landvolk noch zum Teil fortlebende Volksglaube nicht ein 
entarteter Niederschlag eines alten Götterglaubens sei, wie J. Grimm 
in seiner deutschen Mythologie vom Jahre 1837 und 1843 ihn zunächst 
behandelt hatte''), sondern dass er, bei der an ihm noch charakteristisch 
hervortretenden Anlehnung an die Natur, in der Hauptsache gerade um- 
gekehrt die alte elementare oder volkstümlich niedere Mythologie, wie 
ich sie nannte, enthalte und dass auch die in ihr auftretenden Wesen noch 
nicht als Götter, sondern nur als eine Art Naturwesen anzusehen seien, 
die so gefasst wurden, wie sie sich zu geben schienen": habe ich diese 
Prinzipien zuvörderst an den Sagen von der sogenannten wilden Jagd 
dargelegt.') Die Sagen vom Umzug des Wod, des wilden Jägers, des 
Nachtjägers, des Hackelberg oder eines ihm entsprechenden weiblichen 
Wesens, der Frau Gode, Frick, Harke, Frau Holle u. s. w. ergaben sich 
nämlich deutlich als im Gewitter geglaubte Umzüge des Sturmes, bezw. 
der AVindsbraut unter Heranziehung von allerhand in Blitz und Donner 



1) s. neben den Märkischen Sagen von Kuhn vom Jahre 1843, Berlin bei Reimer, 
und meiner Volksausgabe von denselben (III. Aufl., 1895, bei Hertz): „Die Norddeutschen 
Sagen und Gebräuche aus Mecklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, 
Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen. Aus dem Munde des Volkes ge- 
sammelt von A. Kuhn und \V. Schwartz, Leipzig bei Brockhaus 1848, sowie meinen im 
Jahre 1894 im Berliner Verein für Volkskunde gehaltenen und im Archiv der Branden- 
burgia, I. Bd., S. 143 — 157 abgedruckten Vortrag: V^om Sagensammeln. Erinnerungen 
aus meinen Wanderungen iu den Jahren 1837 — 1849." 

2) In einer in der Berliner Akademie im Jahre 1855 von J. Grimm gelesenen Ab- 
handlung Über den Namen des Donners hat derselbe zwar dann auch von Natur- 
gottheiten gesprochen und damit auf eine genetische Entwicklung des Gottesbegriff in der 
Mythologie hingewiesen, was ich um so mehr mich verpflichtet fühle anzuführen, als ich 
bei Skizzierung seines Standpunktes in dieser Hinsicht in meiueni Indogerm. Volksglauben, 
Berlin 1885 (bei Seehagen) es nicht erwähnt habe. Aber es steht diese Äusserung von 
ihm isoliert da und in der Wissenschaft sind die Ausführungen seiner deutschen Mytho- 
logie immer doch meist massgebend geblieben, so dass man stets an diese wieder an- 
zuknüpfen und zu ihnen Stellung zu nehmen genötigt ist. 

3) s. neben der oben erwähnten Schrift „Vom heutigen Volksglauben", welche zuerst 
im Jahre 1850 als Programm des Friedr. Werderschen Gymnasiums zu Berlin dann als 
Separatabzug (sowie 1S(;2 in II. erweiterter Auflage) bei Hertz erschien, die Einleitung 
zu der Progr.-Abh. derselben Anstalt im Jahre 1858 „Vom heidnischen Volksglauben in 
seiner Anlehnung an die Natur." (Beides wieder abgedruckt in meinen Prähistorisch- 
antbropolog. Studien. Mythologisches und Kulturhistorisches. Berlin bei Hertz 1884). 



Der Schimmelreiter und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie. 229 

sich dabei angeblich bekundenden und die Sceuerie ausführenden Xatur- 
bildern. 

Wenn icli jetzt, naclidem ich ähnliche Grundsätze in immer weiteren 
Kreisen, auch auf dem Gebiet des klassischen Altertums verfolgt habe, 
hier noch einmal zu den erwähnten Gestalten des deutschen Volksglaubens 
zurückkehre und sie mit anderen, durch das ganze Deutschland sich hin- 
ziehenden ähnlichen mythischen Gebilden riesenhaft gespenstischer Art 
unter dem Kollektivnamen „Der Schimmelreiter und die weisse Frau" 
zu behandeln gedenke, so bin ich durch besondere TJmstäude veranlasst 
worden, mich wieder mit ihnen zu beschäftigen, da neuerdings gerade ein 
Teil des hierher schlagenden Sagenmaterials von einem begrenzten und 
einseitig litterarischen Standpunkt aus in eigentümlicher Weise verkannt 
und verzerrt, ja schliesslich zum Teil sogar bemängelt worden ist. 

Indem man nämlich vor allem an die betreffenden Gestalten irrtümlich 
nicht den 3Iassstab von Naturwesen, sondern von Göttern, zumal in der 
überspanntesten Weise, anlegte, und die Sagen zu denselben zum Teil 
nicht zu passen schienen, kam man zu einer ganz schiefen Auffassung der 
Verhältnisse, welche sich schliesslich sogar zum Teil dahin zuspitzte, dass 
man in den betreffenden Traditionen weniger volkstümlich - heidnische 
Reminiscenzen, als vielmehr mittelalterliche Sagenbildungen der wunder- 
lichsten Art erblicken wollte.') 

Als ich darauf aufmerksam wurde, dass die erwähnten Erörterungen 
die Bedeutung, ja sogar den mühsam mit der Zeit gesammelten Bestand 
des deutschen Volksglaubens stellenweise zu gefährden anfingen, (besonders 
da über die Art des Fortlebens von Sage und Gebrauch im Volke nicht 
überall klare Vorstellungen herrschten), beabsichtigte ich zuerst, wie ich 
es auch anderweitig schon ausgesprochen habe'), die Punkte zu erörtern, 
an denen man irrtümlich Anstoss genommen hat und weiter dann zu aller- 
hand Behauptungen eigentümlicher Art gekommen ist. Ich habe dies zwar 
nicht aufgegeben, halte es jedoch im Interesse der Wissenschaft für an- 
gethan, da sich mir hier eine geeignete Gelegenheit dazu bietet, überhaupt 
erst noch einmal in eingehender W^eise die mythischen Gestalten, um die 
es sich handelt, in ihrer Beziehung zur Natur und in dem hieraus sich 
ergebenden primitiven Charakter derselben klar zu legen, ehe ich die 
vorgebrachten einzelnen Ausstellungen erörtere, da diese dann sich um so 
leichter und teilweise von selbst erledigen dürften. 



1) Ich habe besonders dabei im Auge die Erörterungen Knoops in der Zeitschr. von 
Veckenstedt und in der Monatsschrift .Am Urquell" in seineu Artikeln „Die neuent- 
deckten Göttcrgestalten und (jötternamen", wo derselbe unter jener Überschrift 
in buntem Vielerlei sekundärer Erörterungen gegen die mythische Bedeutung der be- 
treffenden Gestalten schliesslich zum Teil überhaupt polemisiert. 

2) Berliner Zeitschrift für Ethnologie vom Jahre 18%, S. 152, Anm. Zeitschrift des 
(Berliner) Vereins für Volkskunde vom Jahre 1897, S. 4, Anm. 



230 Schwartz: 

Das inzwischen (in einem Zeitraum von mehr als vierzig Jahren nach 
meiner erwähnten Publikation vom Jahre 1850) nicht nur auf dem Gebiete 
des deutschen Volksglaubens, sondern auch auf dem der gesamten Mythologie 
überhaupt reich gemehrte Material ermöglicht zumal, wie ich mich überzeugt 
habe, nicht allein eine noch umfassendere Begründung des Sachverhalts, 
sondern bietet auch in demselben Sinne noch weiter die interessantesten 
neuen Perspektiven. Es dürfte sich nämlich ergeben, dass gerade in 
jenen Sagonkreisen sich nocli andere Beziehungen der bedeutsamsten Art 
herausstellen. Denn abgesehen davon, dass nach den umfassenderen neuen 
Forschungen nicht bloss eine oder die andere, sondern noch eine ganze Schicht 
eigenartiger, aus dem alten deutschen Heidentum nachklingender Vorstellungen 
in den vorliegenden Sagen hindurchvibriert-, es knüpfen sich auch einerseits 
die jetzt immer voller sich ergebenden Gestalten noch weiter an analoge 
indogermanische Gebilde direkt an und weisen so auf uralte, gemein- 
same Bezüge znrück, während andererseits das so gewonnene Bild namentlich 
des Wode oder wilden Jägers auch noch auf das schlagendste in seiner 
Parallele zu dem schon nationaler auftretenden Wodan, bezw. zu dem 
nordischen Odhin, den von mir behaupteten Unterschied zwischen niederer 
und nationaler Mythologie noch immer voller erhärtet, so dass auf das 
Verhältnis der verschiedenen erwähnten mythischen Entwicklungsphasen 
zu einander so ein neues, charakteristisches Licht geworfen wird. Ich 
behandle zunächst 

den sogenannten Schimmelreiter, 
der im gesamten Deutschland noch in der Tradition in Sage und Gebx'auch 
hindurchblickt'), in den verschiedenen Landstrichen Norddeutschlands aber 
daneben unter dem S^amen des Wod, Nachtjägers, wilden Jägers. Hackel- 
berend u. s. w. mehr in den Vordergrund tritt, wie ihm auch in Schwaben u. a. 
der Berthold an der Spitze des sogenannten wütenden Heeres, welches nur 
eine landschaftliche Modifikation der wilden Jagd ist, entspricht. 

Auf die geographisch sich gliedernde Verbi'eitung dieser Namen weiter 
einzugehen, habe ich hier keine Veranlassung, zumal ich dieselbe 
schon verschiedentlich anderweitig verfolgt habe, wo es mir darauf ankarii, 
an ihnen, sowie an ähnlichen Traditionen gerade zum Teil für die Gegenden 
zwischen Elbe und Oder, wo ich seinerzeit zuerst mit Kuhn gesammelt 
hatte, die Annahme eines in denselben noch in grösseren oder kleineren 
Gruppen nachklingenden, eigenartigen, aber doch in der Hauptsache dem 
übrigen Deutschland homogenen Volkstums zu begründen.^) Hier habe 



1) Kuhn in Haupts Zeitsclirift für deutsches Altertum vom Jahre 1845, S. 473 f. — 
Wutke, Deutscher Volksaberglaube, Berlin 1869, S. 19. — El. Hugo Meyer, Germ. Myth. 
1891, S.237 ff., sowie Mogk in Pauls Grundriss der gerni. Philol., Stiassburg 1891, I, S. 1071. 

2) Siehe meinen Aufsatz über die Stammbevölkerungsfrage der Mark Brandenburg 
(Mecklenbui-gs und Pommerns) im XX. Bande der Märkischen Forschungen, Berlin 1887, 
S. 104 ff. und 131. 



Der Schimmelrciter und die -weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie. 231 

ich es uur bei den rein mythologischen Untersuchungen mit dem Charakter 
des Wilden Jägers, — welche Bezeichnung ich der Kürze halber im 
Durchschnitt verwenden werde, — als des in den mannigfachsten Variationen 
der Sceuerien sich bekundenden Gewittersturmes zu thun. 

Im allgemeinen ergiebt sich der wilde Jäger, die wilde Jagd oder 
das wütende Heer als ein nächtliches Schattenbild, worauf auch neben der 
erwähnten Bezeichnung Nachtjäger für den Führer des Zuges, — wie sie 
verschiedentlich, namentlich in Norddeutschland strichweise auftritt, aber 
auch in Schweden üblich ist und damit sich als urgermanisch erweist') — 
die in Süddeutschland gebräuchliche Bezeichnung Nachtjagd, Nachtgjaid 
ein Zeugnis alilegt^). 

Auch ein weibliches Wesen spielt stellenweise in die Scenerie 
hinein oder erscheint direkt im Mittelpunkt der Sage, wie ich schon 
auch auf die Windsbraut als ein Korrelat des alten Sturmesjägers hingewiesen 
habe und bei der weissen Frau noch eingehender erörtern werde. Ich 
erwähne hier nur, da ich gelegentlich doch darauf Bezug nehme, einfach 
die Pakta, dass z. B. in Thüringen und Hessen auch Frau Holle in hexen- 
artiger Ausstattung mit fliegenden Haaren als ein gespensterhaftes Wesen 
mit dem wütenden Heere zieht, in Mittelfranken geradezu dann als die 
wilde Jägerin, wie die norddeutsche olle Frick oder Frau Gode auftritt, 
und dass sie in einem Zeugnis des vorigen Jahrhunderts, — wenn es von ihr 
heisst, sie durchstreife das Land mit einem wilden oder wütenden Heere, 
bei welchem man Hunde bellen, Jagdhörner, Jägergeschrei und dergl. mehr 
höre, aber meistenteils nur blosse Schatten sehe, — vom gelehrten Standpunkt 
des Berichterstatters aus, der römischen Diana gleichgestellt wird.') 

Dass aber der nächtliche Hintergrund der erwähnten Schattenbilder 
ursprünglich nicht auf die gewöhnliche Nacht, sondern auf die Gewitter- 
nacht geht, bezeugen allerhand namentlich bei der wilden Jagd in den 
altüberlieferten Sagen noch unter den mannigfachsten Variationen hervor- 
tretende Momente, welche überall Gewittererscheinungen in die Anschauungen 
hineinziehen, indem — abgesehen zunächst von dem Ross des wilden 
Jägers, von dem ich nachher besonders handeln muss, — das Heulen des 
Sturmes, die züngelnden und sprühenden Blitze, sowie der Donner und 



1) Kuhn, ,Der Schuss des ■wilden Jäg-ers auf den Sonnenhirseh" in der Zeitschrift für 
deutsche Philologie von Höpfncr und Zacher, I, 93. 

2) Grimm, M.', 766. 

3) Wolf, Deutsche Sagen und Märchen, Leipzig 1845, S. 578 f. — Dass Krau Holle 
übrigens in ihrem Dualismus zwischen hexenartigeui und lichtem Charakter ursprünglich 
ganz in die Eeihe der erwähnten Gewitterwesen gehört, denke ich nachher bei der weissen 
Frau voll nachzuweisen. J. Grimm fasst sie im ganzen viel zu ideal göttlich, indem er 
hauptsächlich ihre lichte Seite betont und in ihrem Namen (Holda ^ Holde) eine Bestätigung 
dafür findet, während dieser wohl richtiger mit der analogen nordischen HuUa, Huldra in 
Beziehung gebracht und gedeutet wird, worauf auch Mogk, Germ. Myth., S. 1106, hinweist, 
cf. Elard Hugo Meyer, Germ. Myth., Berlin 1891, S. 273. 



232 Schwartz : 

der niederkrachende Wetterstrahl in den verschiedensten Auffassungen die 
mythischen Bilder beleben und auch der beim Einschlagen des Blitzes sich 
bemerkbar machende Schwefelgeruch noch als mythisch gedeutetes Accidenz 
dabei die behauptete Scenerie bestätigt. 

Ich hebe zunächst im Anschluss an meine früheren Darlegungen die 
am typischsten und charakteristischsten sich an die wilde Jagd anschliessenden 
Bilder der Art hervor, indem ich den mythischen Kern aus der übrigen 
Staffage der Sage gleichsam herausschäle und dabei im oben angedeuteten 
Sinne auf die Gewitterraomente hinweise, welche vom gläubig volkstümlichen 
Sinn einst als Eealitäten gefasst in den betreffenden Sagen ihren Nieder- 
sclilag fanden. 

Die Hauptbilder, wie sie sich namentlich im nordöstlichen Deutschland 
am prägnantesten und in einfachsten Formen erhalten haben, sind aber 
folgende ') : 

I. Der wilde Jäger jagt zu Ross, meist auf einem Schimmel, aus dessen 
Nüstern Feuer sprüht, von im Sturm heulenden Hunden umgeben, deren feurige 
Zungen in den Blitzen züngeln, unter seinem im Donner laut tönenden 
Jagdruf dahin. — Wie in der vorher erwähnten Sage von der Frau Holle 
in dem Lärm des Zuges auch Jagdhörner gehört werden, so wird in 
Mecklenburg ausdrücklich auch der wilde Jäger auf seinem Schimmel mit 
einem Waldhorn ausgestattet gedacht *), und was dies Moment noch bedeut- 
samer macht, in Schwaben zieht der Schimmelreiter mit einem solchen 
wie ein treuer Eckart dem wütenden Heere voraus und bläst beständig 
auf demselben, damit jeder, der dem Zuge begegnet, sich vorsehe und 
nicht zu Schaden komme*), ähnlich wie auch in Norddeutschland noch 
geraten wird, wenn die wilde Jagd über einem fortziehe, mitten im Wege 
zu bleiben oder sich platt nieder zu werfen. — In Niedersachsen hat sich 
noch ein Naturbezug eigener Art in einer Sage erhalten, in dem es von 
den heulenden Wolkenhunden Hackelbergs heisst, wenn sie sich schütteln, 
triefe von ihnen Regen, ähnlich wie nach nordischer Vorstellung, wenn die 
Rosse der Valkyrien sich schüttelten, nach der Edda Tau und Hagel 
herabtroff.*) 

II. Furchtbar wird der wilde Jäger, wenn er zürnt. Im geschleuderten 
Blitz wirft er angeblich auf einen Spötter, der in seinen Jagdruf mit ein- 
stimmt, z. B. eine Keule, die einen unerträglichen Gestank verbreitet oder 
lähmt den Frevler. Ist er gnädig, so verwandelt sich seine Spende in 
Gold oder Silber. — Geht der mephitische Geruch, wie ich sclion angedeutet 



1) Die Ausführungen und Belege dazu finden sich, wo nicht ein besonderes Citat 
beigebracht ist, im Heutigen Volksglauben, Urspr. der Mjthol., Poet. Naturausch. u. s. w. 
meist auch in Elard Hugo Meyers und Mogks deutscher Mythologie vom Jahre 1891. 

2) Niendorf, Mecklenb. Sagen, Leipzig 1858, II, 244. 

3) Birlinger, Sagen aus Schwaben. Freiburg im Breisgau 1861. I, S. 33. 

4) Schambach und Müller, Niedersächische Sagen. Göttingen 1855. S. 73. 



Der Scliimmelreiter und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie. '233 

habe, auf deu Schwefelgeruch, welcher den Blitz, wenn er einschlägt, be- 
gleitet, so knüpft nach anderen Analogien das Gold, bezw. Silber an den 
Glanz desselben an. 

in. Vom theriomorphischen Standpunkt aus gilt die Gewitterjagd einem 
Eber, indem man in dem die Wolken durcliwülilenden Wii'belwird und in 
den dieselben schräg durchfurchenden Blitzen das Treiben eines solchen 
Tieres und seines leuchtenden Hauers wahrzunehmen wähnte'), oder einem 
Hirsch, indem man aus den mehrzackigen Blitzen auf ein Geweih und so 
auf ein Tier der letzteren Art schloss.^) 

IT. Vom anthropomorphischen Standpunkt aus tritt dem wilden Jäger 
ein weibliches Wesen zur Seite, nämlich die den Sturm begleitende sogen. 
Windsbraut und zwar in zwei Modifikationen, je nachdem dieselbe mit 
ihm vereint dahinjagend oder, weil sie oft dem Sturm vorangeht, als von 
ilim verfolgt gedacht wurde. Ersteres gilt u. a. besonders von der schon 
erwähnten Frau Holle in Tluiringen, Hessen und Franken, wo sie in den 
Sagen mit dem wütenden Heer am Himmel dahinzieht imd man in dem 
leuchtenden Blitzgeringel die fliegenden und verwirrten Haare des Sturmes- 
wesens, den sogen. Hollenzopf, zu erblicken wähnte. Letzteres tritt mehr 
in den niederdeutschen sowie dänischen und schwedischen Traditionen her- 
vor, indem in denselben die Windsbraut noch einfach als ein gespenster- 
haftes Wesen erscheint, — dem aber die charakteristischen Haarsträhnen 
schliesslich auch nicht fehlen, — welches gemäss der zweiten angedeuteten 
Scenerie vor dem verfolgenden Sturm sich flüchtet, indem es sogar ge- 
legentlich die Gestalt wandelt, z. B. in einer Sage, die ich im Havelland 
einst hörte, als ein „witt klüt" vor dem wilden Jäger dahin wirbelt, was 
in Parallele zu anderen ähnliclien Bildern in besonderer Weise auch wieder 
an gewisse Gestaltungen des Blitzes anknüpft; s. meine Poetischen Natur- . 
anschauungen u. s. w., 1, 256 (über den Hollenzopf daselbst H, S. 103). '). 

V. Im Anschluss an den rollenden Donner erscheint in dem Gewitter- 
zuge auch ein Wagen, auf dem das betreffende männliche, bezw. weibliche 
Wesen einherfährt. Er ist das Prototyp des Donnerwagens, der in der 



1) Gelegentlich erscheint der Elior in charakteristischer Weise einäugig: Prähist. 
Studien, S. 377. Wenn ich damals (im Jahre 1877) an das Sonnenauge dabei dachte, 
möchte ich doch die Einäugigkeit auch in diesem Falle — wie beim Odhin — jetzt mehr 
gleichfalls im Gewitterbilde wieder finden und zwar in dem schräg aus deu Wolken zuckenden 
Blitz, als einem Augenstrahl: s. in meinem indogerm. Volksglauben v. Jahre 1885 (Berlin 
hei Seehagcn) das Kapitel von den einäugigen Gewitterriesen. 

2) Poet. Naturansch. u. s. w. I, 75. II, 95. 158. Prähist. Studien, S. 509, Anni. 

3) In einer der obigen ähnlichen englischen Sage, welche Mannhardt in seinem 
Baumkultus, S. 122, Anm. beibringt, tritt an Stelle des „witt klüt" ..ein weisses Kaninchen". 
Es schliessen sich beide Vorstellungen der Anschauung an, dass der Blitz z. B. auch als 
eine rollende Kugel oder Knäuel erscheint, wie ich im Urspr. der Myth. gelegentlich aus- 
geführt habe, — ein Naturbild, welches Wilibald v. Schuleuburg aus eigener Erfahrung 
dann in der Berl. Zeitschr. f. Ethnol. v. J. 1882, S. (39) bestätigte. 



234 Schwartz: 

deutschen, wie überhaupt indogennaniscluMi Mythologie so mannigfach auf- 
tritt (dann aber in Erweiterung der Vorstellung vom Vorhandensein eines 
himmliscJien AVageus gelegentlich auch als Sonnenwagen galt).') 

Die angedeuteten, typisch wiederkehrenden Naturbilder entwickeln sich 
aber stellenweise noch iu einzelnen Nüancierungen weiter. So kommt in 
den beiden letzten Scenerieu z. B. noch eine angebliche Stockung des 
Grewitterzuges zum Ausdruck, wenn nämlich das Gewitter nicht weiter zu 
rücken, sondern wie fest gebannt im Zenith stehen zu bleiben schien. In 
der Sage von der Verfolgung eines Weibes wird dabei das Bild sich 
kreuzender Blitze — die man in der Ober|)falz noch Kreuzlichter nennt, — 
als ein verhängnisvoller Kreuzweg dort oben") wie oft in die Scenerie 
hineingezogen, an welchem das Weib sowie der Jäger aufgehalten zu werden 
schien und erst von jemandem, wie es in der Form der Sage heisst, 
hinüber gebracht werden musste. — Am rollenden Gewitterwagen aber 
erweitert sich das Bild dahin, dass das angebliche Anhalten des Gewitters 
davon herrühre, dass in einem niederkrachendeu Wetterstrahl etwas an 
dem himmlischen Wagen gebrochen sei und alles nun erst wieder in den 
nachfolgenden sprühenden Blitzen zurecht gehämmert werde, ehe es weiter 



1) Daneben erscheint die im Gewitter in den himmlischen Wassern dahinziehende 
Wetterwolke auch als ein Schiff, in welchem das betreffende himmlische Wesen dahinfährt 
oder, wie die Lokalsage sich gewöhnlich ausdrückt, sich übersetzen lässt: Frau Harke z. B. 
über die Elbe, die ihr entsprechende Perchta über die Orla. Grimm, M.'', S. '228. — 
Beides — Wagen und Schiff — wird im obigen Sinne übrigens für die Er- 
klärung verschiedener altheidnischer, prozessionsartiger Gebräuche noch 
wichtig, die im Anschluss au den Umzug mit dem heiligen Wagen der sogenannten 
Nerthus, welcher nach Tacitus verhüllt die Gottheit barg, J. Grimm, M.* 214 ff. des aus- 
führlicheren behandelt hat. Es sind aber die von J. Grimm erörterten, feierlichen, unter 
Jubel eingeholten prozessionsartigen Aufzüge mit einem verhüllten Wagen oder einem 
(auf Rüder gesetzten) Schiff, nach den oben entwickelten Anschauungen, lu-sprüuglich nichts 
Anderes als eine einfache iiiiujoi; eines in den ersten Frühliugswettern angeblich mit einem 
solchen geheimnisvollen Wolken-Gefährt am Himmel stattiindenden Einzugs einer neuen oder 
zurückkehrenden sommerlichen Gottheit. Und es reihen sich derartige Umzüge ähnlichen 
Frühlingsgebräuchen an, wie ich sie u. a. in diesem Bande der Zeitschrift, S. 2 ft'. entwickelt 
habe, in denen das nach langer Winternacht in den ersten Gewittern wieder sichtbar 
werdende, neue himmlische Feuer mit den es begleitenden Erscheinungen in allerhand 
analogen Feuerkulten, z. B. durch Anzünden grosser Feuerfanale auf den Höhen, jubelnd 
nachgeahmt wird. — Bestätigt wird diese meine Deutung noch dadurch, dass statt des 
verhüllten Wagens oder eines Schiffes gleichfalls gelegentlich auch noch ein mit einem 
Feuer ausgestatteter Pflug, ein sogenannter feuriger Pflug tritt, und der Umzng mit einem 
solchen auch ein ähnliches mythisches Korrelat findet, indem nach altindogennanischer 
Naturanschauung speciell in einem am Himmel „herumziehenden" Gewitter, wenn die Blitze 
unter rollendem Donner in horizontalen Streifen die Wolken wie mit Rädern durchfurchten, 
ein wunderbares Pflügen dort oben vor sich zu gehen schien, eine Vorstellung, welche 
vielfach in alten mythischen Bildern sowie Gebräuchen auch bei Römern und Griechen, 
zum Teil gleichfalls bei den Finnen zum Ausdruck kommt, s. Poet. Naturansch , II, 106. 

2) Über den himmlischen Kreuzweg im obigen Sinne s. Poet. Naturansch., II, 105, 
sowie meine Schrift „Der Blitz als geometrisches Gebilde nach prähistorischer Auffassung" 
in der Festschrift des Posener naturwissenschaftlichen Vereins vom Jahre 1887, S. 2.'8 ff'. 



Der Schimmelreiter und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie. 235- 

gehen könne.') — Auch die allgemein unter entsprechenden Umständen 
übliche Redewendung, das Gewitter kehre zurück, wenn es nämlich schon 
vollständig abgezogen schien, plötzlich aber wieder da ist, findet ihren 
natürlichen Ausdruck in dem öfter auftretenden Zug der ersteron Sage, 
dass der wilde Jäger von der Jagd zurückkehrt und das Weib vor sieh 
quer auf dem Rosse mit ihren langen, kreuzweis zusammengebundenen 
Haaren liegen habe, indem die immer noch angeschwollene Wetterwolke 
mit den gelegentlich sie noch umflatternden Blitzsträhnen das verfolgte 
und erjagte Weib (mit seinem Hollenzopf) zu bergen scheint.^) 



Habe ich alle diese Züge seinerzeit im Heutigen Volksglauben und 
bei anderer Gelegenheit eingehend in den betreffenden Sagen weiter aus- 
geführt und belegt, so bietet schliesslich das Ross, welches der wilde 
Jäger reitet, noch besondere neue Perspektiven, denen ich jetzt nachgehen 
will. Nachdem ich nämlich in meiner Schrift vom Urspr. d. Myth., Berlin 
1860 speciell die tierartigeii mythischen Gebilde bei Germanen, Römern 
und Griechen beliandelt und in dem Kapitel von den sogenannten Pferde- 
göttheiten den Ursprung der Vorstellung himmlischer Rosse überhaupt • — der 
tonantes equi des Horaz, — an der Anschauung vom hallenden Donner 
als dem Donnergaloppschlag ihrer Hufe, wie Bürger sagt, in reicher Fülle 
nachgewiesen habe, bedarf es wohl weiter keiner Auseinandersetzung, dass 
auch das Ross, welches der wilde Jäger im Gewitter reitet, das Donner- 
ross sei, ähnlich wie in gi-iechischen Sagen Zeus ein solches im Pegasus 
hat, das in der niederen griechischen Mythologie noch drastisch als solches 
auch hervortritt, wenn Bellerophon auf ihm aus der Höhe den Kampf mit 
dem bösen Gewitterdrachen, der Chimaera, bestanden haben sollte. *) 

Ein Moment tritt aber noch bei dem Ross des wilden Jägers bedeutsam 
hervor, dass nämlich fast durchgehend dasselbe, wie schon gesagt, als 
ein Schimmel erscheint und der wilde Jäger in Sage und Gebrauch auch 
fast durch ganz Deutschland dementsprechend den Namen Schimmel- 
reiter führt. 



1) Heutiger Volksglaube vom Jahre 1850. S. 20. 

2) Über das Bild, s. u. a. Heutiger Volksglaube, II. Aufl. v. J. 1862, S. 46 f. Ein 
Pendant zu demselben bietet teilweise W. Rabe, Der Regenbogen. Stuttgart und Leipzig, 
II, S. 183, wo der Verfasser den „Kurator" vom Teufel — aber auf einem schwarzen Gaul 
in Bezug auf die dunkle Gewitterwolke — geholt werden lässt und es heisst: „Vom Drei- 
Kronenfort aus hatte man den Bösen auf einem schwarzen Gaul hoch in der l.uft gesehen, 
und den Herrn Kurator hatte er wie einen Sack vor sich über den Sattelknopf geworfen 
und bis nach Schonen hinüber konnte man den feurigen Hufschlag in den Wolken ver- 
folgen." 

3) Zeus wurde eben in gehobener nationaler Auffassung nicht mehr reitend, sondern 
auf dem Donnerwagen gedacht: das Donnerross blieb aber in der Tradition an ihm haften 
unter der angeblichen Form, dass es ihm Donner und Blitz zutrüge, was doch den Ein- 
druck einer nachträglichen Motivierung macht. 



236 Schwartz : 

An diesem Punkt möchte ich weiter einsetzen, zumal er noch nicht 
voll klar gelegt ist. Denn wenn manche sieh damit obenhin abfinden, den 
Schimmel beim Wod, Hackelberend u. s. w. als des Gottes weisses Sonnen- 
ross zu fassen, so müsste doch diese Vorstellung erst als eine selbständige 
und vor allem frühere erwiesen werden, und der springende Punkt der 
ganzen Sache wäre und bliebe doch der, wieso der wilde Jäger stehend 
in der Gewitternacht auf einem Schimmel reitend gedacht werden konnte, 
was doch immer wieder darauf zurückführen würde, dass dies in dem 
betreffenden Naturbilde sich mindestens auch so noch besonders bekundet 
haben müsse. Stimmen doch auch andere Parallelen, wie z. B. der slavische 
Swantewit dazu, so dass die Frage sich immer wieder dahin zuspitzt, warum 
das Donnerross unter den himmlischen Rossen gerade als weiss erschien. 
Mannhardt hat schon an verschiedenen Stellen seiner Germanischen Mythen 
von Blitzrossen gesprochen, ohne der ganzen Yorstellung weiter in ihrem 
Ursprung und in ihrer Beziehung auf den vorliegenden Fall nachzugehen. 
Er hat aber mit seiner Bezeichnung das Richtige getroffen, insofern der 
Blitzglanz dem mit ihm auftretenden Donnerrosse einheitlich verbunden 
demselben die weisse Farbe gegeben hat, so dass es gerade in der 
Gewitternacht charakteristisch so erschien und demselben eigentümlich 
erachtet wurde. 

Ich muss, um jeden Zweifel zu bannen, auf die behauptete weisse 
F^rbe des Blitzes etwas näher eingehen. Wenn nämlich in den 
mythischen Vorstellungen gerade bei den Deutschen sonst meist von roten 
■oder blauen Blitzen die Rede ist, so sind dies Nüancierungen, die erst 
wohl bei der verschiedenen Art derselben mit der Zeit, namentlich in 
Bezug auf die sich schlängelnden Blitze, so gefasst worden sind. Das 
allgemeine und wohl primitivere Moment für die Auffassung bot wohl die 
weisslich hell in derDunkelheit der Gewitternacht aufflammende „Lüchtung", 
wie sie auch in den sogenannten Flächenblitzen sich am gewöhnlichsten 
bekundet, die alles, was unter ihrem Reflex aufzutreten schien, in 
derselben lichten Farbe ausgestattet erscheinen liess. Denn nicht bloss 
das Ross des wilden Jägers, sondern auch seine ganze Umgebung, ja er 
selbst erscheint in der Sage gelegentlich als weiss." So jagt der sogenannte 
lutherische Jäger im Luxemburgischen des Nachts mit drei weissen Hunden 
und der schwäbische Berchthold, von dem Grimm eine Schilderung schon 
aus dem 16. Jahrhundert giebt, die um so altertümlicher klingt, als sie 
ähnlicli, wie wir sehen werden, beim Odhin wiederkelirt, erscheint ganz in 
weissem Lichte. Man dachte den Berchthold nicht bloss auf weissem Pferde 
sitzend und weisse Hunde am Strick führend, sondern selbst weiss gekleidet, 
übrigens auch ein Jagdhorn, wie der früher erwähnte Schimmelreitei-, am 
Halse tragend.') 

1) Grimm, M.', 777. Die daselbst aus der Historie Peter Leuens vom Jahre 1560 
abgedruckte Stelle ist in anderer Hinsicht noch höchst interessant. Peter Leu spielt, 



Der Schimmelreitcr und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie. 237 

Die behauptete Beziehung der weissen Farbe zum lichten Blitz steht 
aber auch sonst nicht isoliert da. Wir werden sie in derselben Bedeutung 
auch bei der Gestalt der weissen Frau wiederfinden. Vor allem aber wird 
sie auch im Alten und Neuen Testament durch die Ausstattung der Boten 
Jehovah - Elohims bezw. der Engel erhärtet. Wo es erwähnt wird, ist 
beider Gewand stets weiss (von Linnen), und wie die Boten Jehovahs in 
der lohenden Flamme des Opfers, das bei ihrem Erscheinen entzündet 
wird, wieder auffahren, so wird z. B. Matth. 28, 3 der Engel in seiner 
Erscheinung in seinem schönen, weissen Gewände direkt dem Blitz ver- 
glichen: ^v de fj Idia avrov cog uorgam], pcal to evdvfia ainov Xsv>cöv (bg y^uhv. 

Wie aber eine derartige, durch die ganze Bibel sich hinziehende 
Kontinuität dieser Vorstellung schon auf einen entsprechenden isi'aelitischen 
Volksglauben hinweist, so wird derselbe durch spätere Traditionen, die 
gelegentlich auftauchen, noch in konkreter Weise erhärtet und geweitet. 

Auf eine Anfrage nämlich in dieser Hinsicht schreibt mir mein alter 
Posener Freund und Berater schon in mancher derartigen Sache, Herr 
Dr. Bloch'), dass „I. in der nachtalmudischen Litteratur in einem biblischen 
Auslegungswerk und in Gebetstücken (Piputim genannt) die Engel öfters 
mit Beräkim, d. h. Blitze bezeichnet werden (Zunz, Litteraturgeschichte 
der synagogalen Poesie, S. 30) und H. in den Schrifttrümmern einer von 
ihm selbst entdeckten und charakterisierten mystischen Sekte unter den 
Juden, welche durch Autohypnose sich in ein ekstatisches Träumen versetzte,^ 
„der Jorde mernabah", man kaum unterscheiden könne, ob die Blitze als 
Engel oder göttliches Gefolge hypostasiert sind oder ob die Engel, bei 
ihren Umzügen der Erde zuweilen nahe kommend, als Blitze wahrgenomen 
wurden. Das letztere dürfte wohl das Ursprüuglicliere, Volkstümlichere- 
gewesen sein." 

Doch kehren wir nach obiger Abschweifung zu unserm in der Ge- 
witternacht auftretenden deutschen Schimmelreiter zurück, so hat er 
in seiner Erscheinung und zum Teil auch in der daran sich schliessenden 
Bedeutung in dem slavischen Swantewit, wie schon angedeutet, ein 
charakteristisches Pendant, welches um so bedeutsamer wird, als das zu 
Grunde liegende Naturbild bei demselben sich innerhalb einer nationalen 
und gehobenen Verehrung, welche ihn schon zu einer Art von Gottheit 
stempelt, erhalten hat und sogar noch im Gebrauch einen konkreten Anhalt 
findet. 



heisst es da, Bauerleuten einen Betrug, indem er sich in Berchthold verkleidet. Das- 
beweist für die damalige Zeit bekannte typische Verkleidungen der Art, wie die noch jetzt 
üblichen des Schimmelreiters, der Frau Holle, der Hulken u. s. w. 

1) Ich weise nur auf die höchst interessante talmudische Vorstellung hin vom Auf- 
gehen der Morgenröte als einer aufsteigenden Sonnensäule unter dem Bilde einer Palme, 
eine Anschauung, die noch nicht genug verwertet ist, s. meine Abhandl. über den (roten) 
Sonnenphallos in der Berliner Zeitschr. f. Ethnol. v. J. 1874, wiederabgedruckt Prähist.. 
Studien, S. 293. 



238 Schwartz : 

Nach Saxo Grammaticus besass nämlich Swantewit zu Arkona neben 
vielen Eossen, welclie ihm als Kriegsgott für die daselbst in seinem Dienst 
stehenden Krieger gehalten wurden, ein ihm besonders eigentümliches Ross 
von weisser Farbe, aus dessen Mähne und Schweif Haare zu zupfen ein 
Frevel war, wie es auch nur der Priester des Gottes füttern und besteigen 
durfte, damit das göttliche Tier nicht entweiht wurde. Die Bewohner 
Rügens, sagt speciell Saxo, hatten nun die Meinung, Swantewit führe auf 
diesem Rosse Krieg gegen die Feinde seiner Religion (adversum sacrorum 
suorum bestes). Als Hauptbeweis gelte ihnen dafür, dass dasselbe (nocturno 
tempore stabulo insistens) oft des Morgens mit Schweiss und Staub bedeckt 
erscheine, als hätte es in der Nacht weite Touren gemacht. — Das Motiv 
des Auszuges gehört der Tempelsage an und stimmt zu Swantewits kriege- 
rischem Carakter. Die seiner Gestaltung aber zu Grunde liegende An- 
schauung stempelt ihn auch zu einer Art Schimmelreiter in der Gewitter-, 
dann überhaupt in jeder Nacht gleich dem Wod, Hackelberend u. s. w. in 
der norddeutschen Volkssage, noch mehr freilich gleich dem nationalen 
und auch als Krieg-sgott gedachten nordischen Odhin, von dessen nächt- 
lichen Ritten auch die schwedische Tradition erzählt, wenn er z. B. zu 
«inem nächtlichen Ritt über Land und Meer einst zu Pislir sich bei einem 
Schmied sein Donnerross sollte haben beschlagen lassen*), eine mythische 
Vorstellung, die sich auch sonst an das Gewitter knüpft^) und uns speciell 
an das sprühende Hämmern in Blitz- und Donnerschlägen erinnert, wenn 
in norddeutschen Sagen etwas, das am Gewitterwagen gebrochen, repariert 
zu werden schien. 

Im Kultus des Swantewit klingt es auch nocii charakteristisch an 
■analoge germanische Verhältnisse aus der Zeit an, von der uns Tacitus 
über die damals auch schon sich nationaler gestaltende Mythologie des 
deutschen Festlandes berichtet, welche aber dann in der Völkerwanderung 
und bei der Eiufülirung des Christentums successive in allen Teilen des 
Landes dem Untergang entgegen ging. Bekanntlich diente nämlich 
Swantewits weisses, heiliges Ross auch prophetischen Zwecken bei allen 
Unternehmungen, namentlich kriegerischer Art. Je nachdem, wenn es 
über gekreuzt in den Boden eingelegte Speere geführt wurde, es mit dem 
rechten oder linken Fuss zuerst vorschritt, galt das Zeichen als glücklich 
oder unglücklich. Ähnlich berichtet nun auch Tacitus (Germ. 9. 10) aus 
Deutschland von einem, dem sogenannten Nerthus-Umzug ähnlichen Auf- 
zuge, wo vor dem heiligen Wagen nicht wie bei jenem Kühe, sondern 
weisse Rosse gespannt waren, deren Augurium man beachtete (quos 



1) Petersen, Hufeisen und Rosstrappen. Kiel 18ü5, S. 81. Mogk, Deutsche Mjtli. im 
I. Bde. von Paul, Grundriss der germ. Mythol , S. 1072. 

2) z. B. bei den Neugriechen, wenn sie beim Gewitter sagen: ö &sds xaXiywr^ i' ä?.oy6 rov 
<5ott bcschlUgt sein Ross. Bernh. Schmidt, Das Volksleben der Neugriechen. Leipzig 
1871, S. 32. 



Der Schimmelreiter und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie, 2311 

equos, sagt Tacitus, pi-essos sacro curru sacerdos ac rex vel princeps 
civitatis comitautur, hinnitusque ac fremitus observant), wobei besonders 
das Wiehern und Schnauben der Rosse als ein eigentümliches Wahrzeichen 
für ein von den Tieren ausgeliendes Augurium charakteristisch ist, indem 
es in besonderer Weise sich dem betreffenden Naturkreis anlehnt, aus dem 
das Bild stammt, welches man in dem erwähnten Aufzuge nachahmte. 
Denn wenn die Vorstellung eines himmlischen Wagens von einem im 
rollenden Donner sich augeblich bemerkbar machenden Gewitterwagen ent- 
lehnt ist, wie wir gesehen haben, und die Bespannung mit den weiss 
leuchtenden Blitzrossen sich dem Bilde ganz natürlich nach unserer Unter- 
suchung anschliesst, so ist es nur eine weitere Ausführung desselben, wenn 
man imSturm- und Donnerhall, wie namentlich indischerGlaube uns bestätigen 
wird, das Schnauben und Wiehern der Sturm- und Donnerrosse zu ver- 
nehmen wähnte und diesem, wie allen himmlischen Stimmen, eine pro- 
phetische Bedeutung beilegte. ^) GJalt doch auch noch lange in Deutschland 
dem kriegerisch gestimmten Volke Rossgevi-ieher als ein sieg- und heil- 
bringendes Zeichen. 

Die Bedeutsamkeit des weissen Rosses bei Deutschen und Slaven im 
Volkstum bestätigt sich auch darin, dass dasselbe in den Sagen und Vor- 
stellungen des Mittelalters noch mannigfach fortspukt. Wie der heilige Martin, 
der heilige Georg im Anklang an alte mythische Bilder auf einem Schimmel 
reitet, auch das Pferd Karls des Grossen, welches durch seinen Hufschlag 
— als ein zweiter Pegasus — die Quelle Glisborn geweckt haben sollte, 
als ein schneeweisser Schimmel bezeichnet wird''), treten ähnliche Bezüge 
auch bei den Slaven auf. Nachdem Grohmann in seinem Buch vom Aber- 
glauben und Gebräuchen in Böhmen und Mähren, Leipzig 18(54, I, S. 53 
erwähnt hat, dass weisse Pferde oft glückbringend, dann aber auch als 
Vorboten des Todes erscheinen — was übrigens auch in deutschem Aber- 
glauben hervortritt') — fährt er fort: „Das weisse Pferd spielt überhaupt 
bei den Czechen eine bedeutsame Rolle. Wie Swantewits Pferd in Arkona, 
so war das Pferd der Herzogin Libussa weiss, ebenso das des Ritters 
Horimir und des Königs Wenzel im Blanik, der auch auf den Heiligen- 
bildern stets auf weissem Rosse sitzend dargestellt wird." 

Wird gleich — um das mythische Bild weiter auf indogermanischem 
Boden zu verfolgen, — bei Griechen, Römern und Persern nicht direkt 
von einem Schimmelreiter berichtet, so treten doch weisse Pferde auch 



1) Den Japanern heisst z. B. der Donner Kaminari, göttliche Stimme, den Mongolen 
Oktargojin dagon, Himmelsstimme (s. Grimm, Über die Namen des Donners, Berlin 1855, 
S. 22) und dem entsprechend wird auch bei den Indogcrmanen namentlich der in der 
Ferne grummelnde, murmelnde Donner als ein Ruf aus der Höhe und eine prophetische, 
himmlische Stiraine gefasst. 

2) J. Grimm, Myth.% 784. 

3) s. z. B. Kuhn, Westf. Sagen, Leipzig 1859, S. 57. 



240 Schwartz: 

hier verschiedentlich in analoger Weise in den Gebräuchen und Mythen 
auf und weisen auf eine entsprechende Naturanscliauung zurück. So zogen 
z. B. in Rom bei einem Triumplizug den Wagen, welcher die Quadriga 
des Donnerers nachahmte, vier Schimmel.*) Die griechischen Dioskuren, 
von deren ursprüngliclier Beziehung auf die himmlischen, in Blitz und 
Donner auftretenden Reiter ich schon in der Berl. Zeitschr. f. Ethnologie 
vom Jahre 1888, S. 227 gehandelt habe, erscheinen auf weissen Pferden. 
Mit eben solchen fährt die Köre zum Olymp zurück, ebenso wie auch bei 
dem auch ihr geltenden Erntefest solche in dem Umzüge erscheinen.'') 
Bei den Persern ist das weisse Ross mit dem Mithras mehr in Beziehung 
zur Sonne getreten; dass aber auch dort das heilige Ross ursprünglich dem 
uns bekannten Donnerross entlehnt war, darauf deutet u. a. schon der 
Umstand hin, dass in der Sage von der Königswahl des Darius nach 
Herodot III, 83 das Pferdegewieher auch als ein Augurium gilt, wie wir es 
bei den Germanen kennen gelernt haben. Denn wenngleich Herodot eine 
i-ationalistische Deutung über die Eutwickelung der Sache giebt, weshalb 
des Darius Hengst bei der Konkurrenz der Bewerber zuerst gewiehert 
habe, so macht doch das Faktum an sich, dass man eben nicht Anstand 
nahm, jenem Wahrzeichen die Entscheidung selbst in einem so bedeut- 
samen Falle beizulegen, es wahrscheinlich, dass dieser Entschluss an einen 
analogen A^olksglauben über die prophetische Bedeutung des Rossegewiehers 
überhaupt sich auschloss. Und wenn weiter dann die Sage das betreifende 
Wahrzeichen von Blitz und Donner bei heiterem Himmel begleitet werden 
lässt, (ö/io de rcp ijtjko tovto noiriaani (sc. ^^gejueziaam) aorgam] ei ai&Qhjs 
y.al ßgovrij eyersro), so erscheint dies nicht bloss als eine himmlische 
Bestätigung des Auguriums, sondern greift gleichsam noch in einer Ver- 
mischung der Scenerie auf die Naturanschauung zurück, aus der jener 
Glaube, wie oben schon angedeutet, entsprossen war. 

Bei den Indern aber hat sich der Schimmelreiter noch in einer alten 
Gestaltung des Indra selbst erhalten, die ganz zu dem slavischen und 
deutschen stimmt, ja noch voller sich an das entwickelte Naturbild an- 
schliesst uud in der Kolossalheit der Auffassung noch mehr den primitiven 
Charakter desselben abspiegelt, als er beim Wode und Swantewit hervor- 
tritt, deren Gestalt zwar auch noch phantastisch sich abhebt, aber doch 
zum Teil schon anthropomorphischer gewandelt ist. 

Wenn nämlich Indra auf dem Elefanten Airävana erscheint, in dessen 
Namen Kuhn auch schon Beziehung zum Blitzglanz nachweist (Herabkunft 
des Feuers u. s. w.°) S. 221), so ist dies ein specifisch indisches Bild. Reitet 
er aber, wie Kuhn (ebendaselbst) erwähnt, das weisse Ross Uccaih(,a-avas, ■ 



1) Preller, Eöm. Myth. 1858, S. 205. Voss, Georg. Altoua 1800. S. 547. 

2) Pindar, A. VI, 166. cf. Preller, Griech. Mytli. unter Leukippos. Calliuiachus ed.. 
Ernesti. Leiden 1761, II, 736. 742. 



Der Schimmelreiter und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mytholo^e. 241 

SO ist dies das alte indojjennanische Naturbild, welches noch dadurch be- 
stätigt wird, dass das WieJiern jenes Bosses als gewaltig hervorgehoben 
und dem Donnerhall verglichen wird, so dass auch Kuhn schon dasselbe 
dem Pegasos, dem Blitz- und Donnerross des Zeus '), sowie dem Schimmel 
des Odliin und des wilden Jägers verglich. Wenn Indra ferner sonst 
mit einer Keule ausgestattet erscheint, so führt er doch auch noch Bogen 
und Pfeil sowie einen Speer*), die alten Waffen des Gewitterjägers, bezw. 
Kriegsgottes, welche auch beim Swantewit, Wodan und Odhin in de» 
Sagen noch gelegentlich anklingen, wenn sie gleich mit der Zeit bei den 
veränderten Kulturverhältnissen, zu denen sie nicht mehr passten, im all- 
gemeinen abgestreift sind. Wenn ich weiter dann in den deutschen 
Traditionen den Donner als den Jagdruf des wilden Jägers nach- 
gewiesen habe, so galt der Donner auch u. a. als Indras Stimme, und 
zu dem Jagdhorn des Schimmelreiters, auf dem dieser blasend namentlich 
dem wilden Heer voranzieht, stellt sich speciell auch Indras weithin 
schallendes Heerhorn, welches dann in mehr indischer Fassung als die 
Muschel Devadatta erscheint, die im Mahabhärata, wie Mannhardt zu derselben 
bemerkt, „dem Arjuna, einem Sohne Indras, in die Hand gegeben wird, 
damit er mit derselben die Däuavas besiege, wie der grossgeistige Indra die 
Welt mit derselben bezwungen habe" '), was an die Wirkung der Posaunen 
im A. T. erinnert, und wenn endlich Indra auch ein mit Falben be- 
spanntes Gefährt hat, das sich deutlich, wie Jlaunliardt, Germ. Mythen, 
S. 120 ausführt, als der Doiinerwagen ergiebt, so tritt auch dieser in 
Parallele zu dem Gewitterwagen, den wir oben bei der wilden Jagd auf- 
treten salien. 

Ehe ich nun zur weissen Frau übergehe und sie aus denselben Natur- 
kreisen wie den Schimmelreiter teils als selbständiges mythisches Gebilde, 
teils in Beziehung zu jenem nachweise, mache ich nach den gewonnenen 
Eesultaten noch ein paar Bemerkungen über das Verhältnis des Wode zum 
Wodan, bezw. Odhin, in welcher Stufenleiter sich die Phasen der niederen- 
deutschen sowie einer beginnenden nationaldeutschen und endlich der 
noch voller im Laufe der Zeit entwickelten nordischen Mythologie ab- 
spiegelt. *) 

Der Wode als Schimmelreiter ist in der deutschen Sage noch ein 
altes dämonisches Naturweseu, wie wir ihn auch noch in Beziehung 



1) Dass auch der Pegasos ursprünglich weiss gedacht wurde, wird dadurch wahr- 
scheinlich, dass er auch stellenweise als Sonnenross, als Ross der lichten Eros, auftritt. 

2) Mannhardt, Germ. Mytlien. Berlin 1858, S. 107. 111. 

3) Ebenda S. 114. 

4) Ähnlich fasst es auch Golther in seiner Genn. Mythologie, Leipzig 1895, wenn er 
S. 294, Z. 1 sagt: „Wode ist ein Gespenst, Wodan ein Gott" und dann Zeile 7 den Schluss 
zieht, „Wodan ist der vergötterte Wode" und schliesslich den Odhin jenen gegenüber be- 
sonders entwickelt. 

Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde. 1897. 16 



242 Schwartz: 

zur weissen Frau werden auftreten sehen. Den Menschen gegenüber 
tekunJet er sieh als der gespensterhafte Jäger des Gewitters, der ge- 
fährlich wird, wenn man ihm unvorsichtig nähertritt oder gar ihn über- 
mütig höhnt und nicht ruhig auf dem Wege bleibt'), oder, wenn er un- 
mittelbar über einem fortzieht, sich nicht platt auf die Erde wirft. — Spricht 
sich hierin schon eine gewisse demütigende Scheu vor ihm als einem 
übermächtigen Wesen aus, so deutet der im Gebrauch noch hervortretende 
Zug, ihm für sein Ross etwas von der Frucht des Feldes stehen zu lassen, 
schon auf eine Art Verehrung hin, die freilieh in betreff ihres Ursprungs 
eine doppelte Deutung zulässt. Wenn man nämlich an die Verheerung 
denkt, die zu Zeiten ein Gewitter auf den Fruchtfeldern anrichtet, wo 
alles oft wie zertreten und zerstampft aussieht, so kann man in jenem 
Gebrauch eine Art Abfindung ansehen, damit der Wode, an den man dabei 
dachte, die Frucht verschone und sie nicht von seinem Ross zertreten 
lasse. Denkt mau aber an die Fruchtbarkeit eines Gewitters für die 
ganze Vegetation, so gewinnt die Sache die Gestalt eines Opfers, und von 
diesem Standpunkt erscheint der Wode dann schon in einer gewissen gött- 
lichen Potenz in Parallele zu dem slavischen Schimmelreiter Swantewit, 
der alljährlich um den Fruchtsegen des Ackers angefleht wurde. Das 
letztere wird um so wahrscheinlicher, als der Gebrauch auch auf nord- 
germanischem Gebiet auftritt, indem wir die höchst interessante Notiz 
haben, dass ebenso wie in Mecklenburg der wilde Jäger noch unter dem 
Namen Wode fortlebt und noch lange jenen Tribut auch in christlichen 
Zeiten empfangen hat, so auch auf der gegenüberliegenden Küste Schwedens 
in Schonen und Blekingen, wo auch noch „Odens jagt" nachklingt, es lange 
Sitte blieb, dass die Ernter auf dem Acker eine Gabe für Odens Pferde 
zurückliessen (Grimm, M.*, 766 und 128). Sicherlich haben nach dem 
gezeichneten Charakter des Wode auch in alter Zeit analoge, primitive, 
opferartige Gewohnheiten auch in Beziehung auf Jagd und Sieg statt- 
gefunden"), die nur bei den zugleich mit der Einführung des Christentums 
veränderten socialen Verhältnissen bald in Wegfall gekommen sind.') 
Lebt doch auch in Bezug auf die Jagd mancher heidnische Aberglauben 
noch fort, z. B. in Betreff der Erwerbung eines sogenannten Treffschusses*), 
während andererseits als siegverleihende Götter — wie Swantewit — 
Wodan und Odhin, die nationalen Gegenbilder des Wode, eine bedeutsame 



1) Die Aufforderung heisst stets „auf dem Middelweg" zu bleiben und ist nur eine 
mythische Einkleidung des Rates, der noch heut beim Gewitter gegeben wird, nämlich 
aus dem Bereich von Bäumen zu treten. 

2) Jagd- und Sieggötter entwickelten sich meist zuerst, s. meine Abhandlung über 
die Hauptphasen der griech. Naturreligion, Berlin 1896, S. 11. 

3) Über derartige Veränderungen s. Heutigen Volksglauben 1850, S. 4, Abs. 2. 

4) Quitzmann über die heidn. Rel. der Baiwaren, Leipzig 1860, der u. a. auch eine 
österreichische Sage anführt, nach welcher der Schimmelreiter den Treifschuss verleiht. 



Der Schimmelreiter und die weisse Frau — ein Stück deutscher Mythologie. 243 

Rolle spielen und so in dieser Hiusiclit einen gewissen Reflex auch auf 
ihn -werfen. 

Wodan ist auf nationalem Boden nicht bloss ein Gott, sondern 
genoss nach Tacitus" Bericht, der ihn unter dem Namen Mercurius einführt, 
die hauptsächlichste Verehrung unter allen Göttern, was zu dem für ihn 
gezeichneten Hintergrund als den mächtigen Gewittersturm auch vorzüglich 
passt. Der oben erwähnte Umzug mit einem von weissen Rossen gezogenen 
heiligen Wagen, deren "Wiehern als Augurium erschien, galt auch ihm 
wahrscheinlich als dem alten Schimmelreiter, und der heilige Wagen barg 
sicherlich ein ojiöqqijtov der Gottheit, ebenso wie bei dem Umzug der soge- 
nannten Nerthus und bei ähnlichen Umzügen in Griechenland, wo auch der 
verhüllte Wagen den in Wolken gehüllten Donnerwagen repräsentiert.') 
Wenn ferner Tacitus vom Wodan berichtet, dass ihm zu Zeiten Menschen- 
opfer gebracht wurden, so charakterisiert ihn dies als Siegesgott, wie auch 
die bekannte longobardische Stammsage ihn als solchen ausdrücklich ein- 
führt, während er im übrigen, ebenso wie seine Gemahlin Frea. in derselben 
schon vollständig als allwaltender Himmelsgott ohne jeden speciellen natür- 
lichen Hintergrund weiter, ebenso wie der Wodan bei Tacitus, auftritt. Die 
niedersächsische Stammsage feiert ihn schliesslich als Ahnherrn ihrer Könige, 
ebenso wie die weisse Frau, welche, wie wir sehen werden, ihm nahe steht, 
auch auf dem deutschen Festlaude noch als eine Art Ahnrautter mancher 
edlen Geschlechter in der Sage fortlebt.") 

Ebenso ist Odhin auch vor allem Siegesgott, und wenn wir vom 
Wodan ausser dem Erwähnten nicht viel mehr wissen, so treten an jenem 
bei dem reichen vorliegenden Material noch die bedeutsamsten Analogien 
zu den entwickelten primitiven Gestaltungen des Wode hervor, die sich 
dadurch als urgermanische volkstümliche Vorstellungen bekunden. Ge- 
meinsam ist nicht bloss das Bild des auf dem leuchtenden Donnerross 
dahinjagenden Sturmes, sondern dieser erscheint auch daneben bei Nord- 
und Südgermauen als der ewige Wanderer, der im Gewitterzuge auch zu 
Fuss dahinschreitet, den Wolkenhut tief in die Stirn gedrückt, aus der im 
zuckenden Blitzstrahl sein finsteres Auge leuchtet (s. meinen Indogerm. 
Volksglauben vom Jahre 1884, S, 169 ff. das Kapitel von dem einäugigen 
Gewitterwesen und dem bösen Blick). 

Das bedeutsamste Zeugnis für die Kontinuität in der Entwickelung der 
erwähnten und der anderen hierher schlagenden Gestalten bleibt aber 
immer der Schimmelreiter auf dem lichten Donnerross. Wie aber an ihm sich 
der indogermanische Hintergrund des ihm zu Grunde liegenden Naturbildes 
erwies, so tritt auch an ihm noch eine Sonderstellung der Germanen 



1) s. meinen Artikel über Mythol. Bezüge zwischen Semiten und Indogermanen in 
der Berl. Zeitschr. f. Ethnologie v. J. 1892 (S. 173), den ich gerade in Betreff des ohen 
berührten Punktes für einen bevorstehenden Wiederabdruck eingehender umgearbeitet habe. 

2) Heutiger Volksglaube v. J. 1862, S. 8. 105 f. 

16* 



244 Ilwof: 

charakteristisch hervor, indem bei diesen speciell der Reiter noch selbst 
weiss ausgestattet erscheint. Fällt gleich in dieser Hinsicht der Wodan bei 
der schon erwähnten Dürftigkeit der Zeugnisse von ihm überhaupt aus, — 
wenn man nicht meine Auffassung des taciteischen Umzugs mit den 
Schimmeln zugiebt, — so ergiebt sich doch die behauptete Thatsache 
daraus, dass bei den Deutschen, also den Südgermanen des Festlandes, in 
der niederen Mythologie und bei den Nordgermanen in ihrer nationalen 
sie in gleicher Weise hervortritt. Denn es berührt sich und zeigt das 
betreffende Wesen selbst noch als ein weisses Gespenst, bezw. einen weissen 
Gott, wenn, wie wir gesehen, der Berchtold, das schwäbische Substitut des 
Wode, nicht bloss auf einem Schimmel und von weissen Hunden umgeben, 
sondern selbst in weisser Gewandung erscheint (Grimm, M.*, 777) und auch 
Odhiu bei Saxo Grammaticus auf seinem Sleipnir ausdrücklicli albo clypeo 
tectus auftritt, woran sich wieder reiht, wenn Siegfried, der Drachentöter, 
welcher den dem Sleipnir entsprossenen Grani reitet, auch im Nibelungen- 
lied in schneeblankem Gewände geschildert wird. Führt doch auch Heim- 
dallr, in dem auch schon Mannhardt Beziehungen zum Gewitter erkannt hat, 
der liimmlische Wächter der nordischen Sage, der das Pferd Gulltoppr 
(Goldzopf) reitet und dessen Trompete, das Giallarhoim, man in allen 
Welten hört, welches so in Parallele zu dem erwähnten Heerhorn des 
Indra tritt, in der Edda charakteristisch nacli analoger Anschauung den 
Beinamen der weisse Gott. 

(Fortsetzung folgt.) 



Hexenwesen und Aberglauben in Steiermark. 
Ehedem und jetzt. 

Von Franz Ilwot'. 

(Schluss.) 

Ähnliche Hexenprozesse wie 1673 in Feldbach wurden KiSl» und 16!)Q 
in dem benachbarten Gleichenberg abgehandelt. Auch da wirkte der Böse 
in Person mit; er erschien in einem schwarzen bürgerlichen Kleide, hatte 
einen breiten schwarzen Hut auf dem Kopfe und redete schnofelnd'); 
auch in Gestalt eines Hundes zeigte er sich, und die Hexen fliegen als 
Habichte, der Böse als Rabe'') in der Luft umher. Die Dreifaltigkeit 



1) Vgl. dazu die licschreibung des Teufels in dcu Volksüberlieferungen aus Eisenerz 
in Obersteienuark, Bd. 1 dieser Zeitschrift, S. 215 f. 

2) Geier (hier so viel wie Habicht) als Hexenvogel: Grimm, M3thologie, '2. A., 949. 



Hexeuwesen und Aberglauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 245 

■wurdp verleugnet, die Seele dem Teufel verschrieben, in einem Kobel- 
■vsagen'). den zwei rotbraune Rosse zogen, durch die Luft gefahren, auf 
dem Gleichenberger Kogel aus silbernen Bechern getrunken, gegessen, 
musiziert, getanzt; aus einer Eiche oder Buche floss der Wein, einer der 
Teilnehmer machte den Kellner, drei Weibspersonen kochten und wuschen 
ab; dann fuhren sie in einem Hagelwetter vom Kogel ab. Einmal habe 
sieh der silberne Becher, als das Gelage zu Ende war, in einen Pferdehuf*) 
verwandelt. Daheim kochen die angeklagten Weiber in einem Topf 
Wasser, geben kleine Steine und Hexensalbe, die sie vom Teufel erhalten 
dazu, füllen die Steine in einen Sack, den sie zu den Zusammenkünften 
mitnehmen, dort werden die Steine in einen Bottich geworfen, die heilige 
Hostie dazu gegeben, darauf gespuckt und gepisst, Kröten und Eidechsen') 
werden hineingeworfen, dann wird tüchtig umgerührt und der Hagel ist 
fertig, der wieder in Säcke gefüllt und beim Fliegen durch die Luft aus- 
geschüttet wird. Die Speisen bei den Gelagen sind nicht gesalzen, 
schmecken nicht gut imd so viel man auch isst, mau wird nicht satt; auch 
der Wein kommt ihnen nicht als ein „rechter Wein" vor. Der Böse zeigt 
sich als schmeichelnde schwarze Katze, als Bock, als Ross, auf diesen wird 
durch die Luft gefahren; als Bettler, als Bauernjunge erscheint er, auch 
verführt er seine Opfer durch schlaue Reden, verwandelt sich dann in 
«inen schönen Herrn, der aber doch noch Krallen an den Fingern hat, 
wie ein Hund oder ein Sperber, und sagt er sei Gott oder der heilige 
Petrus, ist aber immer ganz kalt anzufühlen. Einem angeklagten Bauers- 
nianne stellte er sich als junge schöne Dirne vor, er habe mit ihr Buhl- 
schaft getrieben, aber es habe ihm nicht so wohl gefallen, wie bei seinem 
Weibe, denn die Dirne sei ganz kalt gewesen. Der Teufel beschenkt die 
Hexen mit Geld, Eiern und Schmalz, die sich aber nach Hause gebracht, 
in Pferde- und Kuhmist verwandeln. Seine Namen sind: „Herr Lienhardt", 
„Hiesl" (Diminutiv von Mathias), „Mörägebits", „Hans". 

In die Jahre zwischen den Feldbacher und Gleichenberger Prozessen 
fallen ähnliche Vorgänge (1681, 1(586 und 1688) in der Umgebung von 
■Graz, in Rein und in Wildon.*) Hier sind der Schöckel (Berg, der die 
Grazor Ebene im Norden abschliesst) und der Wildoner Berg (der südlich 
diese Ebene begrenzt) die Orte der Hexenzusammenkünfte. Aus den 
Berichten hierüber heben wir nur heraus, dass der Böse auch als Eich- 
hörnchen erschien, Lucas uud Hansel hiess; wenn die Hexen durch die 
Luft fuhren, durften sie niemand grüsseu, der Teufel verbot es ihnen, „ne 



1) Der Teufel fährt in einem stattlichen Wagen, (irimm, Mythologie, 958. 

2) Bei den Hexensammlungen wird aus Kuhklauen und Pferdehufen getrunken: 
Grimm, Mythologie, 1003 und 1024. 

3) „Die eidechse scheint ein zaubertier zu sein und kommt wirklich in hexenprozessen 
vor." (irimm, Mythologie, S)93. 

4) üräff a. a. O. 187 ff. 



246 Ilwof: 

forsaii nominetur Deus" (grüss dich Gott!). Eine der Angeklagten bekannte, 
ihr Mann habe nie gewusst, dass sie vom Hause fort sei, denn der Böse 
habe eine andere an ihrer statt bestellt; auch in das Gefängnis sei der 
Böse zu ihr durch das Fenster geschloffen und habe mit ihr gebuhlt. 

In dem Gebiete von Rein') ist der Hexenberg der Pleschkogel, der 
Böse erscheint in Gestalt eines wilden, grossen Mannes, an den Händen 
schwarz mit blauen Streifen und heisst Bartl; er begehrt von denen, die 
sich ihm hingeben, dass sie allem Heiligen entsagen und nur iiin allein 
lieben, dann werde er ihnen alles geben, was sie verlangen. Vom Plesch- 
kogel fliegen sie als Raben und Böcke in schwarzem Nebel über Graz 
auf den Wildonerberg, wo sie ihre Gelage halten. 

In einem Prozesse, der 1701 zu Dreifaltigkeit bei Liechtenegg nächst 
Pettau abgehandelt wurde''), bekennt die Angeklagte, dass der Böse in 
Gestalt einer Schlange") erschienen sei, sich aber in Menschengestalt ver- 
wandelt, „Schimek" geheissen und ihr ein Stück Poganzen (Yochenze, 
Kuchen) zum essen gegeben habe; er habe sie gelehrt. Kranke durch ver- 
zauberte Kräuter zu heilen und aus Krystallen wahrzusagen. 

Es ist ein uralter Wahn, dass der Mensch durch Zauberkraft vermöge, 
sich in ein Tier zu verwandeln. Zu den zahlreichen Belegen, welche 
Jakob Grimm*) davon giebt, füge ich nur zwei hinzu. In der dem Lucian 
von Saniosata zugeschriebenen Erzählung: „Lucius oder der magische Esel"^ 
reibt sich Lucius mit einer Salbe ein und wird ein Esel; hätte er sich 
nicht vergriffen und ein anderes Büchschen genommen, so wäre er ein. 
Nachtrabe geworden.") — Bischof Liudprand von Gremona, der Gesandte 
Kaiser Ottos I. nach Konstantinopel und Geschichtschreiber des 10. Jahr- 
hunderts berichtet, der Fürst von Bulgarien, Simeon, habe zwei Söhne 
gehabt, den Petrus, der jetzt noch dort herrsche, und Baianus, der der 
Zauberei so mächtig gewesen sei, dass er sich sogleich in einen Wolf oder 
in ein anderes wildes Tier habe verwandeln können.") 

Der Wahn der „Wolfsbannerei" lebte auch im Glauben des Volkes 
in Steiermark und zwar in zwei Formen, entweder der Böse stellt dem 
von ihm Verführten Wölfe in den Dienst oder er lehrt die Meiisclien sich 
in Wölfe zu verwandeln. 



1) Zahn ä. a. Ö. S. 165-167. 

2) Zahn a. a. 0. S. 201—216. 

3) Der Teufel als Schlange: Grimm, Mythologie, 949. 

4) Grimm, Mythologie, 1047 — 1053. 

5) Vgl. dazu Weinliold, ülier das Märchen vom Esclmeuschen. (Sitzungsberichte der 
Königl. preussischen Akademie der Wissenschaften, 15. Juni 1893.) 

6) Qui (Simeon jirinceps Bulgariae) duos filios habuit, unum nomine Baianum, alternm, 
qui nunc iisque superest potenterque Bulgariis principatur, nomine Petrum. Baianum 
autem adeo foere magicam didicisse, ut ex homine subito fieri lupum quamvecumque 
cerneres feram. Liudprandi Antopodosis IIl, 29. Mon. hist. Germ. SS., III, 309. 



Hexenwesen und Aberglauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 247 

Im Jahre 1651 wurde ein Landmann aus Lassing vor dem Landgericht 
zu Wolken st ein im Ennsthal von seinen Nachbarn angeklagt, dass er 
im Bunde mit den höllischen Mächten im stände sei, durch Zaubersprüche 
wilde Tiere zu bannen und selbst deren Gestalt und Wesen anzunehmen. 
Gefoltert war er dieser Missethaten gestän<lig. Er sagte, der Spruch, 
mittels dessen er die Tiere banne, dass sie ilim dienen oder ilin nicht 
schädigen, laute: „St. Peter mit dem heyligen Himmelssehliessl versperr 
dem Holzhundt (Wolf) und dem wilden Braitschedl (Bär), Zant (Zähne) 
und Trampen (Fasse) und dem Lux Zant und Schlund." — Der Angeklagte 
sagte weiter aus, einer seiner Feinde habe ihm einst vier Bären an den 
Hals gehetzt, doch dieser Spruch habe sie vertrieben. Er wisse auch einen 
Segen wider das Feuer. Er habe seit fünf Jahre drei Wölfe zu Diensten, 
könne ihnen aber befehlen, ausser Landes zu ziehen.*) 

Vor dem Landgerichte zu Grosslobming in Obersteiermark (1676) 
wurde ein Viehhirte von seinem Nachbarn angeklagt"), dass sie, wenn sie 
ihm niclit gefällig seien, Gefahr liefen, dass er ihrem Yiehe schade und 
es durch wilde Tiere und gebannte Wölfe zerreissen und auffressen lasse. 
Vor Gericlit geführt und gefoltert beliannte er: Ein österreichischer Förster 
sei zu ihm gekommen und habe ihn angeredet, er wolle ihm eine Kunst 
kennen lernen, wofür er ihm aber einen halben Gulden zahlen müsse. 
Nachdem dies geschehen, habe ihm der Förster gesagt, er werde ihm am 
Abend oder in der Nacht ein schwarzes „Mandl" schicken, dieses werde 
ihm ein Stück schwarzes Brot geben, er solle es nehmen und essen; es 
geschah und das Mandl fragte ihn dann, ob er ihm dienen wolle. Nachdem 
der Hirt dies bejaht hatte, sagte ihm das Mandl, er müsse ihm Blut aus 
seiner rechten Seite und ein Haar aus dem Scliopf geben; mit dem Blut 
müsse er verschreiben, dass er ganz sein eigen wäre und er müsse auch 
Gott, unsere liebe Frau und alle Heiligen verleugnen, ihnen absagen und 
nur ihm allein dienen. Nachdem der Hirt dies alles gethan, sei eines 
Abends wieder der Förster gekommen und habe ihm versprochen, er werde 
ihm zwei Wölfe schicken, die er zur Hut des Viehes brauchen könne; 
wenn er etwas anderes zu thun liabe, so würden die Wölfe auf das Vieh 
acht haben, dass ihm nichts geschehe. Einige Tage später sei der Förster 
des Nachts mit den zwei Wölfen gekommen, auf diese seien sie aufgesessen, 
des Hirten Wolf habe „Pegl" geheissen. Von Grosslobming seien sie auf 
den Wölfen auf die Stubalpe so schnell durch die Luft geritten, dass es 
ihm vorkam, der Wind habe vor ihnen die Wipfel der Bäume gebrochen. 
Auf der Stubalpe kamen sie in ein schönes Wirtshaus, es war hell er- 
leuchtet und viele Leute, geistliche und weltliche waren da, er erkannte 
aber niemand; sie assen dort Brot und tranken Wein, seien aber nicht 



1) Mitteilungen des historischen Vereins für Steiermark, 42. Heft, Graz 1894, S. 211. 

2) Grazer Tagespost 1869, No. 266. 



248 Il^o*-- 

lange geblieben und bald wieder heim gefahren. Auf weitere peinliche 
Frage gestand der Angeklagte, er habe schon durch sieben Jahre zur 
Osterzeit bei der Kommunion die Hostie aus dem Munde genommen, sie 
sodann mit Brot vermischt und dieses dem Viehe, damit es reclit gedeihe, 
in kleinen Bissen zum Fressen gegeben. Auch habe er zugelassen, dass 
seine zwei Wölfe das Vieh anderer zerrissen und gefressen hätten. 

In Admontbiehel bei Judenburg bekannte 1695 ein Angeklagter, 
dass ihm der Böse erschienen sei, ihn auf dem Kopfe gekratzt und mit 
dem aus der Wunde geflossenen Blut seinen Namen auf ein Stück Papier 
geschrieben habe; dann habe er ihm zwei Wölfe, Namens Ramb und Pez, 
übergeben und diese hätten des Angeklagten Vieh wohl gehütet und das 
der ilim feindlichen Naclibarn geschädigt und zerrissen. 



Durch fast zwei Jahrhunderte währte die Periode der Hexenprozesse 
in Steiermark, zahlreiche Todesurteile werden gefällt und vollzogen, wenn 
auch nicht so viele, wie in manchen anderen deutschen Gebieten.') All 
die edlen und mutigen Bestrebungen der Vorkämpfer gegen die Hexen- 
prozesse, der Johann Weyer (1563), Johann Ewich (1584), Augustin Lerch- 
heimer von Steinfelden (Hermann Wilcken, genannt Witekind, 1585), 
Johann Georg Gödelmann (1592), Cornelius Callidius Loos (159'2), Anton 
Prätorius (1602), Friedrich von Spee (1(531), Balthasar Bekker (1691—1693), 
Christian Thomasius (1701), welche, in Gefahr, selbst verfolgt zu werden, 
mit der ganzen Kraft ihres Geistes und ihrer Beredsamkeit in Wort und 
Schrift für die als Hexen angeklagten Unglücklichen eintraten, halfen durch 
anderthalb Jahrhunderte wenig oder gar nichts; erst um die Scheide des 
17. und 18. Jaiirhunderts wurden der Prozesse und Hinrichtungen weniger, 
hörten aber noch lange nicht auf und traten, wenn auch schon mehr ver- 
einzelt doch noch in manchen argen Fällen auf. 

Wie fast auf dem ganzen grossen Felde der Politik und der Kultur, 
80 waren es auch auf dem kleineren Gebiete der Verfolgung der Hexen 
und Zauberer erst die erleuchteten Herrscher des achtzehnten Jahrhunderts, 
welche den Geist und den Mut besassen, hiermit in den Gesetzen und 
sonacli auch im Gerichtswesen gründlich aufzuräumen. In Österreich be- 
gann damit Maria Theresia. So mäclitig diese Fürstin auch war, so war 
doch der Kampf ihrer Regierung gegen Vorurteile und Aberglauben ein 
sehr schwieriger. ") Die Anordnung, dass auch Selbstmörder im Friedhofe 
eine geweihte Ruhestätte finden sollten, führte in manchen Orten zu Volks- 



1) Meli (a. a. 0. S. 318—319) giebt als beiläufige Zahl der als Hexen und Zauberer 
in Steiermark nachweisbar Gerichteten etwa 100 an, doch meint er mit Recht, dass 
es deren mehr gewesen sein mögen, von denen noch keine Kunde vorliegt. 

2) A. V. Arneth, Geschichte Maria Theresias, IV, 110-111. 



HexenwesPn und Aberglauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 249 

auflaufen und Kuhestörungeu, da man glaubte, dass zur Strafe für eine 
solche Entheiligung einer geweihten Stätte die Feldfrüchte durch Hagel- 
schlag würden zu Grunde gerichtet werden. Der Glaube an Hexen und 
Gespenster war damals allgemein, nicht minder der an angeblich vom 
Teufel besessene Personen. Belehrung blieb fruchtlos und wie in manch 
anderer Beziehung, so hatte auch in dieser die Regierung Ursache, über 
einen Teil der Geistlichkeit zu klagen, welcher das Volk in seinem Wahne 
bestärkte, statt ihm entgegen zu wirken. So kam 1755 in Mähreu vor, 
dass die Geistlichkeit Leichen, von denen man glaubte, dass sie nachts 
dem Grabe entsteigen, lebenden Menschen Blut aussaugen und dann wieder 
in ihre Ruhestätten zurückkehren, ausgraben und verbrennen liess. Darum 
■wurde die Anordnung getroffen, in allen Rechtsfälleu, in denen Gespeuster 
und Hexen, Wahrsager und Schatzgräber im Spiele waren, genaueste 
Untersuchung zu pflegen, das Urteil der Kaiserin selbst zur Bestätigung 
oder Zurückweisung vorzulegen, bei der Entdeckung eines Betruges aber 
denselben unnachsichtlich zu strafen. All dies nützte aber so wenig, dass 
üoch im Jahre 176(i ein ausführliches Patent zur Abstellung des Unwesens 
mit Hexen und Zauberern erlassen werden musste, und da noch entblödete 
sich ein Geistlicher, Pater Angelus März, nicht, als Verteidiger des Hexen- 
wesens und der Zauberei öffentlich aufzutreten. 

Hexenprozesse kamen im achtzehnten Jahrhundort allerdings noch in 
Steiermark vor, aber Todesurteile wurden nicht mehr gefällt, ja es erfolgten 
meist Freisprechungen. 

Noch im Jahre 1744 traten der Rat und die Richter — also eine 
öffentliche Behörde — von Wernsee bei Luttenberg in Unter-Steiermark 
gegen eine Bürgersfrau dieses Marktes bei dem Landgerichte zu Radkers- 
burg klagbar auf): sie sei des Nachts mehreren Männern erschienen, habe 
sich ihnen als Alp auf die Brust gelegt, sie an Händen und Füssen ge- 
bimden, sie schwer gedrückt und geschlagen und sie hätten sich ihrer und 
der mit ihr erschienenen Unholde und Unholdinnen kaum erwehren können 
und gleichzeitig sei eine fremde scheckichte Katze auf der Thürschwelle 
gesessen. — Ihre Tochter wurde beschuldigt, Erde unter ihrem Herde 
ausgegraben zu haben, um Zauberei damit zu treiben. — Der Landrichter 
von Radkersburg war klüger als Rat und Richter zu Wernsee. Die An- 
geklagte und ihre Tochter wurden nach abgeführter Untersuchung frei 
gesprochen und ihrer Haft entlassen; als die Wernseer dagegen Rekurs 
ergriffen, wurde nach nochmals gepflogener Untersuchung von der inner- 
österreichischem Landesregierung das freisprechende Urteil bestätigt. 

Die letzte Verhandhing — Prozess kann man diese lustig verlaufende 
Geschichte kaum nennen — , in welcher der Angeklagte der Zauberei 
mächtig zu sein glaubt, fand in Steiermark im Jahre 1778 statt.') In der 



1) Grazer Tagespost 1884, No. 23, 24, 28, 31, 36. 

2) Grazer Tagespost 1878, No. 63. 



250 Ilwof: 

Christnacht dieses Jahres erschien bei der Mette in der Pfarrkirche zu 
Leoben ein Mann in langer weisser Kutte mit Kapuze und Schuhen von 
ungebleichter Leinwand. Dies erregte Aufsehen, nach dem Gottesdienste 
wurde er festgenommen und wegen dieses seltsamen Anzugs befragt. Er 
sagte, von einem alten Sensenschmied iiabe er gehört, dass, wenn man in 
einem solchen Gewände — die Nähte müssten aber auswendig augebracht 
sein — in der Christnacht zur Mette in die Kirche gehe, so könne mau 
den Teufel sehen; er zeige sich in Gestalt eines Jägers, die Kappe auf 
dem Kopfe nach vorwärts gesetzt unter dem Hochaltar knieend, und da 
während des Hochamtes alle Kirchenbesucher zum Opfer gingen, so könnte 
man die, welche Hexen seien, kennen lernen: andere Leute aber sähen 
sie nicht. Sodann müsse man auf den Teufel acht haben, denn sobald 
zum Sanktus geläutet wird, nehme er die Kappe vom Kopfe und da werde 
man sehen, dass er ein „Hörndl" auf demselben habe. Sobald er die 
Kappe neben sich gelegt, müsse man sie zu erwischen und vor der 
Wandlung aus der Kirche zu kommen trachten, weil der Teufel vor Schluss 
der Wandlung sie nicht verlassen könne. Alsdann aber werde der Teufel 
nachkommen und dem Inhaber der Kappe entdecken, wozu man sie ge- 
brauchen könne. Auf die Frage, was er mit der Kappe habe machen 
wollen, erwiderte er, der alte Sensenschmied habe ihm gesagt, wenn man 
des Teufels Kappe habe und auf den Kopf setze, so könne man sicii hin- 
wünschen, wohin man wolle und man könne auch überall Geld nelmieu, 
so viel man wolle, denn der Teufel müsste an demselben Ort, wo man es 
genommen, allzeit wieder ebenso viel anderes hinlegen. Der Häftling 
wurde nach Artikel 58, § 25 der Theresianischen Kriminal - Konstitution 
„seines gehabten dummen Leicht- und Aberglaubens, dann seiner hierunter 
verdeckt gehabten schändlichen Absichten wegen durch 3 Tag in Arrest 
augehalten, an dem Zwischentag mit Wasser und Brot abgespeist" und 
sollte sodann durch den Yicar eines besseren belehrt werden. 

Vor Gericht erscheint Hexeuwesen und Zauberei in Osterreicii nicht 
mehr seit dem Erlass des Josephinischen Strafgesetzbuches vom Jahre 1787, 
da in demselben dieser als Verbrechen keine Erwäiinung mehr geschieht.') 

Im Glauben des Volkes aber haben sie sicii bis heute erhalten und 
vieles von dem, wovon die Hexenprozesse der vergangenen Jahrhunderte 
berichten, tritt heute noch in Worten, Sprüchen und Gebräuchen der Land- 
leute in den meisten Teilen der Steiermark hervor.^) 

Wetterschiessen und Wetterläuten ist jetzt noch vielfacii verbreitet, 
trotzdem es schon durch Kaiser Joseph IL (Hofdekret vom 26. November 
1783 und Kurrende vom 5. Juli 1786) strengstens untersagt wurde; durch 
die Schüsse aus den Böllern sollen die Hexen aus der Luft herunter- 

1) Gräff a. a. 0. S. 179. 

2) Das Folgende grösstenteils nach Mitteilungen durch die Lelirerstochter Pepi Walch. 
aus Trahütten. 



Hexenwesen und Aberglauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 251 

geschossen und durch das Läuten mit den geweihten Kirchenglocken 
unschädlich gemacht und vertrieben werden. ') 

Wenn Gewitter heranziehen, steckt man Heu- und Mistgabeln in die 
Erde, mit den Spitzen aufwärts, dass die hagelbringenden Hexen sich darin 
verfangen und weiter kein Unheil anrichten können. 

Hexen fliegen also noch immer durch die Luft und machen Unwetter. 
Aber auch den Haustieren, namentlich den Kühen bringen sie Schaden 
und üben Milclizauber. So ist es noch jetzt an vielen Orten Gebrauch, 
dass am Pfingstsonntag vor Aufgang der Sonne die Kühe im Stalle von 
der Bäuerin selbst (nicht etwa von der Magd) der Reihe nach mit einer 
frisch geschnittenen Birkenrute auf dem Rücken gestrichen werden und 
ein Spruch dabei gesprochen wird, um die Tiere für das ganze Jahr vor 
Zauber und Verhexung zu schützen; gleichzeitig muss auf die Stallthüre 
und auf die Schwelle der Trudenfuss ^ gezeichnet werden, anderwärts 
sind in der Christnacht bei dem Landvolke Räucherungeu in den Pferde- 
und Kuhställen gebräuchlich, um Hexerei und Seuchen abzuwenden. Noch 
vor etwa dreissig Jahren lebte in Trahütten (an der Koralpe, Gebirgszug 
zwischen Steiermark und Kärnten) ein altes Weib, welches imr eine 
Keusche (kleines Haus) und eine Kuh besass. Da sie diese sehr rein 
hielt und sorgsam fütterte, so gab sie immer gute und viel Milch. Deshalb 
und weil sie stets an Sonn- und Feiertagen in Feld und Wald Kräuter 
sammelte''), hielt man sie für eine Hexe und beschuldigte sie, dass sie 
durch Zauberei die Milch der Kühe ihrer Nachbarn in ihren Milchzuber 
versetzen könne. Sie und ihre Tochter fanden infolge dessen auch schwer 
Dienste bei anderen Leuten. 

In dem Prozesse aus dem oberen Murthale (I()02) werden Sauborsten 
als ein Ingrediens der Hexensalbe genannt; Sauborsten werden jetzt noch 
hier und da Kranken als Arznei gegeben; aus dem Zaubermittel wurde 
im Laufe der Zeit ein angebliches Heilmittel. 

Noch heute kommt es in Obersteiermark vor, dass man Mehl in die 
Luft streut, damit Wind und Wetter Haus und Hof verschonen.') Auch 
das Gründonnerstagsei*) wird noch häufig verwendet. Ein Ei, welches 
von der Henne am Cirüudonnerstag um 9 Uhr vormittags (d. i. die Stunde, 
wenn die Glocken nach katholischem Ritus zum letzteumale vor der Auf- 
erstehung am Ostersonntage geläutet werden, oder wie das Volk sagt, nach 
Rom fliegen) gelegt und am Ostersonntag in der Kirche geweiht wird, 



1) Glockenklang- hassen Zwerge, Kiesen, Teufel und Hexen und weichen vcir ihm aus 
dem Land. Grimm, Mythol. 973 und 1035). 

2) In dem Hexenprozesse von Gutenhag 1673 (s. o.) werden Kräuter und Wurzeln, 
die man in den Truhen der angeklagten Weiber fand, als Verdachtsgründo bezeichnet. 

3) Reichel a. a. 0. S. 133. 

4) Vgl. Grimm, Mythologie, 1032—1033, und Zeitschrift für österreichische Volks- 
kunde, I, 13. 



252 Ilwof: 

vergräbt man auf dem Felde und dann können die Hexen durch Hagel 
nicht Schaden bringen.^) 

Der Glauben an die Werwölfe, in Wolfsgestalt verwandelte Menschen, 
und au die Teufelskappe, von der oben aus dem Jahre 1773 erzählt wurde, 
besteht noch.'') 

Unsichtbar kann man sich macheu, wenu man sich eines Fingers eines 
ungeborenen Kindes, das aus dem Leibe der verstorbenen Mutter genommen 
wurde, bemächtigt, diesen trocknet und anzündet; so lange er brennt, 
wird der Träger desselben nicht gesehen. Wenn dein bester Freund stirbt, 
so entnimm dem Leichnam ein Stück Kopfhaut, legst du es dir auf den 
Scheitel, so bist du unsichtbar. 

Giebt es jetzt noch Erkennungszeichen der Hexen?') Ja! man suche 
sieh auf dem Friedhofe ein Brett von einem ausgegrabenen Sarge zu ver- 
schaffen, hat es ein Astloch, so sehe man durch dasselbe, und man kann 
die Hexen erkennen. Auch Weiber mit weissem Gaumen sind der Zauber- 
kunst und Hexerei verdächtig; Hochzeitbittern, welche auf Brautschau 
und Werbung ausgehen, wird aufgetragen, wenn möglich zu ermitteln, ob 
die, um welche geworben wird, nicht etwa einen weissen Gaumen hat.*) 

So wie es in den Hexenprozessen vorkommt, dass man durch Verkeilen 
eines Kopfhaares eines Menschen in einen Baum jenem eine Krankheit 
anzaubern kann, so meint man jetzt nocli, durch den gleichen Vorgang 
einen Erkrankten heilen zu können. 

Aber auch den Tod, selbst eines Abwesenden weit Entfernten, kann 
man durch Zauberkimst bewirken. Man mache eine Puppe aus Wachs ^), 
bespreche sie mit geheimnisvollen Worten und durchsteche sie mit einer 
Nadel an der Stelle des Herzens. Der, den die Puppe vorstellt, ist ent- 
weder sogleich tot oder wird krank und siecht dahin. Plötzlich auf- 
tretender heftiger Schmerz im Rücken heisst Hexeustich oder Hexenschuss. 

Wenn drei Lichter im Zimmer brennen, kann keine Hexe herein. 

Als Hexenberge') in Steiermark, auf welchen die Zusammenkünfte 
stattfinden, bezeichnet man jetzt noch folgende: in Obersteiermark das 
Gumpeneck, den Zeiritzkampel, das Kraubateck, die Stolzalpe, die Stub- 
alpe, über welche ein römischer Saumweg, jetzt noch zu erkennen, führte, 



1) Über das Fortleben des Hexenglaubens vgl. auch Reiterer, Hexen- und Wilderer- 
glauben in Steiermark, in dieser Zeitschrift, V, 407—413. 

2) Zeitschrift für österreichische Volkskunde, I, 245 und 248. 

3) Grimm, Mythol., 1032—1034. 

4) In den Feldbacher Hexenprozessen wird ein kleiner Auswuchs unter der Zunge 
als Teufelszcichen genannt. 

5) Grimm, Mythol., 1045. 

6) Zahlreiche Hexenberge bei Grimm, Mythologie, 1004; dazu der Jaberg und der 
Fuchsberg bei Hilden am Rhein, an welche sich jetzt noch der Hexenglaube heftet. (Schell, 
Der Bergische Blocksberg, in dieser Zeitschrift, IV, 213.) 



Hexenweseu uml Aberglauben in Steiermark. Ehedem und jetzt. 253 

in Mittelsteierinark den Pleschkogel, den Schöckel'), den Wildonerberg, 
den Hühnerstütz im Koralpenzug (ebenfalls mit einem römischen Saum- 
wege), die Gleichenberge, den Stradnerkogel und in Untersteiermark den 
Douatiberg bei Rohitsch. 

Weit verbreitet ist der Glaube an den (oder das) Schratel"); er er- 
scheint als ganz kleines Jlännchen, manchmal auch als Katze oder Eich- 
hörnchen. Er ist nicht so böse, wie der Teufel, manchmal sogar gutmütig, 
richtet aber doch allerlei Unheil an. Über die Haustiere, in der Milch- 
kamnier und überhaupt iu der ganzen Hauswirtschaft hat er grosse Macht. 
Hat man etwas verloren und kann mau es trotz langen Suchens nicht 
finden, so heisst es, der Schratel hält den Schweif darauf; betet man zum 
heiligen Antonius, so muss der Schratel weichen und man findet das Ver- 
lorene. Neusonntagskinder sehen den Schratel; wenn es ihnen gelingt, 
ihn zu fangen, verwahren sie ihn iu einem Glase und er muss ihnen 
dienstbar sein (sowie die Hexen von Marburg 1586 [oben S. 189] den 
Bösen iu einem Glase bei sich hatten). 

Nicht so gefährlich und verderblich, aber immerhin bedenklich sind 
die Weiber mit der weissen Leber. Das sind Frauen, die mehrmals 
verheiratet waren und deren Männer bald, nachdem sie sich mit jenen 
Frauen vermählt, abzehren und rasch dahin sterben.') Die berühmteste 
unter diesen Frauen mit der weissen Leber in Steiermark und für das 
Land in der That eine historisch bemerkenswerte Persönlichkeit war 
Anna Neumann von Wasserleonburg; diese merkwürdige Frau ent- 
stammte einer bürgerlichen Familie aus Villach in Kärnten, welche sich 
durch Handel und Bergbau zu grossem Reichtum emporgearbeitet hatte. 
Sie war sechsmal und zwar stets mit Männern aus dem höchsten Adel 
vermählt, mit Johann Jakob von Thanhausen (1557), mit Christoph von 
Liechtenstein-Murau (1565), mit Ludwig Freilierrn von Ungnad-Sonnegg 
(1581), mit Karl Freiherrn von TeufFenbach (1587), mit Ferdinand Sala- 
manca, Grafen zu Ortenburg (1611) und mit Georg Ludwig Grafen von 
Schwarzenberg, der 1617, einunddreissig Jahre alt, die zweiundachtzig 
Jahre zählende Dame ehelichte. Sie überlebte sonach fünf Männer. Von 
ihrem zweiten Gemahl, dem Liechtensteiner, einem Nachkommen iles 
Minnesingers Ulrich von Liechtenstein, erbte sie einen Sechstelanteil der 
Herrschaft Murau und die übrigen fünf Anteile kaufte sie aus ihrem 
eigenen Vermögen ihren Schwägern ab. Durch Energie und Tüchtigkeit. 



1) Schficke]sagen: Hans von der Sann, Sagen von der grünen Mark, Graz 1890, 
S. 113 und derselbe, Andritz und Umgebung, Graz 1892, S. 106-110, Gasparitz, Scmriacli 
mit Schöckel und Lurloch, Graz 1894, S. 10—20 und Krainz, Mythen und Sagen aus dem 
steirischen Hochlande, Brück 1880, S. 408 ff. 

2) Schrat elsagen: Krainz, Mythen und Sagen aus dem steirisclien Hochlande, S. 313 
bis 325. 

3) Grimm, Mythol., 1035. 



254 Zingorle: 

durch ausgezeichnete Bewirtschaftung ihrer Güter stieg ihr Reichtum zu- 
sehends und im Laufe der Jalu'e erweiterte sie ihren Grundbesitz rund 
um ihrem Schlosse Murau in ausserordentlicher Weise. Sie starb am 
18. Dezember 1623 im 89. Jahre ihres Lebens. Da sie von Jugend auf 
der evangelischen Lehre treu geblieben war, inzwischen aber in Steiermark 
die Restauration des Katholicismus sich vollzogen hatte, so ergaben sich 
Schwierigkeiten in Betreff ihrer Bestattung. Erst nach längeren Verhand- 
lungen gestattete der Erzbischof von Salzburg, dass ihr Leichnam in der 
Spittelkirche zu Murau beigesetzt werden durfte. Anders berichtet hier- 
über die Tradition an Ort und Stelle: der Witwer, Georg Ludwig Graf von 
Schwarzenberg, liabe einen eigenen Boten nach Wien zum Kaiser gesendet, 
mit der Bitte, dass die Verstorbene, obwohl Protestantin, in der katho- 
li.'ichen Kirche bestattet werden dürfe; Kaiser Ferdinand II. habe dahin 
entschieden, dass sie weder in der Kirche noch auf dem Friedhofe die 
letzte Ruhestätte finden dürfe, da beide katholisch geweiht seien, aber in 
die Kirchenmauer, die zwischen beiden liege, dürfe man den Sarg mit den 
irdischen Resten der Greisin einmauern. — Da sie ohne Nachkommen 
verstorben war, fiel ihr grosser Güterbesitz ihrem letzten Manne, dem 
Grafen Georg Ludwig von Schwarzenberg zu, womit der Beginn zu den 
riesigen Grunderwerbungen dieses Hauses in Österreich gemacht wurde. 

Noch vor wenigen Decennieu wurde in Murau und Umgebung viel 
von der Anna Neumann als der Frau mit der weissen Leber gesprochen 
und erzählt und liier und da flüsterte man sich geheimnisvoll zu, dass sie 
des Nachts von einzelnen als weisse Frau auf den Gängen ihres Schlosses 
Ober-Murau gesehen worden sei. 

Graz. 



Zum altdeutschen Bauwesen. 

Von Dr. Oswald Zingerle vou Sumiiiersber^ 



2. Der Söller. Der Ausdruck Söller hat bekanntlich landschaftlich 
verschiedene Bedeutung. Es heisst so der Kornboden oder Speicher, ferner 
der Vorplatz (Flur) im oberen Stockwerk, in manchen Gegenden wird 
Decke und Bodeu der Stube oder des Obergeschosses, in andern wieder 
der offene Gang, die Gallerie am Obergeschosse und sogar ein kleiner 
viereckiger und auf dem Fussbodeu etwas erhöhter bretterner Platz vor 
den Fenstern, wo einige Personen mit einem Tisch sitzen können (Bremisch- 
Niedersäclis. Wörterb. IV, 915), damit bezeichnet. 



Zum altdeutschen Bauwesen. 255 

Die Germanen haben das Wort hier früher, dort sjnäter von den 
Römern, bezw. Romanen übernommen'), welclie u. a. die der Sonne aus- 
gesetzte Terrasse auf dem flachen Hausdache solarium nannten. 

Sehen wir inis in den mittelalterlichen Quellen um, so zeigt sich eine 
ähnlicli nianigfache Verwendung wie in den heutigen Dialekten. Im all- 
gemeinen ergiebt sich, dass jeder erhöhte Boden im Innern eines Baues, 
bezw. der darüber liegende Raum solarium-solari-sölre genannt werden 
konnte, daher auch das Deck eines Schiffes (Milst. Genes. 28, 15 er hiez 
in in der arche dri solaer wrchen, in dem nidiristen gadem waren 
die uogele, in der arche obeue was mit sinem gesinde Noe), die 
Plattform und Zwischenböden eines Belagerungsturmes (Chron. Salernit. 
c. 113, ilGS. III, 530 Agareni plus plane erga christiauos frenie- 
bant in tantum, ut machinam, quam nos petraria nuncupamus, 
construerent mirae magnitudinis, et valde turrem unam, quae 
nunc dicitur Solarala^), attererent, wozu auch au die 50 solre im 
Hohlräume des trojanischen Pferdes (Yeldekes Eneide 971) erinnert sei. 
und die Empore einer Kirche (s. J. v. Scidosser. Die abendländischen 
Klosteranlagen, S. 29G und 59. Anm. 1). 

Beim Hause verstand man darunter zunächst den Boden über dem 
Erdgeschosse*), dann das, bezw. ein Obergeschoss ohne Rücksicht auf die 
innere Raumeinteilung und Verwendung, oder in Ermangelung eines solchen 
den Dachbodenraum. So bestimmt das longoliardische Memoratorium 



1) Kluge, Etymol. Wörteib.'', S. 351 bemerkt „Die Entlehnung im Germ, fand vor 
der ahd. Zeit statt (gleichzeitig mit Kammer, Keller, Mauer, Speicher) und zwar wohl am 
Mittel- und Niederrhein. Am Oberrhein fehlt das Wort jetzt (sciion Ad. Petris Bibelglossar 
1523 übersetzt Luthers Söller als unverständlich mit Saal, Summerlauh)." Kl. meint wohl 
nur, dass im bezeichneten Gebiete die Entlehnung zuerst erfolgte. Mit sumerlaube 
•wird Solarium ebenfalls in einem Voeabular v. 1482 übersetzt. In einem tirol. Inventare 
V. 1495 erscheint unter den verzeichneten Lokalen eine sumerläbn nebst einer labn 
vor der stuben. Dafür begegnet auch die Verdeutschung sumerhüs (s. Mhd. Wb. I, 
759 und Lexer, Mhd. Handworterb. II, 1298;. Im Inventar des Schlosses Runkelstein v. 
1498 wird die mit den Tristanbildern etc. geschmückte Front sumerhaws genannt (s. 
Schönherr, Das Schloss Runkelstein, S. 52). 

2) Du Cangp, Gloss. med. et inf. latin.' VII. 511, wo die Erklärung Donius con- 
tignatio vel cubiculum raajus ac superius (tabulatum) gegeben wird. Besseren .\ufsehlu3s 
giebt Lexer im mhd. Handworterb. II, 1054 (Söller, Boden über einem Gemache oder 
Hause, Vorplatz, Flur im ersten Stockwerke, Laube, Saal). Die im mhd. Wörterb von 
Benecke-Müller-Zarncke 11^, 467 u. a. vermeinte Bedeutung „Erker" lässt sich nicht nach- 
weisen. 

3) Solaratus mit Söllern versehen. 

4) Solarium ein woune st. bonne = büne Dicffenbach, Mittellat.-hochd.-böhm. 
Wb.. S. 251, wo auf Frisch, Wörterb., 1, 154 büne verwiesen ist. Ältere Zeugnisse für 
bünc in der Bedeutung erhöhter Boden, Decke eines Gemaches bieten die mhd. Wörter- 
bücher: ich verweise noch auf Kitter von Staufenbcrg, V. 1057. Wir linden diesen Aus- 
druck übrigens auch für das Obergeschoss, für den Dach-, Koru- oder Futterboden, den 
Kirchenchor und Söller um die Scheune, worauf die Garben zum Trocknen gelegt werden, 
gebraucht. 



256 Zingerle: 

de mercedibus Comacinorum (s. darüber Ilg in den Mitteil. d. k. k. 
Centralkommiss. f. Kunst u. bist. D. XVI, 63 ff.) Si sala fecerit, repulet 
tegulas in solide uno numero sexcenti, si in solario, tegulas qua- 
dringenti in solidum unum vestitum, welch letzterer Ansatz auf das 
Mauerwerk des Obergeschosses sich bezieht. 

Sofern die Höhe der Geschosse nicht erheblich divergierte, konnte 
der Ausdruck dann auch als Höhenmass — man denke an gadem — 
dienen, wie es z. B. in einer Charta in tabulis St. Victoris massil. v. 
Jahre 1455 der Fall ist: unam domum de uno solario et niedio et 
tegulas coopertam. 

Wo über das betreffende Bauwerk Genaueres mitgeteilt ist, erscheint 
das Solarium denn auch stets in der Höhe gelegen, nicht selten aber 
neben anderen Gemächern. Auf dem St. Galler Grundriss v. J. 820 ent- 
hält das Wohnhaus des Abtes ein Obergeschoss nebst etlichen Kammern 
ein Solarium, während ebenerdig Wohn- und Schlafzimmer untergebracht 
sind. 

In der Geschichte der Äbte von St. Wandrille bei Rouen (s. MGS. II, 
270) lesen wir c. 17, wo von den Bauten des Abtes Ansigis (822—833) 
die Rede ist, von einem Dormitorium fratrum, das nicht nur von statt- 
licher Grösse (208 Fuss lang, 27 breit und 64 hoch), sondern auch sehr 
solid gebaut und luxuriös ausgestattet war: Habet quoque solarium in 
medio sui, pavimento optirao decoratum, cui desuper est laquear 
nobilissime picturis ornatum. Über die Existenz anderer Gemächer 
erfahren wir hier nichts, dagegen begegnen uns solche wieder in dem 
einen Klosterhospitz der zwischen 1039 — 48 verfassten Disciplina Far- 
fensis, welche folgende Anweisung hierfür giebt: ibi constituantur 
stabula equorum') per mansiunculas partitas et desuper sit 
Solarium, ubi famuli edant et dormiant et mensas habeant ibi 
(irdinatas long. 80 p., lat. vero 4 p.; et quotquot ex adventantibus 
non possunt reficere ad illam mansionem, quam superius diximus, 
reficiant ad istam; et in capite ipsius mansionis sit locus apti- 
tatus, ubi conveniant omnes illi homines, qui absque equitibus 
deveniunt, et caritatem ex cibo et potum in quantum convenientia 
fuerit, ibi recipiant ab elemosinario fratre. Unter dem solarium 
scheint hier speciell der der Dienerschaft zugewiesene Raum, dessen Grösse 
durch die angegebene Länge der Tische annähernd bestimmt wird, gemeint 
zu sein. In den betrachteten Klosterbaulichkeiten repräsentiert sich das 
solarium durchwegs als grosses Gemach, als Saal, der als Herberge für 
Fremde, als dormitorium und coenaculum dient und dementsprechend 



1) Nach dem Berichte des Abtes Hermann von Altaich über seine Thätigkeit wurde 
1264 in A. ein cenaculum in curia sujjer quatuor stabula equorum erbaut und 
einige Jahre früher domus lapidea in curia abbatis, habens sex cameras subtus 
et supra ad receptaculum hospitum, est constructa (MGS. XVII, 380). 



Zum altdeutschen Bauwesen. 257 

finden wir bei Otfrid IT. !', G diversoriuni ( gastwissiila Alui. Gloss. 
IL 730, 3, gastliüs III, 127, 32. 210, 23. 415, 34) mit soläri und cena- 
culuin grande im Tatian 157, 4 mit miliilan s.. im Heliand 4544 mit 
höhaii s. übersetzt, wozu ich noch anführe Solarium 1 cenaculum 
solare (Ahd. Gloss. III, 631, 7), lauben vel soler coenaculum 
(Schmeller, Bair. Wh. I, 1405 aus einem Vokabular vom Jahre 142y) und 
Solarium i coenaculum sal i vfhuse } solre (Ahd. Gloss. III, 411, 5). 
Dass coenaculum im klassisclien Latein auch das Obergeschoss eines 
Hauses bezeichnete, ist für unsere Frage nebensächlich, wichtiger hingegen 
die Zusammenstellung von sal, vfhuse und solre, denn hierdurcli wird 
nicht nur die Yerwendung von solarium für sal bestätigt, sondern wir 
lernen ausserdem einen anderen Ausdruck kennen, nämlich vfhuse, in 
älterer Form üfliüsi (Domata . . . meniana sal uel ufhusi Ahd. Gloss. 
in, 210, 17, s. aucli 127, 40), worunter man zunächst das Stockwerk über 
dem Erdgeschoss, dann aucli einen Saal verstand (vgl. Aufuber im Bair. 
Wb. I, 43). 

In den mittelalterlichen (ieschichtsquellen wird oft von dem Einstürze 
eines solarium gemeldet. So erzählt Regino v. Prüm z. J. 870 (MGS. I, 
5fS2), dass Ludwig der Deutsehe auf der Eeise nach Mersen in einem 
königlichen Hofe Namens Flameresheim herbergte: cum que solarium domus 
conscendisset stipatus obsequentium multitudine repente ipsum 
solarium, quod nimia vetustate erat putred ine resolut um. trab ibus 
fractis corruit et inter ruinas eins rex graviter attritus est (siehe 
Chron. austr. z. J. SGO). Das |^leiche Unglück begegnete Heinrich IH. 
im J. 1045 auf dem Zuge nach Ungarn. Hermann v. Eeiclienan (MGS. 
V, 123) erwähnt nur In quo itinere vex (|U(iddam vetus Solarium 
asceudens cum multis aliis aedificio cade.nte corruit ipso que deo 
protegente inlaeso Br un Wireburgensis episcopus laetaliter cum 
aliis collapsus post unam ebdomadam 7 Kai. Junii obiit. Einen 
ausführlicheren Bericht bieten die grösseren Jahrbücher von Altaich (MGS. 
XX, 801 f.). Darnacli war der König auf Einladung der Witwe des Grafen 
Adalpero (von Ebersberg) nach Persenbeug (an der Donau in Niederösterr.) 
gekommen, wo er mit anderen geladenen Gästen an einem Mahle teilnahm: 
Caesar sedit in colloquio in ominentiori quodam vestibulo. Igitur 
fractis angulis vestibulum concidit et omnes ]>ariter considentes 
obruit'). Ungleicli schlimmci- als in diesen beiden Fällen waren die 



1) Von einem derartigen Einsturz während eines Mahles erzählt auch Gregor v. Tours 
VIII, 42 (.Script, rer. Meroving I. 354): Accedens (Bcppolenus dux) autem ad 
\irbom, dum epularetur cum divorsis in tristico (D tristega), subito elfractum 
pnlpitum domus, vix semivivus evasit, multis dobilitatis. Tristega, tristi- 
gium = aedificium constans tribus tabulatis, cubiculuni sliperius etc. Du 
Cangc VIII, 188. Germ. 18, (>? cooles wendilstein alte et rotundo turres vel 
tristega. Ahd. Gloss. II, 73'.l, 8 tristigium solari. 

Zcitsclir. (1. Vereins I. Volkskunde. lsa<. V 



258 Zingerle : 

Folgen eines solchen Balkenbruches beim Fürstentage zu Erfurt 1183, 
wovon viele Chroniken, im Detail mehr oder weniger abweichend, berichten 
lu den Annal. Stadens. (MGS. XVI, 217) heisst es: Imperatore habente 
cnriam Erfordiae in palatio, sub quo erat cloaca, fractis trabibus 
submersi sunt in cloaca octo principes et niulti nobiles et plus 
quam lOO milites nullo episcopo vel clerico quicquam passo. 
Imperator fenestram rapiens vix evasit.^) Das Gebäude, bezw. den 
Raum, wo die Versammlung stattfand, bezeichnen die Annal. Marbacens. 
(MGS. XVII, 162) als inferior pars domus palacii, die Annal. Pegav. 
(MGS. XVI, 265) als magna domus und die Annal. Colon, max. (JIGS. 
XVII, 7!)) als Solarium cuiusdam domus. Es wird niemand bezweifeln, 
dass es sich hier nur um einen Saal im palatium handeln kann; in einem 
solchen fand sicher auch die Gasterei zu Persenbeug statt und das solarium 
in Flameresheim wird nichts anders gewesen sein. Der Saal des Herren- 
hauses war bekanntlich der Ort für das gesellige Leben, wo man tafelte 
und siiielte, aber auch der Ort, wo man zu ernstem Thun, zu Rat, Gericht 
u. a. sich versammelte. 

Wie der Saal zur Bezeichnung solarium, Söller kam, ist leicht ab- 
zusehen, wenn man berücksichtigt, dass er gewöhnlich im Obergeschosse 
lag°) und nicht selten über das ganze sich erstreckte. Unschwer ist auch 
eine andere Anwendung zu erklären. Wir haben gesehen, dass solarium 
den Boden über dem Erdgeschoss, bezw. den darüber befindlichen Raum 
bezeichnete. Sobald da an einer oder mehreren Seiten Gemächer augelegt 
wurden, verblieb die Benennung nur dem übrigen Räume, der, wenn mit 
dem Haupteingange versehen, entweder iils Hausgang, Flur diente oder 
in Herrenhäusern, auf Burgen auch als Saal eingerichtet war, in welchem 
Falle der Verfasser der Altaicher Annalen hierfür den Ausdruck vesti- 
bulum gebrauchen konnte. 

Mit den bisher konstatierten Bedeutungen langen wir aber nicht überall 
aus. Die Angabe einer T^orscher Urkunde v. J. 836 mansus indomini- 
catus cum solario lapideo et casa lignea zwingt uns, dies solarium 
für ein besonderes Gebäude zu halten. Dass ein steinernes Obergeschoss 
auf einem hölzernen Unterbau nicht anzunehmen ist, hat schon Krieg von 
Hochfelden (Militärarchitektur S. 214) ausgesprochen; doch seine, von 
NordhofF (Holz- und Steinbau S. 309 ff.) im weiteren Umfang vertretene 
Ansicht, es sei ein neben dem hölzernen Wohnhause stehender steinerner 



1) Nach dem Canonicus von Wysselirad (Coutin. Cosmae MGS. IX, 137 f.) ereignete 
sich Ähnliches auch 1132 bei den Fürstentageu zn Bamberg, in Castro Plysn und zu 
Goslar. Als Versammlungsort giebt er stets das palatium an. Daraus ist zu schliessen, 
wie selten im 12. Jahrh. ebenerdige Lokale gewölbt waren. 

2) Daher auch super sol. z. B. Codex Wangianus (Font. rer. Austr. Bd. V) S. .3iiO 
Tridenti super^solarium castri Boni consilii (dagegen S. 1G5 in Tridcnto in 
Camera domini episcopi, quac est in solario palatii e]iiscopatus) wie üf dem, 
den sal oder palas. 



Zum altdeutschen Bauwesen. 259 

Turm oemcint. wurde von Piper, der übrigens selbst nicht ins klare ge- 
kommen ist, mit Kecht bekämpft') (Burgenkunde S. 145 ff). Der oben 
«^•itierten Stelle lässt sich der Bericlit Thietmars von Jlerseburg über die 
Ermordung des Jlarkgrafen Ekkihart (MGÖ. III, 792) an die Seite stellen. 
Er beginnt: Pervenit autem comes ad locum predestinatum, qui 
Palithi dicitur, et facto vespere comedit et in lignea caminata 
cum paucis dormitum ivit. Caeteri vero quam plurimi in proximo 
quiescebant solario. Nach der ganzen Darstellung lag das solarium 
nicht über der caminata, in welchem Falle Thietmar wohl auch in oder 
desuper in s. oder in superiori s. geschrieben hätte, sondern beide 
sind wie in der Lorscher Urkunde selbständige Bauwerke und zwar ist 
das Solarium viel grösser, es ist nichts anders als ein Saalbau, in dem 
das Gros des Gefolges untergebracht wurde, wie in den Nibelungen die 
Recken der burgundischen Könige, und dasselbe gilt von dem solarium 
der genannten Urkunde, für dessen Stattlichkeit das benützte Baumaterial 
spricht. Dazu stimmt, dass Otfried auch praetorium ( phalanza Ahd. 
Gloss. II, 427, 8) mit soläri wiedergiebt. 

Als selbständiges Gebäude erscheint das solarium. ferner Ahd. Gloss. 
III, 2<s8, 32 (sol. ,altum aedificium i. solare) imd auch anderwärts, 
wie in den Beneficiorum fiscorumque regalium describendorum 
forraulae (MGS. III, 175 ff.), wo u. a. in Treola fisco dominico man- 
siones virorum ex ligno factas 3. solarium cum pisile 1, alia tecta 
ex maceria 3 verzeichnet werden. In diesen unter Karl d. Gr. abge- 
fassten inventarmässigen Berichten über die königlichen Güter begegnen 
uns auch Hofthore mit Söllern (S. 178 Curtem tunimo strenue munitam 
cum porta lapidea et desuper solarium ad dispensandum — S. 179 
Curtem sepe munitam cum portis ligneis 2 et desuper solaria u. ö.) 
und ein ringsum von Söllern umgebenes Haus (S. 179 Invenimus in 
Asnapio fisco dominico salam regalem ex lapide factam optime, 
Cameras 2, solariis totani casam circumdatam cum pisilibus 11; 
infra cellarium, porticus 2 u. s. w.). Jene dürften wir uns als Thor- 
häuser mit Obergeschoss vorzustellen haben ^), bei diesem ist man geneigt, 
an eine den hölzeVnen Umgängen oberdeutscher Bauernhäuser entsprechende 
Aussengallerie zu denken, doch haben wir es mit Arkadengängen im 
Obergeschosse zu thun.') Wir treffen sie im Süden häufig in Verbindung 

1; Die in den l[iracula St. Bencdieti (von Aniasse, gest. 821) erzählte Geschichte 
vom Sturze des Legninus ergiebt nichts, als dass der hölzenic Turm (turris lignea) ein 
von S. und seiner Familie bewohntes Obergeschoss (solarinm) und darunter den Keller 
(cellarium) hatte. 

2) Vgl. Caesarius v. Heisterbaoh Dial. VI, 5 De fenestra solarii portae cleri- 
corum respiciciis, vidit plurcs pauperes illum sequ<'ntes. 

3) Auch Ruodlieb XIII, 5 cum dominis domina pedat ad solaria celsa hat 
der Dichter wahrsclieinlich solche Lauben, in denen die höfische Gesellschaft gern weilte, 
im Sinne. Piiier a. a. 0. S. 438 meint zwar, auch wenn die Minnesänger gern von solcher 

17» 



260 Zingerle: Zum altdeutschen Bauwesen. 

mit ebeuenligen Portiken'), welche Anlage ebenso bei den nach italisch- 
byzantinischen Mustern gebauten karolingischen Pfalzen vorgekommen sein 
mag^) (s. Fr. v. Keber, Der karolingische Palastbau, II, 48(i, .1. v. Schlosser 
in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie phil.-hist. Gl. Bd. 123, .j;5). 
Von diesen inneren Bogengängen wird der Name auf äussere Crallerien 
übergegangen sein wie bei „Laube". Es scheint diese Übertragung ziemlich 
spät erfolgt zu sein, wenigstens vermag ich für das frühere Mittelalter 
keinen Beleg beizubringen. Cohausen (Bergfride S. 34) hat behauptet, 
Söller bezeichne auch den Wehrgang hinter den Zinnen, aber aus alten 
Quellen ist es nicht uachgewiesen. Ich bemerke dazu, dass im Zillertiiale 
(Tirol) der Söller des Hauses auch Wöhr, Wöhrl, d. i. Wehre, Wehrgang 
heisst, und zwar soll letztere Bezeichnung üblicher sein, was für die Ent- 
stehunas- und Benennungsfrage nicht ohne Bedeutung ist. 



Laube berichten, so wird kaum eine Stelle nachweislich sein, in welcher das vieldeutige 
Wort gerade einen solchen Kori'idor bezeichnen müsste, doch verhält es sich keineswegs 
so. Von besonderem Interesse ist die Schilderung im AVigalois 14, 5 ff. Darnach lag der 
„Saal" der Königin nächst der Porte (16, 19). Ihre Unterredung mit dorn Ritter findet 
von den liewen aus ^tatt (14, fi), die so hoch gelegen waren, dass dieser mit dem Speere 
den Gürtel hinaufreichen konnte. Aus den weiteren Angaben llj 7 ff, besonders 15 ff. 
(aller haude seitespil, die die juncfrouwen künden: daz hörte man zailen 
stunden in den gewelben schellen, die kleinen hunde bellen ... in den liewen 
liberal) ergiebt sich ungezwungen, dass gewelbe und liewe identisch sind. Nach 
allem ist daz hüs daz was sinewel, beliewet umbe und umbe wohl so aufzufassen, 
dass der Palas im Obergeschosse ringsum mit einer gewölbten Laube umgeben war, d. i. 
also domus undique solariis circumdata. 

1) Von einem solchen Bau ist u. a. in der Vita Gregors IV. die Rede, wo es ähnlich 
wie oben heisst: in curte, quae cognominatur Draconis domum satis dignura 
undique porticibus ac solariis circumdatam a solo noviter fieri statuit. 

2) Ob aber der Bericht des Monachus Sangall. I, 30 Apud Aquisgrani mansioues 
omnium cuiusquam dignitatis hominum, quae ita circum palatium peritissimi 
Karoli eins dispositione constructae sunt, ut ipse per cancellos solarii sui 
cuncta nosset videre etc. so auszulegen ist, bezweifle ich. Ebenso glaube ich nicht, 
dass mit deambulatorium scilicet solarium cum cancellis ereis in den V. pontif. 
Rom. p. 502 eine Terrasse mit Gittern gemeint ist, wie Schlosser a. a. 0. vermutet. Unter 
cancelli verstand man Gitter, speciell Fenstergitter und vergitterte Fenster. In den 
mittelalterliehen Quellen ist der Ausdruck ganz gewöhnlich in lotztercra Sinne gebraucht. 
So schreibt auch der Verfasser der Anual. Pegav. im Berichte über das Erfurter Unglück 
quicumque in cancellis uon consederant, miserabili ruina sunt involuti, 
während es in den Annal Stad. heisst Imperator fenestram rapiens vix evasit und 
in den Annal. Marbac. solo rege Heinrico in una fenestra eiusdem ilomus ad- 
hercnte etc. 

Czernowitz. 



Anialfi: Wer hat clio Facetieu des Piovano Arlotto kompiliert? -261 

Wer hat die Facetieu des Piovano Aiiotto kompiliert? 

Von Gaetano Ainalfi. 



Die Lebensverliältnisse des Arlotto Mainardi, des Sohnes des Johanns 
M.. werden zwar ziemlich eingehend erzählt: jedoch ergiebt sich aus Ur- 
kunden über ihn recht wenig. 

Das Datum seiner Geburt wie das seines Todes ist uusiclier. 

Einzig aus der Tradition ist die Behauptung entlehnt, dass er am 
'25. Dezember 1396 zu Florenz geboren sei. Dort ist er auch gestorben, 
wie es heisst; aber über das Datum seines Todes sind die Gelehrten ver- 
schiedener Ansicht. Einer in den Facetieu mitgeteilten Inschrift zufolge, 
die sich einst in. der Kirche de" Petroni befand, hätte er am 26. Dezember 
14S3 sein Leben beschlossen. Aus unbekannten Gründen ist jene später 
aber durch eine andere Tafel ersetzt worden und nach dieser fiele sein 
Todestag auf den "27. Februar 1484. Beiden Daten widersprechen jedoch 
die Urkunden. 

Aus einer Riconlanza des Capitolo di San Lorenzo geht hervoi", 
dass er am 26. Dezember 1484 verstorben, und aus einem J5iiche der 
Congrega maggiore dei preti. in der Via S. Gallo, dass er am 14. Fe- 
bruar 1483 noch am Leben gewesen, während man am 13. Januar des 
folgenden Jahres Almosen zum Heile seiner Seele ausgeteilt habe. Man 
beachte übrigens, dass für die Florentiner damals und noch bis zum Jahre 
17r)0 das Jahr mit dem 2.x .März, dem Tage der Inkarnation, begann. 

In dem Pfarrbuch von S. Cresci a Macciuoli findet sich unter dem 
Jahre 1454 die nicht ganz unzuverlässige Aufzeichnung: „Arlotto di Gio. 
di ser Matteo Mainardi. Era anche circa il 1442. Mori nel 1483 di anni 
87."') Bestätigt wird dieses Alter durch ein Taufregister der Kirche S. 
An<lrea a Cercina. 

An Autographen von ihm kennt man wolil nur einen einzigen, und 
zwar eine Scliuldverschreibung vom 8. März 1460, die im Königlichen 
Staatsarchiv zu Florenz aufbewahrt wird. Man schreibt ihm zwar noch 
einige andere Scliriftstücke zu, doch scheint man nur noch von einem 
einzigen, das jetzt aber verschollen oder ganz verloren ist, etwas näheres 
zu wissen, dem Libro degli Errori, das König Alphons und etwa em 
Jahrhundert später der bekannte Spassmacher Doni, der in burlesker "Weise 
darauf anspielt, als Manuskript gesehen haben. ^) 

Die Quelle fast aller übrigen biograpliischeii Notizen sind die Facetieu. 
Keiner Beachtung wert ist das, was mehr oder minder sorgfältige Epigonen 

1) Baccini, Le facezie ilcl Piovano Arlotto, Firenze, Salaiii, 1^8^, S. 3h und 
passini. Vgl. für den biographischen 'l'eil: Manni, Veglie piaeevoli. 

2) Seconda Libraria, Vinogia 1555, S. äü. 



262 Amalfi : 

erzählen. Ich verweile demnach bei den Facetien, deren Glauliwürdigkeit 
von einer weiteren Untersuchung-, niinilicli über den Verfasser derselben, 
abliängt. 

Die erste Ausgabe wurde in Florenz von Bernardo Zucchetta, und 
zwar auf Betreiben des Bernardo di ser Piero (Pacini) aus Pescia, gedruckt. 
Sie trägt keine Jahreszahl, ist aber sicher um das Jahr 1500 erschienen, 
obwohl im Katalog Floncel s. No. 4171 das Jahr 1483 genannt wird; man 
hat hier aber das Druckjahr mit dem Todesjahr des Piovano verwechselt. 
Der Katalog Libri vom Jahre 1847 giebt den Preis auf 18,50 Franks an. 
Vorangeschickt ist eine kurze Biographie, die aus den Facetien sellist 
geschöpft ist. Welchem Codex oder Manuskript man gefolgt sei, darüber 
verlautet nichts. Dieser Druck hat dann den späteren Ausgaben, die man 
bei Passauo und bei Papanti beschrieben finden kann, mehr oder weniger 
als Basis gedient. 

Vollständiger und, wie es scheint, geradezu abschliessend ist jene 
zweite Redaktion, die der Ausgabe meines Freundes Baccini, die wir 
bereits oben citiert haben, zu Grunde liegt. Sie entstammt einem unedierten 
Codex der Laurenziana'), in dem nur drei etwas derbe Facetien, die jedoch 
in der florentiner Ausgabe nicht fehlen, getilgt sind. 

Die Hand ist diejenige des Padre Stradino, d. h. des Johannes Mazzuoli 
aus Strada in Chianti, der auch die Namen Cronaca Scorretto, Con- 
sagrato, Bacheca, Crocchia, Pagamorta, Pandragone, Bales- 
traccio, Colombella u. s. w. führt. Er hatte sich anfangs dem Kauf- 
mannsstande gewidmet, entsagte diesem aber später und begann in der 
Hoffnung irgend eine Anstellung zu finden Dichtungen und Codices be- 
sonders aus der Zeit Lorenzos de' Mediei abzuschreiben, wozu ihn auch 
die Tochter des letzteren, Lucrezia, anspornte. Er war auch Soldat und 
schrieb auch Verse und Prosasachen. Tjasca (Grazzni) lässt ihn in einem 
Kapitel bei seinem Tode sagen: Da poi ch'io e poeta e soldato . . . .^) 
Er war ferner Mitbegründer der später Accademia fiorentina genannten 
Akademie. 

Seine Leidenschaft sozusagen war jedoch das Abschreiben und Samineln 
von Schriftwerken und zumal antiken; und obschou kein Mann von tiefer 
Gelehrsamkeit hat er doch als ewig lüsterner Sammler von Ritterromänen, 
Codices und Konzepten, wenn er auch die Dinge etwas zu verwirren pflegte, 
seine Bedeutung. Vorn auf die Bücher pflegte er Bemei'kungen, Glossen 
und dergleichen zu kritzeln, zuweilen gab er hier auch Nachrichten über 
sich selbst. Es heisst er sei, besonders in den Klubs und Gesellschaften, 
ein gefälliger, geistvoller Erzähler gewesen. Er starb am 5. Juni 1549 im 
Alter von 69 Jahren und dann wurden seine Sachen, die in einem Schrank 



1) Im Katalog Bandini ist er bezeichnet: Pluteo XLVII, Cod. 27. Vgl. Baccini 
a. a. 0. S. 42. 

2) Rirae, Firenze, Moüclte, 1741—42, Bd. 11, S. 17 und passim. 



"Wer hat die Facetieii des Piovano Arlotto kompiliert? 263 

bimt durcheinander lagen, seine Büclier, kurz alles, was er besass, geteilt 
und zersplittert.') 

Dass Piovano die Faoetien nicht selbst zu Paj)ier gebracht, unterliegt 
keinem Zweifel. Es ergiebt sich dies aus dem Texte selbst, da der Er- 
zählende eine andere Person ist; hierin stimmen auch alle Biographen 
überein, Baceini mit eingerechnet, der wiederholt die Anonymität des 
Kompilators der Faoetien hervorhebt. Völlig scheidet er nur den Mazzuoli 
aus: denn wider diesen zeugten einige Facetien, in denen der Anonymus 
Begebenheiten erzähle, denen er selbst beigewohnt zu haben versichere, 
während der Padre Stradino erst wenige Jahre vor dem Tode Arlottos 
geboren sei. Er greift zu der Hypothese, dass ihm das Original, von dem 
er seine Abschrift genommen, abhanden gekommen sei; während Mazzuoli 
nämlich, so bemerkt er, in anderen Codices bis zum Überdruss hinkritzele, 
aus welcher Vorlage er geschöpft habe, beobachte er hier in dieser 
Hinsicht völliges und zwar ein geradezu ärgerliches Stillschweigen. Diese 
Ausnahme hat man sich gleichfalls zu vergegenwärtigen. 

Bereits Ristelhuber hatte in seiner Einleitung zu der französischen 
Version unserer Facetien^) angemerkt, dass Arlotto diese nicht abgefasst 
liabe. sondern dass sie erst nach seinem Tode veröffentlicht worden seien 
und die Person des Redaktors nicht feststehe. Allerdings ist er ziemlich 
stark zu der Annahme geneigt, dass es jener Bernardo Pacihi sein möge, 
auf dessen Betreiben der erste Druck besorgt wurde; wer immer es aber 
sei, schliesst er, nehmen wir das Buch so hin, wie es nun einmal ist, und 
halten wir von dem Helden so viel als er verdient. 

Man gewahrt, wenn wir das Material betrachten, das die Sammlung 
ausmacht, sicher mit Leichtigkeit, dass für den Kompilator recht wenig 
zu thun übrig blieb und dass dem Piovano zahlreiche Handlungen, die 
ihm zwar beigelegt werden und an ihm verwirklicht erscheinen, dennoch 
schwerlich angehören oder er sie einfach nacherzählt. Um uns hiervon 
zu überzeugen, bedarf es nicht einmal weitschweifiger Nachforschungen, 
sondern genügt schon ein kurzer Blick auf die Quellen, da es sich um 
Stoffe rein traditionellen Charakters handelt. 

"Wir haben uns nicht eine Person zu denken, die dem Piovano immer 
auf den Fersen nachgefolgt wäre, um jede Neuigkeit, jede Anekdote auf- 
zuzeichnen. Man wird sich deren viele erzählt haben und irgend jemand 
hat sie dann wohl geschickt zu Papier gebracht und manchmal zur Er- 
höhung ihres Reizes vielleicht noch hinzugefügt, dass er sie selbst erlebt 
habe: dieses Kunstgriffes bedienen sich ja, wie wir beobachten können, 
noch heutzutage die Novellenschreiber, um die Glaubwürdigkeit des Er- 
zählten zu steigern. Man wird auf den Helden, der eine Art Typus 

1) Del Lungo, Diiio Coinpagni e la siia cronica, l'irenze. Succcssori Lc Mounicr 
1879—80, Bd. I, S. 729—50, und passim. 

2) Les Coiites ctFaceties d'Arlotto etc., Paris, Lcnicne, 1873, S. 8 und passim. 



•2(i4 Amiilfi: 

i^ewortlen, viele Spässe geschoben liabun, die er nicht einmal geträumt: 
und allmäiilicli hat sich dann das ganze Material etwa in der Weise 
zusammengefügt, wie sich ein bergabrollender und nun immer grössei- 
werdender kleiner Schneeklumpeu zu einer Lawine ausbildet. Das Material 
selbst besteht seit Jahrhunderten und hier nimmt es nun eine bestimmte 
Form an, ja aufrichtig gesprochen hält es mit seiner Entwickelung noch 
gar nicht inne, sondern fährt mit derselben noch fort und so finden wir 
eine grosse Anzahl jener kleinen Geschichten, mutatis mutandis, noch bei 
jüngeren Novellisten wieder. 

Bei dieser genaueren Fassung der Dinge verschwände der kleine 
chronologische Widerspruch in Bezug auf Mazzuoli und es stände, da aucii 
er ein Spassvogel ist und einen behenden, munteren Geist besitzt, der An- 
nahme, (hiss er die Geschichten ausgeputzt und geordnet habe, um so 
weniger etwas im Wege, als er im Gegensatz zu seinem sonstigen Ver- 
fahren seine Quelle nicht citiert: und zwar hätte er entweder selbst auf 
irgend eine Weise gesammelt oder das benutzt, was die Tradition bereits 
gesammelt darbot. Jedenfalls aber leidet es, ob nun er oder jemand anders 
dies gethan habe, keinen Zweifel, dass Piovano niclit der Verfasser der 
Facetieu gewesen ist und dass es sich mn ein traditionelles Material handelt, 
(las sich nachher noch weiter entwickelt hat. 

Da ich jedoch nichts beliaupten möchte ohne es zu beweisen, will ich 
nunmehr, statt mich in unnütze Worte zu verlieren, einen faktischen 
Beweis geben und für eine Anzahl von Facetien einige Varianten an- 
merken, wie sie mir leicht in die Feder gekommen sind, ohne dass ich 
mühsam nach ihnen geforscht hätte; denn schon eine schlichte Darlegung 
und wenige Beispiele reichen aus, um ihre Zugehörigkeit zu dem gewaltigen 
Reiche der Volkssagen und -geschichten zu erweisen und eine genaue 
Vorstellung von ihrer Bedeutung beizubringen. Auch mache ich mir das 
zu nutze, was schon von anderen, besonders von Ristelhuber geleistet 
worden ist; ich eitlere stets die Ausgabe von Baccini, da sie die zugäng- 
lichste und vollständigste ist. Der Kürze halber schreibe ich nicht die 
einzelneu Stücke ab, sondern verweise einfach, doch werde ich als Probe 
und zugleich um den Leser nicht zu zwingen mir bloss aufs Wort zu 
glauben und sich die Mühe des Vergleiches zu machen, zwei bereits von 
anderen wahrgenommene nicht zu bestreitende Versionen eines und des- 
selben Stückes neben einander abdrucken, die sozusagen einen matlie- 
matischen Beweis bilden. Nicht oder doch nur sehr selten eitlere ich 
Namen solcher, die diese oder jene Facetien nur abgeschrieben oder ver- 
sificiert haben, wie z. B., Gabrielli in seiner Insalata mescolanza. 

Hinter den Facetien stehen einige „Fragen und Antworten", sowie 
„moralische Sprüche"; doch für diese gebe ich keine Varianten, tienn sie 
stammen, wie Baccini liemerkt, nicht aus dem Geiste des Piovano, sondern 
sind wohl der Inbegritt' oder besser das Ergebnis jener Erfaiirung oder 



Wer hat die Faeetien des Piovaiio Arlotto kompiliert? 265 

jener Lebeiisübung, welche die antike Weisheit ab immemorabili auf uns 
vererbt hat. Den grössten Teil der Antworten und moralischen Sprüche, 
die dem Piovano beigelegt werden, findet man in verscliiedenen Büchern 
des 15. und 16. Jahrhunderts wiederholt. Baccini teilt uns auch mit, dass 
Oiovanni Papanti seit lange eifrigst an dem Material zu einer erläuternden 
Arbeit über die Faeetien gesammelt habe, einer Arbeit, die indessen, so 
viel ich weiss, niemals erschienen ist. Ja nicht einmal Spuren von der- 
selben scheinen sich nach der Auskunft, die ich von dessen Erben auf 
meine Nachfrage erhalten habe, unter seinen nachgelassenen Schriften 
vorgefunden zu haben. 

Nunmehr wollen wir jedocli zu unseren kurzen Angaben übergehen : 

No. 1. In biographischer Hinsicht von Bedeutung, da sie einige No- 
tizen über den Vater des Piovano giebt: er hat sich vielerlei Irrungen zu 
scliulden kommen lassen und ist arm in der Srinclie. dem Florentiner 
(iefängnis, gestorben. 

No. 3. Steht aucli in der Cicalata sulle fave von Carlo Dati. 

No. 4. Steht in Poggios Facetiae, herausg. von Sommaruga 1884, 
Xo. 144. S. 147: ,,üi un prete fioreutino che ando in Ungheria." 

No. 5. Wird auch von G. B. Faggiuoli und dem Abate Galiani er- 
zählt; es verlohnt sich der Mühe sie in der letzteren Version mitzuteilen. 
(ialiani hatte ein Notizbucli. in das er alle Tagesereignisse eintrug. Einst 
lieh der König Ferdinand IV. von Neapel jemandem, der nach Arabien 
ging, um Pferde anzukaufen, dreissigtausend Dukaten oder eine ähnliche 
Summe (so sagt man — wer weiss es?). Darauf schrieb der Abate hin, 
der König sei ein — Tropf, denn der Händler werde nicht wiederkommen. 
Das Papier entfiel aber seinen Händen und der König las es. Er zog 
den Abate zur Rechenschaft und fragte ihn, warum er so etwas gesclnüeben 
habe. — „0, liier ist nur specificiert worden." — Wenn er aber mm doch 
zurückkehrt? — „Dann werde ich Euch das Prädikat Tropf nehmen und 
iliui geben!" — Mit gei ingfügigen Variationen bildet diese Geschichte die 
No. lüO der Facezie e Motti dei sec. NV e XVI cod. ined. maglia- 
l)echiano. Bologna. Romagnoli 1874, Heft 138 der von Papanti besorgten 
Curiositä, der in einer anderen Schrift (G. B. Passano e i suoi no- 
vellieri italiani in prosa etc., Livorno, Vigo 1878, S. 50 — 51) anmerkt, 
dass lue dem Piovano zugeschriebenen Faeetien .doch niclit sämtlich Kinder 
seines Geistes seien und der vorliegende Schwank der ersten dei- drei 
Erzählungeii entspreche, die in der 74. Novelle der Cento Xovelle 
antiche (Text Borgliini) enthalten seien und die uns auch iler Spanier 
Don Juan Manuel (gestorben i:)47) in seinem Conde Lncanor (Stuttgart, 
Inilf unil Liesching, is:)i). 8°, Kap. VIII: De lo (pie conteci('i a un rey con 
un liomlirt' (pic \r diMia sabia facer alquimia) erzählte. Der König, von 
dem in diesem Schwank die Rede ist. ist Alplions I. von Aragonien der 
Grosslierzi"e. nach Antonio Panorniita. Dicta et facta Aiplionsi. 



2(16 Amalfi: 

No. 6. Wird aucli P'agiuoli zugeschrieben, und die folgende Nummer 
enthält eine noch immer im Volke lebendige Schnurre. 

No. 8. Steht bei Poggio als No. 37, S. 46. Etwas älinliches wird 
von einem Prediger erzählt, den man zwei Jahre hinter einander eingeladen, 
eine Lobrede auf den heiligen Joseph zu halten. 

Xo. 10. Bedier, Fabliaux, Paris 1893, S. 408 merkt an, dass sich 
diese Facetie fast ganz so in den Nouv. contes h rire ou recreations 
fran^oises (Amsterdam 1741, S. 34S): D'un qui deroba une jiiece de 
toile, wiederfinde. 

No. 17. Steht bei Papanti in den Pacezie etc., No. 167, S. 100. 

No. 18. Eine ähnliclie Geschichte wird von dem Astronomen Plana 
erzählt, der einen lästigen Zuhörer zureclitwies (Imbriani, A])piinti critici, 
Napoli, Morano 1878, S. 64—65). 

No. 21. Steht in den Facezie von Carbone (Co<l. ined. der Biblioteca 
Comuuale von Perugia No. 21), No. 6 und 95, die nächstens von meinem 
Freunde, St. Prato, mit einer Einleitung veröffentlicht werden: „El Älarchese 
de Mantoa cercava un capellano che dicesse messa da cavalchare. Dui se 
gli offersero: de li quali l'uno diceva che neu si trovaria homo che la 
dicesse pih presto di lui. L'altro rispose: Come la potresti dire piii presto 
di nie che non ne dico mai la metade?" 

No. 2<S. Vgl. Croce, Primi contatti fra Spagiia e Italia, Neapel, 
S. 22. 

Xo. 31. Steht bei Bidpai, Fables, übersetzt von Galland und Cardonne 
(Paris 1788, 3 Bde., 12") I, 77, und in dem Livre des Lumieres von 
David Sahid, 1644, Kap. I, fol. 2G. 

No. 40. Es handelt sich hier um ein einfaches volkstümliches Sprich- 
wort. Verwandter Art ist eines, das man in den zehn Tafeln venetianischer 
Sprichwörter liest. 

No. 41. Steht bei d"Ouville, Les Contes: „Jugement subtil ilu duc 
d'Ossonne contre deux marchands." 

No. 42. Steht in den Aventures de Til Ulespiegle, Übersetzung 
von Pierre Jannet nacli dem Text von 1529, Paris, Picard 18()6, Kaj). LX: 
„Comment Ulespiegle escamota un röti aux bouchers d'Erfurt." 

No. 44. Bei Meliere, Le Medecin malgre lui, Akt I, Sc. 6 ruft 
Sganerelle, der mit einer Flasche in der Hand auf die Bühne tritt, aus: 
„La, la, la . . . Ma foi, c'est assez travaille pour boire un coup. Prenons 
uu peu d'haleine. (Nachdem er getrunken.) Voilii du bois qui est sale 
comme tous les diables." 

No. 48. D"Ouville, „Comparaison que fit un paisan." 

No. 63. Die Beschwörung: „Nebbia, nebbia mattutina, | Che vien 
sempre la mattina, | Una tazza di malvagia, | Contra a te e vera medicina" 
ist, wie Rua gelegentlich bemerkt (Intorno alle P. N. dello Strajiarola, 
Torino, Loescher, 1890, S. 72), auch bei Ortenzio Lando, Commentario 



AVer hat die Facetieii des Piovano Arlotto kompiliert? 267 

de le piii iiotabili e mostruose cose d'ltalia. Venezia 1550, Bl. 8 zu 
finden. 

No. (U. Ähnelt jener Novelle von Sacchetti, in der auf den Leichnam eines 
reichen Landmannes mit Namen Giovanni, den der Mönch spöttischerweise 
in Janni dello Barbagianni verwandelt, eine burleske Lobrede gehalten wird. 

No. 65. D'Ouville: „D'un tailleur." 

No. 66. Als Pendant kann folgendes Stück dienen: „Le petit pere 
Andre avait preche pendaut tout le careme dans une ville oii personne ne 
l'avait invite ä diner. II dit dans son adieu: J'ai preche contre tous les 
vices, excepte contre la bonne chere, car je ue sais pas comment Ton traite 
en ce pays-ci." Sermons facetieux ou ridicules, Paris, Delarue, 1835, 8°. 

No. 68. Lorenz Magalotti erzählt die gleiche Novelle mit geringen 
Abweichungen in seinen Lottere Familiari, hei-ausg. v. Cambriagi, 176H, 
S. 57. Auch ist sie von Joseph Valeriano Vannetti in seinen Rime 
burlesche, Roveredo 1757, und dem Bologneser Cesare Cavara unter dem 
Titel „I Gatti di Ansaldo, novella in ottava rinia, Bologna 1866" (auch in 
der Zeitung II segretario comunale. No. 13 desselben Jahres) in Yerse 
gebracht worden. Sie steht ferner in den K. H. Märchen der Brüder 
Grimm unter No. 7(t: „Die drei Glückskinder." Auf englischem Boden 
sind einige Beziehungen zu der vaterländischen Geschichte von Wittington 
wahrzunehmen, der zur Zeit Eduards III., Heinrichs Y. und der Schlacht 
bei Azincourt im Jahre 1415 infolge grosser Reichtümer, die er sich mit 
Hilfe der Katzen erworben, zum Ritter und Lordmayor von London ernannt 
wurde. Er war daher bis zum Jahre 1780 in grosser Uniform und mit 
einem Kater im Arme ülier dem Thor von Newgate dargestellt zu sehen. 
— Morrier behauptet, das Urbild der Erzählung in Indien gefimden zu 
haben. Vgl. Resie, Histoire et traite des sciences occultes, S. 43. 

Einige leichte Berührungspunkte Hessen sich auch feststellen mit dtr 
bekannten Novelle von der Frau, die in die Behausung der Katzen geht 
und dafür, dass sie ihnen Freundlichkeiten erweist, reich von ihnen belohnt 
wird, während ihre Schwester, die sich in der gleichen Erwartung zu ihnen 
begiebt, sie aber misshandelt, vollständig zerkratzt zurückkommt, vgl. De 
Gubernatis, Zoological Mythology, London 186-2, II, S. 62; vgl. auch 
Tuscan Fairy Tales S. 218. In der Novellaja fiorentina von Imbriani. 
Livorno. Vigo 1877 trägt sie den Titel: La bella Caterina (XV, S. 202) 
und Nerucci, der sie mündlich aufgegriffen hatte, druckte sie in seineu 
Sessanta Novelle Montellesi (Firenze, Le Monnier 1880) V, S. 37 ab: 
Varianten werden jedoch nicht angemerkt. Vgl. in der erwähnten Novellaja 
auch die Nummern XTII und XIV. Die gleichen Ideen begegnen jedoch 
in der von Gosquin in seinen Contes populaires de Lorraine, Bd. II, 
118 ff. unter No. 48 veröffentlichten Erzählung: La salade blanche et la 
noire, der anmerkungsweise zaidreiche vergleichende Angaben beigegeben 
werden. Zu diesen will ich einige unbedeutende Zusätze machen: 



-268 Amalfi: 

Perrault, Contes: Les fees; Basile, Peiitamerone III, 10 u. IV, 7; 
(irinim, Kinder- und Hausmärchen, No. 24: Frau Holle und No. 13: 
Die drei Männlein im Walde; Proehle, Märchen für die Jugend, 
Halle 1854, No. 5; Chodzko, Contes des paysans et des patres slaves, 
Paris 1864, S. 315; Coelho, Contos populäres portuguczes, Lisboa 
1879, No. 36; Zingerle, Tiroler Kinder- und Hausmärcheu, [, 1 ; U, 39: 
Kuhn und Schwartz, Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche, 
Leipzig 1848, No. 9: Das Mädchen im Paradies, S. 335; E. Meier, 
Deutsche Volksmärchen in Schwaben, Stuttgart 1852, No. 77: J. W. 
AVolf, Deutsche Märchen und Sagen, No. 38; Brueyre, Contes popu- 
laires de la Grande-Bretagne, Paris, Hachette, 1875, No. 6: Les 
trois tetes du puits (Hallivell's Nursery Tales, Angleterro) und 
Histoire abregee du vieux livre des trois rois de Colchester; aus 
den Annierkungsn vgl. den Hinweis auf die schottische Version aus Tife, 
die den Titel: Le piuts du bout de monde hat und von Chambers 
entdeckt wurde. Zu vergleiclien sind auch die zahlreichen Verweisungen 
auf frtMndUindische Novellen, die Brueyre im Auschluss an die obige 
Nummer liefert. Siehe ferner auch Kennedy, The Pireside Stories of 
Ireland, Dublin 1875, S. 33. In einer Ansiedlung zwischen dem Kas- 
pisehen und dem Schwarzen Meere hat man eine Geschichte ähnlichen 
Charakters aufgefunden, die in den Memoires de l'Aeademie de Saint- 
Petersbourg, Ser. VII, Bd. XVII, 1S72, No. 8, S. 59 gedruckt steht. 
Eine weitere Version mit freilich ziemlich veränderten Zügen, die Mason 
im Journal of the Asiatic Society of Bengal, Bd. XXXIV, 186.5, 
Teil II, S. 22S analysiert hat, hat man im fernen Osten bei den Kariaines 
in Birma angetroffen, eine fernere auch in japanischen Kinderbüchern, die 
A. B. Mitford, Tales of Old Japan, S. 249 übersetzt hat. Sodann hat 
lUiin in Bengalen eine Erzählung ermittelt^ die sich trotz ihrer Abweichungen 
augenscheinlich auf das vorliegende Sujet bezieht. Vgl. Lal Behari, Day 
No. 22. Es fallen jemandem, so oft er lacht, Rosen von den Lippen: 
Tuti-Nameh, Bd. II, S. 72. Vgl. auch Benfey, Einleitung zum Pantsch., 
S. 379—80 und Bd. I, S. 219. Zu vergleichen sind auch: Manuel Milk y 
Pontanals, Observaciones sobre la poesia populär, Barcellona 185.3, 
S. 177; Jlaspos y Labrös, Lo Rondallayre, I, 97: La fiUastra; II. Serie, 
S. IUI: Las germanastras; Madlle. Lheritiers, Contes des fees: Eu- 
ch ante nie nt de Teloquence; Mme. Le Prince de Beaumont, Contes 
•les fees: La veuve et ses deux filles; C. Deulin, Les contes du 
roi Cambrinus: Mequennes de Marie auble; Asbjörnsen et Moe, 
Populär Tales from the Norse, ins Engl, übersetzt v. Dasent. S. 103: 
The Two Step-Sisters und Bushy Bride; Hahn, Gr. u. Alb. M. No. 28; 
Cavallius und Stephens, Svenska Folk-Sagor och Aefventyr, ins 
I^nglische übersetzt von Tliorpe, — vgl. die Märchen: die Prinzessin, die 
dem Wasser entsteigt, Lilla Rosa und Long Leda; die junge Svauhvita 



Wer hat die Faeetien des Piovano Arlotto koiniiiliert? 269 

inid lue junge Räfrumpa: dor goldene Ring und der Frosch: die schöne 
Hirtiu und der Blumenkranz; — Brueyre, Les trois oeufs, conte pop. 
creole, in d. Melusine I. No. 2. Über eine kaffrische Erzählung, in der 
das Thema ein wenig verändert entgegentritt, s. Folk-Lore Journal 
(herausg. vom Ausschuss der Gesellschaft für südafrikanische Volkskunde 
und begründet von dem verstorbenen Dr. Bleek) Heft I und vgl. hierzu 
De Gubernatis, Mitol. comp., Milano, Hoepli, 1880, Anhang: Miti ario- 
africani, S. 121) — 131: Blade, Contes populaires recueillis en 
Agenais etc., Paris, Joseph Baer, Xo. 3: Les deux filles, nebst den 
vergleichenden Anmerkungen von R. Köhler S. 149; Deulin, Les Contes de 
Ma Mere TOye avant Perrault, Paris, E. Dentu, 1879, S. 229: Les fees 
V. Perrault und die der Erzählung folgenden vergleichenden Anmerkungen j 
Hyaciuthe Husson: La chaine traditionelle, Contes et legendes au 
point de vue mythique, Paris, A. Franck 1874, Bd. R", S. 11 — 14 (mit 
mythologischen Beobachtungen über das obige Märchen von Perrault und 
einigen Hinweisen auf fremdländische Varianten): Thomas Frederic Crane, 
Italiau populär Tales, London, Macmillan and Company 1885, Xotes, 
Fairy Tales Cap. II, (Fairy Tales continued), S. 346, No. 2; Schneller, 
Märchen und Sagen aus Wälschtirol, No. 7 u. 8; Pitre, Fiabe, rac- 
conti. novelle, No. 62 — 63; Finamore, Tradiz. pop. abruzzesi, No. 48; 
De Nino, Fiabe abruz. No. 18; T. Gradi, Vigilia di Pasqua di Ceppo, 
S. 20; F. Corazzini, C ompon im enti minor i della lett. pop. ital., S. 409; 
Pitre, Novelle toscane, Firenze, Barbera 1885, No. 8. Eine livorneser 
Variante mit dem Titel „Mamma don-don, la coda delFasino pendolon", be- 
findet sich unter der noch uuedierteu Sammlung meines Freundes Prato, dessen 
seltener Liebenswürdigkeit ich eine Anzahl dieser Notizen verdanke. Auch 
steht sie bei De Gubernatis, I^e novelline di Santo Stefano di Calci- 
naja, No. 1; s. auch Bernoni, Fiabe e novelle j)op. veueziane, No. 19. 
Zu einer piemonteser Version vgl. A. Wesselofsky, Introduzione alla 
Novella della figlia del re di Dacia, Pisa 1866, S. 29 — u. s.w. 

No. 71. Steht in den schon citierten Facezie e Motti von Papanti, 
No. 173 und No. 267. 

No. 77. Weidner, Teutscher Nation Apophtegmata IV, 26.^ 
spricht von einem Spassmacher des Königs Alphons, dessen Namen er 
nicht nennt; die Schnurre aber, die er ihm beilegt, ist die fünfte vor- 
liegender Sammlung. 

No. 83. Findet sich bei B. Waldis, Esopus IV, 98: Wie ein Dorf- 
pfaflP ilio Bauern straft. Kurz bemerkte dazu: „vermutlich nacli münd- 
licher Überlieferung." 

No. 89. Steht mit geringen Abweichungen bei Vottiero, Lo specchio 
de la Cevertä etc., Napoli 1789, No. 9; übertragen und neu bearbeitet hat 
diese Facetie Somma, Cento racconti etc., Napoli De Feo 1882, No. 121. 
(Vgl. meine Schrift: ün fönte dei, „Cento racconti" etc., Nap.Priore, 1892). 



270 Sartori: 

No. 91. Begegnet unter den Erzählungen des Barfüsser Johauu 
Pauli, Schimpf und Ernst und bei Fregoso, Riso di Democrito e 
pianto di Heraclito, Mailand 1500, 4° (ins Französische metrisch über- 
setzt V. Michel dAmbroise, Paris 1547): Paro conie colui che la piscina etc. 
Auch Gozzi hat diesen Schwank erzählt. 

No. 93. Zum Ursprung vgl. Ysopet I, ()2 bei Robert, Fahles inedites 
1825, I, 100; Anon. vet. in ed. (Hs. 7616 der Bibl. nat.) 62 bei Robert, 
I, 99; Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger, Zürich 1757, 8", 70; 
Nicola Pergamino, Dialogus Creaturarum, Goudae 1480, folio, 80; 
Abstemius 195. — Nachahmungen: Faerno 1564, 63; Verdizotti, Cento 
favole, Venetia, Zileti 1570, 4". No. 32; Pavesio, II Targa che contien 
150 favole, Venezia 1576, 16°, I; J. Regnerius 1663, Teil I, No. 1; 
Benferade, Fahles d'Esope en quatrains, Paris 1678, 12°, 103; Pitre, 
Fiabe e Loggende, vol. unico, Palermo 1888, No. 118, S. 391. Auch 
metrische Umarbeitungen erfuhr diese Facetie, und zwar von Seiten Fagiuolis, 
Pignottis (in Terzinen) und Venerando Gangis (im sicilianischeu Dialekt). 
(Schluss folgt.) 



Glockensagen und Glockenaberglaube. 

Von Paul Sartori. 

(Fortsetzung.) 



4. Die Ursachen des Yersinkens der Glocken. 

Die rückwärts dichtende Phantasie hat natürlich nach Gründen gesucht, 
aus denen die Glocken ins Wasser oder in die Erde geraten sind. Es 
wird sich herausstellen, dass auch diese Erzählungen in manchen Fällen 
ihren Ui'sprung in meteorischen Erscheinungen liaben. 

Oft versinken die Glocken, wenn sie von einem Ort zum andern 
gebracht werden sollen: Knoop, Sagen a. d. östl. Hinterpommern, 40. 
107 f. Birlinger, Volkst. a. Schw., I, 144. Müllenhoff, Schl.-H. Sag., 118. 
Pfister, Sag. etc. a. Hessen u. Nassau, S7 f Afzelius, Schwed. Volkssag., 
HI, 210. Revue des tradit. pop. YIII, 220 f. Sebillot, Legendes etc. de 
la mer, I, 205 f. H, 271 f. 

Als der Grund solcher Ortsveränderung wird häufig Entführung 
durch Feinde oder Räuber angegeben. Es ist selbstverständlich nicht 
im geringsten zweifelhaft, dass im Mittelalter die Kirchenglocken viel- 
fach wirklich ein Opfer der Raubgier plündernder Soldaten gewesen 



Glockensagoii und Gloekeuaberglaube. 271 

sind.') Aber aus manchen Zügen der folgenden Sagen scheint doch mit 
hinlänglicher Deutlichkeit hervorzugehen, dass sie in vielen Fällen wenigstens 
in meteorischen, auf einen irdischen Schauplatz versetzten und an Ereignisse 
der Wirklichkeit angelehnten Vorgängen ihre letzte Wurzel haben. ^) 

Die Schaalbyer stehlen eine Glocke von Haddebye. Als aber das 
Boot in die Borgwedeier Breite kam, versank es samt dem Raube: Mflllen- 
hoff, 8chl.-H. S., 118. Seeräuber stehlen am Ostermorgen die tJlocke von 
Neukirchen. Da nun der dortige Kapellan das Fest nicht mehr einläuten 
konnte, so betete er es ein und zwar so inbrünstig, dass die Glocke den 
Händen der Räuber entfiel und in das Siel versank: Ebda. Ähnliches 
wird vom holländischen Xijkerk erzählt: Heims, Seespuk, 6!l. Geraubte 
Glocke versinkt im Eise: ilüllenhoff a. a. 0., 11!>. U. Jahn, Pommersche 
Sag., •-'43.') Anderes: Panzer, Beitr., I, 127. Schönwerth, A. d. Oberpfalz, 
H, l-2--'f. Strackerjan, Abergl. a. Oldenburg, H, 170. 231. 245. Sebillot, 
Legendes etc. de la mer, H, 273 f. 298. Die Glocke von Port-Blanc stürzte 
sich selbst ins Meer, um nicht englischen Freibeutern, die sie geraubt 
hatten, zu gehören: Sebillot a. a. O., I, 205 f. Ebenso „springt" eine von 
Schweden geraubte Glocke in den Main: Herrlein, Sag. d. Spessart, IS. 
Ein Dieb stahl die Glocke zu Gramm. Als er aber damit über eine Au 
fuhr, zerbrach der Wagen*) und die Glocke versank so tief, dass sie nicht 
wiederzufinden war: Müllenlioff, Schl.-Holst. Sag., 118. Die Neuenbroker 
entführen die Glocke zu Oldenbrok nachts auf einem Wagen mit sechs 
Pferden. Da brachen ihnen mehrere Stränge, und die Verfolger waren 
ihnen auf den Fersen. In der Not rissen sie den Pferden die Haare aus 
den Schwänzen, banden damit die Stränge an einander °) und kamen 



1) Siehe darüber Otto, Glockonkunde, 51. Gaidoz in der Melusine, III, col. 67. 
Eisel, Sagbch. d. Voigtlandes, 304. In Moscherosch' Gesiebten Philanders von Sittewald, 
II, 6 (in der Ausgabe von Boxberger, S. 271) nennt ein Mönch die Soldaten seiner Zeit 
u. a. in campanis auferendis expeditissiini. Vgl. Ebda. II, 3 (Boxberger 234). 

2) Als ich in der Zeitschr. d. Vereine f. Volkskde., V, 426. 438 f. in den interessanten 
Sammlungen von Wossidlo las, wie das mecklenburgische Volk Naturvorgänge an be- 
stimmte Ortschaften anknüpft, wurde ich lebhaft an diese Glockensagen erinnert. Wenn 
es z. B. ebenda 323 vom Gewitter heisst: „De Röbelschen sünd de Kegelkugel weglopen", 
so kann und wird man wohl auch einmal gesagt haben : ihnen sind die Glocken gestohlen. 

3) Uas Eis in diesen Sagen kann den unter ihm erklingenden, für Glockeutou ge- 
haltenen Geräuschen, von denen schon früher die Rede war, sein Dasein verdanken, es 
kann aber auch ein Symbol für Luft und Wolken sein: Ztsclir. d. Vor. f. Volkskunde, IV, 
284. 330, Anm. 1. 

4) Gewittervorgängo als Zerbroclien des Wagens gefasst: Scliwartz, Urspr. d. Mytli., 
6. 245. E. H. Meyer, German. Mythol., 2äl. Wie hier der Wagen mit der Glocke, so er- 
scheint anderswo ein Wagen mit Kesseln als Symbol der Gewitterwolke: Meyer a. a. 0., 
205. 239: vgl. 89. 

5) In der ursprünglichen Gestalt dieser Sage werden die Pferdehaare wohl eine 
ähnliche Verwendung gefunden haben wie in der folgenden: Die Einwohner von Hoyer 
wollten einst die Glocken von Kcitum stehlen. Deswegen banden die Keitumer Kirchen- 
vorsteher einen Zwirnsfaden oder, \Yie andere sagen, ein Pferdehaar um den Klöpfel, so 



21-2 Sartori: 

glücklich weg: Strackerjaii a. a. 0., II, -.'41. Die Glocke von St. Wendel 
will man auf einem mit einem starken Hagen (Stier) bespannten Wagen 
nach St. Georg führen. Unterwegs bricht etwas, und der Wagen mit der 
Glocke rollt den Berg Jierunter unfl versinkt mit dem Hagen und dem 
Fuhrmann in einen Teich. Alle Jahre um Winterfrolmfasten hört man 
diesen Hagen bei Nacht aus dem Abgrund brummen: Birlinger, Volkst. 
a. Schw.. I, 143 f. Am deutlichsten ist die Gewitterscenerie noch in der 
folgenden Erzählung erkennbar: Die Sachsenburger wollen die Wurchower 
Glocken stehlen. Die Wurchower jagen nach und treffen die Räuber auf 
dem Yirchowsee. Es entstand ein grosser Streit. ') Darüber wurde keiner 
gewahr, dass ein schweres Wetter heraufzog, und wie da nun um der 
Glocken willen Blut floss, fuhr der Blitz zwischen ihnen nieder, dass sie 
alle samt den Glocken versanken. Die Glocken hört man noch jetzt in 
der Johannisnacht: Knoop, Sagen a. d. östl. Hinterpommern, 140. Vgl. 
Jahn, Yolkssagen aus Pommern, 246. 

Mitunter versenken oder vergraben auch Feinde oder Räuber die 
Glocken absichtlich: Birlinger, Volkst a. Schw., I, 145. Seyberth, Progr. 
d. Gymn. zu Wiesbaden, 187-2, 11. Wolf, Xiederl. Sag., 624. Strackerjau, 
Abergl. etc. a. Oldenburg, II, 231. 

Oder man versenkt die Glocken, um sie vor Feinden zu sichern. 
Die Dobbertiner Glocken werden in den See versenkt, um sie vor den 
Heiden zu sichern. Später kann man sie nicht wiederfinden. Doch sah 
man sie noch öfters mittags auf der Oberfläche schwimmen: Bartsch, 
Meckl. Sag., I, 376.^; Ähnlich: Russwurm, Sag. a. Hapsal etc., 41: vgl. 66. 

Sehr oft ist es der Teufel, der die Glocke ins Wasser oder in die 
Erde geworfen hat. Namentlich uugetaufte Glocken trifft oft dieses 
Schicksal. Vgl. Wolf, Xiederl. Sagen, 561. 562 f. Dtsche Märch. u. Sag., 
No. 321. Kuhn, Westf Sagen, I. 343; vgl. 251. Grimm, Dtsche Sagen, 
I, No. 202. Strackerjan, Abergl. etc. aus Oldenburg, I, 246. Montanus, 
Vorzeit d. Länder Cleve-Mark, I, 173. Ztschr. d. Aachener Geschichtsver , 
XIV, 79 f. Auch in diesen Sagen tritt die Sturm- und Gewitterscenerie 
noch öfters zu Tage. Während eines schrecklichen Unwetters eutfülu-t der 
Teufel die Meldener Glocken uml wirft sie in die Sclielde. Wolf, Niederl. 

dass die Hojringer glaubten, die Glocke sei gesprungen, und sich nicht länger Mühe 
darum gaben: Müllenhoff, Schl.-H. Sag., S. 117. Vgl. auch Ztschr. f. d. dtsche Mjth., IT, 
227 f. Otte, Glockenkunde, 171, Anm. 1. Der die Glocke uraschliessenrte Faden, der im 
irdischen Rechtsgebrauche Besitzergreifung ausdrückt, scheint hier den Blitz zu bedeuten. 
Vgl. auch den früheren Abschnitt über die gebannten Glocken. 

1) Über die mythische Auffassung des Gewitters als Kamiif und Streit s. Ztsclir. d. 
Vereins f. Volkskde , IV, 2.:<8. 

2) Andere Sagen von (Gegenständen, die in Kriegszeiten versenkt sind und später 
nicht wiedergefunden werden: Bartsch, M. S., I, 106 (Kanonen), 250 (silberne Abendmabls- 
kanne, die am Johannistag wieder emporsteigt). Panzer, Beitr., I, 25 (Goldader). Vgl. 
auch Gaidoz in der Melusine, III, col. 67 f. 



Glockensagen und Glockenaberglaule. 273 

Sag., 666. Ebda. 562 fährt der Teufel selbst, der das Tönen einer Glocke 
bis dahin A'erhindert hat, in Gestalt eines grossen, schwarzen Klumpens 
aus dem Turm und in die Erde hinein. — In Laer kommt während einer 
Kirmes plötzlich ein schweres Gewitter heraufgezogen. Da sah man hoch 
oben am Turme helle Peuerflammen, und am Schalloch stand mitten im 
Sturmesbrausen der Böse, schwang die Glocke mit mächtiger Gewalt hin 
und her und schleuderte sie dann in den Mühlenteich; Grässe, Sagenbuch 
d. preuss. Staates, II, 853 f. Die Glocken von Damme reisst der Teufel 
aus dem Turm dat se schüddeden, flog damit durch die Luft dat et brusde 
und schmiss sie in die deipen pöble: Kuhn, Westf. Sag., I, 23. Vgl. Grässe 
a. a. 0., II, 858. Einen Fuhrmann, der eine Glocke über einen Berg 
fahren will, schleudert der T'eufel samt AYagen und Glocke über den Berg 
in den See: Bartsch, Meckl. Sag., I, 378. Ein Bauer lässt für eine von 
ihm gestiftete Kapelle vom Teufel eine Glocke holen. Der Teufel kam 
mit der Glocke über den Bodensee, als ihm St. Petrus in der Luft begegnete, 
sie ihm entriss und in des Sees Grund warf. Der Teufel fing an zu 
suchen, es entstand dadurch ein furchtbarer Sturm auf dem "Wasser. Er 
muss aber eine neue holen: Birlinger, Yolkst. a. Scliw., I, '272; vgl. Meier, 
Schwab. Sagen, I, 157. Aus einem Gewittervorgange erklärt diese Sage 
schon H. Meyer, Germ. Mythol., 148. 

Am häufigsten sind wohl die Sagen, in denen die Glocke samt dem 
Ort, der Kirche oder dem Kloster, dem sie gehörte, versunken ist. Es 
ist längst erkannt, dass diese Sagengi-uppe eine der vielen Gestaltungen 
bildet, in denen die Volksphantasie einen Gewittervorgang verkörpert hat 
und die nach ihrer irdischen Lokalisation durch Xebelerfahrungen lebendig 
gehalten werden. Vgl. W. Schwartz, Urspr. d. Myth., 262 ff. D. poet Natur- 
ansch., II, 163, Anm. Laistner, Nebelsagen, 119. 173. 255. 283. 306.') 
Der Streizigsee überschwemmt das Kloster Marienthron. Das Wasser steigt 
immer höher, während die beiden Glocken die Lüfte mit feierlichen Tönen 
erfüllen: Knoop, Sagen a. d. östl. Hinterpommerii, 136. Vgl. noch Meier, 
Schwab. Sagen, 296. Bartsch, Mecklenb. Sagen, I, 292. 368. 373. Jahn, 
Pommersch. Volkssag., 147. 152. 180. 188. 194. 201. 204. 211. 229. 257. 
Kuhn, Westf. Sag., I, 28. 166. Mark. Sag., 81. 108 f. 141. Am Ur-Quell, 
IM, 318. Grohmann, Sagen a. Böhmen, 91. Pröhle, D. Sag., 98. Grässe, 
Sagbch. d. preuss. Staat., I, 680. 11, 55. Pfister, Sag. a. Hessen u. Nassau, 
^■H. Müllcnhoff, Schl.-H. Sag., 543. Tettau u. Temme, Volkssag. Ostprcuss., 



1) Eine Umfriige über versunkene Städte etc. beginnt Kevuc des tradit. popul. V, 
483. Vgl. auch Globus, 68. 221. Ein schönes Beispiel giebt Kuhn, W. S., I, 169 f. Einer 
Stadt auf dem Berge Almerich bei Musen ist der Untergang prophezeit. Am Abend rötet 
sich der Himmel. Die Kühe kamen von der Trift. Die „Einschelle" (d. i. die grösste 
Schelle) sauste fürchterlich. .Te näher, je stärker warf sie der vor der Herde tosende 
Wolf, dat et suste. Vgl. dazu die Deutung von Laistner, Nebclsag., 24 f. und Moutanus, 
Vorzeit d. Länder Cleve-Mark etc.. I, 218 f. 

Zeitschr. «1. V..r.Miis f. V.ilkskuiiclf. 1S97. 18 



274 Sartori: 

186. •228 f. 241. Revue des tradit. pop., VI, 29-3. 582. 747. YII, 211. 273. 
5.^9 f. 754. Das von Heiden angezündete Kloster bei Schönlanlce versinkt 
unter furchtbarem Gewitter in den See: Tettau u. Temme a. a. 0., 240. 
So liat sicli die ursprüngliche Gewitterscenerie auch sonst uoch gelegentlich 
in den Sagen erhalten. Vgl. z. B. Alpeuburg, Dtsche Alpensagen, 141. 
Wolf, Nieder!. Sag., 384. Müllenhoff, Schl.-H. Sag., 166. Als die Kapelle 
auf dem Revekohl abgebrochen wurde, rollte die Glocke den Berg hinunter 
in die Lupow: Knoop a. a. 0., 70 f.') 

Öfters hat eine Glocke aus irgend einem Grunde von selbst ihren 
Ort verlassen und ist durch die Luft in irgend ein Gewässer oder in 
die Erde „geflogen". Vgl Grässe, Sagenbuch d. preuss. Staates, I, 222. 
Kuhn, Westfäl. Sagen, I, 121. 275. Jahn, Pommersche Volkssag., 255 f. 
Keusch, Sagen d. preuss. Samlandes, 24. Seifart, Sag. a. Hildesheim, II, 
79 f. Strackerjan, Abergl. etc. a. Oldenburg, II, 212. Baader, Neuges. 
Volkssag. aus dem Lande Baden, 7. Grohmann, Sagen aus Böhmen, 268. 
Veckenstedt, Myth. d. Zamaiten, II, 184 f. Namentlich ungetaufte Glocken: 
Weddigen u. Hartmann, Sagenschatz AVestfalens, 27. Kuhn, Westf. Sagen, 
I, 16. 216. Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sag., No. 355. Schambach-Mflller, 
Niedersächs. Sagen, 56 ff. (S. 57 weht die Glocke zu Grone in der Nacht 
bei einem furchtbaren Sturmwind in die Erde). Jahn, Pommersche Sag., 
256. Reusch a. a. 0., 84 f. Curtze, Volksüberlief. aus Waldeck, 233 f. 
Oder auch eben getaufte: Schulenburg, Wendische Volkssag., 34 f. Reusch 
a. a. 0., 84. Der Schlägel einer Turmgloeke fällt herunter, bohrt sich tief 
in die Erde und sinkt auch jetzt noch immer tiefer hinein: Grohmann, 
Sao-. a. Böhmen, 270. Beim Brande von Alt-Rhoden flogen die Glocken 
durch die Luft in eine Wiese: Curtze a. a. 0., 234. Ähnliche Sagen vom 
Brande einer Kirche: Jahn, Pommersche Sagen, S. 247. Knoop a. a. 0, 
20. 102.») 

Merkwürdig ist eine selbst in Einzelheiten den mancherlei deutschen Sagen 
auffallend ähnliche japanische Erzählung bei Brauns, Japan. Märch. u. Sag., 288. 

1) Glocken stürzen von der Höhe eines Berges in die Uordogne: Revue des tradit. 
pop., VI, 582. Wagen mit Stier und Glocke rollt den Berg hinunter: Birlinger. Volkst. 
a. Schw., I, 143 f. Vom Schatzberg bei Wertingen sah man oft ein Fass ins Wasser rollen. 
Auch glänzend weisse Tücher sah man dort: Panzer, Beitr , II, 144. Das können Nebel- 
symbole sein, aber der Berg, den die Glocken hinabrollen, ist doch wohl ursprünglich der 
Gewitterberg. Vgl. Laistner, Nebelsagen, 2461'. und Register 355. 

2) Verbreitet ist der Glaube, dass die Kirchenglocken am Gründonnerstag durch die 
Luft nach Rom fliegen, um dort Ostereier zu holen. Am Samstag vor Ostern kehren sie 
zurück und werfen die Eier beim VorüberÜiegen zum Turm in das Gras, wo die Kinder 
sie suchen: Zeitschr. f. d. dtsche Myth., 1, 175 (Brabant). Ebda. III, 31 (Lesachthal in 
Kärnthcu). Birlinger, Volkstüml. aus Schw., I, 151. Sebillot, Cont. popul. de la Haute- 
Bretagne, 235. 236. Revue des tradit. pop., VII, 206. Otte, (ilockenkunde, 178 f. In 
Böhmen werden die Glocken der katholischen Kirchen von Mittwoch bis Samstag der 
Karwoche nicht geläutet. Sie gehen dann nach Rom, um vom Papst geweiht zu werden. 
Die Schulknaben vertreten sie dann mit Hämmerchen, Knarren und anderen Liirmwcrk- 
zeugen: Reinsberg-Düringsfeld, Festkalender a. Böhmen, 118. 



Glockensageii und Glockenaberglaube. 275 

Zum Schluss dieses Abschnitts seien noch einige leicht verniehrbare 
Beispiele von anderen versunkenen Dingen angeführt, die die Gewitter- 
iiatur der hier behandelten Sagen weiter zu bestätigen geeignet sind. Für 
die mit ihrem Schlosse versunkenen und gelegentlich emporsteigenden 
Jungfrauen seien hier nur erwähnt: Panzer, Beitr., I, 34. 36. 43. 46 f. 
49. 52. 75. 77. 11, 138. 139 f. 148. Schambach-Müller, Niedersächs. Sag., 
76. Unter ähnlichen Umständen wie die Glocken versinkt eine goldene 
Wiege im Tressower See: Bartsch, Meckl. Sagen, I, 264 ff. ^) Über ver- 
sunkene Wagen s. Schambach - Müller a. a. O., 61-^) In dem im Hügel 
Sandau bei Landsberg versunkenen Schloss liegt ein goldner Pflug: 
Panzer, Beitr., I, 53.') Nach dem Plöner Schloss wirft der Teufel mit 
einem Hammer, der auf einer Koppel so tief in die Erde dringt, dass er 
eine Wasserkuhle bildet, die noch heute die Hanimerkuhl lieisst: Müllen- 
hoff, Schl.-Holst. Sagen, ^GH.*) 

5. Die Sagen von den durch Schweine ausgewühlten Glocken. 

Von Glocken, die durch Schweine zufällig aus der Erde gewühlt sind, 
berichten z. B. Kuhn, Westfäl. Sagen, I, 166 f. 335. Kuhn u. Schwarte, 
Nordd. Sagen, No. 266. Tettau u. Temme, Volkssagen Ostpreuss., 227. 
Schambach-Müller, Niedersächs. Sagen, 55. Wolf, Beitr. z. d. Myth., H, 
294. Eisel, Sagbch. d. Voigtlandes, 302 f. Bartsch, Meckl. Sagen, I, 374. 
Jahn, Volkssagen a. Pommern, 209 f. 223. Schulenburg, Wendische Volks- 
sagen, 290 f. Wend. Volkstum, 7. Waldmann, Progr. d. Gymn. Heiligen- 
stadt, 1864, 22f.') 

Häufig werden die Glocken aus einem Berge") ausgewühlt: Prölile, 
Unterharz. Sagen, No. 289. 440. Panzer, Beitr., I, 314. H, 183. Kuhn, 
Westfäl. Sag., I, 166 f. Mark. Sag., 12. 108. Grässe, Sagbch. d. preuss. 
Staates. I, 457. Witzschel, Sag. etc. a. Thüringen, H, 59. Oder auch aus 



1) Über die goldenen Wiegen überhaupt siehe namentlich Bartsch, I, 261 ff. Kuhn, 
Westf. Sag., I, 300 f. Über ihre Gewitteniatur: Schwartz, Urspr. d. Myth, 235 ff. Meyer, 
Genn. Myth., 90. In einem versunkenen Schloss bei Einbeck ist eine goldene Wiege. Zu 
Zeiten tönt auch das Geläute der Glocken aus der Tiefe hell herauf: Ztschr. f. d. dtsche 
Mythol., II, 109. 

2) Wagen als Symbol der Gewitterwolke: Meyer, German. Mythol., 90. Bei Scham- 
bach-Müller a a. 0., t!l rollen die Wagen ebenso wie gelegentlich die Glocken voir 
Berge herab in die Tiefe. 

3) Über die Pflugschar als Blitz: Meyer, Genn. Myth., 90. 137. 290. 

4) Über den Hammer als Blitzsynibol s. Meyer a. a. 0., Reg. 321. 

5) Eine der ältesten Glocken, die einst der Cäcilienkirche zu Köln angehörte, iiat 
nach einer solchen Sage im Volksmunde den Namen „Saufang": Otte, Glockenkunde, 69. 
Vgl. Wolf, Dtsche Märch. u. Sag., No. 451. Die Glocke des oberbairisehcn Dorfes Dressling 
heisst „Sauglocke" : Panzer, Beitr., II, 548; vgl. Meier, Schwab. Sagen, I, 290. Sonst 
bedeutet die Redensart „die Sauglocke läuten" so viel wie: unziemliche Reden führen. 
Vgl. z. B. Seb. Brants Narrenschift', Kap. 72. 

(i; Über Schweine im Berge siehe Kuhn, Westf. Sagen, I, 327 ff. Im Wasser: Jahn, 
Volkssag. a. Pommern, No. 182. 195. Goldene Sau im Brunnen: Panzer, Beitr., T, 19. 

18» 



276 Sartori: 

einem Sumpf oder Teich: Wolf, Dtsche Märchen u. Sagen, No. 440. 
Panzer a. a. 0., 11, 183. Montanus, Vorzeit d. Länder Cleve-Mark etc., 
I, 173. Haupt, Sagbch. d. Lausitz, II, 146. 

Es ist ja längst erkannt, dass wir iu allen diesen Sagen die Darstellung 
eines Gewittervorganges haben. ,Die Sau ist „das im Wirbelwind und 
leuchtenden Blitz wühlende und seine Hauer leuchten lassende Gewitter- 
schwein, welches die Donnerglocke aufwühlt": Schwartz, Urspr. d. Myth., 
264. Meyer, Gernian. Myth., 102 f. Laistner, Nebelsagen, 279 f. 

Die meisten der folgenden Einzelheiten werden die Richtigkeit dieser 
Erklärung noch deutlicher erweisen. 

Nicht selten wird betont, dass die Glocke au der Stelle einer unter- 
gegangenen Burg oder Ortschaft gefunden sei, deren Gewitternatur oben 
erörtert ist. Vgl. Wolf, Hess. Sagen, 127 f. Grässe, Sagenbuch d. preuss. 
Staates, I, 457. Witzschel, Sagen a. Thüringen, H, 59. Eisel, Sagbch. d. 
Voigtlandes, 276. 

Mitunter entsteht ein Streit um die gefundene Glocke: Wolf, D. M. 
u. S., No. 450. Wolf, Hess. Sag., 127. Lynker, Hess. Sag., 145. Firmenich, 
Germaniens Völkerstimnien, II, 148 f. (Bibra im Hennebei'gischen). Pröhle, 
ünterharz. Sagen, No. 364. In der zuletzt angeführten Sage wird hinzu- 
gefügt, dass an der Stelle, wo die Glocke ausgewühlt wurde, eine Quelle 
entsprungen sei. Wir dürfen wohl auch in jenem Streit die Darstellung 
eines Gewittervorganges sehen. Vgl. den früheren Abschnitt von den ge- 
stohlenen Glocken und Zeitschr. d. Ver. f. Volkskunde, IV, 288 f. In der 
emporsprudelnden Quelle würden wir dann den Gewitterregen zu sehen 
haben. Und das ist auch wohl der letzte Ursprung der Sagen von den 
durch Schweine eröffneten oder aufgefundenen Quellen überhaupt. Vgl. 
Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sagen, 223. Rochholz, Aargausagen, I, 17 f. 
Knoop, Volkssagen a. d. östl. Hinterpommern, No. 185. Müllenhoff, Schl.- 
Holst. Sag., 105 f. •) 

Gelegentlich wird der kräftige Klang der ausgewühlten Glocke her- 
vorgehoben. Die von Wildebern am Ufer des Eberbaches ausgewühlte 
Glocke von Haueneberstein hörte man zwölf Stunden weit: Wolf, Beitr., 
n, 294. Auf die von einem Schweine locker gewühlte Glocke von Harle 
stösst ein Hirt mit seinem Stock und vernimmt einen hellen Klang wie 
von Metall: Lynker, Hess. Sag., 145.^) 



1) Der hier erwähnte Flensburger Brunnen, der einst von einem Schwein aufgewühlt 
werden wird, ist zugleich Kinderbrunnen. Es sei bei dieser Gelegenheit daran erinnert, 
dass auch die Glocke zuweilen mit dem Kinderbrunnen in Verbindung gebracht wird. 
Aus dem Glockenborn zu Twiste holt der Storch die kleinen Kinder: Curtze, Volksübefl. 
a. Waldeck, 197. Vgl. Lynker, Hess. Sag., 17. 74. 75. 

2) Der Stock des Hirten ist wolil der Blitz. Übrigens glaubte man aus dem Klange 
der Glocken oft zu liören, dass sie an ihre Ausgrabung durch Schweine erinnern. Vgl. 
Panzer, Beitr., II, 183. 419. Schulenburg, Wend. Volkssag., 290 f. Kuhn, Mark. Sag., 12. 
108. Waldmann, Progr. d. Gymnas. zu Heiligenstadt, 1864, 22 f. Grässe, Sagenbuch d. 



Glockensagen und Glockenaberglaiibe. 277 

Die eben erwähnte, weithin klingende Glocke von Haueneberstein 
wollten die Strassburger haben. Da schlugen die Dörfler einen Xagel 
hinein, und dadurch verlor die Glocke viel von ihrem Klange: Wolf, D. 
Märch. u. Sagen, No. 450.') 

Im Nunnenthal am Wolsberg wühlte ein Eber eine grosse Glocke aus, 
die mit „Hafer" angefüllt war: Panzer, Beitr., II, 182. Wir dürfen wohl 
in diesem Hafer den Hagel der Gewitterwolke erkennen.") 

Ein Schweinehirt in der Gegend von Stendal fand eine Sau seiner 
Herde in einem tiefen Kessel liegen, in welchem sie Junge geworfen hatte. 
Als er sie herausnahm, erkannte er, dass es eine schöne Glocke sei: Kuhn, 
Mark. Sagen, S. 11. Vgl. die von einer Sau mit zehn Ferkeln ausgewühlte 
Glocke bei Pröhle, Harzsagen, 195.') 

Auch in dieser Sagengruppe finden wir häufig den bei der Besprechung 
der gebannten Glocken erwähnten Zug, dass die ausgewühlte Glocke durch 
Draufwerfen oder Festbinden dem Finder gesichert wird. Auf die 
von einem Schwein aus dem Adlersberg gewühlte Glocke wirft der Hirt 
etwas und gräbt sie dann erst vollends aus: Grässe, Sagenbuch d. preuss. 
Staates, I, 457. Oder ein Mädchen bindet die Glocke mit ihren Haaren: 
Waldmann, Progr. v. Heiligenstadt 1864, 22 f. Oder mit ihrem Haarband: 
Pröhle, Harzsag., 195. Schambach-Müller, Niedersächs. Sag., 55 f. (damit 
sie nicht wegfliege). Panzer, Beitr., II, 418 f. 

Nicht ohne Bedeutung sind auch wohl die Bemerkungen, die gelegentlich 
über die Heimführung der Glocken gemacht werden. Die auf dem 
Kindeiberg bei Krombach ausgewühlte Glocke (Kuhn, Westf. Sag., I, 166 f.) 
führt der Hirt „auf Weidenbüschen" heim: Firmenich, Germauiens Völker- 
stimmen, I, 519.*) Im übrigen wird manchmal berichtet, dass ein blinder 
Gaul die Glocke heimzieht (Firmenich a. a. 0., II, 148 f. Lynker, Hess. 



preuss. Staat., I, 457. Firmenich, Gerraaniens Völkerstiinnieu, II, 148 f. Tettau u. Temme, 
Volkssag. Ostpreuss., 227. Pröhle, Harzsageu, 195. Witzschel, Sag. a. Thüringen, II, 59. 
Schambach-Müller, Niedersächs. Volkssagen, 55. 

1) Der Gewittervorgang wird öfters dargestellt, als werde etwas verkeilt: Schwartz, 
Poet. Naturansch., I, 84 f. Meyer, Gerinan. Mythol, 137. 208 f. 

2) Graupen-Hagel: Laistner, Nebelsagen, 323. 332; vgl. 325. Bei Schambach-Müller 
a. a. O., 115 f kommt ein Hirte in einen Berg und sieht hier vielen Hafer liegen, um den 
eine Menge Schweine herumstanden und frassen. Er nimmt einen Stein mit, der zu Gold 
wii-d. Vgl Lynker, Hess. Sag., 8. Roggen, Weizen, Gerste, Flachskuotteu in Schatzsagen: 
Panzer, Beitr., I, 183. Pröhle, Harzsag., 5. Lynker a. a. , 79. 92 f. 80. Schmitz, Eifel- 
sagen, 9. Meier, Schwab Sagen, 51. 

3) Ein aufsteigendes Sturmgewölk heisst eine „Moore" (Muttersau) mit 7 Jungen: 
Meyer, German. Myth., 102. Schwein mit Ferkeln noch: Pröhle, Unterharz. Sag., No. 222. 
Birlinger, Volkst. a Schw., I, 113 f. Heune-Am Rhyn, D. dtsche Volkssage, 301. Kuhn, 
Mark. Sag., 56. Witzschel, Sagen a. Thüringen, II, 109. 

4) Ist zu diesen Weidenbüschen die Untersuchung von Laistner, Nebelsagcn, 381 — 333 
heranzuziehen? Danach wäre wida wihida = Wirbelwind. Vgl. aber auch Jlaunhardt, 
German. Myth., 524 ff. 



278 Sartoi-i: 

Sagen, 145. Eisel, Sagenbuch d. A^oigtlandes, 302 f.) oder auch zwei blinde 
weisse Pferde: Wolf, Hess. Sagen, 127 f. 

Endlich sei nicht übergangen, dass auch von anderen (Gewitter-)Tieren 
Glocken ausgewühlt werden, von einer Geiss (Henne-Am Rliyu, D. dtsche 
Volkssage, 68 f.), von Stieren (Wolf, Beitr., II, 294. Alpenburg, Dtsche 
Alpensagen, 354). 

Andererseits wühlt die Sau eine goldene Wiege aus: Kuhn, Westfäl. 
Sagen, I, 302. Oder einen Schatz: Bartsch, Meckl. Sagen, I, 360. 

6. Die Sagen vom erschlagenen Lehrjungen. 

Auch die mannigfachen Sagen von dem von seinem Meister, dem 
Glockengiesser, erschlagenen Lehrjungen möchte ich auf einen meteorischen 
Ursprung zurückführen. 

Die Sage wird meist so erzählt, dass der Junge auf eigene Hand oder 
gegen das Verbot das Metall in die Form laufen lässt und von dem jäh- 
zornigen oder neidischen Meister ums Leben gebracht wird, dass aber dann 
die schön geratene Glocke einen besonders herrlichen Ton von sich giebt 
oder das Schicksal des Lehrlings mit ihrer Stimme beklagt. Vgl. Bartsch, 
Meckl. Sag., I, 372. 373 f. 376. 379. Jahn, Pommersche Sag., 180 f. 242. 
Kuhn, Westfäl. Sagen, I, 356. 303. Seifart, Sagen a. Hildesheim, L 69 f. 
Kuhn, Mark. Sag., 12 f. Grässe, Sagbch. d. preuss. Staat, I, 149. II, 163 f. 
832 f. Am Urds - Brunnen, VI, 46 (Zarpen in Holstein). Schulenburg, 
Wand. Volkstum, 4. 

Vereinzelt werden noch andere Gründe für den Mord angeführt: Der 
Junge hat zu viel Silber hinzugethan (Müllenhoff, Schl.-H. Sag., 119), oder 
für den Guss bestimmtes Silber unterschlagen (Jahrbb. f. d. Landeskunde 
d. Herzogt. Schl.-Holst. etc., IV, 147) oder eine vom Meister unterschlagene 
silberne Gans mit zur Glockenspeise hinzugefügt: Kuhn, Westf. Sag., I, 164 
(Attendorn). Grimm, Dtsche Sagen, I, No. 126.') Jedenfalls scheint mir 
auch in dieser Sagengruppe, wie so häufig, in dem Streit und Mord ein 
Gewittervorgang, in dem Klang der neu gegossenen Glocke der verhallende 
Donnerton zur Darstellung gebracht zu sein. 

Einige wenige Einzelheiten tragen vielleicht etwas zur Bestätigung 
dieser Deutung bei. So ist es wohl nicht ohne Bedeutung, dass mitunter 
der Meister den Leichnam des erschlagenen Lehrlings im Schweinestall 
begräbt: Jahn, Pommersche Sagen, 180 f. (vgl. Kuhn, Westf. Sag., I, 356), 



1) Was hat diese silberne Gans zu bedeuten? Gänsedreck = Silber bei Pröhle, Unter- 
harzer Sagen, No. 395. Gans mit Schätzen gefüllt ebda. No. 400. Etwas anders steht 
übrigens die Attendorner Sage bei Wcddigen u. Hartmann. Sagenschatz Westfalens, 191 f. 
Hier unterschlägt der Meister eine schwarz angestrichene, goldene Platte, die der Lehrling 
zum Guss verwendet. Ähnlich wird aus Verseheu edles Metall in die Glockenspeise 
gegossen: Wolf, Dtsche Slärch. u. Sag., 581. 



Glockensagen und Glockenaberglaube. 279 

242. Der Bezug des Schweines zu derartigen Gewittersagen ist im vorigen 
Abschnitt zur Sprache gekommen. 

Eine eigentümliche Variante steht bei Bartsch, Meckl. Sagen, I, 372. 
Hier sticht der Meister dem vorwitzigen Lehrjungen ein Auge aus. Das 
wurde ihm aber gleich wieder leid, und er schnitt mit seinem Messer in 
die noch warme Glockenform ein Auge, das noch zu sehen ist. Hat dies 
Auge auch etwas mit dem Gewittervorgange zu thun? Vgl. Laistner, Nebel- 
sagen, 193. 271 f. 344 f.') 

7. Die Sagen von den tilockensignalen der Räuber. 

In einer Reihe von Sagen wird erzählt, wie Räuber über einen Weg 
oder eine Brücke eine Schnur oder einen Draht ziehen, der mit einer 
Glocke in ihrem Schlupfwinkel in Verbindung steht, deren Klang bei der 
leisesten Berührung das Nahen von Reisenden anzeigt. Vgl. Kuhn, Westf. 
Sagen, I, 22. 167. Rochliolz, Aargausag., T, 218. Bartsch, Meckl. Sag., I, 
301. 341. Knoop, Sag. a. d. östl. Hinterpommern, 144. Kuhn, Mark. Sag., 
65. 158. Schambach-Müller, Niedersächs. Volkssagen, 2. Herrlein, Sagen 
d. Spessart, 25. Mone, Gesch. d. Heidentums i. nördl. Europa, I, 130 f. 
Fürst Wladimir und dessen Tafelrunde, 119. Mitunter wird bemerkt, dass 
die Räuber in einer Höhle oder im Berge wohnten: Bartsch, I, 440 f. 445 ff. 
265. Schambach-Müller, 44. 48. Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sagen, 159 f. 
Müllenhoff, Schl.-Holst. Sagen, 205. 

Laistner (Nebelsag. 207; vgl. 102) möchte diesen Draht auf Nebelduft 
deuten. Was soll dann aber die Glocke? Sehr wahrscheinlich haben wir 
in dieser auch hier den Donner, und der Draht wäre dann vielmehr der 
Blitz. Übrigens hat schon Schwartz. Poet. Naturansch., II, 195 so erklärt; 
vgl. Urspr. d. Myth. 275. 

In einer pommerschen Version kommt die Gewitterscenerie uocli etwas 
deutlicher zum Vorschein. Der Raubritter Vichov liess, wenn ein Fremder 
nahte, den Wächter mit einem silbernen Glöckchen ein Zeichen geben. 
Einst, als das Glöckchen läutete, versank unter Donnern und Krachen die 
Burg, und an ihre Stelle trat ein trüber Sumpf. Die Glocke läutet noch 
am Johannistag: Jahn, Pommersclie Sagen, 219. 

8. Glocke und Schatz. 
Es ist in den bisherigen Betrachtungen sciion mehrfach darauf auf- 
merksam gemacht, dass die Glockensagen mancherlei Berührungen mit den 



1) Übrigens werden auch in anderen Sagen dem Lehrling oder dem Meister eines 
besonders schönen Werkes selbst die Äugen ausgestochen : Deecke, Lüb. Sag., No. 93, Anni. 
Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sagen, No. 81. IfiC. Wolf, Nicderl. Sagen, No. 372. — In der 
Rodeukircher Betglockc ist der Abdruck einer Menschenhand sichtbar, worüber eine Sage 
bei Strackerjan, Abergl. etc. a. Oldenburg, II. 244. Drei Mauersteine in der Glocke: 
Schulenburg, Wend. Volkstum, 4. 



280 Sartori: 

Schatzsagen zeigen. Besonders deutlich trat das bei den aus dem Wasser 
gestiegenen und (wie die Schätze) sich sonnenden Glocken, die durch 
Darauflegen eines Gegenstandes gebannt werden, hervor. Im folgenden 
soll noch einiges Hierhergehörige nachgetragen werden.^) 

Wie die Schätze häufig von einem Hunde bewacht werden, so steht 
die Glocke im bessoischen Meerpfuhl auf einem steinernen Tisch und 
darunter liegt ein gewaltiger Hund: Kuhn, Westf. Sag., I, 343 (vgl. I, 11 f.). 
Schambach-Müller, Niedersächs. Volkssagen, 56. 57. 340. (56 f. wird die 
Glocke von zwei weissen Jungfrauen bewacht). Mitunter liegt der Schatz 
unter einer Glocke versteckt: Grohmann, Sag. a. Böhmen, 270. Strackerjau, 
Abergl. etc. aus Oldenburg, H, 228 f. Überhaupt werden Glocken- und 
Schatzsagen öfters von ein und derselben Örtlichkeit erzählt: Strackerjan 
a. a. O. Pröhle, TJnterharz. Sag., 144. Eisel, Sagbch. d. Yoigtlandes, 173. 
Ein Eber wühlt, wie so häufig eine Glocke, einen Schatz aus bei Bartsch, 
Meckl. Sagen, I, 360. Die versunkene Glocke steigt wie der Schatz der 
Oberfläche immer näher: Seyberth, Progr. d. Gymnas. z. Wiesbaden, 1872, 
11. Simrock, D. Myth., 257. 469 f. Der Schatzberg öffnet sich beim Glocken- 
lauten: Vernalekeo, Mythen etc. in Österreich, 132 ff.; vgl. 135. Ein 
Schatz kann nur dann gehoben werden, wenn während der Arbeit die 
Betglocke gestossen wird: Bartsch, Meckl. Sagen, I, 239. Als man in der 
Höhle der Erdmännehen im Jura bei Kaisten nachgrub, Hess sich ein so 
heftiges Klingeln vernehmen, dass die Leute nicht weiter ai-beiten wollten: 
Rochholz, Natui'mythen, 110. Besonders häufig ist die Wendung, dass die 
Ausgrabung oder Hebung einer versunkenen Glocke vereitelt wird, weil 
dabei, wie in so vielen Schatzsagen, zur Unzeit geredet wird: Pröhle, 
Unterharzer Sagen, 153. Knoop, Sagen a. d. östl. Hinterpommern, 136. 
Afzelius, Schwed. Volkssagen, HI, 210. Schwartz, Urspr. d. Myth., 264. 
Revue des trad. pop., VII, 273. Deutlich verraten ihren meteorischen Ur- 
sprung noch die folgenden beiden Sagen. Ein Mann will um Mitternacht 
in einer Kirche der Wetterau einen Schatz ausgraben. Da sieht er über 
sich die grosse Glocke ohne Klöpfel, wie sie sich langsam aus der Höhe 
niedersenkt, als wolle sie ihn bedecken"): Zeitschr f.. d. dtsche Mythol., 
I, 249. Wolf, Hess. Sag., 117 f. Schon Laistner, Nebelsag., 234 sieht in 
dieser Glocke ein Bild der Wolke, die den Donnerschall birgt. Im Teufels- 
pütz zu Aerseele liegt eine verwünschte Glocke; oft hört man sie läuten, 
und das brummt, als käme es aus der tiefsten Tiefe der Hölle. Einst 
wollte man sie herausgraben und spannte über hundert Pferde an. Schon 
lag sie auf dem Rande des Putzes, da schlägt es zwölf, und sie versinkt 
tiefer als je. Die Pferde aber lagen alle auf dem Rücken wie vom Blitz 
getroffen: Wolf, Dtsche Märchen u. Sagen, No. 49. 

1) Über die Gewitternatm' der Schätze s. Ztschr. d. Ver. f. Volkskde., IV, 420. 

2) Im Siegfriedmärchen wird dem Helden im Brunnen ein Mühlstein oder eine Glocke 
auf den Kopf geworfen: E. H. Meyer, Indog. Mjth., II, 586. 



Glockensagen und Glockenaberglaube. 281 

9. Glocke und Eleinentargeister. 

Es ist mm eiue Anzahl von Sagen zu beti-achten, in denen die Glocke 
oder Schelle als Attribut von geisterhaften Wesen vorkommt oder ihr Ton 
auf solche zurückgeführt wird. 

Namentlich die wilde Jagd und die ihrem Kreise augehörigen Sageu- 
gestalten werden häufig mit diesem Glockenklingeu ausgestattet. Es kann 
wohl keiu Zweifel darüber sein, dass es hier wie die anderen dabei in 
Frage kommenden Geräusche (Hörnerblasen, Peitschenknallen, Musik, 
Kettenrasseln, Gelächter, Hammerklopfen, Trommeln) das Wehen des 
Windes vom fliegenden Sturm bis zum sanften Säuseln bezeichnen soll. 

Das Wuotesheer zeigte sich im Jahre 1550 „mit aim wunderbarlichen 
Gedöss, lauten Geschrai, Clingln und aim grossen Luft": Birlinger, Aus 
Schwaben, I, 89; vgl. 91. 93. Ähnlich: Schuleuburg, Wend. Volkssagen, 
132. Im Wurzacherried hörte mal ein Hirtenbube das Muetisheer hoch 
in den Lüften kommen, wie wenn hundert Glocken läuteten, wie sie seine 
Kühe anhatten: Birlinger, Volkst. a. Schwaben, I, 3-1. Der bei Gmünd in 
den Adventsnächten umfahrende Spatzeutann- Jäger schellte jedesmal am 
Thore; wenn dann aber jemand aufmachte, war er bereits um die Stadt 
herumgefahren und zog an dem anderen Thore: Meier, Schwab. Sag., 120. 
Im Gutis-Ee, einem langen Geisterzug, befindet sich u. a. eine Unzahl 
kleiner Kindergeister, die man wegen ihres Geschreies und Gerölles 
„Schelleli-Buebe" nennt: Rochholz, Naturmythen, 101. Oft werden die 
Glocken den Hunden des Jägers zugeschrieben: Haupt, Sagbch. d. Lausitz, 
L 130. Pröhle, Unterharz. Sag., 20ü. Kuhn, Mark. Sagen, 234 f. Roch- 
holz, Aargausagen, I, 109. 178. Der Bornhund läuft mit seinem wildeu 
Jäger und auch allein auf dem Bornberge und um Aarburg herum; er 
trägt ein Schellenhalsband und klingelt laut, wenn das Wetter wechseln 
will: Rochholz a. a. 0., H, 37. Vgl. auch L 37 f. 297. Im Dorfe Lewen- 
hagen geht der Klimperhund. Man hört erst die Glocke, die er am Halse 
trägt, aus der Ferne, dann kommt der Hund näher, läuft vorbei und ver- 
schwindet in einem Hügel: Schambach-Müller, Niedersächs. Sagen, 194 f. 
Ähnlich der Klingehund bei Polle: Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sag., No. 272; 
vgl. No. 287 und die Anm. dazu. Eigentümlich ist folgende Sage: Die 
Herrn von Rappoltstein hatten der evangelischen Kirche zu Rappoltsweiler 
ein silbernes Glöckchen geschenkt von feinem, höchst durchdringendem 
Tone. Jedesmal wenn dasselbe angezogen wurde, fingen sämtliche Hunde 
auf den drei Schlössern an zu bellen und zu heulen. Und uoch in späteren 
Zeiten, als die Schlösser schon längst in Trümmern lagen, hörte man, 
sobald das Glöckchen im Thale geläutet wurde, das Bellen und Heulen 
der Hunde, die dadurch selbst unter der Erde aufgestört wurden: Stöber, 
Sagen d. Elsasses, No. 100. Das erinnert an die im ersten Abschnitt be- 
handelten Wasserglocken, die sich hören lassen, wenn andere auf der 



282 Sartori: 

Oberwelt geläutet werden. Vgl. das Hundegebell im versunkenen Schlosse 
bei Tettau u. Temme, Volkssag. Ostpreuss., 252, und vom Schlosse herab 
bei Jahn, Pommersche Sagen, 226. 

Ein Riese im schwedischen Kirchspiel Animskog trieb nachts sein 
Vieh auf die Weide. Man hörte dann helle und dumpfe Glocken und 
das Bellen der Hirtenhunde : Ztschr. f. dtsche Philo]., I, 104. Von Zeit zu 
Zeit hört man Frau Hulda durch "Wald und Gebirge ziehen, oft als An- 
führerin des wilden Heeres. Sie reitet einen prächtigen Schimmel, dessen 
Satteldecke und Gezäume mit silbernen Röllchen und Glöckchen besetzt 
sind, die ein wunderbar schönes harmonisches Geläut geben. Der Schimmel 
schwebt einige Fuss über dem Waldboden. Die Leute sagen dann: „Horch, 
der Rollegaul zieht um": Zeitschr. f. d. dtsche Mythol., I, 28 f., wo das 
Geläute noch eingehender beschrieben wird. Vgl. Mannhardt, Germ. Myth., 
262 und den Schellensack der Lamia, deren Ross die Wolken trinkt, bei 
Hahn, Griech. u. albanes. Märch., I, 77. H, 182. 184 f. Schlitten mit zwei 
Rieseuhirschen bespannt und mit silbernen, lieblich klingelnden Schellen 
behangen in der Christnaeht: Alpenburg, Dtsche Alpensag., 154. Die un- 
sichtbare Säumerei (Sattlerfranz und Grimselfuchs genannt), ein Geschelle 
von Rossen und Maultieren, ein Pfeifen, Rufen und Peitschenknallen: 
Rochholz, Aargausag., I, 317 f. Im südwestlichen Teile Niederösterreichs 
geht der heilige Niglo (Nikolaus) mit einem Glöcklein um: Vernaleken, 
Mythen etc. in Österreich, 288 f.; vgl. Ztschr. d. Ver. f. Volkskde., IV, 52; 
ebenso in Böhmen: Reinsberg-Düringsfeld, Festkalender a. Böhmen, 527, 
529. Der Klinggeest zu Weihnachten in Hamburg und Holstein: Handel- 
mann, Weihnachten in Schl.-H., 19 f.; vgl. 15 und 22. Will der Rotwein 
zu Hassloch besonders geraten, so lässt sich der „Weinbergsmann" hören. 
Er knallt mit der Fuhrmannspeitsche und die Glöcklein der Pferde klingeln 
aus der Erde liell herauf: Rochholz, Aargausag., H, 393. Das Geräusch 
heisst Schelleugäule. Schollenmännlein heisst es im Elsass, und der helle 
Schall seines Silberglöckleins verheisst dem Rebgelände von Ettendorf 
guten Wein: Rochholz a. a. 0., I, 371.') Das Heckenmännlein mit einer 
Glocke in der Hand: Birlinger, Volkstüml. a. Schw., I, 67. Klingelndes 
„Kasermandl": Alpenburg, Dtsche Alpensagen, 71. Wenn der letzte Senn 
die Alpe Hochlizum verlässt, geht ein wunderbares Läuten und Klingen 
durch die Ställe und über die ganze Hochlizum hin, und man sagt und 
glaubt, dass ein unsichtbares, dort hinaufgebanntes Kasermandl die Ursache 
dieses Läutens sei: Alpenburg, Mythen etc. Tirols, 167. Die Glocke ist 
überhaupt neben Mütze und Schuh das wichtigste Attribut der Zwerge: 
Jahn, Volkssagen a. Pommern, 57 f. Grässe, Sagbch. d. preuss. Staat., I, 



1) Auch der wilde Jäger verkündet ein fruclitbares Jahr: Mejer, German. Mythol., 
S. 238. 



Glockensagen und Glockenabelglaube. 283 

106. Cavallius-Stephens, Schwed. Volkssag., herausg. v. Oberleitiier, 124 f. 
Im übrigen verweise ich für alle diese Dinge auf die reichen Nachweise 
bei Rochholz, Aargausagen, I, 370 ff. 

Die elementare Natur dieses Läutens und Klingeins giebt sich vielfach 
auch darin kund, dass es Wetterwechsel prophezeit. Vgl. auch hier 
namentlicli Rochholz a. a. O., I, 370 S. ') Am Hallwiler See hört man, 
wenn andere Witterung eintreten will, das wehmütige Rufen eines unter- 
gegangenen Brautpaares, oder es durchklingeln kleine Glöckcheu wie am 
Halse flüchtiger Hunde oder wie von vielen Schlittengäulen die Gegend. 
Dies Geräusch nennt man Schellenpeter: Rochholz a. a. 0., I, 37 f. 297 f. 
So oft man im Ruederthale anhaltendes Regenwetter zu erwarten hat, 
hört man den Neuliger, einen gespenstischen Jäger, mit dem Geschelle 
seiner Hunde heranlärmen: Rochholz a. a. 0., I, 178. Vgl. noch I, 109. 
n, 37 und den „Hauskobold im Rosskummet", I. l'Dö f. 

Mitunter wird auch der weissen Frau die läutende Glocke oder Schelle 
als Attribut gegeben. Um einem Berg auf dem Hanstorfer Felde wandelt 
um Neujahrsmitternacht eine Frau mit einer Glocke in der Hand: Bartsch, 
Meckl. Sag., I, 380. Vgl. Birlinger, Volkst. a. Schwaben, I, 80. Hündchen 
einer weissen Jungfrau mit Schelle am Halse: Witzschel, Sag. a. Thüringen, 
149 f. Zauberglocke der Frau Holle : Grässe, Sagbch. d. preuss. Staat., I, 
757 f. Weisse Frau zu Reichenbach i. Sohl, läutet am Thor wie oben der 
Spatzentann-Jäger: Zeitschr. d. Ver. f. Volkskde , IV, 453 f. Eine weisse 
Jungfrau heisst die „Klingelmarie": Schwartz, Sag. etc. d. Mark Branden- 
burg, 124. 

Es sei hier auch hingewiesen auf den so häufig vorkommenden Ruf 
der verschwindenden Mahr, Walriderske u. s. w. : „Wie läuten die Glocken 
in Engelland!" u. ä. Vgl. z. B. Kuhn, Westf. Sag., I, 287. II, 21. Kuhn 
u. Schwartz, Nordd. Sag., No. 888 und Anm. Strackerjan, Abergl. etc. a. 
Oldenburg, I, 387 f. Auch hier haben wir docli wohl eine Hindeutung auf 
die Windnatur der Mahren. ') 



1) Auch sonst zeigt allerlei Geräusch Änderung der Witterung an: Getöse in der 
Luft: Laistner, Nebelsag., 342. Brausen in einem Sumpfe: Panzer, Beitr., I, 18?. Gesang 
der weissen Jungfrau: Rochholz, Naturmythen, 12. Krachen, Donnern, Kanonenschiessen: 
ebda. 13 f. Knattern und Knallen; ebda 15. Gewimmer von Kiuderstimmen: Kuhn, 
Westf. Sagen, I, 239 f. Laistner, Nebelsagen, 25f;. Namentlich aber auch bellende oder 
wandernde Hunde: Henne-Am Rhyn, D. dtsche Volkssag., 62. ßochholz, Naturmyth., 90. 
Sebillot, Legendes etc. de la mer, II, 271. Im Sommer 189.'S beschäftigten sich süd- 
deutsche Blätter mit dem „Seeschiessen" des Bodensees, einem kanonenschuss- oder donner- 
artigen Getöse, das namentlich bei Barometeränderung häufig ist und auf Gase, die sich 
in der Tiefe sammeln und an die Oberlläche gelangen, zurückgeführt wird. 

2) Siehe über diese: Zeitschrilt des Vereins für Volkskunde, TV, 304. Bei Kuhn u. 
Schwartz, Nordd. Sag., 14 hiirt die Malirt ihre Mutter in Kngelland die Schweine locken. 
Ebenda 262 ruft ein im Sieb fahrendes Frauenzimmer: „\\'ie weinen meine Kinder in 
Engelland !" 



284 Sartori; 

10. Glocke durch andere Sagengestalten ersetzt. 

Es ist schon melu-fach zur Sprache gekommen, dass die Glocke gewiss 
in vielen Sagen die weisse Frau ersetzt hat, dass aber ein solcher Ersatz 
durchaus nicht in jeder hier in Betracht kommenden Sage vorliegen muss, 
vielmehr beide Anschauungen auch völlig selbständig entstanden sein können. 
Es wird unnötig sein die betreffenden Angaben hier noch einmal zu wieder- 
holen. Nur ein Sagenzug, für den bisher noch keine Stätte sich fand, sei 
hier nachgetragen, die in Kinderliedern öfters vorkommenden Jungfrauen, 
die aus einem Glockenhause heraussehen und von denen die dritte den 
Himmel aufschliesst und die Sonne herauslässt. Vgl. z. B. Maunliardt, 
Germ. Myth., 524 ff. Wolf, Beiträge z. d. Myth., II, 298. Stöber, Elsäss. 
Volksbüchlein, No. 99—102 (dazu S. 129) und No. 259. 

'S geht e Frau ins Glockehüs 
Losst di heilig Sunn 'erüs 

heisst es z. B. in dem letztcitierten Kinderliede (aus Dambach bei Schlett- 
stadt), und es kann nur zweifelhaft sein, ob unter dem „Glockenhause" 
die Wolke oder der Himmel überhaupt verstanden ist. Ist letzteres der 
Fall, so möchte ich damit den gelegentlich vorkommenden Ausdruck „bei 
glockhellem Mittag" (Birlinger,. Volkst. a. Schw., I, 24 f.; vgl. Mannhardt, 
Germ. Myth., 258. Ztschr. f. dtsche Mythol., I, 23) vergleichen. 

Im übrigen mögen hier noch ein paar vereinzelte Sagen Platz finden, 
in denen die Glocke als Ersatz für Wassergeister eingetreten ist: Zwei 
Schiffer aus Schwerin finden am entgegengesetzten Ufer des Sees zwei 
fremdartig gekleidete Knaben, welche baten sie mitzunehmen. Als sie 
auf der Mitte des Sees sind, sind die Knaben plötzlich verschwunden und 
statt ihrer stehen zwei grosse Kisten im Kahn. In der einen ist lauter 
blinkendes Gold, in der anderen eine grüne Glocke: Bartsch, Meckl. Sag., 
I, o7ö. ') Ein Schuhmacher sieht nachts am Wege nach Daher drei schwarze 
Pferde weiden. Er setzt sich auf eines. Es fiiegt mit ihm in die Höhe, 
wirft ihn am Ufer des Schlosssees nieder und verschwindet in der Tiefe 
des Sees. Gleich nachher hörte der Schuhmacher unten im Wasser ein 
helles Glöckengeläute und vernahm deutlich die Worte: 

„Anne Susanne, 

Wist du mit tö lanne?" 

„0 ne, mi Grete, 
Man immer depe!" 

Jahn, Volkssagen aus Pommern, 152 f. °) 



1) Wassermann als grüner Knabe: Vernaleken, Mythen etc. in Österreich, 190 f. 

2) Pferd als Wassergeist: Kuhn, Westf. Sag , I, 344 f. Simrock, D. M., 469. Jahn, 
Pommersche Sagen, No. IIb. 179. 187. 196. Vernaleken, Mjthen etc. in Österreich, 185 fl'. 
191. E. H. Meyer, Gernian. Mythol., 105 f. 



Glockensagen uud Glockenaberglaube. 285 

In seinem Buche „Das Kätsel der Sphinx". II, 86 meint Laistner, es 
würde sich zeigen lassen, dass manche Glockensage eine ältere Rüdensage 
voraussetze. Ich glaube allerdings, dass es nicht viele Sagen geben wird, 
in denen von einem direkten Ersatz geredet werden kann. Was die 
meisten Sagen von Glocken erzählen, erzählt zuweilen eine Variante von 
Hunden, auch stehen beide mitunter irgendwie in Beziehungen zu einander, 
doch glaube ich, dass wir in solchen Gestaltungen eben nur parallele und 
nicht unbedingt ältere und jüngere Formen sehen müssen. Schon erwähnt 
sind die Glocken und Hunde von Rappoltsweiler: Stöber, Sag. d. Elsasses, 
Xo. 100. So Gebell von Hunden versunkener Jäger: Tettau u. Temme, 
Yolkssagen Ostpreussens, 252. Vom Schlosse herab: Jahn, Pommersche 
Sagen, 226. Hund fliegt aus dem Klosterturm (wie sonst wohl Glocken): 
Pröhle, Unterh. Sag., 6. Hund mit einer Glockensage vermischt: Grässe, 
Sagbch. d. preuss. Staates, I, 222. Vgl. auch die Sagen bei Grohmann, 
Sagen aus Böhmen, 268 f. und die früher schon erwähnten Klimper- und 
Klingehunde. 

Sehr häufig allerdings berichten die Sagen, dass Hexen und Zauberer 
die ihnen feindlichen und hinderlichen Glocken als bellende Hunde be- 
zeichnen. Die Glocken der Bonner Hauptkirche z. B. nannten sie St. 
Cassiushunde: Simrock, D. Myth., 496. Vgl. Wolf, D. M. u. S., No. 343. 
Schmitz, Eifelsagen, II, 44. Grässe, Sagenbuch d. preuss. Staates, U, 578 
(Danzig). Otte, Glockenkunde, 45, Anm. 5 (Cyriakshunde in Obergreislau 
bei Weissenfeis). Alpenburg, Dtsche Alpensag., 91 f. Panzer, Beiträge, I, 
110 f. Schönwerth, A. d. Oberpfalz, H, 127. Korrespondenzblatt d. Ver. 
f. niederdtsche Sprachforsch., V, 33. 43 f. Die Wetterglocke im Kloster 
Marbach bei Vöklinshofen wurde von den Leuten der Umgebung „der 
grosse Hund" genannt. Wenn sie bei Gewitter geläutet wurde, sagten die 

Leute : 

pHört ihr! wie es in den Lüften schellt, 
Der grosse Hund von Marbach bellt. 
Die bösen Geister, sie schreien alle, 
Und der grosse Hund verjaget alle." 

Jahrb. f. Gesch. etc. Elsass-Lothringens, VI (1890) 177.') Ähnlich Heine 
in seinem Gedichte „Kobes I" („Letzte Gedichte"): 

„Die Glocken, die eisernen Hunde der Luft, 

Erheben ein Preudenirebelle." 



1) Übrigens gilt ja auch der Hund als geister.;cheucheiul. Ganz iu dem Tone, in dem 
die Hexen von den Glocken reden, sagt der AJpengeist: 

hättist du nit Für'li heiss, 

nit Hundeli beiss 

und Messerli spitz: 

1 wött der helfe go günne's Gitzl 
Eochholz, Aargausag., I, 385 und Anm. dazu. 



286 Sartori: Glockensagen und Glockenaberglaube. 

Aber in diesen Bezeichnungen liegt doch wolil nur ein volkstümliclier Ver- 
gleich vor'), und aucli mit anderen Tierstimmen wird das Glockenläuten 
gelegentlich verglichen. 

So fragt in einer norwegischen Erzählung der blinde Riese die See- 
fahrer, ob die alte Schellenkuh (die Glocke) bei der Kirche noch lebe: 
Grimm, D. M.*, 11, 798, Anmerk. 1; vgl. III, 286. Ein Zauberer nennt 
Glocken, die ihn am Wettermachen gehindert haben, den St. Andrestier 
und die zwei Gril'n aufm Moos. (Letztere sind die Glocken auf S. Cyrillen 
in Brixen): Panzer, Beitr., II, 114. Vgl. Alpenburg, Mythen etc. Tirols, 
300. 317. Dtsche Alpensagen, 91 f. 354 f. Zu vergleichen sind einige 
Rätsel aus der Revue des tradit. popul., VI, 110 f.: Der schwarze Stier 
ruft das ganze Dorf (Serbien). Mein Ochse rührt sich niemals, aber 
wenn man ihn am Schwanz zieht, dann brüllt er (Kroatien). Ein Ochs hat 
geschrieen, man hört ihn über 100 Berge, 100 Flüsse und 100 Schorn- 
steine (Weiss-Russland). Hinter drei Wäldern, hinter drei Bergen hört 
man graue Ochsen brüllen (Medowka): Ebenda, VI, 293. Die Glocke in 
Alt-Gaarz, der „schwarze Boll" (Bartsch, Meckl. Sagen, I, 378 f.) verdankt 
ihren Namen auch wohl der niederdeutschen belle. Vgl. noch die Rätsel: 
Die tote Stute wiehert nicht, aber wenn jemand sie am Schwänze zieht, 
schreit sie so laut, dass jedermann es hört (Serbien). Der Hahn Gottes 
kräht, gleich läuft jedermann zu ihm (ebda.). Ein Hahn sitzt auf dem Turm, 
seine Füsse hängen herunter, wenn er kräht, liört man ihn etliche Kilo- 
meter (Weiss-Russland). Eine Ente hat geschrieen, man liört sie jenseits des 
Meeres (Klein-Russland): Revue des tradit. pop., VI, 110 f. — Eine Glocke 
zu Ronen hiess Rouvelle (von rouoier, dem Schnurren der Katzen): Otte, 
Glockenkde., 21. Bourdon (Brummer, Hummel) ist bei den Franzosen 
überhaupt Bezeichnung einer grossen Glocke: Ebda., 22. Ganz entsprechend 
nannten die „Lutchen" die Glocken brumbaki (so heissen aucli Hummeln, 
Bremsen, Mistkäfer und andere Brummer): Schulenburg, Weud. Volkssag., 
278, und Hans Sachs schildert in seinem Gedicht „Der Schwabe mit dem 
Rechen", wie ein Bauer in einem Gefäss eine Hummel summen hört und 
das für eine Sturmglocke hält. ^) Die entwendeten silberneu und kristallenen 
Glöckchen eines in der Christnacht erscheinenden silbernen Häuschens 
vrerden zu Ameisen: Eisel, Sagenbuch d. Voigtlandes, 100 f. 



1) Gewiss hat auch die ononiatopöetische Bezeichnung Belle, bell zu diesem Ausdruck 
beigetragen. Vgl. Otte, Glockenkunde, 13, Aum. 1. Mittelniederl. niederd. thüring. belle 
ist = Schelle; engl, bell = Glocke. Bellende, billende, bollende Kirchenposaunen sagt 
Fischart Garg. 152 b für Glocken. Schweizerisch heisst umgekehrt der bellende Hund 
Ringgi (vgl. engl, ring = die Glocken läuten). Sanders, Wbch. d. dtschen Spr., I, 113 f. 
Übrigens haben ja die Hexen auch ihre eigene Sprache: Am L'r-Quell, V, 25. 

2) So werden bei Kuhn u. Schwartz, Nordd. Sagen, 150 f. Bienen in einer Schachtel 
für ein Gewitter gehalten. — Hummeln etc. im Fels: Laistner, Nebelsagen, 264. 

(Fortsetzung folgt.) 



Haase: Volksmedizin in der Grafschaft Ruppin und Umgegend. 287 



Yolksmedizin in der Grafschaft Kuppin und Umgegend. 

Von K. Ed. Haase. 

(Fortsetzung von S. 172.) 



XXIII. Gegen Herz- und Schulterspaun. 
1. 
a) Herzspann, ich thu dich greifen, b) Du lineifst mit vieren, Herzspann; 

Meine fünf Finger thun dich kneifen. Ik knip mit fiewen. 

Im Namen Gottes u. s. \v. Dit werd ik di nu bald verdriewen. 

Neu-Ruppin. Buberow. Neu-Ruppin. 

c) Man drückt dreimal kreuzweise mit den gekrümmten (gespreizten) Fingern 
der rechten Hand auf den Leib (die Herzgrube) und spricht dreimal: 
Herzspann, schäme dich! 
Meine Finger greifen dich. 
Im Namen des Vaters u. s. w. Neu-Ruppin. 

d) Herzspann plagt dich, 

Frauen-(Mannes-) Hand jagt dich. 

Im Namen Gottes u. s. w. (ohne Amen). Neu-Ruppin. 

e) Herzspann (Schulterspann), packe (schacke) dich! 

(Die) Fünf Finger fassen (jagen) dich. Im N. G. u. s. w. 

Neu-Ruppin. Dorf Zechlin, Kr. Ost-Frignitz. 

f) Man streicht dreimal um die Stelle und spricht dabei: 

Herzspann, erweiche ! 

Die fünf Finger greifen. Neu-Ruppin. 

g) Man nimmt einen Stahl, fährt mit diesem dreimal um den Leib und spricht: 

Herzspann plagt dich; 

Eisen und Stahl jag' dich. 

Im N. d. Vaters u. s. \v. (Dreimal pusten.) Neu-Ruppin. 

h) Herzspann, ik griep di, 
Dine Mutter krigt dl. 
Im N. d. V. u. s. \v. t t t Dreimal pusten. 

Neu-Ruppin. Stöfflin. Walchow. 
i) Herzspann, ich böte dir, m) Herzspann, Nabelspann, 

Mutters zehn Pinger jagen dir. Mit fünf Finger fasse ich dich, 

AYulkow. In der Erd' begrabe ich dich, 

k) Herzspann, brech dir, I'" Namen G. u. s. w. Rübehorst. 

Mutter Wasen jöcht dir. ■, r, , ,, ,. , , 

. ., _ •* „. , , ") Herzspann, schabbe dich! 

Im N. G. u. s. w. ^^alcho\v. „ , i i- u. 

Herzspann, schacke dich! 

1) Herzspann, verschreck dir! Fünf Finger jagen dich. ImN. G. u. s. w. 

Die Mutterhand umfasst dir. Zechlin, Kr. Ost-Prignitz. 

Im Namen u. s. w. Metzelthin. 



•288 Haase: 

2. a) Herzspann, (löt) von der Ribbe 

Wie die Pere von (an) der Kribbe. 

Im Namen Gottes u. s. w. Neu-Ruppin. 

b) Schulterspaun, ich brech' dir deine Rippen, 

Das Pferd von seiner Krippen. Prankendorf. 

3. Herzspann unter den Rippen, 

Unser Herr Jesus in den Krippen; 
Herzspann, ich streiche dich. 

Meine zehn Finger umgreifen dich. Im X. G. u. s. w. 
Dabei niuss man über Brust und Magen von oben nach unten streichen. 

Xeu-Ruppin. 
4. Herzspann, ich will dich befassen, 
Du sollst das Kind verlassen: 
Herzspann, ich will dich begreifen. 
Du sollst dich von dem Kind wegschleichen; 
Herzspann, ich will dich wegjagen. 
Du sollst das Kind nicht mehr plagen. Buberow. 

5. Wenn ein kleines Kind Herzspann hat, muss man dreimal stillschweigend 
vor der Herzgrube das Kreuz schlagen und die Worte sprechen: 

Was ich hier finde, verschwinde! Im Xamen G. u. s. w. 

Dies muss dreimal wiederholt werden. Neu-Ruppin. 

6. Hat man den Braten aus der Pfanne genommen und das Fett abgegossen, 
so wische man den in der Pfanne klebenden Rest mit dem Finger aus und streiche 
ihn dem Kinde über die Brust. Lichtenberg. 

XXIV. Gegen Hühneraugen. 

1. Wenn jemand Hester-Augen an den Füssen hat, so pflücke er im Sommer 
von den Stangenbohnen Blätter ab, reibe die Hester-Augen damit und krabbe dann 
die Blätter bei den Stangen in die Erde; sie vergehen sogleich. (S. Engelien u. 
Lahn a. a. O. S. 267.) Seebeck. 

2. Will sich jemand die Hühneraugen vertreiben lassen, so gehe er an einem 
Freitage abends bei abnehmendem Mond stillschweigend zu dem, der sie ihm 
vertreiben soll. Dieser legt drei Knoten aus einem Roggenstrohhalm auf das 
Hühnerauge und zählt jedesmal still vor sich hin von 1 — 7. Zum Schluss spricht 
er leise die Worte: „Im Namen Gottes des Vaters u. s. w." Die Knoten steckt 
man in ein Mauseloch oder legt sie unter einen Stein, wo sie bald verwesen. 
Sobald sie verwest oder von den Mäusen verzehrt sind, vergeht das Hühnerauge. 

Rheinsberg. 

XXV. Gegen Kinderkrankheiten. 

.4ch, du armes Kind, 

Hattest wohl schwer gesündt (= gesündigt)? 

Die Hand, die will ich auflegen 

Und die Krankheit dir absegen (= absegnen), 

Retzow, Kr. West-Havelland. 



Volksmedizin in der Grafschaft Rupi)in und Umgegend. 28!) 

XXVI. Gegen Kolik. 
1. Für Grimmen oder Kolik. 
Ein alter Schurentopf, 
Ein alter Leibrock, 
Ein Glas voll rauten (= roten) Wein, 
Biirmutter, lass dein Grimmen sein, f 1 1 Dreimal. Lichtenberg. 

2. Ich lege meinen rechten Daumen auf deinen Daumen. Der selige Christus 
haut die Tanne; wenn die Tanne wird Früchte brinijen, wird N. N. die Kolike 
kriegen. Im Namen u. s. w. Falkenthal, Kr. Templin. 

3. Darmweh, ich klage dir, 
Weiche fort von mir. 
Sonst kriegst du mich ins Grab. Im Namen u. s. w. 

Fehrbellin, Kr. Ost-Havelland. 

4. Das Mutter zu stillen. 

Es ging eine Jungfrau über das Feld. Es begegnete ihr die Boermutter. „Wo 
willst du hin?" .Ich will die N. das Herz abstechen, Boermutter." „Das darfst 
du nicht thun; denn das steht geschrieben in der heiligen Sieben." Im Namen 
u. s. w. Seveckow, Kr. Ost-Prignitz. 

."j. Gegen die Kolik der Flauen. — Schrape von den Beinknorren eines Wallachs 
drei Messerspitzen voll ab und gieb es der Frau in einem Getränk ein. Das hilft 
sogleich. (S. Engelien u. Lahn a. a. 0., S. 2G5.) Seebeck. 

XXVII. Gegen Kopfschmerzen. 

Kopfschmerzen, weichet, 

Werft euch auf eine Leiche 

Und lasst die Lebenden in Ruh. 

Im Namen Gottes u. s. \v. Neu-Ruppin. Potsdam. 

XXVIII. Gegen Knürrband. ') 

1. Hat man den Knürrband an der Hand, so muss man die Hand auf einen 
Block legen und mit einem Beile ein Ende davon abhauen (d. h. die Bewegung 
des Hauens über der kranken Stelle machen) lassen. Der Hauende sagt dabei 
leise: „Ich hau, ich hau." Darauf fragt der Kranke: „Was haust du?" Jener 
antwortet: ., Knürrband" und fügt dreimal hinzu: ^Im Namen Gottes" u. s. w. 

Wusterhausen a. D. Fehrbellin, Kr. Ost-Havelland. 

2. Man steckt die Hand dreimal durch ein Loch, durch welches eine Katze 
kriechen kann (durch welches die Katzen zu kriechen pflegen: Zühlen) und spricht 
jedesmal: 

Hier durch diesen Katzengang 

Boot ik niei min Knürrband. Im Namen Gottes u. s. w. 
Der Spruch stammt aus Kremmen; ob er auch in Zühlen gebräuchlich ist, habe 
ich nicht in Erfahrung bringen können. , Zühlen, Kremmen, Kr. Ost-Havelland. 

1) Eine Folge von Verrenkung oder Verstauchung des Handgelenks. Wenn man 
dasselbe bewegt, so entsteht ein Knacken oder knarrendes Geräusch. 

Zeilschr. d. Vereins f. Volkskunde. 18»7. 19 



290 Haaso: 

XXIX. Gegen Krämpfe. 
1. Für den Magenkrampf. — In Griechen stand ein Baum, da hängt unser 
Herr Jesus Christus sein Hut und Hemd dran; damit bespreche ich Fleisch, Knochen 
und das Blut, die Gedärm und Magen; was wehe thut, bespreciie ich im Namen 
des Vaters u. s. w. f f f Neu-Ruppin. 

2. Heut ist Karfreitag, 

Das ist unseres Herrn Jesu Gerichtstag. 

Ich klage dir, du stummer Ast, 

Nimm mich (so!) ab meine schwere Last. 

Dies wäre wahr, t t t I"1 ^'- G. (ohne Amen). Neu-Ruppin. 

3. Für den Brustkrampf. 
In Bethlehem ward Jesus geboren, 
In Nazareth ward er erzogen, 
In Jerusalem ward sein Ende, 

Gott helfe dem Menschen aus diesem Elende, t t t 
Im Namen Gottes u. s. w. Fehrbellin, Kr. Ost-Havelland. 

4. Hat man Wadenkrampf, so muss man die Wade mit einem Schlüssel reiben 
oder einen Schlüssel neben die Wade legen. Neu-Ruppin. 

''. Will man sich von Krämpfen befreien, so ziehe man sich das Hemde vom 
Leibe und gebe es der Leiche eines Erhängten mit ins Grab. Neu-Ruppin. 

G. Hat ein Kind die Krämpfe, so muss die Mutter etwas von ihrem Trauringe 
abschaben und es demselben in etwas Wasser eingeben. Neu-Ruppin. 

7. Gegen Krämpfe trage von den Wurzeln des gelben Schwerteis etwas 
bei dir. Lichtenberg. 

8. Nimm den Augenzahn eines Schweines, lass ihn im Mörser zerstossen und 
gieb dem Patienten das Pulver schnell in etwas Wasser ein, wenn die Krämpfe 
eintreten wollen; dann kommen sie nicht zum Ausbruch, Lichtenberg. 

9. Gegen Magenkrampf nimm Mutterkraut, Krauseminze, Gülte, Bärenwurzel, 
Bärenkraut, jedes für 6 Pfennig, giesse ein Quart Kornbranntwein darüber und 
lass es 24 Stimden ziehen. Das hilft. Lichtenberg. 

10. Krämpfe bei kleinen Kindern stillt man, indem man sie stillschweigend 
mit dem linken Fensterflügel des Nachbars dreimal überstreicht. ?, Ost-Prignitz. 

XXX. Gegen Krätze. 

1. Nimm Spiritus Nitri, Jungfernschwefel und weisses Baumöl, jedes für 
6 Pfennig, mache es zu einer Salbe, schmiere es in die Hand und lass es am 
Feuer einziehen. Neu-Ruppin. 

2. Gegen Krätze muss man sich in der Walpurgisnacht nackend in grünem 
Roggen wälzen. Krangen. 

XXXI. Gegen Krebs.') 
L Lässt man einen Maulwurf in der rechten Hand sterben, so bekommt seine 
Haut dadurch die Kraft, die Krebsbeulen zu zerteilen, ehe sie aufbrechen, wenn 
man zu verschiedenen Malen darüber hinfährt. Lichtenberg. 

1) Von einem Gerichte Krebse muss man die Fliegen sorgfältig abwehren. Deim 
wenn einen eine Fliege, die auf einem gekochten Krebse gesessen hat, sticht, so erkrankt 
man am Krebse. Dreetz. 



Volksmedizin in der Graftciiaft Eupiiin und Umgegend. 291 

2. Gieb dem Patienten von f;epulvei'tem Totenbein täglich früh und abends 
so viel wie eine Haselnuss im Getriinke ein und bestreue ihm auch den Schaden 
mit gebranntem und hernach gepulvertem Totengebein. Lichtenberg. 

XXXII. Gegen Leibschmerzen.') 

1. Diese angesetzte Winn (= versetzte Winde) sollen gehen von dies Gerippe, 
wie die heilige Jungfrau Maria trägt ihr Söhnlein zu der heiligen Tauf zur Eeini- 
gung. Im Namen Gottes u. s. w. Alt-Ruppin. 

2. a) Umschreibe mit den Blngern die schmerzhafte Stelle auf entblössteni 
Leibe und sprich: 

'n Stück von'n Matt, 

'n Stück von" n Latt, 

"n Stück von'n oll VView, 

Damit still ich din Bükwehdäg in din Liew. 

Im Namen Gottes u. s. w. f f f. Klosterheide. 

b) Stück von der alten Latt', 
Stück von der alten Katt', 
Stück von dem alten Weib, 
Damit still ich die "Wehdfige im Leib. 

Retzow. Kr. "NVest-Havelland. 

0. Schabe den Schmutz von den Knieen, vermische ihn mit Wasser und nimm 
dasselbe ein, so hört der Schmerz sofort auf. Braunsberg. 

XXXIII. Gegen Magenschmerzen. 

Gegen Magenschmerzen gieb den kleinen Kindern Flottasche ein (jedenfalls 
mit Wasser). Neu-Ruppin. 

XXXIV. Gegen das Ausbleiben der Menstruation. 

1. Wenn bei einer Weibsperson die monatliche Rose ausgeblieben ist, so 
kaufe für 2 Groschen Spiritus malecticus (?) und gieb ihr alle Morgen einen halben 
Esslöffel voll mit reinem Wasser ein, so wird sich dieselbe gewiss wieder ein- 
stellen zur rechten Zeit. Xeu-Ruppin. 

2. Ein Stück von einem Fischernetz und einen Zipfel von einem Mannshemde 
zu Pulver gebrannt und eingegeben, das hilft. (S. Engelien u. Lahn a. a. 0., 
S. 265.) Seebeck. 

XXXV. Gegen Nasenbluten. 

1. Mit dem von einer Sense durchschnittenen Stoppelende einer Halmfrucht 
(Weizen, Roggen, Gerste, Hafer) schreibe man auf die Stirne des Blutenden: uhi 
upuli. Klosterheide. 

2. Wenn die Nase heftig blutet, soll man dreimal folgendes sprechen: 

Sanguis, mane in te, sicut Christus fuit in se; 

Sanguis, manc in sua (lies: tua) vena, sicut Christus in sua poena; 

Sanguis mea (lies: mane) fi.xus, sicut Christus ([uando crucifixus. 

Frtikenthal, Kr. Templin. 

1) Rührt mau ein Getränk mit dem Messer um und gcniesst es, dann bekounnt man 
Leibschmerzen. Allgemein. 

11)* 



292 Raff: 

ö. Wenn der rechte Nasenflügel blutet, umwickele den linken kleinen Finger 
fest mit Bindfaden und lass das Blut auf ein aus zwei Holzstäbchen gebildetes 
Kreuz tröpfeln: blutet der linke Nasenflügel, so umwickele den rechten kleinen 
Pinger. Neu-Ruppin. 

4. Man legt zwei Strohhalme kreuzweis über einander und lässt das Blut 
darauf tröpfeln, alsbald wird es gestillt. 

Ruppin (Neu- u. Alt-). Löwenberg. Teschendorf. Kampehl. 

ö. Man lasse drei Tropfen Blut auf einen alten gefundenen Nagel träufeln und 
schlage ihn stillschweigend an einem Orte ein, den man niemals wieder betritt. 

Neu-Ruppin. 

XXXVI. Gegen die Pest.') 

Als früher einmal die Pest in Lenzke war, da nahmen drei Kathrinen (d. h. 
drei Mädchen, die den Namen Katharina führten) jede einen Lenkhaken, ritten 
damit dreimal ums Dorf und gruben sie dann an dem einen Ende in die Erde. 
So lange als die Lenkhaken nicht vergehen, kommt die Pest nicht wieder nach 
Lenzke. Lenzke. 

J^eu-Ruppiii. 



Hexengeschicliteu aus Bayern. 

Mitgeteilt von Helene Raff. 



I. Geschichten aus dem Kreise Schwaben. 

1. Der Hexenmeister. 
Den Albert Steckle aus Krügen han d" Leut imma nur an Hexe- 
moischter g'hoissa, weil er gar so scharf auf d" Hexa g'west isch. „D' 
Hexa sind von Gott verfluacht", hat er g'seit, „denn wia unser Herr am 
Kreuz g'hanga isch, han die Teufelsmenscher eam's weisse Tuichla (das 
Lendentuch) weghexa wella — drum kann koi Chrischt friedli dermit 
auskomma." "Wo a Viech verhext war, hat mer 'n Albert g'holt. Oimaul 
hats Steinbachers Kuah nur mehr Bluat statt Milli geba, da hat der Hexe- 
moischter "s vierjährige Mädle vom Steinbacher zun Melka hisitze lasse 
und glei war d' Milli wieder da, weil vor ama unschuldige Kind d" Hexe- 
kunscht koin B'stand hat. — Wenn d' Hexa han an Zehnten vom Heu 
hole wella und d' Fuader scho g'floge sind, han i" Eltre, die's der Hexe- 



1) Samuel Dietrich erzählt (nach einer Mitteilung des Herrn Prediger Bittkau) in 
seiner Theologia Eusebiana vom Magister Jona? Böttcher zu Neu-Ruppin: „Die Meinung 
ging, dass, wenn dieser Magister Jonas einen mit der Pest behafteten Menschen sähe und 
das Pestgeschwür anrühre, werde es mit dem Patienten, nachdem er die Pestbeule Iiab& 
aufhauen lassen, nochmals besser." 



Hexengescilichten aus Bayern. 293 

moischter g'lerut hat, zu die Kinder g'ruafe: „Kinder schmoisset dena 
Hexe Dreck in d' Oahra". Naueliha han d' Kinder Sand in d' Hoch 
gVorfe, und 's Fuader isch ruhig liega bliebe. — Weil aber der Hexe- 
moischter für a jed's Stückle von die Hexe an anderes Stückle gTvisst hat, 
so han s' an fürchtigen Zorn auf eam g'het, und er isch deszwegen nach 
Aveläuta nimmer vor d' Thür ganga. Wia's grad sein will — oimaul hat 
er"s mit'n Hoimgeha nit recht derrathe und isch noch spät draussa g'west. 
Da hat mer'n in da Früah auf ara Wiesa g'funda wia toadt und umadum 
isch's Gras ausg'rissa gVest — so hat er mit die Hexa g'rauft. Von Stund 
an war er wia umkehrt, ganz wirr und versponna und hat g'seit, er weiss 
jetz, dass er eam selm derhänga muass. Richti isch's wahr woara; im 
April sechs und nuinzge hat er si derhängt. 

2. Die Steffele- Marie. 
D' Steffele-Marie hat au Weber in Dinkelscherben zum Mä g'het, der 
that sich hart mit'n Yerdiena und 's isch ihna recht schlecht ganga. Da 
hat si d' Marie (so hoisst's) an Teufel verschrieba und von da isch alle 
Nacht im Keller bei's Steffele "s Licht g'west und an Webstuhl hat mer 
sausa höra so stark, dass d' Nachbahäusa zittert han. Kit lang isch's 
äg" stände, so waren 's Webers stoireich. D' Marie aba hat so a wild's G'sicht 
kriagt und so ausgeschämte Spruch daherbracht, dass alle Kinder vor ihr 
g"loffen sind. Jetz isch's g'storba, aba nachts kann mer schon noch 's 
Licht im Keller sehe und an Webstuhl kreise höra; dann hoisst's: „D' 
Hex' geht um." 

Oimaul isch an Back in Dinkelscherben a Sau hin woara, an der zuvor 
nix zum Kenna war. Jetz hat der Hexemoischter vo Krügen an Backen 
g'rathe: er soll a feschts Feuer äzünda im Backofe und's die ganze Xaclit 
brenna lasse, wenn er wisse will, wer d' Sau hing'macht hat. Der Back 
hat's thaun, dann hat der Hexemoischter noch g'seit, dass er die Füass, 
d' Oahra und 's Schwänzle von dera Sau auf die hoisse Platt lega muass. 
— Um a zwölfi auf d' Nacht klopfts an's Fenschter und greint und plärrt, 
und wia mer aussaguckt, isch d' Steffele-Marie draussa: „Mach's Feuer 
aus, Back, i bitt di recht schean, mach doch dei Feuer aus." — Der Back 
war ganz a herzensguater Mensch: er hat's Feuer ausgeha lasse und die 
Abschnitzla von der Sau weggaworfu. Aba d' ^Marie isch den andern Tag 
mit dick verbundena Hand voller Brandldadern umanandganga: und liätt' 
mer's Feuer nit gelöscht, so hätt' sie dervo sterba müsse. 

3. Die Christniette. 
A Frau hat oimaul der Fürwitz plagt, sie niöcht' alle Hexa vo der 
ganze G'moi kenne. Sie isch herganga und hat a Stiegela (Schemel) vo 
nuinerlei Holz g'macht, auf des sie bein Gottesdiensclit i da Christnacht 



294 Raff: 

hikuiet isch. Da liat sie g'seha, wie alle Hexe in da Kirch' mit'n lliutre 
gege'in Hochaltar g'staude sind. Vor der Kommunion aber hat sie si 
schleune müsse, dass s' heimkomme isch, denn wann sie bis nach'n Amt 
blieba war, wuai'a d' Hexe alle auf ihr zuag'fahre sei, und sie war zerrissa 
woara. 

4. Das Hexenkind. 

In Gerschthofen isch a Frau gwest, die hat an oinzigs Mädle ghet, 
des wo noch in d" Schul ganga isch. Oimaul an Samstag nach Gebetläute 
seit d' Muader zun Mädle: „Jetzt welle mer tanze", und führt's woit weg 
auf a groassa Wiesa, da sind arg viel Weibsbilder bei einand g'west und 
hau tanzt, und a geischtlinga Herr hat au dermit umtrieba. 'S kloi 3Iädle 
hat g'moint, er siecht ganz an Herrn Kaplaun von Dorf gleich; sie liat viel 
mit eam tanzt und war recht luschti, wia s' hoimkomraa sind. Am oiue 
(andern) Tag hat's Blädle an Herrn Pfarra troffa und hat eam glei von 
dera luschtin^a G'sellschaft verzählt. Der Pfarra war ganz derschrocka 
und hat g'frogt: „Ach Kind, was waren das für Leut!?" — „Ei, lauta 
noble Leut, g'wiss, Herr Pfarra — isch jo da Herr Kaplaun au derbei 
g'west." — „Aba Kind, des ko net sei." — „Doch, Herr Pfarra: er hat ja 
au lange, schwarze Kittel aug'het." — „Woischt Kind", hat der Pfarra 
g'seit, „mir warte jetzt bis'n oine Samstag; leicht führt die cV Muader 
wieder tanze und nauchha guckschst an Herrn Kaplaun genau ä." — 
Richti ischs am Samstag wieder so gange wia's erschte Maul, und wia 
der geischtlinga Herr 's kloi Mädle zum Tanza g'holt hat, guckt's ean 
recht ä und siecht, dass er unterm Kittel a Paar Bocksfüss hat. Sie hat 
aba nix'n g'seit und des war guet, sonscht wärsch' derdruckt woara. Am 
Morgen aba het sie's g'schwind an Herrn Pfarra verzählt, der hat 's glei 
mit in d' Kircha g'uomme und soviel über ihr bet't, dass der Böse koi 
Macht nimma an ihr ghet hat. Dann hat der Pfarra 's Mädle zu richtiga 
Leute in ama andre Ort bracht, aba was aus da Muada woara isch, seil 
woiss koi Mensch. 

5. Des Teufels grosses Buch. 

Zu "me alte Wei in Gerschthofen isch oft a junge Bauratochter komma, 
und jeds Mal het die Alt ihr zuag'setzt, sie soll doch a Hex wern. denn 
die Alt isch selber eine gwest. „Was rauass i denn thaun, dass i's lern"?", 
hat die Junge g'frogt. — «Von jetz ab in da nuinta Nacht kimmscht zu 
mer", hat die Alt' g'seit, ,,nauchha wird scho wer da sei, der dirs lernt". 
Richti isch's Mädle in da nuinte Nacht komma, und da war ganz a 
herrisches, fein geputztes Mannsbild, das recht freundli thau hat. A 
groasses Buch hat er ihr zoigt, wo furchtbar viel Nama von Fi"iuna drin- 
y; standen sind — da hätt sie si au oischreiben solle. 'S Mädle hat scho 



Hexengeschichten aus Bajern. 295 

g"sehriebe, aba iiit ihra Xam', soiuleru ileii liochlieiligen Nani" der Drei- 
faltigkeit. Da isch der Satan ganz wüetlii aussegfahrn uiul's groasse Buch 
hat er müsse hinflasse, denn über alle die dring"stande sin, hat er koi 
Macht nimma g'het. 



II. Geschichten aiis der Obeipfalz. 

1. Die Hexe und ihr Liebster. 
In AVallu» (unweit Köfering) im Regensburgischen war ein junger 
I5ursch im Versprach mit der Tochter einer Wittfrau. Wie er einmal nach 
Gebetläuteu zu ihr geht, findet er niemand in der Stube und schaut bei 
der Kücheiithür hinein. Da sieht er beide, die Alte wie die Junge, splitter- 
nackt am Feuer sitzen, jede einen Beseustiel vor sich, den sie mit einer 
grünen Schmiere bestreichen. Der Bursch war ganz still, dass die Weiber 
ihn nicht merkten; sie setzten sich auf die beschmierten Beseu und riefen: 
„Ui aus und niemal o", — da fuhr der Besen mit ihneu durch den Schorn- 
stein. Gleich ist der Bursch in die Küche an den Herd, wo die Schachtel 
mit der Salbe noch stand, hat sich einen alten Besenstiel gesucht und ihn 
gut eingefettet. Wie er nun darauf reiten wollte, hatte er den Spruch 
nicht recht behalten und sagte: „Ui aus und diemal'ö", — da stiess ihn 
der Besen beim Auffliegen rechts und links an den Schornstein, dass er 
voller Beulen herauskam. Dann gings durch die Luft auf einen hohen 
Berg, wo lauter nackte Weiber tanzten, und sein Schatz mitten darunter. 
Sie sah ihn zuerst und wurde ganz weiss, zog ihn schnell auf die Seite 
und sagte: „Schau, dass du weiter kommst, eh die andern dich spannen, 
sonst derdrucken sie dich. Auf was wällst reiten: Pferd oder Bock?" 
— „Aufm Bock bin ich noch nie geritten", meinte er „drum möcht" ichs 
probieren." — Gleich sass er auf einem schwarzen Bock, der fuhr dreimal 
so schnell mit ihm durch die Luft als der Beseu. Wie der Bursch von 
weitem seinen Ort sehen konnte, schlug es auf dem Kirchturm eben zwei 
Uhr, da war plötzlich der Bock verschwunden und der Bursch fiel so hoch 
herunter, dass er meinte, alle Knochen seien ihm zerbrochen. Es dauerte 
lang, bis er so weit bei einander war, um noch die dritthalb Stunden 
nach Haus zu hinken. Aus der Hochzeit wurde aber nichts, denn die 
junge Hexe starb bald darauf. 

■_'. Die Hexe als Bauernfrau. 
Li derselben Gegend war ein Bauernhof, da Hess sich alle Nacht eine 
junge schöne Weibsperson sehen, die kam durch das Deichselloch in der 
Stadelthür hereingeschleift. Einmal passte der Bauer ihr auf und stopfte 
geschwind das Loch zu, wie sie (h'innen war; da mnsste sie bleiben, denn 
sie durfte nirgend lieraus, als wo sie hereingefnliren. Dem Bauern gefiel 
sie, und er ihr aucli, also heirateten sie und lebten reclit gut mit einander 



296 Kaindl: 

drei Jahre lang, bis einmal der Mann im Scherz sagte: „Siehst wo du 
einig'schloffen l)ist", und das Loch ein wenig aufmachte. Im Nu fuhr sie 
hinaus und der Bauer sah sie nie wieder. 

■i. Die erlöste Hexe. 
Eine ähnliehe Geschichte ist aucli in Dalmassing vorgekommen, nur 
dass sie besser ablief wie die vorige. Dort nämlicli war liei einem Bauern 
eine hübsche fleissige aber stille Magd in Dienst. Da wurden nach und 
nach die anderen Mägde inne, dass sie jede Nacht fortging, keiner wusste 
wohin. Wie es dem Bauern gesagt ward, nahm er die Dirn her und fragte: 
„Was heisst das mit deinem Herumstreunen bei der Nacht?" Sie tliat 
einen schweren Seufzer und antwortete: „Ach, meine Mutter hat mich als 
Kind dem Teufel verschrieben, nun muss ich alle Nacht als Hexe gehen. '- 
Das hat den Bauern so derbarmt, dass er sie frug, ob sie denn durch nichts 
erlöst werden könnte. „Ja", sagte sie, „wenn ich etwas Lebendiges zu 
Tode drücken darf, das mir aus gutem Herzen freiwillig geschenkt ist, 
dann bin ich erlöst." „Meine schönste Kuh darfst du nehmen", hat der 
Bauer gleich gesagt. Richtig lag darnach am Morgen die schönste Kuh 
tot im Stall; die Magd aber war erlöst und führte sich zum Danke so 
brav^ dass sie dem Bauern lieb und schliesslich seine Frau wurde. 



Lieder, Neckreime, Abzählverse, Spiele, Geheimsprachen 
und allerlei Kunterbunt aus der Kinderwelt. 

In der Bukowina und in Gahzien gesammelt von Prof. Dr. Raimund Friedr. Kaindl. 

(Fortsetzung von S. 147.) 

Von der Schulbank. 

95. Heute ist der erste Mai, 96. 6X6 = 36, 

Alle Schüler bitten frei, Ist der Schüler noch so fleissig, 

(Und wir wollen fleissig lernen, Ist der Lehrer aber dumm'-). 

Das Versäumte schnell erlernen '). Macht das Staberl bum, bum, bum. 

97. Sisi risi, Russi Gasse, 

Risi sisi, Plaudertasche. 

(Spottverschen auf einen undeutlich sprechenden und hierbei sehr geschwätzigen 
Schüler, der in der Russischen Gasse zu Czernowitz wohnte.) 



1) Ich erinnere mich, dass wir diese Verse in den siebziger Jahren noch auf die 
Tafel schrieben; bevor der Lehrer jedoch hineinkam, sie kleinmütig auslöschten. 

2) Mitunter wird in der zweiten Zeile „Lehrer" und in der dritten „Schüler" gesagt. 



Allerlei Kuuterbunt aus der Kimlerwelt. 297 

98. Repetent — Hosen verbrennt. 101. Blätterst in dem Buch herum. 

Wirst du immer nur mehr dumm. 



99. X. N. ist ein Esel, 
Kann nicht lesen, 
Kann nicht schreiben. 



Denn dies Ruch, das merke dir. 
Braucht 'nen bessern Kopf als wir. 



Muss in der . . Klasse bleiben. 102. Ich bin ein Schüler der Real, 

Studieren will ich überall, 
100. Lies nicht in dem Buch so oft, Studieren ist auch meine Pflicht: 

Ist zu schwer für deinen Kopf. Ein Blümlein heisstVergissmeinnicht. 

103. Die Gymnasialschüler (Lateiner) werden als „Lab-schweiner'- verspottet 
(lap = fang!); die Realschüler als Nudel brettträger, Gummifresser und Bleistift- 
scheisser. 

104. Tua niama curva est (mit Beziehung auf die Bedeutung von kurwa im 
Slavischen [scortum]; mama = Mutter). 

105. Inter pedes est figura, 

Nigra, lata et obscura, . . . 
Ex qua fluit aqua pura. 
Habet barbam, sine dentes (!), 
Ex qua crescunt omnes gentes. 

106. Sempenes oder semel, bis, biter (!), ter (!) = 1 , 2., 3., 4. Schlag beim weit 
verbreiteten Kiczkaspiel. 

Zu diesem in meiner Jugend weit verbreiteten und daher auch oft als ,.geinein" (im 
schlechten Sinne) bezeichneten Spiele gehört ein etwa eine Spanne langes zolldickes Holz, 
das an beiden Enden zugespitzt ist, und ein an einem Ende zugespitzter Stab, der etwas 
kürzer als ein Gehstock ist: ersteres Holz heisst die „Kiczka", letzteres wird ^Batell" ge- 
nannt. Sodann wird auf einem offenen -«benen Platze ein längliches Loch in die Erde 
gerissen, so dass die quer darüber liegende Kiczka mittels des zugespitzten Endes der 
Batell in weitem Bogen geschleudert werden kann, um von dem oder den anderen in 
einiger Entfernung stehenden Spielern aufgefangen zu werden. Je nachdem die Kiczka 
mit beiden oder bloss der rechten oder linken Hand gefangen wird, zählt der Fang 20, 
40 u. s. w. Sodann wird mittels der Kiczka nach der quer über das Loch gelegten Batell 
geworfen. Wird diese getroffen, so geht derjenige, welcher die Kiczka zuletzt mit der 
Batell geworfen hat, zu den die Kiczka Fangenden, und sein Geschäft übernimmt derjenige, 
welcher die Batell mit der Kiczka traf. Wurde die Batell nicht getroffen, so bleibt der 
erstere beim Loche und liat die Aufgabe durch vier geeignete Schläge mit der Batell auf 
die zugespitzten Enden der Kiczka dieselbe wenigstens 5 Batclllängen weit vom Loche zu 
schlagen. Je mehr er schlägt, desto besser, weil die Entfernung (5, 10, 15, 20, 25 u. s. w. 
Batelllängen) ihm gut geschrieben wird. Jedes Berühren der Kiczka mit der Hand oder 
dem Batellstock gilt als ein Schlag. Wer die Kiczka weniger als 5 Batelllängen vom Loche 
geschlagen hat, muss dem Gegner Platz machen. Der durch einen Schlag aufgewirbelten 
Kiczka in der Luft einen zweiten (ungezählten) Schlag zu geben, damit sie weiter fliege, 
ist gestattet: schleift aber die Kiczka über die Erde weiter hin, so wird ein solcher Schlag 
als „Schurga" zurückgewiesen. Wer schneller eine bestimmte Summe erreicht, hat gewonnen. 
Zum Werfen und Schlagen der Kiczka kann einer der Fangenden auch auf die Weise 
gelangen, dass er auf die ihm für die soeben gefangene Kiczka gebührenden „20" verzichtet. 
Interessant ist noch die Art, in welcher der erste bestimmt wird, welcher die Kiczka zu 
werfen und zu schlagen hat. Einer der Spieler wirft den Batellstock einem anderen so zu, 
dass dieser ihn auffängt und senkrecht vor sich hinhält. Über seiner den Stock um- 
spannenden Hanil greifen nun die anderen Spieler abwechselnd, bis schliesslich einer das 
Ende des Stockes in der Hand hält. Nun schlägt ein anderer dreimal mit der Kiczka 
gegen den Stock. Fällt er dem ihn Haltenden nicht heraus, so wirft und schlägt dieser 
die Kiczka zuerst. Wer schneller eine festgesetzte Summe erreicht, hat gcwoimen. 



2'.i8 



Kaiml 



107. 



108. 



109. 



110. 



„Ex libris, 

Dieses Buch hab' ich gcliauft, 111. 

X. N. bin ich getauft, 

X. N. bin ich geborn. 

Wer es findet, ich hab's verlorn. 



Dieses Buch ist mir lieb, 
Wer es stiehlt, ist ein Dieb. 
Haber bin ich genannt, 
Österreich (Bukowina) ist mein 
Vaterland. 

Dieses Büchlein hab' ich lieb, 
Wer es stiehlt, ist ein Dieb; 
Wenn ich ihn ertapp, 
Reiss ich ihm die Ohren ali. ') 
Dieses Büchlein hab' ich gekauft, 
Maximilian bin ich getauft-), 
Blassy bin ich genannt, 
Bukowina (Österreich) ist mein 

Vaterland. 
(Zuschrift von anderer Hand^): 
In der Erde lieg ich, wie bekannt. 

Motto: Dieses Buch ist mir lieb. 

Wer es stiehlt, ist ein Dieb. 

Ist er aus Polen ^), 

Soll ihn der Teufel holen. 

Ist er aus Preussen, 

Soll ihn der Teufel zerreissen. 

Ist er aus Krain, 

Soll ihn fressen ein Schwein. 

Ist er aus der Türkei, 

Soll er werden aus Blei. 



Dieses Büchlein ist mir lieb, 
Wer es stiehlt, ist ein Dieb; 
Mag sein ein Jud oder ein Pole, 
Soll ihn der Teufel holen. 



112. Dieses Büchlein ist mir lieb. 
Wer es stiehlt, ist eie Dieb; 
Mag sein Herr oder Knecht, 
Der ist dem Galgen gerecht. 

113. Dieses Büchlein ist mir lieb, 
Wer es nimmt, der ist ein Dieb; 
Wer es wiederbringt, 

Ist ein gutes Kind. 

114. Dieses Büchlein ist mir lieb, 
Wer es stiehlt ist ein Dieb. 
Dms Papier ist mein Acker, 
Drum schreib' ich so wacker. 
Die Feder ist mein Pflug, 
Drum schreib' ich so klug. 
Die Tinte ist mein Samen, 

Drum schreib' ich meinen Namen N.N. 

115. Hie über est meus, 
Testis est deus, 

X. N. sum vocatus, 
X. X. nominatus. 

110. Hie liber est raeus, 
Testis est deus, 
Qui non credebat, 
Nomen meum videbat^), 
Schessan sum natus, 
Valcrian vocatus. 



Schlaf, Kindlein schlaf, 
Dein Vater ist ein Äff, 
Deine Mutter ist eine Katz 
Respektenz Fratz!') 



IVie^eulieder 
HS. 



1, 2, 3, 4, ij, Ü, 7, 
Muss ich bei der Wiege knien, 
Muss ich singen, husch, husch, husch, 
Kleine Bänkart, halt dein Gusch. 



1) Die di-itte und vierte Zeile kann auch fohlen. Oft lindct man auch die ersten 
vier Verse ohne die folgenden. 

2) Diesen Vers benutzen anch Kinder mosaischer Religion. 

3) Der Vers ist vom Vorlegblatt eines Schulbuches abgeschrieben. 

4) In den folgenden Versen treten oft Umstellungen und Ausfall von Reinipaareu eiu. 

5) Diese Verse lauten auch: 

Qui non vult credere, 
Meuni nomen potest legere, 

6) Diese Nummer wird wohl kaum als Wiegenlied benutzt, sondern ist wohl nur die 
Verzerrung eines solchen. 



Allerlei Kunterbunt aus der Kinderwelt. 



29!^ 



Ziiin Si'liuellsprecheu. 

119. Herr von Hagen, dar! ich fragen, welchen Kragen sie getragen, als sie 
lagen krank am Magen in der Hauptstadt Kopenhagen. 

120. Wiener Weiber wollten weisse Wäsche waschen, wenn sie wüssten, wo 
warmes Wasser wäre. 

121. Ronstantinopolitanischer Dudelsackpfeif'enniacheri;eselle. 
Die Kuh rannte, bis sie fiel. 
Beim Bischofsberg') blühen blaue Blumen: böse Buben brechen bestimmt 



122. 

123. 

beide. 
124. 



Filzig pickene fiksene pickalach.^) 
Abzälilreime 
131 



125. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 
Eine alte Frau kocht Rüben, 
Eine alte Frau kocht Speck, 
und du gehst weg. 

(oder: Und du frisst Dreck.) 

126. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 
Fahren wir um Weizen, 

Fahren wir um Korn, 

Und dich soll der Teufel holn. 



12; 



128. 



129. 



Adam ist in Garten gegangen. 
Wieviel Vögel hat er gefangen? 
1, 2, 3, 
Du bist frei. 

Ekete pekete cukety me 

Abel fabel domine, 

Ex pex pelaputr, 

Raus draus, marsch hinaus. 



Ekete pekete cukety me, 

Abel fabel domine. 

Ex pex pelapuff, 

Marsch draus, marsch hinaus. 

130. Ekete pekete cukety me, 
Abel fabel domine; 
Ex pres kostka') gra, 
A ty Janie Fabijanie 
Wyrznij konia na organi 
Zlotym pytym 
Pod kopytyni, 
Raus, Maus 
Komm heraus. 



Ene besene gesir gesar 
Repete pepete knüll. 

132. Ense, dense, sirke, sar, 
Repete, pepete, knüll. 

133. 1, 2, 3, 

Resche, resche, rej, 
Resche, resche, Flaudertasche. 
1, 2, 3. 

134. Ich und du, Müllers Kuh, 
Müllers Esel, das bist du. 

135. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 

1.3, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20. 
Fahren wir nach Danzig, 
Danzig fing an zu brennen, 
Die Franzosen müssen rennen. 
Ohne Strumpf und ohne Schuh 
Bis nach Danzig zu. 

136. Schlosser will einSchloss beschlagen. 
Wie viel Nägel braucht er haben? 
1, 2, 3, Magd hol Wein, 

Knecht schenk ein, 
Herr sauf aus. 
Du bist draus. 

137. In der Wand steht ein Engel, 
Hat ein Apfel in der Hand, 
Will ihn essen, hat kein Messer; 
Bauer, Bauer, sag dem Hund, 
Soll er mich nicht beissen; 
ßeisst er mich, straft er dich 
Um ein Thalur dreissig. 



1) Der Bischofsberg ist eine Anhöhe in Czeruowitz. 

2) Im durch slavische Wörter durchsetzten .Tudcndeutsch: 50 kleine .langen vom 
Fuchse. 

3) Von da an sind die Wörter polnisch, jedoch zum Teil unverständlich. 



300 Kaindl: 

138. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, [schieben, 141. 1, "2, 3, 4, 5, 6, 7, 

Lasset uns den Schiebbock Schöne Mädchen rnuss man lieben, 

Wo denn hin? Nach Berlin, Liebt man schöne Mädchen nicht, 

Wo die schönen Mädchen sind. ') Kommt man in das Strafgericht. 

139. Unke, dunke, kwinken, kwas-'), Mädchen sind die Gottesengel, 
Komm mit mir im Lingelas. f*""^«^" «ind die Gassenbengel, 
Lingelas ist zugeschlossen, Mädchen gehen auf den Ball, 
Mit dem Hammer aufgebrochen. 2"'^^" S^^hn in Gänsestall. 
Bauer, Bauer sag dem Hund, Mädchen tragen Myrtenkränze, 
Soll er dich nicht beissen, ^"^'ß" ''"'^en Katzenschwänze. 
Beisst er dich, straft er dich^), jjj. Unu dunu rex. 

Um ein Thaler dreissig. ' ^watra kwinkwa sex, 

140. Ini ani o, Unu dunu raba 
Kapitali o, Kwatra, kwinkwa, zaba. 
Citra bela, citra bela. 

Trink, trank, tronk. 

Reiterlied auf des Vaters Knieen. 

143. Tros, tros, traren, 

So reiten die Husaren, 

Federbusch auf dem Hut, 

So reitet's sich auf Vaters Knie gut. 

Zum Reigentanz. 

144. Ringa, ringa, raja. 

Tanzen wir alle draia. 

Tanzen wir um den Rosenbusch, 

Macht das Häschen husch, husch, husch. 

Grünes Gi'as. 

145. Die Kinder bilden einen Kreis, in dessen Mitte eines derselben steht; 
dieses (oder alle Kinder) singt das folgende Verschen und wählt sich einen Xach- 
folger, der seine Rolle übernimmt: 

Grünes Gras 

Frisst der Has 

Unter meinen Füssen, 

Welcher (e) wird der (die) schönste sein. 

Diesen (e) werd' ich küssen. 

Beim Händepatscheu. 

146. Tosi, tosi Handerle, 

Mama kauft ein Banderle, 
Tata kauft ein Schuherle, 



1) Diese und die folgenden zwei Nummern sollen aus Berlin herrühren. 

2) Oder: Unika, duuika, Tintenfass. 

3) Oder: straf ich dich. 



Allerlei Kunterbunt aus der Kinderwelt. 301 

Zählspiele. 

147. A.: Liebst Gott? B.: eins, 

A.: Liebst Gott? B.: zwei, und so weiter: wenn aber A. zum neunten- 
mal ,, Liebst Gott?" fragt, so darf B. nicht mit _neun" (nein) antworten, sondern 
muss gleich auf zehn tiberspringen. 

148. A. : In die — B. eins, 

A.: In die — B. zwei, und so weiter: wenn aber A. zum zehntenmal 
„In die" sagt, so muss B. gleich auf „elf" übergehen, um nicht bei „zehn" einen 
Stoss „in die Zähne" zu erhalten. 

Florian. 

149. Die Kinder bilden einen Kreis und singen: 

Florian, Florian, hat gelebet') sieben Jahr. 

Sieben Jahr sind um, der Herr N. N. dreht sich um. 

Nachdem sich der (oder die) Genannte um sich selbst gedreht hat, singen 
sodann wieder alle: 

Herr N. N. hat sich umgedreht. 

Und hat einen t;oldenen Kranz bestellt. 

Florian, Florian hat gelebet sieben Jahr u. s. w. 

Wenn sich alle Kinder einzeln gedreht haben, so wird gesungen: 
Florian, Florian hat gelebet sieben Jahr, 
Sieben Jahr sind um, alle drehn sich um. 
Nun drehen sich alle Mitspielenden zugleich um sich selbst und hiermit hat 
das Spiel sein Ende erreicht. 

Mauserle, Mauserle. 

150. Man reibt mit dem Zeigefinger auf der linken flachen Hand des Kindes 
und spricht: „Mauserle, Mauserle, koch Hirsch, koch Hirsch (Hirsebrei).'^ Dann 
zeigt man auf jeden der vier Finger und sagt: „Gieb dem, gieb dem, gieb dem, 
gieb dem": auf den Daumen zeigend, sagt man hierauf: „Dem hack' den Kopf 
ab"; hierauf fährt man kitzelnd mit der Hand in den Ärmel und spricht: „Und 
dann lauf ins Häuserl." 

Geierspiel. 

151. Durch Auszählen wird aus den Spielenden der Geier ausgelost; die 
anderen sind die Hühner. Das Gebiet des Geiers wird von jenem der Hühner 
durch einen Strich am Erdboden oder auf irgend eine andere Art bezeichnet. Über 
diese Grenze springen und laufen die Hühner in das Gebiet des Geiers, um ihn 
zu necken. Zumeist rufen sie hierbei: 

Herr Geier, oder: Herr Geier, 

Haben sie Eier? Geben sie uns Eier! 

Der Geier ist bestrebt, einen der Ruhestörer zu fangen, damit er seine Rolle 
übernimmt. Hierbei muss er sich aber hüten, in das Gebiet der Hühner zu 
geraten, weil er dort von denselben zerzaust wird. 



1) Ursprünglich: geliebet. 



302 Kaiudl: Allerlei Kunterbunt aus der Kinderwelt. 

Vater, Mutter, leih mir die Scher'. 

152. Alle Mitspielenden, mit Ausnahme eines „Ausgezählten" stellen sich an 
Bäume, Plankensäulen u. dfjl. Der Ausgezählte tritt sodann an die einzelnen Mit- 
spieler heran und sagt: 

Vater, Mutter, 

Leih mir Scher'. 
Der Angeredete deutet hierauf auf einen anderen Mitspieler und während der Aus- 
gezählte zu diesem geht und ihm seine Bitte vorträgt, wechseln die anderen ihre 
Plätze. Gelingt es dem Ausgezählten bei dieser Gelegenheit einen der verlassenen 
Plätze zu gewinnen, so übernimmt derjenige Spieler, welcher seinen Platz verloren 
hat, die Rolle desselben. 

April- und Mainarreu. 

153. Der Narrende erzählt etwas Unwahres, deutet auf etwas nicht Vorhandenes 
hin u. dgl. Wenn der Genarrte glaubt, eine bezügliche Frage oder einen Ausruf 
thut, sich nach dem angeblich vorhandenen Gegenstande wendet u. dgl , so spricht 
dann der andere die foppenden Worte. Also z. B.: 

A. Es brennt! 

B. Wo? 

A. Heute ist der erste April, 

Schickt man den Esel, wo man will! 
oder auch bloss: Primapril! 
Beim Mainarren ruft man: 

Heute ist der erse Mai, 
Schickt man den Esel ins Heu! 

Rätsel. 

154. Fünf gehn ihn jagen, zwei bringen ihn getragen, sie bringen ihn nach 
Walkowitz, von Walkowitz nach Zwickovvitz, und dort wird er erschlagen. 

(Die fünf Pinger — der Floh.) 

155. Papa pepi papi pipi popo? (Vater Pepi [= Joseph] isst [papa, pap in 
der polnischen und ruthenischen Kiudersprache = Speise, essen] von einer Henne 
[pipi, pipinka im Polnischen und Ruthenischen = Henne] den Hinterteil).') 

156. Bitt' Professor, was ist das? 
Hinterem Ofen krappelt was. 
Nicht ein Fuchs, nicht ein Has'. 

Bitt' Professor, was ist das? (Die Maus.) 

157. Wieviel ist dreizehn und dreizehn? (Sechs Zahn.) 

Glückwünsche. 
158. Ich wünsch' und wünsch', 159. Ich wünsche einen gedeckten Tisch, 

Und weiss nicht was. An jeder Ecke einen Fisch, 

Greif in die Tasche In der Mitte eine Flasche Wein, 

Und gieb mir was. Der Herr N. (oder Frau N.) soll 

glücklich sein. 



1) Vcrgl. auch No. 124. 



(Fortsetzung folgt.) 



John: Alte Sitten uml Bräuche im Egerland. 3();J 



Alte Sitten und Bräuche im Egerland. 

Von Alois Joliii. 



Sitten und Bräuche eines Volkes haben natürlich ihre Geschichte. 
Es sind Organismen, die sich in Wind und Wetter menschlicher An- 
schauungen verändern und erproben. Der Sturm der Zeiten zog über sie 
hinweg. Schwachgewurzelte Organismen vergingen, Bräuche wurden zu 
Missbräuclien; andere wurden von mächtigeren vernichtet, aufgesogen 
oder lebten ein kirchlicli-germanisches Doppelleben. Manche arteten in 
ihrer Vollblütigkeit und Vollsaftigkeit derart aus, dass sie früh verboten 
wurden. Aber trotz Verbot und strenger Verfolgung erhielten sich einzelne 
mit unverwüstlicher Lebenskraft. Manche, die man längst vergessen hatte, 
schössen in anderen Zeitläuften plötzlich wieder empor und lebten in 
neuer Lebenskraft weiter. Entstellen, Blüte und Verfall. Verschwinden 
und plötzlichem Wiederaufleben der alten Bräuche naclizuforschen, ihr 
Wesen in versciiiedenen Zeiten zu untersuchen, sie unter dem Druck der 
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, in Stadien von Artung und Ent- 
artung zu beoliachten, ist von Interesse. Eine gründliche Forschung in 
alten Büchern, Chroniken, Stadtbüchern u. s. w. würde gewiss sehr viel 
für dieses Thema ergeben. Ich biete im folgenden eine Blütenlese aus 
den Proclama-Büchern des Egerer Rats für Gebräuehe und Sitten 
in der Stadt Eger und im Egerlande. 

Prociamas sind öffentliche Erlasse, Verordnungen, Warnungen, Verbote 
des Egerer Rats für die Bürgerschaft und Bauernscliaft. Ihr Inhalt ist un- 
gemein mannigfach, sie greifen ins enge Familienleben ein, ordnen, warnen, 
verbieten und drohen oft in väterlicher Weise, oft auch streng, immer mit 
Hinweis auf das göttliche Strafgericht, oft unter dem Drucke der Kriegs- 
uöte, der Glaubenskämpfe, wirtschaftlicher Bedrängnis. Sie sind eine 
Fundgrube insbesondere für Bräuche und Missbräuche, Sitten und Unsitten 
in Stadt und Land. Diese Verbote haben die Kunde heute längst ver- 
schollener Bräuche erhalten. Sie bezeichnen auch die Ortschafton, in 
denen sie üblich waren. Die Häufigkeit der Verbote lässt auf einen l)e- 
sonders festgewurzelten Braucli scliliessen. Allerdings bricht iiuch die 
Zügellosigkeit in Stadt und Land des öfteren diircli. Hurerei uml Unzucht, 
Gotteslästerung, loss Ehhalten, Gassaten gclni tu 1er Mutwillens auf der 
Gasse, Fluchen, Müssiggang, Wier- und BranntwcinsaufPen ist wiederJiolt in 
Proclamen verfolgt. 

Die Pro(damabü(lier von Eger liegen in einer Reihe Bände vor und 
reichen (mit (,'inzelnen Lücken) von 15()"2 bis 1790. Sie wurden von 



304 John: 

F. Khittl') und von GradP) für bestimmte litteriirisclie Zwecke benutzt, aber 
sind noch lange niclit erscliöpft. Im Folgenden sollen — mit einer einzigen 
Ausnahme, die ich der Vollständigkeit wegen anschliesse — nur bisher 
uuveröffentli eilte Stücke zu "Worte gelangen, in getreuer Schreibweise 
des Originals, hier und da bei weitschweifigen Perioden oder Wieder- 
holungen etwas gekürzt, auch in der Inter])unktion zur besseren Orientierung 
vielfach gebessert. 

No. 1 bringt aus dem Ratsproclama von 1620 und l(i26 Zeugnisse über 
den Lob tanz, der zu Weihnachten vor der Kirche von Treuniz bei Eger 
jcährlich gehalten wurde. Der Lobtanz oder Lobetanz ist seit der zweiten 
Hälfte des 13. Jahrhunderts aus Hessen, Thüringen und Meissen bekannt 
und war ein besonders beliebter, von vielen Paaren zu verschiedenen 
Zeiten des Jahres getanzter Reihen. Im Königreich Sachsen ist der Name 
Lobetanz für ein Tanzvergnügen örtlich noch nicht erloschen. Vgl. M. 
Heyne im Grimmschen Deutschen Wörterbuch VI, 1084 und Lexer. Mittel- 
hochd. Wb., ], 1948. 

No. 2 und 3. Rockenstuben. Diese Verbote treten frühzeitig auf 
(1502, 1576, 1583) und richten sich zumeist gegen die Rockenstuben der 
Dörfer, aber auch der Vorstädte. Trotz der Häufigkeit der Verbote erhielt 
sich die Egerländer Rockenstube bis in die neueste Zeit. Erst das Auf- 
kommen der Spinnmaschinen und die veränderten sozialen Verhältnisse 
haben das Spinnrad verdrängt und den Rockenstuben ein Ende bereitet. 
So steht und fällt eine Jahrhundert alte Sitte oft durch veränderte soziale 
Zeitläufte. (Vgl. dazu meinen Aufsatz: Eine aussterbende Kultur und 
Egerländer Rockenstubenlieder, Erzgebirgszeitung 1896). 

No. 4. Maschkrada von 1644 berichtet von Fastnachtlustbarkeiten 
der Stadt Eger. 

No. 5. Osterspiel mit roten Eiern. Beweis, wie lebhaft selbst 
in der Stadt vor einigen Jahrhunderten noch dieser deutsche Osterbrauch 
in der Jugend üblich war, während er heute gänzlich verschwunden oder 
auf die Dörfer geflüchtet ist. 

No. 6 verbietet das „Bettfreyen" junger Leute, worunter die weit- 
verbreitete Unsitte der sogenannten Probenächte, das aufn Frei gehn, 
schnurren, gassein und fensterin u. s. w. zu verstehen ist. In No. 6 wird 
dem Bettfreyen der „zu gleichmässiger Sund anzielende Feyerrockhen" 
zur Seite gestellt, gegen den sich Proclama 7 im besonderen wendet. 
Nach dieser Nummer kam die „mutwillige Leichtfertigkeit" „des sogen. 
Feuerrockhen", besonders bei Hochzeiten vor. Name und Brauch des. 
Feier- oder Feuerrocken sind nicht recht klar. Der Spinnrocken hatte in 
den Hochzeitbräuchen mancherlei Verwendung (Weinhold, Deutsclie Frauen,. 
I», 392). 

1) Kulturhistorisches aus Eger (Mitt. d. V. f. G. d. D. i. B.), Prag 1878/79. 

2) Deutsclie Volksaufführungen, Prag 1895 (Mitteil. V. G. D.). 



Alte Sitten und Bräuche im Egerlanrt. 305 

Ko. 8 bringt eir" Hoclizeitordnuiig für die Stadt aus dem Jahre 
1643. Sie ist bereits bei Khittl gedruckt, erscheint aber hier nochmals 
nach dem Original in korrekterer Fassung. 

No. 9 — 11 beziehen sich auf Taufbräuche (Gevatterbitten, Gevatter- 
brief, Taufgeschenke, Taufgang, Erster Ausgang der ^Yöchnerin). Die 
dabei übliche Festmahlzeit wird „Croles, Crolas, Croloss, Krolosshaltung" 
genannt. Der Krales für einen Festschmaus ist von dem Joachimsthaler 
Mathesius oft gebraucht; vgl. R. Hildebrand (im Grimmschen deutschen 
Wörterb., V, 1979), der es vom mittelalterlichen Gral, in Bedeutung eines 
Festes ableitet. — Die Taufpaten heissen im Egerlande der, die Tuad 
(Tuadherr, Tuadfrau; Firmtuad; Tuadnring, ein ringförmiges Gebäck, das 
die Paten ihrem Patenkinde jährlich einmal schicken). Der, die Tuad ist 
das altdeutsche tote, Taufpate, vgl. Grimms Wörterb., II, 1312. Schmeller, 
Bayr. Wb , P, 633. 

No. 1. Der Lobtanz zur Weihnachtszeit. 

Decret, dass der Danz, so jahrlich weynachtenn zu Treünz') ist gehaltenn 
worden, hinfurth eingesteht sein soll. 

Demnach E. E. Hochweisser Rath mit nicht wenigen verdrus und wiederwillen 
Vernomen, das bey diesen vorstehenden heylig(en) weynacht feyertag die Vnter- 
thanen zu Treünz aus falsch geschöpftenn lossen Wahn sich gelüstenn lassenn 
nicht allein ihr andacht, die sie zu solchenn Feyertag billig habenn vnnd sich damit 
zu Gott wendenn solltenn, in einen losen leichtfertigen Danz-) zu kehren, sondern 
auch sich allerley leichtfertigkeitenn darbey zu gebrauchen Alss lesst E. E. Rath 
befehlen, daz sie sich dergleüchen vorthin enthaltenn, die wirtt aber ihnen dazu 
durch reichung getranks nicht vrsach gebenn oder in dessen vnverhofftenn ent- 
. stehung aller ernstlich gefenknus vnd anderer höherer Straf gewertig sein sollen, 
dornach Sie sich zu richten vnd Vor schadeun zu hüttenn. 

Decretum den 18. Dezembris No. 1626. 
(Proclamabücher, Band 1G08, fol. 221, 222.) 

No. 2. Decret mutatis mutandis. An die hernachgesetzten 8. Dorf- 
schaften nembl. Neuen Albenreuth, Prauenreuth, Nebanitz, Mühlessen, Ober- 
lohma, Mühlbach, Treunitz vnd Trebendorff. — 

Von Eines Wohl Edlen Hoch und Wohlweysen Rats der Stadt Eger wegen 
wird denen Zu den Kirchspiel eingefarrten Dorfschaften, sonderlich aber denen 
Richtern daselbst hiemit nochmahls anzufügen, Dass demnach Ein Wohl Edler 
Rath sehr missfallig vernehmen müessen, dass die — zuwider denen schon öffters 
abgelassenen übrigkeithl. Verbotten — bis dato noch Immer forth continuirende 
Rockhenstuben vnd bösse Zusanibenkunftt, worbey mur ärgerliche Üppigkeith 
und straffbahre Laster getrieben, dadurch aber die Göttl. Majestät höchstens be- 
hüdiget wird, noch allenthalben im schwang gehn. Nicht wenigers die Mahlmüllern 
Zuwider dem dritten Geboth Gottes sich straffbahrr Dingen L'nterstehen, an denen 



1) Dorf bei Eger. 

2) Schon im Proclama vom 18. Dozbr. 1620 wird „dieser mit ergernis des gemeinen 
Manns und zuförderst der Obriskheit uud Ihres Seelsorgers Widerwillen gehaltene Lob- 
dantz zu Treünz vor der Kirchen- gänzlich abgeschaut. 

Zeitsihr. d. Vereins f. Volkskunde. 1897. 20 



306 John: Alte Sitten und Bräucho im Egerland. 

Heyl. Sonn- vnd Feyertägen mit Versiiumbung dess Gottesdiensts zu mahlen 1 
Alss werden hiemit nicht allein denen siimmentlich dem würdig(en) Gotteshauss 
zu N N eingepfarrten Doifschaften die Rockenstuben und bösse Zusamenkunften, 
sondern auch denen Mahlmüllern dass Mahlen an denen Heyl. Sonn- vnnd Feyer- 
tägen unter Ernstlicher Straff, welche hier wider handeln werden, verbothen, Wor- 
nach Sie sich zu richten und denen schon öffters abgelassenen Obrigkeithl. Warungen 
und Verbothen schuldtig gehorsamb zu laisten wissen werden. ConcUisum in 
Senatu Egrae denn 14 Octobris 1691, Ad. Wagner, Stadtschr. 

(Proclamabücher, Bd. IGSO, fol. 53.) 

No. 3. Decret. An alle Kirchspiel in hiesigen Lande wieder die 
Rockenstuben. (Der Anfang dieses Decretes gleichlautend mit dem vorher- 
gehenden.) — Als hiemit allen und jeden Eingepfarrten Jungen Manns und weibs 
Personen, wie auch denen Hausswirthen hiemit alles Ernsts nochmahlen anbefohlen 
wird. Womit Sie sich obgemeldter Rockhenstuben und Schädlicher Zusamb- 
kiinftten gänzlichen enthalten und die Hausswürthe solche nicht gestatten — sondern 
die überdrotterr ohne allen Hinterhalt ohn A'orziiglichen anmelten, wiedrigen Falss 
aber mentionirte Hauswirthe mit 10 R., die junge Manns und weibs Person aber 
nach befund der sach mit vnaiissbleiblicher gelt- oder Leibesstraff beleget werden 
sollen, Wovor Sie sich dann durch Vermaydung dieser so ärgerlichen und Gott 
missfälligen sach zu hüten wissen werden. Jedoch falss Eines Nachbars tochter 
und Mägte zu den andern Nachbarn Töchtern und mägden kommen und alldort 
mit arbeithen und andern Gott nicht missfälligen Verrichtung die Zeit zubringen 
wolten — solches unverbothen seyn, Wann nur hievon die Manns Personen und 
Junge Bursch aussgeschlossenn iedesmahlen verbleiben. Mithin alle ärgernuss und 
beleydigung Gottes unterlassen wird. Conclusum in Senatu Egrae den 18. January 170(). 

(Proclamabücher, Bd. 1680, fol. 240.) 

No. 4. Decret. Verhüttung der Mascherade vnd Anderer Mutwillen 
in der Passnacht de datto 6. Fbr. 1644. Demnach E. E. hochw. Rath kurzlich 
erwogen, wie Gott der Allmächtig durch allerhandt Sindt Vnnd Laster, öffentlichen 
muthwillen, übigkeiten vnnd raascheraden vnd ohnmenschliches grosses geschrey, 
die sonderlich ümb Fassnacht Zeit vnnd die Lezte 3 Tag im Schwang gehen vnd 
geübet werden, zu allerhandt Straffen angereizt vnd gezwungen wordn, wie man 
leider Gott erbarms solches nun mehr viel Jahr erfahren hat, zu Verhütung dero- 
wegen grösseren Zorn Gottes vnnd Andern mehreren Straffen, die auss den gleichen 
mutwilligkeiten entspringen, lasset wol Ermelter hochweiser Rath alle dero Burger 
Innwohner vnnd angehorige Trewherzig vnd Vätterlich nit allein ermahnen, sonderlich 
die Hauss Vätter Ihre Kinder Unnd Untergebenen von dergleichen öffentlichen 
muthwillen vnd Masscrat abhalten, sonderlich auch bey leib vnnd Lebens Straff 
verbiten, do sich nihemandt, so der Stadt Unterthan vnnd zugehörig worden, bey 
tag noch nacht verkleit vermumbt oder in masscrada Betreten solle 
lassen, Massen allbereith Begeben worden, auf alle dergleichen maskerierte per- 
sonen gute obacht zu haben vnd solche, sonderlichen wass Ledige Hand Werkhs 
Porschs oder Burgers söhn sein, alssbaldt in die fünsteren Keller zu führen vnnd 
nit herausszulassen, biss einer Wirdt ein Ducaten bezalt haben, dann auch andere 
Obrigkh. strafen gewertig sein solle. 

Demnach sich Meniglich zu richten, decretum in Senatu Egrae den 6. Febr. 1644. 

(Proclamabücher, Bd. 1627, fol. 218.) 
(Schluss folgt.) 



Bunker: Heauzische Schwanke, Sagen und Märchen. 307 

Heanzisclie Schwanke, Sagen und Märchen. 

Aiifsezeichnet von J. R. Büuker in Üdenburg-. 



Die Begriffe Heauzen iiutl Heaiizerei habe icli in meiueu Arbeiten: 
„Typen von Bauernhäusern aus der Gegend von Ödenburg in Ungarn" 
in Bd. XXIY der „Mitteilungen der Anthropologisclien Gesellschaft in Wien" 
(s. dort S. 115 ff.) und „Das Bauernhaus in der Heanzerei (Westungarn)" 
in Bd. XXY ders. Zeitschr. (s. dort S. 89 ff.) klargestellt. Auch über den 
heanzischen Dialekt, dessen Zugehörigkeit heute noch ebenso wenig er- 
forscht') ist als die Abstammung der Heanzen, habe ich dort einzelne 
Bemerkungen gemacht, die Dialektforschern vielleicht Anhaltspunkte 
zur Feststellung der Zugehörigkeit der Heanzen bieten können. Ich ver- 
weise demnach alle, die sich für diese Sache interessieren, auf jene Arbeiten. 
In Bezug auf die nachfolgenden Märchen und Schwanke sei nur noch 
erwähnt, dass sie alle in Oilenburg und zwar aus einem Munde, aus dem 
des städtischen Strassenkehrers Tobias Kern, eines Mannes, der niciit lesen 
und schreiben kann und heute (1897) im 65. Jahre steht, von mir auf- 
gezeichnet worden sind.^) Ausser den folgenden 15 Nummern erzählte 
mir Tobias Kern noch 3"2 weitere. Von diesen hörte er 13 in Theresien- 
feld bei W.-Neustadt erzählen; sie sind also niederösterreichischeu Ursprungs. 
Diese dreizehn Nummern werden demnächst in der „Zeitschrift für öster- 
reichische A^olkskunde" (Wien) erscheinen. Zwei der Xummern wurden 
Kern im Dorfe Mörbisch bei Rust am Neusiedler-See erzählt. Alle andern 
32 Nummern, wozu auch die hier allmählich folgenden 15 gehören, hat er 
in Ödenburg selbst gehört. Diejenigen, von denen er sie hörte, waren 
zumeist seine Familienangehörigen: Vater, Mutter, Grossvater, Grossmutter. 
Diese Volkspoesien können somit wohl mit vollem Rechte als heanzische 
angesehen werden. Der Dialekt, in dem sie Wort für Wort, wie sie mir 
in die Feder diktiert wurden, niedergeschrieben worden sind, ist der in 
Üdenburg gesprochene. Es ist nicht die Verkehrssprache der gebildeten 
Klasse der städtischen Bevölkerung, auch nicht die Umgangssprache des 
zum grössten Teil handel- und gewerbetreibenden Mittelstandes, sondern 
die Mundart der unteren Schichten der Bewohner der Stadt, der Bauern 
(Wirtschaftsbürger), Weinbauern, Taglöhner etc. Diese Mundart ist zwar 



1) Das ist nicht richtig. Eine Sammlung heanzischer Worte liat der um die deutschen 
Mundarten Ungarns sehr verdiente Prof. K. .1. Schröer unter dem Titel: Hoanzen-Mundart 
in Frommanns Zeitschrift „Die deutschen Aiundarteu", VI. .Jahrgang, Nördlingcn 1859, 
SS. 21-33, 179—185, 830—348 veröffentlicht. Daraus ergiebt sich unzweifelhaft die 
heanzische Mundart als eine bajuvarischc und der stcirischen nahe verwandt. K. \\.] 

2) Zeitschrift für Österreich. Volkskunde, III, SU (1897). 

20* 



308 Bunker. 

die heanzische, jedoch nicht das reine Heanzisch, das man in den um- 
liegenden Dörfern, nur noch schöner und weicher in der eigentlichen 
„Heanzerei", in den deutschen Dörfern des Eisenburger Komitates hört. 
Die Schriftsprache der Schule und der gebildeten Welt im Vereine mit 
der Umgangssprache der Mittelklasse kämpfen hier eben einen hartnäckigen 
Kampf mit der alten Mundart, und die Erfolge dieses Kampfes lassen sich 
in der Mundart schon stark fühlen. Hauptsächlich ist es die an den 
steirisch - österreichischen Dialekt sich anlehnende Umgangssprache der 
mittleren Klasse, die mehr und mehr an Boden gewinnt. Dem aufmerk- 
samen Leser, insbesondere dem, dem der steirisch-österreichische Dialekt 
nicht unbekannt ist, wird bald auffallen, dass Ausdrücke, wie: „fliagt, Frua, 
läss'n, ihn, neb'm eam, Wua't, grouss, Heindl, Faija", äwa'" etc., die neben 
den rein heanzischen Ausdrücken: „fluigt (fliegt), Fria (Frühe), lässa' 
(lassen), eam (ihn, acc), neib'm saina' (neben ihm), Wäa't (Wort), gräss 
(gross), Heand"l (Hühnchen), Fua" (Feuer), äda' (aber) häufig vorkommen. 
auf neuere Einbürgerung zurückzuführen sind. 

In Bezug auf die Schreibung bemerke ich noch folgendes: ä= Mittel- 
laut zwischen a und o; ö Mittellaut zwischen e und ö; n mouilliertes n; 
st und sp lauten im Anlaute stets seht und schp. 

I. Ta' Späara" (der Sparer). 
(Schwank.) 

's wäa' a sou a lustiga" Kea'l, a Paua'upuasch. tea' hat hält ninda'scht 
käan guit nit "taun. (istuln unt g'raupt hat a" all'mal, won r k nia" 
kinna" hat. 

Hiatz kirampt a' amäl in a-r-a Stadt. Tä schaut an-älti Frau pan 
Feinsta' äwa'. Wia-r-a' tei siacht, springt a' in äana' Tua' runtum-a-tum 
in Kräas unt schaut in t'Heh". 

Sägt tei Frau, was a' teinn äll'wal sou umspringt unt schaut in t'Heh'. 

„r schau' a'f teis Loueh, wou-i"-i' äwa'g'fäll'n pin van Himm'l. 

Sägt si: „Ja, sain sei van Himm'l äwa'g'fäll'n?" 

Sägt a': „Ja!" 

Sägt si: „Wia geht's teinn zui in Himm'l?" 

„Neu", sägt a\ „mearari sitz'n, mearari lieg'n unt mearari stainga." 

„Ja", sägt s', „tä hat ni't an-iada' sain Stual?" 

Sägt ea': „As muiss si' an-iada' sain Stuäl les'n." 

„Keimma' s' auffa'", sägt s', „za mia'. — 1' häw' main Maun kaan 
Gelt ni't mitg'geib'm unt tea' wia't riiliti' a' käan Stiial ni't häb'm. — 
"Was koust't a sou a Stual?" 

„Zwölf, fumpfzeija'taus'nt (iuld'ii." 

„Tä hab'm s' zwäanzichtaus'nt (Jiiiil'ii, unt ea" soll si" an Stual kaffa", 
unt i' läss'n schain griass'n." 



Heanzische Schwanke, Sagen und Märchen. 309 

„Nou, guit", sjigt a\ „i' haufi nou' sunstn' was z'taan, unt weinii t'Stea'n 
am Himm'l sain, geh'-r-i' wiedrum auffi." 

Ehr a' palt va' da' Stadt aussi"keinima'-r-is\ kimnipt a Pairiii taliea'. 

„Won gaifiga' teinu sei hin?" sagt .a' zan ia'. 

„I" geh' zau Späara^), i' häw' fumpfzeija'hunda't Guld'u." 

Sägt a": „Tea' pin ja i'." 

Gipt eam glai' 's Gelt unt sägt: „Täs is' g'schait, häw' i' nit' sou wait." 

Ia' Maufi hat s' g'frägt, wia s' häam'keimma'-r-is', ouw s' schoun tä is'. 

„Ea' is' ma' pegeigu't unt i' häm' eam 's inta'weig'u'') g'geib'm." 

„Tu tumm's Waip", sägt a' zan ia', „täs muiss ja aing'schrieb'm wea'n." 

Ea' sätt'lt glai' sain Rouss unt rait't eam nächi a'f 's Feit. Sou hat 
tea' äwa' g'rät sain Nättua'ft af 'n Feit va'richt't. Unt wia-r-an Paua'n 
va' wait'n rait'n siaeht, hat a' si" glai' teinkt, tea' kimmpt 'n nach weig'n 
teih Gelt. Sou uimpt a' schnell sain Huit äwa" unt teickt tein Hauf'n zui. 

Fragt 'n ta' Paua', was a' unta' 'n Huit hat. 

„An guldinga' Voug'l häw' i' g'fängt unt tein gawat i' nit um zeija'- 
taus'nt Guld'n hea'." 

Ea' springt van Rouss äwa', sou sägt ta' äaii, ea' sull nia' a' feist hält, 
tass a" eand' ni't auskimmpt. 

„Mia'", sägt ta' Paua', „is nia' um tein, tea' maifi Wai' hät's Gelt 
ä'g'noumma'." 

„Tein kein i' recht guit, äwa' ä! wea' wäass, wou tea' schoun-is; ea' 
is ma" via"g"gänga'." 

„Seitz ti" auf a'f main Rouss unt rait" "n nächi, ta'wal wia' schoun-i' 
feist hält'n in Huit." 

Ea' is' fua'tg'ritt'n unt is" ninnna"inea' 'keimnia'. Hiatz hat a" 's Gelt 
g'häpt unt a Rouss a' zan Rait'n. 

In Paua'n eh' 's is' Nacht wäa'u, hat 's 'n schoun pelängt unt is a' 
ton" naigiari' wäa'n unt hat aung'fängt za visantia'n. Hiatz hat a' äll'wal 
tein Huit in t'Heh" unt hat a sou ainig'schaut. Hiatz fäa't a' hält a'f amäl 
recht gach mit ta' Hänt unta' "n Huit aini. Hiatz fäa't a' hält glai' aini 
in Treick mit ta" gänz'u Hänt unt truekt glai' teis Sächa' z'sämm' unt in 
Huit hat a' g'schwint weikg'schmiss'n, hiatz hat a' g'seg'n, was tea' Kea'l 
'tau'n hat. 

„A", sägt a' zan eam selwa', „tu Lump, tu pist ta' selwichi, tea' main 
Waiw ia' Gelt a' hat." Ea' is" häamkeimma'. 

Frägt'n sain Wai': „Nou, hast 'n ta'wischt?" 

„Ja!" 

„Wou hast teinn tain Rouss?" 

„r haun "s a' in Späara' g'geib'm." 

1) Die Bäuerin sollte das Geld in die Sparkasse tragen. — 2) unterwegs. 



310 Bunker: 

[Eine weit verbreitete Gaunergesehichte, vgl. Grimm, K. u. H. Märchen No. 104 
mit den Nachweisungen Bd. 3, 184. Joh. Pauli, Schimpf und Ernst, No. 463 mit 
Österleys nicht ganz zuverlässigen Parallelen, in seiner Ausgabe S. 527 und 
namentlich J. Rolte in seiner Ausgabe von J. Freys Gartengesellschaft zu No. 61, 
S. -237 f. K. W.] 

II. Ta' g'schaiti Hans'l. 
(Schwank.) 

As wäa' a Paua", tea' is' a Heaulkrämma ') g'wein uut älli trai, via' 
Täch is' a ni't häam'keiinina". Ea' hat an Knecht g'liapt, tea' liät Haus'l 
g'häass'n. Tea' hat t'Wia'tschäft gfia't z Haus. 

Ta' Pfäara', tea" is' eifta' za da' Pairin keinima', unt häb'ni guifc 
g'geissa' unt trunga' ällimäl mit auäut". Ta" Hans'l, tea' lauscht s"ällw"I ä'. 

Tä sägt ta' Pfäara', wia-r-a' va' da' Pairin fua'tgeht: „Mäaring fäar-i* 
äcka'n am Houfäcka'. F hä"w' Schimm'l'n." 

„Neu", sägt s", „guit, i" wia" ta' schoun a guit's Mittäclimäl pringa"." 
Uut si hat a Speifisau^) zan Peicka' glai" gscliickt') unt t'Kräpfa" hat si 
pächa". 

Ta" Hausl hat äwa' räti Ouks'n, hiatz stüllt a" ta' Pairin zwäa grässi 
Laintiacha" unt schnaid"t mit ta' Scha'*) vüUi grässi Löicha' aini, sou gräss 
wia' Tälla'. 

Nach Mittinäeht kimnipt ta' Hea' häam, ta" Paua". Sou sägt a" zau 
Hans: „Tu mäaring wea'm-ma' a'f-'n Houfäcka' fäa'n." 

„In Wüllnst piü-i' 's ja eha'", sägt ta Hans"!. 

In ta' Fria zaitlich hat a' aiiigspäniit ta" Hausl. Ea" nimmpt tei 
Laintiacha' unt wia"ft s"in Ouksna' iwa' "n Pug'l unt piud"t "s hiut" unt 
untan Pauch unt unta" n Sehedl guit z'sämm'. 

Sou sägt ta' Paua': „Awa" Haus"l, was traipst teinn tu mit t Ouksan?" 

„Hea", sägt a', i' häw" geistan in Kälenta" gschaut, as keimma" haint 
sou grässi Prania'^), täss t"Ouks"u faustgrässi Tip"l*) kriag"u." 

„Tä hast tu an guifn Siun g"häpt"", sägt ta" Paua". Sain fua'tg"fäa'n. 

Um elfi packt ti Pairin ain unt wiill mit teiü Eiss'n in Pfäara' a"f 
's Feit nächgain. Hat ni"t g'wisst, tass ta" Paua" in ta" Nacht lulam 
'keimma'-r-is'. 

Eh' s'hiü"keimma-r-is", wäa" ta' Pfäara" um a zwäanzich Aclca" waita" 
unt' in Poud'n') unt ia' Maun mit t"Ouks"n waita" hearoub"m am Kieg"l*). 
Hiatz hat si si' teinkt, täs saiü schoun t" Schimm'l, wia s" äwa" in t" Nechant 
kimmpt, hiatz siacht s", täss ia' Maun mit t"Oulfs'n is". 



1) Hühnerkrämer. — 2) Spannsau, Spanferkel. — 3) Die S])anl'erkel werden aus 
Bauernhäusern, in denen man noch offene Herde und daher keine Bratröhren hat, ge- 
wöhnlich zum Bäcker geschickt, der für das Braten eine kleine Entlohnung erhält. — 
4) Schere. — 5) Bremen, Pferdeil iegen. — fi) Beulen. — 7) Im Boden, in einer Ver 
tiefung. — 8) Riegel, Hügel. 



Heanzisclie Schwanke, Sagen und Märchen. 311 

Ta' Haus'l sclirait i;lai" lautmecliti": „Unsa' Frau pringt uns liaint was 
zeissn." 

Ea" spaunt glai" t Ouksu aus, unt ta' Paua' tuit ta" Pairiu weinka", si 
sull nia" ki-imma". Uut ti guiti Pairin kauft sclioiu-i niea' ui't äiula'scht, si 
geht hin unt stallt ia Eissn nieda". 

Ta" Paua" sägt: „Waiw, was is' teiun tia" haint aing'fäH n, täss tu uns 
a sou a guit"s Mikä"inäl pringst?" 

„Nou, i' haun ma" hält teinkt, walst sou seltn tahäam pist, muiss i" ta' 
tau' amäl was Guit's fia'stöirn, i" muiss ta" an guit'n Täch auf." 

Sou häbm ggeissu älli zwäa. Ta Pfäara' schaut eana" sintli') zui, 
tea" sitzt am Pflui^) ent'n zwäanzicli acka'präat weik va" sei. 

Sägt ta' Hansl: „Hea". in Pfäara" wea"mma" tou" a" a päa" Krapfu 
schicka"?" 

„Neu, nimm a zeiui, träch eam s' hin!" 

Ea" geht zöija' Schritt fua't, lasst ai'-an Kräpfn fälFn a'f t" Ea"t. Sou 
hisst a' nach an-iad"n zöijat'n Schritt wied'rum äaft fälln, pis älli am Acka' 
liegn. 

„Hea' Pfäara", main Hea" hat g'sägt, ea' wäass schaun, täss söi mit 
sania' Frau hält'n, unt wtMnu s uit van Acka' gainga , ea" tawia ft eana" 
mit Stäana." 

Ea' kimnipt wied'rum za sain Hea'n. 

„Neu, was hat a" g'sägt, ta" Hea" Pfäara"?" fragt ta' Paua" in Hansl. 

„Sei sulln iwri gain zan eam, ea' wüll mit eana"-r-a päa" Wäa't reid'n." 

Ta" Paua" geht iwri. Fiud't a nach zeija' Schritt in ea"scht"n Krapfa". 
Puckt a' si" unt heipt "u auf. Ea' kimmpt zan zweit"n, heipt "u a" auf. 
Unt sou kimmpt a" pis zan zeijat'n, strickt a si s Fia'ta"^) auf unt klaupt*) 
s' alli z'sämm'. 

Ta" Pfäara" reint tavoun, lässt'n Pflui" unt t" Rouss staiü, wal a' si' 
teinkt hat, ta" Paua" hat Stäan aufg'nomma" in saiü Fia'ta" uut wüll "u 
taweafa". 

Ti Pairin sägt zan Haus: „Weig'n was reint teinn tea" tavoun?" 

„Teis "traun s'ean'-r-a' nou' z'frägn? — Ea' wuass schoun, täss teis 
Mittä'mäl fia' "n Pfäara' hätt' sull'u g'hea'n." (Die Frau lauft davon.) 

Hiatz sägt ta' Paua', wia-r-a' z'ruckkimmpt: „Ja, Hansl, sain tei zwäa 
ni't narisch*)?" 

Sägt ta' Hans'l: „Na, t" Frau hat g'sägt: wann s' as ta"wisch'n°), kriag 
ma" nou' a peissa's Mittä'mäl mäaring." 

„Tei wiar-i" tou' ta'wisch'n!" Reint ia" feist nächi, fäugt s' ])an G'nack') 
a' unt sägt: „I" haun ti' schoun, Waiwal!" 

„A, main liawa' Mann, va'zaich' ma'. ta' Pfäara' is" nia" an-;ianziclismäl 
pa mia" gwi-in." 

1) Verlangend. — 2) Pflug. — 3) Bindet sich sein Fürtuch (Schürze) auf. — 
4) zusammenklauben = auflesen. — 5) närrisch. — 6) erhascht. — 7) Genick. 



312 Bunker: 

„A, tu Peschtje, soii kimnf i' trauf!" Hat s' glai' feist g'scliniaasst. ') 
Tä Pfi'iara' is' äwa' va' tua't weik'keimma' va teifi Täa'f. 

Zan Hansl hat ta' Paua' g'sägt: „Wal tu sou g'schait pist, sclieifik i' 
ta' maini zwaa Ouks'n unt t' Laintiacha' a' tazui." 

Hat 'n speitta' ausg'hairat wia-r-an Paua'nsun. 

Ti Paurin is' iiächa' prar gwein, ilwa' "s Heanlkramma'g'scheft hat ta' 
Paua' tou' aufg'geib'm. 

[Die Erzählung ist eine Variation des Themas von dem buhlerischen Pfaffen 
und der ehebrecherischen Bäuerin, die von dem schlauen Knecht entdeckt und 
gestraft werden. Vgl. W. Schumanns Nachtbüchlein No. 3 mit Boltes Anmerkung. 

K. W.] 

ni. Ta" tummi Hans. 
(Schwank.) 

As wäa' au äam's Paua'nwaip. Tas wäa' a Witfrau. Tei hat an 
aanzinga Suu g'häpt, tea" hat Hans g'haass'n, tea' wäa" hält ]ilitztumm^). 
Naifizeija' Jäa' wäar-a' schouü alt. Sou wäa' 's za Summa'szait, sou sägt 
sain Muida': „I' wia' ti' iu t" Stadt schicka'." Hiatz hat s' 'n a recht's 
Heifn') vull Heinich*) g'geib'm zan va'kaffa'. Hiatz hat s' g'sägt: „Muisst 
hält ni"t z'vüll reid"n läss'n." Si hat g'mäafit, ni't z'vüll händ'ln") läss'n. 

Hiatz kimmpt a hält in t' Stadt aini va' tein Täa'f °). Schrait a': 
„Kaft's mar-an Heinich ä'!" 

Säg'n t' Lait: „Was koust's teinn?" 

Sägt a': „Awa', eis häpt 's ma' schoun z'vüll g'reid't." 

Säg'n t' Lait: „Awa' fräg'n wia't nia' wull tea'f'n, was 's koust't?" 

„Awa'", sagt a', „hiatz häpt's ma' schoun gäa' z'vüll g"reid't. 

Hiatz hat a' si' z'sämnig'nomnia' unt is" fua'tg'gänga' va da' Stadt. 
Unt aussa da' Stadt, tä saiü ihil t' Weigs'n') unt Fliag'n gäa' sou stäa'k 
aung'gänga' unt häb'ni älliwal sou g'summpa't °), wia s' g'leckt hab'm. Sou 
sägt a': „Kaft 's ma' main Heinich ä'!" Ja, reid'n häb'm tei ni't kinna'. 
Hat a' 's Heinich g'noumma unt schitt't 's aus a"f t' Ea"t, wal s' nicks 
g'reid't häb"m. Sagt a': „In acht Täg'n meisst's mi' zähl'n a'." 

Is' z'Haus 'keimma' za saina' Muida'. Sägt: „'s Heinich hauüi" giiit 
va'kaft, in acht Täg'n kriach-i' 's Gelt." 

Sägt s": „Nou Hans, trai Sauschunga') hä'm-nia' neu", trai g'selchti'"), 
tei wea'st hält a' in t' Stadt tragn zan va"kaffa'. Läss" hält nit z"vüll 
reid'n", hat s' g'sägt." 

Sou kimmpt a" in t" Stadt, sou fräg'n ihn t" Lait, was tei Schunga' 
koust'n, tei trai. 

j,Eis häpt's ma" schoun z"vüll g"reidt." 



1) geschlagen. — 2) sehr dumm. — 3) grosser Topf. — 4) Honic. — 5) handeln 
= feilschen. — 6) Dorf. — 7) Wespen. — 8) gesummt, — 9) Schweiueschinkeu. — 
10) geselchte = geräucherte. 



Heanzische Schwanke, Sagen und Märchen. 313 

„Tu tiilkata"^) Meintsch", hiib'iii s' g'sägt, „frägn wiat ma' ton' meiss'n, 
Wiis t' S.tch' koust't " 

„Hiatz häpt's ma' schoufi gaa' z'vüU g'reid't'", li;U a' g'sägt. 

Geht a' wied'rum va' da' Stadt fua't. Hiatz laffau-eam seiks Hunt 
näu', Jachthuut. Hiatz schrain-as: „Haun, hau», haun!" unt keltz'n^). 

Sägt a': „Kaft 's mar-ä' maini trai Sauschimga". — I' g'siag", sägt a', 
„eis reidt 's tou' weinigstn's niks" unt wia'ft eaiia' s' hin. Tei hä'm zan 
Freiss'n g'schaut. 

„In acht Täg'n meisst's nii' zähl'n", sägt a'. Unt iwa' täs is' a' z'Haus. 

Sägt a': „Muida', ti trai Sauscliunga' häw"-i' guit va'kaft. In acht Täg'n 
kriag-i' 's Gelt. 

Gipt s' eam traissich Ell'n Lainwat^). sägt: „Hans, va'kaf hält teis a". 
Muisst hält wied'rum ni"t z'vüll reid'n lässa'". 

Wia-r-a' in t' Stadt kinmipt, sou schraut a': „Kaft "s ma' main Lain- 
wat ä'!" 

T' Lait sL'haufi tei Lainwat aun unt fräg'n, was s' koust. 

„Eis häpt's ma' schoun z'vüll g'reid't", sagt a'. 

„Ja, fräg'n wea't ma" tou' meiss'n, was s' koust't. 

„Hiatz häpt 's ma' schoun gäa' z'vüll g'reid't." 

Hearaussa' ta" Stadt kimmi)t a' a klaani Käpi'U'n aun Tua't steht ta' 
Jouhanas trinna' va' Stäan. 

Sagt a': „Kaf ma' main Lainwat ä'!" 

Reid'n kann-a' nit', sou hat a' eam t' Lainwat ainig'wäaf'n unt is' 
nachteim z'Haus ggänga'. 

„Muida'", sägt a', „f Lainwat häw'-i' recht guit va'kaft. In acht Täg'n 
kriach-i" 's Gelt." 

In a päa' Täg'n uimmpt a' si" z'sämm unt geht wied'rum in t' Stadt. 
Unt nimmpt si' an feist'n Stouck, an recht'n Pess'l*) mit zan Späzia'n. 
"Weig'n an Heinicligelt is' a' schauh g'gänga'. Wia-r-a' tua't hin kimmpt, 
häb'm t' Peind'l") unt t' Fliag'n nou' g'leckt. A piss'l was is' nou' g'wein. 

Sägt a': „r wüU hiatz main Gelt häb'm." Sägt a': Ta' kiazasti Prozess, 
i' geh' Sink zan Studtrichta' va'klä'g'n." 

Hiatz kimmpt a' zan Stadtrichta' hin. 

Sägt ta' Stadtrichta': „Was wüUst teinn tu?" 

Sägt a': „Main Heinich häw' i' in Fliagna' unt in "Weigsna' va'kaft unt 
hiatz wöH'n s' mi' iii't zähl'n." 

Heipt ta' Stadtrichta' zan lächa' aun, hat schoun g'seg'n täss a' tumm 
is" unt sägt: „I" kann ta' niks ända's säg'n, als woust a Fliag'n sitz'n siagst, 
ta' schlägst as." 

Unta'teiss'n fliagt "n Stadtrichta' a Fliag'n a'f t" Näs'n. Ea' haut äwa 
glai' — ta' Hans — a'f t("'i Fliag'n na" hin a'f t" Näs'n. 



1) einfältiger. — 2) bellen. — 3) Leinwand. — 4) Knüttel. — 5) Bienen. 



314 Bunker: Heunzischo Schwanke, Sagen und Märchen. 

Sou silgt ta' Stadtrichta': „Ui Jesas, main Näs'n!" 

Sagt ta' Hans: „r haw' af t' Fliag'n g'haut unt ni't af t' Näs'n." 

Teinkt si" ta' Htadtriehta', tea' kunnt ma' f Laif a' nou" ta'schhlg'n, 
■weinn a a Fliag'n sitz'n siaeht a'f sei. Tnt wea' li.ätt' o;uns ta'labt? — 
Ta" 8tadtrichta', haassat "s. 

Sou fragt a' 'n: „Was koust't töinn taiü Heinich?" 

Sägt ta' Hans: „Trai hunda't Guld'n." 

Ta Stadtrichta' schraipt eam glai' a Zeittal unt hat 'a za da' Kassa 
g'schickt. Wia-r a' tua't'n sain Gelt kriagt hat, is' a' häam g'gänga. 

Sou sägt a': „Muida', tä h;iw-i' täs Heinichgelt." 

„Nou", sägt s', „schau nia', täss t' qs fia' f Sauschunga' a' kriagst 
mäaring'). 

Sou kimmpt a' in ända'n Täch za tei Hunt wiedrum hin. 

Sou schrain-as: „Haun, haufi, haun!" a'f em, wal s' 'n schaufi keinnt 
häb'ni. 

Sägt a': „Ni't haun, haun! maiü Cielt wüll i" hiatz häb'm." 

Hiatz wia'ft a' glai' mit sain Prig'l train in sei, wal s' 'n ni't "zälilt 
häb'm. Sou kimmpt a Graf tahea' unt fragt 'n, was a' tä mächt. 

Sägt a': Tei Hunt hä'm-ma' maini trai Sauschunga' g'freiss'n unt weinn 
s' ma' s' hiatz ni't glai' zähl'n, ta' schläch-i' s' älli secksi." 

Fragt 'n ta' Graf, was s' koust'n saini trai' Sauschunga'. 

Sägt a': „Hunda't Guld'n!" 

Sou graift a' in "s Seickl unt zählt eam t' liunda't Guld'n, wal t' Hunt 
sain g'hea't häb'm. 

Ta' Hans is' nacha' häamg'ganga' za saina' Muida'. Sägt a": „Muida', 
hunda't Guld'n häw-i' fia' tei trai Sauschunga'." 

„Nou, schau hält", sagt s', „tässt raäaring tain Lainwatgelt a' kriagst." 

In ända'n Täch geht a' hin za teara' KäpelFn. Wia-r-a" lünkimnipt, 
hat a' g'sägt: „Tu, n^ain Gelt wüll i' häb'm." 

Ja, tea' hat niks g'reid't a'f eam, t' Lainwat wäa' äwa' a' nimma" tua t. 

Sägt a': „Unt wia'st mi' ni't zähl'n?" 

Sou nimpt a' teiii Prieg'l unt haut 'n trai äwa', sou priclit a" pa da' 
Mitt' ä', ta' Jouhanas. Unt tä wäa' an Onpfa'stouck train in ta Mitt', wou-r-a" 
ä'proucha'-r-is'. Tä is' schoufi läng g'oupfa't wäa'n. 

„A", sägt ta' Hans, „a, hiatz kannst zähl'n, tässt t' Schlei" hast!" 

Fässt täs Gelt alias ain unt is' häamg'ganga'. 

„Nou", sagt a' „Muida', tä is' 's Gelt fia' t' Lainwat." 

„Nou", sägt sain Muida', „Hans hiatz wäass i' a', täss t" niich main 
Tat was z'leib'm hast." 

Hat täs Gelt alias in t' Späa'kassa 'träg'n fia' eam unt in Jäa' t'rauf 
is' s' g'stäab'm. Ea' hat a Steick'l Haus ta'hält'n unt seikshunda't päari 

1) morgen. 



Medem: Ostpreussische Volksgebräuche. 315 

Guldn. Unt sou li;lt u;iclit("'ini ta' Hans allaan fuatg'wiatsehaft pis a' 
ii' gstiiab'm is'. 

[Die Erzählung gehurt zu der Gruppe der weit verbreiteten Geschichten von 
dem gescheiten Hans, dem albernen Heinzen, dem Jean Bete, im besonderen zu 
der Abteilung-, worin die Mutter den albernen Sohn auf den Markt schickt, um 
etwas zu verkaufen. Der Zug, dass Hans in der Bildsäule eines Heiligen, die er 
zerschlägt, einen Schatz findet, ist uralt (Babrius n. IUI. Asop n. 66). In einem 
siebenbiirgischcn Märchen (Haltrich n. 63) bezahlen die Hunde den dummen Hans 
mit dem Schatz, der durch ihr Heraufspringen an einer lockeren Mauer zu Tage 
kommt. Vgl. vor allem Cosquin, Contes populaires de Lorraine I, 177 — 183. — 

K. W.] 
(Fortsetzung folgt.) 



Ostpreussisclie Volksgel)räuche. 

Von J. von Medem.') 



Mit den kirchlichen Festen eng- verknüpft sind dem Ostpreussen seine 
Volksgebräuche. Sie -wurden in voller Ursprünglichkeit bis vor vier Jahr- 
zehnten ausgeübt, und bestehen in den Dörfern, die fernab des Schienen- 
stranges liegen, auch heute noch. 

Während der Weihnachtsabend ohne besondere Feier vorübergeht^), 
bringt der Neujahrsabend Scherze in Fülle. — Die Mägde des Dorfes 
•werden durch die Knechte in Schrecken gesetzt. Mit der einfallenden 
Nacht zieht ein Trupp Vermummter von Haus zu Haus, durch helles 
Klingeln sich einläutend. Stereotype Gestalten sind: Der Neujahrsbock, 
dessen Hörner die Heugabel bildet; der Bär — eine mit dunklem Erbsen- 
stroh dick umwundene Gestalt; der Schimmelreiter und der Storch. Die 
Peitsche ist dabei durchaus niclit nur Symbol des Schreckens. 

Unter den übrigen Sylvestergebräuchen steht neben dem Zinngiessen 
besonders das „Glückgreifen" im Ansehen. — Aus Brotteig -werden neun 
Gegenstände geformt und gebacken, die unter verdeckten Schüsseln auf 
einem Tisch einzeln verborgen werden; Symbole dessen, was das neue Jahr 
bringen kann: Brot, Ring, Mann oder Frau (je nach dem Geschlecht des 
Greifenden) — Wiege, Himmelssclilüssel, Himmelsleiter, Geld, Totoukopf. 
Jedes Familienmitglied tritt mit verbundenen Augen au den Tiscli und 
hebt drei der Teller auf. — Jünglinge und Jungfrauen schälen einen Apfel 



1) Diese Mitteilungen sind ohne Kenntnis des trefflichen Buches von Frl. Elisabeth 
Lemke: Volkstümliches in Ostpreussen, Mohrungen 1884. 1887 aufgezeichnet und dienen 
daher als Bestätigung und teilweise Ergänzung desselbon. 

2) Über ostpreuss. Weihnachtgcbräuclie E. Lemke a. a. 0. I, 28 — 33. 



316 V. Medem: 

iu möglichst dünnen langen Streifen; sie setzen sich mit dem Antlitz gen 
Mitternacht auf die flache Erde, und werfen die Schalen rücklings über 
ihr Haupt; der Buchstabe, den diese möglicherweise bilden könnten, ist 
der Xamenszug des Zukünftigen. Ebenso wird dem auf der Erde Sitzenden 
ein Pantoffel auf den linken Fuss gezogen; er hat ihn mit diesem Fuss 
über den Kopf rückwärts zu werfen; ist die Spitze der Thür zugekehrt, 
so wird der Jüngling oder die Jungfrau aus dem Hause gehn. 

Auf einer grossen Schüssel mit Wasser schwimmen zwei Nusssclialen, 
jede mit einem Lichtlein darin. Sie bedeuten „ihn" und „sie" in be- 
stimmten Persönlichkeiten. Stossen die Schalen bei sanft bewegtem Wasser 
zusammen, wird ein Paar daraus; legen sie sich am Rande vor Anker, ist 
die Hoffnung aufzugeben. In Ermangelung von Nussschalen und Licht 
thun es zwei Bällchen von gut zusammengedrehtem Werg; diese werden 
in bestimmten Abständen von zwei Personen gleichzeitig angezündet, aber- 
mals „er" und „sie"; gehen sie zusammen in die Höhe, deutet dies auf 
gemeinsamen Lebensflug. 

Ohne jede symbolische Bedeutung ist der Brauch des „Mehlschneidens". 
Ein Häuflein Mehl wird zu einem kegelförmigen Berg geformt. In seine 
Spitze wird hochkantig ein Geldstück eingefügt; einer uacli dem anderen 
hat einen Teil des Mehls herabzuschneiden; der, bei dem der Berg umfällt, 
muss das Geld mit dem Munde aus dem Mehl holen, wobei durch Druck 
auf den Hinterkopf freundlich nachgeholfen wird. 

Als Muterprobung gilt das Jagen des „Rosemocks", das ist ein aus 
heidnischen Zeiten stammendes Fabeltier, das sich um die Mitternacht der 
Jahreswende auf Rumpelkammern alter Häuser voi-fiudet und dort toben 
soll. Es gilt, ihn in Einsamkeit und Dunkelheit zu „belapfen" '). 

An die Neujahrsgebräuche schliessen sich zunächst die zu „Heiligen 
drei Königen". In den bei allen Festen unumgänglichen „Fladen" 
ist eine Bohne eingebacken. Jede der anwesenden Jungfrauen schneidet 
sich ein Stück herunter; die die Bohne trifft, ist die erste, die da „freit". 
— Von Haus zu Haus des Dorfes ziehen die „drei Könige": Jungen mit 
weissen Hemden über ihrer sonstigen Kleidung, spitzen Mützen von Gold- 
papier und einem drehbaren Stern auf hohem Stock. Sie wirken besonders 
durch Plötzlichkeit im Erscheinen und Gesang. Von dem Liede sind in 
der Erinnerung die Verse'): 

Wir wünschen dem Herrn einen reichen Tisch, 

An allen vier Ecken gebratenen Fisch — , 

Wir wünschen der Frau eine gold'ne Krön'. 

Und über's Jahr einen jungen Sohn — 

Wir wünschen dem Sohn einen weissen Schimmel, 

Dass er kann reiten bis in dvn Himmel. 



1) Vgl. E. Lemke, I, 3 den Roschbock von der Lacht jagen. 

2) Vollständige Lieder bei Frischbier, Preussische Volksreime u. Volksspiele 212 — 21(5. 



Ostpreussische Volksgebräuche. 317 

Wir wünschen der Tochter ein gold'nes Geschnür, 
Und über's Jahr einen blanken Offizier — 
Wir wünschen der Köchin den Besen zur Hand, 
Dass sie kann kehren die Diel' und die Wand. 

Fastnacht bringt als besonders wirkungsvollen Brauch den „Bügel- 
tanz" '). — Da sieht man die Burschen des Dorfes in schmucker Kleidung 
die Strasse entlang ziehen, voran die Fiedel und die Klarinette. Sie 
schwingen — immer im Tanzschritt vorgehend — einen mächtigen Reifen, 
mit Tannzweigeu umflochten, und mit bunten Bändern bewimpelt. Sie sehen 
streng darauf, dass in dem Hause, in dem sie zunächst Einkehr halten, 
alles Weibliche thunlichst versammelt sei. Jede der Bewohnerinnen muss 
ihre Reihe durchtanzen, und zwar in der Art, dass der Bügel über sie 
gestreift, und sie mit kräftigem Schwung wieder herausgehoben -wird; 
worauf sie mit jedem der Burschen einmal um die Runde tanzt. Nicht 
schützt das Greisenhaar; die Ahne muss aus dem Pfühl; nicht das Trauer- 
kleid der Witwe, da jegliche der tanzenden Frauen ihren Tribut an 
„Schnaps" zu entrichten hat, bezw. an dem, was zu dem Schnaps verhilft. 

Mehr oder minder steht der Obolus überall im Hintergrunde. Zu 
Ostern aber, in der Sitte des Schmackosterns drängt er sich geradezu 
in den Vordergrund. Mit dem Sonnenaufgang stehen am zweiten Oster- 
feiertag vor den Häusern Buben und Mädchen; wo sich eine Thür öffnet, 
dringen sie ein, Ruten in den Händen; und nun fegt es wacker um die 
Füsse von Jung und Alt. Der dazu gesprochene Vers lautet'): 

,Grün Oster, Schmackoster, 
Fief Eier, sechs Schilling, 
Un 'e Betke Speck, 
Denn goane wi stracks weg." 

Nicht am wenigsten schwunghaft gerade in Ostpreussen ist der Brauch 
des Ostereis, dagegen ist der Osterhase unbekannt. Zwiebelschalen, Mennig 
und Blauholz geben dem Ei die Tönung. Geschickte Hände bekratzen 
das Ei mit allerliebsten Zeichnungen, und manch ein Dorfschullehrer, 
hinter entlegenem Kirchlein wohnend, macht sich die Sache auf seine Art 
zu nutze. Es verhilft seinem Stall zu einem Ferkelchen oder seinem 
Kälbchen zur Weide, wenn der Guts- oder Bauerhof „zum Schreien ähnlich"^ 
auf dem Ei getroffen ist. 

Das Pfingstfest bringt, wie überall, grüne Birkenreiser ins Haus. 

Hochpoetisch, aber leider immer mehr verscliwindend, sind die Ge- 
bräuche am Johannistage. Wenn Tier und Menschen fest schlafen, 
ziehen die Jungfrauen aus, um unter tiefem Schweigen zunächst jede eine 
kleine Grube im Rasen auszustechen. Anderen Tages wird mit dem 
ersten Hahnenschrei der Inhalt der Grube untersucht; — ist sie leer, bleibt 
auch der Ringfinger leer; sitzt ein Käferlcin darin, ist der zukünftige 

1) Vgl. E. Lemke, I, 8 f. das Bügeln. — 2) Frischbicr a. a. 0. 226. 



318 Maurer: 

Gatte in Aussicht zu nehmen, je nach Gestalt uiiil Art. Die Ameise be- 
deutet den Landmann; schillernde oder rote Flügeldecken deuten auf den 
Soldaten, — schwarze Käfer lassen Totengräber oder Küster ahnen und 
werden zumeist mit säuerlichem Lächeln begrüsst. 

Nachdem die Gruben gegraben, zieht mau weiter hinaus, um ebenfalls 
unter tiefem Schweigen neunerlei Kräuter auf taufeuchten Wiesen zu 
sammeln. Diese werden zu einem Kränzchen gewunden, das aber bei 
Leibe nicht über eine Thürschwelle ins Haus geschafft werden darf. 
Demzufolge ist schon vorher eine Schnur an dem Fensterkreuz befestigt, 
an deren unteres Ende der Kranz angebunden und dann von innen herauf 
gezogen wird. Er findet seinen Platz unterm Kopfkissen, und verhilft 
dem „Mir träumte in der Johannisnaclit!" zu einer schwerwiegenden 
Bedeutuno'. 



Kleine Mitteiluiiffeu. 



Zur Namengebung. 

Vor wenigen Jahren machte ich in dieser Zeitschrift (V, S. -99— 100) auf den 
eigentümlichen Glauben im Norden aufmerksam, dass Tote mittels einer Traum- 
erscheinung die Beilegung ihres Namens an ein neugeborenes oder zu erwartendes 
Kind verlangen können (vitja nafns. gaae efter navnet), weil sie sich von dieser 
Übertragung ihres Namens irgend welchen Vorteil erwarten. Als ich jene kurze 
Mitteilung niederschrieb, war mir leider der kurz zuvor erschienene überaus lehr- 
reiche Aufsatz von Gustav Storni über den Seelenwanderungsglauben der Ger- 
manen und deren System der Namenübertragung noch nicht zugänglich (Arkiv für 
nordisk Filologi IX, S. 199—222), welcher nicht nur das Fortleben jenes Volks- 
glaubens in Norwegen bis zur neueren Zeit herab belegt, sondern ihn auch mit 
viel weiter und tiefer greifenden Erscheinungen des Volkslebens in Verbindung 
bringt. Eine neue Erörterung über die Xnmengebung, welche Adolf Noreen in 
einer schwedischen Zeitschrift (Ord och Bild) bringt, veranlasst mich auf den Gegen- 
stand zurück zu kommen. 

Mit Storni geht Noreen davon aus, dass in der idtesten Zeit bei der Namen- 
gebung das Variationsprinzip geherrscht habe, d. h. das Bestreben, innerhalb 
der Familie bereits vorhandene Namen durch Kombination mit anderen, ebenfalls 
schon vorhandenen, und allenfalls auch mit Benützung der Alliteration zu individuali- 
sieren. Zweiteilige Namen entstanden hierdurch, neben welchen nur selten nicht 
zusammengesetzte auftreten, welche dann ihrerseits entweder abgekürzte Kosenamen 
oder ursprüngliche Beinamen zu sein pflegen. Später, und w'ohl in der Vikingerzeit 
aus der Fremde eingeführt, kam im Norden, wie dies ebenfalls Storm bereits dar- 
gethan hat, der Seelen Wanderungsglaube auf, und mit ihm die Sitte, dem 
Neugeborenen den vollen und unveränderten Namen eines verstorbenen Angehörigen, 
und zumal des Vaters beizulegen, wenn dieser bereits gestorben war; mit dem 



Kleine Mitteilungen 319 

Namen sollte dieser in dem Neugeborenen weiter leben, wogegen man erst seit 
dem Übertritte zum Christentume anfing dem Kinde allenfalls auch den Namen 
eines noch lebenden Angehörigen zu geben. Auf diese spätere, von Storm nicht 
mehr behandelte Zeit übergehend, bemerkt forner Noreen, dass mit dem Christen- 
tume auch biblische und Heiligennamen hebräischer, griechischer und latei- 
nischer Abkunft nach Schweden gebracht wurden. Anfangs nur ziemlich vereinzelt 
auftretend, gewinnen diese bald weiteste Verbreitung, wobei sich neben der ur- 
sprünglichen Form des Namens auch mancherlei zum Teil durch fremdem Einfluss 
bedingte Nebenformen einstellen, wie z. B. neben Johannes auch Johan, Jon, Jan, 
Jons und Hans auftreten, oder neben Nikolaus auch Niklas, Nils oder Klas. Vom 
14. Jahrhundert ab machte sich dann der deutsche Einfluss übermächtig geltend, 
und führte eine Reihe von Vornamen rein deutscher Herkunft ein; nur der 
Kalender leistete zu Gunsten der alten Heiligennamen ihrem Eindringen noch 
einigen Widerstand, indem es vielfach üblich war, den Kindern den Namen bei- 
zulegen, welcher an ihrem Geburtstag in diesem stand. Im 18. Jahrh. brachte 
dagegen der veränderte Geschmack französische Namen ins Land, und zwar 
zunächst vorwiegend Prauennamen, denen aber zumal infolge des Hereinkommens 
einer von Prankreich her bezogenen Dynastie im 19. Jahrh. bald auch Mannsnamen 
folgten. Zu Anfang des laufenden Jahrhunderts verschaffte ferner die Vorliebe der 
gotischen Schule für die altisländische Litteratur einer Anzahl isländischer 
Namen Aufnahme und zwar wunderlicherweise selbst dann in isländischer Form, 
wenn eine entsprechende schwedische zu Gebot gestanden hätte. Das Herein- 
kommen dänischer und norwegischer Namen ist dagegen zwar sehr wahrscheinlich, 
aber der engen Sprachverwandtschaft halber schwer nachzuweisen. Etwas später 
macht sich, jedoch vorwiegend nur in Familien von Grosshändlern, auch wohl 
englischer Einfluss auf die Namengebung geltend, welcher vereinzelt allerdings 
auch schon in weit früherer Zeit nachweisbar gewesen war; kelt'ische Namen 
sind dagegen wesentlich auf lilterarischem Wege eingedrungen, zumal durch die 
Lieder Psoudo-Ossians und den Einfluss der Phosphoristen, welchen letzteren auch 
das Eindringen mancher italienischer und spanischer Namen am Anfang dieses 
Jahrhunderts zu verdanken ist. Auf den litterarischen Einfluss von Schriftsteilern wie 
Turgenjeff, Tolstoi u. s. w. ist es auch zurückzuführen, wenn neuerdings selbst einzelne 
russische Namen in Übung kamen, wie z. B. der Name Olga, welcher übrigens 
nur eine Verunstaltung des altnordischen Namens Helga ist; doch kommen einzelne 
slavische Namen wie Iwan, Bogislaus, Svante, Valdimar, dann Dagmar, vereinzelt 
schon weit früher vor, infolge zufälliger geschichtlicher Beziehungen. Der Ge- 
brauch finnischer und arabischer Namen kam erst sehr spät auf und blieb 
immer ganz vereinzelt. Dasselbe gilt auch von willkürlich gebildeten Namen, 
von denen der Verfasser eine ganze sehr ergötzliche Liste aufführt (Svea, Vega, 
Bresilia, Odessa, Moster, Dusina, Jasmina, Juvelia u. s. w.); die Vornamen einer 
jüngst verstorbenen Dame aus Göteborg, Conrikdina Heldutschia Valorejusia, welche 
der Verf. als unerklärbar erwähnt, möchte ich auf Familiennamen Conrik, lleldutsch, 
Valorejus zurückführen, wie denn auch anderwärts die Verwendung von Familien- 
namen als Taufnamen sich nachweisen lässt. Von besonderem Interesse sind 
noch die Bemerkungen Xoreens über die Bildung von Kosenamen teils durch 
Zerlegung oder sonstige Verkürzung des ursprünglichen Namens, teils durch Ver- 
kürzung mit gleichzeitiger Verdoppelung des Schlusskonsonanten und Anhängung 
eines schliessenden Vokals, sowie die Angaben über das ziffermässige Vor- 
kommen der gebräuchlichsten Vornamen. Aber auch sonst ist der Aufsatz reich 
an interessanten Bemerkungen, von denen ich nur die Beobachtung erwähnen will. 



320 Bolte: 

dass bei der Entlehnung ausländischer Namen stets die Prauennamen der Zeit nach 
vorangehn und der Zahl nach überwiegen. 

München. K. Maurer. 



Zum Schwanke von den drei lispelnden Schwestern. 

Von Jollannes Bolte. 

In dieser Zeitschrift 1893, S. 58 habe ich mehrere Fassungen des zuerst in einem 
Meisterliede des 16. Jahrhunderts auftauchenden Schwankes von den drei lispelnden 
Schwestern besprochen, die unwillkürlich das von der Mutter anbefohlene Schweifen 
brechen und die Freier verscheuchen; ihnen habe ich seither in der Zeitschrift für 
vergleichende Litteraturgeschichte 7, 45]*** eine schweizerische, eine schwedische 
und eine sardinische Aufzeichnung") angereiht, die keine wesentlichen Abweichungen 
enthalten. Dagegen füllt eine kürzlich =) veröffentlichte indische Volkserzählung 
von vier einfältigen Betern dadurch in die Augen, dass zwar die eigentliche 
Handlung mit den europäischen Schwänken übereinstimmt, dass aber die Personen 
und die Situation völlig verschieden sind. 

Vier Einfältige verrichten ihr Gebet in der Moschee. Einer von ihnen wird 
dabei gewahr, dass sich im Wasserbecken ein Fisch befindet, und ruft: „Wie 
hübsch der Fisch aussieht!" Darauf tadelt ihn der andere: „Durch dein Sprechen 
hast du den Lohn deines Gebetes verloren." Der dritte bemerkt: „Deiner ist auch 
dahin." Und der vierte freut sich: „Gott sei Dank, meiner nicht." Da merken 
sie, dass sie allesamt ihre Andacht unterbrochen haben, und laufen davon. 

So sehr die Einkleidung des indischen Schwankes von der europäischen Er- 
zählung abweicht, glaube ich doch, dass die Gleichheit der Pointe nicht dem 
Zufalle zuzuschreiben ist, sondern auf innere V'erwandtschaft hinweist. Und zwar 
scheint es, als ob die indische Geschichte die jüngere, aus einer Akkomodation an 
orientalische Verhältnisse entstandene Fassung darstellt. Denn wenn wir uns unter 
den zahlreichen indischen Märchen umsehen, die derselbe Band enthält, so gewahren 
wir neben manchen altorientalischen Stoffen, wie dem Gestaltentausche des Königs 
Vikramaditya und seines ungetreuen Veziers') und allgemein verbreiteten Erzählungen, 
deren Ursprung nicht ohne weiteres festzustellen ist^), auch auffällige Abwandlungen 
alter Motive aus jüngster Zeit. 

Eine einfache Umkehrung der Geschichte von der Jungfrau mit den goldenen 
Haaren liefert das Schicksal des von einer zauberischen Kuh ernährten Ahir^); 



1) Sutermeister, Hausmärchen aus der Schweiz, 1873, No. 22. Nordlander, Smäplock, 
1889, S. 3 (Bidiag tili kännedom om de svenska landsmälen 7, 8). Mango, Novelliue 
popolari sarde 1890, No. 18. — Ferner Blätter für pommersche Volkskunde 1, 181 (1893). 

2) North Indian Notes and Queries ed. by W. Crooke 5, 106 No. 270: ,A tale of 
four fools" (Allahabad 1895—96). 

3) North Indian Notes 5, 30 no. 34 u. 139, no. 375; vgl. J. Wetzel, Die Reise der 
Söhne Giaffers herausg. von Fischer und Bolte 1896, S. 208. — Auch ..The prince aud 
his auimal friends" (p. 49, no. 75), „The magic boat" (p. 46, no. 69), ..The prince and 
the snake" (p. 172, no. 475) gehören hierher. 

4) North Indian Notes 5, 82 no. 198 „The jealous stepbrothers" (Va,\. Schumann, 
Nachtbüohlein ed. Bolte No. 5—6). Ebda. 5, 159 no. 427 „The wit of Muhannnad Fazil" 
(Grimm, KHM. 98 „Doktor Allwissend-)- Ebda. 5, 209 no. 618 ,Shaikh Chilli and the 
fakir'' (Frey, üartengesellscliaft ed. Bolte, No. 61) u. a. 

5) Ebda. 5, 195 no. 543 „The -■V.hir and the cow of plenty". — Vgl. Golther in den 
Studien zur Littgesch. 1893, S. 167. Gaster, Folk-Lore 7, 232. Germania 11, 3S9. 12, 81. 



Kleine Mitteilungen. 321 

eins seiner goldenen Haare bricht ab und schwimmt auf einem Blatte stromabwärts, 
bis eine badende Königstochter es erldickt und den Mann, dem es angehört, zum 
Gatten begehrt. Wie eine Verstümmelung des Grimmschen Miirchens vom Hans 
im Glück klingt die Geschichte des Ahir, der eine Frau gegen einen Ochsen und 
diesen gegen ein paar Rettige umtauscht.') Statt der verbreiteten Fabel vom Vater 
und Sohn, die abwechselnd auf dem Esel reiten, je nach dem Urteil der be- 
gegnenden Leute, lehrt hier Mahadeva, der auf einem Ochsen reitet, seine Frau 
Parvati, dass man es nicht jedermann recht machen könne.-). Die schon von 
Hans Sachs und Martin Montanus berichtete Historie vom Schwaben, der das 
Leberlein gegessen, taucht in wunderlicher Verkappung auf); statt des Schwaben 
oder Landsknechts, der mit dem lieben Gott oder mit Sankt Petrus umherwandert, 
begegnet uns ein biederer Sepoy, der sich zu einer abenteuernden Prinzessin 
i;esel]t und heimlich die Leber des von ihr erlegten Rehs verzehrt. Er leugnet 
hartnäckig seine That; die Prinzessin straft ihn, indem sie ihn ins Schatzhaus des 
Königs führt und als Dieb festnehmen lässt; da er aber sie nicht als seinen Ge- 
nossen verrät, befreit sie ihn und nimmt ihn zum Manne. In der Hochzeitsnacht 
fragt sie ihn wiederum, wo die Leber des Rehs geblieben sei; als er ihr aber 
ernstlich drohend entgegnet, was er einmal gesagt habe, dabei bleibe er, erklärt 
sie sich durch seine Hartnäckigkeit befriedigt. 

Es wiederholt sich hier eben die schon öfter, z. B. bei den Eingeborenen von 
Madagaskar und Angola') beobachtete Thatsache, dass europäische Erzählungsstoffe 
durch mündliche Tradition in fremde Weltteile fortgepflanzt und dort den An- 
schauungen der Eingeborenen angepasst. lokalisiert und nationalisiert werden. 



Geschichten aus dem Marchfelde. 

Mitgeteilt von Dr. Hans JSchnkowitz. 
1. Ein Bauern-Cicero. 
Der „güickte Michl" zStopfenreuth war just nicht so dumm, wie er aus- 
g'schaut hat. Sie hätten ihn sonst gewiss auch nicht unter die Gemeinderäth' 
g' wählt. Mit einem jeden „goldbrilligen" Stadtherrn nahm' er's auf, hat er g'sagt, 
wann's just sein müasst'! Und da fügt sich's grad einmal, dass z'Stadtl-Enzers- 
dorf eine grosse Wählerrersammlung abg'halten wird. Dem Michl brennt die 
Zunge .vor Disputiersucht. Eins, zwei, sitzt er auf seinem „Neutitscheiner"' und 
radelt mit dem „Braun* der Stadt zu. Und da soll er g'red't hab'n. — Was, hat 
allerdings niemand z' Stopfenreuth erfahr'n können. Nur dem Schmied hat's der 
Michl einmal so im Vertrauen 'beicht. „Woasst, Moastar", hat er g'sagt, „i bi 
aufigstign und hob's not glei aussibrocht, was i hätt sogn mögn. Sogt da Haupt- 
mon: Thuits ma den Mon awa! Aaah, sogi, solchi theits owi, dös Enk urndli sogn 
kinnan! Und i bi awigstign, owa Moastar, brauchst nix weidarsogn. 's bleibt 
unter Uns! Hast g'hört?" 



1) Ebd. 5, 194, DO. 541 ,The Ahir 's folly" (Grimm, EHM., 83). 
'-') Ebd. 5, 121, no. 336 „How to please everybody" (Österley zu Pauli, Schimpf und 
Em.st no. 577 „Asinus vulgi"). 

3) Elxl. 5, 119, no. 331 ,The princess and the sepoy" (Grimm, KHM., 81 , Bruder 
Lustig". Hans Sach.s, Dichtungen ed. Goedeke 1, no. 144). 

4) Ferrand, Contes populaires nialgaclies, Paris 1893. Chatelain, Folktales of Angola, 
Boston 1894. 

Zeitsflir. d. Vereins f. Volkskunde. lbS7. 21 



322 Schukowitz: 

2. Viel Köpf, viel Sinn. 

Woher dieser Spruch stammt? Nun, da hat einmal ein Bauer in einem Korbe 
über ein Dutzend Krautköpfe bergan getragen. Plötzlich fiel ihm aus Unvorsichtig- 
keit der Korb vom Kopfe und die „Häupln" kollerten lustig nach allen Richtungen 
in die Tiefe, so dass der Bauer phlegmatisch meinte: „Schau, jatzt woass i's, 
woher der weise Schulspi'uch stammt: Viel Köpf, viel Sinn!" 

3. Praxis geht über Theorie. 

War da zu Bremstetten ein ehrsamer Orgeltreter, der seinen Dienst seit 
dreissig Jahren zur Zufriedenheit seines Prinzipals versah. Wie nun der alte 
Schulmeister gestorben war und ein neuer auf seinen Posten kam, sollten nun auch 
die , gepaukten Ämter" länger dauern, als es vorher der Fall gewesen war. Als 
es nun zum Credo kam, verstummte plötzlich die Orgel. Der Schulmeister klapperte 
vergeblich auf den Tasten herum. Die Sänger und Musikanten schwiegen eins 
nach dem andern zum Erstaunen der Gläubigen. Wo lag die Schuld? Wut- 
schnaubend stürzte jetzt der Regens chori auf den alten Orgeltreter los und fuhr 
ihn an, weshalb er denn zu treten aufgehört habe. „Won i schon dreiss'g Johr 
mein Dienst varricht, wer i do wissen, Herr Lehrer, wieviel 's Credo Wind braucht", 
entgegnete dieser mit stoischer Ruhe. 

4. Ein Irrlehrer. 
Ein Dorfpfarrer, der zugleich ein grosser Raucher im Herrn war, hatte beim 
Lernen der Predigt unbemerkt eine Kohle auf das aufgeschlagene Evangelienbuch 
fallen lassen und diese hatte an der Stelle: „Jesus fuhr über das Meer" gerade 
das Wort Meer durchgebrannt. Als er nun Sonntags vor der Predigt das Evangelium 
ablesen sollte, las er also: Jesus fuhr über das — Jesus fuhr, fuhr — nun nahm 
er das Buch näher unter die Augen und las frisch weg: Jesus fuhr über das — 
Loch! Seither haben ihn seine Pfarrkinder einen Irrlehrer geheissen. 

.5. Der Knauser-Sepp und seine Ziege. 

's giebt schon hie und da Leute, die ihrem Vieh nicht die Handvoll Futter 
gönnen, die es sich sauer verdient! Zu ihnen gehörte auch der Knausersepp. Der 
wollte seiner Ziege gar 's Pressen abgewöhnen, weil er meinte: 's is alls nur 
Gwohnheit. Das arme Tier bekam zuletzt täglich nur mehr fünf Fisolen. Eines 
Tages ging der Sepp in den Stall nachschauen, was Stossböcklein treibe. Es 
hockte neben seiner Krippe am Boden, was den superklugen Geizkragen zu dem 
triumphierenden Ausrufe veranlasste: „Richti hob i 's zsommbrocht! 's is do nur 
alls a Gwohnheit, a dö Presserei!" Am andern Tag lag die Ziege krepiert auf 
der Streu. 

6. Vetter Leibelfink. 
Rumplhöfer hat er mit seinem eigentlichen Namen geheissen. Den Spitznamen 
hab'u s' ihm aufgebracht, wie er einmal vom Gerichte heimgekommen ist, wo er 
sich beschwert hat, dass ihm irgend ein Schurke seinen vollen Beutel aus der 
Westentasche gestohlen hat. „Nun", fragte der Richter etwas schalkhaft, „hat's 
denn der Vetter nicht g'spürt, wie der Dieb hinein'griffen hat?" „0 wohl", lautete 
die Antwort, „owa i hob gmoant, 's is mein eigene Hond!" 

7. Die schlimmen Buben. 
Ausser Dimburg steht knapp an der March ein „einschichtigs Häuserl". 
's gehört dem Gruiber Stephan und der hat's einmal an einen Stadtherrn rer- 



Kleine Mitteilungen. 323 

kaufen wollen. Wie sich aber der das Ganze so recht genau anschaut, bemerkt 
er, dass der Bau sehr viel dem Wasser ausgesetzt sein müsse, weil ja die Wasser- 
höhe knapp unter dem Dachgesimse angezeichnet stand. „Lieber Herr'^, entgegnet 
der Verkäufer naiv, „lossen Sie dos gut sein! Wosser ise nit so schlim! Hob ich 
Strich so hoch hinaufgsetzt, dasse niir'n schlime Bubn nit auslöschn gönnen!" 

8. Der Zigeunerhimmel. 

In den Waldern des unteren Marchthales pflegen häufig Zigeunerfamilien ihre 
Zelte aufzuschlagen. Die Männer schmieden Nägel, die Frauen gehen auf Bettel 
aus. Sie fahnden mit Vorliebe nach Schweinekadaver, die sie, obgleich halbver- 
west, am Spiesse braten. Einmal soll nun unser lieber Herrgott hungrig und müde 
an einer solchen Zigeunermahlzeit teilgenommen haben. Es schien ihm aber nicht 
zu munden. Da fragte ein schwarzer Geselle den Herrn: „Riecht der Braten bei 
Euch daheim anders?" „0 freilich!" entgegnete der liebe Herrgott, „bei uns 
duftet er!" „Xa, da wöll'n wir auch nie in den Himmel kommen, wenn 's dort nicht 
so rieht, wie unsere Braten riehen!" lautet kurzum des Zigeuners Antwort. 

!•. Die Galgendiebe. 

Im Marchfelde berühren sich drei Nationen örtlich: Deutsche, Slowaken und 
Magyaren, und bei Stillfried erhebt sich ein Hügel, auf dem sie sich vor Alters 
den Eid der Treue gelobt haben sollen. Zur Erinnerung an die Strafe eines Eid- 
bruches errichteten sie darauf einen hohen Galgen. Einmal sollten nun drei auf 
einmal, und zwar je einer aus jeder Nation, ob eines Zankes gehängt werden; da 
berieten sich die Ihrigen, wie sie den Unglücklichen beispringen könnten. Die 
Deutschen sprachen: „Wir wollen für den Unsern bitten gehen zu Gericht!" Der 
Magyar aber sagte: „Schlagen wir die Richter der Reih nach tot!" Nur der 
.schlaue Slowake meinte! „Wir thun weder dies noch jenes, sondern stehlen ihnen 
in der Nacht den Galgen und werfen ihn in die March!" Und das letztere soll 
wirklich geschehen sein. 

10. Der Lieblingsstern. 

Dass die Storno allen Menschen gleich uneigennützig leuchten, wollton einmal 
zwei hitzige Marchfelder nicht gelten lassen. „Der Stern über unserm Orte scheint 
um ein gutes schöner", sagte der Angerer, „als der, welcher über Euerem Dorfe 
steht!" „Was dir nicht einfällt", erwiderte der Zwerndorfer; „Euerer leuchtet 
wie Talglicht, unserer wie die Sonne selber!" „Das sollst du mir nimmer sagen", 
fiel der erstere ein, „Euern zündet der Teufel an, unsern die Engel!" „Hahaha", 
lachte der andere herausfordernd, „und bei der Engelslaterne trefft Ihr 's Stehl'n 
so gut!" Mittlerweile waren beide handgemein geworden und hatten sich gegen- 
seitig blutig geschlagen. 

11. Ober- und Unterortler. 

In etlichen Marchfelddörfern bilden die Schulkinder des „Ober"- und jene des 
, Unterortes" zwei regelrechte Parteien, die sich gegenseitig Spottreime nachrufen: 
„Oberörtler — Schinderbuibnl 
Fresst nur Kraut und saure Ruibn." 

„Unterortler — Wassermäus', 
Kulu-uzfresser — Heahnaläus'I" 

Hörte da einmal ein alter fremd